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Catracho Global

Revista Digital hondureña enfocada en temas nacionales e internacionales

Articulos Destacados

Eine «normale» deutsche Geschichte von Erfolg & Scheitern

agosto 17, 2026 Por: Catracho Global Deja un comentario

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Wer zwang Hitler, Stalin anzugreifen …

mayo 2, 2025 por Catracho Global Deja un comentario

… und leitete auf diese Art den Untergang Deutschlands ein?

Dieses Buch behandelt die Frage: Wer hat Hitler zu dem selbstmörderischen Überfall auf Stalin getrieben? Es handelt sich um die wahren Ursachen, Hintergründe und Inspiratoren der größten Katastrophe in der Geschichte Russlands, die am 22. Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion begann. Es entlarvt jene, die Hitler und seine Partei das Geld gaben und ihm halfen, an die Macht zu kommen. Ziel der Machtübernahme Hitlers war der Überfall auf die UdSSR, d.h. die „Korrektur“ der Fehler westlicher Geheimdienste, welche 1919 zur Machtübernahme der Bolschewiki in Russland führte. Anstatt mit dem geraubten Gut zu verschwinden, blieben Lenin und sein Kommando an der Macht und schufen eine starke Staatsmacht, die nicht bereit war, sich den westlichen Staaten unterzuordnen. Auf der Grundlage eines umfangreichen Fakten- und Tatsachenmaterials wird in diesem Buch der logische Zusammenhang der historischen Ereignisse vom September 1919 bis zum 22. Juni 1941 dargelegt. Im Ergebnis erkennt der Leser, wer der wahre Brandstifter des Zweiten Weltkrieges ist, d.h. wer gemeinsam mit den Nazis in Europa die Verantwortung für die ungeheuerlichen Verbrechen trägt. Dem Leser wird hier die erste Ausgabe dieses Buches angeboten, die von 2016 bis 2023 veröffentlicht wurde. Seit 2024 wurden die zweite, textlich und übersetzerisch vollständig neu überarbeitete Ausgabe des Buches von Nikolai Starikov „Wer zwang Hitler, Stalin zu überfallen?“ (ISBN 978-609-8047-81-3) und die dritte Ausgabe (ISBN 978-609-8303-11-7) mit einer neuen Typografie und mit gleichem Textinhalt jedoch mit der Covergestaltung der ersten Ausgabe bereits veröffentlicht.

Zusammenfassung für die englischsprachige Ausgabe:


In diesem Buch erfahren Sie, wer Hitler zu seinem selbstmörderischen Entschluss, Stalin anzugreifen, trieb. Sie erfahren, wer die wahren Paten der schlimmsten Katastrophe in der Geschichte Russlands waren, die sich am 22. Juni 1941 ereignete. Sie erfahren, wer Hitler und seiner Partei Geld gab und damit den Nazis zur Macht verhalf. In diesem Buch werden die wahren Gründe für das Nazi-Regime enthüllt: eine Aggression gegen die UdSSR, um einen früheren Fehler westlicher Geheimdienste zu korrigieren, der zum Bolschewismus in Russland geführt hatte. Anstatt mit ihrer Beute still und leise zu verschwinden, blieben Lenin und seine Leute im Land und bauten es zu einer globalen Supermacht zusammen, anstatt es dem Westen zu überlassen. Zahlreiche in diesem Buch angeführte Beweise helfen dabei, die gesamte Logik der Ereignisse von September 1919 bis Juni 1941 nachzuvollziehen. Der Leser wird aufgeklärt, wer die wahren Prediger und Drahtzieher des Zweiten Weltkriegs waren und wer zusammen mit den Nazis für ihre verborgenen Verbrechen verantwortlich ist.
Das große Geheimnis: Wer hat Hitler gezwungen, Stalin zu überfallen?

Ein Beitrag von Jürgen Elsässer, veröffentlicht am 8. März 2022:

Wer hat Hitler zu dem selbstmörderischen Überfall auf Stalin getrieben? Nikolai Starikov, der heimliche Star unter den russischen Historikern, hat mit „Wer hat Hitler gezwungen, Stalin zu überfallen?“ ein brisantes Sachbuch über die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs geschrieben, das alles auf den Kopf stellt. Muss man gelesen haben!

Was sind die wahren Ursachen und Hintergründe der größten Katastrophe in der Geschichte Russlands, die am 22. Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion begann? Es entlarvt jene, die Hitler und seiner Partei das Geld gaben und ihm halfen, an die Macht zu kommen.

Das Kalkül der Briten

Starikov geht davon aus, dass die Angelsachsen Hitlers Aufstieg von Anfang an gefördert haben, weil ihnen sein exzessiver Antibolschewismus ins geostrategische Konzept passte: Deutschland sollte unter NS-Führung der Festlandsdegen gegen die Sowjetunion sein. Aufgabe der Appeasement-Politik sei es gewesen, Hitlers Anglophilie auszunutzen und seine Aggression nach Osten zu lenken. Das war selbstverständlich keine leichte Aufgabe, nachdem das Deutsche Reich einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion geschlossen hatte… Vor allem hatte der Nazi-Führer bei aller sonstigen Verblendung bereits in Mein Kampf erkannt, dass die wesentliche Ursache für die deutsche Niederlage 1914–18 der Zweifrontenkrieg gewesen war, den es bei einem zweiten Anlauf mit allen Mitteln zu verhindern galt. Folglich zielten die Avancen Hitlers gegenüber den Briten immer darauf ab, nur gemeinsam gegen den Osten zu ziehen. Das Kalkül in London war genau umgekehrt – den Zweifrontenkrieg herbeizuführen. Dazu musste Hitler im Glauben gelassen werden, er könne Frieden an der Westfront bekommen, wenn er nur endlich gegen Russland losschlägt. Starikov zeichnet das Abtasten zwischen Berlin und London während des Frankreich-Feldzuges nach: Winston Churchill sei Hitler entgegenkommen, indem er Pläne sabotierte, die zur Kanalküste vorstürmenden deutschen Panzerverbände durch eine britisch-französische Zangenbewegung abzuschneiden und einzukesseln. Im Gegenzug habe Hitler den Blitzkrieg vor Dünkirchen zum Entsetzen sei- ner Generäle gestoppt und dadurch die Evakuierung des englischen Expeditionskorps ermöglicht…

Starikov ist auch in Russland eher ein Geheimtipp und keineswegs ein Kreml-Historiker. Als Stalinist passt er schlecht zum Realpolitiker Putin, und tatsächlich führt ihn seine Schwäche für den «großen Generalissimus» bisweilen auf halsbrecherische Abwege. Trotzdem sind viele seiner Quellen interessant und verdienen weitere Prüfung. Putin hat den Weg dafür freigemacht: «Wir wissen auch nicht, ob es irgendwelche ”geheimen Protokolle” und Anhänge zu den Vereinbarungen einiger Länder mit den Nazis gab. Es bleibt nur, dem Wort zu glauben. Unter anderem sind Materialien über geheime britisch-deutsche Gespräche bis heute nicht freigegeben worden. Daher rufen wir alle Staaten dazu auf, den Prozess der Öffnung ihrer Archive, die Veröffentlichung bisher unbekannter Dokumente aus der Vorkriegs- und Kriegszeit zu intensivieren – so, wie es Russland in den vergangenen Jahren getan hat. Wir sind hier zu einer breiten Zusammenarbeit, zu gemeinsamen Forschungsprojekten von Historikern bereit.»

Rudolf Heß und seine Geheimnis

Von besonderem Interesse dürften die Unterlagen zum Flug des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß nach England sein – im Mai 1941 der letzte Versuch, mit den Briten ins Geschäft zu kommen. Heß starb unter mysteriösen Bedingungen 1987 im Kriegsverbrechergefängnis von Spandau – kurz bevor er, nachdem Moskau sein Veto gegen eine Haftentlassung zurückgenommen hatte, hätte freigelassen werden können. Welche Erinnerungen über «geheime britisch-deutsche Gespräche» (Putin) nahm er mit ins Grab? Und gibt es darüber Dokumente in britischen Archiven?

Andererseits ist auch Putin noch einiges schuldig. Starikov fragt: «Und was brachte Stalin die deutsche Junker.52, die fünf Tage, nachdem Heß nach Großbritannien flog, in den sowjetischen Luftraum eindrang und am 15. Mai 1941 in Moskau (unweit vom Dynamo-Stadion) landete?» Spannende Diskussionen stehen bevor – wenn Moskau wirklich Ernst macht.

Im Folgenden wird der gesamte Text für Diejenigen unter uns wiedergegeben, die es genauer wissen wollen. Sieger-Geschichte wird durch das Starikov-Buch mit zahlreichen Dokumenten und völlig logischen/plausiblen Schlussfolgerungen a u f g e w e i c h t … ein seltenes «demokratisches Ereignis»:

Dieses Buch behandelt die Frage: Wer hat Hitler zu dem selbstmörderischen
Überfall auf Stalin getrieben? Es handelt von den wahren Ursachen, Hintergründe
und Inspiratoren der größten Katastrophe in der Geschichte Russlands, die am 22.
Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion begann. Es entlarvt jene, die Hitler
und seiner Partei das Geld gaben und ihm halfen, an die Macht zu kommen. Ziel der
Machtübernahme Hitlers war der Überfall auf die UdSSR, d.h. die „Korrektur“ der
Fehler westlicher Geheimdienste, welche 1919 zur Machtübernahme der
Bolschewiki in Russland führte. Anstatt mit dem geraubten Gut zu verschwinden,
blieben Lenin und sein Kommando an der Macht und schufen eine starke
Staatsmacht, die nicht bereit war, sich den westlichen Staaten unterzuordnen. Auf
der Grundlage eines umfangreichen Fakten- und Tatsachenmaterials wird in diesem
Buch der logische Zusammenhang der historischen Ereignisse vom September 1919
bis zum 22. Juni 1941 dargelegt. Im Ergebnis erkennt der Leser, wer der wahre
Brandstifter des Zweiten Weltkrieges ist, d.h. wer gemeinsam mit den Nazis in
Europa die Verantwortung für die ungeheuerlichen Verbrechen trägt.


Erscheinungsjahr 2008


Inhaltsverzeichnis………………………………………………………………………………………… 3
Vom Autor………………………………………………………………………………………………….. 4
Warum ist die Geschichte des Zweiten Weltkrieges nach wie vor voller Rätsel? … 5
Wer gab Hitler das Geld?……………………………………………………………………………. 21
Lew Trotzki – der Vater der deutschen Nazi-Ideologie…………………………………… 61
Warum wollten Großbritannien und Frankreich den Zweiten Weltkrieg nicht
verhindern?……………………………………………………………………………………………… 113
Weshalb schenkten London und Paris Hitler Wien und Prag? ……………………….. 140
Wie sich Adolf Hitler an einem Tag in einen „arroganten Aggressor“ verwandelte
………………………………………………………………………………………………………………. 181
Warum liebt der Westen weder Molotov noch Ribbentrop? ………………………….. 225
Ergebenes Polen ………………………………………………………………………………………. 287
Wie die Briten Frankreich seinem Schicksal überließen ……………………………….. 309
Schicksalsliebe von Adolf Hitler ……………………………………………………………….. 359
Literatur und Anmerkungen………………………………………………………………………. 388

Wer hat Hitler gezwungen Stalin zu überfallen?
Ein Vorwort vom Autor Nicolay Starikov


Allen für Russland Gefallenen gewidmet!
Dieses Buch handelt weder vom Großen Vaterländischen Krieg noch vom
Zweiten Weltkrieg.
Sie finden in diesem Buch keine neuen Daten über die Anzahl der Panzer,
Kanonen und Flugzeuge der sich feindlich gegenüberstehenden Armeen.
Wir untersuchen auch keine Details der Gefechte der Land-, See- und
Luftstreitkräfte.
Dieses Buch ist keine Biografie von Adolf Hitler oder eine akribische
Forschungsarbeit über die Geschichte der NSDAP.
Wir vertiefen uns nicht in das Dickicht der Nazi-Ideologie und zählen nicht die
unzähligen Opfer der faschistischen Henker.
Dieses Buch handelt über jene, welche

  • diesen schrecklichen Krieg erst möglich gemacht haben;
  • Hitler und seine Partei finanziert haben;
  • Hitler geholfen haben, die Macht zu ergreifen;
  • Hitler die erforderlichen Waffen, neue Territorien und ihm den festen
    Glauben an seine Allmacht gegeben haben.
    Wer trägt gemeinsam mit den Führern des faschistischen Deutschlands die
    Verantwortung für ihre beispiellosen Verbrechen? Wer verdient es, gemeinsam mit
    den Nazis auf einer Anklagebank zu sitzen?
    Dieses Buch erzählt Ihnen die Geschichte über die wahren Ursachen,
    Hintergründen und Inspiratoren des schrecklichsten und grausamsten Krieges in der
    Geschichte der Menschheit.
    Vom Übersetzer
    Diese Übersetzung erfolgte freiwillig, unentgeltlich und ohne kommerzielle Absichten und Ziele.
    Sie dient allein der Wahrheitsfindung für unsere Kinder und Kindeskinder.
    Vom Verlag „Baltosios Gulbes“ habe ich offiziell die Erlaubnis erhalten, dass das von mir in die
    deutsche Sprache übersetzte Buch auf meiner Internetseite http://www.dr-schacht.com
    veröffentlicht werden kann. Um das Interesse der deutschen Leser an diesem einmaligen Lehrbuch
    unserer Geschichte zu wecken, habe ich mir erlaubt, in den Text mehr als 300 Bilder und
    Graphiken einzubauen. In den vom Verlag gedruckten Exemplaren des Buches sind diese Bilder
    selbstverständlich nicht enthalten.
    Dr. Wolfgang Schacht ( dr_schacht@t-online.de )
    5
    Warum ist die Geschichte des Zweiten Weltkrieges nach wie vor
    voller Rätsel?
    „Dieser Krieg wird zum Ende aller Kriege. Der nächste auch.“
    David Lloyd George (* 17. 01.1863, † 26.03.1945)
    „Ich musste mich mit der Geschichte von Kriegen viel
    beschäftigen, und zu allen Zeiten stellte ich fest: Die Zeitgenossen
    verlegten den Krieg in eine unbestimmte Zukunft, während dieser sich
    bereits an der Schwelle ihrer Länder befand.“
    Carl von Clausewitz (* 1. Juni 1780, † 16. 11. 1831)
    In den Jahren, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen sind,
    wurde eine wahrlich unzählige Menge von Büchern über diesen Krieg geschrieben
    (nach vorsichtigen Schätzungen gibt es inzwischen mehr als eine Millionen Bücher
    über diesen Krieg – Anm. des Übers.).
    Man könnte glauben, es gäbe keinen einzigen weißen Fleck in diesem
    blutigsten Krieg der Menschheitsgeschichte. In Wirklichkeit ist es jedoch genau
    umgekehrt. Die Historiker haben die Anzahl der eingesetzten Panzer, Kanonen,
    Flugzeuge und Soldaten, der sich feindlich gegenüberstehenden Armeen genau
    berechnet, konnten aber auf die einfachsten Fragen keine Antwort gegeben. Solche
    unbequeme Fragen entstehen sofort beim Lesen beliebiger Bücher, welche der
    Geschichte dieser Zeit gewidmet sind. Schon beim Nachdenken über die einfachsten
    elementaren Erklärungen, über die Ursache des Krieges, welche uns die Herren
    6
    Wissenschaftler und Publizisten vorschlagen, fällt uns ihre Haltlosigkeit sofort ins
    Auge.
    In einer solchen erbärmlichen Untersuchung erfahren wir, dass Adolf Hitler
    davon geträumt hat, die ganze Welt zu erobern.
    In einer anderen lesen wir zu unserem großen Erstaunen, dass Deutschland zu
    einem Krieg, der im September 1939 ausbrach, noch gar nicht bereit war. Die Nazis,
    so sagen sie, wollten nur Polen überfallen und hofften, dass Großbritannien und
    Frankreich ihre Bündnispflicht mit Polen nicht wahrnehmen. Deshalb war die
    Hitlerarmee zu einem derartig großen Krieg nicht vorbereitet. Drei Wochen nach
    diesem ersten Krieg des 3. Reiches, so schreiben es die Historiker, gab es kaum noch
    Vorräte an Fliegerbomben. Nach der vernichtenden Niederlage von Frankreich im
    Verlaufe von sechs Wochen besaß die deutsche Armee fast überhaupt keine
    Munition mehr [1].
    Entschuldigung, wird so die Eroberung der ganzen Welt vorbereitet? Um den
    ganzen Planet zu erobern, ist die Anhäufung einer Munitionsmenge für einen
    zweieinhalb Monate andauernden Kampf sicher nicht ausreichend. Auf unserem
    blauen Planeten gibt es noch viel Platz. Und wie bekannt, duldet dieser Raum keine
    Leere. Um auf diesem Territorium seine Herrschaft zu errichten, muss zunächst die
    7
    fremde Macht liquidiert werden. Welche Länder waren zu dieser Zeit die
    Supermächte in der Welt? Natürlich nicht Polen, mit dem Hitler sofort zu einem
    Krieg bereit war. Die Hauptakteure auf der politischen Landkarte waren damals
    Großbritannien, Frankreich und die USA. Um mit diesen Ländern einen Krieg zu
    führen, war das faschistische Deutschland nicht stark genug …
    Um in Großbritannien zu landen, um in Übersee die Vereinigten Staaten von
    Amerika anzugreifen, ist eine große Seekriegsflotte notwendig. Hitler war dabei sie
    zu schaffen.
    Das große Schiffsbauprogramm sollte bis zur Mitte des Jahres 1944 realisiert
    werden [2]. Außerdem hat Hitler den Matrosen mehrmals gesagt, dass der Krieg
    gegen Großbritannien nicht vor diesem Zeitpunkt beginnen kann [3].
    8
    Warum hat Deutschland bereits im Jahre 1939, d.h. vier Jahre vor dem
    geplanten und lauthals angekündigten Aufrüstungstermin, den Krieg begonnen?
    Was für ein seltsames Verfahren hat der Führer des deutschen Reiches für die
    Eroberung der Welt gewählt? Es macht doch keinen Sinn sich zu einem Zeitpunkt
    in einen Konflikt einzulassen, wenn dafür die Voraussetzungen noch nicht gegeben
    sind. Ist das nicht der sicherste Weg, den Krieg zu verlieren? Warum hat Hitler
    diesen Fehler gemacht? Warum begann er Krieg zu führen, obwohl er dazu noch
    nicht vorbereitet war?
    Zwei Jahre nach dem Beginn des Krieges beging er eine noch größere
    Dummheit – er überfiel die Sowjetunion. Genau der 22. Juni 1941 war auch der
    9
    Startpunkt für den Untergang des 3. Reiches. Trotz aller phänomenalen
    Anfangserfolge im Krieg gegen die UdSSR, bewegte sich Deutschland, das einen
    Zweifrontenkrieg führte, unaufhaltsam auf seine Niederlage zu. Der Krieg im
    Westen und im Osten besiegelte nach einstimmiger Meinung der Historiker und
    Militärexperten das Schicksal der deutschen Kriegsmacht. Wusste Adolf Hitler das
    nicht?
    Er wusste es. Im Buch von Hermann Rauschning „Gespräche mit Hitler“ [4]
    werden die Gedanken des Führers zu allen möglichen Themen, darunter auch zu
    seinen Kriegsplänen dargelegt. Auf die Frage „Was wird, wenn sich England und
    Frankreich mit Russland vereinen?“ gibt Hitler die eindeutige und lakonische
    Antwort: „Dann wird das einfach mein Ende sein“. Doch damit schließt der redselige
    Führer das Thema nicht ab. „Aber dies wird niemals geschehen. Anderenfalls wäre
    ich nur ein Pechvogel, der unnütz diesen Posten im Kabinett hat“.
    Am 23. November 1939 tritt Hitler auf der Beratung des Oberkommandos der
    Wehrmacht auf. Er legt seine Pläne dar und zieht Schlussfolgerungen. Erneut kehrt
    er zu seinem Steckenpferd „ Der Erste Weltkrieg und die Bedeutung des Fehlens
    einer zweiten Front“ zurück: „Im Jahre 1914 begann der Krieg an einigen Fronten.
    Eine Lösung unserer Probleme hat er nicht gebracht. Heute wird der zweite Akt
    10
    dieses Dramas geschrieben. Erstmals nach 67 Jahren können wir feststellen: Einen
    Krieg an zwei Fronten werden wir nicht führen! Es ist geschehen, was wir uns seit
    1870 (seit dem Deutsch – Französischen Krieg) wünschen und faktisch nicht für
    möglich gehalten haben. Erstmals in der Geschichte können wir nur an einer Front
    kämpfen, keine andere wird uns jetzt binden. Die Lage, welche wir früher für
    unerreichbar hielten, ist jetzt so“[ 5].
    Was geschieht nun in der Wirklichkeit? Es geschieht etwas völlig
    Unwahrscheinliches – der Führer verändert selbst die Situation zu seinen Ungunsten.
    Er befindet sich mit Großbritannien im Krieg und überfällt die UdSSR! D.h., Adolf
    Hitler, der ausgezeichnet versteht, wie gefährlich für Deutschland die Eröffnung
    einer zweiten Front ist, eröffnet diese mit seinen eigenen Händen. Einen derartigen
    Krieg zu gewinnen ist praktisch unmöglich.
    Die beispiellose Arroganz des Aggressors endete 1943 in einem jämmerlichen Fiasko!
    (An dieser Stelle sieht sich der Übersetzer gezwungen, auf Parallelitäten der
    aktuellen Ereignisse zwischen 1939 und 2017 hinzuweisen. Haben die USA und
    11
    Europa bereits wieder einen neuen Feldzug gegen Russland geplant? Haben Sie aus
    dem letzten Krieg nichts gelernt?).
    Militärbasen der USA und NATO 2017
    Wie wird diese unlogische Handlung des Führers von Deutschland von den
    Historikern erklärt? Hitler hat entschieden, den letzten potentiellen Verbündeten von
    Großbritannien auf dem Kontinent zu vernichten.
    Denken wir über diese Worte nach. Schauen wir auf die Landkarte. Erinnern
    wir uns an die Geschichte.
    Für die vollständige Vernichtung von Großbritannien überfällt Hitler die
    UdSSR!
    Wenn die gegenwärtigen Vereinigten Staaten von Amerika vom Irak
    provoziert werden, dann überfallen die Amis natürlich Irak und nicht Pakistan. Es
    ist sehr unwahrscheinlich, dass eine Bedrohung, welche von Teheran ausgeht, von
    den Yankees z.B. durch einen Krieg gegen Peking beseitigt wird. Wenn eine Macht
    eine Bedrohung für eine andere Macht darstellt, dann erfolgt der Angriff in der
    Regel auf den „Gegenstand der Bedrohung“. Gibt es Ausnahmen in dieser Regel?
    Es kommt vor! Wenn z.B. das Objekt des Überfalls ein nahestehender Partner des
    Macht-Konkurrenten ist, ohne dessen Hilfe er keine Bedrohung mehr darstellt.
    Womit hat die Sowjetunion Großbritannien im Jahre 1941 geholfen? Hat sie Waffen,
    Ausrüstungen, Lebensmittel oder Rohstoffe geliefert? Nein! Wenn irgendetwas von
    12
    Moskau nach London geschickt wurde, dann waren es flammende kommunistische
    Grüße an die sowjetische Botschaft. Die Sowjetunion war kein Verbündeter von
    Großbritannien, sie hatte mit diesem Land auch keinerlei Verträge. Die UdSSR
    lieferte den Engländern keine Waffen und stellte ihr Territorium auch nicht für
    Militärstützpunkte zur Verfügung. Umgekehrt, als Deutschland in Europa Krieg
    führte, hat die Sowjetunion die bestehenden Handelsverträge mit Berlin
    gewissenhaft erfüllt. Den Deutschen wurden lebenswichtige Güter, wie Erdöl,
    Weizen und andere strategische Rohstoffe ohne Unterbrechung geliefert.
    Deutschland, das sich im Kriegszustand mit Großbritannien befand und einer
    Seeblockade ausgesetzt war, hatte zu diesem Zeitpunkt kaum Möglichkeiten, von
    seinem Territorium aus den Kauf und Transport der für seine militärischen Zwecke
    erforderlichen Waren zu realisieren. In dieser Situation halfen den Deutschen die
    guten Beziehungen mit Russland – UdSSR. Die Sowjetunion kauft auf dem
    Weltmarkt die erforderlichen Rohstoffe für Deutschland und lieferte sie über ihr
    Territorium komplett und unversehrt bis zur deutschen Grenze [6].
    (Am 22. Juni 1941, kurz vor dem
    Sonnenaufgang, standen auf der
    sowjetischen Seite der Grenzbrücke in
    Brest viele Waggons, die mit Getreide
    für Deutschland gefüllt waren. Bereits
    nach wenigen Minuten begann die
    deutsche Artillerie aus allen Rohren zu
    feuern und die Panzerverbände von
    General Guderian drangen in die
    Sowjetunion ein.
    Das zum Thema der großen Lüge,
    Stalin hätte am Vorabend des Großen
    Vaterländischen Krieges (GVK) alle
    Lieferungen an Deutschland eingestellt! Im Gegenteil! Stalin hat bis zur
    letzten Minute mit allen Mitteln
    versucht, Hitler zufrieden zu stellen.
    Anm. d. Übers.)
    Mit sowjetischen Rohstoffen konnten keine britischen U-Boote versenkt und
    keine britischen Flugzeuge abgeschossen werden. Welche Schlussfolgerung ergibt
    sich daraus? Sie ist sehr einfach und offensichtlich: Es lohnt sich nicht eine
    Supermacht zu attackieren, die mit ihnen einen Nichtangriffspakt
    13
    abgeschlossen hat, die sie mit Rohstoffen versorgt und nicht ihr Gegner ist!
    Wozu die Anzahl seiner Feinde erhöhen und die Anzahl seiner – ggf. auch nicht
    vollwertigen – Freunde, die eine wohlwollende Neutralität der Partner beachten,
    verringern?
    Adolf Hitler überfiel aus bestimmten Gründen die UdSSR, obwohl er genau wusste, dass der Krieg
    an zwei Fronten den Untergang von Deutschland bedeutet.
    Nach der Zerschlagung der UdSSR, hoffte Hitler die Briten zum
    Abschluss eines Friedensvertrages zu bewegen.
    Mit diesem letzten Trumpf füttern uns die Historiker. Verläuft der kürzeste
    Weg nach London tatsächlich über Moskau? Ganz bestimmt nicht! Aus dem
    okkupierten Frankreich muss nur der Ärmelkanal überwunden werden. Wozu sich
    in die unübersehbaren russischen Weiten begeben, wenn das britische Territorium
    sichtbar vor ihren Füßen liegt? Das ist einfach absurd. Über welche Hoffnungen
    Hitlers sprechen unsere Historiker eigentlich?
    Die Haltlosigkeit dieser und ähnlicher Erklärungen fällt noch heute ins Auge.
    Es gab sie auch am Vorabend des Überfalls auf unser Land. Z.B. vom Außenminister
    des faschistischen Italiens, Graf von Cortellazzo und Buccari. Das ist kein einfacher
    Minister der italienischen Regierung. Er war mit der Tochter von Mussolini
    verheiratet und „gehörte deshalb zur Familie“. Italien blieb im künftigen Konflikt
    kein neutraler Beobachter, sondern erklärte uns gleich nach den Deutschen auch den
    Krieg. Am 21. Juni 1941 schrieb Cortellazzo in sein Tagebuch: „Viele Anzeichen
    weisen darauf hin, dass die Operation gegen Russland unmittelbar bevorsteht. Die
    Idee eines Krieges gegen Russland ist für sich gesehen sehr populär, weil die
    Zerschlagung des Bolschewismus zu den wichtigsten Ereignissen in der Geschichte
    der menschlichen Zivilisation gehören wird. Aber als Symptom gefällt mir dieser
    Krieg nicht, weil es für ihn keine vernünftigen und überzeugenden Gründe gibt. Die
    14
    übliche Deutung dieses Krieges besteht darin, dass er in Ermanglung eines Besseren,
    im Versuch einen Ausweg aus einer ungünstigen Lage zu finden, welche entgegen
    allen Erwartungen entstanden ist, geführt werden muss“ [7].
    Derartige Aussagen finden sich nicht wenige. Es ergibt sich eine groteske
    Situation: Dem zeitgenössischen Menschen ist völlig klar, warum Hitler unser Land
    überfallen hat. Fragen Sie einen beliebigen Menschen, fragen wir uns selbst und wir
    werden die verbreitete Version hören, welche Hitlers Taktik erklärt. Woher kommt
    diese Klarheit? Unsere Zeitgenossen haben viele Bücher über den Zweiten
    Weltkrieg gelesen. Mit diesen Büchern haben sie ihnen diese Auffassungen und
    Meinungen förmlich ins Gehirn gebrannt. Den Zeitzeugen jener Ereignisse, den
    hochgestellten und äußerst gut informierten Politikern jener Zeit, erscheint die Idee
    des Überfalls Deutschlands auf Russland einfach merkwürdig und seltsam. Warum?
    Ja, weil ihnen 60 Jahre lang die Historiker nicht sagten, dass es für Hitler keinen
    anderen Ausweg gab! Im Ergebnis dessen, erschien denjenigen, die in den 40iger
    Jahren des 20. Jahrhunderts gelebt haben, dieser „Ausweg“ Hitlers als
    unvermeidlicher Untergang des 3. Reiches. Uns aber – nach dem Lesen von Tonnen
    historischen Mülls – scheint dies die einzige Möglichkeit der Nazis zu sein.
    Übrigens waren viele Vertreter der politischen Elite des 3. Reiches absolute
    Gegner der verhängnisvollen Attacke gegen die Sowjetunion. Darunter auch der
    Außenminister, Joachim von Ribbentrop, der später in Nürnberg aufgehängt worden
    ist: „Russland ist kein potentieller Verbündeter der Engländer. England hat nichts
    Gutes von Russland zu erwarten. Die Hoffnung auf Russland wird England nicht
    retten. Durch einen Krieg gegen Russland werden wir die Hoffnungen von England
    nicht vernichten. Der Überfall auf Russland würde den Engländern einen neuen
    moralischen Anreiz geben. Sie würden diesen Überfall als Zweifel Deutschlands
    an ihrem Sieg im Kampf gegen England bewerten. Damit würden wir nicht nur
    anerkennen, dass der Krieg noch lange dauert, sondern würden ihn – anstelle ihn zu
    verkürzen – auch verschleppen.“[8].
    Warum hat Hitler Entscheidungen getroffen, die sogar seine Diplomaten für
    einen großen Fehler hielten? Diese Fragen sind nicht so naiv, wie es auf den ersten
    15
    Blick scheinen mag. Denn genau 130 Jahre vor Hitler war Napoleon im Begriff
    genau denselben Weg in die britische Hauptstadt einzuschlagen. Das furchtbare
    Ende seiner großen Armee steht seit dem Jahre 1812 vor den Augen aller Militärs
    der Länder, die begannen, einen Krieg gegen Russland vorzubereiten. Auch Hitler
    kannte das Schicksal der Armee Napoleons in Russland. Trotzdem entschied er sich,
    diesen Schritt zu wiederholen. Warum? Welchen seltsamen Weg schlagen die
    Feinde Großbritanniens ein? Verschiedene Nationalitäten, mit unterschiedlichen
    Parolen und Kräften wählen aus irgendwelchen Gründen immer wieder denselben
    Weg, der uns offensichtlich als Sackgasse erscheint?!
    Das Ende der Armee Napoleons 1812 Der Anfang vom Ende der Armee Hitlers 1943
    Warum marschieren sie nach Moskau, und nicht nach London?
    Anstelle einer Landung in Großbritannien verschwindet die aus 600 tausend
    Soldaten bestehende Armee Napoleons spurlos in den grenzenlosen
    Schneelandschaften Russlands. Hätten sie nicht wenigstens einen Landungsversuch
    in Britannien durchführen können? Vielleicht wären dabei 200 tausend Soldaten
    ertrunken. Für die übrigen 400 tausend Soldaten und den französischen Kaiser hätten
    sich dann die Britischen Inseln wie ein Teppich vor
    Luftangriffe von Nazideutschland auf Großbritannien (London u. Coventry) im Jahre 1940
    ihren Füßen ausgebreitet. Aus dem Russlandfeldzug kam überhaupt nichts
    Gescheites heraus.
    16
    Dass, was Hitler angestellt hat, ist einfach lächerlich. Im Sommer 1940, nach
    der Zerschlagung Frankreichs, bombardiert er Großbritannien mit Flugzeugen.
    Dieser kurzzeitige beiderseitige Luftkampf geht in die Geschichte unter dem Begriff
    „Luftschlacht um England“ ein. Wie bekannt haben die Briten die „Schlacht“
    gewonnen. Warum? Weil die Deutschen nicht das gesamte Potential ihrer
    Luftstreitkräfte zum Einsatz gebracht haben. Genauer gesagt, sie haben ihre
    Flugzeuge geschont. Die deutschen Luftstreitkräfte erlitten in diesen Kämpfen
    größere Verluste, als die Briten. Das ist eine Tatsache. Aus diesem Grunde, so lesen
    wir in den Lehrbüchern, wurden die Angriffe auf Großbritannien nahezu eingestellt.
    Sie haben es überstanden.
    Warum die Deutschen beim Einsatz ihrer Luftstreitkräfte „gespart“ haben,
    können wir in den gleichen Lehrbüchern nachlesen. Die Jagdflugzeuge und Bomber
    benötigten sie für den bevorstehenden Russlandfeldzug. Deshalb durften diese nicht
    eingesetzt werden um damit ihre Flugplätze, ihre Städte und Häfen zu bombardieren,
    um britische Flugzeuge in der Luft oder am Boden zu vernichten. Die
    Luftstreitkräfte der Deutschen mussten geschont werden, damit für den
    Russlandfeldzug genügend Piloten und Flugzeuge übrigblieben. Das bedeutet,
    Russland lässt sich nicht einfach so schnell zerschlagen. Aber wozu Russland
    zerschlagen? Selbstverständlich, um anschließend Großbritannien zu erobern [9].
    In den Memoiren Churchills lesen wir den gleichen Unsinn:
    „Die Vorbereitungen für den Überfall auf Russland … hat einen
    bedeutenden Teil der deutschen Luftstreitkräfte gebunden. In den zahlreichen
    Luftangriffen, denen wir ausgesetzt waren … nahmen deshalb schon nicht
    mehr alle Kräfte der deutschen Luftwaffe teil.“ [10].
    17
    Auf einer anderen Seite seiner Memoiren sagt uns Churchill genau das
    Gegenteil:
    „Er (Hitler – Anm. v. Starikov) will den russischen Staat vernichten, weil
    er im Falle eines Sieges hofft, seine Armee und Luftstreitkräfte aus dem Osten
    auf unsere Insel zu werfen, die er – wie auch ihm bekannt – auf jeden Fall
    erobern muss. Gelingt ihm das nicht, dann wird er der gerechten Strafe für
    seine Verbrechen nicht entgehen. Sein Überfall auf Russland ist nur das
    Präludium des Versuchs eines Überfalls auf die Britischen Inseln.“ [11].
    Ein seltsames Verfahren zur Unterwerfung von Großbritannien wählt Hitler:
    Ohne einen Sieg über Großbritannien zu erringen, überfällt er zuerst die UdSSR mit
    dem Ziel, später erneut Britannien anzugreifen!
    Vielleicht lohnte es sich nicht für Hitler so „klug“ zu sein? Vielleicht wäre es
    besser gewesen, sofort – ohne Wenn und Aber – alle Kräfte gegen die Briten zu
    werfen? Wozu die UdSSR angreifen? Um sich später im Ärmelkanal mit einer
    Flotte, die nicht mehr fähig ist, die britische zu neutralisieren, wiederzufinden? Die
    Historiker mögen solche Fragen nicht.
    Das Ende aller Abenteuer der britischen Feinde ist immer das Gleiche. Nur
    drei Jahre nach dem Angriff auf Russland verschwindet das Große Frankreich von
    Napoleon, nach ca. vier Jahren – das Tausendjährige Reich von Adolf Hitler.
    Wenn weitgehend vernünftig denkende Staatsoberhäupter (denn nur
    unbegabte und begabte Menschen schaffen es, die Macht im Staate in die eigenen
    Hände zu nehmen) selbstmörderische Taten begehen, die ihre Imperien auf die
    gleiche Art und Weise in den Untergang führen, dann schleichen sich in unserem
    Kopf aufrührerische Gedanken ein. Kann es sein, dass nicht diese Politiker
    kurzsichtige Dilettanten sind, sondern die zeitgenössischen Politiker und Historiker,
    die uns einen Teil der Informationen vorenthalten, und zwar jenen, auf deren
    Grundlage sowohl Napoleon als auch Hitler für sich und ihre Staaten den Weg ins
    Jenseits gewählt haben?
    Dabei scheint es, als ob uns ausgerechnet die wichtigsten Informationen
    vorenthalten werden. Was sind das für Informationen?
    18
    Geheimnisvoll erscheint uns nicht nur das Verhalten des Führers des
    faschistischen Deutschlands. Nicht weniger seltsam ist auch das Verhalten der
    britischen, französischen und amerikanischen Politiker. Es reicht zu erwähnen, dass
    das im Ersten Weltkrieg zerschlagene Deutschland vollständig entwaffnet wurde.
    Im Zweiten Weltkrieg kämpfte die ganze „progressive Menschheit“ im Verlaufe von
    fast sechseinhalb Jahren mit einer deutschen Armee, die es bei den besiegten
    Deutschen … gar nicht geben dürfte. Wie konnte Deutschland seine Militärmacht
    wieder herzustellen? Wohin schauten seine Nachbarn und warum haben sie die
    Wiederaufrüstung zugelassen? Und mehr noch, wie konnte in Deutschland der
    Politiker, Adolf Hitler, der in seinem Buch „Mein Kampf“ seine Kriegspläne bis ins
    Detail ausgearbeitet und veröffentlicht hatte, an die Macht gelangen?
    Fragen über Fragen. Diese können wir unendlich fortsetzen. Die Antworten,
    die von den Historikern und Politikern auf diese Fragen gegeben werden, hören sich
    an wie schöne Märchen für kleine Kinder. Solche Aussagen, wie: nicht richtig
    erkannt, nicht richtig entschieden, einfach übersehen, zu leicht vertraut, … sind die
    Regel. Es ist, als ob es sich um ein Versteckspiel handelt und nicht um Fragen der
    Weltpolitik. Bei der Beschreibung schicksalhafter „Irrtümer“ angesehener Politiker
    jener Zeit werden von den Autoren der Geschichtsbücher über den Zweiten
    Weltkrieg Aussagen zitiert, die oft ihre eigenen Theorien widerlegen. Zitieren wir
    folgende Aussage aus der Rede des ehemaligen deutschen Ministers für Wirtschaft,
    Hjalmar Schacht, auf dem Nürnberger Prozess: „Ich muss sagen, als die Aufrüstung
    Deutschlands begann, hatte keiner der anderen Staaten etwas dagegen
    unternommen. Der Verstoß gegen den Versailler Vertrag durch Deutschlands war
    ganz ruhig hingenommen worden. Nach Deutschland wurden Militärmissionen
    gesandt, um den Prozess der Aufrüstung zu beobachten, es wurden Militärbetriebe
    in Deutschland besichtigt. Es wurde alles Erdenkliche unternommen, aber nichts,
    um Deutschland an der Aufrüstung zu hindern“ (Raginskij, M.J. „Nürnberg. Vor
    dem Gericht der Geschichte.“, Moskau, 1986) [12].
    19
    Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, so wie sie uns heute dargeboten
    wird, kann uns keine motivierenden Handlungen von nahezu allen
    Staatsoberhäuptern jener Zeit geben. Dabei sind gerade diese Staatsoberhäupter die
    Haupttriebkräfte der Geschichte. Von den Entscheidungen Hitlers, Stalins,
    Churchills und Roosevelts hing der Lauf aller historischen Ereignisse ab. Und wir,
    die wir heute in den Geschichtsbüchern blättern, können überhaupt nicht begreifen,
    warum diese klugen und vernünftigen Herren solche für uns offensichtliche Fehler
    begangen haben. Was hat das alles zu bedeuten?
    Das bedeutet, dass die ganze Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die man
    als eine „offizielle“ Version der modernen Historiografie bezeichnen kann, mit
    dem einzigen Ziel geschaffen wurde, die ganze Wahrheit über die furchtbaren
    Ereignisse jener Jahre zu verheimlichen.
    Mit dieser „offiziellen“ Historiografie sollen die wahren Verbrecher aus der
    Schusslinie genommen werden, die für die Vernichtung von zig Millionen
    Menschenleben verantwortlich sind und sich dafür vor keinem Gericht verantworten
    müssen. In Nürnberg wurden nur jene Missetäter einer gerechten Strafe zugeführt,
    deren Verbrechen besonders offensichtlich waren. D.h. aufs Schafott und ins
    Gefängnis kamen in der Regel nur die Auftragnehmer der blutigen Taten, die
    Auftraggeber des Zweiten Weltkrieges scheiden in aller Ruhe in ihren eigenen
    Betten aus dem Leben.
    In unserer heutigen Zeit hat die Geschichtsfälschung eine völlig neue
    Dynamik und eine erschreckende Dimension angenommen. Da ertönen bereits
    Stimmen, die behaupten, dass die Sowjetunion selbst Hauptschuldiger des blutigsten
    Krieges in der Geschichte war. Dass Stalin, der angeblich die ganze Welt erobern
    wollte, dem besessenen Führer dabei geholfen hat, in Deutschland die Macht zu
    ergreifen. Dass gerade das ach so aggressive Russland (UdSSR) Hitler geholfen
    haben soll, den Boden von halb Europa mit Blut zu tränken. Und weil die UdSSR
    im Jahre 1945 nicht die ganze Welt (!) erobert hat, das russische Volk und alle
    anderen Völker unseres Landes den Zweiten Weltkrieg praktisch verloren haben.
    20
    Mit solchen und anderen Machwerken soll die Wahrheit über die Geschichte des Zweiten Weltkrieges
    verschleiert werden
    Im Folgenden werden wir uns mit der blutigen Anhäufung der Ereignisse
    jener Jahre auseinanderzusetzen. Beginnen wir mit der einfachsten Frage:
    Woher hat Adolf Hitler das Geld genommen, um sein Vorhaben, „die
    ganze Welt zu erobern“ in die Tat umzusetzen?
    21
    Wer gab Hitler das Geld?
    „Ganz gleich, ob sie über uns lachen oder uns beleidigen, ob
    sie uns als Dümmlinge oder Verbrecher hinstellen, die Hauptsache ist,
    dass sie uns wahrnehmen.“
    Adolf Hitler „Mein Kampf“ (* 20. 04.1889, † 30.04.1945)
    „In Deutschland wird es keine Revolutionen geben, weil alle
    Revolutionen in Deutschland streng verboten sind.“
    Britischer Witz
    Am zwölften September 1919 erschien in der Bierstube „Sterneckerbräu“ zur
    Versammlung einer winzigen Partei der damals noch niemandem bekannte
    Frontsoldat a. D., Adolf Hitler.
    Millionen von Menschen kamen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gerade
    wieder zur Besinnung, als die Geschichte der Menschheit fast unbemerkt schon
    wieder einen Weg einschlug, der zu noch schrecklicheren Schlachten, zu noch
    grausameren Verbrechen, zu den entsetzlichen Gaskammern und Verbrennungsöfen
    in Majdanek und Treblinka, zur Blockade von Leningrad, zu den Schlachten in
    Stalingrad und am Kursker Bogen führte. Das Datum des zaghaft und kläglich ans
    Licht strebenden Pflänzchens, welches sich in kurzer Zeit zum gigantischen Baum
    des deutschen Nationalsozialismus entwickelte, kann ziemlich genau genannt
    werden. Am 7. März 1915 gründete ein gewisser Anton Drexler in München ein
    Komitee mit dem schönen Namen „ Freier Arbeiterausschuss für einen guten
    Frieden“. Während des Ersten Weltkrieges trafen sich im Rahmen dieses Komitees
    ca. 40 Schwätzer und Fantasten in harmlosen Versammlungen, tranken viel Bier und
    diskutierten über die Vorzüge eines allgemeinen Friedens. Während eines beliebigen
    Krieges existieren nur drei Möglichkeiten den Frieden zu erreichen:
    22
  1. den Krieg zu verlieren;
  2. den Krieg zu gewinnen oder
  3. durch Verhandlungen eine Pattsituation zu erreichen.
    Während sich Drexler mit solchen Fragen von Krieg und Frieden beschäftigte,
    entwickelten sich die Ereignisse in Deutschland in Richtung der 1. Variante.
    Angestiftet durch die von außen hineingetragene Revolutionspropaganda und durch
    das russische Beispiel brach das Kaiserreich zusammen und verschwand spurlos in
    der Versenkung. Der Frieden kam, nur nicht so, wie ihn sich Drexler und seine
    Kumpanen vorgestellt haben. Es kam der Frieden von Versailles! Genau in diesem
    Vorort von Paris wurden am 28. Juni 1919 die Bedingungen des Friedensvertrages
    unterschrieben, die in der Folge zur Geburt des National-sozialismus und zu einem
    neuen Krieg geführt haben. Warum wird der Versailler Friedensvertrag als Vorbote
    eines neuen Krieges bezeichnet? Weil es ein schändlicher Raubfrieden war, der, um
    wenigstens den Schein zu wahren, in Form eines internationalen Abkommens
    unterzeichnet wurde. An seinem Wesen hat sich durch diesen Staatsakt nichts
    geändert. Bezeichnend ist, dass nicht nur Lenin und deutsche Politiker den
    Friedensvertrag von Versailles aufs schärfste kritisierten, sondern auch Vertreter der
    Entente. Allgemein bekannt sind die Aussagen des Oberbefehlshabers der
    französischen Armee, Marschall Foch, der wie ein Wahrsager die künftigen
    Ereignisse exakt beschrieb: „Es ist kein Frieden, sondern ein 20-jähriger
    Waffenstillstand“. Es gab auch andere Aussagen von westlichen Politikern, die
    weniger bekannt sind. „Die wirtschaftlichen Vereinbarungen waren in einem
    derartigen Grade bösartig und dumm, dass sie den ganzen Vertrag ad absurdum
    stellten“. Deutschland wurde gezwungen, unglaubliche Reparationen zu zahlen [13].
    Das sind nicht die Worte von Adolf Hitler, der mit seiner Kritik über den Vertrag
    von Versailles seine Karriere machte, sondern die des britischen Premierministers,
    Winston Churchill.
    Die Deutschen wurden förmlich ausgeplündert. Deutschland verlor ungefähr
    73.000 km2 seines Territoriums (ca. 13,5 % seiner Gesamtfläche), auf dem 6,5
    Millionen Menschen (ca. 10 % der gesamten Bevölkerung) lebten. Außerdem verlor
    das auf diese Art und Weise beschnittene Land seine gesamten überseeischen
    Kolonien und musste den Siegermächten alle materiellen und finanziellen Verluste
    begleichen, die ihnen im Verlaufe des Militärkonfliktes entstanden sind. Die Höhe
    23
    der zu zahlenden Reparationen wurde bei der Vertragsunterzeichnung nicht, sondern
    erst später genannt. Die Summe war astronomisch hoch und wurde mehrmals
    korrigiert. Interessant ist auch, dass im Rahmen der abschließend korrigierten
    Variante die letzte Zahlung der besiegten Deutschen im Jahre … 1988 erfolgen sollte
    [14]!
    Es war, als ob ein Orkan oder Tornado ein ehemals blühendes Land verwüstet
    hat. Zur Zahlung der Reparationen wurde praktisch das gesamte Hab und Gut
    konfisziert, dazu gehörten auch 140.000 Milchkühe. Bevor Deutschland gründlich
    ausgeraubt wurde, war es natürlich notwendig, jeglichen Widerstand gegen die
    Räuber, d.h. gegen die „Sieger“ zu unterbinden. „Deutschland wurde deshalb
    entwaffnet. Seine gesamte Artillerie und andere Waffen wurden vernichtet. Seine
    Kriegsflotte wurde von den Deutschen selbst in der britischen Bucht Scapa Flow
    versenkt, seine riesige Armee wurde aufgelöst. Deutschland wurde ausdrücklich
    verboten, Luft- und Seestreitkräfte zu besitzen“ [15].
    Die Stärke der deutschen Armee durfte 100.000 Mann nicht überschreiten.
    Der Bau von Flugzeugen, Panzern, Seekriegsschiffen, darunter auch von U-Booten
    war verboten. Im besiegten Deutschland herrschten Chaos und Anarchie, d.h.
    katastrophale Zustände, die durch den wirtschaftlichen Kollaps noch verstärkt
    wurden. Angesichts dieser verhängnisvollen Lage entschied Anton Drexler sich in
    seinem Komitee mit ernsthafteren Fragen zu befassen und gründete am 5. Januar
    1919 die „Deutsche Arbeiterpartei“. Der neue junge Anführer, Adolf Hitler,
    verdrängt mit seinen hervorragenden rhetorischen Fähigkeiten sehr schnell den
    Gründer dieser Partei und wurde zum alleinigen Führer – zum Führer einer neuen
    24
    politischen Kraft. Er veränderte nicht nur den Inhalt und das Wesen dieser Partei,
    sondern auch ihren Namen. Zur ursprünglichen Bezeichnung fügte er ein Wort hinzu
    und die von ihm geführte politische Kraft ging in die Geschichte der Menschheit als
    NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) ein.
    Der Geschichte dieser nazistischen Partei und ihrem Führer sind wahrlich
    Tonnen völlig verschiedener Werke der Literatur gewidmet. In jeder beliebigen
    Buchhandlung finden wir immer ein paar Buchumschläge, von denen uns die
    verrückten Augen von Adolf Hitler oder die kräftigen Silhouetten seiner SA- und
    SS-Männer anschauen. Es scheint, als ob auf alle Fragen die Antworten bereits seit
    langem gegeben worden sind. Doch dieser Schein trügt! Mit jedem Buch, das wir
    über die Geschichte des 3. Reiches lesen und kritisch überdenken, nehmen die
    Unklarheiten in unserem Kopf nur zu. Sogar in den Büchern weltweit anerkannter
    Forscher finden wir äußerst widersprüchliche Informationen.
    Die Angabe der Mitgliederzahl der NSDAP scheint trivial, d.h. keine offene
    Frage zu sein. Nichts scheint einfacher zu sein, als in den Archiven der nazistischen
    Partei danach zu suchen. Dort finden wir ohne Zweifel die Antwort auf die Frage,
    wie sich die Mitgliedschaft in der Partei in den Jahren entwickelt hat. Die Faschisten
    liebten es, über ihre „Jahre des Kampfes“ und über ihre „gefallenen Kameraden“ zu
    sprechen und zu schreiben. Deshalb müsste sich die Entwicklung der Mitgliedschaft
    in diesen Dokumenten klar widerspiegeln. Weit gefehlt!
    „Im November 1923 hatte die Partei 15.000 Mitglieder“[16]. Das ist die
    Meinung des Zeitzeugen, Konrad Heiden, dessen Buch im Jahre 1936 veröffentlicht
    wurde.
    Der Brite Ian Kershaw schrieb im Jahre 1990 „Die Anzahl der Mitglieder in
    der Partei nahm schnell zu. Ende 1922 waren es 22.000, zum Zeitpunkt des Putsches
    etwa 55.000.“ [17]. Wir erinnern uns, dass der misslungene Putsch Hitlers im
    November 1923 stattgefunden hat, d.h. der Unterschied in der Bewertung der
    Mitgliederzahl hat sich in 55 Jahren fast vervierfacht. Wie ist das möglich? Wenn
    sich dieser Zuwachs an Parteigenossen in den Werken der so genannten Historiker
    in diesem Tempo fortsetzt, dann werden wir in dreihundert Jahren erfahren, dass
    die gesamte Bevölkerung Deutschlands 1923 schon Nazis waren. Zur Beruhigung
    unseres Gewissens nehmen wir noch das Buch des dritten „Sachverständigen“ des
    faschistischen Deutschlands, Alan Bullock, in die Hand. Im völligen Widerspruch
    zu den Aussagen der beiden anderen „Experten“ lesen wir: „Die Anzahl der
    Mitglieder in der Zeit vom Juni 1920 bis Anfang des Jahres 1922 wuchs von 1.100
    auf 6.000. Anfang 1923 erreichte sie die Zahl 20.000.“ [18]. Haben die Historiker
    25
    der Nazipartei vielleicht doch ihre Informationen aus eigenen, völlig voneinander
    isolierten „Archiven“ geschöpft? Ergeben sich daraus die erheblichen Differenzen?
    Nein! Die Archive waren und sind immer die gleichen, die Historiker studieren alle
    die gleichen Dokumente. Aber jeder hat seine eigenen Zahlen. Woher nehmen sie
    diese? Das ist offensichtlich ein Geheimnis, das schrecklicher ist, als alle anderen
    Geheimnisse des faschistischen deutschen Reiches.
    Kurz gesagt, je mehr Autoren umso mehr Versionen. Auf Kosten der Qualität
    schreibt einer vom anderen ab. Der Leser staunt und der Experte wundert sich!
    Wie können wir die Geschichte des Zweiten Weltkrieges erforschen,
    wenn es einerseits notwendig ist, die genaue Anzahl der Kanonen, Panzer und
    Soldaten zu bestimmen, aber andererseits sich die Historiker nicht einmal einig
    sind, wie viele „Mitglieder“ die NSDAP in den jeweiligen Jahren hatte?
    Warum versuchen wir, uns in dieser Frage Klarheit zu verschaffen? Wozu
    brauchen wir das? Wir wollen an Hand dieses einfachen Beispiels nur
    demonstrieren, dass selbst anerkannte Forscher und Biographen des Führers der
    Nazis in Deutschland nicht so richtig wussten, was und worüber sie schreiben. Denn
    ohne eine kritische Überprüfung durch den eigenen Verstand, dürfen wir
    irgendwelchen unsinnigen Behauptungen, die über den Zweiten Weltkrieg
    geschrieben werden, nicht glauben. Nicht weniger Blödsinn wurde und wird auch
    über den Großen Vaterländischen Krieg geschrieben. Dieses Buch hat die Aufgabe,
    aus der riesigen Menge von Informationen, die Fakten herauszufiltern, die uns
    helfen, die Wahrheit über die größte Tragödie Russlands, die am 22. Juni 1941
    begann, zu finden.
    26
    In der Geschichte gibt es eine Menge Klischees. Diese Klischees sind uns
    allen gut bekannt. Wie und wann sie entstanden sind, weiß keiner. Auf die Frage:
    „Wer hat Hitler das Geld gegeben?“, bekommen wir in der Regel nur eine Antwort:
    die deutschen Industriellen. Nuancen dieses Klischees sind: das Großkapital, Krupp,
    deutsche Unternehmen usw. usw. Betrachten wir diese Frage etwas genauer. Eine
    sehr verbreitete Meinung des naiven Kleinbürgers ist, dass jede Partei von ihren
    Sympathisanten finanziert wird. Die richtige Formulierung dieser Auffassung muss
    in Wirklichkeit lauten: Die Parteien werden grundsätzlich von den Kräften
    finanziert, die mit ihrer Hilfe bestimmte Ziele erreichen wollen. Das muss nicht in
    jedem Falle negativ sein. Z.B. eine Partei, die in ihrem Programm die nationalen
    Produzenten unterstützt, kann ohne weiteres von den eigenen Schuh- und
    Textilfabrikanten finanziert werden. Falls diese Partei tatsächlich an die Macht
    kommt, wird sie im Interesse der örtlichen Unternehmen die Zölle für die
    entsprechenden Importwaren erhöhen. Entstehen der eigenen Bevölkerung dadurch
    irgendwelche Nachteile? Nein, nur in dem Fall, wenn mit diesen Zöllen die gesamte
    ausländische Konkurrenz verdrängt wird. Jede Partei, die für die Sicherheit ihres
    Landes eintritt, wird selbstverständlich immer großzügig von den
    Rüstungskonzernen unterstützt. Im Falle eines Sieges der-artiger Parteien erhalten
    sie neue Aufträge für die Produktion von Raketen, Radaranlagen, Panzer und
    Flugzeugen. Entstehen der eigenen Bevölkerung dadurch irgendwelche Nachteile?
    Nein, wenn beachtet wird, dass die Rüstungsausgaben eine notwendige und
    vernünftige Grenze nicht überschreiten.
    Mit anderen Worten, die finanzielle Unterstützung der politischen Kräfte
    durch die Oligarchen war, ist und bleibt auch in Zukunft eine unumstößliche
    Tatsache. Das ist keine russische Erfindung – das geschieht in allen Ländern, in
    denen die führende Macht durch das Volk gewählt wird. Die Demokratie als höchste
    27
    Form der Volksmacht zwingt jeden beliebigen Politiker zu einer traurigen
    Schlussfolgerung. Um die Stimmen seiner Wähler zu erhalten, braucht er keine
    schönen Losungen, sondern Geld. Nicht für die Bestechung der Wählerschaft,
    sondern um ihr effektiv seinen Standpunkt aufs Auge zu drücken. Dies wird nur
    durch den massiven Einsatz aller Massenmedien, insbesondere mit Hilfe der Presse,
    der Radio- und Fernsehsender erreicht. Dafür sind enorme finanzielle Mittel
    notwendig. Die Regel ist einfach: Je größer das Land, je größer die Wählerschaft,
    desto mehr Geld wird benötigt.
    In Deutschland, nach dem Untergang der Monarchie im Jahre 1918, entstand
    ein derartiges demokratisches System. Der Zeitraum von der Niederlage
    Deutschlands im Ersten Weltkrieg bis zur Machtergreifung Hitlers wurde in der
    Geschichtsschreibung als Weimarer Republik bezeichnet. In dieser Republik galten
    selbstverständlich genau die oben beschriebenen Regeln. Jede politische Tätigkeit
    erfordert, wie der Kessel einer Lokomotive, viel Kohle. Ohne diesen „Brennstoff“
    bewegt sich weder etwas in der Lokomotive noch in der Politik. Der Erfolg und die
    Dauer der politischen „Reise“ sind deshalb immer von der Geldbörse abhängig.
    Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, nach dieser Abschweifung in die
    Geschichte, auf unsere ursprüngliche Frage zurückzukehren.
    Woher nahm Adolf Hitler, der 15 Jahre nach dem schicksalhaften Besuch
    der Münchener Bierkneipe an die Macht kam, tatsächlich seine „Kohle“.
    Die Antwort auf diese Frage liegt offensichtlich auf der Hand. Genau das
    gleich Klischee: Das Geld gaben die Haie des deutschen Kapitalismus. Eine gute
    Antwort, bequem für alle! In der sowjetischen Geschichtsschreibung gab es nur
    diese Antwort. Dank der Bemühungen von Suworow-Resun gibt es im Westen
    inzwischen eine zweite Antwort.
    Angeblich hat Stalin selbst Hitler als zukünftigen „Eisbrecher der Revolution“
    an die Macht geführt. Folglich erhielten die Faschisten das Geld von den
    Kommunisten-Bolschewiken. Die Logik dieser letzten Behauptung ist gleich Null.
    Mit der gleichen Logik könnten wir auch behaupten, dass Russland unter der
    Führung von Jelzin, in der Zeit, in der es überhaupt kein Geld gab um dieses zu
    drucken, den internationalen Terrorismus mit großen Geldbeträgen unterstützt hat.
    Die Beschuldigung der Sowjetunion, die Entwicklung des Faschismus unterstützt zu
    haben, ist genau so absurd: Als die Faschisten ihre ersten Schritte machten, war in
    28
    Russland der Bürgerkrieg noch nicht beendet. Wie und auf welcher finanziellen
    Grundlage sollten die Kommunisten die antikommunistischen Bewegungen in
    Deutschland unterstützen? Mit dem gleichen „Erfolg“ könnte Lenin auch den
    Admiral Koltschak und General Wrangel der zaristischen Armee beglücken. Warum
    müssen derartige Dummheiten in die Welt gesetzt werden? Um Russland zu
    beschuldigen, alle nur denkbaren Todsünden begangen zu haben. Darüber hinaus,
    um jeden Verdacht von den wirklich Schuldigen der Machergreifung von Hitlers
    menschenverachtender Partei in Deutschland abzulenken. Die deutschen
    Industriellen sind auch dank der verbreiteten Klischees als wichtigste Sponsoren
    Hitlers in die Geschichte eingegangen. Stellen wir uns die Frage:
    Wozu sollten die deutschen Industriellen den Nationalsozialisten in der
    Anfangsphase Geld geben?
    Na klar, die Nazis waren wütende Antikommunisten und die Bourgeoisie
    kämpfte mit ihrer Finanzierung gegen die Gefahr einer kommunistischen
    Revolution. Diese Behauptung ist genauso ein Klischee und Mythos und hat mit der
    Realität nichts zu tun. Es ist deshalb nicht zufällig, dass in den Büchern, in denen
    solche Argumente genannt werden, die entsprechenden Zahlen und Daten fehlen.
    Wir sind nicht faul und werden „ Die Spreu vom Weizen trennen“. Gleich nach
    dem Untergang der Monarchie im November 1918 stand Deutschland an der
    Schwelle einer sozialistischen Revolution. Eine derartige Revolution hat es in
    Deutschland tatsächlich gegeben, und zwar lange bevor der tollwütige Führer auf
    die politische Bühne trat. In einer Periode von Chaos und Anarchie, bildeten sich
    nach dem Sturz des Kaisers zwei politische Lager: die sozialdemokratische
    Regierung und die an einer Revolution interessierten Kommunisten. Dies führte
    1919 zu einer Revolution in Berlin, zur Verhaftung und Ermordung von Rosa
    Luxemburg und Karl Liebknecht.
    Damit war der Kampf jedoch nicht beendet. In der gleichen Zeit erwiesen
    sich die Kommunisten in Bremen als besonders flink. Am 10. Januar 1919 wurde
    die Bremer Räterepublik ausgerufen. Aus der Stadt Hamburg kam ihnen der Rote
    Soldatenbund unter dem Kommando von Ernst Thälmann zu Hilfe. Die
    Unterstützung half jedoch nicht, die Armee in Deutschland stand eindeutig auf der
    29
    Seite des Staates. Schon am 4. Februar wurde das Rote Bremen von der Division des
    Generals Gerstenberg besiegt. Die zeitweilige Räterepublik verschwand so schnell
    wie sie gekommen war. Die Kinder in der UdSSR kannten diese Stadt nur aus dem
    schönen Märchen der Brüder Grimm aus dem viel schöneren sowjetischen
    Trickfilm. Anfang 1919 flammte der Wiederstand in der deutschen Hauptstadt
    wieder auf. Der Generalstreik, von den Kommunisten organisiert, entwickelte sich
    allmählich zu einem Aufstand gegen die Regierung. Der Aufstand wurde blutig
    niedergeschlagen. Allein in Berlin wurden 1.200 Menschen ermordet. Freiwillig
    dienende Offiziere und Unteroffiziere, d.h. so genannte Freikorps, haben gemeinsam
    mit der Polizei brutal Ordnung geschaffen. Es sind Fälle bekannt, dass wegen einer
    einzigen roten Fahne in der Kolonne der streikenden Arbeiter, die Menschenmenge
    pausenlos mit schweren Maschinengewehren beschossen wurde. Wer hat derart
    entschlossen die Unruhen erstickt? Das war Gustav Noske, das deutsche Mitglied
    im Arbeiter- und Soldatenrat während der Novemberrevolution. Dieser ehrenhafte
    Sohn des deutschen Volkes ist in die Geschichte als „Bluthund“ eingegangen. In den
    entscheidenden Tagen hat Noske selbst die berühmten Worte ausgesprochen: „…
    Einer muss der Bluthund werden! Ich scheue die Verantwortung nicht!“
    (Bloodhound – ist eine Hunderasse, die als Bluthunde bezeichnet werden. Sie sind
    durch ihren ausgezeichneten Geruchssinn bekannt. Im Mittelalter sind sie in England
    für die Verfolgung von Dieben, Mördern und anderen Verbrechern eingesetzt
    worden. Bluthunde verfolgen ausgezeichnet die Spuren und haben die Verfolgten
    stets gefasst. Außerdem fangen sie angeschossene Tiere bei der Jagd. In Kriegen
    verfolgten sie die flüchtenden Soldaten des Feindes).
    Im April 1919 kam es zu neuen Unruhen. Am 13. April wurde in München
    die Bayrische Räterepublik gegründet. Tatsächlich existierte sie nicht lange, schon
    am 5. Mai wurde sie gestürzt. Alles begann nach dem Muster der Machtübernahme
    durch die Bolschewiken in Russland. Es wurden ein Zentralrat, der zum
    Führungsorgan der Republik wurde und ein Exekutivkomitee unter Leitung der
    Kommunisten, dem zunächst auch unabhängige Sozialdemokraten angehörten,
    gegründet. Die Taktik der jungen deutschen Räterepublik ist denen bekannt, die die
    30
    „Geschichte der KPdSU“ studiert haben: Entwaffnung der Polizei und Bourgeoisie,
    Enteignung, Nationalisierung der Banken, Geiselnahme, Kontrolle in den
    Unternehmen und sogar eine deutsche Variante des Komitees für den Kampf gegen
    die Konterrevolution [19]. Bei den deutschen Freunden gab es jedoch auch eigene
    „Erfindungen“: Abschaffung des Geschichtsunterrichtes in den Schulen und die
    Herausgabe eigener Banknoten mit der Angabe des Verfallsdatums [20].
    Außerdem wurde eine deutsche Rote Armee geschaffen, die in der
    Anfangsphase sehr erfolgreich war. Zunächst hat sie die Regierungstruppen nördlich
    von München geschlagen und die Städte Karlsfeld und Freising besetzt. Große
    Erfolge hatten die deutschen Rotarmisten auch im Kampf um einen Wohnort, der
    später eine schreckliche Berühmtheit erlangte. Es handelt sich um Dachau. Gerade
    vor diesem Ort wurde die Rote Armee von den herangezogenen Regierungstruppen
    zum Stehen gebracht. Dort begann die 60-tausend Mann starke Armee unter
    Führung des „Bluthundes“, Gustav Noske, die Gegenoffensive. Gemeinsam mit der
    regulären Armee vernichteten die Freikorps die Bayrische Räterepublik, wobei sie
    ihre Gegner mit der gleichen Grausamkeit töteten, wie die Kommunisten. Die
    Straßenkämpfe in München dauerten 5 Tage. Anschließend erfolgten zahlreiche
    Hinrichtungen im Hof des Gefängnisses.
    Tatsache ist, dass die bayrische Konterrevolution weit blutiger war, als
    die Revolution. Von der Roten Armee wurden 8 Geisel erschossen. Sie waren
    Mitglieder der Thule-Gesellschaft (ein politischer Geheimbund, der im
    August 1918 in München von dem Aristokraten, Rudolf von Sebottendorf,
    gegründet wurde, Anm. d. Übers.). Die „Weißen“ erschossen fast sämtliche
    Soldaten eines Sanitätsbataillons, 21 Mitglieder eines katholischen
    Gesellenvereins, 12 Arbeiter aus Perlach, 50 freigelassene russische
    Kriegsgefangene, die führenden Mitglieder der Bayrischen Räterepublik,
    Rudolf Egelhofer, Gustav Landauer und Eugen Leviné u.a. Nach offiziellen
    Angaben forderte die Niederschlagung der Räterepublik 625 Todesopfer. An
    der „Befreiung“ Münchens nahmen auch die künftigen Nazis, Ernst Röhm
    und Rudolf Heß, teil. Hitler, der sich zu dieser Zeit in München befand, hat
    am Kampf gegen den Kommunismus aus unerklärlichen Gründen nicht
    teilgenommen. In der nationalsozialistischen Geschichtsschreibung wurde die
    Frage nach dem Warum tunlichst vermieden.
    Die rote Revolution in Deutschland wurde niedergeschlagen, aber
    irgendwelche Verdienste hatten die Faschisten daran nicht. Das ist verständlich, weil
    es zum Zeitpunkt der Niederschlagung noch keine Nationalsozialisten gab. Außer
    den 20 bis 30 Schwätzern, die während des Bürgerkrieges in München genüsslich
    ihr Bier tranken, gab es praktisch auch keine Partei. Adolf Hitler war damals ein
    bescheidener Frontsoldat und kein Politiker.
    Haben die Kommunisten weitere Versuche unternommen, die Macht zu
    ergreifen? Das haben sie. In allen Fällen wurden derartige Versuche von der Armee
    und Polizei, aber nicht von den Sturmabteilungen Hitlers, im Keime erstickt. Die
    nächste Welle der Gewalt, die mit dem „Kampf des Proletariats“ verbunden war,
    31
    überflutete Deutschland im Jahre 1923. Am 23. Oktober kam es unter der Führung
    von Ernst Thälmann zum Aufstand in Hamburg. Drei Tage und drei Nächte führten
    sie Barrikadenkämpfe in der Stadt und in den Vororten.
    Auch an diesen Kämpfen nahmen die Nationalsozialisten nicht teil. Adolf
    Hitler hatte in dieser Zeit seine eigenen Sorgen: Die Vorbereitung seines eigenen
    Umsturzes, des so genannten „Bierputsches“, stand kurz vor dem Abschluss.
    In der Zeit vom 8. bis 9. November 1923 versuchten die Nazis in München
    die Macht an sich zu reißen. In der ersten Reihe der Demonstranten, mit Stahlhelm
    und mit einer Pistole in der Hand, marschierte Adolf Hitler. Die Polizei eröffnete
    das Feuer – durch ein Wunder blieb der Führer am Leben. Der neben Hitler
    marschierende Max Erwin von Scheubner-Richter wurde erschossen. Als er stürzte,
    riss er Hitler mit sich und verletzte ihn am Schlüsselbein. Hermann Göring erhielt
    eine schwere Verwundung in der Leistengegend. Die damit verbundenen
    unerträglichen Schmerzen zwingen Göring schmerzstillende Drogen zu nehmen und
    machen ihn in seinem ganzen späteren Leben zum rauschgiftsüchtigen
    Reichsmarschall. Insgesamt wurden auf dem Münchener Pflaster 14
    Nationalsozialisten und 3 Polizisten erschossen.
    32
    Wie bereits beschrieben, wurden alle bewaffneten Versuche der Kommunisten,
    die Macht zu übernehmen, von den militärischen Kräften der amtierenden Regierung
    erfolgreich niedergeschlagen. In diesem Kampf unterstützten die Nationalsozialisten
    nicht die Regierung, sondern, im Gegenteil, sie haben ihr eine ganze Menge
    zusätzliche Probleme geschaffen. Nur wenige Wochen nach dem „roten“ Putsch in
    Hamburg organisierten sie den „braunen Bierputsch“ in München. Wenn Sie,
    verehrte Leser, Krupp oder Thyssen wären, wem würden Sie das Geld geben? Der
    amtierenden sozialdemokratischen Macht, die, wenn erforderlich ausgezeichnete
    „Bluthunde“ bereitstellt, oder irgendeiner anderen Partei? Wozu Extremisten
    bezahlen? Wenn ein Haus vom Ungeziefer befallen ist, braucht man es nicht gleich
    abzufackeln. Es gibt auch andere Mittel! Hitler mit seinem Radikalismus
    repräsentiert geradezu diese absurde Handlungsweise. Warum sollte die deutsche
    Industrie den Faschisten Geld geben? Sie leisteten keine Hilfe im Kampf gegen die
    rote Gefahr. Umgekehrt, sie versuchten selbst, die Macht an sich zu reißen. Bei den
    Kapitalisten jener Zeit könnte ohne weiteres der Eindruck entstehen, dass „das eine
    nicht besser ist als das andere“. Dabei ist nicht entscheidend, dass die Farben der
    Fahnen von den Kommunisten und Faschisten gleich und ihre Propagandamethoden
    sehr ähnlich waren. Entscheidend ist, dass beide zwar antagonistisch, aber auch
    revolutionäre Lehren sind!
  • „Wir fordern die Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens und
    die Brechung der Zinsknechtschaft;
  • „Wir fordern … die restlose Einziehung aller Kriegsgewinne“;
  • „Wir fordern die Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten
    (Trusts) Betriebe“;
  • „Wir fordern die Gewinnbeteiligungen an den Großbetrieben“;
  • „Wir fordern die Schaffung eines gesunden Mittelstandes und seiner
    Erhaltung, sofortige Kommunalisierung der großen Warenhäuser und ihre
    Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende…“;
  • „Wir fordern eine unseren nationalen Bedürfnissen angepasste Bodenreform,
    Schaffung eines Gesetzes zur unentgeltlichen Enteignung von Boden für
    gemeinnützige Zwecke. Abschaffung des Bodenzinses und Verhinderung
    jeder Bodenspekulation“.
    33
    Wenn Sie, verehrte Leser, denken, dies sei ein Ausschnitt aus einer
    kommunistischen Broschüre, so irren Sie sich gewaltig. Das sind alles Punkte aus
    dem Programm der Nationalsozialisten. Tolle Verteidiger des Kapitals, nicht wahr!
    Sie sind sogar bereit, die Besitzer des Bodens entschädigungslos zu enteignen. Sind
    das keine Bolschewisten? Würden Sie, an Stelle des Großkapitals, die Extremisten,
    die den Kommunisten so erstaunlich ähnlich sind, finanzieren? Oder wäre es nicht
    besser, die bestehende Weimarer Republik zu stärken? Deshalb, wäre es nicht
    besser, das Geld in die Polizei zu investieren, um ihre Mannschaften zu stärken oder
    das Geld in die Armee zu investieren, um ihre Gehälter zu erhöhen. Wahrscheinlich
    würden Sie ruhiger leben, wenn die staatlichen Organe und nicht die
    „Braunhemden“ Ihre Sicherheit gewährleisten und Ihr Eigentum schützen würden?
    Das bedeutet, wir müssen Gustav Noske, der 1919 den kommunistischen
    Aufstand niedergeschlagen hat, zum Helden erklären. Er ist doch ein Kriegsminister
    wie aus dem Bilderbuch: mit eiserner Hand, mit einem unerschütterlichen Willen
    und der Bereitschaft, jederzeit die Verantwortung zu übernehmen. Doch was
    geschieht wirklich: Im Jahre 1920 wird der „Bluthund“ in den Ruhezustand
    geschickt und nie wieder in die Politik zurückgerufen. Wozu brauchten die
    Deutschen eine noch blutigere Diktatur mit Hitler, wenn Noske im Vergleich mit
    diesem Diktator wie ein harmloser Pfadfinder aussieht? Die Polizisten, die mit
    wahrhaft deutschem Mut die Thälmann-Kämpfer von den Barrikaden in Hamburg
    vertrieben haben, würden wahrscheinlich einen weit besseren Ersatz für Gustav
    Noske darstellen. Diese sind doch auch von einer sehr entschlossenen Person geführt
    worden.
    Warum sollte man ausgerechnet Adolf Hitler das Geld geben? Wird er
    irgendwann helfen, die Streikbewegung zu beenden und die Kommunistische Partei
    zu zerschlagen? Schafft er das überhaupt? Wer kann das wissen? In den 20iger
    Jahren war Hitler „weder ein Spatz in der Hand noch eine Taube auf dem Dach“. Er
    war eher ein kleines Krokodil mit scharfen Zähnchen. Ungeziefer gab es in
    Deutschland schon genug. Natürlich kann ein Krokodil dressiert werden, Ungeziefer
    zu fressen. Aber das ist eine komplizierte und gefährliche Prozedur: Es kann
    passieren, dass nicht nur das Ungeziefer, sondern auch die Bewohner des Landes
    gefressen werden. Genau das ist in der Realität auch passiert: Gemeinsam mit der
    Kommunistischen Partei verschwanden von der deutschen politischen Landschaft
    die Sozialdemokraten, die Unabhängigen Sozialdemokraten und die Mitglieder der
    Wirtschaftspartei. Außerdem die Deutsche Zentrumspartei, die Bayerische
    Volkspartei, die Deutsche Demokratische Partei, die Deutsche Volkspartei, die
    Deutschnationale Volkspartei und auch alle anderen kleinen Parteien (insgesamt 38
    Parteien). Nicht wenige Mitglieder dieser Parteien wurden von den Nazis zur
    Umerziehung ins Konzentrationslager geschickt. Brauchen das die deutschen
    Industriellen wirklich [21]?
    Interessant ist, dass nach den fast zeitgleichen Umsturzversuchen sowohl die
    Kommunisten als auch die Faschisten im gegenseitigen Einklang zu richtigen
    gesetzestreuen Parteien wurden. Nach seinem kurzen Gefängnisaufenthalt erklärt
    Adolf Hitler 1924, dass er ein für alle Mal nur auf dem legalen Weg zur Macht
    34
    streben wird. Auf dem im April 1924 stattgefundenen IX. Parteitag der KPD haben
    sich die Kommunisten ebenfalls für die Legalität entschieden. Die Kommunistische
    Partei wurde zu diesem Zeitpunkt eine Parlamentspartei und kämpfte im Rahmen
    von Wahlen um die Macht. Sie verzichtete gänzlich auf die Vorbereitung von
    Staatsstreichen. Die Kommunisten beschäftigten sich mit der Agitation,
    organisierten Demonstrationen und Meetings, nähten rote Fahnen und druckten
    Flugblätter. Sie hatten wie die Nazis sogar ihre eigenen Sturmabteilungen. Aber sie
    haben nie wieder irgendwelche Umstürze vorbereitet! Es gibt kein einziges
    glaubwürdiges historisches Dokument, das derartige Aktivitäten beweist. Kein
    einziges!
    Die kommunistische Bedrohung verlor in Deutschland ihre Schärfe. Sogar auf
    parlamentarischem Wege konnten die Kommunisten nicht an die Macht kommen.
    Ihr bestes Wahlergebnis erzielten die Anhänger des bärtigen Marx am 6. November
    1932 mit 5.980.200 Stimmen, d.h. mit 16,9 % der Wahlberechtigten.
    35
    War das gefährlich? Natürlich nicht! Von einer kommunistischen Mehrheit im
    Parlament konnte nicht die Rede sein. Wenn dem so ist, dann sollen die roten
    Abgeordneten ruhig im Parlament sitzen und für die Rechte der Arbeiter kämpfen.
    Wozu sollte man die Nazis fördern, die dann später alle Parteien verbieten und sich
    selbst als die besten Verteidiger der Interessen der arbeitenden Menschen in
    Deutschland erklären werden?
    Besonders erstaunlich ist die Tatsache, dass selbst Adolf Hitler – der größte
    Kämpfer gegen den Kommunismus – nicht an eine kommunistische Gefahr in
    Deutschland glaubte. „Eine solche Gefahr besteht nicht und hat auch niemals
    existiert“ sagte er Hermann Rauschning. „Diesen Umstand habe ich immer
    berücksichtigt und ich habe angeordnet, dass die Kommunisten in unsere Partei
    ungehindert aufgenommen werden. Die Nationalsozialisten kommen niemals aus
    den Reihen der kleinbürgerlichen Sozialdemokraten oder Gewerkschaftlern, aber
    wunderbar aus den Reihen der Kommunisten“[22].
    Tatsächlich, eine große Anzahl ehemaliger Kommunisten ist damals in die
    Reihen der NSDAP eingetreten. Sie wurden später in dieser Partei als „Beefsteaks“
    bezeichnet: „braun“ von außen und „rot“ von innen. In Deutschland finden schon
    keinerlei Aufstände und Umstürze mehr statt – nicht von den Rechten, und was für
    uns besonders wichtig ist, auch nicht von den Linken. Die Gefahr einer Vergiftung
    bestand nicht, d.h. es wurden auch keine Entgiftungsmittel gebraucht. Es bestanden
    gute Voraussetzungen, die Rechtsordnung, Rechtsorgane und ihre Beschützer zu
    stärken und alle Extremisten – sowohl rechte als auch linke – schonungslos zu
    bestrafen. Aber irgendjemand brauchte unbedingt die Machtübernahme durch Adolf
    Hitler. Ganz sicher waren das nicht die deutschen Industriellen.
    Bis jetzt haben wir keinen einzigen Grund gefunden, warum die Klasse der
    deutschen Großbourgeoisie die Nationalsozialisten finanzieren sollte. Natürlich gab
    es einige Vertreter, die ohne Zweifel Hitler Geld gaben. Aber das war eher die
    Ausnahme als die Regel. Das waren offensichtlich diejenigen, die das Programm der
    NSDAP nicht gelesen haben und bestrebt waren, die erheblichen sozialistischen
    Tendenzen in diesem Papier nicht zu bemerken. Aber es geht nicht nur um das
    Programm! Erinnern wir uns an den Namen der Hitlerpartei (Nationalsozialistische
    Deutsche Arbeiterpartei) und die Frage der Beziehung des Großkapitals zu ihr
    entfällt von selbst. Wo haben Sie, verehrte Leser, Magnaten gesehen, die eine
    sozialistische Arbeiterpartei finanzieren? Gibt es auf der politischen Bühne in
    Deutschland keine respektableren Parteien?
    Betrachten wir folgende interessante Frage: Wann gaben die berüchtigten
    „deutschen Industriellen“ den Nazis das Geld? Fünfzehn Jahre, d.h. von 1919 bis
    1933, dauerte der Aufstieg von Adolf Hitler zur Macht. In der Literatur über den
    Weg des Führers der Nazis zu den Gipfeln der politischen Macht ist eine interessante
    Gesetzmäßigkeit zu finden: Je näher der Sieg von Adolf Hitler umso mehr
    Informationen über Sponsoren werden von den Historikern mitgeteilt. Als Hitler
    zum Reichskanzler ernannt wurde, haben sicher nur Faulpelze keine Gelder in die
    Parteikasse der NSDAP eingezahlt. Die Zahl der Sponsoren wurde immer größer.
    Der Führer der NSDAP konnte nun auf gleicher Augenhöhe Gespräche mit allen
    36
    Magnaten in Deutschland über Unterstützungen führen. Hinter seinem Rücken
    standen hunderttausende SA-Männer, viele Mitglieder seiner Partei und die
    Sympathie von Millionen seiner Wähler. Von diesem Zeitpunkt an verhandelte er
    tatsächlich mit den „deutschen Industriellen“ und bekam von Ihnen die
    entsprechenden Mittel. Aus irgendeinem Grund lieben es die Historiker nicht, ein
    äußerst wichtiges Detail zu beachten. Fast alle Fakten dieser Unterstützung Hitlers
    beziehen sich auf die letzten zwei Jahre vor seiner Machtübernahme. Der bekannte
    deutsche Unternehmer, Fritz Thyssen, hat in seinem Buch „Ich zahlte Hitler“
    zugegeben, dass der Gesamtbetrag, den die Schwerindustrie Hitler übergab,
    insgesamt zwei Millionen Mark betrug [23]. Die Rheinwestfälische Gruppe der
    Industriellen hat nach den Worten von Walther Funk auf dem Nürnberger Prozess,
    Hitler einen Geldbetrag von mehr als einer Millionen Mark gegeben [24]. Dies
    geschah alles in den Jahren von 1931 bis 1932.
    Die Sieger des Zweiten Weltkrieges haben aus irgendeinem Grund diese Tatsachen
    völlig außer Acht gelassen. Keiner der reichen Industriellen wurde für die
    Finanzierung der Hitlerpartei, die letztendlich zum Tod von zig Millionen Menschen
    beigetragen hat, zur Verantwortung gezogen und vor ein Gericht gestellt. Im Jahre
    1947 wurde z.B. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach zu 12 Jahren Haft mit
    Einbeziehung seines Vermögens verurteilt. Diese Strafe erhielt er nicht für die
    Finanzierung der Nazis, sondern dafür, dass in seinen Fabriken völlig unschuldige
    Menschen aus Osteuropa als Zwangsarbeiter tätig waren. Der Industrielle, Emil
    Kirdorf, aus dem Ruhrgebiet, der schon frühzeitig von den Ideen Hitlers begeistert
    war, hat von jeder Tonne der verkauften Kohle 5 Pfennige an die Parteikasse der
    NSDAP abgeführt. Diese „Spende“ betrug 6 Millionen Mark/Jahr. Das war sehr viel
    Geld! Aber auch dafür wurde er nicht vor ein Gericht gestellt. Nur wenn die Kohle
    von den Häftlingen eines Konzentrationslagers abgebaut wurde und dabei hunderte
    oder tausende Menschen vor Erschöpfung starben, dann erhielt der entsprechende
    „Sponsor“ der Nazis seine Haftstrafe. Keine Häftlinge – keine Anklageschrift!
    Für die Finanzierung von Hitler und seiner Partei wurde niemand angeklagt
    und verurteilt. Nicht weil die Industriellen dank ihrer vielen Milliarden gerichtlich
    nicht belangt werden konnten, sondern weil die Summe ihrer „Opfergaben“ im
    37
    Vergleich mit den Ausgaben der Hitlerpartei lächerlich gering waren. Ihre Hilfe für
    die Nazis war wichtig, aber nicht entscheidend. Sogar in den 30iger Jahren, d.h. in
    den „goldenen Jahren“ Adolf Hitlers, standen die Ausgaben der Nazis in keinem
    Verhältnis zu den Einnahmen! Nach vorsichtigen Schätzungen betrugen die
    Ausgaben der NSDAP für Propaganda, für die SA-Männer und für die ständigen
    Wahlen 70 bis 90 Millionen Mark im Jahr [25].
    Die nachweisbaren Spenden für die NSDAP in Höhe von 3 Millionen Mark,
    1 Million Mark und sogar von 6 Millionen Mark aus dem Kohlepfennig sind im
    Vergleich mit den Ausgaben nur Kopeken. Selbst wenn wir die Parteibeiträge und
    Opfergaben der Deutschen dazu zählen, ergibt sich eine Differenz von 30 bis 40
    Millionen Mark, die zwangsläufig aus anderen Quellen gedeckt werden mussten.
    Lügen die Industriellen? Spielen sie die Höhe ihres Anteils an der Finanzierung von
    Hitler herunter? Nein, sie sagen die reine Wahrheit. Wer gab Hitler die fehlenden
    Millionen? Er hat sie doch nicht aus dem Nichts geschaffen!
    Eine überzeugende Antwort auf diese Frage hat bisher kein einziger Forscher
    gegeben. Genauer gesagt, es wurden nur solche Antworten gegeben, die die Leser
    veranlassen, den Historikern künftig keine derartigen unbequemen Fragen mehr zu
    stellen. Vielleicht sind auch deshalb in den letzten Tagen des 3. Reiches ungefähr
    90% aller Finanzunterlagen der Nazipartei spurlos verschwunden. Im Frühjahr 1945
    haben die Faschisten hektisch viele Beweisunterlagen vernichtet. Unberührt blieben
    die Archive der Gestapo, in die Hände der Sieger gelangte außerdem der
    vollständige Schriftverkehr der SS und der Parteiführung (z.B. der Briefwechsel
    zwischen Kaltenbrunner und Bormann). Diese Dokumente haben entscheidend dazu
    beigetragen, die höchsten Beamten des 3. Reiches an den Galgen und hinter Gitter
    zu bringen. Warum haben sie diese gefährlichen Dokumente nicht rechtzeitig
    vernichtet? Weil sie in dieser Zeit damit beschäftigt waren, die Unterlagen der Partei
    über ihre Finanzen zu vernichten. In erster Linie wurden diese Unterlagen vernichtet,
    erst dann wurde der so genannte „Kleinkram“, d.h. die Befehle über
    Massenerschießungen und Deportationen, verbrannt. Lohnte es sich, angesichts des
    bevorstehenden Untergangs, inmitten der Ruinen von Berlin und München,
    Unterlagen über die Finanzquellen Hitlers aus der Zeit vor seinem Machtantritt zu
    vernichten? Himmler oder Göring könnte es doch völlig egal sein, ob die
    Weltöffentlichkeit etwas über die Hintergründe der Finanzierung von Hitlers
    Machtantritt erfährt oder nicht. Ihnen drohte so oder so mindestens eine langjährige
    Gefängnisstrafe. Warum in dieser Situation Archivunterlagen mit
    Geldüberweisungen verbrennen und nicht mit Befehlen über Erschießungen und
    Hinrichtungen? Für Göring und Himmler machte das alles natürlich keinen Sinn,
    denn ihre Verbrechen waren wesentlich schwerwiegender. Aber die kleinen Fische
    im Naziapparat wollten gern weiter leben. Z.B. der ständige Schatzmeister der
    NSDAP, Reichsleiter und Obergruppenführer der SS, Franz Xaver Schwarz. Er
    verbrannte eigenhändig alle Finanzunterlagen der Partei im „Braunen Haus“ in
    München. Schwarz kannte jedes Detail der Finanzierung seiner Partei. Wegen seines
    Geizes beschwerte sich Hitler mehrmals. Er schimpfte „Für jeden Pfennig muss man
    ihn anbetteln“, „Mit seinem … sitzt er fest auf den Geldtruhen“ und „Auf der Straße
    38
    bekommt man mehr, als bei ihm“. Aber seinen Schatzmeister Schwarz hat Hitler
    weder rausgeschmissen noch bestraft, denn so wie er, sollte jeder Finanzminister
    sein.
    Warum hat Schwarz die Finanzdokumente vernichtet? Viel interessanter ist
    die Frage: Warum hat er nicht ohne Ausnahme sämtliche Dokumente vernichtet,
    sondern einen Teil davon nicht angerührt? Weil Franz Xaver Schwarz an seinem
    Leben hing und dafür etwas tun musste. Er war verpflichtet, alle komprimierenden
    Dokumente zu verbrennen und die unverfänglichen an ihrem Platz zu belassen.
    Von wem hing das zukünftige Schicksal der Naziführer ab? Von den
    deutschen Industriellen Krupp und Borsig! Selbstverständlich nicht! Es hing von
    denen ab, die das faschistische Deutschland besiegt haben – von den führenden
    Persönlichkeiten der Länder der Antihitlerkoalition. In welche Okkupationszone
    strebten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Kräften die Bonzen des
    Dritten Reiches? In die anglo-amerikanische Zone. Von den in München
    einmarschierenden Verbündeten wurde auch Franz Xaver Schwarz verhaftet, der
    vorbeugend in seinem Archiv alles Überflüssige bereits verbrannt hatte. Auf der
    Basis der erhalten gebliebenen Unterlagen der NSDAP zogen unsere Historiker die
    Schlussfolgerung, dass die deutschen Industriellen Hitler finanziert haben.
    Siehe da, hier geschah ein „Verwandlungswunder“: in 10% der verbliebenen
    Dokumente ist die Rede von deutschen Sponsoren für die Nazis, was automatisch
    bedeutet, dass auch in den 90 % der verbrannten Dokumente genau das gleiche
    stand! Diese umwerfende Schlussfolgerung ziehen sowohl die westlichen als auch
    die sowjetischen Historiker. Für Sie, verehrter Leser, bleibt der Verstoß gegen die
    Gesetze der Logik im Verborgenen. Doch warum einen großen Teil der Dokumente
    verbrennen und einen kleinen Teil erhalten, wenn auf seiner Grundlage alle
    Dokumente „wiederhergestellt“ werden können? Der Logik folgend, müssten sich
    39
    doch die verbrannten Dokumente radikal von den erhaltenen gebliebenen
    unterscheiden! Natürlich müssen die Dokumente vernichtet werden, die kein
    einziger Forscher sehen darf. D.h. jene, welche die Regierungen der Siegerländer,
    ihre Geheim- und Nachrichtendienste kompromittieren. Erhalten blieben dank
    Obergruppenführer Schwarz genau die Dokumente, die belegen, dass Opfergaben
    von Krupp, Borsig u.a. erfolgten, d.h. von deutschen Industriellen, von denen der
    ehemalige Schatzmeister der NSDAP jetzt nicht mehr abhängig ist. Das weitere
    Schicksal von Franz Xaver Schwarz beweist, dass unsere Schlussfolgerungen der
    Wahrheit sehr nahe kommen. Nach der Vernichtung der Papiere, welche die Sieger
    kompromittieren könnten, erhielt der große NSDAP-Mann und SS-Mann eine
    „kindische“ Gefängnisstrafe von 2 Jahren. Schon im Jahre 1947 ist der
    Schatzmeister des Führers wieder auf freiem Fuß. Ihm scheint, dass alles wie
    vereinbart läuft. Im Gericht macht er die richtigen Aussagen, schweigt, wo er
    schweigen muss, erhält ein paar Jahre Gefängnis und ist schnell wieder auf freien
    Fuß. Nur eins hat er leider vergessen – nur ein toter Zeuge ist ein guter Zeuge! Franz
    Xaver Schwarz, schon 1947 wieder in Freiheit, ist plötzlich im gleichen Jahr
    gestorben. Im Gefängnis ist er gesund, in der Freiheit stirbt er.
    Die Namen der Personen, die Hitler finanziell unterstützten, sind oft genannt
    worden. In der Regel sind das entweder die berühmten „Krupp und Borsig“ oder
    irgendwelche Figuren von provinzieller Natur. Als Hitler wegen seines
    „Bierputsches“ vor dem Gericht stand, wurde festgestellt, dass seine Partei
    finanzielle Unterstützungen vom Direktor des bayerischen Industriellenverbandes,
    vom Geheimrat, Hermann Aust, und vom Rechtsberater des Bündnisses, Doktor
    Kuhlo, erhalten hatte.
    Derartige Namen kann man ohne Ende aufzählen – sie sagen uns gar nichts.
    Die Summen dieser Unterstützungen sind derart gering und lächerlich, dass sie auf
    keinen Fall Hitler geholfen haben, in Deutschland die Macht zu ergreifen. Warum
    lieben es die Historiker, uns verschiedene rührende Geschichten darüber zu
    erzählen, wie Bürger und Bürgerinnen den jungen Hitler unterstützt haben? Von
    einem Buch zum anderen Buch über Hitler wandert z.B. die Geschichte von der
    wichtigen Spende der Ehefrau des Besitzers der bekannten Pianofabrik, Helene
    Bechstein.
    40
    Diese ältere Dame entwickelte zum Waisen Adolf eine wahre Mutterliebe.
    Um mit Hitler während seines Aufenthaltes im Gefängnis eine Rendezvous zu
    bekommen, gab sie ihn als ihren Adoptivsohn aus.
    Ebenso freigebig war Frau von Seidlitz: nach den Worten der HitlerBiographen übergab sie ihren gesamten Besitz den Nazis [26]. Will man damit
    andeuten, der Platz solcher flinker Damen wäre auf der Bank der Angeklagten des
    Nürnberger Prozesses? Sollen bornierte Damen im hohen Balzac-Alter für die zig
    Millionen Opfer des Naziregimes die Verantwortung übernehmen? Diejenigen, die
    uns so farbenfroh die Vorlieben solcher Großmütter beschreiben, verstehen
    entweder gar nichts von der Finanzierung von politischen Parteien oder, im
    Gegenteil, sie sind bestens mit dieser Frage vertraut. Allen ist sicher klar, dass mit
    den Opfergaben einiger Damen keine Partei und auch keine Sturmabteilungen
    finanziert werden können. Irgendjemand gab den Nazis das Geld, denn die
    Sturmabteilungen entwickelten sich rasant. Jeder Stürmer (SA-Mann) erhielt von
    der Partei kostenlos seine Kleidung, feste Schuhe und eine gute Verpflegung. Jeder
    SA-Mann erhielt in der Zeit der schrecklichen totalen Arbeitslosigkeit in
    Deutschland außerdem ein bescheidenes Gehalt. Diese Maßnahmen und nicht die
    schönen Reden des Führers, Adolf Hitler, trugen maßgeblich dazu bei, viele neue
    Mitglieder für die faschistische Partei zu werben und zu gewinnen. Zieh das braune
    Hemd an, dann haben deine Kinder etwas zu Essen. Die Sturmabteilungen wuchsen
    und wuchsen, d.h. die Ausgaben für sie auch. Woher nahm der Führer das Geld? Die
    Mitgliedsbeiträge können das auch nicht erklären. Das wäre schon sehr komisch: Es
    kommt der zukünftige SA-Mann in die NSDAP und zahlt seinen Mitgliedsbeitrag.
    Auf der Grundlage dieses Beitrages wird er eingekleidet, erhält seine Verpflegung
    und ein Gehalt?
    Die Antwort auf die Frage über die tatsächlichen Geldquellen der
    Nationalsozialisten finden wir, so seltsam es klingt, in den gleichen Büchern über
    41
    den Führer. „Hitler organisierte auch systematisch die Sammlung von Geld im
    Ausland. Einer seiner eifrigsten Eintreiber war ein gewisser Doktor Hanser in der
    Schweiz (K. Heiden „Geschichte des Nationalsozialismus“ russ. Ausgabe „Der Weg
    der NSDAP“) [27].
    Ich gebe zu, als ich auf diesen Satz gestoßen bin, musste ich, um zu begreifen,
    dass ich den Inhalt richtig verstanden habe, ihn immer und immer wieder lesen.
    Der angehende Politiker Hitler sucht das Geld im Ausland!
    Um uns nicht völlig zu verwirren und unsere Psyche zu schonen, nutzen die
    Autoren der Bücher über den Führer unbedingt das kleine Wort „auch“, damit wir,
    Gott bewahre, nicht denken, dass ALL IHR GELD die junge und hungrige
    nazistische Partei aus dem Ausland erhielt! Außerdem haben sie zur Ablenkung ein
    paar nette ältere Damen arischer Herkunft und irgendeinen Industriellen aus
    Deutschland auf Lager, die Hitler ein wenig Geld gegeben haben.
    Es ist verständlich, dass Bürger irgendeines Landes ihre eigenen Politiker mit
    Geldspenden unterstützen wollen. Ihnen gefallen die führende Persönlichkeit, ihr
    Programm und vielleicht noch irgendetwas anderes. Letztendlich können Spenden
    an politische Parteien nicht verboten werden. Mögen sie spenden! Jedoch in einem
    beliebigen unabhängigen Land ist es den Politikern verboten, Spenden aus dem
    Ausland anzunehmen. Unter dem Deckmantel derartiger persönlicher und
    gutgemeinter Spende verbergen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit Geheimdienste
    des Machtkonkurrenten, die auf diesem Wege eine Marionette, d.h. ihren Favoriten
    an die Macht bringen wollen. Natürlich zum eigenen Vorteil und Wohle. Aus diesem
    Grund wird jeder beliebige Staat, der seine Unabhängigkeit bewahren möchte, die
    Bildung verschiedener Geldanlagen und Organisationen, die von ausländischen
    „Menschenfreunden“ finanziert werden, sehr aufmerksam beobachten. Bei uns (in
    Russland, d. Übers.) werden solche „brüderliche Gemeinschaften“ als
    „Nichtstaatliche Organisationen“ (NSO) bezeichnet. Warum wird diesen NSOs im
    modernen Russland so viel Aufmerksamkeit geschenkt? Damit die Finanzierung und
    Steuerung des politischen Kampfes nicht aus dem Ausland erfolgt!
    Das ist vernünftig und richtig. Unser Buch beschäftigt sich jedoch nicht mit
    den Problemen der jungen russischen Demokratie, sondern mit den Schwierig-keiten
    42
    eines anderen, wenn auch jungen Staates, der Weimarer Republik. Sogar auf der
    Grundlage unbedeutender und lückenhafter Informationen und Nachrichten aus
    dieser Zeit ist festzustellen, dass Anfang der 20iger Jahre des 20. Jahrhunderts dort
    ein einmaliges Chaos herrschte. Im Unterschied zu der heutigen Macht in der
    Russischen Förderration interessierte sich im damaligen Deutschland niemand von
    den Machthabern dafür, warum die NSDAP aus dem Ausland finanziert wird. Das
    Ergebnis dieser völlig fehlenden Neugierde der Macht ist allgemein bekannt: Im
    Jahre 1933 kam Adolf Hitler an die Macht…
    Der zur Macht strebende Politiker, Adolf Hitler, erinnerte sogar aus größerer Entfernung
    nicht an einen großen Führer.
    Wer aus dem Ausland wollte dem kaum bekannten deutschen Politiker Geld
    geben? Die Historiker entwickeln dazu verschiedene Varianten und Versionen. Wer
    sie liest kann nur staunen.
    „Die Partei, die sich so erfolgreich behauptete, erhielt ihre finanzielle
    Unterstützung auch aus tschechoslowakischen, skandinavischen und in erster Linie
    aus den schweizerischen Finanzkreisen“[28], schreibt Joachim Fest, der als einer
    der besten Biographen des Führers bezeichnet wird.
    Wir müssen zugeben, das ist eine ziemlich unerwartete Behauptung. Wo
    bleiben die „deutschen Industriellen“? Es zeigt sich, dass ernsthafte Forscher der
    Geschichte des Nationalsozialismus, obwohl sie sich nicht einmal besonders
    bemühen, die geschichtlichen Klischees ihrer Leser zu zerstören, selbst – im
    Unterschied zu vielen Lesern – diesen Klischees keinen Glauben schenkt.
    Wozu sollten die Tschechen ihr Geld dem angehenden Fanatiker Adolf Hitler
    geben? Nichts, außer laute Auftritte in Bierkneipen und Zirkuszelten hatte der
    Führer bis zu diesem Zeitpunkt geleistet. Ja, seine Auftritte sind gut, ja, er ist
    43
    talentiert, ja, er ist eine Bestie. Aber er ist gegenwärtig nur eine von vielen Figuren
    in der regionalen bayerischen politischen Szene! Ja, was ist er! Die
    Nationalsozialisten sind vorläufig nur eine winzige politische Gruppierung. Das
    schreiben die „großen Kenner“ des Dritten Reiches sogar selbst.
    „Bis zum Jahre 1930 waren die Nazis nur eine unbedeutende Partei, die sich
    an der Peripherie des politischen Lebens in Deutschland tummelte“ [29].
    Welches Interesse hatten die Tschechen an den Nazis? Welchen Grund haben
    die Skandinavier, Hitler zu finanzieren? Wozu brauchen die Schweizer die
    Nationalsozialisten? In der Regel werden wir auf diese Fragen keine Antworten von
    den Historikern erhalten. Es ist schwierig, sich dafür plausible Gründe auszudenken.
    In der Regel finden wir solche nichtssagenden Sätze wie: „die Beweggründe für die
    Unterstützung der Partei waren so vielfältig wie die Quellen der Finanzierung“ [30].
    Wir brauchen keine Ausreden, sondern Antworten! Natürlich gibt es
    Wissenschaftler, die Bücher schreiben, sie in millionenfachen Auflagen verlegen
    und verkaufen, gut davon leben, aber die von ihnen untersuchten Probleme und
    Fragen nicht verstehen. Ich habe nichts dagegen, wenn Schriftsteller und Forscher
    gut leben. Aber ich möchte, dass sie zumindest ihre Leser respektieren!
    In den Jahren 1938 bis 1939 wird die Tschechoslowakei von Hitler zerstückelt
    und anschließend Stück für Stück annektiert. Für was haben die geheimnisvollen
    tschechischen Freunde der NSDAP das Geld gegeben? Waren sie noch bei
    Verstand?
    Die neutralen „Skandinavier“ haben angeblich auch Adolf Hitler geholfen.
    Wer waren diese Skandinavier? Vielleicht waren es die Norweger, deren Territorium
    1940 von den Empfängern ihres Geldes erobert wurde? Oder war es der norwegische
    König, der vor langer Weile politisches Roulett spielte, dem Führer Geld schickte
    und später auf einem britischen Minenboot aus seinem Land flüchtete? Sicher gibt
    es einfachere Möglichkeiten, einen Ausflug auf hoher See zu organisieren.
    Vielleicht waren diese „Skandinavier“ auch Dänen, deren Land ohne jeglichen
    Widerstand seiner Armee annektiert wurde? Oder die Schweden, die wie durch ein
    44
    Wunder bis zum Ende des Krieges neutral blieben?
    Wie bereits erwähnt wurde, dienen finanzielle Zuwendungen an politische
    Parteien immer einem bestimmten Ziel. Das gilt insbesondere dann, wenn es sich
    um die Finanzierung von Politikern durch Bürger fremder Staaten handelt. In diesem
    Fall sind die damit verbundenen Zielstellungen besonders schwerwiegend. Sie sind
    nicht nur von wirtschaftlicher, sondern vor allem von geopolitischer und
    strategischer Natur.
    Einen realen Sinn, Hitler und seine Partei zu finanzieren, sehe ich bei keinem
    der o.g. „Geldgeber“. Worin besteht das „Geschäft“, worin der Gewinn? Worin
    besteht der geopolitische Nutzen? Welchen Nutzen haben die Tschechoslowakei,
    Norwegen oder die Schweiz von der Wiedergeburt eines starken deutschen Staates?
    Überhaupt keinen! Vielleicht sind sie geheime Anhänger der Nazis? Nein, derartiges
    ist weder in Dänemark, in der Tschechoslowakei noch in der Schweiz bekannt
    geworden. Natürlich, ein paar hundert Fanatiker, welche die Reihen der SSDivisionen und später die Massengräber füllten, gab es. Geldspenden und
    Kanonenfutter sind jedoch offensichtlich zwei völlig verschiedene Dinge!
    In seinem Buch schreibt Joachim Fest „Im Herbst 1923 ist Hitler nach Zürich
    gereist und kehrte von dort, wie man sagte, mit einer Kiste, gefüllt mit Schweizer
    Franken und Dollarscheinen, zurück”[31]. D.h., am Vorabend des Putschversuches
    in München hat irgendjemand dem künftigen Führer eine solide Geldsumme
    bereitgestellt. Uns versuchen bestimmte Wissenschaftler davon zu überzeugen, dass
    dies die Schweizer waren!
    Zu diesem Sachverhalt ist eine Erklärung notwendig. Im April 1917 ist
    Wladimir Iljitsch Lenin von Zürich in der Schweiz über das Deutsche Reich und
    Skandinavien nach Petrograd gefahren. Durch Deutschland fuhr er in einem
    plombierten Eisenbahnwaggon. Warum schreiben viele Autoren, dass die großen
    Finanzmittel, welche die Bolschewiki besaßen, Gelder des deutschen Generalstabes
    waren? Was ist das für ein Blödsinn? Lenin lebte doch in der Schweiz, in der Stadt
    Zürich, in die nach nur sechs Jahren Adolf Hitler fuhr. Wenn wir der Logik der
    Hitler-Biographen folgen, dann gaben die Schweizer Lenin das Geld! Der Schweizer
    45
    Geheimdienst ist demnach der Organisator der Oktoberrevolution in Russland!
    Niemand ist bisher darauf gekommen. Weil, wie im Fall mit den Nazis völlig unklar
    ist, warum die Schweizer Geld für die russische Revolution oder für deutsche
    Randgruppen ausgeben. Vielleicht, damit sie mehr Schokolade im zerstörten Europa
    verkaufen können? Oder um auf diese Art und Weise den Verkauf ihrer Uhren zu
    steigern?
    Solang wir die Tschechen und die Schweizer für die Schatzmeister der
    Nationalsozialisten halten, werden wir die Geschichte des Aufstieges von Hitler an
    die Macht und die Geschichte der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges nicht
    verstehen. Warum schreiben die Hitler-Biographen einen derartigen Unsinn?
    Verstehen sie tatsächlich nicht die Naivität ihrer Behauptungen?
    Sie verstehen dies sehr wohl. Deshalb werden wir mit nichtssagenden
    Antworten abgespeist. Als gewissenhafte Menschen müssen sie darüber schreiben,
    weil es viele Zeugen gibt, die beweisen, dass über die Tschechoslowakei, die
    skandinavischen Länder und die Schweiz Finanzen zu Hitler geflossen sind. Obwohl
    diese Informationen nur wenige Zeilen einnehmen, sagen sie mehr über die
    Hintergründe, den Verlauf und die Folgen des Zweiten Weltkrieges aus, als ganze
    Seiten vieler historischer Arbeiten.
    Die Finanzierung dunkler Machenschaften und fragwürdiger
    Geschichten in der Weltpolitik werden immer über Banken und
    Persönlichkeiten neutraler Länder abgewickelt! Kommt die Wahrheit ans Licht,
    dann wird alles auf die „Neutralen“ geschoben, keine Supermacht hat damit etwas
    zu tun. Deshalb werden von den Historikern nur diese genannt. Die schweizerischen
    Bankiers haben nur ihre Aufgabe erfüllt. Sie wurden beauftragt – Hitler das Geld zu
    übergeben. Und das taten sie auch.
    Eine weitere wichtige Frage ist: Warum gaben die „guten“ Neutralen gerade
    ihm das Geld? Vielleicht haben sie alle Parteien gesponsert? Nach der Devise: Egal
    wie es kommt! Nein nicht alle. Nur die Perspektivreichsten. „Das so genannte
    „dunkle Pferdchen“, Kurt Lüdecke, hat in dieser Zeit offensichtlich auch aus
    unbekannten ausländischen Quellen erhebliche Geldmittel erhalten. Er finanzierte
    damit z.B. eine „private“ Sturmabteilung mit mehr als 50 Kämpfern“ [32].
    Wer war Kurt Lüdecke? Ein hochgestellter Nazi? Nein! In den Büchern
    können wir über ihn folgende Beschreibung finden: „Er gehörte zu den ersten
    Anhängern der Bewegung“, „einer der Freunde“ und sogar „ein Agent Hitlers“.
    Dieser, sich durch nichts besonders auszeichnende „Freund“, schöpfte aus
    unbekannten ausländischen Quellen Geld für den jungen aufstrebenden Hitler.
    Später finden wir das „dunkle Pferdchen“ als Korrespondenten der Zeitung
    „Völkischer Beobachter“ des Zentralorgans der Nationalsozialistischen Deutschen
    Arbeiterpartei. Warum ernennt Hitler seinen „Geldbeschaffer“ nicht zum Gauleiter,
    nicht zum Gruppenführer der SS und nicht einmal zum Hauptredakteur, sondern nur
    zum Korrespondenten? Ein derartiger alter cleverer Freund könnte dem neuen
    Reichskanzler, Adolf Hitler, auf einem verantwortungsvollen Posten sicher sehr
    nützlich sein. Aber Kurt Lüdecke wird zum Schreiben von Reportagen
    abkommandiert.
    46
    Doch wir brauchen uns nicht zu wundern, denn die Bezeichnung „dunkles
    Pferdchen“ ist nichts anderes als ein Synonym für die Worte „Kundschafter“ oder
    „Agent“. Korrespondent einer Zeitung zu sein – das ist eine beliebte Legende für die
    verdeckte Tätigkeit eines Geheimdienst-Mitarbeiters. Anhand der Information,
    wohin Lüdecke in den 30iger Jahren delegiert wird, können wir ableiten, woher er
    seine finanziellen „Inspirationen“ in den Jahren 1920 bis 1922 erhielt. Wohin wird
    er geschickt? Nach Bremen, Rostock oder Berlin? Vielleicht sogar nach Moskau,
    Prag oder Genf? Nein, Kurt Lüdecke wird in die USA geschickt …
    Es gibt eine weitere interessante Variante: Hitler wurde vom
    französischen Geheimdienst finanziert [33]!
    Mit dieser Logik sind wir schon vertraut. Es gibt Informationen, dass die
    Nazis Finanzspritzen aus dem benachbarten Frankreich erhalten haben. Irgendwie
    muss man den Lesern erklären, warum die Franzosen das gemacht haben. Deshalb
    schreiben die „Wissenschaftler“, dass für die Franzosen die Nazis bayrische
    Separatisten sind, die unterstützt werden müssen!
    Frankreich war schon immer ein Anhänger einer Politik der Zersplitterung
    Deutschlands in viele kleine Länder. Deshalb hat die Idee, den Anhängern einer
    Politik der Abspaltung Bayerns von Deutschland Geld zu geben, eine reale
    Grundlage. Der einzige Haken: Die Anhänger Hitlers waren keine Separatisten und
    für Hitler war Frankreich der Hauptfeind von Deutschland. „Denn über folgendes
    muss man sich völlig klar sein: Der Todfeind des deutschen Volkes ist und bleibt
    Frankreich. Egal wer in Frankreich regiert oder regieren wird, ob Bourbonen oder
    Jakobiner, Napoleoniden oder bürgerliche Demokraten, klerikale Republikaner oder
    rote Bolschewisten – das Endziel ihrer außenpolitischen Tätigkeit wird immer die
    Eroberung des Rheins sein. Damit Frankreich diesen großen Fluss in seinen Händen
    behält, wird es immer bestrebt sein, dass Deutschland ein schwacher und
    zersplitterter Staat bleibt.“, schrieb Hitler ein wenig später in seinem Buch „Mein
    Kampf“. Wird der französische Geheimdienst tatsächlich von solchen Dummköpfen
    geführt?
    Zum Zeitpunkt der so genannten französischen Zuwendungen gab es Hitlers
    Buch noch gar nicht. Vielleicht ist das der Grund für die merkwürdige „Verwirrung“
    47
    der Hitlerforscher? Das Programmwerk des Führers existierte nicht, aber das
    Programm der NSDAP gab es. Schon aus reiner Neugier sollten sich die Franzoden
    mit ihm vertraut machen, zumindest vor der Bereitstellung finanzieller Mittel einmal
    durchblättern. Eine Verwechslung von Separatisten und Nazis wäre damit völlig
    ausgeschlossen. Die Franzosen haben offensichtlich das Programm der NSDAP
    nicht gelesen. Wahrscheinlich hatten die französischen Geheimdienste so viel Geld,
    dass sie sich erst gar nicht der Mühe unterzogen, die Dokumente der Organisationen
    zu lesen, an die sie ihre Finanzhilfen austeilten. Haben sie Finanzmittel verteilt, die
    zur Unterstützung von extremistischen Organisationen der deutschen Nachbarn
    vorgesehen waren?
    Warum können wir das lauthals behaupten? Weil jeder, der das Programm der
    Hitlerpartei gelesen hat, feststellen wird, dass vom Separatismus in diesem
    Dokument überhaupt nicht die Rede ist. Genau wie jeder „Kapitalist“ in diesem
    Programm auch keine „kapitalistischen“ Punkte über die „unentgeltliche Enteignung
    des Bodens“ und über die „Nationalisierung der Industriebetriebe“ lesen wird. Im
    Gegenteil, die NSDAP trat in ihrem Programm für die Einheit Deutschlands auf.
    Schon der erste Punkt in diesem Programm zerstreut in dieser Frage jeglichen
    Zweifel: „Wir fordern den Zusammenschluss aller Deutschen auf der Grundlage des
    Selbstbestimmungsrechtes der Völker in einem großen Deutschland.“ Sogar wenn
    der französische Geheimdienst aus Zeitgründen nur den letzten, d.h. den Punkt 25,
    gelesen hat, gibt es keinerlei Zweifel an den Plänen der Hitlerpartei. Im Programm
    der NSDAP, das am 1. April 1920 beschlossen wurde, lautet der letzte, d.h. der 25.
    Punkt:
    „Zur Durchführung all dessen fordern wir die Schaffung einer starken
    Zentralgewalt des Reiches. Unbedingte Autorität des zentralen politischen
    Parlaments auf dem Territorium des Reiches und in allen seinen Organisationen.“
    Mit dem gleichen Erfolg können wir General Denikin (Kommandeur der
    Weißen Armee während des Bürgerkrieges 1917-1923 – Anm. d. Übers.) mit seiner
    Losung für ein „Einheitliches und unteilbares“ Russland oder die Führer des
    Volksaufstandes gegen die polnische-litauische Besetzung, Minin und Poscharski,
    Anfang des 17. Jahrhunderts (Führer der russischen Volkserhebung gegen die
    polnisch-litauische Besetzung während der Wirren Anfang des 17. Jahrhunderts) als
    Separatisten bezeichnen. Bedeutet das, dass die Franzosen tatsächlich zu faul waren,
    das Programm der Faschisten zu lesen? Oder haben sie es gelesen und hervorragend
    verstanden, wem sie das Geld geben? Aber warum sollten die Franzosen einer
    politischen Bewegung helfen, die fünfzehn Jahren später ihre Heimat zerschlägt und
    okkupiert? Es soll auch schon folgendes vorgekommen sein: Ein gewisser Herr
    züchtet einen riesigen bösen Hund, der seinen Nachbarn töten soll. Plötzlich reißt er
    sich von der Kette und frisst seinen eigenen Herrn.
    Das, was in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg geschah, erfordert eine
    gesonderte detaillierte Erläuterung. Die Zahlung der ungeheuerlichen Reparationen
    führte zu einer unvorstellbaren Inflation, zu einer schrecklichen Arbeitslosigkeit und
    insgesamt zu einem katastrophalen Abfall der Lebensqualität. Verhungernde
    Kriegsinvaliden waren Anfang der 20iger Jahre des vorigen Jahrhundert eine bittere
    48
    Realität in Deutschland. Die Häuser waren nicht beheizt, die Kinder halb verhungert,
    eine Welle der Selbstmorde durchlief das Land. Schwache Menschen sahen ihren
    Ausweg aus diesem Alptraum nur im Suizid. Ganze Familien sind auf diese Art und
    Weise ums Leben gekommen.
    Gut gekleidete Menschen (die Kleidung aus den Vorkriegsjahren war noch
    nicht verschlissen) wühlten in den Mülltonnen auf der Suche nach Essensresten.
    Eine aufblühende Prostitution. Arme, Bettler, demonstrierende Invaliden, die höhere
    Renten forderten um sich davon ein Glas Milch zu kaufen.
    Den Zeitzeugen der Perestroika und des Untergangs der Sowjetunion sind
    diese Bilder gut bekannt. Mit dem einzigen Unterschied, dass im Vergleich mit den
    Zuständen in den deutschen Nachkriegsjahren die Zeit der Reformen Gaidars nahezu
    paradiesisch waren. Deutschland ist damals wahrlich durch ein Fegefeuer, durch alle
    Höllenkreise Dantes gegangen. Die Inflation war unvorstellbar! Im Herbst 1923
    kostete ein Hühnerei so viel, wie ca. 30 Mio. Eier im Jahre 1913 [34]! Dem jungen
    amerikanischen Reporter, Ernest Hemingway, erzählte ein deutscher Kellner die
    rührende Geschichte, wie er genügend Geld gespart hat, um ein Hotel zu kaufen.
    „Aber jetzt kann er sich für dieses Geld nur vier Flaschen Champagner leisten“
    schreibt er. Ernst Hanfstaengl (über den im Folgenden noch die Rede ist), in seine
    Heimat zurückgekehrt, kann für seinen kleinen Sohn keine Milch kaufen. Es gab sie
    nur auf Lebensmittelkarten. Trotzdem war sie auch damit nicht zu bekommen. Der
    einzige Ausweg war, in einem 5-Sterne-Hotel so viel an Kaffee zu bestellen, dass
    man aus den beigefügten Sahneportionen die Milchflasche des Kindes füllen konnte
    [35].
    Denjenigen, die sich genauer informieren wollen, wie die Deutschen nach
    dem Krieg gelebt haben, empfehle ich die Romane von Erich Maria Remarque,
    insbesondere das Buch „Der schwarze Obelisk“ zu lesen. In diesem Buch ist
    hervorragend die Situation beschrieben, wie Mitarbeiter mit dem bis zum Mittag
    erhaltenen Lohn schnell in ein Geschäft laufen mussten, weil sich bereits am
    Nachmittag die Preise verzehnfachten.
    49
    So lebte der einfache Deutsche. Die Nazis hatten anfangs auch finanzielle
    Schwierigkeiten. Die ersten Sturmabteilungen konnten im Winter keine
    Truppenkontrollen durchführen: Sie hatten keine warmen Schuhe. Aber allmählich
    regelte sich die Situation. SA-Führer und Parteifunktionäre erhalten ihr Gehalt in
    ausländischer Währung [36]. Das bedeutete Stabilität und Garantie eines guten
    Lebens im hyperinflationären Deutschland. Wie auch jede andere Partei sammelten
    die Nazis Beiträge und Spenden. Die SA-Männer liefen mit Sammeldosen durch die
    Straßen der deutschen Städte, für die Auftritte Hitlers, in Zirkuszelten und im
    Theater wurden Eintrittskarten verkauft. Bei diesen Einkünften handelte es sich stets
    um Gelder in Deutscher Mark, die sich ständig entwerteten. Gutmütige ältere Damen
    spendeten auch Gelder in Deutscher Mark. „Keine Partei konnte damals von den
    Mitgliedsbeiträgen, die in Reichsmark eingezahlt wurden, existieren“ [37],
    schreiben über diese Zeit selbst die Historiker. Wer aber Hitler die Dollars und die
    Schweizer Franken gab, das haben sie uns bis heute nicht genau erklärt. Wir können
    diese Frage auch selbst beantworten. Wenn wir verstehen, welchen Interessen der
    Führer und seine Partei entsprachen, dann wissen wir auch, wer das Geld für ihre
    Gründung und für ihre Entwicklung gab. Wie sollen wir erkennen, auf wessen Mühle
    Adolf Hitler Wasser gießen wollte? Sehr einfach. Im Unterschied zum französischen
    Geheimdienst blättern wir in seinem Programm. Lesen wir das Buch „Mein Kampf“
    (Quelle: Auflage 1943, Bd. I und II; in diesem Buch werden nur die entsprechenden
    Seiten genannt; Anm. d. Übers.) und wir werden alles verstehen. Das Buch ist
    sehr vielseitig. In ihm sind persönliche Erinnerungen eines Frontsoldaten mit
    antisemitischen Aussagen vermischt. Uns interessieren jedoch in erster Linie die
    politischen Ansichten des Autors. Alles, was uns die Möglichkeit gibt, sein
    Programm zu bewerten, zu verstehen und seine künftigen Handlungen
    vorauszusehen. Im Unterschied zu uns, wussten die Sponsoren von Hitler noch
    nicht, wie und weshalb seine Karriere beendet wird. Am Anfang des Buches
    wird eine Analyse der Gründe für die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg
    durchgeführt.
    „Wenn europäische Bodenpolitik nur zu treiben war gegen Russland mit
    England im Bunde, dann war aber umgekehrt Kolonial- und Welthandelspolitik nur
    50
    denkbar gegen England mit Russland… Allein man dachte ja auch gar nicht daran,
    sich mit Russland gegen England zu verbünden, so wenig wie mit England gegen
    Russland, denn in beiden Fällen wäre das Ende ja Krieg gewesen,…“ (Seite 157).
    Schon allein aus diesen Aussagen wird die klare und präzise Ausrichtung der
    künftigen Politik Hitlers erkennbar. Um irgendetwas irgendjemanden
    wegzunehmen, muss man sich mit denjenigen verbünden, dem man nichts
    wegnehmen will. Die kaiserliche Diplomatie hat darüber nie nachgedacht und wurde
    deshalb in einen Krieg gegen die ganze Welt gezogen.
    „Da man aber überhaupt von einer planmäßigen Vorbereitung des Krieges
    nichts wissen wollte, verzichtete man auf Grunderwerb in Europa und opferte,
    indem man sich statt dessen der Kolonial- und Handelspolitik zuwandte, das sonst
    mögliche Bündnis mit England, ohne aber nun logischerweise sich auf Russland zu
    stützen, und stolperte endlich, von allen, außer dem habsburgischen Erbübel,
    verlassen, in den Weltkrieg hinein.“ (Seite 691).
    Wenn wir mit allen gleichzeitig kämpfen, dann ist es ausgeschlossen zu
    siegen. Das ist die erste wichtige Schlussfolgerung des Buchautors „Mein Kampf“.
    Außerdem analysiert er die „Festigkeit der Reihen“ der Gegner seines Landes.
    „Denn darüber muss man sich endlich vollständig klar werden: Der
    unerbittliche Todfeind des deutschen Volkes ist und bleibt Frankreich.“ (Seite 733).
    Im Gegensatz dazu charakterisiert Hitler den anderen Gegner der Entente –
    Großbritannien – in einer ganz anderen Tonart. Er rechtfertigt ihn sogar.
    „Gerade um Frankreichs Macht nicht übergroß anwachsen zu lassen, war
    eine Beteiligung Englands an seinen Raubgelüsten die einzig mögliche Form des
    eigenen Handelns. Tatsächlich hat England sein Kriegsziel nicht erreicht.“ (Seite
    695).
    Die Söhne des nebligen Albion (antiker Name für England – Anm. d. Übers.)
    bemühten sich ständig, die stärkste Macht auf dem Kontinent zu schwächen. Vor
    einiger Zeit war dies Deutschland. Nunmehr zerschlagen und ausgeraubt, stellte es
    keinerlei Gefahr mehr für die Briten dar. Nach der Meinung von Hitler kann
    Großbritannien nur mit Frankreich unzufrieden sein!
    „So war die Frucht des Kampfes gegen die Machtentwicklung Deutschlands
    politisch die Herbeiführung der französischen Hegemonie auf dem Kontinent.“
    (Seite 696).
    51
    Die Grundsätze der britischen Politik werden nicht für Jahrzehnte sondern für
    Jahrhunderte geschmiedet! Nach der Auffassung Hitlers sollten sie auf keinen Fall
    davon Abstand nehmen.
    „Englands Wunsch ist und bleibt die Verhütung des übermäßigen
    Emporsteigens einer kontinentalen Macht zur weltpolitischen Bedeutung, d.h. also
    die Aufrechterhaltung einer bestimmten Ausgeglichenheit der Machtverhältnisse
    der europäischen Staaten untereinander; denn dies erscheint als Voraussetzung
    einer britischen Welthegemonie.“ (Seite 696).
    An dieser Stelle formulierte Hitler eine Schlussfolgerung. Eine der
    wichtigsten Schlussfolgerungen in seinem Buch. Schon allein deshalb musste dieses
    Buch geschrieben werden:
    „Wer von dem obigen Gesichtspunkt aus eine Prüfung der heutigen
    Bündnismöglichkeiten für Deutschland vornimmt, muss zu der Überzeugung
    gelangen, dass als letzte durchführbare Bindung nur eine Anlehnung an England
    übrigbleibt.“ (Seite 697).
    Einband der ersten Auflage vom Buch des Dritten Reiches „Mein Kampf“. Die
    grundlegende politische Idee dieses Buches ist, dass Großbritannien der größte und wichtigste
    Verbündete Deutschlands ist.
    Wie heißt es doch so schön: „Aus den Augen, aus dem Sinn!“. Hitler will die
    alten Sünden von Großbritannien vergessen. Die Niederlage im Jahre 1918, die
    Revolution, die versenkte deutsche Flotte, die Reparationen – dies alles ist er bereit
    zu vergessen. Die Briten hätten das alles nicht aus Bosheit getan. Wir können auch
    sagen: „It’s nothing personal, it’s only business“.
    52
    „Nun wird aber Bündnispolitik nicht getrieben vom Gesichtspunkt
    rückblickender Verstimmungen aus, sondern vielmehr befruchtet von der Erkenntnis
    zurückblickender Erfahrungen. Die Erfahrung aber sollte uns nun belehrt haben,
    dass Bündnisse zur Durchführung negativer Ziele an innerer Schwäche kranken.“
    (Seite 697).
    Deshalb müssen wir positiv denken. Wir dürfen die Briten nicht verärgern,
    aber von ihnen auch keine übertriebene Güte erwarten. Schon gar nicht eine prodeutsche Orientierung. Solche Politiker wird es in Großbritannien niemals geben.
    „Es wird jeder Engländer als Staatsmann natürlich erst recht Engländer
    sein, jeder Amerikaner Amerikaner, und es wird sich kein Italiener bereitfinden, eine
    andere Politik zu machen als eine pro-italienische. Wer also Bündnisse mit fremden
    Nationen aufbauen zu können glaubt auf einer pro-deutschen Gesinnung der dort
    leitenden Staatsmänner, ist entweder ein Esel oder ein unwahrer Mensch. Die
    Voraussetzung zur Aneinanderkettung von Völkerschicksalen liegt niemals in einer
    gegenseitigen Hochachtung oder gar Zuneigung begründet, sondern in der
    Voraussicht einer Zweckmäßigkeit für beide Kontrahenten. D.h. also: So sehr,
    sagen wir, ein englischer Staatsmann immer pro-englische Politik betreiben wird
    und niemals pro-deutsche, so sehr können aber ganz bestimmte Interessen dieser
    pro-englischen Politik aus den verschiedensten Gründen heraus pro-deutschen
    Interessen gleichen.“ (Seite 698).
    „England wünscht kein Deutschland als Weltmacht, Frankreich aber keine
    Macht, die Deutschland heißt: ein denn doch sehr wesentlicher Unterschied! Heute
    aber kämpfen wir nicht für eine Weltmachtstellung, sondern haben zu ringen um den
    Bestand unseres Vaterlandes, um die Einheit unserer Nation und um das tägliche
    Brot für unsere Kinder. Wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus Ausschau halten
    wollen nach europäischen Bundesgenossen, so bleiben nur zwei Staaten übrig:
    England und Italien.“ (Seite 733).
    Interessant ist, dass in den Büchern der sowjetischen und westlichen
    Historiker sowie von den Politikern die Frage der ungehemmten Liebe Hitlers zu
    Großbritannien nicht berührt wird. Die Autoren erwähnen diesen Sachverhalt
    entweder gar nicht oder sie beschränken sich nur auf die Zeile: „Die einzig
    möglichen Verbündeten Deutschlands sind England und Italien“ [38].
    53
    Außerdem lässt sich Hitler darüber aus, dass für Großbritannien und Italien
    ein starkes Frankreich auf dem europäischen Kontinent wie ein „Knochen im Hals“
    sein muss. Die Logik des Führers ist einfach und durchschaubar. Weil die o.g.
    Länder an einem starken Frankreich, welches auch dank fremder Hilfe und der
    Schwäche Deutschlands zu einer Führungsmacht wird, nicht interessiert sind,
    werden sie zu deutschen Freunden. Vielleicht sogar gegen ihren eigenen Willen. Der
    Feind meines Feindes ist mein Freund. Vielleicht nicht mein Freund, aber auf jeden
    Fall nicht mein Feind!
    „Bei nüchternster und kältester Überlegung sind es heute in erster Linie diese
    beiden Staaten England und Italien , deren natürlichste eigene Interessen den
    Existenzvoraussetzungen der deutschen Nation wenigstens im allerwesentlichsten
    nicht entgegenstehen, ja in einem bestimmten Maße sich mit ihnen identifizieren.“
    (Seite 700)
    Im Rahmen dieses Kapitels wird das Wort „England“ so oft wiederholt, dass
    dies den Leser nur in Erstaunen versetzen kann. Wieder und wieder beschäftigt sich
    Hitler mit dem gleichen Gedanken, betrachtet ihn von verschiedenen Seiten und
    wiederholt mehrmals ein und dasselbe.
    „Für Deutschland jedoch bedeutet die französische Gefahr die Verpflichtung,
    unter Zurückstellung aller Gefühlsmomente, dem die Hand zu reichen, der, ebenso
    bedroht wie wir, Frankreichs Herrschgelüste nicht erdulden und ertragen
    will.“(Seite 705)
    Worüber spricht Hitler? Bietet der Führer dem nebligen Albion seine
    Freundschaft an? Zehn Jahren vor seinem Machtantritt? Ja, das sagt und tut er. Denn
    geradezu und ohne Umschweife schreibt er:
    54
    „In Europa wird es für Deutschland in absehbarer Zukunft nur zwei
    Verbündete geben können: England und Italien.“ (auch Seite 705)
    Der Schlüssel zum Erfolg für das schwache und zerschlagene Deutschland ist
    das Bündnis mit den Siegermächten, weil sie an seiner weiteren Schwächung nicht
    interessiert sind! An dieser Stelle habe ich es begriffen. Nicht für die deutschen
    Bürger und Hausfrauen, nicht für die Pimpfe und das Jungvolk, nicht für die
    wohlgenährten SA-Leute und nicht für die in schwarze Uniformen gekleidete SS hat
    Adolf Hitler sein Buch geschrieben. Die Seiten seines Buches „Mein Kampf“ gaben
    ihm die hervorragende Möglichkeit sich an den Herrscher der damaligen Welt – an
    die Briten – zu wenden, um ihnen mit einfachen und klaren Worten seine Gedanken
    und seine Vorschläge zu unterbreiten: In Deutschland entsteht unter der Führung
    von Adolf Hitler eine neue starke Bewegung. Seine volle Kraft hat diese Bewegung
    noch nicht erreicht, aber sie wächst. Sie braucht und fordert Hilfe von außen. Wie
    ein Pflänzlein zum Licht, so strebt die faschistische Partei durch den deutschen
    politischen Boden nach oben. Für ihren Wachstum benötigt sie nur zwei
    Voraussetzungen: Geld und nochmals Geld. Keine Angst vor den Nazis! Es sind
    „gute“ Burschen, die keine Gefahr für die Briten darstellen. Eine starke pro-britische
    Kraft, die von dem ehrgeizigen deutschen Politiker, Adolf Hitler, geschaffen und an
    die Macht geführt wird. Die Briten können mit ihr ein Bündnis eingehen und sie
    angemessen unterstützen. Sobald sie an die Macht gekommen sind, werden sie eine
    Politik betreiben, die mit den Zielen der Vereinten Königreiches übereinstimmen.
    Andere Verbündete braucht Hitler nicht.
    „Wie konnte man jeden einzelnen dieser Punkte (des Versailler Vertrages –
    Anm. d. Übers.) dem Gehirn und der Empfindung dieses Volkes so lange einbrennen,
    bis endlich in sechzig Millionen Köpfen, bei Männern und Weibern, die gemeinsam
    empfundene Scham und der gemeinsame Hass zu jenem einzigen feurigen
    55
    Flammenmeer geworden wäre, aus dessen Gluten dann stahlhart ein Wille
    emporsteigt und ein Schrei sich herauspresst: … (Seite 715).
    Der Versailler Vertrag hat Deutschland direkt an den Rand seines Untergangs
    gebracht. Die gewaltigen Reparationen, der Hunger, die Kälte, das Elend, die
    Arbeitslosigkeit, die Suizidwelle. Welcher „Aufrufschrei“ sollte nach der
    Auffassung des Führers aus der „tiefsten Seele“ des deutschen Volkes erfolgen?
    Geben Sie uns etwas zu essen? Heizen Sie unsere Wohnungen? Geben Sie uns
    Arbeit? Fordern Sie keine Reparationen? Erklären Sie den Versailler Vertrag für null
    und nichtig? Nein! Hitler schreibt im „Mein Kampf“ etwas anderes. Und zwar
    deshalb, weil er dieses Buch für ganz andere Menschen geschrieben hat. Nicht für
    die Historiker und Wissenschaftler und nicht für die Erforschung des Naziregimes.
    „Wir wollen wieder Waffen!“ (Seite 715) lautet das Satzende seiner Aussage
    zum Versailler Vertrag.
    Deutschland muss die Siegermächte um Waffen bitten? Um den Krieg gegen
    jene zu beginnen, die ihr Vaterland ausgeraubt und zerstört haben? Um die von
    seinem Land abgetrennten Territorien und die überseeischen Kolonien wieder zu
    erhalten? Wer gibt den Deutschen Waffen für einen Krieg gegen das eigene Land?
    Wir brauchen uns nicht aufzuregen. Die Antwort steht bereits im Buch. Sie lautet
    klar und deutlich:
    56
    „…also Zurückstellung der Interessen der abgetrennten Gebiete gegenüber
    dem einzigen Interesse, dem verbliebenen Rest jenes Maß an politischer Macht und
    Kraft zu erringen, das die Voraussetzung für eine Korrektur des Willens feindlicher
    Sieger ist.“ (Seite 689).
    Er wird die abgetrennten Gebiete nicht zurückfordern. Denn das Bündnis mit
    Großbritannien ist eine einzige Möglichkeit um Deutschland wieder aufzubauen, um
    seine verlorengegangene Größe wieder herzustellen. Dafür muss man irgendein
    Opfer bringen! Denn der britische Sieger darf keine Angst haben, Deutschland
    wieder aufzurüsten. Deshalb werden die Waffen für ganz andere, gemeinsame Ziele
    eingesetzt. Für die Eroberung neuer Gebiete im Interesse beider Völker.
    „Völkerschicksale werden fest aneinander geschmiedet nur durch die
    Aussicht eines gemeinsamen Erfolges im Sinne gemeinsamer Erwerbungen,
    Eroberungen, kurz einer beiderseitigen Machterweiterung.“ (Seite 697).
    Wo beabsichtigt der Führer die neuen Gebiete zum Ruhme und zur Ehre
    Deutschlands und Großbritanniens zu erobern? Darüber spricht er im 14. Kapitel
    „Ostorientierung oder Ostpolitik“ seines Buches. Gerade dieses Kapitel wird
    besonders gern und oft von den sowjetischen Historikern zitiert. Angesichts des
    völligen Abbruchs der Gedanken des vorhergehenden Kapitels geht die ganze Logik
    der Überlegungen Hitlers verloren. Ich bitte Sie deshalb, verehrter Leser, um Ihr
    Verständnis für die folgenden ausschweifenden Zitate. Diese sind für das
    Verständnis der Ursachen und Gründe des Zweiten Weltkrieges von sehr großer
    Bedeutung. Viel wichtiger sind die Gedankengänge des zukünftigen Führers und
    Kanzlers Deutschlands für die Beantwortung der Frage, was ist am 22. Juni 1941
    wirklich geschehen …
    Im 14. Kapitel erklärt Hitler, wohin die Faschisten das deutsche Volk
    schicken, sobald sie von den Siegern des Ersten Weltkrieges die notwendigen
    Waffen erhalten:
    „Die Forderung nach Wiederherstellung der Grenzen des Jahres 1914 ist ein
    politischer Unsinn von Ausmaßen und Folgen, die ihn als Verbrechen erscheinen
    lassen.“ (Seite 736)
    Im Ergebnis des Ersten Weltkrieges verlor Deutschland große Teile seines
    Territoriums. In diesen abgetrennten Teilen haben sich Frankreich, Polen, die
    Tschechoslowakei und Litauen Grund und Boden angeeignet. Die überseeischen
    Kolonien haben die Briten übernommen. Die Forderung nach Wiederherstellung der
    alten Grenzen würde zwangsläufig zu einem Krieg gegen diese Länder führen.
    Polen, die Tschechoslowakei und Litauen sind Länder, die von Großbritannien
    kontrolliert werden, Frankreich ist sein Hauptverbündeter. Weil die Briten einen
    derartigen Krieg nicht wünschen, werden sie selbstverständlich dafür weder Waffen
    noch Geld geben. Hitler fegt alle Zweifel der Briten ein für alle Mal weg. Wir
    brauchen kein Elsass, wir brauchen kein Lothringen, der Teufel soll sie holen. Es
    57
    gibt viel interessantere Gebiete. Aber wo? Im Osten. Etwas weiter, hinter Polen und
    Litauen.
    „Damit ziehen wir Nationalsozialisten bewusst einen Strich unter die
    außenpolitische Richtung unserer Vorkriegszeit. Wir setzen dort an, wo man vor
    sechs Jahrhunderten endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden
    und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen
    endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur
    Bodenpolitik der Zukunft. Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und
    Boden reden, können wir in erster Linie nur an Rußland und die ihm untertanen
    Randstaaten denken“ (Seite 742).
    Es ist alles klar gesagt. „Wir schließen mit der Kolonial- und Handelspolitik
    der Vorkriegszeit ab“ bedeutet eine Absage des deutschen Staates an seine
    Expansionsbestrebungen in China, Afrika und Asien am Anfang des 20.
    Jahrhunderts, d.h. in der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg. In diesen Gebieten ist alles
    schon zwischen den Briten, Franzosen und anderen Europäern aufgeteilt. In diesen
    Kontinenten gibt es auch Gebiete mit amerikanischen Interessen. In diese Gebiete
    würde Hitler sich nicht wagen, er bewegt sich in Richtung Russland. Dort gibt es
    genug Land für alle. Nicht nur für die Deutschen, genug auch für die Briten!
    Wie ein guter Wahrsager bemüht sich Hitler darum, alle Bedenken
    auszuräumen, die beim Lesen seines Buches durch die Herren im britischen
    Geheimdienst entstehen könnten.
    58
    Ein Bündnis zwischen Deutschland und Russland – das war der schlimmste
    Alptraum der Angelsachsen in diesem Jahrhundert. Was tun, wenn sich diese zwei
    kontinentalen Mächte anfreunden? Wir (die Briten, Anm. d. Übers.) rüsten Hitler
    auf unsere Kosten auf und er beginnt gemeinsam mit Russland (UdSSR) unsere
    Weltherrschaft in Frage zu stellen.
    Mit einer Leichtigkeit vertreibt der Führer in seinem Buch derartige irrsinnige
    Gedanken:
    „Das derzeitige, seiner germanischen Oberschicht entkleidete Russland ist,
    ganz abgesehen von den inneren Absichten seiner neuen Herren, kein Verbündeter
    für einen Freiheitskampf der deutschen Nation. Rein militärisch betrachtet, wären
    die Verhältnisse im Falle eines Krieges Deutschland-Russland gegen den Westen
    Europas, wahrscheinlich aber gegen die ganze übrige Welt, geradezu katastrophal.
    Der Kampf würde sich nicht auf russischem, sondern auf deutschem Boden
    abspielen, ohne dass Deutschland von Russland auch nur die geringste wirksame
    Unterstützung erfahren könnte.“ (Seite 748).
    Nach solchen beruhigenden und klarstellenden Sätzen wendet sich Adolf
    Hitler wieder an seine Leser. Natürlich an seine Leser in London und nicht an seine
    Leser in Berlin. Sobald wir begreifen, an wen sich Hitler tatsächlich wendet,
    verstehen wir auch den wahren Sinn seiner Worte:
    „Sorgt dafür, dass die Stärke unseres Volkes ihre Grundlagen nicht in
    Kolonien, sondern im Boden der Heimat in Europa erhält! Haltet das Reich nie für
    gesichert, wenn es nicht auf Jahrhunderte hinaus jedem Sprossen unseres Volkes
    sein eigenes Stück Grund und Boden zu geben vermag!“ (Seite 754) .
    Es scheint, als ob der Führer verständlich und ausführlich erklärt:
  • Er ist für ein Bündnis mit Großbritannien;
  • Sobald er den „väterlichen Segen“ der Briten und Franzosen für die
    Wiederaufrüstung Deutschlands erhält, ist er bereit, die Sowjetunion zu
    überfallen und diese nicht nur im Interesse der Deutschen, sondern auch
    im Interesse der ganzen „progressiven Menschheit“ zu zerschlagen;
  • Im Prinzip ist er bereit, auf die Rückgabe der von den britischen
    Freunden abgetrennten deutschen Gebiete zu verzichten.
    Hitler kommt nicht zur Ruhe und kehrt immer wieder auf das Bündnis-Thema
    mit Großbritannien zurück. Es ist, als ob er irgendjemand zu irgendetwas
    überzeugen will.
    „Das wichtigste ist zunächst die Tatsache, dass eine Annäherung an England
    und Italien in keiner Weise eine Kriegsgefahr an sich heraufbeschwört. Die einzige
    59
    Macht, die für eine Stellungnahme gegen den Bund in Betracht käme, Frankreich,
    wäre hierzu nicht in der Lage.“ (Seite 755).
    Wozu Frankreich mit Hitler in einen Konflikt bringen? Obwohl er die
    Franzosen für die größten Feinde seines Heimatlandes hält, wird er seine
    Eroberungen im Raum Smolensk und Charkow und nicht in Marseilles und Toulons
    machen.
    „Der weitere Erfolg wäre, dass mit einem Schlage Deutschland aus seiner
    ungünstigen strategischen Lage befreit würde. Der mächtigste Flankenschutz
    einerseits, die volle Sicherung unserer Versorgung mit Lebensmitteln und
    Rohstoffen andererseits wäre die segensreiche Wirkung der neuen Staatenordnung
    … (Seite 756).
    Wie man es auch dreht, aber nach Auffassung von Hitler ist das Bündnis mit
    Großbritannien das Mittel zur Lösung aller deutschen Probleme. Ein Lebenselixier
    für das sterbende Deutschland!
    „Fast noch wichtiger aber würde die Tatsache sein, dass der neue Verband
    Staaten umschließt von einer sich in mancher Hinsicht fast ergänzenden technischen
    Leistungsfähigkeit. Zum ersten Male bekäme Deutschland Verbündete, die nicht als
    Blutegel an unserer eigenen Wirtschaft saugen, sondern sogar zur reichsten
    Vervollständigung unserer technischen Rüstung ihren Teil beitragen könnten und
    auch würden.“ ( auch Seite 756).
    Ist Ihnen, verehrter Leser, nicht klar geworden, woher der Führer die
    Technologien, die Waffen und das Geld für die Rüstung erhalten wollte? Mit wessen
    Hilfe Hitler den Kampf beginnen wollte? Er schreibt doch darüber ganz offen! Die
    letzten Kapitel des Buches „Mein Kampf“ sind nichtendende Lobeshymnen an die
    Adresse von Großbritannien. Die Komplimente an Großbritannien fließen förmlich
    von einer Seite auf die andere:
    Großbritannien ist „Die größte Weltmacht der Erde…“, das Bündnis mit
    einem solchen Staat wird „für einen Kampf in Europa andere Voraussetzungen
    bieten“ (auch Seite756).
    Großbritannien ist unser Ein und Alles. Das ist der Hauptgedanke der zwei
    abschließenden Kapitel des Buches „Mein Kampf“. Im Buch gibt es 15 Kapitel, was
    bedeutet, dass 1/7 seines literarischen Werkes Hitler ausschließlich dem Gedanken
    widmet, wie toll es wäre, Freundschaft mit Großbritannien zu schließen. Das
    Wohlwollen, der Herrscher der Welt, d.h. der Angelsachsen, bekommt man nicht
    umsonst.
    „Sicherlich sind, wie ich schon im vorhergehenden Kapitel betonte, die
    Schwierigkeiten groß, die einem solchen Bunde entgegenstehen.“(auch 756),
    60
    schreibt der Führer. Außerdem muss er (der Führer, Anm. d. Übers.) noch seinen
    Nutzen, seine Loyalität und sein Führungsqualitäten unter Beweis stellen, damit die
    Führungskräfte des britischen Geheimdienstes, dem bisher unbekannten deutschen
    Politiker vielleicht ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken.
    Hitler ist bereit, alle zu tun, damit das Bündnis zwischen Großbritannien und
    Deutschland Realität wird.
    „…dass wir unser eigenes Handeln in kluger Selbstüberwindung demgemäß
    bestimmen. Und dies ist eben in dem Augenblick möglich, in welchem man, erfüllt
    von der mahnenden Not, statt der außenpolitischen Ziellosigkeit der letzten
    Jahrzehnte einen einzigen zielbewussten Weg beschreitet und auf diesem
    durchhält.“ ( Seite 757).
    Welcher Weg ist das? Welches Ziel verfolgt Hitler? Ich denke, dass jeder, der
    dieses Kapitel gelesen hat, diese Frage auch beantworten kann. Die Aufrüstung und
    Wiederbewaffnung Deutschlands geschah für den geplanten Überfall auf Russland,
    denn der Einmarsch in ihre grenzenlosen Weiten war das große Ziel des Führers der
    Nationalsozialisten. Das Fundament, d.h. die wichtigste Voraussetzung für die
    Wiederherstellung der deutschen Wirtschaft und der Militärmacht war das Bündnis
    mit Großbritannien. Ohne Zweifel lauteten die Fragen des britischen
    Geheimdienstes: Warum sollen wir einen derartigen Patrioten nicht unterstützen?
    Warum sollen wir ihm kein Geld geben? Warum sollen wir einem derartigen Freund
    von Großbritannien nicht helfen, an die Macht zu gelangen?
    61
    Lew Trotzki – der Vater der deutschen Nazi-Ideologie
    Es ist eine „Tatsache, dass die innere Stärke eines Staates nur in den
    allerseltensten Fällen mit der so genannten wirtschaftlichen Blüte
    zusammenfällt … die höchste wirtschaftliche Entfaltung müsste zugleich die
    gewaltige Stärke des Staates bedeuten und nicht umgekehrt“.
    Adolf Hitler „Mein Kampf“ (* 20. 04.1889, † 30.04.1945)
    Ist das nicht seltsam, Großbritannien, ein monarchistisches und
    konservatives Haus bis zum Knochenmark, ist in seinen außenpolitischen
    Beziehungen immer als Beschützer demagogischer Bestrebungen und
    Volksbewegungen aufgetreten, die auf eine Schwächung der Monarchie
    gerichtet waren.
    Schriftlicher Bericht von P. N. Durnowo an den
    Zaren Nikolaus II, Februar 1914
    Die Frage, wer hat das Hitler-Regime an die Macht gebracht, ist offensichtlich
    die Schlüsselfrage für das Verständnis aller weiteren tragischen Ereignisse. Nur auf
    der Grundlage detaillierter Kenntnisse über die „Blütezeit des Faschismus“ können
    die Ursachen des Zweiten Weltkrieges gefunden und aufgeklärt werden. Rätsel und
    ungelöste Fragen gibt es in Hülle und Fülle. Glauben wir den Aussagen in unseren
    Geschichtsbüchern, dann haben alle politischen Führer unlogisch und im völligen
    Gegensatz zum gesunden Menschenverstand gehandelt. Das ist doch nicht möglich!
    Wie wir schon festgestellt haben, gibt es keine totalen Idioten an der Macht.
    Staatsmänner wirken im Interesse der ihnen anvertrauten Macht und folgen in der
    Regel nur dieser Logik in allen ihren Handlungen. Steht an der Spitze der Macht
    eine Marionette, so folgt auch dieser Staatsmann den Forderungen der Macht.
    62
    Nicht der eigenen, sondern einer anderen. Das ist der ganze Unterschied! Wichtig
    ist es zu verstehen, dass jeder Schritt vom Bestreben getragen ist, einen politischen
    oder wirtschaftlichen Nutzen für sein Land, wenn es souverän ist, oder für ein
    anderes Land, wenn es nicht souverän ist, zu erhalten. Wenn Sie, verehrter Leser,
    nach dem Studium historischer Werke den Eindruck haben, dass am Vorabend des
    Ersten Weltkrieges nur Dummköpfe an der Macht waren, die nach Ihrer Auffassung
    die banalsten Dinge nicht verstanden haben, dann bedeutet das, dass die Autoren die
    Geschichte nicht kennen.
    Um die Handlungen der führenden Politiker der Welt richtig zu bewerten,
    müssen wir uns einige Jahre zurück, in die schmutzige Küche der russischen und
    deutschen Revolution bewegen. Beginnen wir mit der deutschen Revolution, die
    vor dem Hintergrund schwerer Kämpfe Deutschlands an allen Fronten entstand. Sie
    allein aus den Niederlagen an der Front und der Kriegsmüdigkeit zu erklären ist nicht
    möglich. Das können wir natürlich tun, wenn wir wesentlich Fakten ausklammern.
    Im Jahre 1945 wurde Deutschland, das verzweifelt Widerstand geleistet hat,
    vollständig von seinen Feinden besetzt. Zum Zeitpunkt der Revolution 1918 befand
    sich kein einziger feindlicher Soldat auf deutschen Boden. Im Ersten Weltkrieg
    kannte niemand die Schrecken von Bombenangriffen, die auf der Erde ganze Städte
    „ausradierte“. Wirtschaftliche Probleme gab es, aber der Hunger hatte in Berlin und
    Hamburg im Jahre 1918 bei weitem nicht die Ausmaße wie in Leningrad 1941.
    Warum gab es eine Revolution?
    Weil sie vorbereitet wurde. Es waren die gleichen Kräfte, die im Februar und
    im Oktober das Russische Imperium gestürzt haben. Jetzt bereiteten sie sich vor,
    ihren zweiten geopolitischen Gegner – das Kaiserreich von Wilhelm II – zu stürzen.
    Sie stürzten es! Die Künstlichkeit dieses Staatsstreiches in Deutschland schafft
    später den Nazis eine hervorragende Grundlage für ihre Agitation.
    „Ich sage Ihnen, wenn ich … an die Macht komme, dann wird es ein Gericht
    … geben. Wir werden uns für die Novemberrevolution rächen und viele Köpfe
    werden … rollen [39]“, erklärte Hitler offen. Hat er vielleicht gelogen oder hat er
    maßlos übertrieben, als er behauptete, dass die Revolution ein „Dolchstoß in den
    Rücken“ war? Oder war das nur ein Trick der „Propaganda von Joseph
    Goebbels“[40]? Entscheiden Sie, verehrter Leser, bitte selbst …
    Zum Zeitpunkt des Zerfalls von Deutschland war Prinz Max von Baden der
    neue Kanzler. Am 3. Oktober 1918 berief er die neue Regierung, in der nicht mehr
    die arroganten Beamten des Kaisers den Ton angaben, sondern die
    Sozialdemokraten unter der Führung von Ebert und Scheidemann. Ende September
    1918 spitzte sich die Situation an der Front extrem zu. Die Verbündeten
    Deutschlands schwankten [41]. Am 30. September schloss Bulgarien mit den
    Ländern der Entente einen Friedensvertrag ab. Die Führung von Österreich-Ungarn
    und der Türkei kämpften schon nicht mehr für den Sieg, sondern begannen ebenfalls
    über die Rettung ihrer Länder nachzudenken. Das geschah in einer Zeit, in der für
    Deutschland die Festigung des Willens und der Überzeugung den Krieg zu
    gewinnen, die wichtigste Aufgabe war.
    Seine Gegner führten zur gleichen Zeit intensive Verhandlungen mit den
    63
    deutschen Satelliten über den Abschluss eines separaten Friedens. Die Frage war:
    Wenn es gelingt, die Verbündeten von Deutschland abzukoppeln, dann ist seine
    Niederlage unvermeidlich. Gelingt das nicht, dann wird sich der Krieg in die Länge
    ziehen. Die Kräfte der Bevölkerung von London und Paris waren angesichts von
    Millionen neuer Opfer des Krieges nahezu erschöpft. Auch die USA, die gerade
    begann, an dem Krieg teilzunehmen, war nicht an einem langen Krieg interessiert.
    Es ist sicher kein Zufall, dass Washington fast vier Jahre wartete, bevor sie
    Deutschland – ein halbes Jahr vor seiner Niederlage – den Krieg erklärten. Die Idee
    bestand darin, mit geringsten Verlusten an der Endphase des Krieges teilzunehmen
    und nicht die schwer einnehmbaren deutschen Schützengräben mit den Leichen ihrer
    Soldaten zu füllen.
    Genau in diesem kritischen Moment geschahen wahrhafte Wunder. Der
    deutsche Kanzler, Prinz Max von Baden, erkältete sich. Für ihn war das
    selbstverständlich schlecht, aber für das Land – keine Katastrophe. Das Problem
    bestand nicht in der Krankheit des Prinzen, sondern in seinen Folgen. Was ist
    geschehen? Eigentlich nichts. Nur Kleinigkeiten!
    Der Prinz, Max von Baden, ist eingeschlafen.
    Geschlafen hat er sehr lange! So lange, wie selbst ein sehr müder und
    erschöpfter Mensch nicht schlafen kann. Über dieses „Wunder“ können Sie,
    verehrter Leser, in den Lehrbüchern nichts finden: Wenn Historiker bestimmte
    Fakten nicht erklären können, dann werden sie einfach nicht erwähnt. In den
    Memoiren des Premier-Ministers von Großbritannien, Lloyd George, können wir
    jedoch diese Information finden. Entscheidend ist nicht die ungewöhnliche Dauer
    des Schlafes vom Reichskanzler, sondern die Tatsache, dass Deutschland in dieser
    Zeit den Krieg praktisch verloren hat!
    „Die Überdosis eines Schlafmittels versetzte ihn im Verlauf von 36 Stunden,
    in der Zeit vom 1. bis 3. November in einen tiefen Schlaf. Als er wieder aufwachte,
    sind die letzten Verbündeten von Deutschland – die Türkei und Österreich-Ungarn
    – aus dem Krieg bereits ausgestiegen. Die Unruhen, die von den bolschewistischen
    Agitatoren forciert wurden, entflammten in ganz Deutschland“ [42]. Wien und
    Istanbul haben praktisch einen separaten Frieden mit der Entente abgeschlossen.
    64
    Der Kanzler der deutschen Regierung schlief in dieser Zeit wie ein Baby. Als er die
    Augen öffnete, stand sein Reich mit einem Bein bereits im Grab.
    Glauben Sie, verehrter Leser, tatsächlich an einen natürlichen Schlaf des
    Reichskanzlers über 36 Stunden? Glauben Sie, dass ihn in dieser Zeit keiner wecken
    konnte und angesichts der kritischen Lage auch wecken wollte? Stalin konnte die
    Schlacht bei Moskau nicht verschlafen, egal wie müde er war. …
    Der übermüdete und kranke George Bush (genauso wie jeder anderer
    Präsident) wird sofort geweckt, wenn sich in den USA eine Katastrophe vom 11.
    September 2001 wiederholt. Denn gemäß ihrer Position sind sie verpflichtet ihr
    Land zu führen, Anweisungen zu erteilen, auf jede Veränderung der Lage sofort zu
    reagieren.
    Aber der Prinz zu Baden schlief und schlief. Es gibt nur zwei vernünftige
    Erklärungen über diesen „sorglosen“ Schlaf im entscheidenden Moment der
    deutschen Geschichte.
  • Unter allen nur denkbaren Vorwänden wurde niemand, der ihn wecken und
    zum Bewusstsein bringen konnte, an ihn herangelassen.
  • Der Prinz hat sich dieses rührende Alibi selbst ausgedacht, stellte sich krank
    und „schlief“, ohne sich in den Prozess (in Absprache) des Untergangs seines
    Reiches einzumischen, in seinem Arbeitszimmer.
    Der Kanzler der deutschen Regierung, Prinz von Baden, „verschlief“ im Herbst 1918 einen
    äußerst kritischen Moment in der deutschen Geschichte. Allein für diese „Handlung“ könnten wir
    ihn wegen Verrat anklagen.
    65
    Beide Varianten weisen darauf hin, dass die deutsche „Revolution“ entweder
    ein Komplott oder nur eine Operation des Geheimdienstes war. Dem kranken
    Prinzen wurde nicht zufällig eine derartige Überdosis eines Schlafmittels
    verabreicht.
    Noch ein interessantes Detail, welches die deutsche Revolution und den
    „schlafenden“ Prinz aus der Dynastie von Baden charakterisiert. Wie bekannt ist,
    begann der Untergang des Kaiserreiches mit dem Aufstand der Matrosen in Kiel.
    Genauso wie in Russland und genauso wie in Deutschland sind die Matrosen der
    „Ruhm und Stolz“ der Revolution. Wie bei uns und wie bei ihnen befand sich die
    Seekriegsflotte die meiste Zeit während des Krieges in den Häfen. Die
    Schlachtschiffe und Panzerkreuzer sind viel zu teuer um sie in Gefechten untergehen
    zu lassen. Angesichts der Untätigkeit und der Propaganda wurden die Matrosen zur
    entscheidenden Schlagkraft des „Umbruchs“ …
    Im Kieler Hafen führte die fehlende Kampfbereitschaft dazu, dass die
    „Kameraden“ nicht zur entscheidenden Schlacht mit der britischen Flotte bereit
    waren. Die Idee der Admirale war an sich sehr schön: Entschlossen gegen den Feind
    kämpfen. Mal sehen was sich ergibt. Ein Sieg kann die Situation grundsätzlich
    ändern, eine Niederlage ist auch nicht so schlimm. Ein Untergang im Kampf
    entspricht dem militärischen Ehrenkodex und ist immer besser als eine Kapitulation.
    Diese von den Sozialdemokraten propagandierte schöne Idee wurde von den
    Matrosen nicht unterstützt und sie begannen zu rebellieren.
    Wie wird ein derartiges Verhalten bezeichnet? Ganz einfach – eine
    militärische Meuterei. Dieses Vergehen wurde in allen Armeen schon immer sehr
    streng bestraft. Während des Krieges fällt jedes Tribunal der Armee ein eindeutiges
    Urteil – Tod durch Erschießen. Aber die deutsche Regierung unter Führung der
    Sozialdemokraten, hat gegen die Meuterei der Matrosen nichts unternommen. Im
    Gegenteil, der Reichskanzler, Prinz Max von Baden, hat einen Befehl gegeben, der
    den Einsatz von Waffen gegen die Aufständischen verbot. Als die Macht wegen der
    Untätigkeit vor dem Zusammenbruch stand, wurde der Reichskanzler „wach“ und
    hat seine Majestät den Kaiser Wilhelm II in seinem Hauptquartier in Spa telefonisch
    empfohlen, auf seine beiden Kronen zu verzichten. „Nur der ausgedehnte Schlaf des
    Prinzen Max erlaubt ihm nicht, Wilhelm schon eher bestimmte Vorschläge in dieser
    Richtung zu machen“ [43], schreibt in seinen Memoiren Lloyd George. Ich weiß
    nicht wie Sie, verehrte Leser, darüber denken. Je mehr ich mich in die damaligen
    historischen Wunder vertiefe, umso stärker bezweifle ich, dass der ehrenhafte Prinz
    Max ehrlich „geschlafen“ hat. …
    Die Situation erinnert sehr an die Februar-Revolution in Russland, als der Zar
    gezwungen wurde, auf seinen Thron zu verzichten. Dieser Verzicht und nicht die
    „revolutionäre Situation“ führte das Land an den Rand des Untergangs. Während
    Nikolai II dem Druck der Erpressung nachgab, hat Wilhelm II Standhaftigkeit
    bewiesen. Er hatte diese Möglichkeit: Im Unterschied zu seinem russischen Neffen
    wurde er nicht verhaftet. Die Sturheit des Kaisers erlaubte es nicht, eine schnelle
    Beseitigung des Deutschen Reiches und ihre starke Militärmacht in Gang zu setzen.
    Deshalb war es notwendig, frech zu lügen.
    66
    Max von Baden erlaubte sich als Prinz und Reichskanzler einen völlig
    illegalen Schritt: Er erklärte den Verzicht des Kaisers auf seine zwei Kronen,
    obwohl er vom Kaiser die klare und deutliche Mitteilung erhielt, dass er damit
    nicht einverstanden ist!
    In Wirklichkeit verzichtete Wilhelm II auf seine Macht erst drei Wochen
    später nach der Bekanntgabe seines Rücktritts [44]! Der Prinz war nicht nur
    Reichskanzler, sondern auch der Neffe des Kaisers. Wenn das kein Verrat ist, in
    welchem Fall können wir dieses Wort überhaupt verwenden?
    Es gibt weitere „zufällige Übereinstimmungen“, die erlauben zu behaupten,
    dass unsere, sowie auch die deutsche Revolution nach einem vorgegebenen
    „Muster“ gemacht worden sind. Die Unruhen in Petrograd begannen am 23. Februar
    1917, genau ein Tag nach der Abreise des Zaren in sein Hauptquartier nach Mogilev.
    Nach 8 Tagen erfährt Russland, dass der Zar auf seinen Thron verzichtet hat.
    Wilhelm II fährt am 28. Oktober 1918 von Berlin in sein Hauptquartier nach Spa.
    12 Tage später wird den Deutschen erklärt, dass sie keinen Kaiser mehr haben.
    Wenn der Mohr seine Schuldigkeit getan hat, dann kann er gehen. Nachdem
    er die Befugnisse eines Gottes an sich gerissen hatte (alle Monarchen sind von Gott
    dazu berufen), erklärte Max von Baden seinen Rücktritt und ernennt den Führer der
    Sozialdemokraten, Friedrich Ebert, zum neuen Reichskanzler. Zuerst verriet er
    seinen Kaiser, dann verriet er sich selbst als Kanzler. Eine Stunde später rief der
    führende Politiker der Sozialdemokraten, Philipp Scheidemann, (unautorisiert) von
    einem Balkon des Reichstages die Deutsche Republik aus!
    Die Regierung des „schlafenden“ Prinzen war insgesamt nur einen Monat an
    der Macht. In dieser kurzen Zeit gelang es ihr mit viel Geschick, erst alle seine
    Verbündete und schließlich ganz Deutschland zu verlieren. Die Herren dieser
    67
    Regierung werden später von Hitler als Verräter bezeichnet. Nicht nur für die
    „sanfte“ Beseitigung der Monarchie. Scheidemann, Ebert und ihre Kumpanen in der
    neuen Regierung beeilten sich nach ihrem Machtantrittsehr, den Friedensvertrag mit
    den Entente-Staaten zu unterschreiben. Diese Aufgabe war so geschickt eingefädelt,
    dass das ganze deutsche Volk wie ein einfältiger Tropf bei einem Hütchenspiel
    betrogen wurde. Wenn wir den Text des Versailler Vertrages lesen, dann verstehen
    wir sofort, wer und wozu in Deutschland die Revolution organisiert wurde:
  • Abgabe von 5.000 Kanonen, 25.000 Maschinengewehre, 3.000
    Minenwerfer und 1.700 Flugzeugen an die Siegermächte;
  • Lieferung von 5.000 Dampflokomotiven, 150.000 Eisenbahnwaggons und
    5.000 Lastwagen an die Siegermächte;
  • Finanzierung der Besatzungstruppen im Rheinland durch die deutsche
    Regierung und
  • sofortige Rückführung aller Kriegsgefangenen und Zivilinternierten in
    ihre Heimatländer auf Kosten der deutschen Regierung [45].
    Außerdem hatte Deutschland der Entente seine gesamte Flotte, d.h. 6 schwere
    Kreuzer, 10 Linienschiffe, 8 leichte Kreuzer, 50 Minenboote und 160
    Unterseeboote, zu übergeben [46]. Wie gefällt Ihnen, verehrter Leser, dieser
    „Waffenstillstand“? Dürfen in einem derartigen Dokument solche Forderungen
    enthalten sein? Ein Waffenstillstand bedeutet Feuereinstellung bzw. Beendigung
    aller Kampfhandlungen. Das von der Entente vorgeschlagene und von der deutschen
    Führung blitzschnell unterschriebene Dokument kann nur als bedingungslose
    Kapitulation bezeichnet werden. Wahrscheinlich hätten die Deutschen Widerstand
    geleistet, wenn ihnen erzählt worden wäre, was die Briten und Franzosen von ihnen
    alles fordern. Deshalb wurde dieses Dokument zunächst als
    „Waffenstillstandsabkommen“ bezeichnet. Deutschland legte die Waffen nieder,
    verpflichtete sich alle Truppen aus den besetzten Gebieten abzuziehen, übergab die
    68
    Flotte, alle schweren Waffen und Transportmittel an die Entente und entließ alle
    Kriegsgefangenen. Erst dann, als die Deutschen keine Armee mehr hatten und keine
    Mittel mehr besaßen um Widerstand zu leisten, begannen die
    „Friedensverhandlungen“. Mit anderen Worten, die Deutschen übergaben ihre
    Waffen, um dann zu erfahren, unter welchen Bedingungen sie das gemacht haben!
    Die Zerschlagung Deutschland erfolgte nach einem vorgegebenen Plan. Die
    Waffenstillstandsverhandlungen der deutschen Delegation begannen im
    Einverständnis mit dem Kaiser schon am 7. November 1918, d.h. vor seinem
    Verzicht auf die Krone. Die Verbündeten der Entente gaben den Deutschen ein
    Bedenkzeit von 72 Stunden, die am 11. November endete. Der Kaiser hätte niemals
    sein Einverständnis zu diesen räuberischen Vertragsbedingungen gegeben. Die
    Unterschrift unter diesem Dokument bedeutete praktisch die Anerkennung der
    Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Deshalb war es notwendig, dass der
    Kaiser im Moment der Unterzeichnung des „Waffenstillstandsabkommens“ schon
    nicht mehr das Oberhaupt von Deutschland war. Andernfalls wäre dieser Vertrag,
    der praktisch eine Kapitulation war, nicht unterzeichnet worden. Deshalb hat der
    Prinz Max von Baden die Lüge über den Verzicht des Kaisers auf die Krone am 9.
    November in die Welt gesetzt. Die neuen Machthaber – besser gesagt die
    Marionetten – haben die Dokumente zum festgelegten Temin der Entente am 11.
    November 1918 unverzüglich unterschrieben.
    Waren die Dokumente in Ordnung? Wann hat das Oberkommando der
    Entente die Anzahl der von den Deutschen zu übergebenden Waffen und
    Dampflokomotiven berechnet? Oder haben die deutschen Delegierten die Liste
    freundlicherweise mitgebracht? Vielleicht haben die Verbündeten der Entente die
    Liste vorbereitet, weil sie schon viel früher wussten, dass ein Umsturz vorbereitet
    wird?
    Die Propaganda der Entente überzeugte die Deutschen, dass ein gerechter
    69
    Friedensvertrag abgeschlossen wird, wenn sich Deutschland vom Kaiser trennt. In
    gewisser Hinsicht unterstützten sie damit den Wunsch der Bevölkerung nach einer
    Änderung der Macht. Die Deutschen stürzten ihre Macht, stürzten das Land ins
    Chaos und haben ihre eigene Armee kampfunfähig gemacht. Bei der Unterzeichnung
    der Bedingungen des Waffenstillstandes und später des „Versailler
    Friedensvertrages“ erinnerte sich niemand an die Propaganda der Entente, die
    Deutschen erhielten keinen gerechten Vertrag für den Sturz des Kaisers Wilhelm II.
    Im Gegenteil, seit dem Punischen Krieg zwischen Rom und Karthago gab es keinen
    derartigen rauen „Frieden“. Die Deutschen fühlten sich deshalb verraten und
    betrogen. In vielen Fällen erhält der Verräter seine gerechte Strafe. Matthias
    Erzberger, der den „Waffenstillstandsvertrag“ unterschrieb, wurde am 26. August
    1921von zwei jungen Faschisten erschossen. Von denen, die den Friedensvertrag
    von Brest-Litowsk unterschrieben, haben nur wenige die Jahre 1937/1938 überlebt
    …
    Wie sich die Ereignisse weiter entwickelt haben, wissen wir. Nach dem
    Abschluss des Versailler Raubfriedens: Reparationen bis 1988, Hunger, Kälte und
    eine in der Geschichte der Menschheit beispielslose Inflation. Die Ernüchterung
    kam schnell, aber ein Weg zurück gab es für die Deutschen nicht. Die
    Warenproduktion sank auf das Niveau von 1888, aber die Bevölkerungszahl stieg
    seit dem um 30% [47]. Die Selbstmordrate stieg beängstigend. In dieser Zeit
    erschien auf der politischen Bühne Adolf Hitler. Er verstand, wer im Ersten
    Weltkrieg der Sieger war und mit wessen wohlwollender Erlaubnis Deutschland
    wieder auf die Beine gestellt werden kann.
    Wer hat die Februar- und Oktoberrevolution in Russland und die
    Novemberrevolution in Deutschland organisiert?
    Mit der Untersuchung dieser Frage beschäftigen sich praktisch alle meine
    Bücher. In ihnen finden Sie, verehrter Leser, auch hunderte Beweise [48]. Sie alle
    in den Untersuchungen über die Geheimnisse des Machtantritts von Adolf Hitler zu
    wiederholen, ist an dieser Stelle nicht möglich. Deshalb verweise ich Sie auf die
    bereits geschriebenen Bücher und beschränke mich an dieser Stelle nur auf solche
    Schlussfolgerungen, die den Zweiten Weltkrieg betreffen.
    Die Revolutionen in Deutschland und in Russland organisierte der
    britische Geheimdienst mit maßgeblicher Unterstützung der USA und von
    Frankreich.
    Die Vernichtung von zwei Imperien durch die Organisation einer
    beispiellosen Konfrontation und Hetze sowie die sich anschließenden Revolutionen
    waren das Ziel des Ersten Weltkrieges [49]. Dieses Ziel wurde mit Hilfe von
    verschiedenen politischen Parteien erreicht: in Russland mit den
    Sozialrevolutionären, Kadetten, Menschewiken und Bolschewiken; in Deutschland
    mit verschiedenen Sozialdemokraten. Nicht alles ist beim britischen Geheimdienst
    so gelaufen, wie es geplant war. In Deutschland sorgte der „Bluthund“ Noske für die
    Beseitigung der politischen Gegner, in Russland war es der organisierte Kampf
    zwischen den Bolschwiken und Menschewiken.
    70
    Bücher von Nikolay Starikov (russischer Schriftsteller, Politiker und Publizist)
    Die Führer der Bolschewiken wurden vom britischen Geheimdienst in
    Abstimmung mit ihren deutschen Kollegen in einem plombierten Waggon nach
    Russland „geworfen“ und waren später – in Abweichung vom festgelegten
    Szenarium – nicht bereit, von der politischen Bühne wieder abzutreten. Im Gegenteil,
    sie erwiesen sich als talentierte und erbarmungslose Organisatoren, sie siegten im
    Bürgerkrieg und gerieten schließlich aus der Kontrolle ihrer britischen Kuratoren.
    Als sich der Staub gesetzt hatte, der durch den Untergang des großen
    russischen Zarenreiches aufgewirbelt worden war, bot sich den erstaunten Briten ein
    unwahrscheinliches Bild. Anstelle des gigantischen Zarenreiches mit einer
    vorhersagbaren Politik, erschien ein völlig neues Land – die UdSSR – mit einer –
    aus der Sicht der Briten – nicht vorhersagbaren Politik. An seiner Spitze standen
    Menschen, die ausgezeichnet wussten, auf welche Art und Weise Umstürze und
    Revolutionen organisiert werden. Das waren ernstzunehmende Gegner im
    politischen Kampf. Die Gefahr der Sowjetunion bestand nicht in seiner neuen
    Ideologie. Denn die Losung des Kommunismus und die Umgestaltung des
    politischen Systems waren nur Mittel zum Zweck und dienten nicht dem Ziel selbst.
    Deshalb waren die Bolschewiken nach ihrer Machtergreifung gezwungen, die
    Politik ihrer gekrönten Vorgänger fortzusetzen und besetzten unter der Flagge des
    Marxismus sehr schnell wieder die verlorenen Gebiete. Der wahre Grund war nicht
    der Sieg der Ideen von Karl Marx, sondern die Logik des geopolitischen Kampfes
    und die Verteidigung der Interessen des Landes [50].
    Wenn wir darüber sprechen, dass die Revolution als Waffe von unserem
    71
    geopolitischen Gegner Großbritannien benutzt wurde, dann gilt es zu beachten, dass
    Großbritannien und die USA praktisch schon seit sehr langer Zeit eine Einheit
    darstellen. Früher hoch zu Ross – das waren die Briten, heute – seit 1945 – haben die
    Amerikaner die Zügel fest in ihre Hände genommen. Natürlich haben sie auch
    unterschiedliche Auffassungen, warum auch nicht. Diese Differenzen sind völlig
    unbedeutend und nicht von prinzipieller Natur. Vollständige Übereinstimmung und
    völlige Einigkeit herrscht in der Frage der Aneignung aller Ressourcen der Welt
    durch Drohung und Anwendung von Gewalt. Deshalb nahmen bei der Vernichtung
    der geopolitischen Gegner nicht nur britische, sondern auch amerikanische
    Geheimdienste teil [51].
    Im Block der „progressiven Menschheit“ wurde auch für die Franzosen ein
    Platz gefunden. Seit der Niederlage von Napoleon hat sich die so genannte westliche
    Welt mit dem Ziel vereinigt, um solche gefährliche Konkurrenten, wie Russland und
    Deutschland, die sie bei der Ausbeutung der Weltressourcen gestört haben, zu
    vernichten. Bei der Frage der Aufteilung der Beute kam es zu „schöpferischen
    Auseinandersetzungen“, die jedoch niemals auf den Zusammenhalt der westlichen
    Demokratien einen Einfluss hatten. Beachten Sie, verehrter Leser, dass mit diesem
    Begriff (westliche Demokratien, Anm. d. Übers.) die Busenfreundschaft zwischen
    Großbritannien, Frankreich und den USA in der Zeit des Ersten und Zweiten
    Weltkrieges bezeichnet wurde [52].
    Frankreich und die USA sind Republiken, Großbritannien – eine typische
    Verfassungsmonarchie. Ein derartiger Unterschied in den politischen Systemen
    zeigt uns, wie bedingt und unzulässig die Einteilung der Länder nach ihrem
    Führungstyp, nach den „allgemein menschlichen Werten“ und dem weltweiten
    „Kampf für Menschenrechte“ ist. Offensicht gibt es weit wichtiger Gründe für
    diesen innigen Zusammenhalt. Das sind die gemeinsamen geopolitischen Interessen!
    Betrachten wir die politische Situation auf unserer Erde in den 20iger Jahren
    des 20. Jahrhunderts. Der gewaltige Reichtum Russlands war für niemand ein
    72
    Geheimnis. Auch ohne irgendwelche geologischen Erkundungen, war zu erwarten,
    dass auf 1/6 der Erdoberfläche nicht nur Sand, Lehm und Kies zu finden sind. Auf
    diesem großen Territorium herrschte das starke Russische Imperium. Wie auch in
    allen anderen Ländern und Imperien gab und gibt es in Russland viele Probleme, die
    durch seine Geschichte, Geographie und seine ethnische Zusammensetzung bedingt
    sind. Alle diese Probleme nutzte der britische Geheimdienst. Natürlich ist Russland
    dadurch nicht sofort zusammengebrochen. Aber die subversive Tätigkeit der
    Geheimdienste erfolgte sehr zielstrebig, geduldig und systematisch über einen
    Zeitraum von 100 Jahren. Sie begann nach dem Sieg über Napoleon, in einer Zeit,
    als Russland zur stärksten Macht in Europa wurde. Eine entscheidende Etappe der
    subversiven Tätigkeit in Russland endete mit der Oktoberrevolution und dem
    Bürgerkrieg.
    Das war das Ende des Russischen Imperiums, aber nicht das Ende des
    politischen Kampfes. Sobald auf der Karte die UdSSR erschien, begannen auch die
    Versuche ihrer Vernichtung. Als das 1991 gelang, begann die subversive Tätigkeit
    gegen die Russische Föderation. Machen wir uns keine Illusionen: solange wir nicht
    auf die Größe von Monaco und Luxemburg schrumpfen, wird man immer versuchen,
    uns zu schwächen und unser Land in viele Stücke zu zerschlagen, unabhängig davon,
    welches Regierungssystem und welche „Demokratie“ oder „Freiheit“ bei uns
    herrscht. Das beweist allein schon die Höhe der Kosten für diese subversive
    Tätigkeit. Im Jahre 2007 hat die USA für die Finanzierung ihrer Geheimdienste 43
    Mrd. Dollar ausgegeben. Im Jahre 1996 – 26 Mrd. Dollar [53]. Die Beträge, die
    Großbritannien für diese Tätigkeit ausgibt, sind streng geheim [54].
    Nicht nur der Wunsch einen Konkurrenten auszuschalten führte die
    Angelsachsen dazu, die russische Revolution zu organisieren und durchzuführen,
    sondern auch der Wunsch künftig über alle noch freizulegenden Bodenschätze zu
    verfügen. Es kam jedoch ganz anders! Die Bolschwiken unter der Führung von
    Lenin bauten unerwartet für alle Russland wieder auf. Im Jahre 1924, als der
    Gründer des sowjetischen Staates starb, war das Land sehr unstabil. Die Wirtschaft
    musste neu aufgebaut werden. Es begann ein verbitterter Kampf von zwei Ideen,
    zwischen zwei Persönlichkeiten, zwischen zwei Philosophien über die Entwicklung
    des Landes. Schon am Grabe von Lenin begann der Kampf von Stalin und Trotzki
    um die Führung in der Kommunistischen Partei, um das Recht, die Partei und das
    Land in die von ihnen gewünschte Richtung zu führen. Uns interessieren nicht die
    Biografien der kommunistischen Führer und nicht der innerparteiische Kampf in
    ihrer Partei, sondern nur der Sinn und Inhalt sowie die entscheidenden Momente
    dieses Zusammenstoßes. Dieser Kampf, der in großer Entfernung von München in
    den Räumen des Kremls stattfand, spielte wahrscheinlich keine entscheidende Rolle
    im Schicksal eines unbekannten Gefreiten der deutschen Armee, Adolf Hitler …
    73
    Lew Dawidowitsch Trotzki wollte im Auftrage der westlichen Geheimdienste die
    „Weltrevolution“ in Gang bringen, d.h. Millionen russische Männer ausländischen Interessen
    opfern.
    Wenn wir versuchen die ganze Demagogie der Parteiführer in eine einfache
    und verständliche Sprache zu bringen, dann besteht der entscheidende Widerspruch
    ihrer Politik im Folgenden:
    Trotzki war der Auffassung, dass die Revolution in Russland nicht das Ziel,
    sondern das Mittel zur Entfachung eines revolutionären Flächenbrandes in den
    entwickelten Ländern der Welt ist. Dieser Flächenbrand führt letztendlich zum Sieg
    des Kommunismus auf unserem ganzen Planeten.
    Stalin dagegen war der Auffassung, dass der Sieg der Bolschwiken in
    Russland eine äußerst seltene und wertvolle Ausnahme ist. Deshalb müssen sich die
    Bolschewiken nicht mit dem Export der Revolution, sondern mit dem Aufbau des
    Sozialismus im ersten vom Kapital befreiten Land beschäftigen.
    Auf der Grundlage dieser beiden grundverschiedenen Ideologien entwickelte
    sich ein „Kampf um die Führung in der Partei“. Trotzki erklärte, dass „der Aufbau
    einer selbstständigen sozialistischen Gesellschaft in einem einzigen Land der Welt
    nicht möglich ist“. Deshalb rief er zu einem revolutionären Krieg in anderen Ländern
    auf. Er schrieb: „ Die sozialistische Revolution beginnt auf nationaler Ebene,
    entwickelt sich auf internationaler Ebene weiter und ergreift schließlich die ganze
    Welt. In diesem Sinne, wird die sozialistische Revolution zu einer permanenten
    Revolution in einem weit breiteren Sinne des Wortes: sie erhält nicht ihre
    Verwirklichung bis zum Sieg der neuen Gesellschaft auf unserem ganzen Planeten“.
    74
    Josef Wissarionowitsch Stalin folgte in seiner Politik den Interessen Russlands, das sich in
    dieser Zeit Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) nannte.
    Stalin und seine Mitstreiter kämpften gegen die Auffassungen des Autors der
    permanenten Revolution und beschuldigten ihn als Vertreter der Opposition die
    Partei zu spalten: „Wir können und müssen den Sozialismus in der UdSSR aufbauen.
    Um den Sozialismus aufzubauen, müssen wir zunächst unsere eigene Existenz
    sichern. Deshalb brauchen wir eine Atempause nach dem Krieg, keine neuen
    Interventionen und ein Minimum an internationalen Beziehungen …“[55]. Trotzki
    setzte seine ganze Kunst als Redner ein, um seinen politischen Gegner in den
    Schatten zu stellen. Die Reden von Stalin und Trotzki dieser Zeit sind sehr stark von
    gegenseitigen Beschuldigungen geprägt. Zitate aus den Werken von Lenin, in denen
    bekanntlich alles zu finden ist, was gesucht wird, stellten in dieser
    Auseinandersetzung eine „starke Waffe“ dar. Der ideologische und politische Streit
    führte zu persönlichen Angriffen. Alle Argumente von Stalin und Trotzki
    darzulegen, hat keinen Sinn. Besser ist es, folgende Fragen zu klären: Was geschah
    wirklich in der obersten sowjetischen Parteiführung? Was verbirgt sich hinter dem
    theoretischen Streit zwischen Stalin und Trotzki?
    Um die „Spreu vom Weizen“ zu trennen, d.h. um aus den Tonnen
    marxistischer Literatur ein Körnchen Wahrheit zu finden, müssen wir uns mit den
    Biografien von Stalin und Trotzki sowie mit der Geschichte unserer (der russischen,
    Anm. d. Übers.) Revolution beschäftigen. Dazu gehören auch die Fragen: Wo
    befanden sich die künftigen Kontrahenten am Vorabend des Untergangs des
    Russischen Imperiums und wie gelangten sie in die Führung der bolschewistischen
    75
    Partei?
    Josef Stalin befand sich in der Zeit der Februarrevolution in der Verbannung
    in Sibirien. Um nach Petrograd zu gelangen, nutzte er die Amnestie der
    Provisorischen Regierung und fuhr mit dem Zug in die russische Hauptstadt. Der
    temperamentvolle Georgier wurde zu einem treuen Anhänger von Lenin und erfüllte
    alle seine Weisungen. An der Organisation des Umsturzes im Oktober
    (Oktoberrevolution, Anm. d. Übers.) hat Stalin nur sehr bedingt teilgenommen [56].
    Keine Beziehung hatte er zu den undurchsichtigen Finanzmitteln, mit denen die
    Partei der Bolschewiken versorgt wurde.
    Völlig anders sieht es bei Trotzki aus. Während der Februarrevolution befand
    er sich im fernen Amerika, wo er, nach seinen eigenen Worten, nichts tat. Nach
    eigenen Angaben war er „Berufsrevolutionär“. Diese Art der Tätigkeit wurde
    offensichtlich sehr gut bezahlt, denn als er sich auf den Weg nach Russland machte,
    hatte er 10.000 Dollar in seiner Tasche. Auch wenn dieses Geld heutzutage nur eine
    lächerliche Summe ist, so betrug ihr Wert im Jahre 1918 mindestens das 20- bis 30-
    fache. Sehr viel bares Geld für kleinere Ausgaben! Die entscheidenden
    Finanzmittel, welche von den amerikanischen Banken für die russische Revolution
    bereitgestellt wurden, gelangten von den Konten der neutralen Schweiz mit den
    Koffern von unauffällig dunklen Gestalten zu den Revolutionären. Niemand hat je
    behauptet, dass Vladimir Iljitsch Lenin im „plombierten Waggon“ einen großen
    Koffer, der mit Geldscheinen vollgestopft war, in seine Heimat (nach Russland,
    Anm. d. Übers.) gebracht hat. Nein! Aber, dass die Bolschewiken sehr viel Geld
    hatten, ist und bleibt eine unbestrittene Tatsache. Wer versorgte sie mit Geld? Die
    Deutschen? Zum Teil! Wir müssen jedoch beachten, dass ein großer Teil des Geldes,
    das Lenin erhielt, aus amerikanischen Krediten stammte, die Deutschland erhielt. So
    wie auch Lenin, war Trotzki mit den dunklen Machenschaften jener Kräfte
    verbunden, die enge Kontakte zu den ausländischen Geheimdiensten hatten. In die
    Heimat zurückgekehrt, haben Trotzki und Lenin ihre alte Feindseligkeit schnell
    76
    vergessen und sich verbunden. Wichtig ist auch die Tatsache, dass Trotzki erst im
    Sommer 1917 in die Partei der Bolschwiken eintrat. Für die Organisation der
    Oktoberrevolution leistete er mehr als alle anderen Bolschewiken, darunter auch
    Lenin.
    Mit anderen Worten, Lew Dawidowitsch Bronstein, genannt Trotzki, war ein
    Vertreter des amerikanischen Kapitals (oder des angelsächsischen Geheimdienstes)
    im neuen revolutionären Russland. Deshalb hat er auch so gedacht und gehandelt …
    Allein ein Fakt charakterisiert ihn: Anfang der 20iger Jahre des vorigen
    Jahrhunderts leitete Trotzki das Volkskommissariat für Transportwesen. In dieser
    Zeit schloss sein Kommissariat einen Vertrag ab, der selbst das Schneeball-System
    von Bernard Madoff (Nasdaq-Chef) in den Schatten stellt. Es ging um den Kauf von
    1.000 Dampflokomotiven im schwedischen Werk „Nydquist & Holm“ für 200 Mio.
    Goldrubel. In diesem Vertrag ist jedes Detail interessant. Dass Schweden nicht das
    Land der Elefanten ist, weiß jeder. Dass unser skandinavischer Nachbar nicht beim
    Bau von Lokomotiven führend ist, haben die Unterzeichner des Vertrages
    offensichtlich übersehen. Das Unternehmen „Nydquist & Holm“ hatte nicht einmal
    die Kapazität um derart viele Lokomotiven für die Sowjetunion zu produzieren.
    Deshalb wurde folgende Vereinbarung getroffen:
  1. Das rote Russland zahlt das Geld.
  2. Die Schweden bauen eine Fabrik.
  3. Die Schweden produzieren die Lokomotiven und
    liefern sie uns.
    Wenn Sie, verehrter Leser, ein paar Schuhe kaufen wollen, dann geben Sie
    dem Schuhverkäufer doch kein Kredit für den Bau einer Lederfabrik? Warum
    konnte das Volkskommissariat die so dringend notwendigen Dampflokomotiven
    nicht woanders kaufen? Warum ist die sowjetische Seite bereit fünf Jahre auf die
    Lieferung zu warten?
    77
    Das Unternehmen „Nydquist & Holm“ hat in seiner ganzen Geschichte
    niemals mehr als 40 Dampflokomotiven pro Jahr hergestellt. Es hat sehr große
    Anstrengungen unternommen um im Jahre 1921 50 Stück zu liefern! Alle weiteren
    Lieferungen erfolgten wie im Vertrag vereinbart im Verlaufe von fünf Jahren, d.h.
    in einem Zeitraum, in dem die Schweden für unser Geld das Werk gebaut haben! Im
    Jahre 1922 lieferten sie 200 Lokomotiven, in den Jahren 1923 bis 1925 – 250
    Lokomotiven pro Jahr [57]. Außerdem war die sowjetische Seite nicht nur der
    Auftraggeber, sondern auch der Kreditgeber. Nicht im Sinne der bereits bezahlten
    Kosten für die Lokomotiven. Im Jahre 1920 erhielt das Unternehmen nicht nur einen
    Vorschuss von 7 Mio. Kronen, sondern auch einen zinslosen Kredit in Höhe von 10
    Mio. Kronen „für den Bau einer Maschinen- und Kesselanlage“. In
    Übereinstimmung mit dem Vertrag sollte die Schuld bei der Lieferung der letzten
    500 Lokomotiven beglichen werden. Irgendwelche Haft- oder Sicherheitsklauseln
    für den Auftrag- und Kreditgeber gab es in den Verträgen nicht.
    Das ist nicht alles! Die Dampflokomotiven wurden für einen Preis bestellt,
    der doppelt so hoch war wie der Vorkriegspreis. Nicht in Wertpapieren, sondern in
    Goldrubel [58]! Damit ergab sich ein äußerst pikantes Bild: überhöhte Preise, Geld
    bezahlt, keine Ware erhalten. Jeder Steuerinspektor oder Kontrolleur, mit einem
    derartigen Fall vertraut, würde sich vor Freude die die Hände reiben. Die
    Angelegenheit stinkt nach einem Skandal und eröffnet für den Prüfer neue
    Aufstiegsmöglichkeiten.
    Über die Seltsamkeiten der „Dampflokomotiven – Geschichte“ wird im Jahre
    1922 ein Artikel im sowjetischen Journal „Der Ökonom“ veröffentlicht. In diesem
    Artikel drückte der Autor Frolov nicht nur sein Befremden über die seltsame
    Wirtschaftsführung aus, sondern stellte auch eine Reihe logischer Fragen: Warum
    wurden die Dampflokomotiven in Schweden bestellt? Wäre es nicht besser gewesen,
    78
    mit dem Geld die eigene Industrie aufzubauen und zu fördern? In den PutilowWerken wurden vor dem Krieg 250 Dampflokomotiven pro Jahr produziert. Warum
    erhielten sie keine Kredite? Mit der gewaltigen Summe von 200 Mio. Goldrubel
    könnten ohne Probleme „die eigenen Werke für den Bau von Dampflokomotiven
    aufgebaut und viele sowjetische Bürger mit Arbeit und Brot versorgt werden“ [59].
    Am Ende des Jahres 1920 gab es in der Russischen Sozialistischen
    Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) ungefähr eine Million Arbeitslose [60]. Zu
    ihrem eigenen Nachteil versorgt die sowjetische Regierung die schwedischen
    Kapitalisten mit einem derart dummen und entwürdigenden Vertrag! Warum?
    Sind Sie, verehrte Leser, über die seltsame Wirtschaft des Genossen Trotzki
    erstaunt? Sie werden noch mehr staunen, wenn Sie erfahren, wie Lenin auf die o.g.
    Publikation im Journal „Der Ökonom“ reagiert hat. Der Führer des Proletariats
    schrieb sinngemäß: „Das sind eindeutig Konterrevolutionäre, Anhänger der Entente,
    Spione und pervertierte junge Menschen. Wir werden sie systematisch verhaften
    und ausweisen“ [61]. Außerdem bat Lenin Felix Dserschinski das Journal „Der
    Ökonom“ zu verbieten …
    200 Mio. Goldrubel! Ist das viel oder wenig? Klären wir zunächst die Frage:
    Was ist ein Goldrubel? Um einen Ausweg aus der Krise zu finden, führte die
    Regierung von Lenin im Jahre 1922 eine Geldreform durch. Die neue Geldeinheit
    und Währung wurde der Tscherwonez. Jeder Tscherwonez mit einem Goldanteil
    von 7,74 Gramm entsprach 10 Goldrubel vor der Revolution. Die Einführung dieses
    Geldes erwies sich als sehr erfolgreich. Schon nach kurzer Zeit glich sich der
    Tscherwonez den Weltwährungen an und wurde sogar wertvoller als der Rubel vor
    der Revolution [62].
    Der Goldrubel war eine vollwertige Geldeinheit. Als die Bolschewiken die
    Macht übernahmen, hatte die Staatsbank in Russland eine Goldreserve in Höhe von
    1.101 Mio. Goldrubel. Ein Teil des Goldes – 650 Mio. Rubel – befand sich in Kasan,
    gelangte von dort in die Hände von Koltschak und nach seiner Niederlage – in Höhe
    von 409 Mio. Rubel – wieder in die Staatsbank [63]. Die Bedingung der Rückgabe
    war, dass die Bolschewiken keine Kopeke ausgeben. Was wirklich geschah, wissen
    wir.
    Jetzt wissen wir auch, dass 200 Mio. Goldrubel nicht nur ein gewaltiger
    Geldbetrag ist, sondern auch ¼ der gesamten Goldreserve des Landes!
    Was war geschehen? Warum organisierte Trotzki dieses kriminelle Geschäft?
    Warum deckte ihn Lenin? Warum mussten derartige Summen vom Oberhaupt der
    Sowjetunion in den Westen gepumpt werden? Geld, das wissen wir genau, spielte
    im persönlichen Leben von Lenin nie eine Rolle …
    Die finanziellen Mittel, die für den Sturz des russischen Zarenreiches und für
    die Revolution gezahlt wurden, mussten offensichtlich zurückgegeben werden. Das
    war nichts anderes als eine Vereinbarung zwischen den Vertretern der westlichen
    Regierungen und den Bolschewiken. Schulden sind zurückzuzahlen und Verträge
    sind einzuhalten! Lenin war deshalb so lange an der Macht, weil er nicht sofort alle
    79
    Vereinbarungen mit den „Partnern“ der angelsächsischen Geheimdienste negiert hat.
    An die Macht gekommen um das große Russland zu zerstören, hat er ihre riesigen
    Territorien wieder vereint. Daraus folgt auch die Logik seiner Handlungen: Die
    Schulden der Zarenregierung zahlen wir nicht, aber die Konzessionen zahlen wir.
    Unsere Macht geben wir nicht her, aber unsere Schulden bezahlen wir.
    Die Gelder wurden auf verschiedene Art und Weise zurückgezahlt. Der
    einfachste Weg war die Ausfuhr von Wertsachen ins Ausland. Diejenigen, die nach
    wie vor glauben, dass diese Mittel für die „Weltrevolution“ eingesetzt wurden,
    sollten folgendes beachten:
  4. Die „Weltrevolution“ oder, nach ihren Worten, die von Lenin und seinen
    Genossen gemachte Revolution findet aus irgendwelchen Gründen nur in
    Deutschland und Österreich-Ungarn, aber nicht in Frankreich und Großbritannien
    statt.
  5. Die Höhe der Finanzierungsmittel für den Untergang des Deutschen
    Kaiserreiches durch die Bolschewiken stimmt mit den Werten der aus Russland
    ausgeführten Wertsachen nicht überein. Die schwedische Polizei hat mitgeteilt, dass
    die Bolschewiken für ihre Propaganda im Ausland (d.h. nur in Deutschland) 2 Mio.
    Rubel ausgegeben haben. Im Herbst 1918, d.h. in der Zeit des Höhepunktes der
    Finanzierung der bevorstehenden deutschen Revolution, kommt der Stellvertreter
    des Vorsitzenden vom Volkskommissariat für Finanzen der Sowjetunion, Isidor
    Gukowski, nach Stockholm. Er hat mehrere Kisten im Gepäck, die mit Geld und
    Wertsachen vollgestopft sind. Nach vorsichtigen Schätzungen der schwedischen
    Polizei handelt es sich um 40 bis 60 Mio. Rubel [64].
    Für was waren die Finanzmittel vorgesehen, die um das 20- bis 30-fache die
    „offiziellen Mittel“ Lenins für die Novemberrevolution in Deutschland übertrafen?
    Beachten wir auch die Tatsache, dass die Gelder und Wertsachen nach Schweden,
    wo es seit November 1917 eine sowjetische Auslandsvertretung unter der Leitung
    80
    von Wazlaw Worowski gab, geschickt wurden. Millionen Rubel fließen über die
    Stockholmer Banken und nicht zuletzt in die „Nya Banken“ von Olof Aschberg,
    dessen Familienname in vielen Büchern über die Finanzierung der Bolschewiken
    durch die Deutschen auftaucht. Ein interessantes Bild ergibt sich: Die Gelder
    fließen nach und aus Russland, aber die Kanäle sind immer die gleichen. Wobei die
    Gelder, die über Schweden nach Russland flossen, angeblich aus „deutschen“
    Quellen kamen. Waren – dieser Logik folgend – die Gelder, die von Russland zurück
    nach Schweden flossen, Geschenke von Lenin an die Deutschen? Hat sie der Kaiser
    vielleicht für die Revolution gegen sein eigenes Land eingesetzt? Die Antwort auf
    diese Fragen ist nicht so schwer, wie sie im ersten Moment scheinen mag. Die
    Bolschewiken überwiesen das Geld aus Russland einerseits zur Begleichung ihrer
    „Schulden“ an die Kuratoren des britischen Geheimdienstes, die damit den von
    ihnen gewünschten Sturz des Deutschen Kaiserreiches finanzierten. Andererseits
    bezahlte das sowjetische Russland für gelieferte Waffen, die es im – bereits
    gewonnenen – Bürgerkrieg im Ausland gekauft hatte. Außerdem garantierte die
    Lieferung von Wertsachen in die USA und nach Großbritannien den Bolschewiken
    loyale Beziehungen mit bestimmten Strukturen in den mächtigsten Ländern der Welt.
    Alle die o.g. Aktivitäten und Geldflüsse führten dazu, dass in den russischen
    Auseinandersetzungen zur allgemeinen Überraschung die Bolschewisten siegten.
    Darüber berichtet auch der amerikanische Wirtschafts- und
    Politikwissenschaftler, Guido Giacomo Preparata: „Die große Anzahl der …
    Konzessionen und Lizenzen, die das Imperium von Lenin den amerikanischen
    Firmen während des Bürgerkrieges und unmittelbar vor seiner Beendigung gegeben
    hat, ist ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass die Bolschewiken von Anfang an von
    den westlichen Verbündeten finanziell unterstützt worden sind. Dazu gehören
    Konzessionen in Höhe von 25 Mio. Dollar für amerikanische Industrielle in der Zeit
    vom Juli 1919 bis Januar 1920, die Konzession für die Gewinnung von Asbest, die
    1921 Armand Hammer erhielt, der Standard-Oil-Pachtvertrag über 60 Jahre
    (Beginn 1920), die Kohle-Öl-Konzessionen und die Konzession über den Fischfang
    in einem Gebiet von 600.000 km2 in Sibirien mit Frank Vanderlip (Präsident der
    National City Bank von 1909 bis 1919, Anm. d. Verf.) [65].
    81
    Das ist der Gipfel der politischen Flexibilität: gleichzeitig zustimmen und
    nicht zustimmen. Wenn die Bolschewisten entscheiden, das geliehene Geld nicht
    zurückzugeben, dann gibt es neue Anschläge. Selbst die Genossen könnten sich
    gegenseitig liquidieren. Deshalb müssen DIESE Gelder auf jeden Fall
    zurückgezahlt werden!
    Wie sollen die Gelder den westlichen Banken zurückgegeben werden?
    Schicken wir dem Präsidenten der National City Bank in New York einfach einen
    Scheck oder eine Überweisung? Können wir unter dem Punkt „Zahlungsgrund“
    schreiben: „Rückzahlung der Finanzmittel für die Unterstützung der russischen
    Revolution und für den Sieg der Bolschewiken im Bürgerkrieg“? Natürlich nicht!
    Das ist unmöglich! Proletarische Führer dürfen „Geld des Volkes“ nicht der
    ausländischen Bourgeoisie geben. Erinnern wir uns! Im März 1921, als Russland die
    ersten 50 Dampflokomotiven erhielt, entflammte in Kronstadt ein Aufstand.
    Wie sollen die Bolschewiken aus ihrem Land ¼ der gesamten Goldreserve
    abtransportieren, ohne dass es jemand merkt? Dazu braucht man einen VORWAND.
    Deshalb schloss das sowjetische Volkskommissariat für Verkehrswesen mit dem
    schwedischen Unternehmen „Nydquist & Holm“ einen Vertrag über den Kauf von
    1.000 Dampflokomotiven für 200 Mio. Goldrubel ab. In Abstimmung mit Lenin
    organisiert Trotzki dieses einmalige „Geschäft“. Ist Ihnen, verehrter Leser, jetzt klar,
    warum die Bolschewiken den Bürgerkrieg gewonnen und die weißen, denen die
    „westlichen Demokraten“ halfen, ihn verloren haben [66]?
    Über das schwedische Banksystem flossen nach Russland die Gelder für die
    Revolution. Auf dem gleichen Wege flossen sie zurück. Natürlich zuzüglich der
    Prozente und einem Dankschreiben für den Kredit! Damit waren „Freundschaft“ und
    „Zusammenarbeit“ beendet. Die Kontrolle über die UdSSR blieb in den Händen von
    Lenin und seinen Genossen. Das ist wichtiger und wertvoller als Gold.
    Um die Hintergründe der Beziehungen zwischen den Bolschewiken und ihren
    Geldgebern richtig zu verstehen, ist es notwendig sich daran zu erinnern, dass die
    Anhänger Lenins sich von Angelsachsen in einer entscheidenden Frage „getrennt“
    haben: Sie haben ihr Land nicht verkauft und verraten. Während des Bürgerkrieges
    hofften die Kämpfer gegen Kommunismus und Bolschewismus, dass die
    Bolschewiken vielleicht doch alles „überdenken“ und wie vereinbart auch
    „verändern“ werden. Sie waren in dieser Zeit zurückhaltend und haben die
    Bolschewisten nicht gefragt. Doch ganz ohne sie ging es nicht: Irgendjemand musste
    als „Bluthund“ arbeiten, die Revolutionäre einschüchtern und zu größeren
    Zugeständnissen zwingen.
    Es kam die Zeit des Untergangs der Weißgardisten. Wer darüber wenig
    gelesen hat, dem empfehle ich, die Erinnerungen der Generäle und Offiziere zu
    lesen, die gemeinsam mit Wrangel gekämpft haben. Wichtige Momente sind: Die
    Briten und Franzosen weigerten sich zunächst die zurückweichende Armee von
    Wrangel mit Waffen, Munition und Proviant zu versorgen. Später waren sie
    einverstanden, verlangten aber dafür als Entgelt die Übergabe der russischen
    Kriegsschiffe. Gleichzeitig begannen sie mit einer massiven Propaganda die
    Weißgardisten zu überzeugen, die Armee und das Land als Flüchtling zu verlassen.
    82
    Nur dank des eisernen Willens der Generäle Wrangel und Kutepov konnten die
    Armeen noch eine gewisse Zeit unter Kontrolle gehalten werden. Letztendlich
    wurden die Weißgardisten gezwungen nach Europa zu flüchten. Oft bettelarm und
    ohne Bleibe mussten sie die schwersten Arbeiten verrichten.
    Auch an deutschen Nationalsozialisten gab es in den Jahren 1920 und 1921
    keinen besonderen Bedarf. In dieser Zeit erhielten sie auch keinerlei Unterstützung.
    Ihre ersten bescheidenen Erfolge verdanken sie allein den Talenten Hitlers und dem
    Enthusiasmus seiner Anhänger. Es war die Zeit, der gutmütigen älteren Damen, die
    den hungrigen Nazis die letzten Groschen gaben. Das Geschäft der „echten Arier“
    lief sehr schlecht. „Bis Mitte 1921 konnte sich die Partei keinen Kassierer leisten.
    Die Plakatkleber hatten kein Geld, um Leim zu kaufen [67].
    Die Bilder von Hitler aus dieser Zeit zeigen ihn in einfacher und abgetragener
    Kleidung.
    83
    Er wohnt in einem ärmlich ausgestatteten Zimmer in der Thierschstraße mit
    einem stark verschlissenen Linoleum-Fußboden. Friedelind Wagner, die Enkelin
    von Richard Wagner – der liebste Komponist von Hitler – beschrieb ihn so: In
    bayrischen Lederhosen, in kurzen groben Wollsocken, in einem rot-blau-karierten
    Hemd und einer kurzen blauen Jacke, die wie ein Sack auf seiner knöchrigen Figur
    hing“ [69]
    In einer anderen Beschreibung Hitlers heißt es: Mit seinen schweren Stiefeln,
    dunklem Anzug und Lederweste, einem abstehenden weißen Kragen und mit einem
    seltsamen Schnurbart, machte er keinen großen Eindruck auf mich. Ähnlich wie ein
    Kellner in irgendeinem Bahnhofrestaurant [70].
    Das Verhältnis zur Arbeit war beim Führer auch äußerst seltsam: „Er brachte
    alle zur Verzweiflung, weil man nie sicher sein konnte, dass er auf einem
    vereinbarten Treffen erschien und es war unmöglich, ihn von irgendeiner
    Entscheidung abzubringen“ [71].
    Als Franz Pfeffer von Salomon, der künftige Führer der SA, das erste Mal den
    Führer sah, weigerte er sich, ihn zu begrüßen. Angezogen war er wie ein Lump: Eine
    alte Jacke, gelbe Lederhosen und einen Rucksack auf dem Rücken. Oder: blauer
    Anzug, violettes Hemd, braune Weste und ein grell-rote Krawatte [72 ]. Das äußere
    Erscheinungsbild des künftigen Führers war sehr eigenartig. In der heutigen Sprache
    können wir sagen, die Stilisten und Imagemacher müssten mit ihm sehr viel arbeiten.
    Das haben sie offensichtlich auch damals getan. Denn hat 1941 irgendjemand Adolf
    Hitler in kurzen Hosen gesehen?
    Sehr bescheiden waren die persönlichen Ausgaben von Hitler. Während des
    Osterfestes 1923 borgt er sich bei Göring ein paar Mark für eine feierliche Exkursion
    in die Berge. Als er sich später an diese Jahre erinnert, behauptet er: „Lange Zeit
    habe ich mich von Tiroler Äpfeln ernährt. Unwahrscheinlich, welche Sparsamkeit
    wir damals pflegten. Jede gesparte Mark haben wir der Partei gegeben“ [73].
    Es ging nicht um Luxus, sondern um die nackte Existenz. Gerade deshalb
    waren die ersten Anhänger von Hitler nur von der Idee getragen. Ihr Führer arbeitete
    nicht für Geld, sondern für die Idee. Dies rief Achtung und Anerkennung für Hitler
    hervor, nicht weniger als seine Redekunst. Wann hat sich die finanzielle Lage der
    Nazis verbessert? Wann entwickelten sich bei ihnen die ersten Bedürfnisse? Wie wir
    wissen, gab es 1921 diese Bedürfnisse noch nicht, auch Anfang 1922 nicht. Die
    Historiker informieren uns über keine finanziellen „Wunder“ bei den Nazis in dieser
    Zeit.
    Vom 10. April bis 19. Mai 1922 nimmt das sowjetische Russland unter der
    Bezeichnung RSFSR an der internationalen Konferenz in der italienischen Stadt
    Genua teil [74]. Im Grunde genommen war dies die erste Vorstellung der
    bolschewistischen Regierung vor der „zivilisierten Welt“. In erster Linie ging es wie
    immer ums Geld. Die westlichen Regierungen hatten gewaltige finanzielle
    Forderungen, die insbesondere Vorkriegskredite, Kriegskredite und die damit
    verbundenen Zinsen betrafen. Außerdem forderten sie die Bolschwiken auf, für alle
    nicht beglichenen Lieferungen an die Weißen Regierungen und für enteignete
    Unternehmen, deren Besitzer Ausländer waren, entsprechende finanzielle
    84
    Entschädigungen plus Zinsen zu zahlen. Nach Auffassung der westlichen Experten
    betrug die Summe dieser Forderung 18 Milliarden Goldrubel.
    Konferenz in Genua (10.04. – 20.5.1922)
    Natürlich konnten die Bolschewiken eine derartige Summe – die jährlichen
    Abschläge lagen bei sage und schreibe 80% des damaligen Staatshaushaltes – nicht
    zahlen. Darauf baute die gesamte Rechnung: Wenn die Bolschewiken nicht in der
    Lage sind zu zahlen, dann müssen sie Russland aufgeben und im Sinne ihrer eigenen
    Versklavung die Führung ihres Landes an die ehemaligen Partner den Entente, die
    mit Hilfe von Kerenski und Lenin den revolutionären Umsturz des Russischen
    Imperiums organisiert haben, übergeben.
    An diesem Punkt angekommen, zeigte Vladimir Iljitsch Lenin den
    Verhandlungspartnern „den Vogel“! Anstelle einer bedingungslosen Anerkennung
    der Schulden und einer finanziellen Sklaverei stellte die sowjetische Delegation in
    aller Ruhe ihre eigenen Forderungen: Für die ausländische Intervention und für die
    Blockade – 30 Milliarden Goldrubel. Nach einigen Tagen wurde den geschockten
    westlichen Diplomaten eine abgeschwächte Vertragsvariante vorgelegt. Von den
    Bolschewiken wurden die Vorkriegsschulden Russlands anerkannt. Außerdem
    waren sie bereit, den ehemaligen Eigentümern vorrangig das Recht auf den Erwerb
    einer Pacht oder einer Konzession für das enteignete Unternehmen einzuräumen. Im
    Gegenzug sollten Großbritannien, Frankreich und Italien die Sowjetische Regierung
    de jure anerkennen, ihr finanzielle Hilfe leisten, die nationalisierten Unternehmen
    „vergessen“ und alle Kriegsschulden einschließlich der Zinsen annullieren.
    So frech und unverschämt hatte mit den Siegern des Ersten Weltkrieges bisher
    niemand gesprochen. Während sich die westlichen Delegationen die finanziellen
    Forderungen der Bolschewiken anhörten, realisierte die sowjetische Delegation
    einen diplomatischen Akt von größter Bedeutung. Am 16. April 1922 wurde in der
    Stadt Rapallo – Vorort von Genua – der unbefristete Vertrag zwischen der RSFSR
    und Deutschland abgeschlossen. In diesem Vertrag verpflichteten sich beide Seiten
    von allen Forderungen auf Entschädigung militärischer Ausgaben und
    nichtmilitärische Verluste Abstand zu nehmen. Außerdem wurde von Deutschland
    die Nationalisierung von deutschen Staats- und Privateigentum in der RSFSR
    anerkannt! Der Vertrag war geheim und wurde mitten in der Nacht
    unterzeichnet. Die Diplomaten der anderen westlichen Staaten wurden erst
    nach der Unterzeichnung davon in Kenntnis gesetzt [75].
    85
    Das war zu viel! Die Russen haben praktisch die Briten und Franzosen „um
    den kleinen Finger gewickelt“. Die Konferenz in Genua endete mit einem
    Unentschieden. Auf der Haagener Konferenz (vom 15 Juni bis 20. Juli 1922)
    unternahm der Westen den 2. Versuch Russland zur Kapitulation zu zwingen. Die
    sowjetische Delegation beharrte auf ihren Positionen wie in Genua. Der Entente
    wurde klar, dass mit den Bolschewiken, die aus ihrer Kontrolle geraten waren,
    anders gesprochen werden musste. Auch in Deutschland, das so deutlich seine
    Unabhängigkeit demonstriert hatte, musste Ordnung geschaffen werden. Denn der
    britische Geheimdienst hat die Revolutionen in Russland und Deutschland nicht
    organisiert, damit sie sich anschließend anfreunden.
    Schon zwei Tage nach dem Abschluss des Rapallo-Vertrages, am 18. April
    1922, schickten die Länder der Entente, die Länder der Kleinen Entente
    (Jugoslawien, Tschechoslowakei, Rumänien) sowie Polen und Portugal an
    Deutschland eine beleidigende Protestnote. In diesem Schreiben beschuldigen sie
    Deutschland der Illoyalität in Beziehung zu den Verbündeten, weil die deutschen
    Vertreter „insgeheim, hinter dem Rücken ihrer Kollegen, einen Vertrag mit
    Russland abgeschlossen haben“. In der Presse löste diese Note einen
    unvorstellbaren Skandal aus. Am nächsten Tag suchten die Leiter der deutschen
    Delegation, Joseph Wirth und Walter Rathenau, die Leiter der sowjetischen
    Delegation auf und flehten (!) sie an, den unterschriebenen Vertrag zurückzugeben.
    Die Panik der Vertreter von „Freiheit und Demokratie“ Deutschlands war so groß,
    dass sie ständig in die britische Mission liefen, in Berlin anriefen und wieder zur
    sowjetischen Delegation zurückkehrten um sie zu überreden, den Vertrag für Null
    und Nichtig zu erklären. Selbstverständlich fand diese Position unter den
    sowjetischen Diplomaten kein Verständnis, der Vertrag von Rapallo wurde nicht
    storniert.
    86
    Sofort nach diesem Ereignis, aktiveren die Angelsachsen im Land des Bieres
    und der Würste die entsprechenden Kräfte. Wie die Frösche im trockenen Sumpf,
    warten sie geduldig auf ihre Stunde. Mit den ersten belebenden Regentropfen
    entwickeln sie eine fieberhafte Tätigkeit. So geschah es mit den politischen Parteien
    in Deutschland. Natürlich mit denen, die gebraucht wurden – mit den
    Nationalsozialistischen.
    Der Rapallo-Vertrag wurde am 16. April 1922 unterschrieben und – welch ein
    Zufall – genau im Frühling 1922 steigt die Zahl der Mitglieder in der NSDAP
    sprunghaft an [76]. Genau in den Jahren 1922 bis 1923 entwickelt sich in
    Deutschland eine zügellose Inflation. Die Bevölkerung verarmte schnell. Aber Adolf
    Hitler erhielt im Sommer 1922 Geld. Viel Geld! Deshalb plante er im Januar 1923
    in München einen Parteitag durchzuführen. Mehr als 5 tausend Stürmer in
    ausgezeichneten neuen Uniformen sollten an ihrem Führer vorbeimarschieren [77].
    Gepachtet wurden gleichzeitig 12 Plätze für die Durchführung der agitatorischen
    Veranstaltungen. Für die Einbeziehung eines großen Publikums wurden mehrere
    Orchester, Tanzgruppen und sogar ein bekannter Clown engagiert [78]. Unmittelbar
    nach Rapallo wurde unerwartet die Höhe der Hitlerzeitung „Völkischer Beobachter“
    von 8 auf fast 18 tausend Exemplare erhöht [79]. Nach dem Parteitag erscheint die
    Wochenzeitung als Tageszeitung. Viel zu viele „Zufälle“ …
    Jetzt können wir die Frage beantworten, warum die geheimnisvollen
    ausländischen Sponsoren der jungen nazistischen Bewegung geholfen haben. Die
    deutschen Nationalsozialisten werden von den äußeren Kräften aktiv für eine
    Destabilisierung der politischen Situation im Land benutzt. Die Nazis sind
    hervorragend geeignet, in Deutschland eine Regierungskrise zu provozieren und
    damit die von den Angelsachsen gehasste Regierung, die sich erlaubt hat, einen
    Vertrag mit den Bolschwiken abzuschließen, zu stürzen. Die Weimarer Republik ist
    ein demokratisches Land, d.h. ihre Regierung kann und muss im Falle der kritischen
    innenpolitischen Situation immer zurücktreten. Tut sie das nicht, dann kann mit
    Hilfe der Nationalsozialisten auch ein Mord organisiert werden. Erinnern wir uns
    nochmal an die Unterzeichnung des Rapallo-Vertrages am 16. April 1922. Am 24.
    Juni 1922 wird der Außenminister Deutschlands, Walter Rathenau (nach seiner
    Nationalität ein Jude) von einer Gruppe nationalistischer Verschwörer umgebracht.
    87
    Ein sehr anschauliche Lehrstunde für alle deutschen Politiker: Rathenau war
    ein Anhänger einer Politik der allmählichen Annäherung an Moskau [80].
    Allmählich, aber immer mit dem Blick nach dem Westen.
    Schon am 14. November 1922 wird Joseph Wirth, der Kanzler, der den
    Rapallo-Vertrag sanktioniert hat, in den Ruhestand versetzt. Wirth wünschte
    aufrichtig eine schrittweise Annäherung von Deutschland und Sowjetrussland. Er
    befürchtete unberechenbare Reaktionen der „westlichen Mächte auf die
    außenpolitische Selbstständigkeit Deutschlands“ [81]. Der Tod von Walter
    Rathenau hat nachdrücklich gezeigt, dass seine Befürchtungen gerechtfertigt waren.
    Gleichzeitig mit dem Anwachsen der Spannungen im Land verstärkte sich der
    außenpolitische Druck auf die deutsche Regierung. Vorwand waren Rückstände bei
    Zahlung von Reparationen. In den ersten Nachkriegsjahren haben die Länder der
    Entente Deutschland nicht besonders unter Druck gesetzt, jetzt veränderte sich
    jedoch die Situation schlagartig. Nach dem Mord an Rathenau und der Absetzung
    des Kanzlers Wirth folgten äußerst harte Maßnahmen. Im Januar 1923 okkupierten
    französische Truppen das größte Industriezentrum Deutschlands, das Ruhrgebiet
    [82]. Damit nahmen sie die Gewinnung und den Abtransport der gesamten Kohle in
    diesem Raum unter ihre Kontrolle. Die deutsche Regierung rief ihre Bürger zum
    passiven Widerstand auf. Die Franzosen benahmen sich wie echte Okkupanten. Z.B.
    beschossen sie mit Maschinengewehren auf eine Demonstration der Arbeiter in
    einem der Werke von Essen. Das Ergebnis – 15 Tote und mehr als 30 Verwundete.
    An der Beerdigung der Toten nahmen ca. eine halbe Millionen Menschen teil. Aus
    Rache wurde der Eigentümer der Firma und 8 seiner Mitarbeiter von einem
    französischen Gericht zu 15 und 20 Jahren Gefängnis verurteilt [83].
    Ganz Deutschland ballte vor Empörung die Fäuste. Im Ruhrgebiet kam es zu
    Anschlägen und Überfällen auf französische Militärangehörige. Viele Todesstrafen
    waren die Folge [84]. Haben sich die Nazis auf ihren Versammlungen auf die Seite
    der deutschen Patrioten gestellt? Für jene, die die wahren Quellen der Finanzierung
    Hitlers kennen, ist es sicherlich keine Überraschung, dass die Mitglieder der
    Nazipartei am Kampf gegen die französischen Okkupanten nicht teilnahmen.
    88
    Umgekehrt, Hitler drohte jeden aus der Partei auszuschließen, der es wagt,
    am Widerstand gegen die französischen Besatzer im Ruhrgebiet aktiv teilzunehmen.
    In einigen Fällen hat er seine Drohung wahrgemacht. Nach Aussagen von
    Augenzeugen hat der Führer noch vor einem halben Jahr über die Notwendigkeit
    eines Partisanenkrieges im Falle der Okkupation des Ruhrgebietes gesprochen [85]!
    Die wachsende und immer stärker werdende NSDAP konnte nunmehr, wie
    auch andere nationalistische Gruppen, aktiv und effektiv für die Destabilisierung der
    inneren Lage in Deutschland eingesetzt werden. Eine grausame Ironie des
    Schicksals! Jene, die am lautesten über Großrussland, Großdeutschland u.a.m.
    schreien, werden in den meisten Fällen unbewusst von den geopolitischen Gegnern
    für die Schwächung und Zersplitterung ihrer Länder eingesetzt. Erinnern wir an
    unsere edelmütigen aber sehr kurzsichtigen Weißgardisten. Den Führern der weißen
    Bewegung kam nicht einmal der Gedanke, dass ein „Handel mit der Heimat“
    möglich ist. Im Ergebnis haben sie den Bürgerkrieg verloren und das Land den
    Bolschewiken überlassen. Moderne russische Skinheads und Ultranationalisten
    wissen nicht, dass sie durch ihr aggressives Verhalten gegenüber allen „Fremden“
    ihrem Land einen gewaltigen Schaden zufügen. In einem Vielvölkerstaat führt jede
    Gewalt einer Nation gegen eine andere immer zur Spaltung des eigenen Landes,
    d.h. zu einer Situation, die nur dem geopolitischen Gegner Nutzen bringt. Genauso
    handelte Hitler mit seinem mythischen „Separatismus“ und „Patriotismus“ bewusst
    oder unbewusst im Interesse der Franzosen und Briten, die ihn dafür gut bezahlt
    haben [86].
    Ungefähr ein Jahr vor Hitlers „Bierputsch“ erschienen am Horizont einige
    interessante Persönlichkeiten. Gemeinsam mit ihnen kam auch viel Geld, dessen
    Herkunft die Historiker nicht bestimmen konnten. Finanzflüsse zum Führer gab es
    von vielen Seiten. Neben den französischen und britischen („schweizerischen“)
    89
    Finanzmitteln erhielt Adolf Hitler auch amerikanisches Geld. Alles geschah im Jahre
    1922, als in Deutschland die hektische Suche nach einer neuen politischen Figur
    begann, die in Abhängigkeit von der konkreten Situation genutzt werden kann: für
    den Austausch ungewünschter Politiker, für die Durchführung von Morden und
    Provokationen. Hitler an die Macht zu führen, dazu war im Moment niemand bereit.
    Außerhalb von München war von ihm nichts zu hören. Deshalb traf sich der
    Militärattaché der USA in Deutschland, Kapitän Truman Smith, zunächst nur mit
    anderen Leuten: Mit dem ehemaligen General Erich Ludendorff, der im Ersten
    Weltkrieg ein kommandierender General der deutschen Armee war und mit dem
    Kronprinzen Rupprecht von Bayern, der im Ersten Weltkrieg den Oberbefehl über
    die 6. Armee hatte. Sie erzählten dem Amerikaner über den neuen aufgehenden
    Stern. Am 20. November 1922 traf sich der Kapitän mit dem Führer in seiner
    armseligen Wohnung in der 2. Etage [87].
    Hitler sprach mit dem Amerikaner absolut offen. Wenn sich der Militärattaché
    einer Botschaft für einen Politiker interessiert und nicht für Kanonen und Gewehre,
    dann berührt das Spektrum seiner Tätigkeit nicht nur militärische Fragen. Der
    vorläufig noch unbekannte Führer einer kleinen örtlichen Bayernpartei spricht über
    seine Absicht „den Bolschewismus zu liquidieren“, „die Fußfesseln des Versailler
    Vertrages abzuwerfen“, eine Diktatur zu errichten und einen starken Staat zu
    schaffen. Den äußerst seltenen Fall nutzend, dass ein Mann des amerikanischen
    Geheimdienstes zu ihm kommt, bietet sich Hitler als „Schwert der Zivilisation“ im
    Kampf gegen den Marxismus, d.h. gegen Russland an!
    90
    Dieser Vorschlag erwies sich als sehr zeitgemäß: Derartige Fanatiker können
    in einem beliebigen Moment sehr nützlich sein. Vorläufig macht es keinen Sinn sich
    mit den Russen anzulegen, aber diesen jungen Hitler im Auge zu behalten, lohnt
    sich. Nach Berlin zurückgekehrt, verfasst Kapitän Truman Smith einen
    ausführlichen Bericht, der am 25. November 1922 von der Botschaft nach
    Washington geschickt wird. Die Antwort kommt unverzüglich. Weil sich der
    offizielle Militärattaché der USA angesichts seines diplomatischen Status nicht
    weiter mit dem deutschen Politiker aktiv beschäftigen kann, erhält Adolf Hitler
    einen neuen Kontaktmann vom amerikanischen Geheimdienst. Hitler war damit für
    die Amerikaner zu einem interessanten deutschen Politiker mit einer Perspektive
    geworden.
    Auf dem nächsten Treffen mit dem Führer erschien nicht der Militärattaché,
    sondern sein „Kumpel“. Sein Name war Ernst Franz Sedgwick Hanfstaengl.
    Sohn eines erfolgreichen Händlers für Kunstobjekte, eines Deutschen und
    einer Bürgerin der USA, in Bayern geboren, absolvierte er bis zum Jahre 1909
    erfolgreich die Harvard-Universität in den USA. Während des Ersten Weltkrieges
    saß der Halbdeutsche in den USA und beeilte sich nicht, der fernen Heimat zu helfen.
    Als deutscher Staatsbürger wurde er nicht verhaftet, selbst dann nicht, als die USA
    Deutschland den Krieg erklärte. Mit dem Versprechen, „sich nicht in irgendeine
    antiamerikanische Tätigkeit einzulassen“ wurde er nicht interniert. Warum? Weil
    sein Advokat der Staatssekretär des amerikanischen Präsidenten Theodore
    Roosevelt war [88]!
    Nachdem Deutschland den Krieg verloren hatte, eilte Hanfstaengl in seine
    Heimat. Im zerstörten und von der Inflation erfassten Deutschland, war das Leben
    des „Amerikaners“ Ernst Hanfstaengl eine Insel des Wohlstandes und des
    Überflusses. Er hatte immer Geld, aber die Quellen seiner Einkünfte waren oft
    undurchsichtig: Die verfluchte Inflation hatte die Firma seines Vaters vollständig
    vernichtet. Als „offizielle“ Quelle seines Wohlstandes wurde irgendeine
    Kunstgalerie in Amerika genannt. Eine sehr überzeugende Erklärung – aber absolut
    nicht nachprüfbar. Das bedeutet – sehr bequem. Schon im ersten Meeting mit Hitler
    „entwickelte er zu ihm eine Sympathie“ und knüpfte mit ihm freundschaftliche
    Beziehungen. Später schrieb er sogar zwei Bücher (Memoiren) mit dem Titel „Mein
    91
    Freund Adolf, mein Feind Hitler“ und „Hitler. Verlorene Jahre“. Diese Bücher
    empfehle ich allen zu lesen.
    Warum? Nicht wegen des besonderen literarischen Stils, sondern wegen den
    dargelegten beindruckenden Fakten. Es erweist sich, dass der Ehrgeiz nicht nur
    Dichtern, Malern, Kriegsherren und Schriftstellern eigen ist. Auch Geheimagenten
    sind davor nicht gefeit. Im hohen Alter schreiben sie deshalb bescheidene
    Büchlein, in denen sie selbstverständlich nicht die ganze Wahrheit erzählen. Nur
    tröpfchenweise zwischen allgemeinbekannten Fakten platzieren sie bestimmte
    Wahrheiten, damit der „nachdenkliche Leser“ begreift, wie der Autor dieses Werkes,
    indem er diesem seltsamen Fanatiker mit dem Namen Adolf Hitler half, Geschichte
    schrieb.
    Zu schreiben gibt es viel! Der 2m-Mann, Ernst Hanfstaengl, hatte im Kreise
    der Nazis den Spitznamen „Putzi“, was so viel wie „Kleiner“ bedeutet. Unter diesem
    Namen ist er in die Geschichte der Nazibewegung und in die Geschichtsbücher
    eingegangen. Historiker, die keinerlei Ahnung hatten und Hanfstaengl als Spaßvogel
    beschrieben, vergessen völlig, dass diese Rolle sehr bequem für eine verdeckte
    Einflussnahme auf den Herrscher ist.
    Ernst Hanfstaengl, amerikanischer Geheimagent, hat nicht aus Herzensgründen, sondern
    im Auftrage seiner Regierung Adolf Hitler wahrlich unschätzbare Hilfe geleistet.
    92
    Die Rolle von Putzi bei der Gestaltung der NSDAP als Partei und bei der
    Entwicklung von Hitler als Führer wird bis heute nicht angemessen bewertet. Der
    Pianist Hanfstaengl führte den ungeschliffenen Gefreiten in den Kreis der
    Münchener Aristokratie, in ihre Künstler- und Literaturkreise ein. Die Bekanntschaft
    mit solchen Leuten, wie mit der Familie Hanfstaengl, gab Hitler den noch fehlenden
    Respekt und half ihm viele neue Kontakte zu knüpfen. Putzi und seine Frau waren
    die erste wohlhabende Familie, die Hitler die Tür ihres Hauses öffnete. Genauer
    gesagt, waren sie seine ersten Stilisten und Image-Macher. Hitler lernte, sich in guter
    Gesellschaft zu benehmen und eignete sich aristokratische Manieren an.
    Die Villa der Hanfstaengls war immer für ihn geöffnet. Dort spielte Putzi dem
    künftigen Führer auf dem Klavier nicht nur Musikstücke von seinem geliebten
    Wagner vor, sondern sie gaben ihm auch Geld. Putzi Hanfstaengl ist reich und kann
    es sich erlauben, dem jungen aufstrebenden Politiker ein wenig zu helfen. Anleiten
    und auf den richtigen Weg stellen. Die Ideen, die er dem künftigen Führer einimpfte,
    hat er offen und ehrlich in seinen Memoiren dargelegt: „Wenn es zu einem Krieg
    kommt, dann gewinnt ihn derjenige, der sich auf der Seite von Amerika befindet.
    Die einzige richtige Politik, für die Sie kämpfen müssen, ist die Freundschaft mit
    den Vereinigten Staaten. Wenn sich die Amerikaner auf der Seite des Gegners
    befinden, dann verlieren Sie jeden beliebigen Krieg …“[89].
    Beachten Sie, verehrter Leser, dass diese Predigt nicht an den Präsidenten
    eines Staates oder an den Ministerpräsidenten einer Regierung gerichtet ist, sondern
    an einen vorläufig völlig unbekannten Führer einer marginalen Organisation. Wir
    danken dem Redakteur, der in der Einleitung des Buches von Hanfstaengl die
    Gedanken des „Spaßvogels“ noch kürzer und verständlicher formulierte: “Seine
    These besteht darin, dass Deutschland niemals wieder Gewicht und Größe ohne eine
    Annäherung an Großbritannien und die Vereinigten Staaten gewinnt. Die
    grundlegende Einstellung, die er Hitler fest ins Gehirn einprägte, bestand darin, dass
    alle Gedanken über eine Abrechnung in Europa illusorisch sind, wenn sich diese
    beiden Seemächte mit der gegnerischen Seite vereinen“ [90].
    Gute und richtige Gedanken. Entwickeln wir diese Gedanken weiter, so folgt
    daraus: Wir müssen uns mit Großbritannien und mit den USA befreunden, gegen
    Russland aber kämpfen. Irgendwo sind wir diesen Gedanken schon einmal begegnet,
    irgendwo haben wir sie gelesen … Aber wo? Bei Hitler selbst, in seinem Buch
    „Mein Kampf“! Interessant: Im Jahre 1923 führt Hanfstaengl mit Hitler
    geopolitische Gespräche, klärt den künftigen Führer auf, erweitert seinen Horizont
    und im Jahre 1924 schreibt der „Schüler“ sein Buch, wobei er Wort für Wort die
    Thesen seines Freundes wiederholt. Wer ist denn der wahre Autor des Buches „Mein
    Kampf“? Mit hoher Wahrscheinlichkeit der amerikanische Geheimagent.
    Falls irgendjemand noch Zweifel hat, warum und weshalb sich Ernst
    Hanfstaengl und Adolf Hitler „zufällig“ kennengelernt haben, dann lesen sie einfach
    seine Bücher. Die letzten Zweifel verschwinden von ganz alleine. Vieles weist
    ausdrücklich darauf hin, aus welchem Dienst der reiche amerikanische „Freund“ der
    deutschen Nazis gekommen ist. Ohne Zweifel ist Hitler ein talentierter Redner. Aber
    dieses Naturtalent muss entwickelt und gesteuert werden. Ernst Hanfstaengl bestärkt
    93
    seinen Freund Adolf Hitler in dem Glauben an seine eigene Kraft und entwickelt
    sein Redetalent auf hohem Niveau weiter: „Ich erzählte ihm etwas über den
    effektiven Einsatz von ausdrucksvollen Aphorismen im amerikanischen politischen
    Leben und erklärte ihm, wie diese durch bissige Überschriften in den Zeitungen
    verstärkt werden. Sie verleihen der Idee eine phonetische und rhetorische Wirkung“
    [91].
    Hitler ist einverstanden. Er saugt wie ein Schwamm alles in sich auf. „In
    vielen Beziehungen war Hitler leicht lenkbar und entgegenkommend“ [92], sagt
    Hanfstaengl. Mit der Entwicklung seines Redetalentes, beginnt Hitler vernünftige
    Fragen zu stellen: „Sie haben vollkommen Recht. Aber wie kann ich meine Ideen
    ohne Presse ins deutsche Volk bringen? Die Zeitungen ignorieren mich völlig. Wie
    kann ich meine Erfolge als Redner mit unserem unglücklichen „Völkischen
    Beobachter“ verfolgen, der nur einmal in der Woche erscheint? Wir werden nichts
    erreichen, solange sie nicht täglich erscheint“ [93].
    Für die Unterstützung der Massen brauchte Hitler Propaganda. Für die
    Propaganda brauchte er Geld. Woher sollte er das Geld nehmen? „Im März 1923
    gab ihm Hanfstaengl ein Darlehen in Höhe von 1.000 Dollar. Für damalige
    Verhältnisse war das sehr viel Geld“ [94]. Sehr viel! Sogar ein Dollar ist nach den
    Worten von Hanfstaengl ein ganzes Vermögen [95]!
    Für das Geld des großzügigen Amerikaners kauften die Nazis zwei neue
    Druckmaschinen. Jetzt erscheint die Zeitung „Völkischer Beobachter“ nicht einmal
    wöchentlich im kleinen Format, sondern täglich in einem großen Zeitungsformat.
    Doch damit war die Unterstützung von Hanfstaengl bei der Schaffung eines
    Sprachrohres für die Nazis noch nicht beendet. Er engagiert einen Illustrator und
    Karikaturisten für die Gestaltung eines neuen Titelblattes. Durch die in roter Farbe
    unterstrichene Hauptschlagzeile und die Kopfleiste in Antiqua-Letter unterschied
    sich Hitlers Zeitung jetzt auffällig von anderen Zeitungen. Außerdem empfahl er
    seinem Freund das Motto der Zeitung in „Arbeit und Brot“ [96] zu ändern.
    Hanfstaengl hilft Hitler auch in anderen Kleinigkeiten, aber sehr wichtigen
    Angelegenheiten. So erklärte er seinem Freund Adolf, wie wichtig die Auswahl der
    richtigen Musik ist, um die Masse in Ekstase zu bringen und um hysterischen
    Enthusiasmus zu unterdrücken. Als anschauliches Beispiel spielt er Hitler den
    Gardemarsch vor. Hitler „zwang das Orchester der SA diesen Marsch einzuüben und
    zu spielen“. Außerdem komponierte Hanfstaengl viele neue Marschmelodien für die
    faschistische SA [97]! Mit dieser „rührenden Marschmusik“ des Amerikaners
    94
    marschiert die SA durch das Brandenburger Tor an dem Tag, als Hitler zum
    Reichskanzler berufen wird.
    Die Tatsache, dass Hanfstaengl die Nazis unterstützt und Geld gegeben hat,
    verschweigt er. In seinen Memoiren schreibt er mehrmals: „Ich habe entschieden,
    dass ich nicht einverstanden bin, die Nationalsozialistische Partei zu unterstützen“;
    „Ich … habe verstanden, dass jede Hilfe, die ich erweise, geheim bleiben muss“;
    „Ich habe meine Unterstützung der Nazis geheim gehalten weil ich mir keinerlei
    Lärm leisten konnte“ [98].
    Warum musste er das geheim halten? Seine Erklärungen klingen nicht sehr
    überzeugend: „Ich bin Mitglied eines Familienunternehmens“. Mit welcher
    wichtigen Angelegenheit beschäftigte sich Hanfstaengl in Deutschland? Mit Adolf
    Hitler zusammen auf den Straßen spazieren, das kann er, aber ihn mit Geld
    unterstützen, das darf er nicht? Vor seiner Reise von Amerika nach Deutschland
    beschäftigte er sich nicht mit Handel oder irgendwelchen Transaktionen, sondern
    mit dem Studium der Biografie des bayrischen Königs und Kunstmäzene Ludwig II
    [99]. Es ist das gleiche als wenn wir am Anfang der Jelzin-Epoche Angst gehabt
    hätten kompromittiert zu werden, weil wir das Leben der Favoriten von Jekaterina
    II oder der Zarin Elisabeth Petrowna untersuchen. Womit beschäftigte sich
    Hanfstaengl neben der Anleitung und Unterstützung von Hitler, neben seinen
    Dienstreisen mit ihm? In seinen Memoiren steht das nicht. Wortkarg ist der Autor
    bei der Beschreibung seiner kommerziellen Tätigkeit.
    Übrigens hat er nicht vergessen uns zu erzählen, wie er sich während seines
    ersten Besuches bei Adolf mit seinen Büchern auf dem Regal vertraut gemacht hatte.
    Wäre es für Sie, verehrter Leser, interessant zu erfahren, welche Bücher in seiner
    Freizeit der Führer einer politischen Partei liest? Natürlich, ja. Sie schauen auf das
    Bücherregal und erinnern sich an jedes Buch? Wahrscheinlich würden Sie sich nur
    an einige erinnern. Aber nach 20 Jahren beim Schreiben Ihrer Memoiren eine
    vollständige Liste aller Bücher auf dem Regal zu reproduzieren – wohl kaum. Denn
    wir sind einfache Menschen. Aber Ernst Hanfstaengl ist ein derart großer Freund des
    Nazis Hitler, dass er einfach „aus der Reihe fällt“. Deshalb schreibt der Amerikaner:
    „Es waren völlig verschiedene Bücher. Als ich Zeit fand, machte ich von ihnen eine
    Liste“ [100]. Dieses Verhalten ist für einen Spießbürger seltsam, für einen
    erfahrenen Geheimagenten völlig normal.
    95
    Damit verdichtet sich der starke Eindruck, dass der Kontakt mit Hitler, die
    Sammlung von Informationen über ihn, die Hauptaufgabe seines Freundes
    Hanfstaengl war. Z.B. schreibt Hanfstaengl angeblich das Szenarium für einen Film.
    Ein ganzes Jahr beschäftigt er sich damit. Aber ein Film wurde niemals gedreht!
    Warum? Weil Putzi kein Szenarium geschrieben hat. Er hat sich zielstrebig und
    planmäßig nur mit einer einzigen Aufgabe beschäftigt – mit der Vorbereitung von
    Deutschlands neuem Führer. Mit den Erzählungen über seine „Filmtätigkeit“
    können alle möglichen Fragen über die Art seiner Tätigkeit sehr effektvoll
    abgeschmettert werden. Denn einen derartigen Beruf – Hitler zu helfen, an die Macht
    zu kommen – gab es damals noch nicht.
    „Der Partei fehlte ständig Geld“ [101], schreibt Hanfstaengl in seinem Buch.
    Warum gab ihm sein großer (2m-Mann) Freund und Sponsor nicht 2 oder 10 tausend
    Dollar, wenn er sowieso die Aufgabe hatte, Hitler in seiner Aufstiegsphase zu
    helfen? Sehr einfach: Nach seiner „Legende“ war er zwar reich, aber kein Millionär.
    Für die „rechte Sache“ konnte er deshalb keine Geldbeträge opfern, die weit über
    einem vernünftigen Level eines reichen Bürgers lagen. Deshalb waren 1.000 Dollar
    vernünftig, 10.000 Dollar aber nicht. Natürlich konnte er Hitler mit den
    erforderlichen Leuten bekannt machen, was er auch tat. Schon am Vorabend seines
    Putsches in München fährt Hitler in die Schweiz um Geld zu holen. In diesem
    schönen Land haben schon vor vielen Jahren die Geheimdienste aller Länder der
    Welt ihre Nester gebaut. Hat ihn sein guter Freund dorthin geschickt?
    Das ist nicht bekannt, aber bekannt ist folgendes: Nach der Niederschlagung
    des Putsches versteckte sich Hitler im Haus der Hanfstaengls in Uffing (kleines
    Dorf im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, Anm. d. Übers.), 60 km von München
    entfernt [102]. Er ist verzweifelt und dank seines hysterischen Charakters bis aufs
    äußerste gereizt. Hitler sieht keinen Ausweg und trifft die Entscheidung,, sich sofort
    zu erschießen. Wie wir wissen, ist das nicht geschehen. Wem soll die ganze
    Menschheit für die Rettung des größten Ungeheuers der Geschichte danken? Der
    Frau von Hanfstaengl – sie schlägt Hitler den Revolver, den er bereits an seine
    Schläfe gesetzt hatte, aus der Hand. In diesem Haus wurde er von den Polizisten
    verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Dort begann er im Rahmen eines Buches die
    Gedanken zu ordnen, mit denen ihn Hanfstaengl geschult hatte. Nach 9 Monaten
    wurde Hitler, der zu 5 Jahren Festungshaft verurteilt war, „wegen guter Führung“
    mit bestimmten Auflagen aus der Haft entlassen. Sein erster Weg führte ihn nicht zu
    Göring oder Rosenberg, sondern in das neue Haus der Familie Hanfstaengl am Ufer
    der Isar …
    96
    Das Ehepaar Hanfstaengl hat es geschafft, das Leben von Hitler
    zweimal zu retten. Das erste Mal geschah dies im Frühling 1923, während
    einer Reise mit dem Auto von Berlin nach München. Die Straße führte durch
    Sachsen, wo sich die Macht in den Händen der Kommunisten befand. Deshalb
    gab es in diesem Teil Deutschlands den Befehl, Hitler sofort zu verhaften. In
    diesem Befehl wurde sogar ein bestimmter Geldbetrag für seine Ergreifung
    genannt. Als das Auto auf der Straße von einer Gruppe kommunistischer
    Polizisten angehalten wurde, hing das Leben des Führers „an einem seidenen
    Faden“. In diesem Moment zog Hanfstaengl seinen Schweizer Pass (mit dem
    er aus den USA zurückgekehrt war) und erklärte, dass er als Ausländer in
    Begleitung seines Chauffeurs und Lakaien auf dem Wege zur Leipziger Messe
    sei. „Sie haben mir das Leben gerettet!“, sagte damals Hitler. In den
    folgenden Jahren erinnerte er sich an dieses Ereignis immer mit Dankbarkeit.
    Tatsache ist, dass Hanfstaengl in seinem Buch schreibt, dass „er trotzdem
    beleidigt war, weil ich ihn als meinen Lakaien vorstellte“.
    Der dankbare Hitler hat seinen Freund nicht vergessen und stellt ihn deshalb
    auf den verantwortlichen Posten eines Presse-Sekretärs der Partei. Außerdem leitet
    Putzi die Abteilung der internationalen Presse im Stab seines Stellvertreters. Auf
    seinen Auslandsreisen machte er viel Reklame für die neue deutsche Macht.
    97
    Das beweist noch nichts, werden die Skeptiker sagen. Da haben sie Recht!
    Doch es gibt in der Biografie Hanfstaengls eine Reihe von Fakten, die wesentlich
    interessanter sind. Der bescheidene Presse-Sekretär besitzt in Wahrheit
    unwahrscheinliche Kontakte und Bekannte. Im Sommer 1932 kommt ein
    einflussreicher britischer Politiker im Rahmen eines persönlichen Besuchs nach
    Deutschland. Es war Winston Churchill, der mit seinem Sohn und seiner
    Reisebegleitung zu einem einwöchigen Besuch nach München kam. In den
    Memoiren von Sir Winston finden wir eine interessante Notiz: „Im Hotel „Regina“
    (laut Winston Churchill: „Regina“, laut Hanfstaengl: „Continental“, Anm. d. Übers.)
    stellte sich ein Gentleman einem meiner Begleiter vor. Sein Name war Hanfstaengl.
    Er sprach viel über den Führer, dem er offensichtlich sehr nahe stand. Weil er mir
    sehr lebhaft und redegewandt erschien und außerdem ausgezeichnet Englisch
    sprach, habe ich ihn zum Mittagessen eingeladen. Er erzählte außerordentlich
    interessante Dinge über Hitler und seine Ansichten. Ich fühlte, dass er von ihm
    begeistert war. Mit hoher Wahrscheinlichkeit, hatte er den Auftrag, mit mir in
    Kontakt zu treten und bemühte sich deshalb, einen guten Eindruck zu machen.
    Nach dem Essen setzte er sich an den Flügel (Bauform eines Klaviers, Anm. d.
    Übers.) und spielte zu unserem großen Vergnügen viele Lieder. Es schien, als kannte
    er alle meine Lieblingslieder. Er war ein trefflicher Gesellschafter. Wie es sich
    erwies, war er in dieser Zeit ein Günstling des Führers. Er empfahl mir ein Treffen
    mit Hitler, das er sehr leicht organisieren könnte“ [103].
    Sir Winston stellte die Sache so dar, als ob ein zufälliger Bekannter versuchte,
    ihn mit dem Führer bekannt zu machen. In den Darlegungen von Hanfstaengl sieht
    diese Geschichte völlig anders aus: „Ich habe mich im Verlaufe unserer
    Wahlkampfreisen ziemlich lange in der Gesellschaft seines Sohnes Randolph (Sohn
    von Churchill. – N. S.) befunden. Ich habe sogar ein- oder zweimal für ihn Flüge im
    Flugzeug mit uns organisiert [104]. Er machte mich darauf aufmerksam, dass sein
    Vater nach Deutschland kommt und dass wir ein Treffen organisieren sollten“ [105].
    Sie werden mir, verehrter Leser, sicher zustimmen, dass die Bekanntschaft
    mit dem Sohn Churchills, der mehrmals mit Hitler, Hanfstaengl und mit dem
    Begleitpersonal des Führers flog, etwas mehr ist, als „ein Gentleman stellte sich
    einem meiner Begleiter vor“. So oder so, der britische Politiker erklärte: „In dieser
    Zeit hatte ich keinerlei nationale Vorurteile gegen Hitler. Ich kannte weder seine
    Lehre und seine Vergangenheit noch seine persönlichen Qualitäten. Mich begeistern
    Menschen, die sich nach der erlittenen Niederlage für den Schutz ihrer Heimat
    einsetzen, sogar wenn ich mich selbst auf der anderen Seite befinde. Er hatte das
    volle Recht ein deutscher Patriot zu sein, wenn er das gewünscht hätte“ [106].
    Wer hat Hanfstaengl beauftragt, mit dem britischen Politiker „in Kontakt zu
    treten“? Hitler selbst? Nein! Der Führer hat ihn nicht gebeten, einen Kontakt
    herzustellen, denn – trotz aller Überredungsversuche von Ernst Hanfstaengl – ist er
    selbst nicht zum geplanten Treffen mit Churchill gegangen! „So kam es, dass Hitler
    die einzige Gelegenheit verpasste, mich kennenzulernen. Als er später allmächtig
    war, sollte ich mehrere Einladungen von ihm erhalten. Inzwischen hatte sich aber
    gar manches ereignet, und ich leistete der Einladung keine Folge. [107]“, bedauert
    98
    Churchill. Ein ernsthafter Politiker darf nicht so handeln – erst um ein Treffen mit
    einem führenden Politiker einer starken Weltmacht bitten und dann nicht hingehen.
    Das ist kindisch und unseriös. Bis zur Machtübernahme Hitlers blieben noch 6
    Monate. Der persönliche Kontakt von Hitler und Churchill wäre sicher sinnvoll
    gewesen. Schlussfolgerung: Den Auftrag, Hitler mit Churchill persönlich bekannt
    zu machen, erhielt Hanfstaengl nicht von den Nazis, sondern von dem
    Geheimdienst, der so geschickt und sorgfältig zum aufgehenden Stern in der
    deutschen Politik, d.h. zu Adolf Hitler, ihren Mann gestellt hatte. Wozu kannte und
    brauchte er den Sohn von Churchill? Wozu schleppte er ihn auf die
    Wahlkampfreisen Hitlers?
    Es gibt nur eine Antwort: Während seiner gesamten Tätigkeit versuchte
    Hanfstaengl Hitler zu überzeugen, dass die Freundschaft mit Großbritannien und mit
    den USA unumgänglich ist. Mit diesem Ziel führte er seinen Freund zu den Starken
    dieser Welt. Das „Nichterscheinen“ des Führers am geplanten Treffen hinderte den
    britischen Lord nicht daran, einige äußerst kitzlige Fragen zu stellen. An wen? An
    Hanfstaengl. „Sagen Sie bitte, was denkt Ihr Chef über eine Allianz unserer Länder,
    mit Frankreich und Großbritannien?“ [108], fragte Churchill. Wozu ist der alte
    Fuchs, Sir Winston, nach Deutschland gekommen? Um die alten Schlachtfelder der
    Feldzüge seiner herzoglichen Ahnen in den Niederlanden und
    Hitler und Hanfstaengl (der Erste von Links) am Flugzeug, während der endlosen Wahlkampf – Flüge. Mehrmals an diesen Reisen nahm auch der Sohn von Winston Churchill teil.
    in Deutschland zu besichtigen? So lautete die offizielle Begründung! Oder, um
    persönlich auf den Menschen zu schauen, der nach 6 Monaten an der Spitze
    99
    Deutschlands steht?
    Viel Gutes hat er für seinen Freund Hitler noch getan. Z.B. fuhr er, ohne Hitler
    davon in Kenntnis zu setzen, zu Benito Mussolini. Das Ziel der Reise des
    bescheidenen Presse-Sekretärs war die Versöhnung von Hitler und Duce. Es ist nicht
    richtig, sagt ihm Hanfstaengl, dass „solche Schwierigkeiten zwischen unseren zwei
    faschistischen Staaten existieren“ [109]. Wie wir aus der Geschichte wissen, genau
    in dieser Zeit begann die Annäherung der beiden Diktatoren. Es lohnt sich, nur eine
    Frage zu stellen: Wie ist es Hanfstaengl gelungen, vom Führer Italiens empfangen
    zu werden? Wird tatsächlich jeder Deutsche, der nach Italien kommt mit einem Glas
    Chianti begrüßt und zu Mussolini geführt? Der Dienstgrad unseres Helden ist nicht
    so hoch, um zum Duce zu geraten.
    Die Verbindungen von Hanfstaengl waren fantastisch. Wenn sich bei ihnen,
    verehrte Leser, der verrückte Gedanke eingeschlichen hat, dass die spannenden
    Memoiren von Putzi nur eine Fortsetzung der Märchen des Barons von
    Münchhausen, d.h. nur Phantastereien sind, dann irren Sie sich. Auch wenn eine
    Bestätigung des Besuches von Hanfstaengl bei Mussolini schwer zu überprüfen ist,
    so existiert ein „stahlharter“ Beweis für die unwahrscheinliche Stärke von Ernst
    Hanfstaengl. Nachdem er so viel für das Deutsche Reich getan hat, verlässt er
    plötzlich im März 1937 Deutschland. D.h., er ist heimlich wegefahren, weil er
    angeblich mit der Umgebung Hitlers in Konflikt geraten ist und eine Bedrohung
    seines Lebens fühlte.
    Wohin begab sich unser Held? In seine Heimat USA. Dort, so erweist sich,
    hat er noch einen guten Freund, auch ein Absolvent der Harvard-Universität –
    Präsident der USA, Franklin Delano Roosevelt. Was ist dabei, dass unser deutscher
    Held bei Hitler in der Funktion eines internationalen Presse-Sekretärs gearbeitet hat?
    Was ist dabei, dass Putzi in den USA in dieser Eigenschaft an den Denkmälern
    Kränze mit Adler und Hakenkreuz niederlegt hat?
    Während des Zweiten Weltkrieges wird Hanfstaengl als Berater des
    Präsidenten Roosevelt arbeiten [110]!
    Er ist der Experte für Nazi-Deutschland. Arbeitet, aber steht unter Arrest, d.h.
    unter persönlichem Schutz. Ernst Hanfstaengl wird vom Sergeanten der
    amerikanischen Armee, Egon Hanfstaengl, beschützt. Ein Namensvetter? Nein, es
    ist sein Sohn, den er rechtzeitig aus Deutschland geholt hat und der im persönlichen
    Auftrag des amerikanischen Präsidenten seinen Papa beschützt. Die Freundschaft
    dauerte so lange, bis die Nazis ihre Macht hinreichend gestärkt hatten. Weiter zu
    helfen, zu steuern und anzuweisen ist schon nicht mehr erforderlich: Der Krieg, für
    den sie Hitler gesucht und für den Hanfstaengl gearbeitete hat, steht unmittelbar
    bevor. Aber vielleicht wurde der „Vertrag“ nur beendet? Dunkelheit umhüllt diese
    Geschichte, wie auch den Aufstieg Hitlers an die Macht.
    Jetzt kehren wir wieder nach Russland zurück. Nachdem Lenin seinen
    westlichen Partnern auf der Konferenz in Genua den „Vogel zeigte“ und mit dem
    Rapallo-Vertrag die diplomatische Blockade Russlands durchbrach, waren seine
    Kräfte nahezu erschöpft. Im Mai 1922 erlitt der 52-jährige Lenin einen Herzinfarkt.
    Erstmals stand die Frage eines Nachfolgers für Lenin im Raum. Für sich selbst hatte
    100
    er bisher keinen Nachfolger benannt, die Folgen seines Infarktes erlaubten es ihm
    nicht, die Geschicke seines Landes vollständig in der Hand zu behalten. Das führte
    zu einem Kampf zwischen Trotzki und Stalin. Er entwickelte sich unter äußerst
    schlechten wirtschaftlichen und politischen Bedingungen: 1922 wurden in Russland
    die Neue Ökonomische Politik (Nowaja Ekonomitscheskaja Politika, Abkürzung
    NEP) eingeführt und erste Schritte zur Gründung der UdSSR durch die „Sammlung
    russischer Territorien“ unternommen.
    Das Datum des Todes von Lenin kennt jeder: Es ist der 21. Januar 1924. Ein
    anderes, ebenfalls sehr wichtiges Datum für das Verständnis der Quellen des
    Faschismus, kennt fast niemand [111].
    Die Verbindung zwischen diesen Daten ist nicht zu übersehen. Unmittelbar
    nach dem Tod von Lenin wurde die Sowjetunion von Großbritannien anerkannt
    [112]. Mit Lenin, der ihre Erwartungen nicht erfüllte und sie betrogen hatte, wollten
    die Briten nichts zu tun haben. Er wurde von ihnen geschickt, um das Land zu
    verstören und die russische Macht an den Westen zu übergeben. Die erste Etappe
    hat er erfüllt, die zweite – verweigert. Mit seinem brillanten Schachzug auf der
    Konferenz in Genua hat er demonstriert, dass er genau solche politischen Saltos
    machen kann, wie seine britischen „Freunde“. Nach seinem Tod eröffnete sich
    deshalb für die Angelsachsen die phantastische Möglichkeit, das russische Problem,
    das durch den scharfen Verstand von Iljitsch entstanden war, erfolgreich zu lösen.
    Die ungewöhnlich schnelle Anerkennung – 9 Tage nach Lenins Tod – ist dafür ein
    eindeutiger Hinweis. Alle ihre Hoffnungen konzentrierten sich jetzt auf Trotzki. Nur
    er kann die Situation noch korrigieren.
    Die entscheidende große Meinungsverschiedenheit zwischen Josef
    Wissarionowitsch und Lew Dawidowitsch bestand in der Frage „Kann der
    Sozialismus in einem Land aufgebaut werden oder ist das prinzipiell unmöglich?“.
    Was bedeutet der Aufbau einer neuen sozialen Gesellschaft? Zunächst nur Kampf,
    Blut, Bürgerkrieg, Opfer und Zerstörung. In dieser Frage herrschte zwischen Trotzki
    und Stalin volle Übereinstimmung. Der Kampf ging zu Ende, es war höchste Zeit,
    das Land wieder aufzubauen. An diesem Punkt begann die Auseinandersetzung.
    Stalin war der Auffassung, dass in der UdSSR der Sozialismus aufgebaut werden
    muss und dafür neue Werke, Fabriken und Eisenbahnlinien gebraucht werden. Der
    Sozialismus muss das Leben der arbeitenden Menschen verbessern, d.h. es müssen
    Kindergärten, Schulen und Bibliotheken gebaut werden. Gegen Analphabetentum
    101
    und Unwissenheit muss gekämpft werden. Es müssen finanzielle Mittel für die
    Verbesserung der Infrastruktur bereitgestellt, Sanatorien und Erholungsheime für
    die Arbeiter aufgebaut werden. Das Leben in Russland ist nicht nur wieder
    aufzubauen, sondern erheblich zu verbessern und zu entwickeln.
    Was hat dagegen Trotzki vorgeschlagen? Der Aufbau des Sozialismus in
    einem einzelnen Land ist nicht möglich. Deshalb ist der von Stalin vorgeschlagene
    große Aufbauplan sinnlos. Ohne ein Fundament baut man kein Haus! Das
    Fundament für ein glückliches Leben in Russland kann nur die Weltrevolution sein.
    Sie muss mit allen Mitteln verwirklicht werden. Erst dann beginnt der Aufbau. Wir
    brauchen deshalb nichts anderes, als die Finanzierung einer Bewegung für die
    Weltrevolution und einer starken Armee, die der gesamten Menschheit den
    Sonnenaufgang „auf der Spitze ihrer Säbel“ bringt. Nach Trotzki muss die
    permanente Revolution ständig exportiert werden. Was bedeutet das? Das bedeutet,
    dass die UdSSR jederzeit ein beliebiges Land – je nach Ansicht und Wahl des
    Genossen Trotzki – überfallen kann. Das gilt natürlich auch für das Land seiner
    ausländischen Freunde, dem er viel Geld für die Dampflokomotiven geschickt hat.
    Die Situation ist keinesfalls harmlos. Wenn Trotzki siegt, dann werden alle
    Kräfte des Landes für die Schaffung einer ständigen Bedrohung anderer Länder
    eingesetzt [113]. Folglich schafft Trotzki seinen Kuratoren vom britischen und
    102
    amerikanischen Geheimdienst einen hervorragenden Vorwand, die UdSSR
    militärisch anzugreifen und zu vernichten. Praktisch würde das bedeuten, dass die
    russische Armee zerschlagen und das Land okkupiert wird. Wer wird den Westen
    der Aggression beschuldigen, wenn die UdSSR selbst bereit ist, andere Länder zu
    überfallen? Keiner, alle werden Beifall klatschen. Die Theorie des Exports der
    Revolution erlaubt Großbritannien außerdem mit unseren Händen und mit dem Blut
    unserer Soldaten in jedem von ihm gewünschten Punkt der Welt Spannungen zu
    schaffen. Beispiel: Der persische Schah will den Briten nicht sein Öl geben? Dann
    bringt die Rote Armee ihre Revolution in den Iran und sorgt für Unruhe. Es kommen
    die „sanften und gutmütigen“ Briten und befreien die Perser von den bestialischen
    Kommunisten. Als Zeichen der Dankbarkeit erhalten sie das Öl.
    An dieser Stelle ist es angebracht, eine Aussage von Josef Wissarionowitsch
    Stalin zu zitieren: „Die Opposition denkt, dass die Frage über den Aufbau des
    Sozialismus in der UdSSR nur von theoretischer Bedeutung ist. Das ist nicht richtig.
    Das ist ein gewaltiger Irrtum“ [114]. Die Entscheidung, welchen Kurs das Land
    einschlägt, bestimmte tatsächlich die weiteren praktischen Handlungen. Diese
    Handlungen waren diametral entgegengesetzt. Siegt Stalin, dann bleibt das Land
    unabhängig und wird aufgebaut, siegt Trotzki, dann erwartet uns eine neuer
    „Oktober“ und hunderttausend russische Männer werden auf den Schlachtfeldern
    bei dem Versuch in Europa und Asien die Revolution „anzuzünden“ sterben.
    Das Allerwichtigste: Wenn die Idee von Trotzki gesiegt hätte, dann gäbe
    es nicht einmal theoretisch für die UdSSR Verbündete! In der Welt gibt es keine
    anderen sozialistischen Länder, d.h. alle kapitalistischen Länder sind a priori unser
    Feind. Das bedeutet, auch der für Großbritannien so gefährliche Rapallo-Vertrag
    stirbt von ganz allein. Der erste schwere Zusammenstoß zwischen Stalin und Trotzki
    geschah im Zusammenhang mit der bereits genannten Okkupation des Ruhrgebietes
    durch die Franzosen im Januar 1923. Trotzki rief zur Unterstützung der
    Kommunisten auf, die im Oktober 1923 einen Aufstand in Hamburg organisierten.
    Das bedeutete, die bestehende Freundschaft mit Deutschland im Interesse der Idee
    einer Weltrevolution zu opfern. Die Freundschaft mit den Deutschen – das sind nicht
    nur Bankette, Hände drücken und ein Lächeln von Diplomaten, sondern vor allem
    die Lieferung von Drehmaschinen, Autos, Turbinen und optischen Instrumenten, die
    uns sonst niemand liefert. Die UdSSR braucht sie dringend. Deshalb ist Stalin
    kategorische gegen jede Einmischung. Deshalb gibt es auch keine Einmischung.
    Nach dem Tod Lenins im Januar 1924 wird der Kampf um die Macht offen
    ausgetragen. Wer in diesem Kampf siegen wird, ist vorläufig nicht klar. Es ist sehr
    wahrscheinlich, dass für die Vernichtung Russlands erneut ein Krieg notwendig ist.
    Dafür werden ein Staat und ein Führer gebraucht, die ihn beginnen können.
    Der Gerichtsprozess gegen die faschistischen Putschisten fand im
    Februar/März 1924 in München statt. Wie bereits erwähnt, wurde Hitler zu 5 Jahren
    Festungshaft verurteilt. Ohne viel Zeit zu verlieren, diktierte er Rudolf Hess die
    ersten Kapitel seines künftigen Buches „Mein Kampf“, in dem er, wie uns bereits
    bekannt ist, unermüdlich die Vorteile eines britisch-deutschen Bündnisses für beide
    Seiten anpries. Erstaunt Sie das nicht, verehrter Leser? Er soll in seiner Zelle sitzen,
    103
    umerzogen werden, aber keine Bücher schreiben! Dokumente beweisen, dass für ihn
    das Gefängnis wie ein Sanatorium war. Gute Verpflegung, ständiger Empfang von
    Besuchern bis zu sechs Stunden am Tag [115].
    Hitler wurden im Gefängnis alle überhaupt nur denkbaren Vergünstigungen
    geschaffen. „Seine Zelle sah aus wie ein Geschäft für Delikatessen. Dort könnte man
    ohne weiteres ein Blumen-Früchte-Wein-Geschäft mit ausreichenden Lagervorräten
    eröffnen“ [116]. So beschreibt Ernst Hanfstaengl den „Überfluss“ in Hitlers Zelle.
    Er besuchte Hitler nicht aus Langeweile und nicht aus Sentimentalität, sondern half
    ihm wieder einmal in einer komplizierten Situation. Die Manuskripte von Hitlers
    „Meisterwerk“ wurden heimlich aus dem Gefängnis in die Druckerei der Zeitung
    „Völkischer Beobachter“ gebracht. Dort gab es inzwischen einen ganzen Haufen
    unbezahlter Rechnungen. „Wenn sie nicht bezahlt werden, dann ist alles verloren“.
    „Ich bezahlte einige von ihnen und bestätigte andere. Das war ausreichend,
    um die Redaktion am Laufen zu halten“ [117], schrieb in seinen Memoiren das „gute
    Genie“ von Adolf Hitler. Die pro-britische Idee im Hitlerbuch gehört Hanfstaengl,
    deshalb schade wenn das Buch nicht erscheint. Viel Geld brauchte er nicht zu geben,
    nur Kleinigkeiten. Anstelle von 5 Jahren, sitzt Hitler nur 13 Monate im Gefängnis
    [118]! Er braucht große und entscheidende Hilfe …
    Als Hitler frei war, „geschehen“ viele „Wunder“. Ein finanzielles Wunder,
    mit dem Hitler später in erstaunlicher Art und Weise die wirtschaftliche Situation
    in Deutschland verbessert und ein Wunder mit ihm persönlich. Seine Bücher „Vier
    Jahre Kampf gegen Lügen, Dummheit und Feigheit“ erscheinen im Druck mit der
    Überschrift „Mein Kampf“. Die Anzahl der Exemplare ist nicht sehr groß, das
    Interesse seiner Leser – noch geringer. Im Jahre 1926 erscheint der 2. Band des
    Buches „Mein Kampf“. Vom 1. Band wurden 1925 ca. 10.000 und 1926 – 7.000
    Exemplare verkauft. Beide Bände des Buches fanden 1927 nur 5.607 und 1928 nur
    3.015 Käufer “ [119].
    104
    Verständlich, dass mit einer solchen Auflagenhöhe und mit solchen
    „Verkäufen“ – wie man heutzutage sagt – kein Schriftsteller leben kann. Der junge
    „Schriftsteller“ Adolf Hitler scheinbar doch. Ohne irgendwelche anderen Einkünfte
    zu haben, führt er ein tolles Leben. Nur ein halbes Jahr nach seiner Entlassung aus
    dem Gefängnis wohnt er in seiner alten Wohnung in München. Im Sommer 1925
    mietete und anschließend kaufte er eine Villa in den bayrischen Alpen – im künftig
    bekannten Obersalzberg. Außerdem kaufte er sich das letzte Modell eines 6-Sitzers,
    Mercedes-Kompressors, den sich auch heute nicht jeder Schriftsteller leisten kann.
    Im damaligen Deutschland waren das ungewöhnlich teure Anschaffungen
    [120]. Der Lebensstil von Adolf Hitler beginnt die Züge eines großen Führers
    anzunehmen: gute Kleidung, viel Geld, Auto mit Chauffeur. Sogar die
    Steuerbehörde der Weimarer Republik interessierte sich sehr für die unbekannten
    Einnahmen des Führers, die ihm erlauben, gleich nach dem Gefängnisaufenthalt auf
    solch gutem Fuß zu leben. Als Antwort auf eine Anfrage der Steuerbehörde schrieb
    105
    er: „Weder im Jahr 1924, noch im 1. Quartal 1925 habe ich irgendwelche Einkünfte
    gehabt. Meinen Lebensunterhalt habe ich mit Krediten abgedeckt, die ich von der
    Bank erhalten habe. Die gleiche Quelle des Geldes diente auch zur Anschaffung des
    Autos.“
    Der Briefwechsel von Hitler mit der Steuerbehörde ist ein besonderes Kapitel.
    „Meine persönlichen Bedürfnisse beschränken sich ich auf das aller Notwendigste,
    ich trinke und rauche nicht, speise nur in ganz bescheidenen Gasstätten, und, wenn
    ich die geringen Mietkosten vernachlässige, habe ich auch keinerlei Kosten durch
    Ausgaben als Schriftsteller-Publizist …“ [121] – antwortete Adolf Hitler dem
    Steuerinspektor. In die Spalte „Berufliche Tätigkeit“ schrieb der Führer:
    „Schriftsteller“. Wie es sich für einen „Schriftsteller“ gehört, nannte er als einzige
    Einnahme in seiner Steuererklärung den Verkauf von Büchern. Nur die Schulden
    deckten sich bei Hitler nicht mit dem Kredit: Die Ausgaben überstiegen bei weitem
    die Einnahmen – deshalb die Fragen der Finanzinspekteure. In seinen Erklärungen
    verweist der Führer auf Kredite, die er für seine Einkäufe nahm. Mit welchen
    Finanzmitteln er sie getilgt hat, ist bis zum heutigen Tag nicht klar.
    106
    Kehren wir wieder in die UdSSR zurück. Nicht besonders gern möchte ich auf
    alle Details des Kampfes zwischen den beiden kommunistischen Führern eingehen.
    Die Formulierung ist außerdem nicht korrekt. Im Rahmen einer politischen
    Organisation existierten zwei völlig verschiedene Parteien. Eine Partei, die auf den
    Wiederaufbau und auf den Aufbau eines neuen Russlands gerichtet war und eine
    Partei, die ihre Interessen der „Weltrevolution“, d.h. konkret gesagt, den Interessen
    des Westens opfern wollte.
    Verehrte Herren Historiker! Ich schlage Ihnen ein schönes Thema für eine
    Dissertation vor. Untersuchen Sie die Übereinstimmung von Geschichtsdaten der
    NSDAP und der WKP(B) (Kommunistische Allunionspartei der Bolschewiken,
    Anm. d. Übers.). Sie werden dann vieles verstehen. Wir nennen an dieser Stelle nur
    extrem „zufällige“ Übereinstimmungen. Die Opposition zum Kurs von Stalin hat in
    verschieden Zeiten verschiedene Programme erstellt. Gemeinsam war ihnen nur
    eins: Realisiere ein solches Programm und von deinem Land bleibt nichts mehr
    übrig! Die Programme hörten sich schön an. Z.B. die berühmte „Plattform 83-x“.
    Mit dieser Kampagne sollten für die Industrialisierung des Landes durch höhere
    Besteuerung einer so genannten Mittelschicht der Bauern, durch Preiserhöhung für
    Nahrungsmittel und durch die Reduzierung von Umlaufmitteln in kooperativen
    Vereinigungen finanzielle Mittel erwirtschaftet werden. Diese absurden
    Maßnahmen führten letztendlich zu einer Schwächung des Staates und zu einem
    starken Abfall des Lebensniveaus. Was mit einem Staat geschieht, der Maßnahmen
    einleitet, die zu einer radikalen Verschlechterung des Lebensniveaus seiner
    Bevölkerung führt, das haben wir in den Jahren 1985 bis 1991 beobachtet. Stellen
    wir die Daten zusammen! Wann haben die Trotzkisten diese Plattform
    unterschrieben? Im Mai 1927! Am 27. Mai 1927 bricht Großbritannien die
    diplomatischen Beziehungen mit der UdSSR ab! Glauben Sie, verehrter Leser, an
    solche Zufälle? Für unsere Untersuchungen ist allein schon der Fakt eines derart
    schnellen Abbruchs der Beziehungen von Bedeutung: Im Februar 1924 erfolgte die
    Anerkennung und im Mai 1927 der Abbruch der Beziehungen.
    107
    Warum? Weil der Sieg von Stalin über Trotzki immer offensichtlicher wurde
    und Großbritannien sich nicht schämte, seine Position klar und deutlich zu
    demonstrieren. Der Hinweis ist eindeutig: Wenn Stalin die Oberhand gewinnt, dann
    werden die Konsequenzen für die Sowjetunion verheerend sein.
    Wir brauchen uns nicht wundern. Die Handlungen der inneren Opposition
    jeder beliebigen Macht in Russland sind in einer erstaunlichen Art und Weise
    immer mit bestimmten Ereignissen in der internationalen Arena verbunden.
    (Nicht alle Organisatoren des „Protestmarsches“ haben entschieden, ihre
    Aktion genau am Vorabend der internationalen Summits und Treffen
    durchzuführen. Solche „erstaunlichen“ Zufälle gibt es seit der Zeit von Alexander
    Iwanowitsch Herzen und der russischen „Volksbefreier“ (revolutionäre
    Volksbewegung von 1879, Anm. d. Übers.), d.h. seit der Mitte des 19. Jahrhunderts).
    Interessant sind auch die Gründe für den Abbruch der britisch-sowjetischen
    Beziehungen. Die im Jahre 1926 in Großbritannien ausgebrochenen Arbeiter-streiks
    wurden grausam niedergeschlagen. Am 12. Juni 1926 übergab die britische
    Regierung der Regierung der UdSSR eine Protestnote, in der es hieß, dass
    Großbritannien die Aktion der sowjetischen Mächte im Rahmen einer speziellen
    Erlaubnis zu gestatten, dass Fonds für die Unterstützung des Generalstreiks nach
    Großbritannien überwiesen wurden, nicht verschweigen kann“. Die Antwort der
    sowjetischen Regierung lautete, dass sie den Werktätigen ihres Landes nicht
    verbieten kann, uneigennützig den britischen Arbeitern zu helfen.
    Im Grunde genommen hat die UdSSR finanzielle Mittel über eine – wie es heute
    heißt – „Nichtstaatliche Organisation“ an Großbritannien überwiesen. Angesichts
    der antirussischen Tätigkeit vieler derartiger Organisationen im modernen Russland
    stehen derartige Einrichtungen fremder Staaten nicht zu Unrecht unter
    aufmerksamer Beobachtung. In diesem Sinne ist die Reaktion von Großbritannien
    äußerst interessant.
    Das was sie machen dürfen, dürfen wir nicht machen. Das ist die
    „aufrichtige“ Überzeugung der westlichen Länder. Nur „sie“ dürfen unsere
    Opposition über ihre Fonds und Organisationen finanzieren. Wenn wir
    versuchen das Gleiche zu tun, dann kennt die Empörung der Angelsachsen
    108
    keine Grenzen. Für sie ist es normal, wenn sie nicht erlauben, dass
    ausländische Gelder für ihre Politiker in ihr Land gepumpt werden. Kaum hat
    unser Land die „Nichtstaatlichen Organisationen“ etwas an die Leine
    genommen, schon ist das Geschrei groß.
    Die Führung der UdSSR ließ sich nicht erpressen. Am 7. November versuchte
    die russische Opposition in Moskau und Leningrad „alternative“ Demonstrationen
    durchzuführen, die ihrem Charakter nach der Beginns eines Staatsstreiches waren.
    Die Antwort Stalins: Am 14. November 1927 wurden Trotzki und Sinowjev aus der
    Partei ausgeschlossen. Auf der Sitzung des Politbüros wurde außerdem beschlossen,
    Trotzki aus der Hauptstadt zu verbannen. Am 10. Januar 1928 fährt Trotzki in
    die weit entfernte Stadt Werny in Alma-Ata (Kasachstan, Anm. d. Übers.). Er fuhr
    mit allen Bequemlichkeiten: In einem extra für ihn und seine Familie eingerichteten
    Eisenbahnwaggon, mit seinem Archiv, mit seiner Bibliothek und allen
    erforderlichen Sachen, einschließlich seiner Jagdausrüstung und einem Hund [122].
    Angesichts der Verbannung ging es dem Führer der nicht stattgefundenen
    Weltrevolution wesentlich schlechter. Hitler und seinen Nazis im Jahr der
    Verbannung Trotzkis dagegen wesentlich besser. „Die Erfolge Hitlers und seiner
    Doktrin (politischen Grundsätze, Anm. d. Übers.) lassen sich … genau verfolgen.
    Im Jahre 1928 hatte er insgesamt 12 Abgeordnete im Reichstag, 1930 erhöhte sich
    diese Zahl auf 107, 1932 – auf 230“ [123].
    Die NSDAP wurde auf der Grundlage vieler kleiner nationalistischer Vereine
    und Gruppen zunächst nur im Süden Deutschlands zur stärksten politischen Kraft.
    Erst später begann der Zuwachs dieser Bewegung im ganzen Land. Aus dem Jahr
    1927 (Verbannung von Trotzki nach Alma-Ata) stammen die letzten Zeugnisse über
    die armseligen Märsche der SA: „Sie trugen billige und schäbige Uniformen, ihre
    Lastwagen, auf denen sie ankamen, sahen … wie uralte Karren aus“ [124].
    In dieser Welt ist offensichtlich alles miteinander verbunden! Einfach
    unwahrscheinlich! In dem Moment, als Trotzki von der politischen Szene
    verschwand, verändert sich die finanzielle Situation der Nazis schlagartig. Sie,
    verehrter Leser, glauben nicht an solche Zusammenhänge? Dann lesen Sie bitte die
    Beschreibungen über die völlig neu eingekleideten, ausgezeichnet ausgerüsteten und
    gut versorgten SA-Männer im Jahre 1928!
    Die entscheidende Etappe des unaufhaltsamen und hartnäckigen Aufstiegs
    von Hitler an die Macht, begann im Frühjahr 1929. Auch diesmal vollzogen sich in
    der Bewegung Hitlers beeindruckende Veränderungen. Die Biografen Hitlers
    schreiben, dass aus seiner Steuererklärung auf wundersame Weise der Punkt „Zinsen
    für Kredite“ verschwunden ist [125]. Hitler war mit einem Schlag kein Schuldner
    mehr! In dieser Zeit ist er erneut umgezogen und wohnt in einer 9-Zimmer-Wohnung
    in der Prinzregentenstraße, in einem Bezirk gutsituierter Bürger von München [126].
    Zu seinen Diensten stand eine große Gefolgschaft: Assistenten, Personenschutz,
    Chauffeure, Köche und sogar Gärtner [127].
    109
    Anfang des Jahres 1929 fuhr der Stellvertreter des Führers, Rudolf Hess,
    durch ganz Deutschland, um Geld zu sammeln. Er übergab den deutschen
    Industriellen zwei Päckchen mit Fotografien: eins mit Bildern demonstrierender
    Kommunisten, das andere mit marschierender SA [128]. Mit den einfachen Worten:
    „Das sind die Kräfte der Zerstörung und wir sind die Kräfte der Ordnung“, zeigte
    und kommentierte er sie. Die SA ist arm, sie braucht Uniformen, Munition, d.h.
    Geld.
    Hitler bereitet sich auf den großen Marsch seiner Stürmer (SA) 1927 in Nürnberg vor.
    Genosse Trotzki ist noch nicht aus der UdSSR und auch nicht nach Alma-Ata verbannt. Solange
    Lew Dawidowitsch noch um die Macht kämpft, ist Hitlers SA schlecht ausgerüstet und versorgt.
    110
    Den Nazis wurde noch kein Geld bereitgestellt. Der Goldregen für Hitler und die NSDAP beginnt
    sofort nach der Verbannung Trotzkis.
    Das Geld müssen uns diejenigen geben, die es haben, um nicht alles zu
    verlieren, was sie besitzen. Hitler, im Gegenteil, reduziert im starken Maße seine
    Aktivitäten. „Im Jahre 1927 hatte er 56 öffentliche Auftritte, zwei Jahre später – nur
    29“ [129]. War er müde? Nein! Es ist notwendig, seine Stimme zu schonen und die
    Propagandaerfolge mit anderen Verfahren zu erreichen. Für Hitler arbeiten jetzt das
    Geld und nicht nur die Zeitungen der Nazis.
    Im Juli 1929 nahm der größte Medienunternehmer Deutschlands, Alfred
    Hugenberg, den bis dahin noch wenig bekannten Hitler und seine Partei in den
    „Reichsausschuss für ein Volksbegehren gegen den Young-Plan“ auf. Mit diesem
    taktischen Schritt und dieser Allianz verschaffte er Hitler eine enorme Publizität und
    Reputation. Über ihn schreiben ab sofort alle großen Zeitungen, ihn hört das ganze
    deutsche Volk über die Radiostationen. Viele Deutsche erhalten erstmals eine
    Information über die Existenz der Nazis und ihren unaufhaltsamen Führer. Für Hitler
    wird so viel Reklame gemacht, dass sich die Zahl seiner Anhänger in zwei Jahren
    versiebenfacht [130].
    Vor nicht allzu langer Zeit zwangen fehlende Gelder Hitler dazu, den im Jahre
    1928 geplanten Parteitag aufzugeben und dafür, im August des gleichen Jahres, eine
    Versammlung aller Parteiführer in München durchzuführen. Es musste gespart
    werden: Für die neuen Uniformen der SA reichte es, für pompöse Aufmärsche nicht!
    Bei den Historikern finden wir eine andere Erklärung: …wegen der „rebellischen
    Stimmung in der Partei“ [131]. Wir verstehen ausgezeichnet, dass der Mangel an
    Geld ist immer ein Grund zur Unzufriedenheit und zum Klagen ist. Gibt es Geld,
    dann können alle inneren Probleme der Partei gelöst werden [132]. Hitler hatte kein
    Geld. Alles, was er besaß, hat er in den laufenden Wahlkampf gesteckt [133].
    111
    Er hat alles investiert und verloren: Am 20. Mai 1928 erhielt die NSDAP bei
    den Wahlen nur 2,6% der Wählerstimmen und landete damit auf dem 9. Platz
    innerhalb aller Parteien. Wer will einen derartigen politischen Außenseiter noch
    finanzieren? Nur diejenigen, die ihn sehr brauchen. Schon im August 1929 findet in
    Nürnberg der grandiose Parteitag der NSDAP in der Geschichte der Nazis statt. In
    30 speziell gemieteten Zügen wurden 200.000 Parteimitglieder dorthin gebracht
    [134]. Am Führer marschierten 60.000 SA-Männer vorbei. Das alles organisiert und
    realisiert eine politische Partei, die im Sommer 1928 kein Geld für einen Parteitag
    hatte und dann die Wahlen verloren hat. Wie ist das möglich? Welcher Zauberer
    hilft den Nazis?
    Der Zauberer – das sind die Geheimdienste von Großbritannien, der USA und
    Frankreich. Fast die gesamte „Antihitlerkoalition“, die später beginnen, das von
    ihnen gefütterte Raubtier ins Grab zu treiben. Anhand der betrachteten Daten,
    erfolgte das „Wunder“ der Finanzierung durch diese Organisationen im Verlaufe des
    I. und II. Quartals 1929. Wir haben gesehen, dass die Nazis dann Geld erhalten
    haben, wenn die Ereignisse in der UdSSR nicht nach dem Szenarium des Westens
    liefen. Was ist in dieser Zeit in unserem Land geschehen?
    Am 10.Februar 1929 wurde Trotzki aus der UdSSR ausgewiesen.
    Mitte Dezember 1928 kam zu ihm ein spezieller Bevollmächtigter des KGB
    aus Moskau mit der schriftlichen Aufforderung, seine Führungstätigkeit der
    Opposition einzustellen. Geschieht das nicht, wird die Frage einer Ausweisung
    geprüft. Trotzki weigerte sich und wurde ausgewiesen [135]. Zunächst in die Türkei,
    auf die Insel Prinkipo im Schwarzen Meer. Dort begann er sofort die Zeitschrift
    „Bulletin der Opposition“ herauszugeben und schrieb seine Autobiografie „Mein
    Leben“, die übrigens von Hitler sehr geschätzt wurde. Außerdem schreibt er die
    „Geschichte der russischen Revolution“ und andere Arbeiten, in denen er die von
    ihm geschaffene UdSSR beschimpft, die jetzt außer Kontrolle geraten ist. Im Jahre
    1933 zieht er nach Frankreich, 1935 – nach Norwegen. Ständig schreibt er
    irgendetwas, ständig wird irgendetwas verlegt [136].
    Mit welchen finanziellen Mitteln? Mit den Prozenten vom
    „Dampflokomotiven Geschäft“? Oder hat ihn jemand unterstützt? Wer braucht einen
    Menschen, der schon eine Revolution gemacht hat? Derjenige, der schon in der Zeit
    von 1905 bis 1917 Lew Dawidowitsch mit Geld versorgt hat? Niemals hatten er und
    seine Familie finanzielle Probleme – das Geld kam von ganz allein irgendwo her.
    Interessant ist auch, dass der flammende Revolutionär keinerlei Probleme beim
    Erhalt der Einreisevisen in die Länder der bürgerlichen Demokratie hatte. Warum
    soll z.B. Frankreich einen Apologeten der permanenten Revolution ins Land lassen?
    Ende 1936 übersiedelte Trotzki nach Mexiko, wo ihn am 20. August 1940 im
    Ort Coyoacán der Agent des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten
    (russisch NKWD) und spanische Revolutionär, Ramón Mercader, mit einem
    Eispickel erstach.
    „Ohne Stalin gäbe es keinen Hitler“, schrieb Trotzki.
    Recht hat Lew Dawidowitsch, vollkommen Recht. Nur der Sinn in den
    Worten „Teufel der Weltrevolution“ ist ein ganz anderer, als ihn die Historiker
    112
    verstehen. Stalin gab Hitler kein Geld, er gab ihm auch keinerlei Unterstützung für
    seinen Aufstieg zur Macht und er hatte keinerlei Kontakte mit den Nazis bevor sie
    offiziell in Deutschland an die Macht kamen.
    Nach der Vernichtung des Trotzkismus durch Stalin, nach der der Ausweisung
    von Trotzki aus der UdSSR und nach der Annahme eines Kurses durch Stalin, der
    sich diametral von den Vorstellungen Großbritanniens und seiner Verbündeten
    unterschied, war Hitler so erforderlich und so aktuell wie nie. Hätte Trotzki in der
    UdSSR gesiegt, dann hätte er Russland ohne Kampf dem Westen übergeben. Wozu
    brauchte Deutschland dann einen Führer, wie den besessenen Adolf?
    Es ist höchste Zeit die Wahrheit zu sagen: Nicht Stalin hat Hitler
    geschaffen, nicht die deutschen Industriellen, sondern die ewigen
    geopolitischen Gegner Russlands.
    Sie haben den Zweiten Weltkrieg für die Korrektur der Fehler, die 1917
    zugelassen wurden, vorbereitet. Für die Lösung dieser Aufgabe brauchten sie Adolf
    Hitler.
    Deshalb konnte ihn niemand stoppen.
    113
    Warum wollten Großbritannien und Frankreich den Zweiten
    Weltkrieg nicht verhindern?
    Der Hauptgrund für die Stabilität unserer Währung sind
    die Konzentrationslager
    Adolf Hitler (* 20. 04.1889, † 30.04.1945)
    … Jeder bedeutende Krieg wird rechtzeitig vorbereitet.
    V. I. Lenin (* 22. 04.1870, † 21.01.1924)
    Die Historiker und Politiker vieler Länder quält seit vielen Jahren eine
    wichtige und sehr entscheidende Frage: „Konnte der schreckliche Zweite Weltkrieg,
    der zig Millionen Menschen das Leben gekostet hat, verhindert werden?“. Die
    Historiker sagen „Nein!“ und begründen diese Antwort mit der Person Hitlers und
    seiner Partei. Die Nazis hätten auf Grund ihrer Lehre und Ideologie in jedem Fall
    einen Krieg begonnen.
    114
    Das ist ihre Theorie! Doch wie sieht die Praxis aus? Welche komplizierten
    Aufgaben musste Hitler zur Vorbereitung des „großen“ Krieges lösen? Er musste
    zumindest
  • eine Partei gründen;
  • die Ziele und das Programm seiner Partei formulieren;
  • viele Mitkämpfer und Mitglieder für seine Partei gewinnen;
  • für die Propaganda Flugblätter, Bücher, Broschüren und Zeitungen
    drucken, viele Uniformen und Fahnen nähen, seine Funktionäre und
    Agitatoren gut bezahlen und natürlich
  • die Führung des Staates übernehmen.
    N. Starikov untersucht in diesem Kapitel solche ideologischen, politischen
    und wirtschaftlichen Faktoren in der damaligen Weimarer Republik, die angeblich
    im entscheidenden Maße dazu beigetragen haben, dass Hitler nach den Wahlen am
  1. November 1932 mit 33,1% der Wählerstimmen für die NSDAP die Macht
    übernehmen konnte. Selbst die schreckliche Inflation, die sich anschließende
    Weltwirtschaftskriese, das unvorstellbare Elend, die Not, der Hunger und das Chaos
    in Deutschland liefern keine überzeugenden Argumente für die unausweichliche
    Machtübernahme Adolf Hitlers. Katastrophale wirtschaftliche und soziale Folgen
    der weltweiten Krise von 1929 bis 1933 gab es u.a. auch in Großbritannien und in
    den USA. Warum waren die Nazis in diesen Ländern nicht besonders stark und
    kamen dort nicht an die Macht? Ganz einfach! Weil dort kein Führer von
    Großbritannien und von den USA an die Macht gebracht werden sollte.
    115
    In einer Vielzahl von Büchern über Hitler und seinen Weg an die Macht wird
    dem Leser der Eindruck vermittelt, als ob in erster Linie nur die Deutschen unter der
    Krise gelitten und sie ihn deshalb zu ihrem Führer gewählt haben. Das ist eine Lüge!
    Damit soll die gewaltige finanzielle Hilfe Großbritanniens und der USA für den
    machtbesessenen Hitler vertuscht werden. Denn Deutschland hat die Aufgabe
    erhalten die Sowjetunion zu überfallen, nicht Frankreich, nicht Großbritannien und
    nicht die USA. Für den Machtantritt von Adolf Hitler gab es weder wirtschaftliche
    noch irgendwelche anderen innenpolitische Gründe. Die Entscheidung, ihn an die
    Spitze Deutschlands zu stellen, wurde nicht in Berlin, sondern in London und
    Washington getroffen. Natürlich kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass der
    wirtschaftliche Kollaps in Deutschland bei den Bürgern zu einem Zuwachs an
    Sympathie und Liebe für die Nazis geführt hat. Zeitzeugen der Weimarer Republik
    berichten, dass „ das Gefühl absoluter Trübseligkeit und Sinnlosigkeit des Daseins
    den deutschen Alltag vollständig beherrschte“[137].
    Jede gute Idee, die in eine absurde Richtung getrieben wird, erweist sich
    letztendlich als schlecht. Das geschah auch mit den Wahlen in Deutschland. Ein
    demokratischer Artikel in der Weimarer Verfassung sah vor, dass Wahlen im
    Reichstag mindestens alle 2 Jahre durchgeführt werden müssen. Damit wurde
    suggeriert, dass dieser Artikel der Masse des deutschen Volkes die vollständige
    Kontrolle über das Parlament sichert. In Wirklichkeit lebten die Deutschen ständig
    in einer Atmosphäre fieberhafter politischer Tätigkeit und pausenloser
    116
    Wahlkampagnen [138, 139, 140]. Für eine schöpferische Arbeit im Parlament blieb
    den Abgeordneten und Parteien kaum Zeit!
    Großbritannien, Frankreich und die USA haben ziemlich lange versucht Hitler auf
    gesetzlichem Wege in Deutschland an die Macht zu bringen. Dazu dienten auch solche Wahlplakate der Nazis.
    Von 1919 bis 1933, d.h. im Verlaufe von 14 Jahren, fanden in der Weimarer
    Republik nicht 7 [141], sondern 9 Reichstagswahlen statt [142] …
    Details über die Wahlen in der Weimarer Republik finden Sie in [143] – [151]
    (Anmerkung d. Übers.).
    Der Wahlsieg von Hitler ist nur ein Mythos! Die Ernennung Hitlers zum
    Reichskanzler fand am 30. Januar 1933 statt. Irgendjemand hat auf die politische
    Elite Deutschlands gewaltigen Druck ausgeübt. Wie schon erwähnt, erhielt die
    NSDAP im November 1932 nur 33,1% der Wählerstimmen. Im März 1933 – d.h.
    zwei Monate nach dem Machtantritt Hitlers – 43,9%. Den Briten war schon 1930
    klar, dass Hitler trotz der gigantischen Finanzierung im Parlament niemals siegen
    wird. Deshalb wurden schon in dieser Zeit die Prinzipien der parlamentarischen
    Demokratie ein wenig korrigiert [152]: Früher war der Kanzler der Führer der
    parlamentarischen Mehrheit, seit 1930 wird er gemäß Artikel 48 der Weimarer
    Republik vom Präsidenten ernannt. Mit anderen Worten, als Führer der Regierung
    kann jeder Bürger Deutschlands ernannt werden. Ein Wahlsieg im Parlament ist
    nicht mehr erforderlich [153].
    117
    Konnte man Hitler aufhalten? Ja, es war möglich. Der politische Jahrmarkt im
    Land, der bei den Deutschen eine Allergie gegen die ständigen Wahlen
    hervorgerufen hatte und damit auch die Anzahl der NSDAP-Anhänger vergrößerte,
    durfte nicht zugelassen werden. Verhängnisvoll war auch der Einfluss von Ernst
    Hanfstaengl, der dem Führer half ein respektabler Politiker zu werden und ihm gute
    Manieren beibrachte [154].
    Es gab keinerlei gesetzliche Grundlagen für die Berufung Hitlers zum
    Reichskanzler!
    Hitler wurde von den ausländischen Kräften an die Macht gebracht, die ihn
    brauchten, um gegen Russland einen Krieg zu führen.
    Für diesen Krieg musste Hitler eine große neue Armee schaffen, sie
    umbenennen und mit den modernsten Waffen ausrüsten. Im Jahre 1939 hatte die
    deutsche Wehrmacht (früher Reichswehr) bereits einen Bestand von 4.233.000
    Soldaten (im Jahre 1933 waren es nur 100.000 Soldaten) [155]. Haben die an
    Deutschland grenzenden Staaten eine derartige Aufrüstung „nicht bemerkt“? Haben
    sie „nicht verstanden“, dass diese Armee für einen Krieg geschaffen wurde? Tragen
    diejenigen, die angeblich „nichts wahrgenommen“ haben, nicht auch eine große
    Schuld an den Verbrechen Hitlers?
    Als die Nazis schon keine Hoffnung mehr hatten, durch Wahlen zu siegen, ernannten sie
    Adolf Hitler einfach zum Reichskanzler.
    118
    Mit 6 Millionen Arbeitslosen, mit geschlossenen Werken und Fabriken –
    bedingt durch die Krise und den Kapitalabfluss – stand Deutschland kurz vor dem
    wirtschaftlichen Untergang. Eine derartige Wirtschaft ist nicht in der Lage, solche
    irrsinnigen Rüstungsprogramme zu finanzieren.
    Am 30. Januar 1933, d.h. am Tag von Hitlers Machtantritt, befanden sich 83
    Mio. Mark in der deutschen Reichskasse, das jährliche Budgetdefizit betrug 900
    Mio. Mark. Außerdem mussten 5 Mrd. Mark an Reparationen gezahlt werden.
    Im Jahre 1938 gab es in Deutschland schon keine Arbeitslosigkeit mehr, die
    Löhne und Gehälter stiegen, das Recht auf Arbeit und auf einen bezahlten Urlaub
    war gesetzlich garantiert [156]. Große Wohnsiedlungen und Sportstadien wurden
    für die Menschen gebaut.
    Die einzige Schlussfolgerung: Irgendjemand hat Hitler finanziell gewaltig
    unterstützt! In einem Gespräch sagt der Führer selbst:
    „Niemals hat England oder Frankreich irgendwelche finanziellen
    Forderungen an uns gestellt. Die Engländer habe ich in dieser Frage überhaupt
    nicht gefürchtet“ [157], [158].
    Der wirtschaftliche Wiederaufbau Deutschlands beginnt bereits am 16.
    August 1924 mit der Annahme des amerikanischen Dawes-Plans [159]. Deutschland
    bekommt eine große Geldsumme – 190 Mio. Dollar [160]. Das allein führte schon
    im gleichen Monat zu einer Stabilisierung der Deutschen Mark. Drei entscheidende
    Aufgaben werden außerdem damit gelöst:
  • Der künftige Aggressor wird vorbereitet;
  • Dank des eingesetzten Kapitals werden Gewinne erwirtschaftet;
  • Die deutsche Wirtschaft gerät in vollständige Abhängigkeit von ihren
    ausländischen Investoren und ist damit auch politisch leicht zu manipulieren.
    119
    Deutschland wurde praktisch still und leise von den USA okkupiert[161]. Die
    Autoren des Dawes-Plans hofften, dass deutsche Industrieprodukte in die UdSSR
    exportiert werden und damit Stalins Plan zur Industrialisierung des Landes zunichte
    gemacht wird. Gleichzeitig kämpften die Trotzkisten für die Umwandlung von
    Russland in einen reinen Agrar- und Rohstofflieferanten, der alle Ausrüstungen im
    Ausland kauft. Was für eine merkwürdige Übereinstimmung!
    Die genaue Summe der Investitionen für den Wiederaufbau Deutschlands
    kennt niemand. Ihr Volumen bis zum Jahre 1930 wird von verschiedenen Autoren
    auf 20 bis 30 Mrd. Dollar geschätzt [162]. Die Reparationen betrugen im gleichen
    Zeitraum ca. 10 Mrd. Mark, d.h. es wurde erheblich mehr investiert als gezahlt[163].
    Deshalb erreichte die Industrieproduktion in Deutschland bereits 1927 das Niveau
    der Vorkriegsjahre. Die enge Verflechtung solcher deutscher Konzerne wie I.G.
    Farben, Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG), Opel u.a. mit amerikanischen
    Konzernen demonstriert sehr anschaulich das Eindringen von ausländischem
    Kapital in die deutsche Wirtschaft. Viele Lastwagen, auf denen später die deutschen
    Soldaten auf europäischen und russischen Straßen fahren, wurden in Deutschland
    vor allem aus amerikanischen Bauelementen montiert [164].
    Im Jahre 1929/30 wird der Dawes-Plan vom Young-Plan abgelöst. Die
    Reparationen werden reduziert und 1933 vollständig gestrichen, das Kontrollorgan
    der Entente in Deutschland wird aufgelöst. Warum? Der geplante Machtantritt Adolf
    Hitlers tritt in die entscheidende Phase. Trotzki wurde aus der UdSSR verbannt.
    Anstelle von Plan A tritt Plan B in Kraft. Mit dem Geld der USA und
    Großbritanniens vollbringt Hitler nach seinem Machtantritt ein wirtschaftliches
    Wunder. Die Rüstungsausgaben im deutschen Staatsbudget demonstrieren das sehr
    anschaulich:
  • Von 1933 bis 1939 stiegen sie in Deutschland von 1,9 Mrd. auf 18,41 Mrd.
    Mark (fast auf das 10-fache!);
    120
  • Ihr Anteil am deutschen Staatshaushalt wuchs in dieser Zeit von 24 auf 58%
    [165];
  • In der UdSSR betrug 1934 der Anteil der Militärausgaben am Staatsbudget
    9%, in Frankreich – 8,1%, in Japan – 8% und in Großbritannien – 3% [166].
    Wie wir wissen, hat Hitler seine Aufgabe erfüllt. In einer unwahrscheinlich
    kurzen Zeit – in nur 6 Jahren – hat er eine Militärmaschinerie von
    unwahrscheinlicher Größe und Stärke geschaffen. Die Historiker bezeichnen diese
    Entwicklung als Wirtschaftswunder der Nazis. Die Herren dieser Welt – die
    Angelsachsen – werfen nicht gern ihr Geld zum Fenster raus. Für sie ist ein
    militärischer Konflikt im hohen Maße wirtschaftlich. Je zeitiger er beginnt, desto
    weniger Geld verschwindet im bodenlosen Fass der deutschen Rüstung.
    Seine unwahrscheinlichen Erfolge in der Welt verdankt Hitler nicht
    seinen hervorragenden Talenten als Diplomat und Staatsmann, sondern allein
    der Tatsache, dass er Großbritannien, die USA und Frankreich von vorn herein
    zur Aufgabe bestimmter Positionen bewegt hat.
    Konnte die Militarisierung Deutschlands, der gewaltige Aufbau seiner neuen
    Wehrmacht, die massenhafte Produktion von Panzern und Flugzeugen nicht
    rechtzeitig gestoppt werden? Natürlich war das möglich. Das reale Kräfte-verhältnis
    in Europa und der Vertrag von Versailles schlossen eine derartige militärische
    Entwicklung in Deutschland grundsätzlich aus. Trotzdem verkündete Hitler am 16.
    März 1935 das „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht“ und die Wiedereinführung
    der Wehrpflicht. Warum protestierten Paris und London nicht gegen die
    Wiederherstellung der Militärmacht in Berlin? Selbst Churchill schreibt in seinem
    Buch „Der Zweite Weltkrieg“: „Zumindest bis zum Jahre 1934 hätte man die
    Wiederaufrüstung Deutschlands, ohne ein einziges Menschenleben zu opfern,
    stoppen können“ [167], [168]. Warum wurde Deutschland von den Weltmächten
    nicht in seine Schranken verwiesen? In seinen Memoiren gibt Churchill auf diese
    121
    Frage keine Antwort. Niemand hat die Kriegsvorbereitungen gestoppt, d.h. außer
    Hitler brauchten auch die großen Führer Großbritanniens, Frankreichs und der USA
    diesen Krieg.
    Die von Resun-Suworow verbreitet Legende, dass die deutsche Armee dank
    der großen Unterstützung durch die UdSSR so schnell und erfolgreich
    wiederaufgebaut und gestärkt werden konnte, wird von N. Starikov in diesem
    Kapitel anhand konkreter Zahlen und Fakten vollständig widerlegt [169] – [175]. Sie
    erweist sich als absoluter Unsinn.
    Bedrohliche deutsche „Doppeldecker“, vor denen die Franzosen und Briten derartige
    „Angst“ hatten.
    Warum stellten Frankreich und Großbritannien dem Führer kein Ultimatum?
    Hatten sie Angst vor der im Aufbau befindlichen deutschen Luftwaffe? Mit dieser
    bedrohlichen „Angst“ vor einem Kampf mit den „modernen“ deutschen Flug-zeugen
    begründen viele Historiker und Politiker alle weiteren Kompromisse des Westens
    mit Hitler. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg übergaben die deutschen den
    Ländern der Entente 20 tausend Flugzeuge und 27 tausend Flugzeugmotoren [176].
    Von 1918 bis 1935 war der Besitz einer eigenen Luftwaffe generell verboten.
    Natürlich arbeiteten die Deutschen an neuen Modellen, aber die konkreten Arbeiten
    an neuen Flugzeugen begannen erst 1933.
    Die „starke“ deutsche Luftwaffe bestand in den Jahren 1935/36 aus dem
    Doppeldecker He51 mit offener Kabine. Dieses Flugzeug wurde sogar in der ersten
    Phase des Zweiten Weltkrieges eingesetzt. In Spanien erwies sich dieses
    122
    Jagdflugzeug im Vergleich mit sowjetischen Modellen als hoffnungslos veraltet
    [177]. In der deutschen Luftwaffe erschien die He51 im Jahre 1936 als völlig neues
    Modell [178]. Es vergehen zwei Jahre und Hitler erschreckt mit diesem neuen
    Doppeldecker die ganze Welt?
    Die deutschen Jagdflugzeuge, wie wir sie von Bildern und aus Filmen kennen,
    erscheinen in der Wehrmacht erst wesentlich später. Die bekannte „Messerschmitt
    Bf-109“ war eines der meist gebauten und im Zweiten Weltkrieg sehr häufig
    eingesetzten Jagdflugzeuge. Sein erster Prototyp – Ende 1934 gebaut – absolvierte
    am 28. Mai 1935 seinen ersten Jungfernflug [179]. Die bedrohliche Kampfmaschine
    existierte in einem einzigen Exemplar und war mit einem englischen Motor der
    Firma „Rolls-Royce“ Kestrel V5 ausgerüstet. Die deutschen Motoren der gleichen
    Klasse standen zu diesem Zeitpunkt noch nicht zur Verfügung. Deshalb halfen die
    britischen „Kameraden“. Denn Großbritannien war zu dieser Zeit der größte
    Exporteur von Waffen und Kriegsmaterial in der Welt.
    In vielen Exemplaren der „Messerschmitt Bf-109“ befanden sich britische
    Motoren. Solange die deutsche Industrie diese Motoren nicht in der erforderlichen
    Stückzahl produzierte, wurden in die bereits seriell gefertigten Jagdflugzeuge
    britische Motoren eingebaut. „Von 28 verschiedenen Typen deutscher
    Kampfflugzeuge besaßen 1935 11 Typen britische oder amerikanische Motoren von
    den Firmen „Rolls-Royce“, „Armstrong-Siddeley“, „Pratt&Whitney“ u.a.“ [180].
    Erfolgreiche Flugversuche machten das Jagflugzeug von Willy Messerschmitt zum
    123
    Favoriten. Im Jahre 1936 gab es zwei Exemplare, im Jahre 1937 – 54.
    Betrachten wir noch die Geschichte des berühmten Sturzkampfbombers
    „Junkers-87“, auch „Stuka“ genannt. Von diesem Flugzeug wurden die ersten
    Bomben des Zweiten Weltkrieges abgeworfen. Solche Bomber vernichteten – wie in
    vielen sowjetischen Filmen gezeigt – unsere Kampflinien im Sturzflug und mit
    „heulenden“ Sirenen.
    Die Idee, die „Junkers-87“ mit einer Sirene auszurüsten, die sich beim
    Sturzflug „heulend“ einschaltet, stammt persönlich von Hitler. Nicht alle seine
    Eingriffe waren so effektvoll. Der „fehlerfreie“ Führer irrte sich, wie alle
    sterblichen Menschen. Aufgrund seiner Allergie gegen Pferde löste er – bis auf eine
    Ausnahme – alle Kavallerie-Divisionen der Wehrmacht auf. Das Fehlen der
    Kavallerie auf den unüberwindbar scheinenden verschlammten Wegen wurde
    deshalb für die deutschen Faschisten in Russland zu einem Alptraum [181].
    Wann erschien dieses Wunder der feindlichen Technik? Ende 1935 erschien
    das erste Exemplar, seine Serienproduktion begann im Jahre 1937 [182].
    Ein seltsames Bild ergibt sich: Der Westen ist verzweifelt und hat große Angst
    vor der deutschen Luftwaffe, obwohl es im Jahre 1936 noch kein einziges modernes
    Jagdflugzeug in der Wehrmacht gibt.
    Winston Churchill war ein Patriot Großbritanniens und einer seiner
    bedeutendsten Staatsmänner. Trotzdem konnte er nicht sagen, warum die Ereignisse
    eine derart merkwürdige Wende nahmen. Über folgende Aussage Churchills lohnt
    es sich nachzudenken: „Bis Mitte 1936 basierte die aggressive Politik Hitlers und
    die Verletzung der Verträge durch ihn nicht auf der Grundlage der militärischen
    Stärke Deutschlands, sondern auf der Uneinigkeit und Zaghaftigkeit von Frankreich
    und England, sowie auf der Isolation der Vereinigten Staaten“ [183].
    Wir können feststellen, das Alibi ist hundertprozentig: „Uneinigkeit“,
    „Zaghaftigkeit“, „Isolation“. Den Grad der „Isoliertheit“ der USA demonstriert uns
    sehr anschaulich die Anzahl der Agenten vom Typ Ernst Hanfstaengl, die viele Jahre
    um Hitler kreisten. Sicherlich sind auch die folgenden Fakten sehr interessant:
  • Am 19. September 1934 liefert die USA an Deutschland modernste
    Ausrüstungen für die Produktion von Flugzeugen für einen Preis von 1 Mio.
    Dollar. Mit diesen Anlagen werden später deutsche Flugzeuge hergestellt. Die
    Lieferung ist streng geheim [184].
  • In der gleichen Zeit erhält Deutschland von den amerikanischen Firmen
    „Pratt&Whitney“, „Douglas“, „Benedix Aviation“ eine große Anzahl von
    militärischen Patenten [185]. Außerdem wurde der o.g. Bomber „Stuka“
    („Junkers-87“) auf der Grundlage von Technologien gebaut, die aus Detroit
    stammen [186].
  • Vom gleichen Charakter sind die wahren Hintergründe der „Uneinigkeit“ und
  • „Zaghaftigkeit“ von Paris und London. Ohne auf technische Details näher
  • einzugehen, muss erwähnt werden, dass im Jahre 1936, als der Westen schon vor
  • dem Führer große „Angst“ hatte, Hitler weder moderne Flugzeuge noch moderne
  • Panzer besaß. Der erste lohnende Panzer Hitlers war der Pz III, dessen Produktion
  • im Jahre 1938 begann. Das Datum der Produktion der modernisierten Version seines
  • Vorgängers Pz II „F“ mit zusätzlicher Panzerplatte an der Stirnfront war der Monat
  • Juni 1940. Deshalb schreibt Winston Churchill in seinen Memoiren: „ Der kolossale
  • Ausstoß von Panzern, mit dessen Hilfe die Deutschen die französische Front
  • durchbrachen, begann erst im Jahre 1940“ [187].
  • 125
  • Aus welchem Grund begannen die Sieger des Ersten Weltkrieges 1936 die
  • erniedrigten und entwaffneten Verlierer zu fürchten, obwohl es dafür keinerlei
  • Gründe gab? Genau mit dieser seltsamen „Angst“ wird uns die unwahrscheinliche
  • Leichtigkeit erklärt, mit der Hitler die verlorengegangenen Gebiete zurück ins
  • Deutsche Reich holte. Das Saargebiet, von Deutschland abgetrennt, stand seit 1919
  • unter dem Mandat des Völkerbundes. Ihre Kohlegruben gehörten Frankreich und
  • dienten ihnen als Reparationen. Um Deutschland militärisch zu stärken, mussten
  • zunächst diese Gebiete, die ihnen erst unlängst vom Westen weggenommen wurden,
  • mit Hilfe Großbritanniens, Frankreichs und der USA wieder zurückgegeben werden.
  • Das erste Gebiet, das vom schwachen Deutschland durch ein demokratisches
  • Referendum ins Nazi-Deutschland zurückgeholt wurde, ist das Saarland. Über die
  • im Jahre 1919 entstandene Situation und über die Meinung der Bewohner des
  • Saarlandes hat sie 16 Jahre nie jemand befragt. Plötzlich werden sie aufgefordert zu
  • entscheiden, ob sie sich mit Nazi-Deutschland oder mit dem demokratischen
  • Frankreich vereinen wollen. Oder ob sie es wünschen, auch weiterhin unter der
  • Führung des Völkerbundes zu bleiben.
  • Was ist dazu zu sagen? Im Prinzip nicht viel. Der Teufel liegt im Detail!
  • Hitler-Deutschland entfachte eine irrsinnige propagandistische Kampagne, die nicht
  • nur im Saarland, sondern auch in Frankreich ihre Wirkung zeigte. Seitens
  • Frankreichs gab es überhaupt keine Agitation und Propaganda. Im Gegenteil, der
  • französische Außenminister, Pierre Laval, erklärt zwei Tage vor der
  • Volksabstimmung, dass „Frankreich an ihrem Ergebnis nicht interessiert sei“. Wir
  • können uns vorstellen, welchen Eindruck diese Erklärung auf den Teil der
  • saarländischen Bevölkerung hatte, die für einen Anschluss an Frankreich kämpften.
  • Ihr Scherflein trugen auch die britischen Diplomaten bei. Ihre Position war sehr
  • „merkwürdig“: Sie sprachen sich entschieden gegen den Erhalt des Völkerbundes
  • im Saarland aus. Nach Meinung der Briten, stellte das für den Vorgänger der UNO
  • eine unerträgliche Belastung dar. Das Ergebnis der Volksabstimmung am 13. Januar
  • 1935 war demnach vorbestimmt. Es lautete: 90,8% der Saarländer stimmten für den
  • Anschluss an Deutschland.
  • In Übereinstimmung mit der Entscheidung des Völkerbundes gehörte das
  • 126
  • Saargebiet wieder zu Deutschland. Als der französische Generalstab forderte, dass
  • Deutschland kein Recht hat, ihre militärischen Einheiten im Saarland zu
  • stationieren, strich die französische Regierung die Behandlung dieses
  • Resolutionsentwurfes einfach von der Tagesordnung.
  • Über die seltsame Position des französischen Außenministers in dem
  • Moment, als sich Deutschland wieder an die Grenze Frankreichs bewegte, brauchen
  • wir uns nicht zu wundern. Erinnern wir uns, was mit seinem Vorgänger, Louis
  • Barthou, geschah. Wenn wir die Biografie dieses französischen Staatsmannes lesen,
  • dann können wir nur staunen, dass er so lange gelebt hat. Denn jene, die sich auf
  • dem Wege derart großer Mächte und Prozesse der Weltpolitik bewegen, leben in der
  • Regel nicht lange. Louis Barthou gehörte zum Kreis der wenigen westlichen
  • Politiker, die ernsthaft bestrebt waren, den Frieden zu erhalten und die Wiedergeburt
  • eines potentiellen Aggressors zu verhindern. Er leitete die berühmte Kommission
  • für Reparationen, die festlegte, wie viel Geld Deutschland im Ergebnis des Ersten
  • Weltkrieges zahlen muss. Unter seiner Leitung stellte diese Kommission mit drei
  • Stimmen (Frankreich, Belgien, Italien) und einer Gegenstimme (Großbritannien) am
  • Januar 1924 fest, dass Deutschland die im Versailler Vertrag festgelegten
    Reparationen nicht zahlt. Die Folge war die Besetzung des Ruhrgebietes durch die
    Franzosen, die nicht nur entschlossen, sondern auch sehr grausam vollzogen wurde.
    Als Louis Barthou am 8. Februar 1934 zum Außenminister ernannt wurde,
    hatte er vor, Hitler in seinen aggressiven Bestrebungen zu bremsen. Mit seiner
    Politik stellte sich Barthou gegen die Pläne der Vorbereitung eines neuen
    Weltkrieges, was Großbritannien überhaupt nicht gefiel. Dieser Außenminister
    Frankreichs informierte z.B. den Vorsitzenden der Genfer Konferenz für Abrüstung,
    127
    Arthur Henderson, über die Ablehnung „der militärischen Gleichberechtigung“
    durch das Deutsche Reich. Das waren die ersten schüchternen „Muskelspiele“ von
    Hitler-Deutschland. Anstatt Hitler alles zu erlauben, verstärkte er die Kontakte mit
    den französischen Verbündeten. Im April 1934 besuchte er Warschau und Prag.
    Solange Polen und die Tschechoslowakei bereit waren, Deutschland aus dem
    Hinterland anzugreifen, konnte Paris ruhig schlafen. Nach seiner Rückkehr
    entwickelte Barthou die Idee eines so genannten „Ostpaktes“, der nicht nur die
    Sicherheit des Westens, sondern auch die von Osteuropa garantieren sollte. Im
    Ergebnis erhielt die UdSSR am 15. September 1934 den von französischer Seite
    unterbreiteten Vorschlag, in den Völkerbund (Liga der Nationen) einzutreten. Die
    Tätigkeit von Louis Barthou widersprach in allen Punkten den Anstrengungen und
    Bestrebungen von Hitler-Deutschland. Ende September des gleichen Jahres arbeitete
    er am Entwurf eines komplexen Vertrages, der vorsah, dass Frankreich, Italien,
    Jugoslawien, Tschechoslowakei und Rumänien gemeinsam die Unabhängigkeit von
    Österreich garantieren.
    Die Rechnung ließ nicht lange auf sich warten. Am 9. Oktober 1934 wurde
    Barthou bei einem Überfall kroatischer Terroristen auf den jugoslawischen König
    Alexander in Frankreich „zufällig“ ermordet. In einigen Forschungsarbeiten können
    wir lesen, dass er ein Opfer der Operation „Teutonisches Schwert“ vom deutschen
    Geheimdienst wurde. So ist es wohl. Aber stellen Sie sich, verehrter Leser, die
    Frage: Warum sollten die Deutschen Louis Barthou ermorden, wenn jeder
    normaldenkende französische Minister genau so handelt wie er?
    Die Sicherheit Frankreichs zu gewährleisten und eine deutsche Aggression im
    Keim zu ersticken, ist für jeden Patrioten dieses Landes eine heilige Pflicht. Würde
    in unseren Tagen Frankreich nach der Ermordung seines Außenministers – was
    natürlich um Gottes willen nicht passieren darf – ein Bündnis mit dem Iran oder mit
    Nordkorea eingehen? Welcher Geheimdienst erschießt pausenlos einen
    Außenminister nach dem anderen in der Hoffnung, dass Paris früher oder später
    jemand findet, der bereit ist seine Heimat zu verraten?
    Die Ermordung von Barthou ist für die Deutschen nur dann sinnvoll, wenn sie
    genau wissen, dass nach seinem Tod Frankreich alle seine Positionen gegenüber
    Hitler aufgibt. Dieses „Wissen“ konnte die deutsche Führung nur durch geheime
    Kontakte mit der britischen und französischen Regierung erhalten haben.
    Auf derartige Gedanken führen uns die äußerst verdächtigen Umstände des
    Mordes in Paris. Obwohl erklärt wurde, dass vorbeugend besondere Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet worden sind, fehlte die versprochene Eskorte der mobilen
    Leibwächter völlig. Das Ehrengeleit bewegte sich auf der Straße wie ein bedächtiger
    Fußgänger. Als das Auto am Gebäude der Marseille Börse vorbeifuhr, ertönte ein
    schriller Pfiff. Aus der Menge lief ein unbekannter Mann, durchbrach die
    Absperrungskette der Polizisten, sprang völlig unbehelligt auf das Trittbrett des
    Autos und gab von dort mehrere Schüsse ab: der König war sofort tot, Barthou
    128
    tödlich verletzt [188]. Sofort nach seinem Tod, bereitete der neue Außenminister,
    Pierre Laval, „eine fundamentierte französisch-deutsche Vereinbarung vor“ [189].
    Konnte man Hitler aufhalten? Ja, es war möglich. Warum blockierten die
    Franzosen und die Briten nicht die Volksabstimmung im Saarland? Deutschland
    konnte nichts dagegen tun: Es hatte keine Panzer, keine Flugzeuge und keine
    Soldaten. Doch es geschah genau umgekehrt, sie haben mit Hitler kooperiert. Der
    erste Erfolg der Nazis war für den Fortgang der Ereignisse äußerst wichtig. Ein
    Triumph folgte dem anderen. Auf alle politischen Intrigen in dieser Zeit kann und
    möchte ich nicht in diesem Buch eingehen, sonst wird es vollständig von der
    ungehörigen und „seltsamen“ politischen Linie Frankreich und Großbritanniens
    beherrscht. Sie, verehrter Leser, können jedes beliebige Buch nehmen, das der
    Geschichte dieser Zeit gewidmet ist und sich davon selbst überzeugen.
    Wir unterstreichen nur folgende Tatsache: Adolf Hitler war ein „genialer
    Politiker“ solange ihm die westlichen Partner keinen Widerstand leisteten, nur zum
    Schein runzelten sie mit den Augenbrauen und gaben lautstarke Erklärungen ab
    [190]. Die Reaktion des Westens auf die Bekanntmachung der allgemeinen
    Wehrpflicht durch Hitler war ein „Protest“ [191] Großbritanniens und ein
    „nachdrücklicher Protest“ [192] von Frankreich. Es folgten keinerlei konkrete
    politische Schritte. Genauer gesagt, im März 1936 flog eine britische Delegation
    unter der Leitung des britischen Außenministers, Sir John Simon, in Begleitung von
    Sir Anthony Eden nach Berlin. Schon allein dieser Besuch dieser seriösen
    Gentlemen zeugt von der ernsthaften Absicht der Briten, das Problem „friedlich zu
    lösen“. Die „beunruhigte“ britische Delegation tauschte mit Hitler ein freundliches
    Lächeln und kräftiges Händeschütteln aus. Der Dolmetscher des Führers, Paul-Otto
    Schmidt, schreibt in seinen Memoiren über das Fehlen jeglicher Besorgtheit in den
    Gesichtern der Briten. Es folgten freundschaftliche Verhandlungen.
    Besonders interessant ist die Aussage von Schmidt über eine angebliche Angst
    der Briten. Als sie Hitler fragten, wie stark die deutsche Luftwaffe ist, behauptete er,
    129
    sie sei so stark wie die britische. Das war natürlich eine Lüge! „Beide Engländer,
    nach ihrer Reaktion zu urteilen, zeigten Erstaunen und sogar einen gewissen Zweifel
    an der Erklärung Hitlers, schreibt sein Dolmetscher. Diesen Eindruck bestätigte im
    Nachgang der britische Minister der Luftstreitkräfte, Lord Londonderry, bei seinen
    Verhandlungen mit Göring, an denen ich als Dolmetscher fast immer teilnahm“. So
    ist es.
    Die Engländer glauben nicht, dass Hitler eine Luftflotte besitzt, die sich mit
    ihrer eigenen vergleichen kann, beginnen ihn schrecklich „zu fürchten“ und
    erlauben ihm damit, die Aufrüstung mit einem hohen Tempo fortzusetzen [193].
    Am 18. Juni 1935 unterschrieben der „Außerordentliche und bevollmächtigte
    Botschafter Deutschlands“, Joachim von Ribbentrop, und der Außenminister von
    Großbritannien, Samuel Hoare [194], in London das deutsch-britische
    Flottenabkommen. Dieser Vertrag erlaubte es Deutschland, unter Beachtung der
    Bedingung, dass die „Angriffsstärke der deutschen Flotte im Verhältnis zur
    Angriffsstärke der Flotte des britischen Imperiums 35% beträgt“ legal wieder
    Seekriegsschiffe herzustellen. Der Vertrag von Versailles verbot Deutschland den
    Besitz von U-Booten. Jetzt aber erhielten die Deutschen das Recht, Unterseeboote
    mit einer Tonnage von 45% der Unterseeflotte Großbritanniens herzustellen.
    Wenn Deutschland die vorgegebenen Begrenzungen überschreiten möchte,
    dann muss es über diese Entscheidung die britische Regierung in Kenntnis setzen.
    Es entstand die äußerst pikante Situation, dass die Deutschen die endgültige
    Erlaubnis für den Bau von U-Booten nicht in Berlin, sondern in London erhielten!
    Angesichts einer derartigen Nachsicht, wurde Hitler äußerst arrogant. Selbst
    Hanfstaengl, der Hitler stets umgab, wurde überzeugt, dass er auch seine nächsten
    Schritte ungestraft vollziehen kann. Am 7. März 1936 marschierten deutsche
    Truppen in das demilitarisierte Rheingebiet ein. Keine einzige Macht der Welt hatte
    das Recht, in dem von Deutschland abgetrennten Gebiet, das eine Pufferzone
    130
    zwischen Deutschland und Frankreich bildete, seine Truppen zu stationieren. Erneut
    verletzte Hitler arrogant internationale Vereinbarungen.
    „Wir waren überzeugt – der Papierkrieg führt mit höchster
    Wahrscheinlichkeit zu einem richtigen Krieg. Mein Freund vom Außenministerium
    vertrat wie viele andere in unserer Abteilung folgende Meinung: „Wenn Frankreich
    nur ein wenig seine Sicherheit schätzt, dann müssen seine Truppen jetzt ins
    Rheingebiet einmarschieren“ [195]“.
    Derartige Auffassungen kursierten nicht nur unter den Politikern, sondern
    auch in den Reihen des deutschen Militärs. Darüber erzählten sie auch auf dem
    Nürnberger Prozess. „Sie (die Franzosen, N.S) könnten uns im Handumdrehen
    rauswerfen“ [196], sagte Feldmarschall Keitel.
    „Ich muss bezeugen, dass uns die französische Armee aus der Deckung
    wegblasen konnte“ [197], sagte Generaloberst Jodl.
    Die deutschen Truppen, die in das Rheingebiet einmarschierten, konnten
    einem französischen Angriff nichts entgegensetzen. Die ganze „Operation“ der
    Deutschen erinnerte mehr an ein billiges Singspiel. Fünf Infanterieeinheiten wurden
    in den Zug gesetzt. Die Offiziere und Soldaten nahmen an, dass sie in ein Manöver
    fahren und waren weder moralisch noch technisch auf einen Kampf vorbereitet. Erst
    im Zug öffneten die Kommandeure die versiegelten Befehle und erfuhren, dass sie
    den Auftrag haben, das Rheingebiet zu besetzen. Nur drei Züge mit je einem
    Bataillon überquerten den Rhein. Der erste fuhr nach Aachen, der zweite – nach
    Trier und der dritte – nach Saarbrücken. Die übrigen deutschen Truppen blieben
    außerhalb der Verbotszone.
    Die Angst der deutschen Armeeführung war sehr groß. Selbst hatte sie keine
    Möglichkeit Hitler zu überzeugen, diesen „selbstmörderischen“ Befehl zu
    revidieren. Deshalb beauftragten sie Hermann Göring mit dieser Mission. Auch das
    half nicht. „Der Führer beteuerte, dass Frankreich uns nicht angreift“, erzählte später
    General Blomberg. Hitler überzeugte auch Göring und zog ihn auf seine Seite [198].
    Das Einzige was erreicht wurde, war das Einverständnis über einen sofortigen
    Rückzug der Infanterie im Falle eines Zusammenstoßes mit der französischen
    Armee. Tatsächlich bewegten sich 13 Divisionen der französischen Armee an die
    Grenze Frankreichs. Obwohl sie das Recht hatten ins Rheingebiet einzumarschieren,
    blieben sie dort stehen [199]. Die internationale Gemeinschaft, d.h. der Völkerbund
    erklärte, dass Deutschland den Vertrag von Versailles verletzt und die Sicherheit
    Frankreichs bedroht hat [200].
    Warum war Hitler so überzeugt, dass Frankreich im völligen Widerspruch zu
    seinem eigenen elementaren Sicherheitsbedürfnis handeln wird? Warum stellte er
    alles auf eine Karte? Der Schusswechsel mit einer einzigen französischen Kompanie
    hätte zum Abzug der deutschen Truppen, zu einem Prestigeverlust von Hitler und
    ggf. auch zu seiner Ablösung geführt. Die Antwort auf diese Frage finden wir im
    Buch von Raymond Cartier, welches im Jahre 1948 erschien. Hitler war überzeugt,
    131
    dass Frankreich seine Selbstständigkeit verloren hatte. „Der Führer – so teilt Göring
    mit – hat oft gesagt, dass Frankreich ohne Billigung von England nichts unternimmt
    und dass Paris zu einer diplomatischen Filiale Londons geworden ist. Folglich ist es
    völlig ausreichend, mit England Übereinstimmung zu erzielen, dann ist im Westen
    alles in Ordnung“ [201].
    Hitler wusste, dass Frankreich nichts unternimmt. Alle seine „arroganten“
    Schritte wurden vorab über geheime Kanäle mit der Regierung von Großbritannien
    abgestimmt und erst dann realisiert. Darin bestand seine ganze „Genialität“. Obwohl
    dem Führer volle Loyalität der Franzosen und Engländer versprochen wurde, waren
    zufällige Ereignisse nicht ausgeschlossen. Was ist, wenn ein Kommandeur den
    Befehl aus Paris nicht richtig verstanden hat? Das Schicksal von Hitlers Karriere
    stand auf dem Spiel. Deshalb hat er später oft gesagt: Die achtundvierzig Stunden
    nach dem Einmarsch des Militärs in das Rheingebiet waren die aller unruhigsten
    Stunden meines Lebens“ [202].
    Seine Aufregung wurde großzügig belohnt: „Der Führer gähnt. England rührt
    sich nicht“ [203], schreibt Goebbels in sein Tagebuch. Der Dolmetscher Hitlers,
    Paul Schmidt, der eine harte Reaktion des Westens erwartet hatte, schreibt in seinen
    Memoiren etwas ganz anderes: „Aus Gründen, die für uns im Außenministerium
    völlig unerklärlich waren, gab sich Frankreich mit der Erklärung des Völkerbundes
    zufrieden“ [204].
    Konnte man Hitler aufhalten? Ja, es war möglich. Anstelle von Verträgen
    hätte man ihm besser ein Ultimatum geschickt und das faschistische Scheusal von
    Anfang an im Keime erstickt. Nicht eine einzige Bombe wäre dann auf London und
    Paris gefallen, Millionen Menschen wären nie in ein Konzentrationslager
    gekommen und die europäischen Juden und Zigeuner wären nie vernichtet worden.
    132
    Wenn die westlichen Demokraten eine harte Position eingenommen hätten, dann
    hätte Hitler Russland nicht überfallen können. Aber das war seine Hauptaufgabe.
    Im Interesse der Lösung dieser Aufgabe bemerkte die gesamte damalige
    „progressive Menschheit“ nicht die Gräueltaten der Nazis und hörte nicht auf die
    vielen Zeugenaussagen über ihr gestörtes Verhältnis zum menschlichen Leben. Ende
    1935 war es schon zu spät. Im September dieses Jahres wurden in aller Öffentlichkeit
    die Nürnberger Rassengesetze angenommen, das „Reichsbürgergesetz“ und das
    „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Beide Gesetze
    wurden auf dem Parteitag der NSDAP und auf der Sondertagung des Reichstages in
    Nürnberg einstimmig angenommen. Diese Gesetze haben ein für alle Mal das
    rassistische Wesen des Nationalsozialismus geprägt. In Übereinstimmung mit dem
    §2 des „Reichsbürgergesetzes“, ist Reichsbürger „nur der Staatsangehörige
    deutschen oder artverwandten Blutes, der durch sein Verhalten beweist, dass er
    gewillt und geeignet ist, in Treue dem deutschen Volk und Reich zu dienen.“ Durch
    einen einzigen Federstrich verloren alle deutschen Juden – im Lande gab es mehr
    als eine halbe Million – ihre Staatsbürgerschaft [205].
    Im „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“
    wurden in den 30iger Jahren des 20. Jahrhunderts durch ein zivilisiertes
    europäisches Land eine Reihe unwahrscheinlicher Verbote eingeführt. Unter dem
    Vorwand einer „Schändung der Rasse“ wurden Ehen und sogar uneheliche
    Lebensgemeinschaften zwischen Juden und „deutschen Staatsangehörigen oder
    artverwandten Blutes“ verboten. Derartige Ehen wurden als ungültig erklärt, sogar
    im Falle ihrer Registration im Ausland. Juden durften keine arischen Frauen, die
    jünger als 45 Jahre waren, als Haushaltshilfen einstellen. Sie hatten nicht das Recht,
    an ihrem Fenster die nationale deutsche Fahne zu hissen und Kleidungsstücke mit
    diesen Farbtönen zu tragen!
    Die rassistische Gesetzgebung breitete sich in Deutschland sehr schnell aus.
    Weil in den Nürnberger Rassegesetzen der Begriff „Jude“ nicht hinreichend genau
    133
    erklärt wurde, erfolgte am 14. November 1935 in der „Erste(n) Verordnung zum
    Reichsbürgergesetz“ eine exakte Definition:
  • „Ein „Jude“ kann nicht Reichsbürger sein. Ihm steht ein Stimmrecht in
    politischen Angelegenheiten nicht zu; er kann kein öffentliches Amt
    bekleiden“;
  • „Jude ist, wer von mindestens drei der Rasse nach volljüdischen Großeltern
    abstammt“.
    Mit deutscher Pedanterie wurden die Kriterien für die Rassezugehörigkeit
    festgelegt: Wer ist Jude und wer ist ein „jüdischer Mischling“ in gemischten Ehen.
    Erstmals wurde der Begriff „Nichtarier“ eingeführt. In 12 weiteren Verordnungen
    wurde den Juden die Ausführung bestimmter Berufe verboten, ihre
    Bewegungsfreiheit eingegrenzt und die Kennzeichnungspflicht „Jude“ im
    Personalausweis festgelegt.
    Alle diese wahnsinnigen Verordnungen waren kein Geheimnis für die
    Weltöffentlichkeit, denn es waren offizielle Gesetze des deutschen Staates. Ihre
    Einhaltung wurde kontrolliert, ihre Verletzung wurde geahndet und sogar mit
    Gefängnis bestraft. Wie reagierte die Weltgemeinschaft auf diese Barbarei? Mit
    Protesten? Mit Sanktionen und mit einem Abbruch der diplomatischen
    Beziehungen?
    Die politische Elite dieser Zeit reagierte äußerst eigenwillig.
    Deutschland wurde die Durchführung der Olympischen Sommerspiele
    im Jahre 1936 in Berlin übertragen.
    Ich denke, niemand wird bezweifeln, dass die Festlegung des
    Austragungsortes der Olympiade immer eine große politische Bedeutung hat. Die
    Spiele durchzuführen – das ist nicht nur eine große internationale Anerkennung,
    sondern verstärkt auch das außenpolitische Gewicht des Landes in der ganzen Welt.
    Warum überträgt das Internationale Olympische Komitee diese Aufgabe an NaziDeutschland und Adolf Hitler?
    Das ist ein Ausdruck für die Unterstützung und für die Fortsetzung des
    widerstandslosen „Spiels“ mit dem Führer. Die Spielregeln sind sehr einfach: Hitler
    macht alles wie festgelegt (rüstet auf und bereitet den Krieg gegen die UdSSR vor),
    ihm wird neben der Bereitstellung von finanziellen Mitteln und fehlenden
    Territorien auch politische Autorität verschafft. Und das vor den Augen der eigenen
    Bevölkerung und der ganzen Welt. Wenn uns gesagt wird, dass Stalin Hitler an die
    Macht gebracht hat, dann ziehen es derartige Politiker vor, über die Olympiade im
    Jahre 1936 zu schweigen. Denn es ist völlig klar, dass die UdSSR an der Wahl des
    Ortes Berlin für die XI. Olympiade in keiner Weise beteiligt war. Die Sowjetunion
    nahm erstmals 1952, d.h. 16 Jahre danach, an der Olympiade in Helsinki teil. Als
    Adolf Hitler in seiner Hauptstadt das olympische Feuer entzündete, gab es noch
    keine Vertreter der Sowjetunion im Internationalen Olympischen Komitee …
    134
    Vom 1. bis 16. August 1936 wurde in Berlin die Olympiade durchgeführt. Die
    Nürnberger Rassengesetze waren schon fast ein Jahr in Kraft. In jüdischen
    Organisationen gab es in dieser Zeit verhaltene Stimmen mit dem Aufruf, die
    Olympiade zu boykottieren. Wäre das möglich gewesen? Im Prinzip, ja! Wir
    erinnern uns, dass die Amerikaner im Jahre 1980 die Spiele aus rein politischen
    Motiven boykottierten. Der Grund war der Einmarsch der sowjetischen Armee in
    Afghanistan. Stellen wir uns für eine Minute vor, dass nicht das
    nationalsozialistische Deutschland, sondern die UdSSR die Nürnberger Gesetze
    angenommen haben. Wäre das ein hinreichender Grund zum Boykott der Olympiade
    im Jahre 1980? Natürlich, ja! Der Anlass wäre wesentlich schwerwiegender als
    Afghanistan. Mit einem Sturm der Entrüstung würde die Presse reagieren, viele
    Tränen würden die westlichen Kleinbürger vergießen.
    Warum wurde die Olympiade 1936 nicht boykottiert? Weil nach folgendem
    Prinzip gehandelt wurde: Das ist ein Schurke, aber unser Schurke! Deshalb hat der
    in New York gegründete Rat des Kampfes für die Verlegung der Olympiade aus
    Berlin in ein anderes Land nichts erreicht. Das Internationale Olympische Komitee
    schickte in die Hauptstadt des 3. Deutschen Reiches eine Kommission, deren
    Mitglieder in Berlin nichts fanden, was der olympischen Bewegung einen Schaden
    zufügen konnte [206]. Die Unterdrückung der Juden wurde nicht bemerkt und auch
    nicht die wahnsinnigen Rassengesetze. So ist es in der Politik! In unserer heutigen
    Zeit beobachten wir sehr oft das zynische und äußerst eindeutige Bild der „Kämpfer
    für Menschenrechte“, die nur das bemerken, was im gegebenen Moment für
    diejenigen vom Vorteil ist, die sie bezahlen und nicht bemerken, was sie nicht zu
    135
    sehen wünschen …
    Die Olympiade fand statt! In den Stadien flatterten die Hakenkreuzfahnen und
    die Herzen der Deutschen waren voller Stolz für ihr Land und voller Achtung und
    Dankbarkeit für Adolf Hitler. Als er zur Eröffnung der Spiele erschien, standen alle
    Menschen im Stadion auf und streckten ihren rechten Arm zum
    nationalsozialistischen Gruß. Neben Hitler – die Mitglieder des Internationalen
    Olympischen Komitees in schwarzen Anzügen und goldenen Ketten auf der Brust.
    Vom lautstarken „Sieg Heil“ bebten die Wände im Stadion.
    Die internationale Gemeinschaft bemerkte aus irgendeinem Grunde nicht, dass in der
    olympischen Hauptstadt mit einer Schublehre geklärt wurde, wer ein echter Arier ist und wer
    nicht.
    Schön, grandios, beeindruckend. Das war die Geburt einer Legende über den
    Führer, der alles besser weiß als alle anderen und sich niemals irrt. Denn sein
    unbeugsamer Wille stellte den Geist der Nation wieder her und führte sie von Sieg
    zu Sieg [207]. Dieser nationale Aufschwung der deutschen Bürger ist für Hitler sehr
    nützlich als er begann den Krieg vorzubereiten.
    Beim feierlichen Abschluss der Olympiade sagte der Ehrenpräsident des
    Internationale Olympische Komitee (IOK), Pierre de Coubertin, dem Hausherrn der
    136
    Olympiade viele gute Worte: „ … Gegenseitige Verständigung dämpft den blinden
    Hass. In diesem Sinne wird das Haus, das ich ein halbes Jahrhundert aufgebaut habe,
    gefestigt werden. Liebe Athleten, vergessen Sie nie die Flamme, die von der Sonne
    gezündet und vom Olymp [208] zu uns gekommen ist, um unsere Epoche zu
    erleuchten und zu erwärmen. Bewahrt sie mit ganzer Kraft tief in Eurem Herzen,
    damit sie auf der anderen Seite der Erde wieder erscheinen kann“ [209].
    Beschwerden über das Niveau der Organisation gab es nicht. HitlerDeutschland betrat selbstsicher die Bühne der Welt. Um Hitler zu verwöhnen,
    vollbrachten seine Beschützer ein weiteres Wunder. Es geschah das, was es in der
    ganzen olympischen Geschichte noch nie gab und mit hoher Wahrscheinlichkeit
    auch nie wieder passieren wird.
    Im Jahre 1936 fanden in Deutschland nicht nur die Olympischen
    Sommerspiele sondern auch die Olympischen Winterspiele statt.
    Die Winterspiele fanden vom 6. bis 16. Februar in Garmisch-Partenkirchen
    statt. Wie ist das möglich? Zwei Olympiaden in einem Jahr und im gleichen Land –
    das gab es noch nie. Es erweist sich, dass Hitler erneut Frankreich ausgespielt hat.
    Es hat die Winterspiele übernommen und plötzlich darauf verzichtet. Das IOK
    befand sich in einer schwierigen Lage und hat deshalb das Angebot von Hitler
    angenommen.
    Warum? „Weil er so gut die erste Olympiade durchgeführt hat“, sagen jene,
    die nicht wünschen, dass hinter diesen „seltsamen“ Fakten irgendeine politische
    Logik vermutet wird. Eine bequeme Erklärung, anders kann man das nicht sagen.
    Aber völlig falsch! Denn zuerst wurden die Winterspiele durchgeführt, die durch die
    Franzosen fast gescheitert sind, und danach die Sommerspiele. Woher nahm Hitler
    diese Selbstsicherheit? Er hatte noch keine Spiele durchgeführt und konnte nicht
    137
    beweisen, dass bei ihm alles gut klappt. Die Nürnberger Rassegesetze und alle
    möglichen Korrekturen und Verordnungen waren schon in Kraft getreten. Aber wen
    interessieren solche Kleinigkeiten, wenn es um die Vorbereitung eines neuen großen
    Überfalls auf Russland geht.
    Wie viel Mal konnte man Hitler aufhalten? Ich weiß es nicht, ich habe es nicht
    gezählt. Überlassen wir das den Historikern. Über irgendwas müssen sie ihre
    Dissertationen schreiben. Wir erinnern nur noch an eine Möglichkeit, den größten
    Verbrecher in der Geschichte der Menschheit aufzuhalten.
    Als Hitler für die Organisation des Bierputsches vor dem Gericht stand, erhielt
    sein Urteil neben der 5-jährigen Festungshaft noch die anschließende Ausweisung
    aus Deutschland. Auf wunderliche Art und Weise „vergaßen“ die Richter diese
    Ausweisung im Gerichtsurteil zu fixieren, obwohl das im „Gesetz über den Schutz
    der Republik“ genauso vorgeschrieben war [210]. Wenn der „Gefangene seines
    Gewissens“ ausgewiesen worden wäre, dann hätte die Weltgeschichte mit hoher
    Wahrscheinlichkeit einen anderen Verlauf genommen. In diesem Fall wäre Hitler
    überhaupt nicht mehr auf deutsches Territorium gelangt.
    Denn er besaß die österreichische Staatsbürgerschaft.
    Tatsächlich war der Führer der NSDAP ein Gastarbeiter. Er kam nach
    Deutschland und arbeitete dort als Leiter der nationalsozialistischen Partei, nicht als
    Straßenkehrer und nicht als Maler. Am Wesen dieser Tatsache änderte das nichts.
    Es hätte gereicht, den Österreicher Adolf Hitler nach Österreich auszuweisen und
    ihm die Einreise auf deutsches Territorium zu verbieten. Das ist alles! Dann müsste
    man einen neuen Führer suchen.
    Hitler hat das wunderbar verstanden. Für ihn war das schon die zweite
    Möglichkeit, an einem Personalausweis zu „scheitern“. Das erste Mal stellte der
    bayrische Innenminister, Franz Haver Schweyer, die Frage der Ausweisung des
    unruhigen Österreichers 1922 auf die Tagesordnung. Auch diesmal auf die
    „Prinzipien der Freiheit und Demokratie“ verweisend, gelang es Hitler mit
    Unterstützung des Sozialdemokraten, Erhard Auer (Vorsitzender der SPD und
    Vizepräsident des bayrischen Landtags, Anm. d. Übers.), den Vorschlag von
    Schweyer abzuschmettern [211].
    War dieser Sozialdemokrat und Menschenrechtler noch bei Trost? Ist er völlig
    verrückt geworden? Hatte er vielleicht Angst vor einem internationalen Skandal
    [212]? Nein, das ist alles nicht richtig. Erinnern wir uns an die undurchsichtige
    Geschichte der deutschen Revolution im Jahre 1918, an den Friedensvertrag von
    Versailles, der eher eine Kapitulation war und an das Wahlchaos bis zum Sieg der
    Nazis. Das alles war das Werk der Sozialdemokraten. Das waren keine Fehler,
    sondern Anweisungen des britischen Geheimdienstes. Es gab auch die Anweisung
    dem Herrn Hitler zu helfen, im „Vaterland“ zu bleiben. Wer wird der Führer
    Deutschlands, wenn er ausgewiesen wird und wer überfällt dann Russland? Wer
    erteilt den Befehl, die Juden in den Konzentrationslagern zu vergasen? Wer
    138
    vernichtet zig Millionen „minderwertige Slaven“ und macht aus Leningrad einen
    künstlichen See? Solch eine nützliche Politik muss geschützt und mit allen Mitteln
    unterstützt werden. Die Sozialdemokraten helfen demjenigen, der sie nach 11 Jahren
    zur „Umerziehung“ in die Konzentrationslager steckt [213].
    Weitere Risiken wollte der Gastarbeiter Adolf Hitler nicht eingehen. Deshalb
    verzichtet er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahre 1925 auf seine
    österreichische Staatsbürgerschaft. Danach wurde die Situation noch interessanter.
    Bis zum Jahre 1932 war Hitler eine Person ohne Staatsbürgerschaft
    [214]!
    Genau aus diesem Grund wird der Führer nicht sofort Abgeordneter der
    Nazifraktion im Reichstag.
    Inwieweit konnte man Hitler aufhalten? Das war sehr einfach zu machen: Der
    Nichtbürger Deutschlands darf nicht für den Posten als Kanzler und Präsident
    kandidieren.
    Wenn Hitler keine deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hätte, dann
    hätte er das Deutsche Reich auch nicht führen können!
    Ob ein staatenloser Bürger die Staatsbürgerschaft bekommt oder nicht liegt
    allein in der Kompetenz des Staates und seiner Machtstrukturen. Dieser Prozess
    kann gebremst oder vollständig gestoppt werden. Die Gründe für eine Verzögerung
    oder Ablehnung können immer im Inneren des bürokratischen Systems gesucht
    werden. Streng genommen, gibt es schwerwiegende Gründe für eine Ablehnung:
    Der Anwärter wurde für schuldig befunden, den Versuch eines Staatsstreiches
    organisiert und unternommen zu haben.
    Aber am 22. Februar 1932, d.h. am Vorabend seines Machtantritts, erhielt der
    139
    Führer die ersehnte Staatsbürgerschaft [215]. Nicht früher und nicht später. Genau
    im richtigen Moment …
    140
    Weshalb schenkten London und Paris Hitler Wien und Prag?
    „Staatsgrenzen werden durch Menschen geschaffen und durch
    Menschen geändert“ (Seite 740)
    Adolf Hitler (* 20. 04.1889, † 30.04.1945)
    „Die Diplomatie, bei aller Bedingtheit seiner Form, erkennt nur
    reale Fakten an“
    Charles de Gaulle (* 22. 11.1890, † 09.11.1970)
    Triumph auf Triumph – nur so können wir die Ergebnisse der Tätigkeit Hitlers
    beschreiben. Er löste alle gestellten Aufgaben erfolgreich: er stellte sich an die
    Spitze des Landes, er holte ohne Kampf die verlorenen Gebiete zurück, er erhielt
    von Großbritannien und Frankreich die Erlaubnis zur Wiederaufrüstung
    Deutschlands. Aber er musste noch eine Aufgabe lösen – Deutschland muss die
    UdSSR angreifen. Für diesen Überfall brauchte das starke und selbstbewusste
    Deutschland eine militärische Aufmarschbasis, d.h. einen Platzdarm. Ohne diesen
    war ein militärischer Angriff auf Russland nicht möglich. Wichtig war nicht die
    Anzahl der Panzer und Flugzeuge, nicht die Frage, ob sie neu oder alt sind, sondern
    die Frage einer gemeinsamen Grenze mit der UdSSR. Raketen und ÜberschallFlugzeuge gab es damals noch nicht, deshalb mussten die deutschen Truppen in alter
    Manier an der Grenze herangeführt werden. Aber wie, wenn zwischen dem 3.
    Deutschen Reich und der Sowjetunion noch die Gebiete anderer Länder liegen?
    Ohne Zweifel, eine schwierige Aufgabe. Eine Lösung wurde jedoch schnell
    gefunden. Es musste alles getan werden, damit die Pufferstaaten zwischen
    Deutschland und der UdSSR als selbständige Staaten verschwanden. Mit dieser
    Frage beschäftigten sich die besten Diplomaten von Großbritannien und Frankreich.
    Um die Logik der weiteren Ereignisse zu begreifen, müssen wir die Landkarte
    von Europa in die Hand nehmen. Welche Staaten trennen die Territorien des
    künftigen Aggressors von seinem Opfer? Auf der Grundlage dieser Betrachtung ist
    es sehr leicht, die nächsten Schritte des deutschen Führers vorauszusagen. Solange
    sich die deutsche Kriegsmaschinerie in Richtung der russischen Grenze bewegt, sind
    loyale Beziehungen seitens der britischen und französischen Diplomatie Hitler
    garantiert. Im Falle des Saar- und Rheinlandes vereinnahmte Hitler ehemalige
    Gebiete des Kaiserreiches. Dafür erhielt Hitler praktisch einen „Ablassbrief“ der
    westlichen Politiker. Das bedeutet, die Deutschen holen sich „ihr“ Land zurück, und
    wir verschließen die Augen vor dieser Tatsache.
    Dann veränderte sich jedoch die Situation. Das erste echte „internationale“
    Opfer Hitlers wurde Österreich. Der Grund war nicht die Tatsache, dass dieses Land
    141
    die Heimat von Adolf Schicklgruber war, in dem er aufwuchs und sich zum
    künftigen deutschen Führer entwickelte. Entscheidend dafür war nicht die ethnische
    Nähe der Deutschen von Deutschland und der Deutschen von Österreich. Diese
    Frage zu klären, überlassen wir besser den Philologen und Ethnographen.
    Entscheidend ist vielmehr die Tatsache, dass Hitler erstmals durch Erpressung und
    Einsatz militärischer Kräfte den Kanzler des unabhängigen österreichischen Staates
    zwang, einen Anschlussvertrag mit Deutschland zu unterschreiben.
    Am 12. Februar 1938 wurde der österreichische Kanzler, Kurt von
    Schuschnigg von Hitler nach Berchtesgaden (Landhaus am Obersalzberg, Anm. d.
    Übers.) gerufen. Der Führer erklärte ihm sofort: „Österreich stehe allein, weder
    Frankreich noch Großbritannien noch Italien würden zu seiner Rettung auch nur
    einen Finger rühren“ [216]. Nach diesem „fruchtbaren“ Gespräch und dem
    Erpressungsversuch kehrte Schuschnigg, ohne den Vertrag mit Deutschland zu
    unterschreiben, unverzüglich nach Wien zurück. Das Einzige, was er dem Druck
    Deutschlands entgegenstellen konnte, war die Veröffentlichung der Drohungen
    Adolf Hitlers. Eine harte Reaktion der Weltgemeinschaft, würde Hitler nicht
    erlauben, den Staat Österreich zu schlucken.
    142
    Kurt von Schuschnigg hatte die Hoffnung, dass die „zivilisierte Menschheit“
    sein Land schützen wird. Denn vor kurzem waren die Positionen von Großbritannien
    und Frankreich in der österreichischen Frage noch hart wie Stein. Mit allen Mitteln
    bemühten sie sich, einen vereinigten deutschen Staat in Europa zu verhindern.
    Als das Imperium der Habsburger Nationalversammlung zerfiel, hat die
    Versammlung des neuen demokratischen Österreichs einen Beschluss über die
    Wiedervereinigung mit dem neuen demokratischen Deutschland angenommen.
    Alles demokratisch und „in voller Übereinstimmung mit der geltenden
    Gesetzgebung“. Den Ländern der Entente haben jedoch die Anstrengungen ihrer
    ehemaligen Gegner nicht gefallen. Sie haben deshalb alles getan, damit der Wille
    der Nationalversammlung Österreichs nur auf dem Papier blieb und nicht umgesetzt
    wurde. Außerdem fixierten sie noch folgendes Verbot einer Vereinigung von
    Deutschland mit seinem Nachbarn in der Versailler Vertrag: „Deutschland erkennt
    die Unabhängigkeit Österreichs … an und verpflichtet sich, sie unbedingt zu achten;
    es erkennt an, dass diese Unabhängigkeit unabänderlich ist, es sei denn, dass der Rat
    des Völkerbundes einer Abänderung zustimmt [217]“. Aus Sicherheitsgründen
    wurde ein ähnliches Verbot auch im Vertrag von Saint-Germain fixiert, der
    zwischen den Siegermächten und Österreich abgeschlossen wurde: „ Die
    Unabhängigkeit Österreichs ist unabänderlich … Daher übernimmt Österreich die
    Verpflichtung, sich … jeder Handlung zu enthalten, die mittelbar oder unmittelbar
    … seine Unabhängigkeit gefährden könnte [218]“.
    143
    Die Sieger des Ersten Weltkrieges haben große Territorien von Deutschland „abgeschnitten“. So viele, dass es in seiner „Weimarer Größe“ nicht die UdSSR überfallen konnte.
    Deshalb musste der Westen „Angst haben“, dass sich Hitler alle diese Gebiet zurückholt.
    Mit einem Wort, sowohl Großbritannien als auch Frankreich waren Gegner
    einer deutschen Vereinigung. Aber nur bis zur Machtübernahme von Adolf Hitler in
    Deutschland!
    Stellen wir einige Daten zusammen:
  • Neben dem Vertrag von Versailles und dem Vertrag von Saint-Germain war
    auch das Genfer Protokoll, das unter dem Druck der Entente im Oktober 1922
    unterschrieben wurde, gegen eine Annäherung von Wien und Berlin. Es
    verpflichtete die Österreicher keinerlei Verträge mit Deutschland
    abzuschließen [219].
  • Am 28. August 1931 traf die Kammer des Ständigen Internationalen
    Gerichtshofes in Den Haag die Entscheidung, dass die vorgesehene Zollunion
    zwischen Deutschland und Österreich dem Genfer Protokoll widerspricht,
    d.h. nicht rechtskräftig ist.
  • Am 15. Juli 1932 wurde Österreich in Übereinstimmung mit dem Genfer
    Protokoll versprochen, dass es einen großen Finanzkredit erhält, wenn es von
    einem Anschluss an Deutschland bis zum Jahre 1952 Abstand nimmt.
    144
    Als Hitler in Deutschland das Ruder übernahm, änderte sich die Position von
    Großbritannien und Frankreich um 180°. Mit dieser neuen Position sah sich der
    österreichische Kanzler, Kurt von Schuschnigg, konfrontiert. Gründe für eine harte
    Position des Westens gab es: Der deutsche Führer hat sich erlaubt, dem Oberhaupt
    eines benachbarten Staates zu drohen und damit den unterzeichneten Vertrag
    zwischen Österreich und Deutschland verletzt. Die Diplomatie der westlichen
    Mächte hat jedoch geschwiegen. Österreich und sein Kanzler wurden im Stich
    gelassen.
    Das Abkommen vom 11. Juli 1936 zwischen Österreich und Deutschland
    sicherte die gegenseitige Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten und die
    Unabhängigkeit als „zweiter deutscher Staat“ zu. Um sein Land nicht an Hitler zu
    „übergeben“, bereitete Schuschnigg einen Beschluss über die Restaurierung der
    Habsburger Macht vor. Aber den Briten und Franzosen wollten keine
    Wiederherstellung der Habsburger Dynastie, sondern eine Stärkung von
    Deutschland. Deshalb genoss der Beschlussentwurf von Schuschnigg nicht „die
    Unterstützung der europäischen Mächte“. Für den Hass auf die Nazis hatte der
    österreichische Kanzler schwerwiegende Gründe. Noch vor der Unterzeichnung des
    Vertrages mit Deutschland geriet seine Ehefrau mit dem Auto in einen rätselhaften
    Verkehrsunfall. Sie und ihr Chauffeur kamen ums Leben. Allein die Tatsache, dass
    die Frau des Kanzlers seine Aktentasche mit Dokumenten bei sich hatte, die Hitler
    schwer belasteten, machte diesen Vorfall sehr verdächtig. Die Aktentasche ist bei
    dem Unfall verschwunden.
    Die Haltung des österreichischen Kanzlers, Kurt von Schuschnigg, ist auf jeden
    Fall zu respektieren: Er leistete hartnäckigen Widerstand. So legte er ein
    Referendum fest, das am Sonntag, den 13. März 1938, stattfinden sollte. Eine
    negative Antwort auf die Frage einer Vereinigung mit Deutschland wäre für die
    Weltgemeinschaft ein legaler Vorwand gewesen, die Okkupation von Österreich
    durch Hitler nicht zu erlauben. Die hektischen Aktivitäten des Führers sollten
    deshalb für einige Tage gestoppt werden. In Berlin wurde jedoch die Gefahr einer
    solchen Entwicklung der Ereignisse erkannt und deshalb Schuschnigg schon am
    nächsten Tag folgendes Ultimatum gestellt: Die Volksbefragung ist abzusagen und
    der Kanzler Schuschnigg muss unverzüglich zurücktreten.
    Im Jahre 1938 gab Deutschland 52% aller Staatsausgaben, d.h. 17% des
    Bruttoinlandsproduktes für die Rüstung aus (siehe Bullock, A. „Hitler und Stalin“
    (russ.), Smolensk 1994, Bd. 1, Seite 155). Im Vergleich: Die Militärausgaben der
    Russischen Föderation – so erklärte in einem Interview B. B. Putin – dürfen 2,7%
    des Bruttoinlandsproduktes nicht überschreiten.
    Warum hatte Hitler vor der österreichischen Volksabstimmung Angst?
    Glaubte er nicht, dass die Mehrheit der Österreicher Bürger des 3. Reiches werden
    wollen? Wahrscheinlich glaubte er das nicht. In jedem Fall wusste der Nazi-Führer
    145
    ganz genau, wie die erforderlichen Ergebnisse einer Wahl erreicht werden. Wenn
    die österreichische Macht die Wahlergebnisse „korrigiert“, dann ist die weitere
    Existenz des Hitler-Staates äußerst kompliziert. Der Westen wird Deutschland nur
    dann unterstützen, wenn es sich in die gewünschte Richtung bewegt [220]. Die
    vorgegebene Richtung – das ist der Osten. Die vorgegebene Aufgabe – das ist die
    Verwicklung von Russland in einen Krieg. Deshalb erfolgte ein hysterisches
    Ultimatum nach dem anderen.
    Wurde die Situation in London und Paris richtig verstanden? Ja, sie haben
    alles verstanden und deshalb geschwiegen. Dreimal hat Berlin seinen Befehl
    wiederholt. Am 11. März 1938 erhielt Schuschnigg das letzte Ultimatum von Hitler:
    „Ich beabsichtige, wenn andere Mittel nicht zum Ziel führen, mit bewaffneten
    Kräften in Österreich einzurücken“. Ohne irgendeine diplomatische Unterstützung
    von den Weltmächten zu erhalten, teilte der österreichische Kanzler über die
    Radiosender seinem Volk mit, dass er zur Vermeidung eines Blutvergießens von
    seinem Posten zurücktritt. Den Posten des neuen Regierungschefs übernahm der
    Nationalsozialist Seyß-Inquart, der sich sofort an Hitler wandte und um Hilfe gegen
    die Unruhen der „Linken“ bat. In den Morgenstunden des 12. März 1938
    marschierten deutschen Truppen in Österreich ein [221].
    Das Referendum war bereits beschlossen, deshalb erklärte Hitler, dass es auf
    jeden Fall etwas später stattfinden wird. Für die Vorbereitung der Willensbekundung
    kamen aus Berlin nach Wien drei Bevollmächtigte. Die Hauptspezialisten für die
    Organisation der demokratischen Prozedur waren der Reichsführer der SS, Heinrich
    Himmler, der Chef des Sicherheitsdienstes, Reinhard Heydrich, und der
    146
    Obergruppenführer der SS und Generaloberst der Polizei, Kurt Daluege. Mit so
    einem einheitlichen Kommando konnte Hitler ganz gelassen den Ausgang der
    Volksbefragung abwarten. Außerdem wurde festgelegt, dass die Volksbefragung auf
    dem gesamten Territorium des 3. Reiches stattfinden wird.
    Die SS-Leute begannen auf dem Gebiet von Österreich mit der Jagd auf die
    Juden, ihren grausamen Unterdrückungsapparat sofort in Gang zu setzen. Nach
    Wien kam noch eine bekannte Persönlichkeit der SS – Adolf Eichmann. Seine
    Aufgabe bestand darin, mit beliebigen Mitteln, die jüdischen Bürger in Österreich
    zur Emigration zu zwingen.
    Alles was bereits schon in Deutschland erprobt worden war, wurde zur
    Realität auf den Straßen der österreichischen Städte: Die Verhöhnung, Beleidigung,
    147
    Verprügelung und Ermordung der Juden. Von der Weltgemeinschaft wurde dies –
    wie auch zuvor in Deutschland – einfach „nicht wahrgenommen“.
    Das Jahr 1938 ist „reichlich“ geprägt von antijüdischen Aktionen im 3. Reich.
    Am 16. Juli wurde den Mitarbeitern der Sicherheitsorgane verboten, in jüdischen
    Hotels und Pensionen zu übernachten; am 23. Juli wurden alle Juden verpflichtet,
    ihren Personalausweis ständig bei sich zu tragen; am 27. Juli wurde beschlossen, alle
    Straßennamen umzubenennen, die einen jüdischen Namen tragen; am 7. August
    wurde der Befehl erteilt, dass es allen Juden ab 1. Januar 1939 verboten ist, ihren
    Kindern „typische deutsche Vornamen“, allen jüdischen Jungen der zusätzliche
    Name „Israel“ und allen jüdischen Mädchen der zusätzliche Name „Sara“ zu geben
    ist; am 31 August wurden für alle Juden Post-Beschränkungen eingeführt (auf der
    Rückseite aller Briefumschläge für die Deutschen wurde der Hinweis „Nicht für
    Juden!“ aufgedruckt); am 11. November wurde allen jüdischen Kinder die
    Teilnahme am Unterricht in deutschen Schulen untersagt. Die „Weltgemeinschaft“
    hat auch diese Schikanen „nicht bemerkt“… bzw. nicht zur Kenntnis genommen.
    Der Präsident der USA, Franklin Delano Roosevelt, hat sich auf einem
    Treffen mit Journalisten geweigert, die Ereignisse in Österreich zu kommentieren.
    Der Finanzminister von Großbritannien, Lord John Simon, erklärte, dass sein Land
    niemals spezielle Garantien für die Unabhängigkeit Österreichs gegeben hat. Alle
    Hindernisse, die Großbritannien gegen die Einheit der Deutschen und Österreicher
    148
    gebastelt hatte, waren damit gegenstandslos. Am 14. Januar 1939 diskutierte das
    britische Unterhaus die Vereinigung von Österreich mit Deutschland. Der
    Premierminister von Großbritannien, Arthur Neville Chamberlain, informierte das
    Parlament darüber, dass die britischen und französischen Botschafter der deutschen
    Regierung eine Protestnote anlässlich der Vergewaltigung Österreichs geschickt
    haben. Es ist wichtig zu wissen, dass der deutsche Außenminister sich geweigert hat,
    diese Protestnote anzunehmen. Was geschah dann? Aufrufe zum Boykott, zur
    Mobilisierung? Nein!
    Nach zwei Wochen, d.h. am 2. April 1938, wurde die Annexion von
    Österreich durch Deutschland von der britischen Regierung formal anerkannt.
    Als einziges Land der Welt legte Mexiko beim Völkerbund in Genf gegen
    den „Anschluss“ Österreichs an das 3. Deutsche Reich am 19. März 1938
    offiziellen Protest ein (Anm. d. Übers.).
    Die Reaktion der französischen Regierung war noch weniger beeindruckend.
    Es erweist sich, dass sie genau am 11. März abgelöst wurde. So ein Zufall! Die alte
    Regierung hat es „nicht mehr“ geschafft, die neue [222] – war „noch nicht“ bereit
    die Handlungen Deutschlands zu verurteilen. Denn sie existierte nur drei Wochen.
    Der nachfolgenden Regierung blieb es – der Entscheidung Großbritanniens folgend
  • nur übrig, die neue Situation in Europa anzuerkennen … [223].
    149
    Der Auftritt der Nazi-Truppen in Wien war bei weitem nicht so triumphal, wie
    ihn die Propaganda Hitlers darstellte. Die Kolonnen der „drohenden“ deutschen
    Panzer fuhren sich auf den Straßen der Hauptstadt fest. Sie fuhren weder auf
    unbefestigten Straßen noch unter dem Feuer von Panzerabwehrkanonen, sondern auf
    einer ausgezeichneten Chaussee. „Trotz eines ausgezeichneten Wetters und guter
    Bedingungen, sind viele Panzer auf Grund technischer Mängel ausgefallen.
    Erhebliche Defekte hatte auch die schwere motorisierte Artillerie zu verzeichnen.
    Die Straßen von Linz bis nach Wien waren durch den Ausfall der schweren Technik
    völlig verstopft“ [224], schreibt mit einer gewissen Boshaftigkeit W. Churchill.
    Ein triumphaler Auftritt in Wien ist Hitler nicht gelungen. Trotz des
    Anschlusses seiner Heimat an das Reich war seine Stimmung getrübt. Auf dem
    Wege von Linz nach Wien [225] sah er die defekten Panzer, Schützenpanzerwagen
    und Geschütze. Für den rechtzeitigen Auftritt der deutschen Truppen in Wien
    mussten enorme Anstrengungen unternommen werden.
    Im Zusammenhang mit der Annexion von Österreich muss unbedingt die
    große Rolle von Mussolini erwähnt werden. Als Siegermacht war Italien ein
    wichtiger Garant der österreichischen Neutralität und Souveränität. Die Gründe
    dafür sind verständlich: In Übereinstimmung mit § 36 des Vertrages von SaintGermain hat Italien vom ehemaligen Imperium Österreich-Ungarn große Gebiete
    übernommen. Natürlich war Italien – wie kein anderes Land – an seiner Souveränität
    sehr interessiert.
    Benito Mussolini protestierte nicht gegen den Anschluss Österreichs, nicht weil er Hitler
    und die Nazis liebte, sondern weil er sich dadurch politische Vorteile von Großbritannien und
    Frankreich versprach.
    Deshalb hoffte Wien auf die Unterstützung von Mussolini. Im Jahre 1934, als
    die Nazis in Österreich begannen sehr aktiv zu werden, hat Italien seine Truppen an
    die Grenze geworfen und gedroht, dass es eine deutsche Herrschaft in diesem Land
    150
    nicht zulässt. Im Jahre 1938, in der Zeit des Anschlusses, reagierte Italien jedoch
    überhaupt nicht. Obwohl ein formales Bündnis zwischen Berlin und Rom bestand,
    war das kein Grund für den Faschisten Mussolini, Hitler in allen Fragen
    einvernehmlich zu unterstützen [226, 227].
    Hitler dankte ihm mit den Worten „Sagen Sie dem Duce, dass ich ihm das
    niemals vergessen werde … Wenn er jemals Hilfe brauchen sollte oder wenn er in
    Gefahr kommt, dann kann er überzeugt sein – ich werde bei ihm sein, was auch
    geschieht, selbst wenn sich die ganze Welt gegen ihn wendet“ [228].
    Italien wurde für seine Unterstützung in der österreichischen Frage großzügig
    belohnt. Von wem? Von Großbritannien und Frankreich. Angespornt von den
    römischen Vorbildern des Mittelalters, wollte auch Mussolini ein neues Imperium
    schaffen. Der erste Test der Kräfte des faschistischen Staates Italien war der Überfall
    auf Äthiopien (früher Abessinien). Am 3. Oktober 1935 drangen italienische
    Streitkräfte in dieses Land ein.
    Die italienisch-äthiopischen Beziehungen haben eine lange Vorgeschichte.
    Schon vor dem Machtantritt Mussolinis (am 28. Oktober 1922) hat Italien versucht,
    dieses nicht sehr große afrikanische Land zu erobern. Alle Nachbarländer waren
    bereits besetzt und aufgeteilt, aber die christlichen Monarchen von Abessinien
    verteidigten mit Erfolg ihre Unabhängigkeit. Im Jahre1896 erlitt die italienische
    Armee in der Schlacht von Adua eine vernichtende Niederlage. An einem einzigen
    Tag verloren die Italiener 15.000 Soldaten (mehr als in allen afrikanischen Kriegen
    zusammengerechnet). Nach diesem Sieg erschien auf der politischen Weltkarte der
    neu gebildete Staat „Äthiopien“. Der Frieden hielt nur 29 Jahre. Ohne eine
    151
    Kriegserklärung marschieren am 4. Oktober 1935 italienische Truppen in Äthiopien
    ein und proklamierten dieses Land gemeinsam mit den bereits besetzten Kolonien
    Somalia und Eritrea zur Kolonie Italienisch-Ostafrika [229].
    Äthiopien forderte die Weltöffentlichkeit auf, internationale Sanktionen
    gegen Italien einzuleiten. Am 7. Oktober 1935 wurde Italien vom Rat des
    Völkerbundes als Aggressor bezeichnet. Irgendwelche spürbare Folgen für
    Mussolini hatte das nicht, weil die eingeführten „Sanktionen“ den Krieg in keiner
    Weise behinderten. Ernsthafte Aktionen, wie Abbruch der Beziehungen oder
    militärischer Druck, folgten dieser „Verurteilung“ nicht. Sicher nicht nur zufällig
    finden sich im Protokoll des Völkerbundes keine Lieferverbote für Erdöl, Eisenerz
    und Kohle. Die USA und Deutschland waren keine Mitglieder des Völkerbundes
    und brauchten deshalb die Sanktionen nicht zu beachten. In der Zeit von 1935 bis
    1936 erhöhten die Vereinigten Staaten von Amerika sehr stark ihre Öllieferungen an
    Italien, die britische Regierung lehnt den Vorschlag einer Seeblockade und einer
    Sperrung des Suezkanales ab [230].
    Die italienischen Verbände bombardierten
    gezielt Lazarette des Roten Kreuzes und
    des Roten Halbmondes (zur Vermeidung
    versehentlicher Angriffe wurden Rom noch
    vor Kriegsbeginn entsprechende Karten der
    Hospitäler übergeben).
    Die Kräfte waren sehr ungleich, aber die bewaffneten Äthiopier leisteten
    hartnäckig Widerstand. Die italienische Armee setzte gegen die friedliche
    Bevölkerung Giftgase ein. Anstatt diese Grausamkeit zu verurteilen, nahm
    Großbritannien eine äußerst seltsame Position ein: Es verstärkte nicht die
    Sanktionen, sondern kämpfte für ihre völlige Aufhebung. Am 18. Juli 1936 trat der
    Außenminister, Anthony Eden, im Unterhaus auf und erklärte, dass die gegen Italien
    eingeleiteten Sanktionen nicht das Ergebnis zeigen, das von ihnen erwartet wurde.
    Wie wir uns schon mehrmals überzeugen konnten, ist London der „Gesetzgeber“
    politischer Ansichten in der ganzen Welt. Schon am 4. Juli 1936, nach der
    Okkupation der Hautstadt Äthiopiens, Addis Abeba, durch die Italiener verzichtete
    der Völkerbund auf die weitere Anwendung von Sanktionen.
    152
    Die „zivilisierte Welt“ nahm das Massaker am Aschangi-See am 3. April 1935
    praktisch „nicht zur Kenntnis“: 140 Flugzeuge warfen chemische Bomben auf die
    friedliche Bevölkerung. Niemand interessierte die Verbrechen Japans, das China
    überfallen hat. Ohne auf die schrecklichen Einzelheiten näher einzugehen, nennen
    wir an dieser Stelle nur zwei aussagekräftige Fakten. Bei der Belagerung von
    Shanghai wurde die friedliche Bevölkerung von den Japanern förmlich
    abgeschlachtet. Ein Zeitzeuge berichtet über dieses Massaker mit den Worten: Aus
    einem Gebiet von 4,5 km2 ist keiner mit dem Leben davongekommen. Bei der
    Einnahme von Nanking ermordeten die Japaner 200 tausend Menschen – jeden
    zweiten Einwohner der Stadt [231].
    Was hat die Eroberung von Äthiopien mit dem Anschluss von Österreich zu
    tun? Beide Ereignisse sind unmittelbar miteinander verknüpft. Die angepasste
    Position von Mussolini, die es Hitler erlaubte, seinen Nachbarn zu schlucken, wurde
    unverzüglich honoriert. Am 12. März 1938 verstopften deutsche Panzer alle Straßen
    nach Wien, am 16. April 1938 wurde in Rom klammheimlich eine britischitalienische Vereinbarung unterschrieben. Großbritannien und Italien verpflichten
    sich in diesem Dokument, „gutnachbarliche Beziehungen“ herzustellen. Und das
    aller Wichtigste: Großbritannien erkennt die Annexion von Äthiopien durch Italien
    an. De facto tauschten die Gentlemen Addis-Abeba und Wien.
    In der Liste der europäischen Hauptstädte, die dem Führer offen „übergeben“
    wurden, muss der Richtigkeit halber auch die spanische Stadt Madrid eingetragen
    werden. Hitler, der in hektischer Eile eine neue gewaltige Armee aufbaut hat,
    brauchte einen großen Truppenübungsplatz für die Erprobung der neuen
    Kriegstechnik, für die Ausbildung seiner Offiziere usw. Ein solcher Übungsplatz
    wurde für ihn geschaffen.
    Der spanische Krieg ist in unserem Land hinreichend bekannt, weil die
    UdSSR an ihm aktiv teilnahm. Der wahre Sinn und Hintergrund für die Auslösung
    dieses Konfliktes wurde jedoch von den sowjetischen Historikern verzerrt
    dargestellt. Der eigentliche Sinn des Bürgerkrieges in Spanien war nicht der Kampf
    zwischen Kommunismus und Faschismus. Es war die Generalprobe für den
    künftigen totalen Krieg zwischen der UdSSR und Deutschland. Dabei haben
    Großbritannien und Frankreich – mit dem Feigenblatt einer so genannten Neutralität
    bedeckt – nur der einen Seite des Konfliktes geholfen, den Aufständischen des
    Generals Franco. In keinem Fall der gesetzlich gewählten Regierung Spaniens. Die
    Hilfe der „Demokratie“ für die spanischen Faschisten erfolgte nicht nur indirekt,
    sondern auch völlig offen. Nur die Historiker lieben es nicht, darüber zu schreiben.
    153
    Es ist völlig klar, dass die Londoner Gentlemen weder ein besonderes
    Interesse an General Franco noch an seinen Ideen hatten. Der Sieg der Faschisten
    im spanischen Bürgerkrieg erlaubte es jedoch der britischen Diplomatie, sofort
    folgende äußerst wichtigen Aufgaben zu lösen:
  • Hitler und Mussolini erhielten die Möglichkeit richtig zu kämpfen und zu
    siegen, ihre Kräfte zu messen, ihre Armee und Kampftechnik im praktischen
    Einsatz zu testen.
  • Im Falle eines Sieges erhielten die künftigen Aggressoren eine wichtige
    Rohstoffbasis [232].
  • Der Welt wurde bewiesen, dass die Hauptaufgabe der Nazi-Ideologie, der
    Kampf gegen den Kommunismus und seine Vernichtung ist.
    Der Putsch gegen die spanische Regierung begann am Abend des 17. Juni
    1936 im spanischen Marokko auf den kanarischen und balearischen Inseln. Am 18.
    Juni teilte die Radiostation Ceuta mit, dass „Über ganz Spanien wolkenloser
    Himmel“ sei. Das war die vereinbarte Parole für den Beginn des Militärputsches in
    Spanien. Nach dieser Mitteilung rebellierte das Militär in Spanien. Die
    Hauptkontingente der Putschisten befanden sich in Afrika. Hermann Göring,
    formulierte das Problem in folgender Aussage auf dem Nürnberger Tribunal:
    „Franco wandte sich an Deutschland mit der Bitte um Hilfe. Er brauchte
    Luftunterstützung. Gemeinsam mit seinen Truppen befand er sich in Afrika … er
    konnte sich nicht bewegen, weil sich die Flotte in den Händen der Kommunisten
    154
    befand. … der kriegsentscheidende Faktor war die Landung seiner Truppen in
    Spanien [233] …“.
    Es entstand eine gefährliche Situation: Ohne die afrikanische Armee von
    Franco in Spanien, konnte der Putsch scheitern. Hitler entschied sich zu helfen.
    Schon nach wenigen Tagen landeten in Spanien zwei deutsche Luftgeschwader, in
    Marokko – viele deutsche Transportflugzeuge.
    Dank der Hilfe von Adolf Hitler gelangten die marokkanischen Truppen nach
    Spanien.
    Wie reagierte die internationale Gemeinschaft auf die Einmischung eines
    dritten Landes in die inneren Angelegenheiten von Spanien? Wie reagierte sie auf
    die Unterstützung der Putschisten gegen die gesetzlich gewählte Regierung? Mit
    Sanktionen, Boykotts und Protesten? Einen Monat vor dem Beginn der Olympiade
    in Berlin – einem äußerst wichtigen Ereignis für das Naziregime – mischt sich Hitler
    in den spanischen Bürgerkrieg ein? Sind das keine schwerwiegenden Argumente für
    einen Boykott der Olympiade?
    Warum lässt sich Hitler auf ein derartiges Risiko ein? Weil er weiß, dass das
  • Reich, solange es in Übereinstimmung mit den Vereinbarungen seiner britischen
    Partner handelt, bei ihnen aller größtes Wohlwollen genießt.
    Die Hilfe der Nazis beschränkte sich nicht nur auf den Transport der
    spanischen Putschisten. Am 31. Juli 1936 teilte die englische Zeitung „Daily Herald“
    mit, dass von Hamburg 28 Flugzeuge mit Bomben und Munition, aber auch andere
    Kampfmittel nach Spanien geschickt worden sind. So bleibt es während des
    gesamten Krieges: Deutschland und Italien übernehmen die Versorgung der FrancoPutschisten.
    Bei der Versorgung der Republikaner entstanden ernsthafte Probleme. Denn
    Großbritannien und Frankreich erklären ihre politische „Nichteinmischung“ in die
    155
    inneren Angelegenheiten Spaniens. Schon am 25. Juli, d.h. eine Woche nach dem
    Beginn des Putsches, fasste die französische Regierung den Beschluss,
    Waffenexporte nach Spanien zu verbieten. Die britische Regierung unterstützte
    diese Entscheidung. Die Neutralität der Franzosen war so konsequent, dass sie sogar
    die Lieferung von Flugzeugen und Waffen verboten, die lange Zeit vor dem Putsch
    und den Beschlüssen von der spanischen Regierung bestellt und bezahlt worden
    waren!
    „Warum sollen unsere Bestellungen in Frankreich vor dem 18. Juli nur
    deshalb nicht erfüllt werden, weil Verschwörer uns überfallen haben?“, wunderte
    sich der damalige spanische Ministerpräsident. Eine Antwort Frankreichs erfolgte
    nicht. Alle Proteste und Forderungen der Republik Spanien verhallten, wie der Ruf
    in der Wüste. Bis zum September 1936. Denn zu diesem Zeitpunkt beginnt in Berlin
    die Olympiade. Hitler tut alles, um das Ansehen des 3. Reiches nicht zu gefährden.
    Die rot gekennzeichneten Gebiete bilden das Territorium der republikanischen Regierung, die grau
    gekennzeichneten – des spanischen Putschisten General Francisco Franco im Jahre 1936 und 1939.
    Nicht uninteressant ist auch folgendes Detail: Die Anhänger des Boykotts der
    Berliner Olympiade schlagen als Alternative vor, die Sommerspiele in Spanien, d.h.
    in der Stadt Barcelona, durchzuführen. Dieser Vorschlag entpuppte sich als Finte,
    denn in diesem Land begann der seit langem vorbereitete Bürgerkrieg. Um dem
    „teuren“ Führer seine Olympiade abzusichern, wurde den Gegnern der Berliner
    Olympiade diese Alternative zugespielt, wohlwissend, dass ihre Realisierung
    unmöglich ist.
    Nachdem die olympischen Kämpfe beendet waren, änderte sich die Situation
    schlagartig. Am 9. September 1936 begann im britischen Außenministerium das
    Internationale Komitee für Nichteinmischung in die Angelegenheiten Spaniens zu
    arbeiten. Im Wesentlichen bestand seine Tätigkeit darin, unter dem Vorwand einer
    so genannten Neutralität, jegliche Hilfe für die Republikaner zu unterbinden.
    Außerdem wurde die UdSSR inspiriert Maßnahmen einzuleiten, die internationale
    Gesetze „verletzten“. Am 22. Oktober 1936 übergab der sowjetischen Botschafter
    156
    in London dem britischen Außenminister eine Note, in der vorgeschlagen wurde,
    das Recht der spanischen Regierung auf den Kauf von Waffen anzuerkennen und
    wieder herzustellen. Andernfalls – so heißt es in dieser Note – wird sich die
    sowjetische Regierung im gleichen Maße nicht an die Vereinbarung über die
    Nichteinmischung gebunden fühlen, wie auch die anderen Partner des Vertrages
    [234].
    Weil Deutschland und Italien sich erlauben Waffen nach Spanien zu liefern,
    wird die UdSSR dies ebenfalls tun. Das liegt genau im Interesse der Briten. Die
    Sowjetunion verwickelt sich in diesen Konflikt – jetzt ist es nur noch notwendig,
    dieser „Einmischung“ den notwendigen Anstrich zu geben. Ihr Leitmotiv lautet: Die
    „blutrünstigen“ Kommunisten wollen ihre Ordnung in Europa errichten! Deshalb
    veröffentlichen die Briten in ihrer kritischen Antwort auf unsere Note die Fälle, in
    denen die Verpflichtung zur Nichteinmischung nicht eingehalten wurde. Nach der
    Ansicht von Großbritannien gibt es dafür insgesamt vier Beispiele: Eine Verletzung
    durch Italien und drei – durch die Sowjetunion.
    Jetzt ist es höchste Zeit, folgende Frage zu beantworten: Warum hat sich die
    UdSSR in eine derart dreckige Geschichte verwickelt? Die Gründe dafür sind:
  • Für jede gelieferte militärische Ausrüstung zahlte die republikanische
    Regierung mit Gold. Kostenlos wurde Spanien nichts geliefert.
  • Das deutsche Militär erprobte in Spanien seine Panzer und Flugzeuge. Die
    gleiche Möglichkeit erhielten auch die sowjetischen Generäle.
  • Nur ein Blinder konnte nicht sehen, warum die Westmächte den deutschen
    Führer gezüchtet haben. Den Aggressor auf fremdem Territorium und mit
    fremden Händen aufzuhalten und zu vernichten, dass ist offensichtlich sehr
    verführerisch.
  • Die teilweise ideologische Übereinstimmung zwischen der UdSSR und dem
    republikanischen Spanien – das ist offensichtlich der allerletzte Grund.
    Da Hitler und Mussolini so dumm waren, sich in die spanische
    Angelegenheiten einzumischen, wäre es eine Sünde die Gelegenheit zu
    verpassen, sie mit fremden Händen zu verprügeln und noch Geld dafür zu
    bekommen!
    Die republikanische Regierung hatte keine Wahl. Sie hatte zwar Goldvorräte,
    aber dank der „Nichteinmischung“ niemanden, der ihr etwas verkaufen konnte. Die
    UdSSR unter Stalin war das einzige Land, in dem Spanien Waffen kaufen konnte.
    Es gab zwar noch die USA, aber im Jahre 1935 bestätigte auch der amerikanische
    Kongress den Akt über die „Neutralität“ [235]. Was bedeutet das? Das bedeutet,
    dass Spanien keine Waffen in den USA kaufen kann, aber Deutschland kann das.
    Deshalb erhalten die Republikaner keine amerikanischen Waffen, aber ihre Gegner
    versorgen sie damit reichlich über deutsche Firmen. Im Mai 1937 nahm der
    amerikanische Kongress ein neues Gesetz über die Neutralität an. Es erlaubte dem
    157
    Präsidenten des Landes militärische Ausrüstungen der kämpfenden Seite für Bargeld
    zu verkaufen, vorausgesetzt, dass die Ausfuhr mit eigenen Transportmitteln erfolgt.
    Was für ein Elend – die Republikaner hatten dafür keine Schiffe. Bei Franco – besser
    gesagt bei seinen deutschen Freunden – gab es diese Schiffe und die erforderlichen
    Valutamittel. Deshalb erhielte er amerikanische Waffen in großer Menge.
    Die Frage der Finanzierung des Spanienkrieges wird von den Historikern so
    gut wie gar nicht untersucht. Ausführlich wird uns erzählt, wie die „bösen“ Länder
    Deutschland und Italien dem Diktator Franco halfen, wie sie ihm Waffen und
    Kampftechnik zur Verfügung stellten. Es wird berichtet, wie ihm Hitler und
    Mussolini ganze Militäreinheiten schickten. Ohne Zweifel waren diese Aktionen mit
    großen finanziellen Aufwendungen verbunden. Die Unterhaltung der „Legion
    Condor“ mit 250 Flugzeugen, 180 Panzern und hunderten Panzerabwehrwaffen
    kostete nach eigenen Angaben den Nazis in der Zeit vom 7. November 1936 bis 31.
    Oktober 1938 mehr als 190 Mio. Reichsmark [236]. Einen besonders hohen
    Kostenfaktor im Militärhaushalt bilden die Kampfschiffe. Die Flotte der Putschisten
    wurde durch entsprechende Lieferungen aus Berlin und Rom aufgebaut [237]. Der
    gesamte finanzielle Aufwand für die Unterstützung von Franco durch Deutschland
    und Italien betrug nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 1 Mrd. Dollar [238].
    Womit hat General Franco diese großzügige Hilfe bezahlt? Woher hat er diese
    gewaltigen Geldbeträge genommen? Niemand gibt uns darauf eine Antwort. Die
    Historiker schweigen. Franco hatte derartige finanzielle Mittel nicht – die gesamten
    Goldvorräte befanden sich in den Händen der Republikaner.
    158
    Putschisten-General Franco: Ein Staatsstreich
    kostet viel Geld! Wer finanzierte Franco und
    seinen Militärputsch 1936? Im Artikel der
    baskultur.info wird der Versuch gemacht,
    die Quellen der Finanzierung des Putsches
    aufzudecken (siehe
    http://www.baskultur.info/index.php/geschic
    hte/krieg36/227-militaerputsch1936 ).
    Daraus folgt, dass Deutschland, das in dieser Zeit selbst mit kolossalen
    Militärausgaben belastet war, gewaltige Geldsummen einfach aus dem Fenster
    warf. Gleiches gilt auch für Italien. Irgendwelche Zinserträge nach dem Sieg von
    Franco erhielten sie nicht. Ihre strategischen Rohstoffe (Eisen, Kupfer, Blei,
    Wolfram, Zinn, Zink, Kobalt, …) werden nach wie vor an Deutschland und Italien
    verkauft. Verschenkt werden sie nicht! Auch politisch haben sie nichts gewonnen.
    Schon nach einigen Jahren weigert sich Franco, für seine „Freunde“ gegen
    Großbritannien, Frankreich und die UdSSR zu kämpfen [239].
    Er wird zum einzigen Diktator in Europa, der nicht nur den Zweiten Weltkrieg
    überlebt, sondern auch bis zu seinem Tode in Spanien an der Macht bleibt [240].
    Weder Hitler noch Mussolini hatten irgendwelche alte Rechnungen mit
    Franco zu begleichen, es gab auch keinerlei Beschimpfungen oder Beleidigungen
    gegen ihn. Warum? Weil die Rechnungen für den spanischen Krieg und für alle
    deutschen Waffenlieferungen an die Putschisten die gleichen geheimnisvollen
    Sponsoren der Nazis zahlten, die das „wirtschaftliche Wunder“ Adolf Hitlers in
    Deutschland finanzierten.
    Beweise über die „uneigennützige Hilfe“ für die Nazi-Wirtschaft können wir
    überall finden, wir müssen nur danach suchen. Nach der Annexion von Österreich
    durch Hitler entstand die Frage der Tilgung österreichischer Auslandsschulden in
    Großbritannien, Frankreich, in den USA und in anderen Ländern. Am 12. April
    1938 erklärte die britische Regierung, dass sie davon ausgeht, dass Deutschland die
    offenen Auslandsschulden von Österreich übernimmt. In ihrem Antwortschreiben
    erklärte die deutsche Regierung am 12. Mai 1938, dass es ihr nicht möglich ist, die
    Pflichten für die Deckung der finanziellen Auslandsschulden für Österreich zu
    übernehmen. Was für eine Antwort von der britischen Seite erhielt Berlin? Gar
    keine! London und alle anderen Hauptstädte der „friedliebenden“ Länder
    schwiegen und forderten kein Geld von Hitler.
    159
    Auch über die sowjetischen Lieferungen herrscht völlige Klarheit. Sie wurden
    bis zur letzten Kopeke bezahlt. Aber nicht von der Sowjetunion. Die Historiker
    liebten es, über große Kampagnen und Geldspenden für die spanischen Arbeiter zu
    berichten und darüber, dass sie für dieses Geld alles kauften, was die Republikaner
    brauchten. Das ist eine Lüge. Alle Lieferungen wurden von der spanischen Seite
    bezahlt. Weil sich, wie wir bereits berichtet haben, die gesamten Goldreserven in
    der Hand der rechtmäßigen Regierung befanden. Die Republikaner hatten keine
    Valutamittel, aber die Sowjetunion nahm sehr gern das Gold und lieferte alle Waren
    (Waffen, Munition, Medikamente u.v.a.m.) mit ihren eigenen Schiffen. Mit diesen
    Lieferungen kamen auch die Militärberater – ein unvermeidliches Übel jeder
    komplizierten Militärtechnik. Es reicht nicht Panzer und Flugzeuge zu besitzen, man
    muss es auch verstehen, sie richtig zu bedienen und zu nutzen. Die UdSSR schickte
    während des Krieges ca. 2.000 „Freiwillige“ [241] nach Spanien. Italien und
    Deutschland operierten mit ganz anderen Zahlen. Jeden Monat befanden sich 10 bis
    12 tausend Deutsche und 40 bis 45 tausend Italiener im Kampfeinsatz [242].
    Diejenigen, welche die UdSSR beschuldigen, den Versuch einer
    Weltrevolution unternommen zu haben, lieben es offensichtlich nicht, Zeitpunkte und
    Fakten richtig zuzuordnen. Dieses Durcheinander ist gewollt – denn sonst zerfallen
    ihre wackligen Behauptungen wie ein Kartenhaus. Es ist bekannt, dass Stalin einen
    erfolgreichen Transport organisiert und durchgeführt hat: In die UdSSR wurde ein
    sehr großer Teil der Goldreserven Spaniens – ungefähr 510 Tonnen – gebracht.
    Wenn das Datum nicht genannt wird, entsteht beim Leser der Eindruck, dass dies
    am Vorabend der republikanischen Niederlage geschah. Tatsächlich wurde das
    Gold jedoch sofort am Beginn des Bürgerkrieges außer Landes gebracht. Der
    Putsch begann am 17./18. Juli 1936 und Ende Oktober 1936 traf die wertvolle
    Fracht bereits in Odessa ein. Der Bürgerkrieg dauerte bis zum April 1939! Was
    160
    haben diese Termine und Fakten mit Ideologie zu tun? Das ist reinster
    Pragmatismus. Mit diesem Gold wurden nicht nur die Lieferungen sowjetischer
    Waffen und Ausrüstungen bezahlt, sondern auch Waffen aus dritten Ländern. Mit
    anderen Worten, die UdSSR wurde zur „Bank“ des kämpfenden Spaniens. Die
    gesamte Geldsumme für die Waffenlieferungen in die Republik Spanien betrug
    202,4 Mio. Dollar [243], der Wert des in der Sowjetunion gebunkerten spanischen
    Goldes – mehr als 518 Mio. Dollar [244].
    Weil die militärischen Anstrengungen den Putschisten keinen Erfolg zeigten,
    wurde im November 1937 von Franco der Beschluss gefasst, die Republikaner durch
    eine Blockade zu erdrosseln. Die Partie wurde hervorragend gespielt: Franco
    schickte den Briten eine Note, in der er ihnen mitteilte, dass sein Generalstab
    beschlossen hat, den spanischen Hafen Bilbao zu blockieren und keine Dampfer mit
    Lebensmitteln nach Spanien zu lassen. Der stolze Beherrscher der Meere, der
    Besitzer der stärksten Flotte in der Welt versuchte nicht einmal dem spanischen
    General zu erklären, dass man mit Großbritannien so nicht sprechen darf, sondern
    schluckte bedingungslos diesen Angriff auf seinen Handelsflotte [245].
    Treffen zwischen Franco und Hitler 1940 an der spanisch-französischen Grenze. Der
    spanische Diktator weigerte sich, im Zweiten Weltkrieg an der Seite seiner deutschen und
    italienischen „Wohltäter“ zu kämpfen, wohlwissend, welchen Mächten er für seine Machtergreifung dankbar sein muss.
    Die Regierung Großbritanniens verzichtete sofort auf alle Fahrten nach Bilbao
    mit der Begründung, dass der Hafen blockiert und vermint sei. Das Manöver von
    Franco ist leicht zu durchschauen. Da die Dampfschiffe der „zivilisierten Länder“
    161
    nicht mehr nach Bilbao kommen, können die Faschisten mit ruhigem Gewissen
    jedes beliebige Schiff versenken. Beschwerden über diese Piraterie sind äußerst
    schwierig. Sie werden mit den Worten „Sie hätte besser auf die Erklärung von
    General Franco hören sollen!“ zurückgewiesen.
    Damit die Republikaner in eine Blockade kommen, begannen italienische
    Kriegsschiffe einen Krieg gegen die Handelsschiffe zu führen. In erster Linie
    natürlich gegen die sowjetischen. Denn nur unsere Dampfer lieferten Waffen,
    Technik und Lebensmittel nach Spanien. Am 11. November 1936 wurde in der
    Bucht von Gibraltar der Dampfer „Sojus wodnikov“ gestoppt. Das war das erste
    Warnsignal. „Im Verlauf der nächsten Monate häuften sich die Überfälle auf
    sowjetische Schiffe, wobei einige von ihnen tragisch endeten: Am 14 Dezember
    1936 im Raum von Gibraltar wurde der sowjetische Dampfer „Komsomol“, am 31.
    August und 1. September 1937 wurden die sowjetischen Schiffe „Timirjasev“ und
    „Blagoev“ [246] versenkt“, berichtet der sowjetische Botschafter in Großbritannien,
    Iwan Maiski.
    Die Beziehungen der UdSSR mit Italien und Deutschland erhitzten sich.
    Dagegen verringerte sich die Schärfe des Bürgerkrieges. Die Waagschale der
    britischen und französischen Diplomatie neigte sich zu Gunsten Francos. Im
    Frühjahr des Jahres 1939 verloren Großbritannien und Frankreich jeglichen Anstand
    und stellten sich offen auf die Seite der Faschisten. „Am Höhepunkt des Kampfes
    um Katalonien (vom Dezember 1938 bis Februar 1939) konzentrierte sich an der
    französisch-spanischen Grenze sehr viel Kriegstechnik (Flugzeuge, Geschütze,
    Panzer, Torpedoschiffe usw.). Wäre sie in die Hände der Republikaner gefallen
    wäre, dann hätte sich der Verlauf des Kampfes entscheidend geändert“ [247],
    schreibt in seinen Memoiren der damalige Militärberater, Admiral Kusnezow. Da
    162
    sich Frankreich weigerte, seine Grenze zu öffnen, führten fehlende Waffen
    letztendlich zur Niederlage der Republikaner. Die Folge waren hunderttausend
    Flüchtlinge und eine beispielslose „humanitäre Katastrophe“. Um Menschenleben
    zu retten, wandte sich der republikanische Außenminister Spaniens mit der Bitte an
    Paris, die Grenze für die Flüchtlinge zu öffnen. Erst nach massiven Protesten der
    eigenen Bevölkerung sah sich Frankreich gezwungen, die Grenze etwas zu öffnen.
    Nur kleinere Flüchtlingsgruppen gelangten auf französisches Territorium.
    Gemeinsam mit ihnen überschritten auch verwundete Kämpfer der spanischen
    Armee die Grenze. Das veranlasste die Franzosen dazu, die Grenze zu schließen und
    alle Verwundeten nach Katalonien zurückzuschicken. Am 3. Februar 1939
    bombardierte die italienische Luftwaffe die spanische Grenzstadt Figueres. Mehr als
    tausend Menschen kamen ums Leben, ein mächtiger Strom in Panik geratener
    Menschen durchbrach die französische Grenze. Erst nach diesem Verbrechen der
    italienischen Faschisten öffnete Frankreich für die Flüchtlinge und Soldaten der
    republikanischen Armee offiziell die Grenze.
    Ein solches Ergebnis war unschwer zu erraten. Die Masse der Flüchtlinge
    wusste einfach nicht, wo sie sich hinwenden soll. Auf der einen Seite der Gegner,
    der keine Gnade kannte [248], auf der anderen Seite die französische Grenze. Wo
    liegt die Rettung? Mit sowjetischen Schiffen konnten nur wenige Spanier das Land
    verlassen. Die Mehrzahl der Flüchtlinge suchte ihr Heil im benachbarten Frankreich
    [249]. Hat sich die französische Regierung auf die drohende Flüchtlingswelle
    vorbereitet? Nein! Überhaupt nicht!
    „Für die Flüchtlinge errichtete die Regierung Daladier in Eile einige große
    Internierungslager (Saint-Cyprien, Camp de Gurs, Camp de Rivesaltes u.a.m.). In
    diese Lager wurden zig tausend hungernde und verzweifelte Menschen ohne
    Wasser, ohne Brot, ohne sanitäre Einrichtungen auf dem nackten Sandstrand
    eingesperrt. Epidemien begannen sich auszubreiten, die Anzahl der Todesfälle nahm
    dramatisch zu …“ [250].
    Ein französisches Flüchtlingslager war ein mit Stacheldraht in den Sanddünen
    abgegrenzter Raum. Die Internierten gruben sich selbst Höhlen in den Sand. In den
    163
    ersten zehn Tagen gab es nichts zu essen und zu trinken; sogar die Verwundeten
    erhielten keine medizinische Hilfe. Warum verhielten sich die Franzosen derart
    unmenschlich? Natürlich, nur in bester Absicht! Mit diesem „Empfang“ sollten die
    Flüchtlinge gezwungen werden, wieder nach Hause, d.h. nach Spanien,
    zurückzukehren …[251].
    Der spanische Bürgerkrieg wurde von denen organisiert und pedantisch
    durchgeführt, die mit diesem Land in keinerlei Beziehung standen. Hätten sie
    Mangan und Blei in Portugal oder in Luxemburg gefunden, dann hätte die große
    Übung für die Erprobung der deutschen Kriegsmaschinerie dort stattgefunden. Die
    Autoren der spanischen Tragödie haben sehr gründlich ihre Spuren beseitigt. Nach
    ihrem Szenarium war die „Nichteinmischung“ das allerbeste Alibi für ihre künftigen
    Generationen. Angesichts dessen, was Hitler in der Folge noch anrichtet, kann man
    ihm im Prinzip jede Schandtat anhängen. Der größte Verbrecher aller Zeiten und
    Völker wurde deshalb auch für die Auslösung des Bürgerkrieges in Spanien
    verantwortlich gemacht. Aber nicht alle Fakten können auf die Dauer vertuscht
    werden. Mit einer dünnen Schicht von stereotypen Auffassungen und Klischees
    können sie nur leicht maskiert werden. Doch sobald wir die blutige und dreckige
    Geschichte der Menschheit im XX. Jahrhundert ein wenig durchschütteln,
    erscheinen die tatsächlichen Autoren der ganzen Tragödie im grellen Tageslicht.
    Am Vorabend des Putsches in Spanien befand sich General Franco als
    Gouverneur in seiner eigenartigen „Verbannung“ auf den Kanarischen Inseln. Damit
    er den Aufstand führen konnte, musste er zu seinen militärischen Anhängern und
    Truppen nach Spanisch-Marokko reisen. Ein eigenes Flugzeug konnte er dazu nicht
    benutzen – sie wurden vom loyalen Militär der Regierung kontrolliert. Deshalb
    halfen ihm seine „Freunde“. Sie charterten für ihn das britische Flugzeug mit
    kompletter Mannschaft. Wem gehörte dieses Flugzeug? Das ist kein Geheimnis! Es
    war ein englisches Flugzeug mit dem Namen „Schneller Drache“ [252]. Am Steuer
    164
    saß der britische Pilot, Kapitän Bebb. Seinen eigenen Landsleuten konnte Franco
    angeblich nicht vertrauen [253].
    Aus London kommend, flog das Flugzeug zunächst auf die Kanarischen
    Inseln und dann mit General Franco nach Tetuán in Spanisch-Marokko. Nach der
    Ankunft Francos in Afrika flog das gleiche Flugzeug mit dem Gesandten des
    spanischen Generals direkt zu Mussolini [254]. Mit Kapitän Bebb am Steuer flogen
    sie nicht umsonst: Denn in Italien wurde eine wichtige Vereinbarung über die
    Unterstützung der spanischen Putschisten abgeschlossen. Der Flug mit der
    englischen „Dragon Rapide“ schloss unangenehme Überraschungen aus. Wer wagte
    sich, ein englisches Flugzeug abzuschießen?
    Das war der Ausgangspunkt des spanischen Bürgerkrieges. Der Endpunkt der
    Tragödie wurde mit der gleichen „Feder und Tinte“ geschrieben. Der Bürgerkrieg in
    Spanien endete offiziell am 1. April 1939. Erinnern wir uns an das Jahr 1939: Auf
    der Tagesordnung standen schon keine lokalen Konflikte mehr, sondern der Beginn
    des Zweiten Weltkrieges. Hitler musste freie Hand bekommen. Mit Nichtigkeiten
    durfte er nicht mehr belastet werden. Es war höchste Zeit, dass er seine
    Verpflichtung erfüllt und die Sowjetunion überfällt. Deshalb ließen Großbritannien
    und Frankreich unerwartet ihr „Schüchternheit“ fallen und versetzten den
    Republikanern den „Gnadenstoß“. Der Krieg in Spanien musste in kürzester Zeit
    165
    beendet werden. Am 27. Februar 1939 haben Großbritannien und Frankreich die
    Regierung des Faschisten Franco offiziell anerkannt, mit der republikanischen
    Regierung wurden alle Beziehungen abgebrochen. Diesen Schritten folgte auch die
    USA.
    Im gleichen Monat half der britische Kreuzer „Devonshire“ den spanischen
    Putschisten die Insel Menorca zu erobern. Das britische Kriegsschiff unterstütze sie
    nicht nur beim Truppentransport, sondern zwang den Kommandeur mit seinen
    Geschützen, die gesamte Insel an Franco zu übergeben [255].
    In Europa wurden Adolf Hitler neue Territorien übergeben, die auf dem Wege
    zur Grenze der UdSSR lagen. In erster Linie – das Territorium der
    Tschechoslowakei. Als Vorwand für die frechen Anspruchserklärungen dienten dem
    Führer die Verträge von Versailles und Saint-Germain. Dank dieser Verträge lebten
    auf dem Gebiet der zerstückelten Österreichischen Monarchie 3,4 Millionen
    österreichische Deutsche – d.h. 22% der gesamten Bevölkerung – in der
    Tschechoslowakei [256]. Irgendwann waren die Tschechen eine Minderheit, die im
    Rahmen des Imperiums Österreich – Ungarn keinen nationalen Status besaßen. Jetzt
    hatten sie ihre Rolle mit den österreichischen Deutschen getauscht. Ihre
    Unterdrückung und Verfolgung waren unvermeidlich. Wer daran zweifelt, der sollte
    auf die aktuelle Lage der russischsprachigen Bevölkerung in Estland, Litauen und
    Lettland schauen.
    Wenn wir die lange Liste der Länder betrachten, die für die
    Kriegsvorbereitung Hitlers geopfert wurden, dann ergreift uns für sie ein
    verständliches Mitgefühl. Wir müssen uns jedoch stets daran erinnern, dass die
    Länder, die je nach Lust und Laune des politischen Roulettes unter den Einfluss der
    Nazis fielen, bei weitem keine „unschuldigen Lämmer“ waren. Die Grundlagen für
    eine unabhängige Tschechoslowakei wurden im alten Russland gelegt, als aus den
    tschechischen und slowakischen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkrieges ein
    eigenes Korps formiert wurde. Die Mitte 1917 gebildeten zwei vollwertigen
    166
    Divisionen schafften es nicht, an der Front gegen die Deutschen zu kämpfen. Ihre
    große „Berühmtheit“ erlangten sie erst während unseres Bürgerkrieges. Denn der
    Putsch der Tschechoslowaken im Mai 1918 wurde zum Ausgangspunkt der
    russischen Auseinandersetzungen. Er war das Benzin, das in ein brennendes Feuer
    gegossen wurde. Nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hatten, haben unsere „slawischen
    Brüder“ Russland nicht von den Bolschewiken befreit, sondern – im Gegenteil – den
    Russen großzügig die Möglichkeit gegeben, gegeneinander zu kämpfen. Sie selbst
    begaben sich ins Hinterland von Koltschak und bewachten „unsere“
    Eisenbahnlinien, d.h. sie brandschatzten in unseren Dörfern, verprügelten unsere
    Bauern und fraßen sich bei uns, wie die Maden, satt.
    Als die Armee von Koltschak eine Niederlage erlitt, haben die glorreichen
    Tschechoslowaken sie praktisch in die Katastrophe geführt. Sie blockierten den
    Schienenweg und verhinderten damit den Rückzug seiner Armee und der vielen
    Flüchtlinge. Die Armee von Koltschak war gezwungen durch ganz Sibirien entlang
    der Bahnlinie zu Fuß zugehen! Auf dem gleichen Weg im warmen Waggon fuhren
    ohne Eile die Tschechoslowaken. In der Taiga starben zig tausend Soldaten, Frauen
    und Kinder vor Hunger und Kälte. Dieser beispielslose Verrat der einen Seite und
    die beispielslosen Heldentaten der anderen Seite sind in unsere Geschichte als
    Sibirischer Eismarsch eingegangen [257]. Kurz bevor die Tschechoslowaken
    Russland verlassen haben, verhafteten sie noch General Koltschak und übergaben
    ihn zur Hinrichtung an die Bolschwiken. Der Befehl wurde vom französischen
    General Janin erteilt und vom tschechoslowakischen General Syrov ausgeführt.
    167
    Die „heldenhaften“ tschechoslowakischen Legionäre nahmen aus Russland
    nicht nur ein Haufen Gelumpe mit, sondern auch einen Teil der Goldreserve unseres
    Landes (bekannt unter dem Namen „Gold von Koltschak“). Genau dieses von
    Russland gestohlene Gold bildete die Grundlage der konvertierbaren tschechischen
    Krone, die eine der stabilsten Währungen in Europa wurde. Aber auch die Wirtschaft
    der Tschechoslowakei – so seltsam das auch klingt – gehörte zu den erfolgreichsten
    der Länder, die den „schrecklichen Fleischwolf“ des Ersten Weltkrieges überlebt
    haben. Der frisch gebackene Staat der Tschechen und Slowaken war das einzige
    Land in Zentral- und Süd-Ost-Europa mit einem großen Kapitalexport. In allen
    Bereichen der Wirtschaft gab es hohe Zuwachsraten, in einigen – waren sie einfach
    sensationell. Besonders entwickelt war die tschechoslowakische Waffen- und
    Schuhproduktion. Im Jahre 1928 belegte die Tschechoslowakei den ersten Platz in
    der Welt im Export von Schuhen, Stiefeln und Sandalen [258]. Dieser stürmische
    Aufschwung des jungen tschechoslowakischen Staates dauerte jedoch nur 20 Jahre
    (von 1918 bis 1938), weil die Verbündeten in London und Paris entschieden haben,
    dass dieses Land an Hitler zu übergeben ist. Das 3. Reich musste sich noch näher an
    die Grenze der UdSSR bewegen und die tschechoslowakischen Arbeiter müssen die
    deutsche Armee ordentlich bewaffnen und bekleiden.
    168
    Die deutsche Presse, beflügelt durch die zahlreichen „friedlichen“ Siege
    Hitlers, entfachte eine massive Kampagne für die Erfüllung der deutschen
    Forderungen im tschechoslowakischen Sudetenland. Die Aktivitäten der deutschen
    Verbände in diesem Lande nahmen enorm zu. Avantgarde der Idee „Rückkehr aller
    Deutschen ins Reich“ wurde die „Sudetendeutsche Partei“ unter Führung von
    Konrad Henlein. Der Anschluss von Österreich stellte einen ausgezeichneten
    Vorwand dar, von „ständigen Menschenrechtsverletzungen“ bei den deutschen
    Minderheiten in der Tschechoslowakei zu sprechen. Denn alle österreichischen
    Deutschen haben sich in „einer Familie“ vereint – warum nicht auch mit den
    „Brüdern und Schwestern“ aus dem Sudetenland? Die Partei von Henlein forderte
    die „territoriale Autonomie“ für das Sudetengebiet [259].
    Die Regierung der Tschechoslowakei hatte nicht die Absicht, vor den
    Deutschen zu kapitulieren. Dafür gab es auch keinerlei Gründe. Ihre Armee gehörte
    zu den stärksten in Europa. Sie war bereit und in der Lage, ihr Land im Falle einer
    Aggression erfolgreich zu verteidigen. Allein das Kräfteverhältnis stärkte ihre
    Entschlossenheit. Im Frühjahr 1938 hatte die Armee der Tschechoslowakei 34
    Divisionen, die deutsche Wehrmacht – 28 [260]. Angesichts des irrsinnigen Tempos
    der deutschen Aufrüstung wuchs die Stärke ihrer Armee weiter an. Gegen 39
    deutsche Divisionen mit 1,8 Millionen Soldaten stellten die Tschechen 36
    Divisionen mit 1,6 Millionen Soldaten, gegen 2400 Flugzeuge und 720 Panzer von
    Hitler standen 1500 Flugzeuge und 400 Panzer der Tschechoslowakei [261].
    Vergessen wir nicht den folgenden wichtigen Fakt: Die tschechoslowakische Armee
    wollte sich verteidigen und die deutsche Armee war gezwungen anzugreifen.
    Nach den lautstarken Erklärungen Hitlers im deutschen Parlament hatte die
    tschechoslowakische Regierung vor, folgende Sicherheitsmaßnahmen einzuleiten:
    Verlagerung der Rüstungsbetriebe ins Hinterland, Einführung eines 24-Stunden-
    169
    Betriebes in ihren acht Flugzeugwerken, Mobilisierung der Industrie- und
    Lebensmittelressourcen. Optimismus flößte der tschechoslowakischen Regierung
    auch der Beistandsvertrag mit Frankreich ein. Die Logik war: Einen derart starken
    und nützlichen Verbündeten wird Paris nicht kampflos Berlin überlassen. Schauen
    wir auf die Karte: Sogar die geographische Lage der Tschechoslowakei wird die
    Franzosen immer dazu bewegen, sie zu verteidigen. Im Falle eines militärischen
    Konfliktes zwischen Frankreich und Deutschland können die Tschechen die
    Deutschen im Hinterland angreifen. Außerdem produzieren die Rüstungsbetrieb
    „Skoda“ in der Tschechei so viele Waffen, wie die gesamte Rüstungsindustrie von
    Großbritannien [262]. Wer ist so verrückt und übergibt Hitler diesen Reichtum?
    Natürlich nur diejenigen, die ihren eigenen Reichtum enorm vergrößern
    wollen. Deshalb nehmen die Ereignisse in der Tschechoslowakei einen äußerst
    „seltsamen“ Verlauf. Anstelle eines aktiven Widerstandes gegen die Forderungen
    von Hitler, begannen sich die Tschechoslowaken mit irgendwelchen Krimskrams zu
    beschäftigen. Das Ergebnis war das berühmte Münchener Abkommen, mit dem
    Hitler alles bekam, was er gewünscht und gefordert hatte. Kann es sein, dass der
    Westen von der militärischen Stärke Deutschlands geschockt und eingeschüchtert
    war? „Die deutsche Armee war in den Jahren 1938 oder 1939 nicht in der Lage, die
    Franzosen vernichtend zu schlagen“ [263], schreibt Winston Churchill in seinen
    Memoiren. Das bedeutet, es war offensichtlich, dass Hitler die Tschechen,
    Franzosen und Engländer nicht besiegen konnte. Warum gab es seitens der
    führenden „demokratischen Länder“ keinen entschlossenen Widerstand gegen
    170
    Hitlers aggressive Politik? Weil sie einen Sieg über Deutschland, das sie geschaffen
    und aufgepäppelt haben, nicht brauchten! Hitler hatte die ihm übertragene Aufgabe
    noch nicht erfüllt, deshalb gehörte er noch nicht auf den Müllhaufen der Geschichte.
    Wird ein Kampfhund, der für die Lösung seiner tödlichen Aufgabe gezüchtet wurde,
    vor dem entscheidenden Kampf getötet? Wozu so viel Futter und Zeit
    verschwenden?
    Die Tschechoslowakei spielte die Rolle eines unglücklichen Haushuhns, das
    von seinen Verbündeten zur Schlachtbank gejagt wird. Die erste Besprechung der
    „Hausherren“ wurde vom 28. bis 30. April 1938 in London durchgeführt. Zum
    großen Erstaunen der Tschechen schloss sich die französische Diplomatie plötzlich
    den Forderungen der britischen Diplomatie an, um – wie es hieß – einen
    Zusammenstoß mit Deutschland auf jeden Fall zu vermeiden. Am 15. Mai 1938
    wurde in der „New York Herald Tribune“ eine Mitteilung aus London veröffentlicht,
    in der klar und deutlich gesagt wurde: … da weder Frankreich noch die UdSSR
    bereit sind, für die Tschechoslowakei zu kämpfen, wird auch Großbritannien nicht
    zu den Waffen greifen, um die slawische Republik zu verteidigen. Da dies so ist,
    sollte die Tschechoslowakei mit aller Nüchternheit ihre Situation analysieren und
    verstehen, dass der einzige Ausweg für sie ist, eine friedliche Lösung der Frage mit
    den Sudetendeutschen zu finden [264].
    Nach derartigen Erklärungen wurde der Ton von Hitlers Ansprüchen noch
    lauter und kompromissloser. Denn die Veröffentlichung in der amerikanischen
    Presse fiel in „erstaunlicher“ Art und Weise mit einem äußerst aufschlussreichen
    Ereignis zusammen. Zwei Tage vor der Veröffentlichung in der „New York Herald
    Tribune“ kam der Führer der Sudetendeutschen, Konrad Henlein, nach London.
    Henlein hatte mehrere Treffen mit Abgeordneten des britischen Parlaments und
    Vertretern der Opposition. Nach diesen Konsultationen forderte er nicht nur die
    171
    Autonomie des Sudentenlandes, sondern auch eine völlige Zerstücklung der
    Tschechoslowakei.
    An der Spitze der Sudetendeutschen arbeiteten nicht nur Deutsche, sondern
    auch Vertreter des britischen Geheimdienstes. In Deutschland war das bekannt. Die
    Kontakte wurden nicht unterbunden, weil in dieser Zeit sowohl die Deutschen als
    auch die Briten in einer Mannschaft spielten und die Übergabe der
    Tschechoslowakei an Hitler gemeinsam vorbereiteten. „Der englische
    Geheimdienst war hervorragend informiert … einer seiner Agenten, Oberst Christie,
    der schon mehrmals mit Henlein im Gespräch war, traf sich im August 1938 mit ihm
    in Zürich“, lesen wir in den Memoiren des SS-Geheimdienstes [265].
    Am 18. Juli 1938 brachte der Adjutant von Adolf Hitler, Fritz Wiedemann,
    ein persönliches Schreiben des Führers an den britischen Premierminister, Neville
    Chamberlain, nach London. Schon am nächsten Tag wurde dieses Schreiben in Paris
    diskutiert, wohin der Premierminister gemeinsam mit dem britischen Königspaar
    geflogen ist. Die Tschechen wurden zu dieser Besprechung nicht eingeladen,
    niemand hat an sie überhaupt gedacht. Wozu sollte man sich mit einem Truthahn
    darüber unterhalten, wie und wann er geschlachtet wird?
    Die Vorschläge Hitlers wurden als annehmbar betrachtet. Am 22. Juli 1938
    forderte Großbritannien die Tschechoslowakei auf, entscheidende Schritte für die
    „Befriedung Europas“ einzuleiten. Die Tschechen teilten mit, dass sie einverstanden
    sind, den Sudetendeutschen volle Autonomie zu geben. Doch schon am 29. Juli 1938
    erklärte Henlein lauthals: Alle Deutschen in jedem beliebigen Land müssen sich
    172
    „nur der deutschen Regierung, den deutschen Gesetzen und dem deutschen Blut“
    unterordnen.
    Nach dieser Erklärung erhöhte die britische Diplomatie den Druck auf die
    Tschechoslowakei. Am 3. August traf der Bevollmächtigte von Chamberlain, Lord
    Runciman, in Prag ein. Dieser „objektive Vermittler“ sollte die Tschechoslowakei
    überzeugen, das Sudetengebiet den Deutschen zu übergeben. Die Tschechen
    sträubten sich: Sie wollten überhaupt nicht verstehen, dass alles schon längst
    entschieden war. Am 7. September erschien in der „Times“ ein Artikel, in dem den
    Tschechen vorgeschlagen wurde, sich nicht länger zu sträuben und im Guten „ein
    Staat mit einer einzigen Nationalität“ [266] zu werden.
    Die Situation in der Tschechoslowakei war auch deshalb interessant, weil es
    neben dem französisch-tschechoslowakischen Vertrag auch einen Vertrag zwischen
    der Tschechoslowakei und der Sowjetunion gab. Im Falle eines militärischen
    Überfalls sollte die UdSSR dem Opfer der Aggression zu Hilfe kommen. Im
    Vertragstext gab es jedoch einen kleinen „Haken“: Moskau sollte Prag nur dann
    Hilfe erweisen, wenn auch Paris dazu bereit ist. Anfang September 1938 wandte sich
    die französische Regierung an die Regierung der UdSSR mit der Frage, welche
    Position sie einnimmt, wenn die Tschechoslowakei überfallen wird. Die Antwort
    von Moskau war klar und deutlich: Wir müssen unverzüglich die Vertreter der
    UdSSR, Großbritanniens und Frankreichs zusammenrufen und in einer öffentlichen
    Deklaration dieser Mächte warnend erklären, dass wir der Tschechoslowakei im
    Falle eines Überfalls durch Deutschland Hilfe erweisen werden [267].
    Was denken Sie, verehrter Leser, wie der Westen auf unsere Vorschläge
    reagierte? Wollten jene, die Hitler für den Überfall auf die UdSSR vorbereiteten,
    dass die Annexion der Tschechoslowakei nicht stattfindet? Dass gemeinsam mit den
    Kräften von Frankreich, der Tschechoslowakei und UdSSR das 3. Deutsche Reich
    zerschlagen wird? Dass Hitler von seiner Bewegung in Richtung der sowjetischen
    Grenze Abstand nimmt? Weil der Westen ein anderes Ziel hatte, wurden – so
    schreibt W. Churchill – „die sowjetischen Vorschläge faktisch nicht zur Kenntnis
    genommen“. „Die Vorschläge wurden nicht genutzt, um Einfluss auf Hitler zu
    nehmen, zu ihnen (den sowjetischen Vorschlägen, Anm. d. Übers.) verhielten sie
    sich gleichgültig, besser gesagt mit Geringschätzung, erinnert sich J. W. Stalin. Die
    Ereignisse nahmen ihren Verlauf, so, als ob die Sowjetunion nicht existierte [268].
    Wenn wir die Logik der britischen Politik richtig verstehen, dann ist es auch
    nicht schwierig, die Handlungen der westlichen Diplomaten vorauszusagen. Dann
    staunen wir auch nicht über die „seltsamen“ Handlungen der Briten, die die
    Antihitleropposition in Deutschland förmlich anflehten, keine „Uneinigkeit in der
    Sudetenfrage zuzulassen“. Im August 1938 kam der Gesandte des deutschen
    Militärs, Ewald von Kleist-Schmenzin, nach London. In seinen Gesprächen mit
    britischen Politikern, u.a. mit Churchill, berichtete er über „das unzureichende
    Niveau der Rüstung“ in Deutschland. Er teilte ihnen mit, dass die vollständige
    173
    Aufrüstung der Wehrmacht nicht vor dem Jahre 1943 abgeschlossen sein wird und
    deshalb die Briten, Franzosen und Tschechen in Beziehung zum 3. Reich eine
    äußerst harte Position – ohne irgendein ernsthaftes Risiko – einnehmen können
    [269]. „Nach Aussagen der Generäle Halder und Jodl, gab es während des Münchner
    Abkommens im Westen nur 13 deutsche Divisionen, von denen 5 aus
    Kaderoffizieren bestanden“ [270], schreibt in seinen Memoiren W. Churchill.
    Weil die Gentlemen in London gegen Hitler keinen Widerstand leisten,
    schickt der Chef des deutschen Generalstabes, General Halder, Anfang September
    1938 den neuen Gesandten, Arthur Boehm-Tettelbach, nach London. „Meine
    Aufgabe bestand darin, einen engen Kreis von leitenden Angestellten des britischen
    Außenministeriums zu bitten, eine gewisse Härte in Bezug auf die Forderungen
    Hitlers zu zeigen. Die Leute, die mir diese Aufgabe übertrugen, hofften auf ein
    kategorisches „Nein“ der englischen Regierung“ [271], erzählt der damalige
    Oberstleutnant in der „Rheinischen Post“ am 10. Juli 1948.
    Die Generäle des deutschen Militärs verstanden das politische Spiel nicht. Mit
    immer neuen Argumenten versuchten sie die Position der Briten zu ändern. Selbst
    dann, als sie ihnen mitteilten, dass der Plan existiert, Adolf Hitler im Falle der
    Erklärung einer allgemeinen Mobilmachung in Deutschland zu verhaften [272]. Die
    geradlinige Generalität konnte nicht begreifen, dass die von ihnen beobachtete
    „reale“ Politik – nur die Folge jener Beschlüsse ist, die völlig abgeschottet hinter
    den Kulissen bereits gefasst wurden. Sie verstanden nicht, dass die „Annexion“ der
    Tschechoslowakei durch Hitler eine im gegenseitigen Einverständnis mit allen
    Seiten beschlossene Entscheidung von Großbritannien war. Und dass der geplante
    Arrest von Adolf Hitler niemals in Frage kam, weil er ihre mühsam ausgearbeiteten
    Pläne zunichtemachen würde …
    174
    Anstelle dem Aggressor eine Abfuhr zu erteilen und gemeinsam mit der
    UdSSR eine harte Position einzunehmen, üben die Briten auf die Tschechoslowaken einen immer stärkeren Druck aus. Zunächst wurde ihnen vorgeschlagen,
    die Verträge mit Frankreich und mit der UdSSR zu annullieren. Dann wurde Prag
    mit der gemeinsamen britisch-französischen Note vom 19. September aufgefordert,
    das Sudetengebiet unverzüglich an Deutschland zu übergeben. In diesem Dokument
    heißt es: „ … Der weitere Bestand von Gebieten in den Grenzen des
    tschechoslowakischen Staates, die vorrangig von Sudetendeutschen bewohnt sind,
    kann im Interesse der Tschechoslowakei und angesichts der Bedrohung des
    europäischen Friedens nicht länger zugelassen werden … Der Frieden, die
    Sicherheit und die Lebensinteressen der Tschechoslowakei können nicht
    gewährleistet werden, wenn diese Gebiete nicht unverzüglich dem Deutschen Reich
    übergeben werden“ [273]. Die Übergabe der Gebiete sollte schnell und ohne
    Volksabstimmung erfolgen. Der Zeitraum für die Antwort (nur 2 Tage!) war auch
    sehr knapp. Denn am 22. September musste sich der britische Premierminister
    Chamberlain mit Hitler treffen.
    Überlegen Sie, verehrte Leser, dass was der Tschechoslowakei vorgeschlagen
    wurde, war praktisch Selbstmord. Kann ein völlig unabhängiges Land mit einer
    souveränen Regierung darauf eingehen? Die Tschechen waren damit einverstanden.
    175
    Mehr als 70 Jahre sind seitdem vergangen. Und niemand hat daraus etwas
    gelernt. Erneut gibt es in Europa derartige „unabhängige“ und „souveräne“ Staaten,
    die mit großer Bereitschaft jede Laune ihrer „alten Kameraden“ erfüllen. Mit
    Begeisterung stationieren sie auf ihren Territorien amerikanische Radaranlagen und
    Raketen, schicken ohne zu Schwanken erneut ihre Soldaten an die Grenze
    Russlands, annullieren profitable Verträge mit dem russischen Staat und unseren
    privaten Unternehmen. „Ich bin der Herr und Du bist mein Lakai!“ – so lautete auch
    1938 in der Tschechoslowakei die angelsächsische Regel.
    Wir müssen anerkennen, dass die Tschechen Widerstand leisteten. Auch der
    Truthahn flieht, bevor er geschlachtet wird. Doch damit ändert er nichts, denn der
    Herr hat beschlossen, mit diesem „Braten“ seinen Tisch zu decken. Am 20.
    September 1938 wurde den Botschaftern von Großbritannien und Frankreich die
    Antwort der Tschechoslowakei auf ihre Note übergeben. In ihr war die Bitte
    enthalten, die Entscheidung zu überdenken und in Übereinstimmung mit dem
    deutsch-tschechoslowakischen Vertrag von 1925 die Angelegenheit dem
    Schiedsgericht zu übergeben [274].
    176
    Mit ihrer Sturheit konnten die Tschechen alles verderben. Im Falle eines
    militärischen Konfliktes waren die Franzosen verpflichtet den Tschechen zu helfen.
    Auch der französisch-sowjetische Beistandspakt vom 2. Mai 1935 und der
    sowjetisch-tschechoslowakische Vertrag vom 16. Mai 1935 traten in diesem Fall in
    Kraft. Die Sowjetunion würde dann nicht nur Prag, sondern auch Paris zu Hilfe
    kommen. Die ganze Kombination des Westens würde wie ein Kartenhaus
    zusammenfallen.
    Die Herren in London und Paris verloren jegliche Geduld. Am Abend des 20.
    September teilte der britische Botschafter, Basil Newton, der tschechoslowakische
    Regierung mit, dass „im Falle eines weiteren Widerstandes die englische Regierung
    aufhört, sich für ihr Schicksal zu interessieren“. Der französische Gesandte,
    Delacroix, unterstützte diese drohende Warnung. Doch auch damit kamen die
    Diplomaten nicht zur Ruhe. Um zwei Uhr nachts (!) holten die Botschafter der
    „befreundeten“ Länder Großbritannien und Frankreich den tschechoslowakischen
    Präsidenten, Edvard Beneš, aus dem Bett. In den letzten 24 Stunden war das schon
    ihr fünfter Besuch. Die nächtlichen Gäste übergaben ihm eine Note oder besser
    gesagt ein Ultimatum mit folgendem Inhalt: „… wenn sie (die Regierung der
    Tschechoslowakei, Anm. d. Verf.) den englisch-französischen Plan nicht annimmt,
    dann wird die ganze Welt die Tschechoslowakei als einzigen Schuldigen des
    unvermeidlichen Krieges nennen“ [275].
    Am 21. September wurde dieses Ultimatum der „Verbündeten“ auf der
    Sitzung der tschechoslowakischen Regierung diskutiert. Die Entscheidung ist
    bekannt: Nachdem der Truthahn noch ein wenig auf dem Hof hin und her gelaufen
    ist, gelang es dem Hausherrn ihn zu fassen und zum Schlachttisch zu bringen. Es
    war höchste Zeit ihn zu schlachten. Die Antwort auf die Frage können wir – warum
    auch immer – bei W. Churchill nachlesen: „Wir müssen uns an eine umwerfende
    Tatsache erinnern: allein im Jahre 1938 gelang es Hitler durch die Annexion zum
    Reich 6 Millionen und 750 tausend Österreicher und 3 Millionen 500 tausend
    Sudetendeutsche seiner absoluten Macht unterzuordnen – d.h. 10 Millionen
    Untertanen, Arbeiter und Soldaten“ [276].
    In der Zeit vom 29. bis 30. September 1938 wurde in der bayrischen
    Hauptstadt das berüchtigte Münchner Abkommen, das den Anschluss des
    Sudetenlandes an Deutschland beschloss, von Hitler, Mussolini, Chamberlain und
    Daladier unterzeichnet. Vertreter der Tschechoslowakischen Republik waren auf der
    Tagung der „Hausherren“ Europas nicht eingeladen – sie befanden sich im
    Nachbarzimmer. Erst nach Beendigung der Verhandlungen und des offiziellen
    Aktes der Unterzeichnung durften auch die Tschechen den Vertrag für ihr Land zur
    Kenntnis nehmen. Die Eile bei der Unterzeichnung des Münchner Abkommens war
    so groß, dass selbst in den Tintenfässchen im Zimmer, in dem Weltpolitik gemacht
    wurde, keine Tinte war [277]. Ja, wozu? Alles war schon lange vereinbart, die
    Unterzeichnung – nur reine Formsache …
    177
    Sudetendeutsche begrüßen den Führer am Ende des Jahres 1938
    Was diskutierten die Führer in München eigentlich hinter verschlossenen
    Türen? Da alle Fragen bereits geklärt waren, gab es offiziell nur eine einzige Frage
    des britischen Premierministers Chamberlain: „Kann die tschechische Bevölkerung,
    die in innere Gebiete der Tschechoslowakei umziehen muss, ihr Vieh mitnehmen?“.
    Die strenge Antwort Hitlers lautete: „Unsere Zeit ist viel zu kostbar, um sich mit
    einem derartigen Unsinn zu befassen!“. Der britische Premierminister schwieg
    [278].
    Am 1. Oktober 1938 marschierten deutsche Truppen in die Tschechoslowakei
    ein. Widerstand gab es nicht. Bei der späteren Besichtigung der tschechischen
    Befestigungsanlagen haben die deutschen Generäle nur mit dem Kopf geschüttelt:
    Wie gut, dass der kluge Führer die Angelegenheit friedlich gelöst hat. Gerade an der
    Grenze des Sudetenlandes gab es erstklassige Befestigungsanlagen. Der Sturm
    dieser Hindernisse hätte vielen Soldaten das Leben gekostet [279]. „Beim
    Übungsschießen stellten die Spezialisten erstaunt fest, dass unsere Waffen, die
    gegen diese Befestigungsanlagen eingesetzt werden sollten, nicht die geringste
    Wirkung zeigten“ [280], schreibt in seinen Memoiren sehr diplomatisch Albert
    Speer. Mit anderen Worten, die deutsche Armee hätte diese Befestigungsanlagen im
    Sturm nicht überwinden können.
    178
    Ribbentrop, Chamberlain und Hitler während der Verhandlungen in München, wo das
    Schicksal der Tschechoslowakei besiegelt wurde.
    Nüchtern die noch bescheidenen Kräfte und Möglichkeiten der Wehrmacht
    bewertend, bestanden die westlichen Diplomaten deshalb hartnäckig auf der
    bedingungslosen Kapitulation der Tschechoslowakei!
    Nach dem Münchner Abkommen war das Leid des „Truthahns“ noch lange
    nicht beendet. „Die Deutschen waren nicht die einzigen Raubtiere, die den Leichnam
    Tschechoslowakei zerfleischten. Unmittelbar nach dem Abschluss des Münchner
    Abkommens, am 30. September stellte die … Regierung der tschechischen
    Regierung ebenfalls ein Ultimatum. Sie verlangte in 24 Stunden eine Antwort auf
    die Forderung, das Grenzgebiet Teschen zu annektieren. Die Tschechoslowakei
    hatte keine Möglichkeit gegen diese grobe Forderung den geringsten Widerstand zu
    leisten“ [281].
    Wir haben im Zitat des britischen Premierministers bewusst den Namen des
    Staates weggelassen, der die Tschechoslowakei so schlecht behandelte. Wer war
    das? Das faschistische Italien? Die kommunistische UdSSR? Das militaristische
    Japan? Nein!
    Einen derartigen Vorschlag, den die tschechoslowakische Regierung
    „unmöglich ablehnen“ konnte, machte die … Regierung Polens!
    D.h. der gleiche Verbündete Frankreichs, wie die Tschechoslowakei! Weder
    London noch Paris sagten zum Schutz der Tschechen ein einziges Wort. „Das
    unschuldige Opfer“ der künftigen Aggression beeilte sich wie ein ausgeprägter
    Aasfresser mit Vergnügen ein Stückchen vom tschechischen Territorium
    abzubeißen. Und schon gehört das Gebiet Teschen dem Land Polen. Im Jahre 1938
    zerreißt Polen ohne sich zu schämen die Tschechoslowakei, ein Jahr später kommen
    179
    sie in die gleiche Situation [282].
    Da es vielen Ländern offensichtlich sehr leichtgefallen ist, sich fremde
    Territorien anzueignen, meldet auch der ungarische Premierminister, Graf Pál
    Teleki, „unberücksichtigte“ Interessen auf tschechoslowakischen Gebieten mit
    ungarischen Minderheiten an. Auch er erreichte sein Ziel: Am 2. November 1938
    erhält Ungarn 12 tausend km2 des Territoriums der südlichen Slowakei und ein
    Teilgebiet der so genannten Ukrainischen Karpaten mit einer Bevölkerung von einer
    Million Menschen.
    Wer schenkte Hitler Wien und Prag [283]?
    Diese Frage ist sehr leicht zu beantworten.
    Das machten diejenigen, die entgegen ihrer bisherigen Position
    „plötzlich“ den Anschluss von Österreich an das Deutsche Reich erlaubten.
    Das machten diejenigen, die entgegen dem internationalen Recht die
    rechtmäßige Regierung Spaniens mit allen Mitteln daran hinderten, die
    Putschisten zu besiegen sowie die deutsche und italienische Hilfe für General
    Franco hartnäckig „nicht zur Kenntnis nahmen“.
    Das machten diejenigen, die entgegen ihrer Bündnispflicht der
    Tschechoslowakei nicht halfen, sondern – im Gegenteil – alles taten, damit sie
    kapitulierte.
    Kaum bekannt ist folgendes Detail: Einen Tag nach dem Münchner
    Abkommen unterschrieben Großbritannien und Deutschland eine zusätzliche
    Vereinbarung [284]. Der britische Premierminister Chamberlain lud Hitler zu einem
    Vieraugengespräch ein. Aus seiner Tasche zog er unerwartet ein Blatt Papier. Was
    war das für eine Vereinbarung? Eine Kleinigkeit! Nichts als eine kleine
    „Versicherung“. „Der deutsche Führer und Kanzler und der englische
    Premierminister vereinbarten miteinander, dass die Frage der englisch-deutschen
    Beziehungen erstrangige Bedeutung für beide Länder und für Europa besitzt“ – so
    lautet der Inhalt des Dokuments. Die „gestern Abend unterschriebene Vereinbarung
    und das deutsch-britische Flottenabkommen wurde von den zwei Ländern als
    „Symbol der Entschlossenheit“ der beiden Völker betrachtet, „niemals
    gegeneinander zu kämpfen“!
    Genau über diese „Versicherung“ haben unsere Historiker „vergessen“ zu
    berichten. Die Garantie für die Aggression Hitlers in Richtung Osten war diese
    vergessene Vereinbarung und nicht das Münchner Abkommen, das nur die
    Tschechoslowakei betraf! Sehr oft wird in Dokumentarfilmen die Rückkehr
    Chamberlains von München nach London gezeigt. Er steht am Flugzeug, winkt mit
    einem Stück Papier und erklärt lauthals: „Das ist der Frieden für unsere
    Generation! („Peace for our time!“). Der Zuschauer denkt, das ist das Münchner
    Abkommen. In Wirklichkeit hält Neville Chamberlain die zusätzliche englisch-
    180
    deutsche Vereinbarung in der Hand. Im Dezember 1938 wird die gleiche
    Vereinbarung auch zwischen Frankreich und Deutschland abgeschlossen [285].
    Hitler wird nur seine Landstreitkräfte ausbauen und stärken, die Vorherrschaft
    der britischen Seestreitkräfte wird damit nicht bedroht. Wohin sich der
    Landstreitkräfte-Koloss der deutschen Wehrmacht bewegt, interessiert die
    britischen „Insulaner“ herzlich wenig.
    Die Aggression Deutschlands gegen die UdSSR hat konkrete Züge
    angenommen. Im Herbst 1938 sind Hitler und jene, die ihn für den Untergang
    Russlands gezüchtet haben, im guten Einvernehmen miteinander in München
    auseinander gegangen. Es vergeht nur ein halbes Jahr und Hitler wird von denen, die
    ihm in München die Hand gedrückt haben, als Aggressor bezeichnet. Auslöser dafür
    ist die Tschechoslowakei.
    Genau in diesem Moment beginnt in der Geschichte der internationalen
    Politik die interessanteste Zeit.
    181
    Wie sich Adolf Hitler an einem Tag in einen „arroganten
    Aggressor“ verwandelte
    „Sie haben mich immer als Prophet ausgelacht. Von denen, die
    damals lachten, lachen heute unzählige nicht mehr. Die jetzt noch
    lachen, werden in einiger Zeit auch nicht mehr lachen“ [286].
    Adolf Hitler (* 20. 04.1889, † 30.04.1945)
    „Es gibt die Ukraine im Verbund mit der UdSSR. Aber es gibt
    auch eine andere Ukraine im Verbund mit anderen Staaten. Es gibt
    Weißrussland im Verbund mit der UdSSR. Aber es gibt auch ein
    anderes Weißrussland im Verbund mit anderen Staaten“ [287].
    J. W. Stalin (* 18. 12.1878, † 05.03.1953)
    Um den Sinn der Ereignisse zu verstehen, mit denen wir uns in diesem Kapitel
    beschäftigen werden, müssen wir erneut auf die Karte schauen und uns überzeugen,
    dass die UdSSR und Deutschland keine gemeinsame Grenze hatten.
    182
    Die Sowjetunion überfallen konnte Hitler nur von einem ihrer
    Nachbarstaaten, d.h. von den baltischen Staaten (Litauen, Lettland und Estland), von
    Polen und Rumänien. Aber rein praktisch gesehen, war die Situation wesentlich
    komplizierter. Litauen, Lettland und Estland waren unabhängige Staaten, die aus
    Bruchstücken des Russischen Imperiums von Großbritannien und Frankreich mit
    dem Ziel geschaffen wurden, eine sichere Pufferzone zwischen Russland und
    Deutschland zu bilden. Allein schon der Gedanke, dass sich die zwei großen Mächte
    (Deutschland und Russland, Anm. d. Übers.) verbünden könnten, löste bei den
    Angelsachsen schreckliche Alpträume aus. Die britische Politik nach dem Ersten
    Weltkrieg war deshalb stets von dem Gedanken geprägt, eine derartige Annäherung
    von vorn herein auszuschließen.
    Die Bildung neuer Länder, die Hilfe und Unterstützung bei der
    Erlangung ihrer Unabhängigkeit ist immer der Tatsache geschuldet, dass die
    großen „Spieler“ dieser Welt, daran ein sehr konkretes politisches Interesse
    haben. Uneigennützigkeit und Herzensgüte gibt es in der Politik nicht.
    Kümmert sich gegenwärtig die USA um den „Aufbau der Demokratien“ in
    Georgien, in der Ukraine und in Moldawien, weil sie sich um den Wohlstand
    in diesen Ländern sorgt? Sicher nicht!
  • 183
  • Die Idee ist immer die gleiche – es geht um die Schaffung einer
  • Pufferzone aus feindlich gesinnten Staaten, die das eingekreiste Russland zu
  • aufwendigen Schutzmaßnahmen zwingt. Um einen Präzedenzfall zu schaffen,
  • spaltet die „zivilisierte Welt“ Jugoslawien und erkennt Kosovo als
  • selbständigen Staat an.
  • In Deutschland lief alles erfolgreich: Die Nazis und der von Großbritannien
  • angebetete Führer sind an die Macht gekommen. Aber in Russland ist plötzlich eine
  • „unangenehme“ Situation eingetreten. Genosse Stalin besiegte Trotzki und begann,
  • das zerstörte Imperium wieder aufzubauen. Der Puffer von Staaten, der früher die
  • Staaten voneinander trennte, wurde zum Hindernis für den geplanten Überfall auf
  • die UdSSR.
  • Die Situation hatte sich verändert und verlangte von den Briten eine
  • Veränderung der Aufgaben: Es kam die Zeit, in der die künstlich von den
  • freundlichen Briten geschaffenen Staaten still und leise Hitler „übergeben“ werden
  • mussten. Die verwirrten Historiker, die nachdenklichen Politiker und Analytiker
  • fragen: Warum haben Großbritannien und Frankreich eine Position nach der anderen
  • gegenüber Hitlerdeutschland aufgegeben? Sie schreiben in ihren Büchern und
  • Memoiren über die unwahrscheinliche Friedensliebe, die offensichtlich London und
  • Paris wie ein Virus erfasst hat. Inzwischen stritt sich Hitler mit den Briten nicht
  • wegen seiner Aggressivität, sondern wegen seiner – wie sie meinten – völlig
  • unangebrachten Friedensliebe …
  • Doch kehren wir zur Karte Europas zurück. Sie erklärt uns vieles. Die
  • Unabhängigkeit der baltischen Staaten war genauso illusorisch, wie die der
  • Tschechoslowakei. Wenn Hitler diese Gebiete für den Überfall auf die UdSSR
  • gebraucht hätte, dann hätte er sie unter einem bestimmten Vorbehalt ohne Zweifel
  • auch erhalten. Für einen Angriff auf die UdSSR waren sie jedoch nicht besonders
  • geeignet.
  • 184
  • Das Territorium von Polen, der so genannte „polnische Korridor“, trennte
  • Ostpreußen vom Deutschen Reich und machte eine bedeutende Truppenkonzentration praktisch unmöglich. Im Falle einer militärischen Auseinandersetzung mit der UdSSR befinden sich die deutschen Truppen in einer äußerst
  • ungünstigen Situation: Ihr Hinterland, ihre Versorgung, d.h. alle ihre
  • Kampfhandlungen hängen allein vom Wohlwollen der Polen ab. Genauer gesagt,
  • von der Loyalität Großbritanniens und Frankreichs. Das war der Haken. Polen, der
  • wichtigste Verbündete von Paris und London in Osteuropa, war zugeschnitten – wie
  • die Tschechoslowakei und die baltischen Staaten – von der siegreichen Entente aus
  • deutschen und russischen Gebieten. Diejenigen (Großbritannien und Frankreich,
  • Anm. d. Übers.), die Hitlers Aggressivität auf den Osten orientierten, ihm die dazu
  • erforderlichen Territorien, Produktionskapazitäten und Bodenschätze gaben, hatten
  • letztendlich auch den Schlüssel für den künftigen Krieg in ihrer Hand [288].
  • Ohne eine Teilnahme von Polen am Überfall auf die UdSSR war es nicht
  • möglich, den deutschen Truppen die erforderliche Schlagkraft zu geben. Davon war
  • die deutsche Generalität bereits nach ihrer ersten Kommando-Stabs-Übung für den
  • Plan „Barbarossa“ im Herbst 1936 überzeugt. Die Schlussfolgerung des deutschen
  • Generalstabes lautete: Wir werden keinerlei konkrete Lösung bezüglich der
  • Ostkampagne finden, bevor nicht die Frage der Schaffung einer Operations-basis
  • direkt in Ostpolen geklärt wird [289].
  • Die Frage des Einverständnisses der Polen und die Frage ihrer Mitwirkung
  • waren für Hitler deshalb von entscheidender Bedeutung. Diejenigen, die denken,
  • dass Warschau über seine Handlungen frei und unabhängig entscheiden konnte,
  • sollten sich an den Selbstmord der „unabhängigen“ Tschechoslowakei erinnern. Wie
  • ein Samurai beging sie auf Befehl ihres Herrn Harakiri …
  • Wie ein großer Korken versperrte Polen Hitler den Weg zur sowjetischen
  • Grenze. Es lag in der Macht der Briten und Franzosen diesen Korken im richtigen
  • Moment herauszuschlagen. An der rechten Flanke des deutschen Aggressors
  • bereitete sich Rumänien auf den Angriff gegen die Sowjetunion vor. Eine
  • Freundschaft von Hitler mit den Rumänen gab es noch nicht. Aber das war kein
  • Problem. Rumänien, wie auch die Tschechoslowakei und Jugoslawien, waren
  • Mitglieder der Kleinen Entente und Verbündete von London und Paris. Für einen
  • erfolgreichen Krieg waren die Briten bereit, auch dieses Land Hitler zu übergeben.
  • Die rumänischen Erdölvorkommen wurden für die hoch motorisierte Wehrmacht im
  • kommenden Krieg dringend gebraucht.
  • Wer in Rumänien wirklich herrschte, dass kann anhand der folgenden
  • Fakten festgestellt werden. Im Jahre 1929 wurde auch dieses Land von der
  • Weltwirtschaftskrise überrollt. Noch im gleichen Jahr erhielt die rumänische
  • Regierung von amerikanischen, französischen und britischen Banken so
  • genannte Darlehen für die „Stabilisierung“, im Jahre 1931 – für die
  • „Entwicklung“. Die Kreditbedingungen waren derart unverschämt, dass
  • 185
  • Rumänien bis zum Jahre 1932 weder die jährlichen Schulden noch die Zinsen
  • zurückzahlen konnte. In Verbindung mit diesen Krediten erhielten viele
  • ausländische Unternehmen Konzessionen und damit auch das Monopol in
  • wichtigen Wirtschaftszweigen: z.B. für Telefonstationen, Tabak, Salz,
  • Streichhölzer, Zigarettenpapier, … Zur Abwendung des Staatsbankrotts
  • wurde 1932 nach Rumänien eine Kommission (9 Spezialisten) gesandt, die
  • letztendlich die Kontrolle über alle Ein- und Ausgaben des Landes und auch
  • über die rumänische Nationalbank übernahm. Rumänien wurde de facto vom
  • Ausland regiert. Unter den Kreditgebern war keine einzige Bank aus
  • Deutschland [290].
  • Das Deutsch-Rumänische Wirtschaftsabkommen vom 23. März 1939 und seine spätere
  • Präzisierung in Zusatzabkommen lag ausschließlich im Interesse der deutschen Kriegswirtschaft
  • und im Interesse des Profits einiger weniger rumänischer Unternehmer. Die Kosten und
  • praktischen Konsequenzen dieses Vertrages musste das rumänische Volk in den folgenden Jahren
  • bis zum August 1944 mit ungeheuren Blutopfern und mit einer krassen Senkung seines ohnehin
  • sehr niedrigen Lebensstandards tragen.
  • Wie stellte sich das ferne London das Szenarium des Krieges zwischen
  • Deutschland und der UdSSR vor? Ganz einfach: Unter Nutzung der bereitgestellten
  • wirtschaftlichen, territorialen und politischen Möglichkeiten überfällt Deutschland
  • die Sowjetunion. An diesem Krieg nehmen auch die Polen teil, die schon lange von
  • einer Wiedergeburt des „Großen Polens“ mit Gebieten der Ukraine, Weißrusslands
  • und Russlands träumen. Es ist völlig egal, ob Hitler diesen Krieg gewinnt, oder – bis
  • zu den Ohren – darin versinkt. Auf Befehl der Briten kann Polen im Hinterland den
  • 186
  • Deutschen jederzeit den „Hahn zudrehen“ und damit den Nachschub für die
  • deutschen Truppen (Treibstoff und Munition) unterbrechen. In die Konfliktzone
  • fliegen dann die Amerikaner, Franzosen und Briten ein und diktieren den Deutschen
  • und Russen ihren Frieden, ihre „Freiheit“ und ihre „Demokratie“.
  • Genau im Jahre 1938 beginnt eine zügellose Aufrüstung der
  • „friedliebenden Mächte“. Die Behauptung, sie wollten sich vor Hitler
  • schützen, ist völlig unzutreffend. Um sich zu verteidigen, brauchten sie nicht
  • einmal die vorhandenen bescheidenen Waffen. Darüber wird in diesem Buch
  • berichtet. Sie brauchten die neuen Waffen, um Hitler in den Rücken zu fallen
  • und um dem ausgebluteten Russland ihren Willen zu diktieren. „Die
  • militärischen Vorbereitungen der Vereinigten Staaten von Amerika auf einen
  • Land-, Luft- und Seekrieg … laufen im beschleunigten Tempo und haben
  • schon die enorme Summe von 1.250 Millionen Dollar verschluckt“, lesen wir
  • im Bericht des polnischen Botschafters, Graf Jerzi Potocki, aus Washington
  • am 16. Januar 1939 [291]. Chamberlain, der „unserer Generation“ den
  • Frieden gebracht hat, „erklärte“ schon drei Tage nach seiner Rückkehr aus
  • der Idylle Münchens „im Unterhaus die Aufrüstung um jeden Preis“ [292].
  • Nach diesem Szenarium
  • wird in der UdSSR ein „demokratischer“ Staat gegründet, der bereit ist, alle
    Schulden des zaristischen Russlands zu übernehmen, der dem Westen alle
    187
    nationalisierten Unternehmen zurückgibt und der es ihm fast kostenlos
    erlaubt, russisches Erdöl zu fördern, russische Diamanten zu gewinnen und
    den russischen Wald abzuholzen;
  • werden in Deutschland die Generäle Hitler stürzen, der die Deutschen von der
    ganzen zivilisierten Welt getrennt hat.
    Die Anwesenheit von polnischen Truppen an den Grenzen ihres Landes und
    im Hinterland der in Russland kämpfenden deutschen Armee schloss ein Widerstand der Deutschen völlig aus. Die Menschenrechtsschützer und Journalisten, die
    plötzlich ihr Augenlicht wiedererlangen, „sehen“ in diesem Moment die ganzen
    grausamen Verbrechen der Faschisten. Weiter folgt – der „Nürnberger Prozess“, die
    Verurteilung des Nationalsozialismus, die Hinrichtung seiner Führer – mit einem
    Wort alles, was in Wirklichkeit auch geschah.
    Es ist wichtig zu verstehen, dass die Angelsachsen sich mit Hitler, den sie auf
    Russland hetzten, nicht auf eine Stufe stellten und ihm an ihrem eigenen „Tisch“
    auch keinen Platz anboten. Nach der schweren blutigen Arbeit in unseren
    grenzenlosen Weiten konnte Adolf auch keine gleichberechtigte Partnerschaft mit
    der britischen Aristokratie (Lords, Ladys, Sirs, …) erwarten, sondern bestenfalls
    eine Gerichtsbank oder eine Giftampulle. Nachdem er seine dreckige Arbeit zur
    Ausrottung der Bolschwiken (genauer gesagt der Russen) erledigt hatte, musste er
    gemeinsam mit dem Nationalsozialismus spurlos verschwinden. Die friedliebende
    Menschheit wird den Briten, Franzosen und Amerikanern für ihre „Befreiung“ vom
    schrecklichen Faschismus ewig dankbar sein und sie noch mehr lieben. Solche
    Länder wie die Tschechoslowakei, Österreich, Estland, Litauen und Lettland
    werden erneut zu „unabhängigen“ und „demokratischen“ Staaten erklärt. Bis zu dem
    Moment, wenn sie im Interesse der politischen Spiele ihrer Herren erneut zur
    Schlachtbank geführt werden.
    Sie haben Recht, verehrter Leser, dieses Szenarium der Aggression ist sehr
    bedingt und sehr schematisch. Da sich die Ereignisse in Wirklichkeit völlig anders
    entwickeln, hat uns auch niemand jemals daran erinnert, wie sie tatsächlich
    „geplant“ waren. Denn als direkte Organisatoren dieses Horrors würden die
    zukünftigen Sieger des Zweiten Weltkrieges ziemlich widerlich und abstoßend
    aussehen.
    Hat der Kreml die politische Patience, die von den Regierungen
    Großbritanniens und Frankreichs auf den europäischen Tisch gelegt wurde,
    verstanden? Ohne Zweifel! Nur ein Blinder konnte nicht verstehen und nicht
    bemerken, mit welchem Ziel das 3. Deutsche Reich unter der Führung von Adolf
    Hitler gezüchtet worden ist. Noch am 1. März 1936, d.h. lange vor der Übergabe
    von Österreich und der Tschechoslowakei an Hitler, gab Josef Stalin dem
    amerikanischen Journalisten, Roy Howard, ein Interview. Auf die Fragen „Wie
    stellt sich die UdSSR den Überfall von Deutschland vor und aus welchen Positionen
    und in welche Richtungen wird das deutsche Militär einmarschieren, sagte der
    188
    Präsident der UdSSR folgendes: „Die Geschichte zeigt, wenn ein Staat einen
    anderen Staat überfallen will, sogar wenn sie nicht benachbart sind, dann beginnt er
    eine Grenze zu suchen, über die er zur Grenze des Staates gelangt, den er überfallen
    will. Ein aggressiver Staat findet solche Grenzen … Ich weiß nicht, welche Grenzen
    Deutschland für die Umsetzung seiner Ziele sucht, aber ich denke, dass sich Jäger
    finden werden, die dafür ihre Grenze „als Kredit“ bereitstellen“ [293].
    Wie wir gesehen haben, hatte Josef Wissarionowitsch Stalin Recht: Hitler
    gaben sie „als Kredit“ Österreich und die Tschechoslowakei. Langsam, aber
    zielstrebig führten sie ihn an die sowjetische Grenze. Eine Begrenzung auf das dem
    Führer übergebene Sudetenland war deshalb nicht möglich – er brauchte das
    gesamte Territorium der Tschechoslowakei. Hinter der Tschechei liegt die Slowakei
    mit der Grenze zur sowjetischen Ukraine. Dort liegen die Gebiete, die den
    „Schlüssel“ für den künftigen Krieg gegen Russland bilden. Es sind die
    Ukrainischen Karpaten.
    Das waren nicht nur Territorien – das war auch ein Vorwand.
    Jeder offensichtliche Aggressor, jedes blutige Regime braucht einen Vorwand
    für den Beginn eines Krieges. Je größer ihr Wahrheitsgehalt, umso besser. Ein
    derartiger Vorwand wurde für Hitler vorbereitet. Es war geplant, um Hitler die
    verbleibenden Gebiete der Tschechei gemeinsam mit Slowakei zu übergeben.
    Zur Slowakei gehörten auch die Ukrainischen Karpaten! Mit der
    Erlaubnis zur Übergabe der von Ukrainern bewohnten Enklave gaben die Briten
    Hitler ein Trumpf-As in die Hand. Zur UdSSR gehörte die Ukraine – zu Deutschland
    die Ukrainischen Karpaten. Ein Vorwand für den künftigen Krieg war gegeben.
    Verstehen Sie! Ein Teil muss mit dem anderen Teil vereinigt werden. Besonders
    dann, wenn irgendeine selbstständige ukrainische Regierung Adolf Hitler darum
    bittet …
    Nach der Übergabe eines Teils vom Territorium der Tschechoslowakei an
    Hitler in München, planten Großbritannien und Frankreich schon ein, ihm auch den
    Rest des Prager „Truthahns“ zu überlassen. Die Verletzung des Münchner
    Abkommens durch die Tschechen und die Einhaltung durch Hitler war mit einem
    einfachen Verfahren geplant. In einem Gespräch sagte der britische Premierminister
    Chamberlain: „ … Es ist nicht richtig zu denken, dass die (Münchner, Einf. d.
    Übers.) Garantien uns verpflichten, die vorhandenen Grenzen der Tschechoslowakei
    einzuhalten. Die Garantien gelten nur im Falle einer nicht provozierten Aggression
    [294].
    189
    Karte von Europa – August 1939
    Der Westen garantierte den Bestand der Rest-Tschechoslowakei nur im
    Falle eines Angriffs auf sie. Falls sie einfach zerfällt, entfallen jegliche Garantien.
    Genau das war der Weg zur Übergabe der gesamten Tschechoslowakei an Hitler.
    Wir müssen nur verstehen, dass der „Aggressor“ Deutschland und die
    „Friedensstifter“ Großbritannien und Frankreich nach einem vorab ausgearbeiteten
    und abgestimmten Plan vorgehen. Hitler spielte die Rolle des „bösen“
    Untersuchungsrichters, aber die Herren aus London und Paris – die guten, jedoch
    sehr willensschwachen. Ich muss zugeben, dass mich zunächst ein wichtiges Detail
    irritierte: Nach dem Abschluss des Münchner Abkommens wurde ein Teil der
    Karpaten nicht den Deutschen, sondern den Ungarn übergeben. Aus der britischen
    und französischen Presse dieser Zeit können wir jedoch entnehmen, dass diese
    Tatsache praktisch keinerlei Bedeutung besaß. Obwohl Adolf Hitler noch kein Stück
    der Karpaten mit ukrainischen Bürgern in Besitz genommen hat, provozierte ihn die
    westliche Presse zu aggressiven Handlungen gegen die UdSSR. Die besorgten
    Journalisten diktierten dem Führer seine weiteren Handlungen und gaben ihm zu
    verstehen, dass sie in den europäischen Hauptstädten Verständnis und Unterstützung
    190
    finden. „ Warum sollte Deutschland mit seiner Forderung nach Kolonien das Risiko
    eines Krieges mit Großbritannien und Frankreich eingehen, wenn es damit
    wesentlich weniger erhält, als in der Ukraine?“ [295] – schwätzte die französische
    Zeitung „Gringoire“ am 5. Januar 1939. In schillernden Farben beschrieb sie die
    unermesslichen Reichtümer, den Überfluss an Lebensmitteln, Korn und
    Bodenschätzen, die auf ihre neuen Herren warten. Und das alles liegt gleich
    nebenan, nur irgendwelche 100 km entfernt!
    Die Gerüchte, dass Hitler bald in die Ukraine einmarschieren wird,
    verbreiteten sich in Windeseile und erreichten irgendwann ihren politischen
    Höhepunkt. Der französische Botschafter in Deutschland, Robert Coulondre,
    berichtete – unter Bezug auf ein Gespräch mit faschistischen Führern – in Paris: „Es
    scheint, dass der Weg und die Mittel noch nicht genau bestimmt sind, aber das Ziel
    ist offensichtlich klar – die Große Ukraine wird die Kornkammer von Deutschland.
    Um dieses Ziel zu erreichen, muss Rumänien erobert, mit Polen verhandelt und von
    der UdSSR eine Stück Land gewaltsam abgetrennt werden. Die deutsche Dynamik
    ist selbst angesichts dieser Schwierigkeiten nicht aufzuhalten, in militärischen
    Kreisen wird schon über einen Feldzug in den Kaukasus und nach Baku gesprochen“
    [296].
    Auf Grund bestimmter Ereignisse nahm die Geschichte jedoch einen völlig
    anderen Verlauf. Auf den ersten Blick geschah nichts Ungewöhnliches. Am 10.
    März 1939 hielt J.W. Stalin auf der Tribüne des XVIII. Parteitages den
    191
    Rechenschaftsbericht des ZK der KPdSU(B). In seiner Rede gab es etwas
    Besonderes, über das wir in diesem Kapitel berichten müssen. Nicht, weil es
    erstmals in der Sowjetunion reguläre Fernsehübertragungen gab [297] und nicht,
    weil er wie viele andere auch, über den Krieg sprach. Dieser Vortrag von Stalin ist
    für das Verständnis der weiteren Ereignisse von sehr großer Bedeutung. Deshalb
    werden wir ihn an dieser Stelle auszugsweise mit bestimmten Kommentaren
    wiedergeben.
    „ … Hier eine Aufzählung der wichtigsten Ereignisse in der
    Berichtsperiode, die den neuen imperialistischen Krieg einleiteten. Im Jahre
    1935 überfiel Italien Abessinien (heutiges Äthiopien, Anm. d. Übers.) und
    annektierte es. Im Sommer 1936 organisierten Deutschland und Italien die
    militärische Intervention in Spanien, wobei sich Deutschland im Norden
    Spaniens und in Spanisch-Marokko und Italien im Süden Spaniens und auf
    den Balearen (Inselgruppe im westlichen Mittelmeer, Anm. d. Übers.)
    festsetzten. Im Jahre 1937 brach Japan, nach der Annexion der Mandschurei,
    in Nord- und Zentralchina ein, besetzte die Städte Peking, Tianjin, Shanghai
    und begann seine ausländischen Konkurrenten aus der Okkupationszone zu
    verdrängen. Im Frühjahr 1938 annektierte Deutschland Österreich und im
    Herbst 1938 das Sudetengebiet der Tschechoslowakei. Ende 1938
    bemächtigte sich Japan Kantons und im Februar 1939 der Insel Hainan“
    [298].
    Weil wir uns in diesem Buch mit Adolf Hitler beschäftigen, betrachten
    wir natürlich in erster Linie die deutschen Kriegshandlungen. Die Gründe, welche
    192
    Japan zu ähnlichen aggressiven Handlungen veranlassten, sind jedoch völlig analog:
    Die japanische Macht genoss die allerhöchste Anerkennung von Großbritannien,
    Frankreich und den USA. Mit ihrem Überfall auf China gelangte Japan an die
    Grenze der UdSSR früher als Adolf Hitler. Japan zögerte auch nicht, sich in
    Chalchyn Gol und am Chassansee auf erste Kampfhandlungen mit der sowjetischen
    Armee einzulassen. Wir erinnern uns, dass auch die nächste Olympiade an Japan
    (Tokio) übertragen wurde. Nicht nur wir, sondern auch Genosse Stalin haben
    verstanden, dass die Sowjetunion von beiden Seiten angegriffen werden sollte.
    Selbstverständlich waren die Japaner schon früher unsere Nachbarn, aber für
    die Entfaltung ihrer Armee brauchten sie das entsprechende Territorium und für den
    Beginn des Krieges – einen Vorwand. Der Zusammenstoß mit der sowjetischen
    Armee in der Mongolei ergab sowohl das eine als auch das andere.
    „ … Der Krieg ist unerbittlich. Man kann ihn hinter keinerlei Kulissen
    verstecken. Denn hinter keinerlei „Achsen“, „Dreiecken“ und
    „Antikomintern-Pakten“ lässt sich die Tatsache verstecken, dass Japan
    während dieser Zeit ein gewaltiges Gebiet von Chinas, Italien – Abessinien,
    Deutschland – Österreich und das Sudetengebiet, Deutschland und Italien
    gemeinsam – Spanien an sich gerissen haben, all dies gegen die Interessen der
    nichtaggressiven Staaten. Der Krieg blieb Krieg, der Kriegsblock der
    Aggressoren blieb ein Kriegsblock und die Aggressoren blieben Aggressoren.
    Ein kennzeichnender Zug des neuen imperialistischen Krieges besteht
    darin, dass er noch nicht zu einem allgemeinen, zu einem Weltkrieg geworden
    ist. Der Krieg wird von den aggressiven Staaten geführt, die die Interessen
    der nichtaggressiven Staaten, vor allem Großbritanniens, Frankreichs und
    193
    der USA, in jeder Weise schädigen; die letzteren weichen zurück, treten den
    Rückzug an, machen den Aggressoren ein Zugeständnis nach dem anderen.
    Somit vollzieht sich vor unseren Augen eine offene Neuaufteilung der Welt
    und der Einflusssphären auf Kosten der Interessen der nichtaggressiven
    Staaten, wobei diese keinerlei Versuche zur Abwehr unternehmen, in gewisser
    Weise sogar jene begünstigen. Unglaublich, aber wahr [299].
    Das „Wunder“ der neuen Friedenspolitik, welches die stärksten Staaten der
    Welt erfasste, war für die Beobachter im Kreml ein Alarmsignal. Sie hatten keinerlei
    Illusionen, mit welchem Ziel diese Politik verfolgt wurde.
    „Wodurch ist dieser einseitige und seltsame Charakter des neuen
    imperialistischen Krieges zu erklären? Wie konnte es geschehen, dass die
    nichtaggressiven Länder, die über gewaltige Möglichkeiten verfügen, so
    leicht und ohne Widerstand zugunsten der Angreifer ihre Positionen
    preisgaben und sich von ihren Verpflichtungen lossagten? Ist dies etwa durch
    die Schwäche der nichtaggressiven Staaten zu erklären? Natürlich nicht! Die
    nichtaggressiven, demokratischen Staaten sind zusammen unzweifelhaft
    stärker als die faschistischen Staaten, sowohl in ökonomischer als auch in
    militärischer Hinsicht.
    Wodurch sind also in diesem Falle die systematischen Zugeständnisse
    dieser Staaten an die Aggressoren zu erklären? Man könnte dies zum Beispiel
    mit der Furcht vor einer Revolution erklären, die ausbrechen könnte, wenn
    die nichtaggressiven Staaten in den Krieg eintreten und der Krieg zu einem
    Weltkrieg wird… Aber das sind z. Z. nicht die einzigen und nicht einmal die
    wichtigsten Ursachen. Die wichtigsten Ursachen bestehen darin, dass sich die
    meisten nichtaggressiven Länder und vor allem Großbritannien und
    Frankreich von der Politik der kollektiven Sicherheit, von der Politik der
    kollektiven Abwehr der Aggressoren losgesagt haben, dass sie die Position
    der Nichteinmischung, die Position der „Neutralität“ bezogen haben“ [300].
    Charakteristisch ist, dass Stalin, wenn er über die Revolution spricht, diese als
    zweitrangigen Grund für die Zugeständnisse der „nichtaggressiven Staaten“ nennt.
    Seine Rede, die zunächst an einen sehr stillen Fluss erinnert, gewinnt an Kraft und
    endet schließlich in einem furchtgebietenden Gebirgsstrom.
    „Formal gesehen könnte man die Politik der Nichteinmischung wie folgt
    charakterisieren: „Jedes Land möge sich gegen die Aggressoren verteidigen
    wie es will und wie es kann, wir scheren uns nicht darum, wir werden sowohl
    mit den Aggressoren als auch mit ihren Opfern Handel treiben“. In
    Wirklichkeit bedeutet jedoch die Politik der Nichteinmischung eine
    Begünstigung der Aggression, die Entfesselung eines Krieges und folglich
    seine Umwandlung in einen Weltkrieg. In der Politik der Nichteinmischung
    194
    wird das Bestreben, bzw. der Wunsch sichtbar, die Aggressoren bei der
    Ausführung ihres dunklen Werkes nicht zu hindern, z.B. Japan nicht zu
    hindern, sich in einen Krieg mit China, noch besser aber gegen die
    Sowjetunion einzulassen, z.B. Deutschland nicht zu hindern, sich in
    europäische Angelegenheiten zu verstricken, sich in einen Krieg mit der
    Sowjetunion einzulassen, alle Kriegsteilnehmer tief in dem Morast des
    Krieges versinken zu lassen, sie im Stillen dazu anzuspornen, dazu zu bringen,
    dass sie einander schwächen und erschöpfen, dann aber, wenn sie genügend
    geschwächt sind, mit frischen Kräften auf dem Schauplatz zu erscheinen und,
    natürlich, „im Interesse des Friedens“ aufzutreten, um den geschwächten
    Kriegsteilnehmern ihre Bedingungen zu diktieren. Wie billig und wie nett!“
    [301].
    Auf der Tribüne des Parteitages verkündet Stalin direkt und offen jene Pläne,
    die niemals umgesetzt werden, die aber in diesem Moment die größte Bedrohung
    und Gefahr für den von ihm geführten Staat darstellten. Warum konnten diese
    Drohungen nicht umgesetzt werden? Warum verlaufen die Ereignisse anders als im
    Szenarium geplant? Weil Stalin Hitler klar und deutlich sagte, welches Schicksal
    195
    Deutschland erwartet: Nach ihrer Schwächung im Krieg gegen die UdSSR,
    unterliegen die Deutschen (wie übrigens auch die Japaner) dem brutalen Diktat der
    „nichtaggressiven Staaten“, die damit konsequent ihre „Nichteinmischungs-politik“
    demonstrieren.
    „Oder nehmen wir z.B. Deutschland. Man trat Deutschland Österreich
    ab, ungeachtet der Verpflichtung, die Selbstständigkeit Österreichs zu
    verteidigen, man trat ihnen das Sudetengebiet ab, überließ die
    Tschechoslowakei ihrem Schicksal, womit man allen und jeden
    Verpflichtungen zuwider handelte, und begann dann in der Presse lärmend zu
    lügen, dass die „russische Armee schwach“, die „russische Luftflotte
    zersetzt“ sei, dass es in der Sowjetunion „Unruhen“ gebe, wodurch man die
    Deutschen anstachelte, weiter nach Osten vorzustoßen, ihnen leichte Beute
    versprach und ihnen zuredete: Fangt nur den Krieg gegen die Bolschewiki an,
    weiter wird alles gut gehen. Man muss zugeben, dass dies ebenfalls einem
    Antreiben, einer Ermunterung des Aggressors sehr ist.
    Kennzeichnend ist der Lärm, den die englische, französische und
    nordamerikanische Presse um die Sowjetunion erhob. Die Vertreter dieser
    Presse schrien sich heiser, dass die Deutschen gegen die Sowjetukraine
    marschieren, dass sie gegenwärtig die so genannten Ukrainischen Karpaten
    in den Händen haben, die etwa 700 tausend Einwohnern zählt, und dass die
    Deutschen nicht später als im Frühling dieses Jahres den Anschluss der
    Sowjetukraine mit mehr als 30 Millionen Einwohnern an die ukrainischen
    Karpaten vollziehen würden. Es hat den Anschein, als ob dieser verdächtige
    196
    Lärm den Zweck hatte, bei der Sowjetunion Wut gegen Deutschland zu
    erregen, die Atmosphäre zu vergiften und einen Konflikt mit Deutschland zu
    provozieren, ohne dass dazu sichtbare Gründe vorliegen“ [302].
    Wie man sagt, Kommentare sind überflüssig. Die Ansprache an Hitler ist
    einfach und klar: Du wirst provoziert uns zu überfallen, wir werden provoziert uns
    zu verteidigen. Sobald wir in einem Kampf verstrickt sind, werden „sie“ unsere
    Bodenschätze verteilen und Deutschland erneut das Fell über die Ohren ziehen.
    Möchtest Du, Adolf Hitler, das haben? Hast Du dafür Deine Partei geschaffen und
    deshalb begonnen Deutschland aus dem Abgrund zu ziehen, in den die käuflichen
    Politiker der Weimarer Republik das Land gestürzt haben?
    In seiner weiteren Rede wendet sich Stalin direkt an Hitler mit einer
    sensationellen Information von gewaltiger Stärke, die wie eine Bombe einschlägt!
    „Noch kennzeichnender ist es, dass gewisse Politiker und Pressevertreter in Europa und in den Vereinigten Staaten, die in Erwartung eines
    „Feldzuges gegen die Sowjetukraine“ die Geduld verloren haben, selber dazu
    übergehen, die wahren Hintergründe der Nichteinmischungspolitik zu
    enthüllen. Sie erklären geradeheraus und geben es schwarz auf weiß zu, dass
    sie von den Deutschen schwer „enttäuscht“ seien, da diese, statt weiter nach
    Osten, gegen die Sowjetunion vorzustoßen, sich – man denke nur – nach
    Westen wenden und Kolonien verlangen. Der Gedanke liegt nahe, man habe
    den Deutschen Gebiete der Tschechoslowakei als Kaufpreis für die
    Verpflichtung gegeben, den Krieg gegen die Sowjetunion zu beginnen, dass
    sich aber die Deutschen nunmehr weigern, den Wechsel einzulösen, und
    den Gläubigern die Tür weisen.
    Ich bin weit davon entfernt, über die Nichteinmischungspolitik zu
    moralisieren, von Verrat, von Treuebruch und dergleichen zu sprechen. Es
    wäre naiv, Leuten, die die menschliche Moral nicht anerkennen, Moral zu
    predigen. Politik ist Politik, wie die alten durchtriebenen bürgerlichen
    Diplomaten sagen. Es ist jedoch notwendig zu bemerken, dass das große und
    gefährliche politische Spiel, das die Anhänger der Nichteinmischungspolitik
    begonnen haben, für sie mit einem ernsten Fiasko enden kann.
    So sieht in Wirklichkeit die heute herrschende Nichteinmischungspolitik aus. Das ist die politische Lage in den kapitalistischen Ländern“
    [303].
    Auf der Tribüne des XVIII. Parteitages legte Josef Wissarionowitsch Stalin
    den Delegierten in konzentrierter Form dar, was in der Weltpolitik nach seinem Sieg
    über Lew Dawidowitsch Trotzki geschehen ist. An dieser Stelle macht die Mehrheit
    der Historiker und Geschichtsforscher einen gewaltigen Fehler: Sie scheinen
    tatsächlich zu glauben, dass der erste Mann des einen Staates sich mit dem ersten
    Mann des feindlichen Staates im Rahmen einer öffentlichen Rede unterhält.
    197
    Freundschaftsvorschläge, Friedensgespräche und Bündnisse werden demnach
    erstmals auf Parteitagen gemacht, während der Debatten im Parlament oder im
    Verlaufe von Pressekonferenzen.
    Sich im Rahmen eines öffentlichen Auftritts auf diese Art und Weise direkt
    oder indirekt an den Staatsführer eines Landes zu wenden, ist im Prinzip möglich,
    aber nicht üblich. Dieser Weg bildet jedoch niemals die Grundlage für den Aufruf
    zur Kontaktaufnahme oder für den Beginn von Kontakten zwischen zwei Staaten!
    Es ist kein Geheimnis, dass es neben der offiziellen Diplomatie auch eine geheime
    Diplomatie gibt. In diesem Milieu treffen sich keine Außenminister und keine
    Diplomaten, sondern äußerlich völlig unauffällige, unbedeutende und konspirativ
    handelnde Persönlichkeiten. Sie diskutieren die Perspektiven der Beziehungen
    zwischen ihren Ländern. Wenn diese Subjekte in Abstimmung mit den Chefs ihrer
    Länder in irgendeinem Kaffee oder in irgendeiner Bierkneipe die Grundlage für
    einen Kompromiss gefunden haben, dann erfolgt „plötzlich“ von hoher Tribüne eine
    Erklärung, mit der die Historiker den Wendepunkt in den internationalen
    Beziehungen verbinden.
    Am 22. Oktober 1962 speisen in dem amerikanischen Top-Restaurant
    „Occidental“ in Washington zwei Herren: Alexander Feklisov, Leiter des
    sowjetischen KGB-Büros (Büro für Staatssicherheit, Anm. d. Übers.) und
    John Scali, Moderator politischer TV-Sendungen eines amerikanischen
    Fernsehkanals und Vertrauter des Präsidenten Kennedy. In ihrem Gespräch
    geht es um das Schicksal der Welt – um Krieg oder Frieden. Von ihnen wurden
    die Grundlagen eines Kompromisses ausgehandelt, der verhinderte, dass die
    so genannte Kuba-Krise in einen atomaren Weltkrieg mündet [304].
    198
    Sie, verehrter Leser, zweifeln daran? Dann erinnern Sie sich an die Geschichte
    der Machtergreifung Adolf Hitlers, die mit zahlreichen Aktivitäten der „geheimen
    bzw. verdeckten Diplomatie“ untersetzt war. Erinnern Sie sich an die vielen
    „genialen“ Entscheidungen des Führers in der Außenpolitik. Er traf seine
    Entscheidungen nicht „in weiser Voraussicht“ und nicht „dank göttlicher
    Vorsehung“, sondern weil er stets wusste, wie seine „Friedensstifter“ reagieren und
    konkret handeln werden. Wer sagte ihm, dass Frankreich keine Truppen in das
    Rheingebiet schickt? Wer garantierte ihm, dass London die allgemeine
    Mobilmachung und die enorme Stärkung seiner Armee einfach schluckt? Der
    französische und britische Botschafter? Der französische und britische
    Militärattaché der Botschaften? Nein, natürlich nicht. Hitlers „Vorsehung“ sind
    eindeutige Ergebnisse seiner geheimen Diplomatie [305].
    Niemand in der Welt offenbart seine eigenen diplomatischen Kanäle und die
    darüber verlaufenden verdeckten Aktivitäten. Denn sehr oft widersprechen sie der
    offiziellen Position der Regierung. Warum soll der britische Botschafter in Berlin
    wissen, dass Großbritannien im Ergebnis vieler Schritte und langjähriger
    Operationen den Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion vorbereitet? In jedem
    Fall muss er die offiziellen Aufträge seiner Regierung erfüllen und – wenn
    notwendig – auch Protestnoten übergeben. Über die nichtoffiziellen Kanäle hatte
    Hitler seine dreisten Schritte schon längst abgestimmt und die Bestätigung erhalten,
    dass er mit keinen negativen Folgen rechnen braucht.
    Verhandlungen hinter den Kulissen waren und sind keine Erfindung des 20.
    Jahrhunderts, sie sind auch kein Privileg irgendeiner Seite. In historischen Werken
    und Forschungsarbeiten können wir zahlreiche Beispiele über geheime Missionen,
    geheimnisvolle Gesandte und unerwartete Veränderungen im politischen Klima
    finden. Wir werden uns nicht in den historischen Dschungel vertiefen – Beweise
    über die geheime Diplomatie (Verhandlungen hinter den Kulissen) können wir in
    199
    vielen Büchern, die heutzutage völlig offen in den Bücherregalen stehen, finden.
    „Im April 1938 wurde der Leiter des sowjetischen NKWD in Finnland, Boris
    Rybkin, in den Kreml gerufen. Stalin und andere Mitglieder des Politbüros
    beauftragten ihn mit einer streng geheimen Aufgabe … Er sollte – am sowjetischen
    Botschafter vorbei – der finnischen Regierung inoffiziell eine Vereinbarung
    vorschlagen. Stalin betonte, das sei nur ein Test. Deshalb durfte dieser Vorschlag
    auch nur mündlich in Abwesenheit offizieller sowjetischer Vertreter unterbreitet
    werden. Rybkin handelte wie befohlen, aber sein Vorschlag wurde abgelehnt. Er
    führte jedoch zu einer Spaltung der finnischen Regierung, die später im
    Zusammenhang mit der Unterzeichnung eines separaten Friedensvertrages mit
    Finnland im Jahre 1944 genutzt werden konnte [306].
    Pavel Sudoplatov war ein Leiter des sowjetischen Geheimdienstes. Er wusste
    vieles, was selbst hochgestellte Persönlichkeiten in der UdSSR nicht kannten und
    für unmöglich hielten. Jedoch bestimmte Seiten der geheimen Diplomatie kannte er
    nicht. Über die geheimnisvollen Hintergründe im Zusammenhang mit dem
    Abschluss des Nichtangriffspaktes mit Deutschland wusste Sudoplatov z.B. gar
    nichts: „Trotzdem, die Schnelligkeit mit der dieser Nichtangriffsvertrag mit Hitler
    unterschrieben wurde, überraschte mich: nur zwei Tage vor der Unterzeichnung
    erhielt ich den Befehl, mögliche Wege zur friedlichen Regelung unserer
    Beziehungen mit Deutschland zu suchen.
    Wir waren noch dabei, unsere strategischen Vorschläge an Stalin und Molotov
    zu schicken, als wir schon die Nachricht erhielten, der Vertrag ist unterschrieben. In
    einer Atmosphäre strengster Geheimhaltung hat diese Verhandlungen Stalin selbst
    durchgeführt“ [307] (kursiv – Anm. d. V.)
  • Im Falle eines Krieges nach der
  • Zerschlagung Polens kann ggf. unter dem einen oder anderen Vorwand mit dem
  • 298
  • Westen neu verhandelt werden.
  • So hat Hitler die Situation eingeschätzt. Die Manöver der westlichen
  • Diplomaten haben nicht nur ihn betrogen. Die polnische Führung hat sehr langsam
  • begriffen, dass die Versprechen von Großbritannien und Frankreich vor dem Krieg
  • nur leere Worte waren. Wo sind die versprochenen Flugzeuge? Warum
  • bombardieren die Verbündeten noch keine deutschen Objekte? Warum erweist
  • Frankreich in Übereinstimmung mit dem Vertrag den Polen keine Hilfe? Wann
  • erklärt Frankreich dem Aggressor den Krieg?
  • Diese und viele andere Fragen stellte der polnische Botschafter dem
  • französischen Außenminister, Georges Bonnet, in Paris. Die Antwort von Bonnet
  • stellt den französischen Wunsch, Hitler ein paar Tage Vorlauf zu geben, außer Frage.
  • Die deutsche Armee soll diesen Vorlauf nutzen, um der polnischen Armee das
  • Rückgrat zu brechen. Die französische Regierung, so sagte Bonnet, kann das
  • Ultimatum nur nach der „Entscheidung des Parlaments, dessen Sitzung in der
  • zweiten Tageshälfte stattfindet“ [454], schicken. Das Ultimatum, welches dann nach
  • Berlin geschickt wird, läuft erst nach 48 Stunden ab. Erst dann, kann Deutschland
  • der Krieg erklärt werden.
  • Diese Antwort versetzte den polnischen Botschafter in Angst und Schrecken.
  • Die Verzweiflung der Polen kann man gut verstehen: Wir haben alles getan, was sie
  • uns gesagt haben, jetzt werden wir furchtbar geschlagen, aber eine Unterstützung
  • erhalten wir nicht. Nachdem die Polen jegliche Geduld verloren haben, bitten sie
  • schon nicht mehr, sondern fordern die Erfüllung der versprochenen Handlungen.
  • Am Abend des 2. September, nach der Sitzung des französischen Parlaments,
  • wandte sich der polnische Botschafter erneut an den Außenminister Bonnet. Auf
  • seine Frage antwortete er, dass das Ultimatum noch auf der Sitzung des Ministerrates
  • 299
  • diskutiert werden muss. „In diesem Moment verlor der Botschafter die Geduld, sagte
  • Bonnet, was er über ihn denkt und forderte die sofortige Erklärung des Ultimatums
  • an Deutschland“ [455]. Genau das gleiche Bild wurde in der britischen Hauptstadt
  • beobachtet. In der Nacht zum 3. September erhielt der polnische Botschafter in
  • London den Befehl, den britischen Außenminister, Earl of Halifax, aufzusuchen und
  • ihn an die Verpflichtungen seiner Regierung zu erinnern.
  • Im Ergebnis befand sich Deutschland drei ganze Tage allein mit den Polen im
  • Kriegszustand.
  • Die Ansprachen der polnischen Regierung an Großbritannien und Frankreich
  • wurden von Stunde zu Stunde immer hartnäckiger. Besonders wurde die Hilfe der
  • verbündeten Luftstreitkräfte gefordert. Alle Fehler, die von den Polen unter
  • „Anleitung“ ihrer Freunde aus London und Berlin zugelassen wurden, erweisen sich
  • plötzlich als äußerst verhängnisvoll. Der größte Teil der polnischen Flugzeuge
  • wurde bereits auf ihren Flugplätzen zerstört, durch die vollständige Luftherrschaft
  • der deutschen Flugzeuge wurden die polnischen Streitkräfte geschlagen und die
  • Mobilisierung neuer militärischer Kräfte förmlich gelähmt. Allein durch den Angriff
  • Deutschlands mit den Luftstreitkräften der Verbündeten könnte diese kritische
  • Situation schlagartig geändert werden. Aber es gab keine Flugzeuge, es gab auch
  • keine Angriffe auf deutsche Objekte und es gab nicht einmal Klarheit darüber, ob
  • Großbritannien und Frankreich Hitler den Krieg erklären!
  • Es begann ein widerliches und dreckiges Spiel des Westens, das in die
  • Geschichte unter der Bezeichnung „Der seltsame Krieg“ eingegangen ist. Am 3.
  • September 1939 erklären Großbritannien und Frankreich tatsächlich dem Dritten
  • Deutschen Reich den Krieg. Aus Warschau fliegt sofort eine polnische
  • Militärdelegation nach London. Es ist nicht schwer zu erraten, dass die polnischen
  • Generäle mit ihren Verbündeten konkrete Schritte zur Niederschlagung der

Publicado en: Historia, Política Internacional, Política Nacional

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