
… und leitete auf diese Art den Untergang Deutschlands ein?
Dieses Buch behandelt die Frage: Wer hat Hitler zu dem selbstmörderischen Überfall auf Stalin getrieben? Es handelt sich um die wahren Ursachen, Hintergründe und Inspiratoren der größten Katastrophe in der Geschichte Russlands, die am 22. Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion begann. Es entlarvt jene, die Hitler und seine Partei das Geld gaben und ihm halfen, an die Macht zu kommen. Ziel der Machtübernahme Hitlers war der Überfall auf die UdSSR, d.h. die „Korrektur“ der Fehler westlicher Geheimdienste, welche 1919 zur Machtübernahme der Bolschewiki in Russland führte. Anstatt mit dem geraubten Gut zu verschwinden, blieben Lenin und sein Kommando an der Macht und schufen eine starke Staatsmacht, die nicht bereit war, sich den westlichen Staaten unterzuordnen. Auf der Grundlage eines umfangreichen Fakten- und Tatsachenmaterials wird in diesem Buch der logische Zusammenhang der historischen Ereignisse vom September 1919 bis zum 22. Juni 1941 dargelegt. Im Ergebnis erkennt der Leser, wer der wahre Brandstifter des Zweiten Weltkrieges ist, d.h. wer gemeinsam mit den Nazis in Europa die Verantwortung für die ungeheuerlichen Verbrechen trägt. Dem Leser wird hier die erste Ausgabe dieses Buches angeboten, die von 2016 bis 2023 veröffentlicht wurde. Seit 2024 wurden die zweite, textlich und übersetzerisch vollständig neu überarbeitete Ausgabe des Buches von Nikolai Starikov „Wer zwang Hitler, Stalin zu überfallen?“ (ISBN 978-609-8047-81-3) und die dritte Ausgabe (ISBN 978-609-8303-11-7) mit einer neuen Typografie und mit gleichem Textinhalt jedoch mit der Covergestaltung der ersten Ausgabe bereits veröffentlicht.
Zusammenfassung für die englischsprachige Ausgabe:
In diesem Buch erfahren Sie, wer Hitler zu seinem selbstmörderischen Entschluss, Stalin anzugreifen, trieb. Sie erfahren, wer die wahren Paten der schlimmsten Katastrophe in der Geschichte Russlands waren, die sich am 22. Juni 1941 ereignete. Sie erfahren, wer Hitler und seiner Partei Geld gab und damit den Nazis zur Macht verhalf. In diesem Buch werden die wahren Gründe für das Nazi-Regime enthüllt: eine Aggression gegen die UdSSR, um einen früheren Fehler westlicher Geheimdienste zu korrigieren, der zum Bolschewismus in Russland geführt hatte. Anstatt mit ihrer Beute still und leise zu verschwinden, blieben Lenin und seine Leute im Land und bauten es zu einer globalen Supermacht zusammen, anstatt es dem Westen zu überlassen. Zahlreiche in diesem Buch angeführte Beweise helfen dabei, die gesamte Logik der Ereignisse von September 1919 bis Juni 1941 nachzuvollziehen. Der Leser wird aufgeklärt, wer die wahren Prediger und Drahtzieher des Zweiten Weltkriegs waren und wer zusammen mit den Nazis für ihre verborgenen Verbrechen verantwortlich ist.
Das große Geheimnis: Wer hat Hitler gezwungen, Stalin zu überfallen?
Ein Beitrag von Jürgen Elsässer, veröffentlicht am 8. März 2022:
Wer hat Hitler zu dem selbstmörderischen Überfall auf Stalin getrieben? Nikolai Starikov, der heimliche Star unter den russischen Historikern, hat mit „Wer hat Hitler gezwungen, Stalin zu überfallen?“ ein brisantes Sachbuch über die Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs geschrieben, das alles auf den Kopf stellt. Muss man gelesen haben!
Was sind die wahren Ursachen und Hintergründe der größten Katastrophe in der Geschichte Russlands, die am 22. Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion begann? Es entlarvt jene, die Hitler und seiner Partei das Geld gaben und ihm halfen, an die Macht zu kommen.
Starikov geht davon aus, dass die Angelsachsen Hitlers Aufstieg von Anfang an gefördert haben, weil ihnen sein exzessiver Antibolschewismus ins geostrategische Konzept passte: Deutschland sollte unter NS-Führung der Festlandsdegen gegen die Sowjetunion sein. Aufgabe der Appeasement-Politik sei es gewesen, Hitlers Anglophilie auszunutzen und seine Aggression nach Osten zu lenken. Das war selbstverständlich keine leichte Aufgabe, nachdem das Deutsche Reich einen Nichtangriffspakt mit der Sowjetunion geschlossen hatte… Vor allem hatte der Nazi-Führer bei aller sonstigen Verblendung bereits in Mein Kampf erkannt, dass die wesentliche Ursache für die deutsche Niederlage 1914–18 der Zweifrontenkrieg gewesen war, den es bei einem zweiten Anlauf mit allen Mitteln zu verhindern galt. Folglich zielten die Avancen Hitlers gegenüber den Briten immer darauf ab, nur gemeinsam gegen den Osten zu ziehen. Das Kalkül in London war genau umgekehrt – den Zweifrontenkrieg herbeizuführen. Dazu musste Hitler im Glauben gelassen werden, er könne Frieden an der Westfront bekommen, wenn er nur endlich gegen Russland losschlägt. Starikov zeichnet das Abtasten zwischen Berlin und London während des Frankreich-Feldzuges nach: Winston Churchill sei Hitler entgegenkommen, indem er Pläne sabotierte, die zur Kanalküste vorstürmenden deutschen Panzerverbände durch eine britisch-französische Zangenbewegung abzuschneiden und einzukesseln. Im Gegenzug habe Hitler den Blitzkrieg vor Dünkirchen zum Entsetzen sei- ner Generäle gestoppt und dadurch die Evakuierung des englischen Expeditionskorps ermöglicht…
Starikov ist auch in Russland eher ein Geheimtipp und keineswegs ein Kreml-Historiker. Als Stalinist passt er schlecht zum Realpolitiker Putin, und tatsächlich führt ihn seine Schwäche für den «großen Generalissimus» bisweilen auf halsbrecherische Abwege. Trotzdem sind viele seiner Quellen interessant und verdienen weitere Prüfung. Putin hat den Weg dafür freigemacht: «Wir wissen auch nicht, ob es irgendwelche ”geheimen Protokolle” und Anhänge zu den Vereinbarungen einiger Länder mit den Nazis gab. Es bleibt nur, dem Wort zu glauben. Unter anderem sind Materialien über geheime britisch-deutsche Gespräche bis heute nicht freigegeben worden. Daher rufen wir alle Staaten dazu auf, den Prozess der Öffnung ihrer Archive, die Veröffentlichung bisher unbekannter Dokumente aus der Vorkriegs- und Kriegszeit zu intensivieren – so, wie es Russland in den vergangenen Jahren getan hat. Wir sind hier zu einer breiten Zusammenarbeit, zu gemeinsamen Forschungsprojekten von Historikern bereit.»
Rudolf Heß und seine Geheimnis
Von besonderem Interesse dürften die Unterlagen zum Flug des Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß nach England sein – im Mai 1941 der letzte Versuch, mit den Briten ins Geschäft zu kommen. Heß starb unter mysteriösen Bedingungen 1987 im Kriegsverbrechergefängnis von Spandau – kurz bevor er, nachdem Moskau sein Veto gegen eine Haftentlassung zurückgenommen hatte, hätte freigelassen werden können. Welche Erinnerungen über «geheime britisch-deutsche Gespräche» (Putin) nahm er mit ins Grab? Und gibt es darüber Dokumente in britischen Archiven?
Andererseits ist auch Putin noch einiges schuldig. Starikov fragt: «Und was brachte Stalin die deutsche Junker.52, die fünf Tage, nachdem Heß nach Großbritannien flog, in den sowjetischen Luftraum eindrang und am 15. Mai 1941 in Moskau (unweit vom Dynamo-Stadion) landete?» Spannende Diskussionen stehen bevor – wenn Moskau wirklich Ernst macht.
Im Folgenden wird der gesamte Text für Diejenigen unter uns wiedergegeben, die es genauer wissen wollen. Sieger-Geschichte wird durch das Starikov-Buch mit zahlreichen Dokumenten und völlig logischen/plausiblen Schlussfolgerungen a u f g e w e i c h t … ein seltenes «demokratisches Ereignis»:
Dieses Buch behandelt die Frage: Wer hat Hitler zu dem selbstmörderischen
Überfall auf Stalin getrieben? Es handelt von den wahren Ursachen, Hintergründe
und Inspiratoren der größten Katastrophe in der Geschichte Russlands, die am 22.
Juni 1941 mit dem Überfall auf die Sowjetunion begann. Es entlarvt jene, die Hitler
und seiner Partei das Geld gaben und ihm halfen, an die Macht zu kommen. Ziel der
Machtübernahme Hitlers war der Überfall auf die UdSSR, d.h. die „Korrektur“ der
Fehler westlicher Geheimdienste, welche 1919 zur Machtübernahme der
Bolschewiki in Russland führte. Anstatt mit dem geraubten Gut zu verschwinden,
blieben Lenin und sein Kommando an der Macht und schufen eine starke
Staatsmacht, die nicht bereit war, sich den westlichen Staaten unterzuordnen. Auf
der Grundlage eines umfangreichen Fakten- und Tatsachenmaterials wird in diesem
Buch der logische Zusammenhang der historischen Ereignisse vom September 1919
bis zum 22. Juni 1941 dargelegt. Im Ergebnis erkennt der Leser, wer der wahre
Brandstifter des Zweiten Weltkrieges ist, d.h. wer gemeinsam mit den Nazis in
Europa die Verantwortung für die ungeheuerlichen Verbrechen trägt.
Erscheinungsjahr 2008
Inhaltsverzeichnis………………………………………………………………………………………… 3
Vom Autor………………………………………………………………………………………………….. 4
Warum ist die Geschichte des Zweiten Weltkrieges nach wie vor voller Rätsel? … 5
Wer gab Hitler das Geld?……………………………………………………………………………. 21
Lew Trotzki – der Vater der deutschen Nazi-Ideologie…………………………………… 61
Warum wollten Großbritannien und Frankreich den Zweiten Weltkrieg nicht
verhindern?……………………………………………………………………………………………… 113
Weshalb schenkten London und Paris Hitler Wien und Prag? ……………………….. 140
Wie sich Adolf Hitler an einem Tag in einen „arroganten Aggressor“ verwandelte
………………………………………………………………………………………………………………. 181
Warum liebt der Westen weder Molotov noch Ribbentrop? ………………………….. 225
Ergebenes Polen ………………………………………………………………………………………. 287
Wie die Briten Frankreich seinem Schicksal überließen ……………………………….. 309
Schicksalsliebe von Adolf Hitler ……………………………………………………………….. 359
Literatur und Anmerkungen………………………………………………………………………. 388
Wer hat Hitler gezwungen Stalin zu überfallen?
Ein Vorwort vom Autor Nicolay Starikov
Allen für Russland Gefallenen gewidmet!
Dieses Buch handelt weder vom Großen Vaterländischen Krieg noch vom
Zweiten Weltkrieg.
Sie finden in diesem Buch keine neuen Daten über die Anzahl der Panzer,
Kanonen und Flugzeuge der sich feindlich gegenüberstehenden Armeen.
Wir untersuchen auch keine Details der Gefechte der Land-, See- und
Luftstreitkräfte.
Dieses Buch ist keine Biografie von Adolf Hitler oder eine akribische
Forschungsarbeit über die Geschichte der NSDAP.
Wir vertiefen uns nicht in das Dickicht der Nazi-Ideologie und zählen nicht die
unzähligen Opfer der faschistischen Henker.
Dieses Buch handelt über jene, welche
- diesen schrecklichen Krieg erst möglich gemacht haben;
- Hitler und seine Partei finanziert haben;
- Hitler geholfen haben, die Macht zu ergreifen;
- Hitler die erforderlichen Waffen, neue Territorien und ihm den festen
Glauben an seine Allmacht gegeben haben.
Wer trägt gemeinsam mit den Führern des faschistischen Deutschlands die
Verantwortung für ihre beispiellosen Verbrechen? Wer verdient es, gemeinsam mit
den Nazis auf einer Anklagebank zu sitzen?
Dieses Buch erzählt Ihnen die Geschichte über die wahren Ursachen,
Hintergründen und Inspiratoren des schrecklichsten und grausamsten Krieges in der
Geschichte der Menschheit.
Vom Übersetzer
Diese Übersetzung erfolgte freiwillig, unentgeltlich und ohne kommerzielle Absichten und Ziele.
Sie dient allein der Wahrheitsfindung für unsere Kinder und Kindeskinder.
Vom Verlag „Baltosios Gulbes“ habe ich offiziell die Erlaubnis erhalten, dass das von mir in die
deutsche Sprache übersetzte Buch auf meiner Internetseite http://www.dr-schacht.com
veröffentlicht werden kann. Um das Interesse der deutschen Leser an diesem einmaligen Lehrbuch
unserer Geschichte zu wecken, habe ich mir erlaubt, in den Text mehr als 300 Bilder und
Graphiken einzubauen. In den vom Verlag gedruckten Exemplaren des Buches sind diese Bilder
selbstverständlich nicht enthalten.
Dr. Wolfgang Schacht ( dr_schacht@t-online.de )
5
Warum ist die Geschichte des Zweiten Weltkrieges nach wie vor
voller Rätsel?
„Dieser Krieg wird zum Ende aller Kriege. Der nächste auch.“
David Lloyd George (* 17. 01.1863, † 26.03.1945)
„Ich musste mich mit der Geschichte von Kriegen viel
beschäftigen, und zu allen Zeiten stellte ich fest: Die Zeitgenossen
verlegten den Krieg in eine unbestimmte Zukunft, während dieser sich
bereits an der Schwelle ihrer Länder befand.“
Carl von Clausewitz (* 1. Juni 1780, † 16. 11. 1831)
In den Jahren, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen sind,
wurde eine wahrlich unzählige Menge von Büchern über diesen Krieg geschrieben
(nach vorsichtigen Schätzungen gibt es inzwischen mehr als eine Millionen Bücher
über diesen Krieg – Anm. des Übers.).
Man könnte glauben, es gäbe keinen einzigen weißen Fleck in diesem
blutigsten Krieg der Menschheitsgeschichte. In Wirklichkeit ist es jedoch genau
umgekehrt. Die Historiker haben die Anzahl der eingesetzten Panzer, Kanonen,
Flugzeuge und Soldaten, der sich feindlich gegenüberstehenden Armeen genau
berechnet, konnten aber auf die einfachsten Fragen keine Antwort gegeben. Solche
unbequeme Fragen entstehen sofort beim Lesen beliebiger Bücher, welche der
Geschichte dieser Zeit gewidmet sind. Schon beim Nachdenken über die einfachsten
elementaren Erklärungen, über die Ursache des Krieges, welche uns die Herren
6
Wissenschaftler und Publizisten vorschlagen, fällt uns ihre Haltlosigkeit sofort ins
Auge.
In einer solchen erbärmlichen Untersuchung erfahren wir, dass Adolf Hitler
davon geträumt hat, die ganze Welt zu erobern.
In einer anderen lesen wir zu unserem großen Erstaunen, dass Deutschland zu
einem Krieg, der im September 1939 ausbrach, noch gar nicht bereit war. Die Nazis,
so sagen sie, wollten nur Polen überfallen und hofften, dass Großbritannien und
Frankreich ihre Bündnispflicht mit Polen nicht wahrnehmen. Deshalb war die
Hitlerarmee zu einem derartig großen Krieg nicht vorbereitet. Drei Wochen nach
diesem ersten Krieg des 3. Reiches, so schreiben es die Historiker, gab es kaum noch
Vorräte an Fliegerbomben. Nach der vernichtenden Niederlage von Frankreich im
Verlaufe von sechs Wochen besaß die deutsche Armee fast überhaupt keine
Munition mehr [1].
Entschuldigung, wird so die Eroberung der ganzen Welt vorbereitet? Um den
ganzen Planet zu erobern, ist die Anhäufung einer Munitionsmenge für einen
zweieinhalb Monate andauernden Kampf sicher nicht ausreichend. Auf unserem
blauen Planeten gibt es noch viel Platz. Und wie bekannt, duldet dieser Raum keine
Leere. Um auf diesem Territorium seine Herrschaft zu errichten, muss zunächst die
7
fremde Macht liquidiert werden. Welche Länder waren zu dieser Zeit die
Supermächte in der Welt? Natürlich nicht Polen, mit dem Hitler sofort zu einem
Krieg bereit war. Die Hauptakteure auf der politischen Landkarte waren damals
Großbritannien, Frankreich und die USA. Um mit diesen Ländern einen Krieg zu
führen, war das faschistische Deutschland nicht stark genug …
Um in Großbritannien zu landen, um in Übersee die Vereinigten Staaten von
Amerika anzugreifen, ist eine große Seekriegsflotte notwendig. Hitler war dabei sie
zu schaffen.
Das große Schiffsbauprogramm sollte bis zur Mitte des Jahres 1944 realisiert
werden [2]. Außerdem hat Hitler den Matrosen mehrmals gesagt, dass der Krieg
gegen Großbritannien nicht vor diesem Zeitpunkt beginnen kann [3].
8
Warum hat Deutschland bereits im Jahre 1939, d.h. vier Jahre vor dem
geplanten und lauthals angekündigten Aufrüstungstermin, den Krieg begonnen?
Was für ein seltsames Verfahren hat der Führer des deutschen Reiches für die
Eroberung der Welt gewählt? Es macht doch keinen Sinn sich zu einem Zeitpunkt
in einen Konflikt einzulassen, wenn dafür die Voraussetzungen noch nicht gegeben
sind. Ist das nicht der sicherste Weg, den Krieg zu verlieren? Warum hat Hitler
diesen Fehler gemacht? Warum begann er Krieg zu führen, obwohl er dazu noch
nicht vorbereitet war?
Zwei Jahre nach dem Beginn des Krieges beging er eine noch größere
Dummheit – er überfiel die Sowjetunion. Genau der 22. Juni 1941 war auch der
9
Startpunkt für den Untergang des 3. Reiches. Trotz aller phänomenalen
Anfangserfolge im Krieg gegen die UdSSR, bewegte sich Deutschland, das einen
Zweifrontenkrieg führte, unaufhaltsam auf seine Niederlage zu. Der Krieg im
Westen und im Osten besiegelte nach einstimmiger Meinung der Historiker und
Militärexperten das Schicksal der deutschen Kriegsmacht. Wusste Adolf Hitler das
nicht?
Er wusste es. Im Buch von Hermann Rauschning „Gespräche mit Hitler“ [4]
werden die Gedanken des Führers zu allen möglichen Themen, darunter auch zu
seinen Kriegsplänen dargelegt. Auf die Frage „Was wird, wenn sich England und
Frankreich mit Russland vereinen?“ gibt Hitler die eindeutige und lakonische
Antwort: „Dann wird das einfach mein Ende sein“. Doch damit schließt der redselige
Führer das Thema nicht ab. „Aber dies wird niemals geschehen. Anderenfalls wäre
ich nur ein Pechvogel, der unnütz diesen Posten im Kabinett hat“.
Am 23. November 1939 tritt Hitler auf der Beratung des Oberkommandos der
Wehrmacht auf. Er legt seine Pläne dar und zieht Schlussfolgerungen. Erneut kehrt
er zu seinem Steckenpferd „ Der Erste Weltkrieg und die Bedeutung des Fehlens
einer zweiten Front“ zurück: „Im Jahre 1914 begann der Krieg an einigen Fronten.
Eine Lösung unserer Probleme hat er nicht gebracht. Heute wird der zweite Akt
10
dieses Dramas geschrieben. Erstmals nach 67 Jahren können wir feststellen: Einen
Krieg an zwei Fronten werden wir nicht führen! Es ist geschehen, was wir uns seit
1870 (seit dem Deutsch – Französischen Krieg) wünschen und faktisch nicht für
möglich gehalten haben. Erstmals in der Geschichte können wir nur an einer Front
kämpfen, keine andere wird uns jetzt binden. Die Lage, welche wir früher für
unerreichbar hielten, ist jetzt so“[ 5].
Was geschieht nun in der Wirklichkeit? Es geschieht etwas völlig
Unwahrscheinliches – der Führer verändert selbst die Situation zu seinen Ungunsten.
Er befindet sich mit Großbritannien im Krieg und überfällt die UdSSR! D.h., Adolf
Hitler, der ausgezeichnet versteht, wie gefährlich für Deutschland die Eröffnung
einer zweiten Front ist, eröffnet diese mit seinen eigenen Händen. Einen derartigen
Krieg zu gewinnen ist praktisch unmöglich.
Die beispiellose Arroganz des Aggressors endete 1943 in einem jämmerlichen Fiasko!
(An dieser Stelle sieht sich der Übersetzer gezwungen, auf Parallelitäten der
aktuellen Ereignisse zwischen 1939 und 2017 hinzuweisen. Haben die USA und
11
Europa bereits wieder einen neuen Feldzug gegen Russland geplant? Haben Sie aus
dem letzten Krieg nichts gelernt?).
Militärbasen der USA und NATO 2017
Wie wird diese unlogische Handlung des Führers von Deutschland von den
Historikern erklärt? Hitler hat entschieden, den letzten potentiellen Verbündeten von
Großbritannien auf dem Kontinent zu vernichten.
Denken wir über diese Worte nach. Schauen wir auf die Landkarte. Erinnern
wir uns an die Geschichte.
Für die vollständige Vernichtung von Großbritannien überfällt Hitler die
UdSSR!
Wenn die gegenwärtigen Vereinigten Staaten von Amerika vom Irak
provoziert werden, dann überfallen die Amis natürlich Irak und nicht Pakistan. Es
ist sehr unwahrscheinlich, dass eine Bedrohung, welche von Teheran ausgeht, von
den Yankees z.B. durch einen Krieg gegen Peking beseitigt wird. Wenn eine Macht
eine Bedrohung für eine andere Macht darstellt, dann erfolgt der Angriff in der
Regel auf den „Gegenstand der Bedrohung“. Gibt es Ausnahmen in dieser Regel?
Es kommt vor! Wenn z.B. das Objekt des Überfalls ein nahestehender Partner des
Macht-Konkurrenten ist, ohne dessen Hilfe er keine Bedrohung mehr darstellt.
Womit hat die Sowjetunion Großbritannien im Jahre 1941 geholfen? Hat sie Waffen,
Ausrüstungen, Lebensmittel oder Rohstoffe geliefert? Nein! Wenn irgendetwas von
12
Moskau nach London geschickt wurde, dann waren es flammende kommunistische
Grüße an die sowjetische Botschaft. Die Sowjetunion war kein Verbündeter von
Großbritannien, sie hatte mit diesem Land auch keinerlei Verträge. Die UdSSR
lieferte den Engländern keine Waffen und stellte ihr Territorium auch nicht für
Militärstützpunkte zur Verfügung. Umgekehrt, als Deutschland in Europa Krieg
führte, hat die Sowjetunion die bestehenden Handelsverträge mit Berlin
gewissenhaft erfüllt. Den Deutschen wurden lebenswichtige Güter, wie Erdöl,
Weizen und andere strategische Rohstoffe ohne Unterbrechung geliefert.
Deutschland, das sich im Kriegszustand mit Großbritannien befand und einer
Seeblockade ausgesetzt war, hatte zu diesem Zeitpunkt kaum Möglichkeiten, von
seinem Territorium aus den Kauf und Transport der für seine militärischen Zwecke
erforderlichen Waren zu realisieren. In dieser Situation halfen den Deutschen die
guten Beziehungen mit Russland – UdSSR. Die Sowjetunion kauft auf dem
Weltmarkt die erforderlichen Rohstoffe für Deutschland und lieferte sie über ihr
Territorium komplett und unversehrt bis zur deutschen Grenze [6].
(Am 22. Juni 1941, kurz vor dem
Sonnenaufgang, standen auf der
sowjetischen Seite der Grenzbrücke in
Brest viele Waggons, die mit Getreide
für Deutschland gefüllt waren. Bereits
nach wenigen Minuten begann die
deutsche Artillerie aus allen Rohren zu
feuern und die Panzerverbände von
General Guderian drangen in die
Sowjetunion ein.
Das zum Thema der großen Lüge,
Stalin hätte am Vorabend des Großen
Vaterländischen Krieges (GVK) alle
Lieferungen an Deutschland eingestellt! Im Gegenteil! Stalin hat bis zur
letzten Minute mit allen Mitteln
versucht, Hitler zufrieden zu stellen.
Anm. d. Übers.)
Mit sowjetischen Rohstoffen konnten keine britischen U-Boote versenkt und
keine britischen Flugzeuge abgeschossen werden. Welche Schlussfolgerung ergibt
sich daraus? Sie ist sehr einfach und offensichtlich: Es lohnt sich nicht eine
Supermacht zu attackieren, die mit ihnen einen Nichtangriffspakt
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abgeschlossen hat, die sie mit Rohstoffen versorgt und nicht ihr Gegner ist!
Wozu die Anzahl seiner Feinde erhöhen und die Anzahl seiner – ggf. auch nicht
vollwertigen – Freunde, die eine wohlwollende Neutralität der Partner beachten,
verringern?
Adolf Hitler überfiel aus bestimmten Gründen die UdSSR, obwohl er genau wusste, dass der Krieg
an zwei Fronten den Untergang von Deutschland bedeutet.
Nach der Zerschlagung der UdSSR, hoffte Hitler die Briten zum
Abschluss eines Friedensvertrages zu bewegen.
Mit diesem letzten Trumpf füttern uns die Historiker. Verläuft der kürzeste
Weg nach London tatsächlich über Moskau? Ganz bestimmt nicht! Aus dem
okkupierten Frankreich muss nur der Ärmelkanal überwunden werden. Wozu sich
in die unübersehbaren russischen Weiten begeben, wenn das britische Territorium
sichtbar vor ihren Füßen liegt? Das ist einfach absurd. Über welche Hoffnungen
Hitlers sprechen unsere Historiker eigentlich?
Die Haltlosigkeit dieser und ähnlicher Erklärungen fällt noch heute ins Auge.
Es gab sie auch am Vorabend des Überfalls auf unser Land. Z.B. vom Außenminister
des faschistischen Italiens, Graf von Cortellazzo und Buccari. Das ist kein einfacher
Minister der italienischen Regierung. Er war mit der Tochter von Mussolini
verheiratet und „gehörte deshalb zur Familie“. Italien blieb im künftigen Konflikt
kein neutraler Beobachter, sondern erklärte uns gleich nach den Deutschen auch den
Krieg. Am 21. Juni 1941 schrieb Cortellazzo in sein Tagebuch: „Viele Anzeichen
weisen darauf hin, dass die Operation gegen Russland unmittelbar bevorsteht. Die
Idee eines Krieges gegen Russland ist für sich gesehen sehr populär, weil die
Zerschlagung des Bolschewismus zu den wichtigsten Ereignissen in der Geschichte
der menschlichen Zivilisation gehören wird. Aber als Symptom gefällt mir dieser
Krieg nicht, weil es für ihn keine vernünftigen und überzeugenden Gründe gibt. Die
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übliche Deutung dieses Krieges besteht darin, dass er in Ermanglung eines Besseren,
im Versuch einen Ausweg aus einer ungünstigen Lage zu finden, welche entgegen
allen Erwartungen entstanden ist, geführt werden muss“ [7].
Derartige Aussagen finden sich nicht wenige. Es ergibt sich eine groteske
Situation: Dem zeitgenössischen Menschen ist völlig klar, warum Hitler unser Land
überfallen hat. Fragen Sie einen beliebigen Menschen, fragen wir uns selbst und wir
werden die verbreitete Version hören, welche Hitlers Taktik erklärt. Woher kommt
diese Klarheit? Unsere Zeitgenossen haben viele Bücher über den Zweiten
Weltkrieg gelesen. Mit diesen Büchern haben sie ihnen diese Auffassungen und
Meinungen förmlich ins Gehirn gebrannt. Den Zeitzeugen jener Ereignisse, den
hochgestellten und äußerst gut informierten Politikern jener Zeit, erscheint die Idee
des Überfalls Deutschlands auf Russland einfach merkwürdig und seltsam. Warum?
Ja, weil ihnen 60 Jahre lang die Historiker nicht sagten, dass es für Hitler keinen
anderen Ausweg gab! Im Ergebnis dessen, erschien denjenigen, die in den 40iger
Jahren des 20. Jahrhunderts gelebt haben, dieser „Ausweg“ Hitlers als
unvermeidlicher Untergang des 3. Reiches. Uns aber – nach dem Lesen von Tonnen
historischen Mülls – scheint dies die einzige Möglichkeit der Nazis zu sein.
Übrigens waren viele Vertreter der politischen Elite des 3. Reiches absolute
Gegner der verhängnisvollen Attacke gegen die Sowjetunion. Darunter auch der
Außenminister, Joachim von Ribbentrop, der später in Nürnberg aufgehängt worden
ist: „Russland ist kein potentieller Verbündeter der Engländer. England hat nichts
Gutes von Russland zu erwarten. Die Hoffnung auf Russland wird England nicht
retten. Durch einen Krieg gegen Russland werden wir die Hoffnungen von England
nicht vernichten. Der Überfall auf Russland würde den Engländern einen neuen
moralischen Anreiz geben. Sie würden diesen Überfall als Zweifel Deutschlands
an ihrem Sieg im Kampf gegen England bewerten. Damit würden wir nicht nur
anerkennen, dass der Krieg noch lange dauert, sondern würden ihn – anstelle ihn zu
verkürzen – auch verschleppen.“[8].
Warum hat Hitler Entscheidungen getroffen, die sogar seine Diplomaten für
einen großen Fehler hielten? Diese Fragen sind nicht so naiv, wie es auf den ersten
15
Blick scheinen mag. Denn genau 130 Jahre vor Hitler war Napoleon im Begriff
genau denselben Weg in die britische Hauptstadt einzuschlagen. Das furchtbare
Ende seiner großen Armee steht seit dem Jahre 1812 vor den Augen aller Militärs
der Länder, die begannen, einen Krieg gegen Russland vorzubereiten. Auch Hitler
kannte das Schicksal der Armee Napoleons in Russland. Trotzdem entschied er sich,
diesen Schritt zu wiederholen. Warum? Welchen seltsamen Weg schlagen die
Feinde Großbritanniens ein? Verschiedene Nationalitäten, mit unterschiedlichen
Parolen und Kräften wählen aus irgendwelchen Gründen immer wieder denselben
Weg, der uns offensichtlich als Sackgasse erscheint?!
Das Ende der Armee Napoleons 1812 Der Anfang vom Ende der Armee Hitlers 1943
Warum marschieren sie nach Moskau, und nicht nach London?
Anstelle einer Landung in Großbritannien verschwindet die aus 600 tausend
Soldaten bestehende Armee Napoleons spurlos in den grenzenlosen
Schneelandschaften Russlands. Hätten sie nicht wenigstens einen Landungsversuch
in Britannien durchführen können? Vielleicht wären dabei 200 tausend Soldaten
ertrunken. Für die übrigen 400 tausend Soldaten und den französischen Kaiser hätten
sich dann die Britischen Inseln wie ein Teppich vor
Luftangriffe von Nazideutschland auf Großbritannien (London u. Coventry) im Jahre 1940
ihren Füßen ausgebreitet. Aus dem Russlandfeldzug kam überhaupt nichts
Gescheites heraus.
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Dass, was Hitler angestellt hat, ist einfach lächerlich. Im Sommer 1940, nach
der Zerschlagung Frankreichs, bombardiert er Großbritannien mit Flugzeugen.
Dieser kurzzeitige beiderseitige Luftkampf geht in die Geschichte unter dem Begriff
„Luftschlacht um England“ ein. Wie bekannt haben die Briten die „Schlacht“
gewonnen. Warum? Weil die Deutschen nicht das gesamte Potential ihrer
Luftstreitkräfte zum Einsatz gebracht haben. Genauer gesagt, sie haben ihre
Flugzeuge geschont. Die deutschen Luftstreitkräfte erlitten in diesen Kämpfen
größere Verluste, als die Briten. Das ist eine Tatsache. Aus diesem Grunde, so lesen
wir in den Lehrbüchern, wurden die Angriffe auf Großbritannien nahezu eingestellt.
Sie haben es überstanden.
Warum die Deutschen beim Einsatz ihrer Luftstreitkräfte „gespart“ haben,
können wir in den gleichen Lehrbüchern nachlesen. Die Jagdflugzeuge und Bomber
benötigten sie für den bevorstehenden Russlandfeldzug. Deshalb durften diese nicht
eingesetzt werden um damit ihre Flugplätze, ihre Städte und Häfen zu bombardieren,
um britische Flugzeuge in der Luft oder am Boden zu vernichten. Die
Luftstreitkräfte der Deutschen mussten geschont werden, damit für den
Russlandfeldzug genügend Piloten und Flugzeuge übrigblieben. Das bedeutet,
Russland lässt sich nicht einfach so schnell zerschlagen. Aber wozu Russland
zerschlagen? Selbstverständlich, um anschließend Großbritannien zu erobern [9].
In den Memoiren Churchills lesen wir den gleichen Unsinn:
„Die Vorbereitungen für den Überfall auf Russland … hat einen
bedeutenden Teil der deutschen Luftstreitkräfte gebunden. In den zahlreichen
Luftangriffen, denen wir ausgesetzt waren … nahmen deshalb schon nicht
mehr alle Kräfte der deutschen Luftwaffe teil.“ [10].
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Auf einer anderen Seite seiner Memoiren sagt uns Churchill genau das
Gegenteil:
„Er (Hitler – Anm. v. Starikov) will den russischen Staat vernichten, weil
er im Falle eines Sieges hofft, seine Armee und Luftstreitkräfte aus dem Osten
auf unsere Insel zu werfen, die er – wie auch ihm bekannt – auf jeden Fall
erobern muss. Gelingt ihm das nicht, dann wird er der gerechten Strafe für
seine Verbrechen nicht entgehen. Sein Überfall auf Russland ist nur das
Präludium des Versuchs eines Überfalls auf die Britischen Inseln.“ [11].
Ein seltsames Verfahren zur Unterwerfung von Großbritannien wählt Hitler:
Ohne einen Sieg über Großbritannien zu erringen, überfällt er zuerst die UdSSR mit
dem Ziel, später erneut Britannien anzugreifen!
Vielleicht lohnte es sich nicht für Hitler so „klug“ zu sein? Vielleicht wäre es
besser gewesen, sofort – ohne Wenn und Aber – alle Kräfte gegen die Briten zu
werfen? Wozu die UdSSR angreifen? Um sich später im Ärmelkanal mit einer
Flotte, die nicht mehr fähig ist, die britische zu neutralisieren, wiederzufinden? Die
Historiker mögen solche Fragen nicht.
Das Ende aller Abenteuer der britischen Feinde ist immer das Gleiche. Nur
drei Jahre nach dem Angriff auf Russland verschwindet das Große Frankreich von
Napoleon, nach ca. vier Jahren – das Tausendjährige Reich von Adolf Hitler.
Wenn weitgehend vernünftig denkende Staatsoberhäupter (denn nur
unbegabte und begabte Menschen schaffen es, die Macht im Staate in die eigenen
Hände zu nehmen) selbstmörderische Taten begehen, die ihre Imperien auf die
gleiche Art und Weise in den Untergang führen, dann schleichen sich in unserem
Kopf aufrührerische Gedanken ein. Kann es sein, dass nicht diese Politiker
kurzsichtige Dilettanten sind, sondern die zeitgenössischen Politiker und Historiker,
die uns einen Teil der Informationen vorenthalten, und zwar jenen, auf deren
Grundlage sowohl Napoleon als auch Hitler für sich und ihre Staaten den Weg ins
Jenseits gewählt haben?
Dabei scheint es, als ob uns ausgerechnet die wichtigsten Informationen
vorenthalten werden. Was sind das für Informationen?
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Geheimnisvoll erscheint uns nicht nur das Verhalten des Führers des
faschistischen Deutschlands. Nicht weniger seltsam ist auch das Verhalten der
britischen, französischen und amerikanischen Politiker. Es reicht zu erwähnen, dass
das im Ersten Weltkrieg zerschlagene Deutschland vollständig entwaffnet wurde.
Im Zweiten Weltkrieg kämpfte die ganze „progressive Menschheit“ im Verlaufe von
fast sechseinhalb Jahren mit einer deutschen Armee, die es bei den besiegten
Deutschen … gar nicht geben dürfte. Wie konnte Deutschland seine Militärmacht
wieder herzustellen? Wohin schauten seine Nachbarn und warum haben sie die
Wiederaufrüstung zugelassen? Und mehr noch, wie konnte in Deutschland der
Politiker, Adolf Hitler, der in seinem Buch „Mein Kampf“ seine Kriegspläne bis ins
Detail ausgearbeitet und veröffentlicht hatte, an die Macht gelangen?
Fragen über Fragen. Diese können wir unendlich fortsetzen. Die Antworten,
die von den Historikern und Politikern auf diese Fragen gegeben werden, hören sich
an wie schöne Märchen für kleine Kinder. Solche Aussagen, wie: nicht richtig
erkannt, nicht richtig entschieden, einfach übersehen, zu leicht vertraut, … sind die
Regel. Es ist, als ob es sich um ein Versteckspiel handelt und nicht um Fragen der
Weltpolitik. Bei der Beschreibung schicksalhafter „Irrtümer“ angesehener Politiker
jener Zeit werden von den Autoren der Geschichtsbücher über den Zweiten
Weltkrieg Aussagen zitiert, die oft ihre eigenen Theorien widerlegen. Zitieren wir
folgende Aussage aus der Rede des ehemaligen deutschen Ministers für Wirtschaft,
Hjalmar Schacht, auf dem Nürnberger Prozess: „Ich muss sagen, als die Aufrüstung
Deutschlands begann, hatte keiner der anderen Staaten etwas dagegen
unternommen. Der Verstoß gegen den Versailler Vertrag durch Deutschlands war
ganz ruhig hingenommen worden. Nach Deutschland wurden Militärmissionen
gesandt, um den Prozess der Aufrüstung zu beobachten, es wurden Militärbetriebe
in Deutschland besichtigt. Es wurde alles Erdenkliche unternommen, aber nichts,
um Deutschland an der Aufrüstung zu hindern“ (Raginskij, M.J. „Nürnberg. Vor
dem Gericht der Geschichte.“, Moskau, 1986) [12].
19
Die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, so wie sie uns heute dargeboten
wird, kann uns keine motivierenden Handlungen von nahezu allen
Staatsoberhäuptern jener Zeit geben. Dabei sind gerade diese Staatsoberhäupter die
Haupttriebkräfte der Geschichte. Von den Entscheidungen Hitlers, Stalins,
Churchills und Roosevelts hing der Lauf aller historischen Ereignisse ab. Und wir,
die wir heute in den Geschichtsbüchern blättern, können überhaupt nicht begreifen,
warum diese klugen und vernünftigen Herren solche für uns offensichtliche Fehler
begangen haben. Was hat das alles zu bedeuten?
Das bedeutet, dass die ganze Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die man
als eine „offizielle“ Version der modernen Historiografie bezeichnen kann, mit
dem einzigen Ziel geschaffen wurde, die ganze Wahrheit über die furchtbaren
Ereignisse jener Jahre zu verheimlichen.
Mit dieser „offiziellen“ Historiografie sollen die wahren Verbrecher aus der
Schusslinie genommen werden, die für die Vernichtung von zig Millionen
Menschenleben verantwortlich sind und sich dafür vor keinem Gericht verantworten
müssen. In Nürnberg wurden nur jene Missetäter einer gerechten Strafe zugeführt,
deren Verbrechen besonders offensichtlich waren. D.h. aufs Schafott und ins
Gefängnis kamen in der Regel nur die Auftragnehmer der blutigen Taten, die
Auftraggeber des Zweiten Weltkrieges scheiden in aller Ruhe in ihren eigenen
Betten aus dem Leben.
In unserer heutigen Zeit hat die Geschichtsfälschung eine völlig neue
Dynamik und eine erschreckende Dimension angenommen. Da ertönen bereits
Stimmen, die behaupten, dass die Sowjetunion selbst Hauptschuldiger des blutigsten
Krieges in der Geschichte war. Dass Stalin, der angeblich die ganze Welt erobern
wollte, dem besessenen Führer dabei geholfen hat, in Deutschland die Macht zu
ergreifen. Dass gerade das ach so aggressive Russland (UdSSR) Hitler geholfen
haben soll, den Boden von halb Europa mit Blut zu tränken. Und weil die UdSSR
im Jahre 1945 nicht die ganze Welt (!) erobert hat, das russische Volk und alle
anderen Völker unseres Landes den Zweiten Weltkrieg praktisch verloren haben.
20
Mit solchen und anderen Machwerken soll die Wahrheit über die Geschichte des Zweiten Weltkrieges
verschleiert werden
Im Folgenden werden wir uns mit der blutigen Anhäufung der Ereignisse
jener Jahre auseinanderzusetzen. Beginnen wir mit der einfachsten Frage:
Woher hat Adolf Hitler das Geld genommen, um sein Vorhaben, „die
ganze Welt zu erobern“ in die Tat umzusetzen?
21
Wer gab Hitler das Geld?
„Ganz gleich, ob sie über uns lachen oder uns beleidigen, ob
sie uns als Dümmlinge oder Verbrecher hinstellen, die Hauptsache ist,
dass sie uns wahrnehmen.“
Adolf Hitler „Mein Kampf“ (* 20. 04.1889, † 30.04.1945)
„In Deutschland wird es keine Revolutionen geben, weil alle
Revolutionen in Deutschland streng verboten sind.“
Britischer Witz
Am zwölften September 1919 erschien in der Bierstube „Sterneckerbräu“ zur
Versammlung einer winzigen Partei der damals noch niemandem bekannte
Frontsoldat a. D., Adolf Hitler.
Millionen von Menschen kamen nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gerade
wieder zur Besinnung, als die Geschichte der Menschheit fast unbemerkt schon
wieder einen Weg einschlug, der zu noch schrecklicheren Schlachten, zu noch
grausameren Verbrechen, zu den entsetzlichen Gaskammern und Verbrennungsöfen
in Majdanek und Treblinka, zur Blockade von Leningrad, zu den Schlachten in
Stalingrad und am Kursker Bogen führte. Das Datum des zaghaft und kläglich ans
Licht strebenden Pflänzchens, welches sich in kurzer Zeit zum gigantischen Baum
des deutschen Nationalsozialismus entwickelte, kann ziemlich genau genannt
werden. Am 7. März 1915 gründete ein gewisser Anton Drexler in München ein
Komitee mit dem schönen Namen „ Freier Arbeiterausschuss für einen guten
Frieden“. Während des Ersten Weltkrieges trafen sich im Rahmen dieses Komitees
ca. 40 Schwätzer und Fantasten in harmlosen Versammlungen, tranken viel Bier und
diskutierten über die Vorzüge eines allgemeinen Friedens. Während eines beliebigen
Krieges existieren nur drei Möglichkeiten den Frieden zu erreichen:
22
- den Krieg zu verlieren;
- den Krieg zu gewinnen oder
- durch Verhandlungen eine Pattsituation zu erreichen.
Während sich Drexler mit solchen Fragen von Krieg und Frieden beschäftigte,
entwickelten sich die Ereignisse in Deutschland in Richtung der 1. Variante.
Angestiftet durch die von außen hineingetragene Revolutionspropaganda und durch
das russische Beispiel brach das Kaiserreich zusammen und verschwand spurlos in
der Versenkung. Der Frieden kam, nur nicht so, wie ihn sich Drexler und seine
Kumpanen vorgestellt haben. Es kam der Frieden von Versailles! Genau in diesem
Vorort von Paris wurden am 28. Juni 1919 die Bedingungen des Friedensvertrages
unterschrieben, die in der Folge zur Geburt des National-sozialismus und zu einem
neuen Krieg geführt haben. Warum wird der Versailler Friedensvertrag als Vorbote
eines neuen Krieges bezeichnet? Weil es ein schändlicher Raubfrieden war, der, um
wenigstens den Schein zu wahren, in Form eines internationalen Abkommens
unterzeichnet wurde. An seinem Wesen hat sich durch diesen Staatsakt nichts
geändert. Bezeichnend ist, dass nicht nur Lenin und deutsche Politiker den
Friedensvertrag von Versailles aufs schärfste kritisierten, sondern auch Vertreter der
Entente. Allgemein bekannt sind die Aussagen des Oberbefehlshabers der
französischen Armee, Marschall Foch, der wie ein Wahrsager die künftigen
Ereignisse exakt beschrieb: „Es ist kein Frieden, sondern ein 20-jähriger
Waffenstillstand“. Es gab auch andere Aussagen von westlichen Politikern, die
weniger bekannt sind. „Die wirtschaftlichen Vereinbarungen waren in einem
derartigen Grade bösartig und dumm, dass sie den ganzen Vertrag ad absurdum
stellten“. Deutschland wurde gezwungen, unglaubliche Reparationen zu zahlen [13].
Das sind nicht die Worte von Adolf Hitler, der mit seiner Kritik über den Vertrag
von Versailles seine Karriere machte, sondern die des britischen Premierministers,
Winston Churchill.
Die Deutschen wurden förmlich ausgeplündert. Deutschland verlor ungefähr
73.000 km2 seines Territoriums (ca. 13,5 % seiner Gesamtfläche), auf dem 6,5
Millionen Menschen (ca. 10 % der gesamten Bevölkerung) lebten. Außerdem verlor
das auf diese Art und Weise beschnittene Land seine gesamten überseeischen
Kolonien und musste den Siegermächten alle materiellen und finanziellen Verluste
begleichen, die ihnen im Verlaufe des Militärkonfliktes entstanden sind. Die Höhe
23
der zu zahlenden Reparationen wurde bei der Vertragsunterzeichnung nicht, sondern
erst später genannt. Die Summe war astronomisch hoch und wurde mehrmals
korrigiert. Interessant ist auch, dass im Rahmen der abschließend korrigierten
Variante die letzte Zahlung der besiegten Deutschen im Jahre … 1988 erfolgen sollte
[14]!
Es war, als ob ein Orkan oder Tornado ein ehemals blühendes Land verwüstet
hat. Zur Zahlung der Reparationen wurde praktisch das gesamte Hab und Gut
konfisziert, dazu gehörten auch 140.000 Milchkühe. Bevor Deutschland gründlich
ausgeraubt wurde, war es natürlich notwendig, jeglichen Widerstand gegen die
Räuber, d.h. gegen die „Sieger“ zu unterbinden. „Deutschland wurde deshalb
entwaffnet. Seine gesamte Artillerie und andere Waffen wurden vernichtet. Seine
Kriegsflotte wurde von den Deutschen selbst in der britischen Bucht Scapa Flow
versenkt, seine riesige Armee wurde aufgelöst. Deutschland wurde ausdrücklich
verboten, Luft- und Seestreitkräfte zu besitzen“ [15].
Die Stärke der deutschen Armee durfte 100.000 Mann nicht überschreiten.
Der Bau von Flugzeugen, Panzern, Seekriegsschiffen, darunter auch von U-Booten
war verboten. Im besiegten Deutschland herrschten Chaos und Anarchie, d.h.
katastrophale Zustände, die durch den wirtschaftlichen Kollaps noch verstärkt
wurden. Angesichts dieser verhängnisvollen Lage entschied Anton Drexler sich in
seinem Komitee mit ernsthafteren Fragen zu befassen und gründete am 5. Januar
1919 die „Deutsche Arbeiterpartei“. Der neue junge Anführer, Adolf Hitler,
verdrängt mit seinen hervorragenden rhetorischen Fähigkeiten sehr schnell den
Gründer dieser Partei und wurde zum alleinigen Führer – zum Führer einer neuen
24
politischen Kraft. Er veränderte nicht nur den Inhalt und das Wesen dieser Partei,
sondern auch ihren Namen. Zur ursprünglichen Bezeichnung fügte er ein Wort hinzu
und die von ihm geführte politische Kraft ging in die Geschichte der Menschheit als
NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) ein.
Der Geschichte dieser nazistischen Partei und ihrem Führer sind wahrlich
Tonnen völlig verschiedener Werke der Literatur gewidmet. In jeder beliebigen
Buchhandlung finden wir immer ein paar Buchumschläge, von denen uns die
verrückten Augen von Adolf Hitler oder die kräftigen Silhouetten seiner SA- und
SS-Männer anschauen. Es scheint, als ob auf alle Fragen die Antworten bereits seit
langem gegeben worden sind. Doch dieser Schein trügt! Mit jedem Buch, das wir
über die Geschichte des 3. Reiches lesen und kritisch überdenken, nehmen die
Unklarheiten in unserem Kopf nur zu. Sogar in den Büchern weltweit anerkannter
Forscher finden wir äußerst widersprüchliche Informationen.
Die Angabe der Mitgliederzahl der NSDAP scheint trivial, d.h. keine offene
Frage zu sein. Nichts scheint einfacher zu sein, als in den Archiven der nazistischen
Partei danach zu suchen. Dort finden wir ohne Zweifel die Antwort auf die Frage,
wie sich die Mitgliedschaft in der Partei in den Jahren entwickelt hat. Die Faschisten
liebten es, über ihre „Jahre des Kampfes“ und über ihre „gefallenen Kameraden“ zu
sprechen und zu schreiben. Deshalb müsste sich die Entwicklung der Mitgliedschaft
in diesen Dokumenten klar widerspiegeln. Weit gefehlt!
„Im November 1923 hatte die Partei 15.000 Mitglieder“[16]. Das ist die
Meinung des Zeitzeugen, Konrad Heiden, dessen Buch im Jahre 1936 veröffentlicht
wurde.
Der Brite Ian Kershaw schrieb im Jahre 1990 „Die Anzahl der Mitglieder in
der Partei nahm schnell zu. Ende 1922 waren es 22.000, zum Zeitpunkt des Putsches
etwa 55.000.“ [17]. Wir erinnern uns, dass der misslungene Putsch Hitlers im
November 1923 stattgefunden hat, d.h. der Unterschied in der Bewertung der
Mitgliederzahl hat sich in 55 Jahren fast vervierfacht. Wie ist das möglich? Wenn
sich dieser Zuwachs an Parteigenossen in den Werken der so genannten Historiker
in diesem Tempo fortsetzt, dann werden wir in dreihundert Jahren erfahren, dass
die gesamte Bevölkerung Deutschlands 1923 schon Nazis waren. Zur Beruhigung
unseres Gewissens nehmen wir noch das Buch des dritten „Sachverständigen“ des
faschistischen Deutschlands, Alan Bullock, in die Hand. Im völligen Widerspruch
zu den Aussagen der beiden anderen „Experten“ lesen wir: „Die Anzahl der
Mitglieder in der Zeit vom Juni 1920 bis Anfang des Jahres 1922 wuchs von 1.100
auf 6.000. Anfang 1923 erreichte sie die Zahl 20.000.“ [18]. Haben die Historiker
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der Nazipartei vielleicht doch ihre Informationen aus eigenen, völlig voneinander
isolierten „Archiven“ geschöpft? Ergeben sich daraus die erheblichen Differenzen?
Nein! Die Archive waren und sind immer die gleichen, die Historiker studieren alle
die gleichen Dokumente. Aber jeder hat seine eigenen Zahlen. Woher nehmen sie
diese? Das ist offensichtlich ein Geheimnis, das schrecklicher ist, als alle anderen
Geheimnisse des faschistischen deutschen Reiches.
Kurz gesagt, je mehr Autoren umso mehr Versionen. Auf Kosten der Qualität
schreibt einer vom anderen ab. Der Leser staunt und der Experte wundert sich!
Wie können wir die Geschichte des Zweiten Weltkrieges erforschen,
wenn es einerseits notwendig ist, die genaue Anzahl der Kanonen, Panzer und
Soldaten zu bestimmen, aber andererseits sich die Historiker nicht einmal einig
sind, wie viele „Mitglieder“ die NSDAP in den jeweiligen Jahren hatte?
Warum versuchen wir, uns in dieser Frage Klarheit zu verschaffen? Wozu
brauchen wir das? Wir wollen an Hand dieses einfachen Beispiels nur
demonstrieren, dass selbst anerkannte Forscher und Biographen des Führers der
Nazis in Deutschland nicht so richtig wussten, was und worüber sie schreiben. Denn
ohne eine kritische Überprüfung durch den eigenen Verstand, dürfen wir
irgendwelchen unsinnigen Behauptungen, die über den Zweiten Weltkrieg
geschrieben werden, nicht glauben. Nicht weniger Blödsinn wurde und wird auch
über den Großen Vaterländischen Krieg geschrieben. Dieses Buch hat die Aufgabe,
aus der riesigen Menge von Informationen, die Fakten herauszufiltern, die uns
helfen, die Wahrheit über die größte Tragödie Russlands, die am 22. Juni 1941
begann, zu finden.
26
In der Geschichte gibt es eine Menge Klischees. Diese Klischees sind uns
allen gut bekannt. Wie und wann sie entstanden sind, weiß keiner. Auf die Frage:
„Wer hat Hitler das Geld gegeben?“, bekommen wir in der Regel nur eine Antwort:
die deutschen Industriellen. Nuancen dieses Klischees sind: das Großkapital, Krupp,
deutsche Unternehmen usw. usw. Betrachten wir diese Frage etwas genauer. Eine
sehr verbreitete Meinung des naiven Kleinbürgers ist, dass jede Partei von ihren
Sympathisanten finanziert wird. Die richtige Formulierung dieser Auffassung muss
in Wirklichkeit lauten: Die Parteien werden grundsätzlich von den Kräften
finanziert, die mit ihrer Hilfe bestimmte Ziele erreichen wollen. Das muss nicht in
jedem Falle negativ sein. Z.B. eine Partei, die in ihrem Programm die nationalen
Produzenten unterstützt, kann ohne weiteres von den eigenen Schuh- und
Textilfabrikanten finanziert werden. Falls diese Partei tatsächlich an die Macht
kommt, wird sie im Interesse der örtlichen Unternehmen die Zölle für die
entsprechenden Importwaren erhöhen. Entstehen der eigenen Bevölkerung dadurch
irgendwelche Nachteile? Nein, nur in dem Fall, wenn mit diesen Zöllen die gesamte
ausländische Konkurrenz verdrängt wird. Jede Partei, die für die Sicherheit ihres
Landes eintritt, wird selbstverständlich immer großzügig von den
Rüstungskonzernen unterstützt. Im Falle eines Sieges der-artiger Parteien erhalten
sie neue Aufträge für die Produktion von Raketen, Radaranlagen, Panzer und
Flugzeugen. Entstehen der eigenen Bevölkerung dadurch irgendwelche Nachteile?
Nein, wenn beachtet wird, dass die Rüstungsausgaben eine notwendige und
vernünftige Grenze nicht überschreiten.
Mit anderen Worten, die finanzielle Unterstützung der politischen Kräfte
durch die Oligarchen war, ist und bleibt auch in Zukunft eine unumstößliche
Tatsache. Das ist keine russische Erfindung – das geschieht in allen Ländern, in
denen die führende Macht durch das Volk gewählt wird. Die Demokratie als höchste
27
Form der Volksmacht zwingt jeden beliebigen Politiker zu einer traurigen
Schlussfolgerung. Um die Stimmen seiner Wähler zu erhalten, braucht er keine
schönen Losungen, sondern Geld. Nicht für die Bestechung der Wählerschaft,
sondern um ihr effektiv seinen Standpunkt aufs Auge zu drücken. Dies wird nur
durch den massiven Einsatz aller Massenmedien, insbesondere mit Hilfe der Presse,
der Radio- und Fernsehsender erreicht. Dafür sind enorme finanzielle Mittel
notwendig. Die Regel ist einfach: Je größer das Land, je größer die Wählerschaft,
desto mehr Geld wird benötigt.
In Deutschland, nach dem Untergang der Monarchie im Jahre 1918, entstand
ein derartiges demokratisches System. Der Zeitraum von der Niederlage
Deutschlands im Ersten Weltkrieg bis zur Machtergreifung Hitlers wurde in der
Geschichtsschreibung als Weimarer Republik bezeichnet. In dieser Republik galten
selbstverständlich genau die oben beschriebenen Regeln. Jede politische Tätigkeit
erfordert, wie der Kessel einer Lokomotive, viel Kohle. Ohne diesen „Brennstoff“
bewegt sich weder etwas in der Lokomotive noch in der Politik. Der Erfolg und die
Dauer der politischen „Reise“ sind deshalb immer von der Geldbörse abhängig.
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, nach dieser Abschweifung in die
Geschichte, auf unsere ursprüngliche Frage zurückzukehren.
Woher nahm Adolf Hitler, der 15 Jahre nach dem schicksalhaften Besuch
der Münchener Bierkneipe an die Macht kam, tatsächlich seine „Kohle“.
Die Antwort auf diese Frage liegt offensichtlich auf der Hand. Genau das
gleich Klischee: Das Geld gaben die Haie des deutschen Kapitalismus. Eine gute
Antwort, bequem für alle! In der sowjetischen Geschichtsschreibung gab es nur
diese Antwort. Dank der Bemühungen von Suworow-Resun gibt es im Westen
inzwischen eine zweite Antwort.
Angeblich hat Stalin selbst Hitler als zukünftigen „Eisbrecher der Revolution“
an die Macht geführt. Folglich erhielten die Faschisten das Geld von den
Kommunisten-Bolschewiken. Die Logik dieser letzten Behauptung ist gleich Null.
Mit der gleichen Logik könnten wir auch behaupten, dass Russland unter der
Führung von Jelzin, in der Zeit, in der es überhaupt kein Geld gab um dieses zu
drucken, den internationalen Terrorismus mit großen Geldbeträgen unterstützt hat.
Die Beschuldigung der Sowjetunion, die Entwicklung des Faschismus unterstützt zu
haben, ist genau so absurd: Als die Faschisten ihre ersten Schritte machten, war in
28
Russland der Bürgerkrieg noch nicht beendet. Wie und auf welcher finanziellen
Grundlage sollten die Kommunisten die antikommunistischen Bewegungen in
Deutschland unterstützen? Mit dem gleichen „Erfolg“ könnte Lenin auch den
Admiral Koltschak und General Wrangel der zaristischen Armee beglücken. Warum
müssen derartige Dummheiten in die Welt gesetzt werden? Um Russland zu
beschuldigen, alle nur denkbaren Todsünden begangen zu haben. Darüber hinaus,
um jeden Verdacht von den wirklich Schuldigen der Machergreifung von Hitlers
menschenverachtender Partei in Deutschland abzulenken. Die deutschen
Industriellen sind auch dank der verbreiteten Klischees als wichtigste Sponsoren
Hitlers in die Geschichte eingegangen. Stellen wir uns die Frage:
Wozu sollten die deutschen Industriellen den Nationalsozialisten in der
Anfangsphase Geld geben?
Na klar, die Nazis waren wütende Antikommunisten und die Bourgeoisie
kämpfte mit ihrer Finanzierung gegen die Gefahr einer kommunistischen
Revolution. Diese Behauptung ist genauso ein Klischee und Mythos und hat mit der
Realität nichts zu tun. Es ist deshalb nicht zufällig, dass in den Büchern, in denen
solche Argumente genannt werden, die entsprechenden Zahlen und Daten fehlen.
Wir sind nicht faul und werden „ Die Spreu vom Weizen trennen“. Gleich nach
dem Untergang der Monarchie im November 1918 stand Deutschland an der
Schwelle einer sozialistischen Revolution. Eine derartige Revolution hat es in
Deutschland tatsächlich gegeben, und zwar lange bevor der tollwütige Führer auf
die politische Bühne trat. In einer Periode von Chaos und Anarchie, bildeten sich
nach dem Sturz des Kaisers zwei politische Lager: die sozialdemokratische
Regierung und die an einer Revolution interessierten Kommunisten. Dies führte
1919 zu einer Revolution in Berlin, zur Verhaftung und Ermordung von Rosa
Luxemburg und Karl Liebknecht.
Damit war der Kampf jedoch nicht beendet. In der gleichen Zeit erwiesen
sich die Kommunisten in Bremen als besonders flink. Am 10. Januar 1919 wurde
die Bremer Räterepublik ausgerufen. Aus der Stadt Hamburg kam ihnen der Rote
Soldatenbund unter dem Kommando von Ernst Thälmann zu Hilfe. Die
Unterstützung half jedoch nicht, die Armee in Deutschland stand eindeutig auf der
29
Seite des Staates. Schon am 4. Februar wurde das Rote Bremen von der Division des
Generals Gerstenberg besiegt. Die zeitweilige Räterepublik verschwand so schnell
wie sie gekommen war. Die Kinder in der UdSSR kannten diese Stadt nur aus dem
schönen Märchen der Brüder Grimm aus dem viel schöneren sowjetischen
Trickfilm. Anfang 1919 flammte der Wiederstand in der deutschen Hauptstadt
wieder auf. Der Generalstreik, von den Kommunisten organisiert, entwickelte sich
allmählich zu einem Aufstand gegen die Regierung. Der Aufstand wurde blutig
niedergeschlagen. Allein in Berlin wurden 1.200 Menschen ermordet. Freiwillig
dienende Offiziere und Unteroffiziere, d.h. so genannte Freikorps, haben gemeinsam
mit der Polizei brutal Ordnung geschaffen. Es sind Fälle bekannt, dass wegen einer
einzigen roten Fahne in der Kolonne der streikenden Arbeiter, die Menschenmenge
pausenlos mit schweren Maschinengewehren beschossen wurde. Wer hat derart
entschlossen die Unruhen erstickt? Das war Gustav Noske, das deutsche Mitglied
im Arbeiter- und Soldatenrat während der Novemberrevolution. Dieser ehrenhafte
Sohn des deutschen Volkes ist in die Geschichte als „Bluthund“ eingegangen. In den
entscheidenden Tagen hat Noske selbst die berühmten Worte ausgesprochen: „…
Einer muss der Bluthund werden! Ich scheue die Verantwortung nicht!“
(Bloodhound – ist eine Hunderasse, die als Bluthunde bezeichnet werden. Sie sind
durch ihren ausgezeichneten Geruchssinn bekannt. Im Mittelalter sind sie in England
für die Verfolgung von Dieben, Mördern und anderen Verbrechern eingesetzt
worden. Bluthunde verfolgen ausgezeichnet die Spuren und haben die Verfolgten
stets gefasst. Außerdem fangen sie angeschossene Tiere bei der Jagd. In Kriegen
verfolgten sie die flüchtenden Soldaten des Feindes).
Im April 1919 kam es zu neuen Unruhen. Am 13. April wurde in München
die Bayrische Räterepublik gegründet. Tatsächlich existierte sie nicht lange, schon
am 5. Mai wurde sie gestürzt. Alles begann nach dem Muster der Machtübernahme
durch die Bolschewiken in Russland. Es wurden ein Zentralrat, der zum
Führungsorgan der Republik wurde und ein Exekutivkomitee unter Leitung der
Kommunisten, dem zunächst auch unabhängige Sozialdemokraten angehörten,
gegründet. Die Taktik der jungen deutschen Räterepublik ist denen bekannt, die die
30
„Geschichte der KPdSU“ studiert haben: Entwaffnung der Polizei und Bourgeoisie,
Enteignung, Nationalisierung der Banken, Geiselnahme, Kontrolle in den
Unternehmen und sogar eine deutsche Variante des Komitees für den Kampf gegen
die Konterrevolution [19]. Bei den deutschen Freunden gab es jedoch auch eigene
„Erfindungen“: Abschaffung des Geschichtsunterrichtes in den Schulen und die
Herausgabe eigener Banknoten mit der Angabe des Verfallsdatums [20].
Außerdem wurde eine deutsche Rote Armee geschaffen, die in der
Anfangsphase sehr erfolgreich war. Zunächst hat sie die Regierungstruppen nördlich
von München geschlagen und die Städte Karlsfeld und Freising besetzt. Große
Erfolge hatten die deutschen Rotarmisten auch im Kampf um einen Wohnort, der
später eine schreckliche Berühmtheit erlangte. Es handelt sich um Dachau. Gerade
vor diesem Ort wurde die Rote Armee von den herangezogenen Regierungstruppen
zum Stehen gebracht. Dort begann die 60-tausend Mann starke Armee unter
Führung des „Bluthundes“, Gustav Noske, die Gegenoffensive. Gemeinsam mit der
regulären Armee vernichteten die Freikorps die Bayrische Räterepublik, wobei sie
ihre Gegner mit der gleichen Grausamkeit töteten, wie die Kommunisten. Die
Straßenkämpfe in München dauerten 5 Tage. Anschließend erfolgten zahlreiche
Hinrichtungen im Hof des Gefängnisses.
Tatsache ist, dass die bayrische Konterrevolution weit blutiger war, als
die Revolution. Von der Roten Armee wurden 8 Geisel erschossen. Sie waren
Mitglieder der Thule-Gesellschaft (ein politischer Geheimbund, der im
August 1918 in München von dem Aristokraten, Rudolf von Sebottendorf,
gegründet wurde, Anm. d. Übers.). Die „Weißen“ erschossen fast sämtliche
Soldaten eines Sanitätsbataillons, 21 Mitglieder eines katholischen
Gesellenvereins, 12 Arbeiter aus Perlach, 50 freigelassene russische
Kriegsgefangene, die führenden Mitglieder der Bayrischen Räterepublik,
Rudolf Egelhofer, Gustav Landauer und Eugen Leviné u.a. Nach offiziellen
Angaben forderte die Niederschlagung der Räterepublik 625 Todesopfer. An
der „Befreiung“ Münchens nahmen auch die künftigen Nazis, Ernst Röhm
und Rudolf Heß, teil. Hitler, der sich zu dieser Zeit in München befand, hat
am Kampf gegen den Kommunismus aus unerklärlichen Gründen nicht
teilgenommen. In der nationalsozialistischen Geschichtsschreibung wurde die
Frage nach dem Warum tunlichst vermieden.
Die rote Revolution in Deutschland wurde niedergeschlagen, aber
irgendwelche Verdienste hatten die Faschisten daran nicht. Das ist verständlich, weil
es zum Zeitpunkt der Niederschlagung noch keine Nationalsozialisten gab. Außer
den 20 bis 30 Schwätzern, die während des Bürgerkrieges in München genüsslich
ihr Bier tranken, gab es praktisch auch keine Partei. Adolf Hitler war damals ein
bescheidener Frontsoldat und kein Politiker.
Haben die Kommunisten weitere Versuche unternommen, die Macht zu
ergreifen? Das haben sie. In allen Fällen wurden derartige Versuche von der Armee
und Polizei, aber nicht von den Sturmabteilungen Hitlers, im Keime erstickt. Die
nächste Welle der Gewalt, die mit dem „Kampf des Proletariats“ verbunden war,
31
überflutete Deutschland im Jahre 1923. Am 23. Oktober kam es unter der Führung
von Ernst Thälmann zum Aufstand in Hamburg. Drei Tage und drei Nächte führten
sie Barrikadenkämpfe in der Stadt und in den Vororten.
Auch an diesen Kämpfen nahmen die Nationalsozialisten nicht teil. Adolf
Hitler hatte in dieser Zeit seine eigenen Sorgen: Die Vorbereitung seines eigenen
Umsturzes, des so genannten „Bierputsches“, stand kurz vor dem Abschluss.
In der Zeit vom 8. bis 9. November 1923 versuchten die Nazis in München
die Macht an sich zu reißen. In der ersten Reihe der Demonstranten, mit Stahlhelm
und mit einer Pistole in der Hand, marschierte Adolf Hitler. Die Polizei eröffnete
das Feuer – durch ein Wunder blieb der Führer am Leben. Der neben Hitler
marschierende Max Erwin von Scheubner-Richter wurde erschossen. Als er stürzte,
riss er Hitler mit sich und verletzte ihn am Schlüsselbein. Hermann Göring erhielt
eine schwere Verwundung in der Leistengegend. Die damit verbundenen
unerträglichen Schmerzen zwingen Göring schmerzstillende Drogen zu nehmen und
machen ihn in seinem ganzen späteren Leben zum rauschgiftsüchtigen
Reichsmarschall. Insgesamt wurden auf dem Münchener Pflaster 14
Nationalsozialisten und 3 Polizisten erschossen.
32
Wie bereits beschrieben, wurden alle bewaffneten Versuche der Kommunisten,
die Macht zu übernehmen, von den militärischen Kräften der amtierenden Regierung
erfolgreich niedergeschlagen. In diesem Kampf unterstützten die Nationalsozialisten
nicht die Regierung, sondern, im Gegenteil, sie haben ihr eine ganze Menge
zusätzliche Probleme geschaffen. Nur wenige Wochen nach dem „roten“ Putsch in
Hamburg organisierten sie den „braunen Bierputsch“ in München. Wenn Sie,
verehrte Leser, Krupp oder Thyssen wären, wem würden Sie das Geld geben? Der
amtierenden sozialdemokratischen Macht, die, wenn erforderlich ausgezeichnete
„Bluthunde“ bereitstellt, oder irgendeiner anderen Partei? Wozu Extremisten
bezahlen? Wenn ein Haus vom Ungeziefer befallen ist, braucht man es nicht gleich
abzufackeln. Es gibt auch andere Mittel! Hitler mit seinem Radikalismus
repräsentiert geradezu diese absurde Handlungsweise. Warum sollte die deutsche
Industrie den Faschisten Geld geben? Sie leisteten keine Hilfe im Kampf gegen die
rote Gefahr. Umgekehrt, sie versuchten selbst, die Macht an sich zu reißen. Bei den
Kapitalisten jener Zeit könnte ohne weiteres der Eindruck entstehen, dass „das eine
nicht besser ist als das andere“. Dabei ist nicht entscheidend, dass die Farben der
Fahnen von den Kommunisten und Faschisten gleich und ihre Propagandamethoden
sehr ähnlich waren. Entscheidend ist, dass beide zwar antagonistisch, aber auch
revolutionäre Lehren sind!
- „Wir fordern die Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens und
die Brechung der Zinsknechtschaft; - „Wir fordern … die restlose Einziehung aller Kriegsgewinne“;
- „Wir fordern die Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten
(Trusts) Betriebe“; - „Wir fordern die Gewinnbeteiligungen an den Großbetrieben“;
- „Wir fordern die Schaffung eines gesunden Mittelstandes und seiner
Erhaltung, sofortige Kommunalisierung der großen Warenhäuser und ihre
Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende…“; - „Wir fordern eine unseren nationalen Bedürfnissen angepasste Bodenreform,
Schaffung eines Gesetzes zur unentgeltlichen Enteignung von Boden für
gemeinnützige Zwecke. Abschaffung des Bodenzinses und Verhinderung
jeder Bodenspekulation“.
33
Wenn Sie, verehrte Leser, denken, dies sei ein Ausschnitt aus einer
kommunistischen Broschüre, so irren Sie sich gewaltig. Das sind alles Punkte aus
dem Programm der Nationalsozialisten. Tolle Verteidiger des Kapitals, nicht wahr!
Sie sind sogar bereit, die Besitzer des Bodens entschädigungslos zu enteignen. Sind
das keine Bolschewisten? Würden Sie, an Stelle des Großkapitals, die Extremisten,
die den Kommunisten so erstaunlich ähnlich sind, finanzieren? Oder wäre es nicht
besser, die bestehende Weimarer Republik zu stärken? Deshalb, wäre es nicht
besser, das Geld in die Polizei zu investieren, um ihre Mannschaften zu stärken oder
das Geld in die Armee zu investieren, um ihre Gehälter zu erhöhen. Wahrscheinlich
würden Sie ruhiger leben, wenn die staatlichen Organe und nicht die
„Braunhemden“ Ihre Sicherheit gewährleisten und Ihr Eigentum schützen würden?
Das bedeutet, wir müssen Gustav Noske, der 1919 den kommunistischen
Aufstand niedergeschlagen hat, zum Helden erklären. Er ist doch ein Kriegsminister
wie aus dem Bilderbuch: mit eiserner Hand, mit einem unerschütterlichen Willen
und der Bereitschaft, jederzeit die Verantwortung zu übernehmen. Doch was
geschieht wirklich: Im Jahre 1920 wird der „Bluthund“ in den Ruhezustand
geschickt und nie wieder in die Politik zurückgerufen. Wozu brauchten die
Deutschen eine noch blutigere Diktatur mit Hitler, wenn Noske im Vergleich mit
diesem Diktator wie ein harmloser Pfadfinder aussieht? Die Polizisten, die mit
wahrhaft deutschem Mut die Thälmann-Kämpfer von den Barrikaden in Hamburg
vertrieben haben, würden wahrscheinlich einen weit besseren Ersatz für Gustav
Noske darstellen. Diese sind doch auch von einer sehr entschlossenen Person geführt
worden.
Warum sollte man ausgerechnet Adolf Hitler das Geld geben? Wird er
irgendwann helfen, die Streikbewegung zu beenden und die Kommunistische Partei
zu zerschlagen? Schafft er das überhaupt? Wer kann das wissen? In den 20iger
Jahren war Hitler „weder ein Spatz in der Hand noch eine Taube auf dem Dach“. Er
war eher ein kleines Krokodil mit scharfen Zähnchen. Ungeziefer gab es in
Deutschland schon genug. Natürlich kann ein Krokodil dressiert werden, Ungeziefer
zu fressen. Aber das ist eine komplizierte und gefährliche Prozedur: Es kann
passieren, dass nicht nur das Ungeziefer, sondern auch die Bewohner des Landes
gefressen werden. Genau das ist in der Realität auch passiert: Gemeinsam mit der
Kommunistischen Partei verschwanden von der deutschen politischen Landschaft
die Sozialdemokraten, die Unabhängigen Sozialdemokraten und die Mitglieder der
Wirtschaftspartei. Außerdem die Deutsche Zentrumspartei, die Bayerische
Volkspartei, die Deutsche Demokratische Partei, die Deutsche Volkspartei, die
Deutschnationale Volkspartei und auch alle anderen kleinen Parteien (insgesamt 38
Parteien). Nicht wenige Mitglieder dieser Parteien wurden von den Nazis zur
Umerziehung ins Konzentrationslager geschickt. Brauchen das die deutschen
Industriellen wirklich [21]?
Interessant ist, dass nach den fast zeitgleichen Umsturzversuchen sowohl die
Kommunisten als auch die Faschisten im gegenseitigen Einklang zu richtigen
gesetzestreuen Parteien wurden. Nach seinem kurzen Gefängnisaufenthalt erklärt
Adolf Hitler 1924, dass er ein für alle Mal nur auf dem legalen Weg zur Macht
34
streben wird. Auf dem im April 1924 stattgefundenen IX. Parteitag der KPD haben
sich die Kommunisten ebenfalls für die Legalität entschieden. Die Kommunistische
Partei wurde zu diesem Zeitpunkt eine Parlamentspartei und kämpfte im Rahmen
von Wahlen um die Macht. Sie verzichtete gänzlich auf die Vorbereitung von
Staatsstreichen. Die Kommunisten beschäftigten sich mit der Agitation,
organisierten Demonstrationen und Meetings, nähten rote Fahnen und druckten
Flugblätter. Sie hatten wie die Nazis sogar ihre eigenen Sturmabteilungen. Aber sie
haben nie wieder irgendwelche Umstürze vorbereitet! Es gibt kein einziges
glaubwürdiges historisches Dokument, das derartige Aktivitäten beweist. Kein
einziges!
Die kommunistische Bedrohung verlor in Deutschland ihre Schärfe. Sogar auf
parlamentarischem Wege konnten die Kommunisten nicht an die Macht kommen.
Ihr bestes Wahlergebnis erzielten die Anhänger des bärtigen Marx am 6. November
1932 mit 5.980.200 Stimmen, d.h. mit 16,9 % der Wahlberechtigten.
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War das gefährlich? Natürlich nicht! Von einer kommunistischen Mehrheit im
Parlament konnte nicht die Rede sein. Wenn dem so ist, dann sollen die roten
Abgeordneten ruhig im Parlament sitzen und für die Rechte der Arbeiter kämpfen.
Wozu sollte man die Nazis fördern, die dann später alle Parteien verbieten und sich
selbst als die besten Verteidiger der Interessen der arbeitenden Menschen in
Deutschland erklären werden?
Besonders erstaunlich ist die Tatsache, dass selbst Adolf Hitler – der größte
Kämpfer gegen den Kommunismus – nicht an eine kommunistische Gefahr in
Deutschland glaubte. „Eine solche Gefahr besteht nicht und hat auch niemals
existiert“ sagte er Hermann Rauschning. „Diesen Umstand habe ich immer
berücksichtigt und ich habe angeordnet, dass die Kommunisten in unsere Partei
ungehindert aufgenommen werden. Die Nationalsozialisten kommen niemals aus
den Reihen der kleinbürgerlichen Sozialdemokraten oder Gewerkschaftlern, aber
wunderbar aus den Reihen der Kommunisten“[22].
Tatsächlich, eine große Anzahl ehemaliger Kommunisten ist damals in die
Reihen der NSDAP eingetreten. Sie wurden später in dieser Partei als „Beefsteaks“
bezeichnet: „braun“ von außen und „rot“ von innen. In Deutschland finden schon
keinerlei Aufstände und Umstürze mehr statt – nicht von den Rechten, und was für
uns besonders wichtig ist, auch nicht von den Linken. Die Gefahr einer Vergiftung
bestand nicht, d.h. es wurden auch keine Entgiftungsmittel gebraucht. Es bestanden
gute Voraussetzungen, die Rechtsordnung, Rechtsorgane und ihre Beschützer zu
stärken und alle Extremisten – sowohl rechte als auch linke – schonungslos zu
bestrafen. Aber irgendjemand brauchte unbedingt die Machtübernahme durch Adolf
Hitler. Ganz sicher waren das nicht die deutschen Industriellen.
Bis jetzt haben wir keinen einzigen Grund gefunden, warum die Klasse der
deutschen Großbourgeoisie die Nationalsozialisten finanzieren sollte. Natürlich gab
es einige Vertreter, die ohne Zweifel Hitler Geld gaben. Aber das war eher die
Ausnahme als die Regel. Das waren offensichtlich diejenigen, die das Programm der
NSDAP nicht gelesen haben und bestrebt waren, die erheblichen sozialistischen
Tendenzen in diesem Papier nicht zu bemerken. Aber es geht nicht nur um das
Programm! Erinnern wir uns an den Namen der Hitlerpartei (Nationalsozialistische
Deutsche Arbeiterpartei) und die Frage der Beziehung des Großkapitals zu ihr
entfällt von selbst. Wo haben Sie, verehrte Leser, Magnaten gesehen, die eine
sozialistische Arbeiterpartei finanzieren? Gibt es auf der politischen Bühne in
Deutschland keine respektableren Parteien?
Betrachten wir folgende interessante Frage: Wann gaben die berüchtigten
„deutschen Industriellen“ den Nazis das Geld? Fünfzehn Jahre, d.h. von 1919 bis
1933, dauerte der Aufstieg von Adolf Hitler zur Macht. In der Literatur über den
Weg des Führers der Nazis zu den Gipfeln der politischen Macht ist eine interessante
Gesetzmäßigkeit zu finden: Je näher der Sieg von Adolf Hitler umso mehr
Informationen über Sponsoren werden von den Historikern mitgeteilt. Als Hitler
zum Reichskanzler ernannt wurde, haben sicher nur Faulpelze keine Gelder in die
Parteikasse der NSDAP eingezahlt. Die Zahl der Sponsoren wurde immer größer.
Der Führer der NSDAP konnte nun auf gleicher Augenhöhe Gespräche mit allen
36
Magnaten in Deutschland über Unterstützungen führen. Hinter seinem Rücken
standen hunderttausende SA-Männer, viele Mitglieder seiner Partei und die
Sympathie von Millionen seiner Wähler. Von diesem Zeitpunkt an verhandelte er
tatsächlich mit den „deutschen Industriellen“ und bekam von Ihnen die
entsprechenden Mittel. Aus irgendeinem Grund lieben es die Historiker nicht, ein
äußerst wichtiges Detail zu beachten. Fast alle Fakten dieser Unterstützung Hitlers
beziehen sich auf die letzten zwei Jahre vor seiner Machtübernahme. Der bekannte
deutsche Unternehmer, Fritz Thyssen, hat in seinem Buch „Ich zahlte Hitler“
zugegeben, dass der Gesamtbetrag, den die Schwerindustrie Hitler übergab,
insgesamt zwei Millionen Mark betrug [23]. Die Rheinwestfälische Gruppe der
Industriellen hat nach den Worten von Walther Funk auf dem Nürnberger Prozess,
Hitler einen Geldbetrag von mehr als einer Millionen Mark gegeben [24]. Dies
geschah alles in den Jahren von 1931 bis 1932.
Die Sieger des Zweiten Weltkrieges haben aus irgendeinem Grund diese Tatsachen
völlig außer Acht gelassen. Keiner der reichen Industriellen wurde für die
Finanzierung der Hitlerpartei, die letztendlich zum Tod von zig Millionen Menschen
beigetragen hat, zur Verantwortung gezogen und vor ein Gericht gestellt. Im Jahre
1947 wurde z.B. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach zu 12 Jahren Haft mit
Einbeziehung seines Vermögens verurteilt. Diese Strafe erhielt er nicht für die
Finanzierung der Nazis, sondern dafür, dass in seinen Fabriken völlig unschuldige
Menschen aus Osteuropa als Zwangsarbeiter tätig waren. Der Industrielle, Emil
Kirdorf, aus dem Ruhrgebiet, der schon frühzeitig von den Ideen Hitlers begeistert
war, hat von jeder Tonne der verkauften Kohle 5 Pfennige an die Parteikasse der
NSDAP abgeführt. Diese „Spende“ betrug 6 Millionen Mark/Jahr. Das war sehr viel
Geld! Aber auch dafür wurde er nicht vor ein Gericht gestellt. Nur wenn die Kohle
von den Häftlingen eines Konzentrationslagers abgebaut wurde und dabei hunderte
oder tausende Menschen vor Erschöpfung starben, dann erhielt der entsprechende
„Sponsor“ der Nazis seine Haftstrafe. Keine Häftlinge – keine Anklageschrift!
Für die Finanzierung von Hitler und seiner Partei wurde niemand angeklagt
und verurteilt. Nicht weil die Industriellen dank ihrer vielen Milliarden gerichtlich
nicht belangt werden konnten, sondern weil die Summe ihrer „Opfergaben“ im
37
Vergleich mit den Ausgaben der Hitlerpartei lächerlich gering waren. Ihre Hilfe für
die Nazis war wichtig, aber nicht entscheidend. Sogar in den 30iger Jahren, d.h. in
den „goldenen Jahren“ Adolf Hitlers, standen die Ausgaben der Nazis in keinem
Verhältnis zu den Einnahmen! Nach vorsichtigen Schätzungen betrugen die
Ausgaben der NSDAP für Propaganda, für die SA-Männer und für die ständigen
Wahlen 70 bis 90 Millionen Mark im Jahr [25].
Die nachweisbaren Spenden für die NSDAP in Höhe von 3 Millionen Mark,
1 Million Mark und sogar von 6 Millionen Mark aus dem Kohlepfennig sind im
Vergleich mit den Ausgaben nur Kopeken. Selbst wenn wir die Parteibeiträge und
Opfergaben der Deutschen dazu zählen, ergibt sich eine Differenz von 30 bis 40
Millionen Mark, die zwangsläufig aus anderen Quellen gedeckt werden mussten.
Lügen die Industriellen? Spielen sie die Höhe ihres Anteils an der Finanzierung von
Hitler herunter? Nein, sie sagen die reine Wahrheit. Wer gab Hitler die fehlenden
Millionen? Er hat sie doch nicht aus dem Nichts geschaffen!
Eine überzeugende Antwort auf diese Frage hat bisher kein einziger Forscher
gegeben. Genauer gesagt, es wurden nur solche Antworten gegeben, die die Leser
veranlassen, den Historikern künftig keine derartigen unbequemen Fragen mehr zu
stellen. Vielleicht sind auch deshalb in den letzten Tagen des 3. Reiches ungefähr
90% aller Finanzunterlagen der Nazipartei spurlos verschwunden. Im Frühjahr 1945
haben die Faschisten hektisch viele Beweisunterlagen vernichtet. Unberührt blieben
die Archive der Gestapo, in die Hände der Sieger gelangte außerdem der
vollständige Schriftverkehr der SS und der Parteiführung (z.B. der Briefwechsel
zwischen Kaltenbrunner und Bormann). Diese Dokumente haben entscheidend dazu
beigetragen, die höchsten Beamten des 3. Reiches an den Galgen und hinter Gitter
zu bringen. Warum haben sie diese gefährlichen Dokumente nicht rechtzeitig
vernichtet? Weil sie in dieser Zeit damit beschäftigt waren, die Unterlagen der Partei
über ihre Finanzen zu vernichten. In erster Linie wurden diese Unterlagen vernichtet,
erst dann wurde der so genannte „Kleinkram“, d.h. die Befehle über
Massenerschießungen und Deportationen, verbrannt. Lohnte es sich, angesichts des
bevorstehenden Untergangs, inmitten der Ruinen von Berlin und München,
Unterlagen über die Finanzquellen Hitlers aus der Zeit vor seinem Machtantritt zu
vernichten? Himmler oder Göring könnte es doch völlig egal sein, ob die
Weltöffentlichkeit etwas über die Hintergründe der Finanzierung von Hitlers
Machtantritt erfährt oder nicht. Ihnen drohte so oder so mindestens eine langjährige
Gefängnisstrafe. Warum in dieser Situation Archivunterlagen mit
Geldüberweisungen verbrennen und nicht mit Befehlen über Erschießungen und
Hinrichtungen? Für Göring und Himmler machte das alles natürlich keinen Sinn,
denn ihre Verbrechen waren wesentlich schwerwiegender. Aber die kleinen Fische
im Naziapparat wollten gern weiter leben. Z.B. der ständige Schatzmeister der
NSDAP, Reichsleiter und Obergruppenführer der SS, Franz Xaver Schwarz. Er
verbrannte eigenhändig alle Finanzunterlagen der Partei im „Braunen Haus“ in
München. Schwarz kannte jedes Detail der Finanzierung seiner Partei. Wegen seines
Geizes beschwerte sich Hitler mehrmals. Er schimpfte „Für jeden Pfennig muss man
ihn anbetteln“, „Mit seinem … sitzt er fest auf den Geldtruhen“ und „Auf der Straße
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bekommt man mehr, als bei ihm“. Aber seinen Schatzmeister Schwarz hat Hitler
weder rausgeschmissen noch bestraft, denn so wie er, sollte jeder Finanzminister
sein.
Warum hat Schwarz die Finanzdokumente vernichtet? Viel interessanter ist
die Frage: Warum hat er nicht ohne Ausnahme sämtliche Dokumente vernichtet,
sondern einen Teil davon nicht angerührt? Weil Franz Xaver Schwarz an seinem
Leben hing und dafür etwas tun musste. Er war verpflichtet, alle komprimierenden
Dokumente zu verbrennen und die unverfänglichen an ihrem Platz zu belassen.
Von wem hing das zukünftige Schicksal der Naziführer ab? Von den
deutschen Industriellen Krupp und Borsig! Selbstverständlich nicht! Es hing von
denen ab, die das faschistische Deutschland besiegt haben – von den führenden
Persönlichkeiten der Länder der Antihitlerkoalition. In welche Okkupationszone
strebten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Kräften die Bonzen des
Dritten Reiches? In die anglo-amerikanische Zone. Von den in München
einmarschierenden Verbündeten wurde auch Franz Xaver Schwarz verhaftet, der
vorbeugend in seinem Archiv alles Überflüssige bereits verbrannt hatte. Auf der
Basis der erhalten gebliebenen Unterlagen der NSDAP zogen unsere Historiker die
Schlussfolgerung, dass die deutschen Industriellen Hitler finanziert haben.
Siehe da, hier geschah ein „Verwandlungswunder“: in 10% der verbliebenen
Dokumente ist die Rede von deutschen Sponsoren für die Nazis, was automatisch
bedeutet, dass auch in den 90 % der verbrannten Dokumente genau das gleiche
stand! Diese umwerfende Schlussfolgerung ziehen sowohl die westlichen als auch
die sowjetischen Historiker. Für Sie, verehrter Leser, bleibt der Verstoß gegen die
Gesetze der Logik im Verborgenen. Doch warum einen großen Teil der Dokumente
verbrennen und einen kleinen Teil erhalten, wenn auf seiner Grundlage alle
Dokumente „wiederhergestellt“ werden können? Der Logik folgend, müssten sich
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doch die verbrannten Dokumente radikal von den erhaltenen gebliebenen
unterscheiden! Natürlich müssen die Dokumente vernichtet werden, die kein
einziger Forscher sehen darf. D.h. jene, welche die Regierungen der Siegerländer,
ihre Geheim- und Nachrichtendienste kompromittieren. Erhalten blieben dank
Obergruppenführer Schwarz genau die Dokumente, die belegen, dass Opfergaben
von Krupp, Borsig u.a. erfolgten, d.h. von deutschen Industriellen, von denen der
ehemalige Schatzmeister der NSDAP jetzt nicht mehr abhängig ist. Das weitere
Schicksal von Franz Xaver Schwarz beweist, dass unsere Schlussfolgerungen der
Wahrheit sehr nahe kommen. Nach der Vernichtung der Papiere, welche die Sieger
kompromittieren könnten, erhielt der große NSDAP-Mann und SS-Mann eine
„kindische“ Gefängnisstrafe von 2 Jahren. Schon im Jahre 1947 ist der
Schatzmeister des Führers wieder auf freiem Fuß. Ihm scheint, dass alles wie
vereinbart läuft. Im Gericht macht er die richtigen Aussagen, schweigt, wo er
schweigen muss, erhält ein paar Jahre Gefängnis und ist schnell wieder auf freien
Fuß. Nur eins hat er leider vergessen – nur ein toter Zeuge ist ein guter Zeuge! Franz
Xaver Schwarz, schon 1947 wieder in Freiheit, ist plötzlich im gleichen Jahr
gestorben. Im Gefängnis ist er gesund, in der Freiheit stirbt er.
Die Namen der Personen, die Hitler finanziell unterstützten, sind oft genannt
worden. In der Regel sind das entweder die berühmten „Krupp und Borsig“ oder
irgendwelche Figuren von provinzieller Natur. Als Hitler wegen seines
„Bierputsches“ vor dem Gericht stand, wurde festgestellt, dass seine Partei
finanzielle Unterstützungen vom Direktor des bayerischen Industriellenverbandes,
vom Geheimrat, Hermann Aust, und vom Rechtsberater des Bündnisses, Doktor
Kuhlo, erhalten hatte.
Derartige Namen kann man ohne Ende aufzählen – sie sagen uns gar nichts.
Die Summen dieser Unterstützungen sind derart gering und lächerlich, dass sie auf
keinen Fall Hitler geholfen haben, in Deutschland die Macht zu ergreifen. Warum
lieben es die Historiker, uns verschiedene rührende Geschichten darüber zu
erzählen, wie Bürger und Bürgerinnen den jungen Hitler unterstützt haben? Von
einem Buch zum anderen Buch über Hitler wandert z.B. die Geschichte von der
wichtigen Spende der Ehefrau des Besitzers der bekannten Pianofabrik, Helene
Bechstein.
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Diese ältere Dame entwickelte zum Waisen Adolf eine wahre Mutterliebe.
Um mit Hitler während seines Aufenthaltes im Gefängnis eine Rendezvous zu
bekommen, gab sie ihn als ihren Adoptivsohn aus.
Ebenso freigebig war Frau von Seidlitz: nach den Worten der HitlerBiographen übergab sie ihren gesamten Besitz den Nazis [26]. Will man damit
andeuten, der Platz solcher flinker Damen wäre auf der Bank der Angeklagten des
Nürnberger Prozesses? Sollen bornierte Damen im hohen Balzac-Alter für die zig
Millionen Opfer des Naziregimes die Verantwortung übernehmen? Diejenigen, die
uns so farbenfroh die Vorlieben solcher Großmütter beschreiben, verstehen
entweder gar nichts von der Finanzierung von politischen Parteien oder, im
Gegenteil, sie sind bestens mit dieser Frage vertraut. Allen ist sicher klar, dass mit
den Opfergaben einiger Damen keine Partei und auch keine Sturmabteilungen
finanziert werden können. Irgendjemand gab den Nazis das Geld, denn die
Sturmabteilungen entwickelten sich rasant. Jeder Stürmer (SA-Mann) erhielt von
der Partei kostenlos seine Kleidung, feste Schuhe und eine gute Verpflegung. Jeder
SA-Mann erhielt in der Zeit der schrecklichen totalen Arbeitslosigkeit in
Deutschland außerdem ein bescheidenes Gehalt. Diese Maßnahmen und nicht die
schönen Reden des Führers, Adolf Hitler, trugen maßgeblich dazu bei, viele neue
Mitglieder für die faschistische Partei zu werben und zu gewinnen. Zieh das braune
Hemd an, dann haben deine Kinder etwas zu Essen. Die Sturmabteilungen wuchsen
und wuchsen, d.h. die Ausgaben für sie auch. Woher nahm der Führer das Geld? Die
Mitgliedsbeiträge können das auch nicht erklären. Das wäre schon sehr komisch: Es
kommt der zukünftige SA-Mann in die NSDAP und zahlt seinen Mitgliedsbeitrag.
Auf der Grundlage dieses Beitrages wird er eingekleidet, erhält seine Verpflegung
und ein Gehalt?
Die Antwort auf die Frage über die tatsächlichen Geldquellen der
Nationalsozialisten finden wir, so seltsam es klingt, in den gleichen Büchern über
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den Führer. „Hitler organisierte auch systematisch die Sammlung von Geld im
Ausland. Einer seiner eifrigsten Eintreiber war ein gewisser Doktor Hanser in der
Schweiz (K. Heiden „Geschichte des Nationalsozialismus“ russ. Ausgabe „Der Weg
der NSDAP“) [27].
Ich gebe zu, als ich auf diesen Satz gestoßen bin, musste ich, um zu begreifen,
dass ich den Inhalt richtig verstanden habe, ihn immer und immer wieder lesen.
Der angehende Politiker Hitler sucht das Geld im Ausland!
Um uns nicht völlig zu verwirren und unsere Psyche zu schonen, nutzen die
Autoren der Bücher über den Führer unbedingt das kleine Wort „auch“, damit wir,
Gott bewahre, nicht denken, dass ALL IHR GELD die junge und hungrige
nazistische Partei aus dem Ausland erhielt! Außerdem haben sie zur Ablenkung ein
paar nette ältere Damen arischer Herkunft und irgendeinen Industriellen aus
Deutschland auf Lager, die Hitler ein wenig Geld gegeben haben.
Es ist verständlich, dass Bürger irgendeines Landes ihre eigenen Politiker mit
Geldspenden unterstützen wollen. Ihnen gefallen die führende Persönlichkeit, ihr
Programm und vielleicht noch irgendetwas anderes. Letztendlich können Spenden
an politische Parteien nicht verboten werden. Mögen sie spenden! Jedoch in einem
beliebigen unabhängigen Land ist es den Politikern verboten, Spenden aus dem
Ausland anzunehmen. Unter dem Deckmantel derartiger persönlicher und
gutgemeinter Spende verbergen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit Geheimdienste
des Machtkonkurrenten, die auf diesem Wege eine Marionette, d.h. ihren Favoriten
an die Macht bringen wollen. Natürlich zum eigenen Vorteil und Wohle. Aus diesem
Grund wird jeder beliebige Staat, der seine Unabhängigkeit bewahren möchte, die
Bildung verschiedener Geldanlagen und Organisationen, die von ausländischen
„Menschenfreunden“ finanziert werden, sehr aufmerksam beobachten. Bei uns (in
Russland, d. Übers.) werden solche „brüderliche Gemeinschaften“ als
„Nichtstaatliche Organisationen“ (NSO) bezeichnet. Warum wird diesen NSOs im
modernen Russland so viel Aufmerksamkeit geschenkt? Damit die Finanzierung und
Steuerung des politischen Kampfes nicht aus dem Ausland erfolgt!
Das ist vernünftig und richtig. Unser Buch beschäftigt sich jedoch nicht mit
den Problemen der jungen russischen Demokratie, sondern mit den Schwierig-keiten
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eines anderen, wenn auch jungen Staates, der Weimarer Republik. Sogar auf der
Grundlage unbedeutender und lückenhafter Informationen und Nachrichten aus
dieser Zeit ist festzustellen, dass Anfang der 20iger Jahre des 20. Jahrhunderts dort
ein einmaliges Chaos herrschte. Im Unterschied zu der heutigen Macht in der
Russischen Förderration interessierte sich im damaligen Deutschland niemand von
den Machthabern dafür, warum die NSDAP aus dem Ausland finanziert wird. Das
Ergebnis dieser völlig fehlenden Neugierde der Macht ist allgemein bekannt: Im
Jahre 1933 kam Adolf Hitler an die Macht…
Der zur Macht strebende Politiker, Adolf Hitler, erinnerte sogar aus größerer Entfernung
nicht an einen großen Führer.
Wer aus dem Ausland wollte dem kaum bekannten deutschen Politiker Geld
geben? Die Historiker entwickeln dazu verschiedene Varianten und Versionen. Wer
sie liest kann nur staunen.
„Die Partei, die sich so erfolgreich behauptete, erhielt ihre finanzielle
Unterstützung auch aus tschechoslowakischen, skandinavischen und in erster Linie
aus den schweizerischen Finanzkreisen“[28], schreibt Joachim Fest, der als einer
der besten Biographen des Führers bezeichnet wird.
Wir müssen zugeben, das ist eine ziemlich unerwartete Behauptung. Wo
bleiben die „deutschen Industriellen“? Es zeigt sich, dass ernsthafte Forscher der
Geschichte des Nationalsozialismus, obwohl sie sich nicht einmal besonders
bemühen, die geschichtlichen Klischees ihrer Leser zu zerstören, selbst – im
Unterschied zu vielen Lesern – diesen Klischees keinen Glauben schenkt.
Wozu sollten die Tschechen ihr Geld dem angehenden Fanatiker Adolf Hitler
geben? Nichts, außer laute Auftritte in Bierkneipen und Zirkuszelten hatte der
Führer bis zu diesem Zeitpunkt geleistet. Ja, seine Auftritte sind gut, ja, er ist
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talentiert, ja, er ist eine Bestie. Aber er ist gegenwärtig nur eine von vielen Figuren
in der regionalen bayerischen politischen Szene! Ja, was ist er! Die
Nationalsozialisten sind vorläufig nur eine winzige politische Gruppierung. Das
schreiben die „großen Kenner“ des Dritten Reiches sogar selbst.
„Bis zum Jahre 1930 waren die Nazis nur eine unbedeutende Partei, die sich
an der Peripherie des politischen Lebens in Deutschland tummelte“ [29].
Welches Interesse hatten die Tschechen an den Nazis? Welchen Grund haben
die Skandinavier, Hitler zu finanzieren? Wozu brauchen die Schweizer die
Nationalsozialisten? In der Regel werden wir auf diese Fragen keine Antworten von
den Historikern erhalten. Es ist schwierig, sich dafür plausible Gründe auszudenken.
In der Regel finden wir solche nichtssagenden Sätze wie: „die Beweggründe für die
Unterstützung der Partei waren so vielfältig wie die Quellen der Finanzierung“ [30].
Wir brauchen keine Ausreden, sondern Antworten! Natürlich gibt es
Wissenschaftler, die Bücher schreiben, sie in millionenfachen Auflagen verlegen
und verkaufen, gut davon leben, aber die von ihnen untersuchten Probleme und
Fragen nicht verstehen. Ich habe nichts dagegen, wenn Schriftsteller und Forscher
gut leben. Aber ich möchte, dass sie zumindest ihre Leser respektieren!
In den Jahren 1938 bis 1939 wird die Tschechoslowakei von Hitler zerstückelt
und anschließend Stück für Stück annektiert. Für was haben die geheimnisvollen
tschechischen Freunde der NSDAP das Geld gegeben? Waren sie noch bei
Verstand?
Die neutralen „Skandinavier“ haben angeblich auch Adolf Hitler geholfen.
Wer waren diese Skandinavier? Vielleicht waren es die Norweger, deren Territorium
1940 von den Empfängern ihres Geldes erobert wurde? Oder war es der norwegische
König, der vor langer Weile politisches Roulett spielte, dem Führer Geld schickte
und später auf einem britischen Minenboot aus seinem Land flüchtete? Sicher gibt
es einfachere Möglichkeiten, einen Ausflug auf hoher See zu organisieren.
Vielleicht waren diese „Skandinavier“ auch Dänen, deren Land ohne jeglichen
Widerstand seiner Armee annektiert wurde? Oder die Schweden, die wie durch ein
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Wunder bis zum Ende des Krieges neutral blieben?
Wie bereits erwähnt wurde, dienen finanzielle Zuwendungen an politische
Parteien immer einem bestimmten Ziel. Das gilt insbesondere dann, wenn es sich
um die Finanzierung von Politikern durch Bürger fremder Staaten handelt. In diesem
Fall sind die damit verbundenen Zielstellungen besonders schwerwiegend. Sie sind
nicht nur von wirtschaftlicher, sondern vor allem von geopolitischer und
strategischer Natur.
Einen realen Sinn, Hitler und seine Partei zu finanzieren, sehe ich bei keinem
der o.g. „Geldgeber“. Worin besteht das „Geschäft“, worin der Gewinn? Worin
besteht der geopolitische Nutzen? Welchen Nutzen haben die Tschechoslowakei,
Norwegen oder die Schweiz von der Wiedergeburt eines starken deutschen Staates?
Überhaupt keinen! Vielleicht sind sie geheime Anhänger der Nazis? Nein, derartiges
ist weder in Dänemark, in der Tschechoslowakei noch in der Schweiz bekannt
geworden. Natürlich, ein paar hundert Fanatiker, welche die Reihen der SSDivisionen und später die Massengräber füllten, gab es. Geldspenden und
Kanonenfutter sind jedoch offensichtlich zwei völlig verschiedene Dinge!
In seinem Buch schreibt Joachim Fest „Im Herbst 1923 ist Hitler nach Zürich
gereist und kehrte von dort, wie man sagte, mit einer Kiste, gefüllt mit Schweizer
Franken und Dollarscheinen, zurück”[31]. D.h., am Vorabend des Putschversuches
in München hat irgendjemand dem künftigen Führer eine solide Geldsumme
bereitgestellt. Uns versuchen bestimmte Wissenschaftler davon zu überzeugen, dass
dies die Schweizer waren!
Zu diesem Sachverhalt ist eine Erklärung notwendig. Im April 1917 ist
Wladimir Iljitsch Lenin von Zürich in der Schweiz über das Deutsche Reich und
Skandinavien nach Petrograd gefahren. Durch Deutschland fuhr er in einem
plombierten Eisenbahnwaggon. Warum schreiben viele Autoren, dass die großen
Finanzmittel, welche die Bolschewiki besaßen, Gelder des deutschen Generalstabes
waren? Was ist das für ein Blödsinn? Lenin lebte doch in der Schweiz, in der Stadt
Zürich, in die nach nur sechs Jahren Adolf Hitler fuhr. Wenn wir der Logik der
Hitler-Biographen folgen, dann gaben die Schweizer Lenin das Geld! Der Schweizer
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Geheimdienst ist demnach der Organisator der Oktoberrevolution in Russland!
Niemand ist bisher darauf gekommen. Weil, wie im Fall mit den Nazis völlig unklar
ist, warum die Schweizer Geld für die russische Revolution oder für deutsche
Randgruppen ausgeben. Vielleicht, damit sie mehr Schokolade im zerstörten Europa
verkaufen können? Oder um auf diese Art und Weise den Verkauf ihrer Uhren zu
steigern?
Solang wir die Tschechen und die Schweizer für die Schatzmeister der
Nationalsozialisten halten, werden wir die Geschichte des Aufstieges von Hitler an
die Macht und die Geschichte der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges nicht
verstehen. Warum schreiben die Hitler-Biographen einen derartigen Unsinn?
Verstehen sie tatsächlich nicht die Naivität ihrer Behauptungen?
Sie verstehen dies sehr wohl. Deshalb werden wir mit nichtssagenden
Antworten abgespeist. Als gewissenhafte Menschen müssen sie darüber schreiben,
weil es viele Zeugen gibt, die beweisen, dass über die Tschechoslowakei, die
skandinavischen Länder und die Schweiz Finanzen zu Hitler geflossen sind. Obwohl
diese Informationen nur wenige Zeilen einnehmen, sagen sie mehr über die
Hintergründe, den Verlauf und die Folgen des Zweiten Weltkrieges aus, als ganze
Seiten vieler historischer Arbeiten.
Die Finanzierung dunkler Machenschaften und fragwürdiger
Geschichten in der Weltpolitik werden immer über Banken und
Persönlichkeiten neutraler Länder abgewickelt! Kommt die Wahrheit ans Licht,
dann wird alles auf die „Neutralen“ geschoben, keine Supermacht hat damit etwas
zu tun. Deshalb werden von den Historikern nur diese genannt. Die schweizerischen
Bankiers haben nur ihre Aufgabe erfüllt. Sie wurden beauftragt – Hitler das Geld zu
übergeben. Und das taten sie auch.
Eine weitere wichtige Frage ist: Warum gaben die „guten“ Neutralen gerade
ihm das Geld? Vielleicht haben sie alle Parteien gesponsert? Nach der Devise: Egal
wie es kommt! Nein nicht alle. Nur die Perspektivreichsten. „Das so genannte
„dunkle Pferdchen“, Kurt Lüdecke, hat in dieser Zeit offensichtlich auch aus
unbekannten ausländischen Quellen erhebliche Geldmittel erhalten. Er finanzierte
damit z.B. eine „private“ Sturmabteilung mit mehr als 50 Kämpfern“ [32].
Wer war Kurt Lüdecke? Ein hochgestellter Nazi? Nein! In den Büchern
können wir über ihn folgende Beschreibung finden: „Er gehörte zu den ersten
Anhängern der Bewegung“, „einer der Freunde“ und sogar „ein Agent Hitlers“.
Dieser, sich durch nichts besonders auszeichnende „Freund“, schöpfte aus
unbekannten ausländischen Quellen Geld für den jungen aufstrebenden Hitler.
Später finden wir das „dunkle Pferdchen“ als Korrespondenten der Zeitung
„Völkischer Beobachter“ des Zentralorgans der Nationalsozialistischen Deutschen
Arbeiterpartei. Warum ernennt Hitler seinen „Geldbeschaffer“ nicht zum Gauleiter,
nicht zum Gruppenführer der SS und nicht einmal zum Hauptredakteur, sondern nur
zum Korrespondenten? Ein derartiger alter cleverer Freund könnte dem neuen
Reichskanzler, Adolf Hitler, auf einem verantwortungsvollen Posten sicher sehr
nützlich sein. Aber Kurt Lüdecke wird zum Schreiben von Reportagen
abkommandiert.
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Doch wir brauchen uns nicht zu wundern, denn die Bezeichnung „dunkles
Pferdchen“ ist nichts anderes als ein Synonym für die Worte „Kundschafter“ oder
„Agent“. Korrespondent einer Zeitung zu sein – das ist eine beliebte Legende für die
verdeckte Tätigkeit eines Geheimdienst-Mitarbeiters. Anhand der Information,
wohin Lüdecke in den 30iger Jahren delegiert wird, können wir ableiten, woher er
seine finanziellen „Inspirationen“ in den Jahren 1920 bis 1922 erhielt. Wohin wird
er geschickt? Nach Bremen, Rostock oder Berlin? Vielleicht sogar nach Moskau,
Prag oder Genf? Nein, Kurt Lüdecke wird in die USA geschickt …
Es gibt eine weitere interessante Variante: Hitler wurde vom
französischen Geheimdienst finanziert [33]!
Mit dieser Logik sind wir schon vertraut. Es gibt Informationen, dass die
Nazis Finanzspritzen aus dem benachbarten Frankreich erhalten haben. Irgendwie
muss man den Lesern erklären, warum die Franzosen das gemacht haben. Deshalb
schreiben die „Wissenschaftler“, dass für die Franzosen die Nazis bayrische
Separatisten sind, die unterstützt werden müssen!
Frankreich war schon immer ein Anhänger einer Politik der Zersplitterung
Deutschlands in viele kleine Länder. Deshalb hat die Idee, den Anhängern einer
Politik der Abspaltung Bayerns von Deutschland Geld zu geben, eine reale
Grundlage. Der einzige Haken: Die Anhänger Hitlers waren keine Separatisten und
für Hitler war Frankreich der Hauptfeind von Deutschland. „Denn über folgendes
muss man sich völlig klar sein: Der Todfeind des deutschen Volkes ist und bleibt
Frankreich. Egal wer in Frankreich regiert oder regieren wird, ob Bourbonen oder
Jakobiner, Napoleoniden oder bürgerliche Demokraten, klerikale Republikaner oder
rote Bolschewisten – das Endziel ihrer außenpolitischen Tätigkeit wird immer die
Eroberung des Rheins sein. Damit Frankreich diesen großen Fluss in seinen Händen
behält, wird es immer bestrebt sein, dass Deutschland ein schwacher und
zersplitterter Staat bleibt.“, schrieb Hitler ein wenig später in seinem Buch „Mein
Kampf“. Wird der französische Geheimdienst tatsächlich von solchen Dummköpfen
geführt?
Zum Zeitpunkt der so genannten französischen Zuwendungen gab es Hitlers
Buch noch gar nicht. Vielleicht ist das der Grund für die merkwürdige „Verwirrung“
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der Hitlerforscher? Das Programmwerk des Führers existierte nicht, aber das
Programm der NSDAP gab es. Schon aus reiner Neugier sollten sich die Franzoden
mit ihm vertraut machen, zumindest vor der Bereitstellung finanzieller Mittel einmal
durchblättern. Eine Verwechslung von Separatisten und Nazis wäre damit völlig
ausgeschlossen. Die Franzosen haben offensichtlich das Programm der NSDAP
nicht gelesen. Wahrscheinlich hatten die französischen Geheimdienste so viel Geld,
dass sie sich erst gar nicht der Mühe unterzogen, die Dokumente der Organisationen
zu lesen, an die sie ihre Finanzhilfen austeilten. Haben sie Finanzmittel verteilt, die
zur Unterstützung von extremistischen Organisationen der deutschen Nachbarn
vorgesehen waren?
Warum können wir das lauthals behaupten? Weil jeder, der das Programm der
Hitlerpartei gelesen hat, feststellen wird, dass vom Separatismus in diesem
Dokument überhaupt nicht die Rede ist. Genau wie jeder „Kapitalist“ in diesem
Programm auch keine „kapitalistischen“ Punkte über die „unentgeltliche Enteignung
des Bodens“ und über die „Nationalisierung der Industriebetriebe“ lesen wird. Im
Gegenteil, die NSDAP trat in ihrem Programm für die Einheit Deutschlands auf.
Schon der erste Punkt in diesem Programm zerstreut in dieser Frage jeglichen
Zweifel: „Wir fordern den Zusammenschluss aller Deutschen auf der Grundlage des
Selbstbestimmungsrechtes der Völker in einem großen Deutschland.“ Sogar wenn
der französische Geheimdienst aus Zeitgründen nur den letzten, d.h. den Punkt 25,
gelesen hat, gibt es keinerlei Zweifel an den Plänen der Hitlerpartei. Im Programm
der NSDAP, das am 1. April 1920 beschlossen wurde, lautet der letzte, d.h. der 25.
Punkt:
„Zur Durchführung all dessen fordern wir die Schaffung einer starken
Zentralgewalt des Reiches. Unbedingte Autorität des zentralen politischen
Parlaments auf dem Territorium des Reiches und in allen seinen Organisationen.“
Mit dem gleichen Erfolg können wir General Denikin (Kommandeur der
Weißen Armee während des Bürgerkrieges 1917-1923 – Anm. d. Übers.) mit seiner
Losung für ein „Einheitliches und unteilbares“ Russland oder die Führer des
Volksaufstandes gegen die polnische-litauische Besetzung, Minin und Poscharski,
Anfang des 17. Jahrhunderts (Führer der russischen Volkserhebung gegen die
polnisch-litauische Besetzung während der Wirren Anfang des 17. Jahrhunderts) als
Separatisten bezeichnen. Bedeutet das, dass die Franzosen tatsächlich zu faul waren,
das Programm der Faschisten zu lesen? Oder haben sie es gelesen und hervorragend
verstanden, wem sie das Geld geben? Aber warum sollten die Franzosen einer
politischen Bewegung helfen, die fünfzehn Jahren später ihre Heimat zerschlägt und
okkupiert? Es soll auch schon folgendes vorgekommen sein: Ein gewisser Herr
züchtet einen riesigen bösen Hund, der seinen Nachbarn töten soll. Plötzlich reißt er
sich von der Kette und frisst seinen eigenen Herrn.
Das, was in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg geschah, erfordert eine
gesonderte detaillierte Erläuterung. Die Zahlung der ungeheuerlichen Reparationen
führte zu einer unvorstellbaren Inflation, zu einer schrecklichen Arbeitslosigkeit und
insgesamt zu einem katastrophalen Abfall der Lebensqualität. Verhungernde
Kriegsinvaliden waren Anfang der 20iger Jahre des vorigen Jahrhundert eine bittere
48
Realität in Deutschland. Die Häuser waren nicht beheizt, die Kinder halb verhungert,
eine Welle der Selbstmorde durchlief das Land. Schwache Menschen sahen ihren
Ausweg aus diesem Alptraum nur im Suizid. Ganze Familien sind auf diese Art und
Weise ums Leben gekommen.
Gut gekleidete Menschen (die Kleidung aus den Vorkriegsjahren war noch
nicht verschlissen) wühlten in den Mülltonnen auf der Suche nach Essensresten.
Eine aufblühende Prostitution. Arme, Bettler, demonstrierende Invaliden, die höhere
Renten forderten um sich davon ein Glas Milch zu kaufen.
Den Zeitzeugen der Perestroika und des Untergangs der Sowjetunion sind
diese Bilder gut bekannt. Mit dem einzigen Unterschied, dass im Vergleich mit den
Zuständen in den deutschen Nachkriegsjahren die Zeit der Reformen Gaidars nahezu
paradiesisch waren. Deutschland ist damals wahrlich durch ein Fegefeuer, durch alle
Höllenkreise Dantes gegangen. Die Inflation war unvorstellbar! Im Herbst 1923
kostete ein Hühnerei so viel, wie ca. 30 Mio. Eier im Jahre 1913 [34]! Dem jungen
amerikanischen Reporter, Ernest Hemingway, erzählte ein deutscher Kellner die
rührende Geschichte, wie er genügend Geld gespart hat, um ein Hotel zu kaufen.
„Aber jetzt kann er sich für dieses Geld nur vier Flaschen Champagner leisten“
schreibt er. Ernst Hanfstaengl (über den im Folgenden noch die Rede ist), in seine
Heimat zurückgekehrt, kann für seinen kleinen Sohn keine Milch kaufen. Es gab sie
nur auf Lebensmittelkarten. Trotzdem war sie auch damit nicht zu bekommen. Der
einzige Ausweg war, in einem 5-Sterne-Hotel so viel an Kaffee zu bestellen, dass
man aus den beigefügten Sahneportionen die Milchflasche des Kindes füllen konnte
[35].
Denjenigen, die sich genauer informieren wollen, wie die Deutschen nach
dem Krieg gelebt haben, empfehle ich die Romane von Erich Maria Remarque,
insbesondere das Buch „Der schwarze Obelisk“ zu lesen. In diesem Buch ist
hervorragend die Situation beschrieben, wie Mitarbeiter mit dem bis zum Mittag
erhaltenen Lohn schnell in ein Geschäft laufen mussten, weil sich bereits am
Nachmittag die Preise verzehnfachten.
49
So lebte der einfache Deutsche. Die Nazis hatten anfangs auch finanzielle
Schwierigkeiten. Die ersten Sturmabteilungen konnten im Winter keine
Truppenkontrollen durchführen: Sie hatten keine warmen Schuhe. Aber allmählich
regelte sich die Situation. SA-Führer und Parteifunktionäre erhalten ihr Gehalt in
ausländischer Währung [36]. Das bedeutete Stabilität und Garantie eines guten
Lebens im hyperinflationären Deutschland. Wie auch jede andere Partei sammelten
die Nazis Beiträge und Spenden. Die SA-Männer liefen mit Sammeldosen durch die
Straßen der deutschen Städte, für die Auftritte Hitlers, in Zirkuszelten und im
Theater wurden Eintrittskarten verkauft. Bei diesen Einkünften handelte es sich stets
um Gelder in Deutscher Mark, die sich ständig entwerteten. Gutmütige ältere Damen
spendeten auch Gelder in Deutscher Mark. „Keine Partei konnte damals von den
Mitgliedsbeiträgen, die in Reichsmark eingezahlt wurden, existieren“ [37],
schreiben über diese Zeit selbst die Historiker. Wer aber Hitler die Dollars und die
Schweizer Franken gab, das haben sie uns bis heute nicht genau erklärt. Wir können
diese Frage auch selbst beantworten. Wenn wir verstehen, welchen Interessen der
Führer und seine Partei entsprachen, dann wissen wir auch, wer das Geld für ihre
Gründung und für ihre Entwicklung gab. Wie sollen wir erkennen, auf wessen Mühle
Adolf Hitler Wasser gießen wollte? Sehr einfach. Im Unterschied zum französischen
Geheimdienst blättern wir in seinem Programm. Lesen wir das Buch „Mein Kampf“
(Quelle: Auflage 1943, Bd. I und II; in diesem Buch werden nur die entsprechenden
Seiten genannt; Anm. d. Übers.) und wir werden alles verstehen. Das Buch ist
sehr vielseitig. In ihm sind persönliche Erinnerungen eines Frontsoldaten mit
antisemitischen Aussagen vermischt. Uns interessieren jedoch in erster Linie die
politischen Ansichten des Autors. Alles, was uns die Möglichkeit gibt, sein
Programm zu bewerten, zu verstehen und seine künftigen Handlungen
vorauszusehen. Im Unterschied zu uns, wussten die Sponsoren von Hitler noch
nicht, wie und weshalb seine Karriere beendet wird. Am Anfang des Buches
wird eine Analyse der Gründe für die Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg
durchgeführt.
„Wenn europäische Bodenpolitik nur zu treiben war gegen Russland mit
England im Bunde, dann war aber umgekehrt Kolonial- und Welthandelspolitik nur
50
denkbar gegen England mit Russland… Allein man dachte ja auch gar nicht daran,
sich mit Russland gegen England zu verbünden, so wenig wie mit England gegen
Russland, denn in beiden Fällen wäre das Ende ja Krieg gewesen,…“ (Seite 157).
Schon allein aus diesen Aussagen wird die klare und präzise Ausrichtung der
künftigen Politik Hitlers erkennbar. Um irgendetwas irgendjemanden
wegzunehmen, muss man sich mit denjenigen verbünden, dem man nichts
wegnehmen will. Die kaiserliche Diplomatie hat darüber nie nachgedacht und wurde
deshalb in einen Krieg gegen die ganze Welt gezogen.
„Da man aber überhaupt von einer planmäßigen Vorbereitung des Krieges
nichts wissen wollte, verzichtete man auf Grunderwerb in Europa und opferte,
indem man sich statt dessen der Kolonial- und Handelspolitik zuwandte, das sonst
mögliche Bündnis mit England, ohne aber nun logischerweise sich auf Russland zu
stützen, und stolperte endlich, von allen, außer dem habsburgischen Erbübel,
verlassen, in den Weltkrieg hinein.“ (Seite 691).
Wenn wir mit allen gleichzeitig kämpfen, dann ist es ausgeschlossen zu
siegen. Das ist die erste wichtige Schlussfolgerung des Buchautors „Mein Kampf“.
Außerdem analysiert er die „Festigkeit der Reihen“ der Gegner seines Landes.
„Denn darüber muss man sich endlich vollständig klar werden: Der
unerbittliche Todfeind des deutschen Volkes ist und bleibt Frankreich.“ (Seite 733).
Im Gegensatz dazu charakterisiert Hitler den anderen Gegner der Entente –
Großbritannien – in einer ganz anderen Tonart. Er rechtfertigt ihn sogar.
„Gerade um Frankreichs Macht nicht übergroß anwachsen zu lassen, war
eine Beteiligung Englands an seinen Raubgelüsten die einzig mögliche Form des
eigenen Handelns. Tatsächlich hat England sein Kriegsziel nicht erreicht.“ (Seite
695).
Die Söhne des nebligen Albion (antiker Name für England – Anm. d. Übers.)
bemühten sich ständig, die stärkste Macht auf dem Kontinent zu schwächen. Vor
einiger Zeit war dies Deutschland. Nunmehr zerschlagen und ausgeraubt, stellte es
keinerlei Gefahr mehr für die Briten dar. Nach der Meinung von Hitler kann
Großbritannien nur mit Frankreich unzufrieden sein!
„So war die Frucht des Kampfes gegen die Machtentwicklung Deutschlands
politisch die Herbeiführung der französischen Hegemonie auf dem Kontinent.“
(Seite 696).
51
Die Grundsätze der britischen Politik werden nicht für Jahrzehnte sondern für
Jahrhunderte geschmiedet! Nach der Auffassung Hitlers sollten sie auf keinen Fall
davon Abstand nehmen.
„Englands Wunsch ist und bleibt die Verhütung des übermäßigen
Emporsteigens einer kontinentalen Macht zur weltpolitischen Bedeutung, d.h. also
die Aufrechterhaltung einer bestimmten Ausgeglichenheit der Machtverhältnisse
der europäischen Staaten untereinander; denn dies erscheint als Voraussetzung
einer britischen Welthegemonie.“ (Seite 696).
An dieser Stelle formulierte Hitler eine Schlussfolgerung. Eine der
wichtigsten Schlussfolgerungen in seinem Buch. Schon allein deshalb musste dieses
Buch geschrieben werden:
„Wer von dem obigen Gesichtspunkt aus eine Prüfung der heutigen
Bündnismöglichkeiten für Deutschland vornimmt, muss zu der Überzeugung
gelangen, dass als letzte durchführbare Bindung nur eine Anlehnung an England
übrigbleibt.“ (Seite 697).
Einband der ersten Auflage vom Buch des Dritten Reiches „Mein Kampf“. Die
grundlegende politische Idee dieses Buches ist, dass Großbritannien der größte und wichtigste
Verbündete Deutschlands ist.
Wie heißt es doch so schön: „Aus den Augen, aus dem Sinn!“. Hitler will die
alten Sünden von Großbritannien vergessen. Die Niederlage im Jahre 1918, die
Revolution, die versenkte deutsche Flotte, die Reparationen – dies alles ist er bereit
zu vergessen. Die Briten hätten das alles nicht aus Bosheit getan. Wir können auch
sagen: „It’s nothing personal, it’s only business“.
52
„Nun wird aber Bündnispolitik nicht getrieben vom Gesichtspunkt
rückblickender Verstimmungen aus, sondern vielmehr befruchtet von der Erkenntnis
zurückblickender Erfahrungen. Die Erfahrung aber sollte uns nun belehrt haben,
dass Bündnisse zur Durchführung negativer Ziele an innerer Schwäche kranken.“
(Seite 697).
Deshalb müssen wir positiv denken. Wir dürfen die Briten nicht verärgern,
aber von ihnen auch keine übertriebene Güte erwarten. Schon gar nicht eine prodeutsche Orientierung. Solche Politiker wird es in Großbritannien niemals geben.
„Es wird jeder Engländer als Staatsmann natürlich erst recht Engländer
sein, jeder Amerikaner Amerikaner, und es wird sich kein Italiener bereitfinden, eine
andere Politik zu machen als eine pro-italienische. Wer also Bündnisse mit fremden
Nationen aufbauen zu können glaubt auf einer pro-deutschen Gesinnung der dort
leitenden Staatsmänner, ist entweder ein Esel oder ein unwahrer Mensch. Die
Voraussetzung zur Aneinanderkettung von Völkerschicksalen liegt niemals in einer
gegenseitigen Hochachtung oder gar Zuneigung begründet, sondern in der
Voraussicht einer Zweckmäßigkeit für beide Kontrahenten. D.h. also: So sehr,
sagen wir, ein englischer Staatsmann immer pro-englische Politik betreiben wird
und niemals pro-deutsche, so sehr können aber ganz bestimmte Interessen dieser
pro-englischen Politik aus den verschiedensten Gründen heraus pro-deutschen
Interessen gleichen.“ (Seite 698).
„England wünscht kein Deutschland als Weltmacht, Frankreich aber keine
Macht, die Deutschland heißt: ein denn doch sehr wesentlicher Unterschied! Heute
aber kämpfen wir nicht für eine Weltmachtstellung, sondern haben zu ringen um den
Bestand unseres Vaterlandes, um die Einheit unserer Nation und um das tägliche
Brot für unsere Kinder. Wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus Ausschau halten
wollen nach europäischen Bundesgenossen, so bleiben nur zwei Staaten übrig:
England und Italien.“ (Seite 733).
Interessant ist, dass in den Büchern der sowjetischen und westlichen
Historiker sowie von den Politikern die Frage der ungehemmten Liebe Hitlers zu
Großbritannien nicht berührt wird. Die Autoren erwähnen diesen Sachverhalt
entweder gar nicht oder sie beschränken sich nur auf die Zeile: „Die einzig
möglichen Verbündeten Deutschlands sind England und Italien“ [38].
53
Außerdem lässt sich Hitler darüber aus, dass für Großbritannien und Italien
ein starkes Frankreich auf dem europäischen Kontinent wie ein „Knochen im Hals“
sein muss. Die Logik des Führers ist einfach und durchschaubar. Weil die o.g.
Länder an einem starken Frankreich, welches auch dank fremder Hilfe und der
Schwäche Deutschlands zu einer Führungsmacht wird, nicht interessiert sind,
werden sie zu deutschen Freunden. Vielleicht sogar gegen ihren eigenen Willen. Der
Feind meines Feindes ist mein Freund. Vielleicht nicht mein Freund, aber auf jeden
Fall nicht mein Feind!
„Bei nüchternster und kältester Überlegung sind es heute in erster Linie diese
beiden Staaten England und Italien , deren natürlichste eigene Interessen den
Existenzvoraussetzungen der deutschen Nation wenigstens im allerwesentlichsten
nicht entgegenstehen, ja in einem bestimmten Maße sich mit ihnen identifizieren.“
(Seite 700)
Im Rahmen dieses Kapitels wird das Wort „England“ so oft wiederholt, dass
dies den Leser nur in Erstaunen versetzen kann. Wieder und wieder beschäftigt sich
Hitler mit dem gleichen Gedanken, betrachtet ihn von verschiedenen Seiten und
wiederholt mehrmals ein und dasselbe.
„Für Deutschland jedoch bedeutet die französische Gefahr die Verpflichtung,
unter Zurückstellung aller Gefühlsmomente, dem die Hand zu reichen, der, ebenso
bedroht wie wir, Frankreichs Herrschgelüste nicht erdulden und ertragen
will.“(Seite 705)
Worüber spricht Hitler? Bietet der Führer dem nebligen Albion seine
Freundschaft an? Zehn Jahren vor seinem Machtantritt? Ja, das sagt und tut er. Denn
geradezu und ohne Umschweife schreibt er:
54
„In Europa wird es für Deutschland in absehbarer Zukunft nur zwei
Verbündete geben können: England und Italien.“ (auch Seite 705)
Der Schlüssel zum Erfolg für das schwache und zerschlagene Deutschland ist
das Bündnis mit den Siegermächten, weil sie an seiner weiteren Schwächung nicht
interessiert sind! An dieser Stelle habe ich es begriffen. Nicht für die deutschen
Bürger und Hausfrauen, nicht für die Pimpfe und das Jungvolk, nicht für die
wohlgenährten SA-Leute und nicht für die in schwarze Uniformen gekleidete SS hat
Adolf Hitler sein Buch geschrieben. Die Seiten seines Buches „Mein Kampf“ gaben
ihm die hervorragende Möglichkeit sich an den Herrscher der damaligen Welt – an
die Briten – zu wenden, um ihnen mit einfachen und klaren Worten seine Gedanken
und seine Vorschläge zu unterbreiten: In Deutschland entsteht unter der Führung
von Adolf Hitler eine neue starke Bewegung. Seine volle Kraft hat diese Bewegung
noch nicht erreicht, aber sie wächst. Sie braucht und fordert Hilfe von außen. Wie
ein Pflänzlein zum Licht, so strebt die faschistische Partei durch den deutschen
politischen Boden nach oben. Für ihren Wachstum benötigt sie nur zwei
Voraussetzungen: Geld und nochmals Geld. Keine Angst vor den Nazis! Es sind
„gute“ Burschen, die keine Gefahr für die Briten darstellen. Eine starke pro-britische
Kraft, die von dem ehrgeizigen deutschen Politiker, Adolf Hitler, geschaffen und an
die Macht geführt wird. Die Briten können mit ihr ein Bündnis eingehen und sie
angemessen unterstützen. Sobald sie an die Macht gekommen sind, werden sie eine
Politik betreiben, die mit den Zielen der Vereinten Königreiches übereinstimmen.
Andere Verbündete braucht Hitler nicht.
„Wie konnte man jeden einzelnen dieser Punkte (des Versailler Vertrages –
Anm. d. Übers.) dem Gehirn und der Empfindung dieses Volkes so lange einbrennen,
bis endlich in sechzig Millionen Köpfen, bei Männern und Weibern, die gemeinsam
empfundene Scham und der gemeinsame Hass zu jenem einzigen feurigen
55
Flammenmeer geworden wäre, aus dessen Gluten dann stahlhart ein Wille
emporsteigt und ein Schrei sich herauspresst: … (Seite 715).
Der Versailler Vertrag hat Deutschland direkt an den Rand seines Untergangs
gebracht. Die gewaltigen Reparationen, der Hunger, die Kälte, das Elend, die
Arbeitslosigkeit, die Suizidwelle. Welcher „Aufrufschrei“ sollte nach der
Auffassung des Führers aus der „tiefsten Seele“ des deutschen Volkes erfolgen?
Geben Sie uns etwas zu essen? Heizen Sie unsere Wohnungen? Geben Sie uns
Arbeit? Fordern Sie keine Reparationen? Erklären Sie den Versailler Vertrag für null
und nichtig? Nein! Hitler schreibt im „Mein Kampf“ etwas anderes. Und zwar
deshalb, weil er dieses Buch für ganz andere Menschen geschrieben hat. Nicht für
die Historiker und Wissenschaftler und nicht für die Erforschung des Naziregimes.
„Wir wollen wieder Waffen!“ (Seite 715) lautet das Satzende seiner Aussage
zum Versailler Vertrag.
Deutschland muss die Siegermächte um Waffen bitten? Um den Krieg gegen
jene zu beginnen, die ihr Vaterland ausgeraubt und zerstört haben? Um die von
seinem Land abgetrennten Territorien und die überseeischen Kolonien wieder zu
erhalten? Wer gibt den Deutschen Waffen für einen Krieg gegen das eigene Land?
Wir brauchen uns nicht aufzuregen. Die Antwort steht bereits im Buch. Sie lautet
klar und deutlich:
56
„…also Zurückstellung der Interessen der abgetrennten Gebiete gegenüber
dem einzigen Interesse, dem verbliebenen Rest jenes Maß an politischer Macht und
Kraft zu erringen, das die Voraussetzung für eine Korrektur des Willens feindlicher
Sieger ist.“ (Seite 689).
Er wird die abgetrennten Gebiete nicht zurückfordern. Denn das Bündnis mit
Großbritannien ist eine einzige Möglichkeit um Deutschland wieder aufzubauen, um
seine verlorengegangene Größe wieder herzustellen. Dafür muss man irgendein
Opfer bringen! Denn der britische Sieger darf keine Angst haben, Deutschland
wieder aufzurüsten. Deshalb werden die Waffen für ganz andere, gemeinsame Ziele
eingesetzt. Für die Eroberung neuer Gebiete im Interesse beider Völker.
„Völkerschicksale werden fest aneinander geschmiedet nur durch die
Aussicht eines gemeinsamen Erfolges im Sinne gemeinsamer Erwerbungen,
Eroberungen, kurz einer beiderseitigen Machterweiterung.“ (Seite 697).
Wo beabsichtigt der Führer die neuen Gebiete zum Ruhme und zur Ehre
Deutschlands und Großbritanniens zu erobern? Darüber spricht er im 14. Kapitel
„Ostorientierung oder Ostpolitik“ seines Buches. Gerade dieses Kapitel wird
besonders gern und oft von den sowjetischen Historikern zitiert. Angesichts des
völligen Abbruchs der Gedanken des vorhergehenden Kapitels geht die ganze Logik
der Überlegungen Hitlers verloren. Ich bitte Sie deshalb, verehrter Leser, um Ihr
Verständnis für die folgenden ausschweifenden Zitate. Diese sind für das
Verständnis der Ursachen und Gründe des Zweiten Weltkrieges von sehr großer
Bedeutung. Viel wichtiger sind die Gedankengänge des zukünftigen Führers und
Kanzlers Deutschlands für die Beantwortung der Frage, was ist am 22. Juni 1941
wirklich geschehen …
Im 14. Kapitel erklärt Hitler, wohin die Faschisten das deutsche Volk
schicken, sobald sie von den Siegern des Ersten Weltkrieges die notwendigen
Waffen erhalten:
„Die Forderung nach Wiederherstellung der Grenzen des Jahres 1914 ist ein
politischer Unsinn von Ausmaßen und Folgen, die ihn als Verbrechen erscheinen
lassen.“ (Seite 736)
Im Ergebnis des Ersten Weltkrieges verlor Deutschland große Teile seines
Territoriums. In diesen abgetrennten Teilen haben sich Frankreich, Polen, die
Tschechoslowakei und Litauen Grund und Boden angeeignet. Die überseeischen
Kolonien haben die Briten übernommen. Die Forderung nach Wiederherstellung der
alten Grenzen würde zwangsläufig zu einem Krieg gegen diese Länder führen.
Polen, die Tschechoslowakei und Litauen sind Länder, die von Großbritannien
kontrolliert werden, Frankreich ist sein Hauptverbündeter. Weil die Briten einen
derartigen Krieg nicht wünschen, werden sie selbstverständlich dafür weder Waffen
noch Geld geben. Hitler fegt alle Zweifel der Briten ein für alle Mal weg. Wir
brauchen kein Elsass, wir brauchen kein Lothringen, der Teufel soll sie holen. Es
57
gibt viel interessantere Gebiete. Aber wo? Im Osten. Etwas weiter, hinter Polen und
Litauen.
„Damit ziehen wir Nationalsozialisten bewusst einen Strich unter die
außenpolitische Richtung unserer Vorkriegszeit. Wir setzen dort an, wo man vor
sechs Jahrhunderten endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden
und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir schließen
endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur
Bodenpolitik der Zukunft. Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und
Boden reden, können wir in erster Linie nur an Rußland und die ihm untertanen
Randstaaten denken“ (Seite 742).
Es ist alles klar gesagt. „Wir schließen mit der Kolonial- und Handelspolitik
der Vorkriegszeit ab“ bedeutet eine Absage des deutschen Staates an seine
Expansionsbestrebungen in China, Afrika und Asien am Anfang des 20.
Jahrhunderts, d.h. in der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg. In diesen Gebieten ist alles
schon zwischen den Briten, Franzosen und anderen Europäern aufgeteilt. In diesen
Kontinenten gibt es auch Gebiete mit amerikanischen Interessen. In diese Gebiete
würde Hitler sich nicht wagen, er bewegt sich in Richtung Russland. Dort gibt es
genug Land für alle. Nicht nur für die Deutschen, genug auch für die Briten!
Wie ein guter Wahrsager bemüht sich Hitler darum, alle Bedenken
auszuräumen, die beim Lesen seines Buches durch die Herren im britischen
Geheimdienst entstehen könnten.
58
Ein Bündnis zwischen Deutschland und Russland – das war der schlimmste
Alptraum der Angelsachsen in diesem Jahrhundert. Was tun, wenn sich diese zwei
kontinentalen Mächte anfreunden? Wir (die Briten, Anm. d. Übers.) rüsten Hitler
auf unsere Kosten auf und er beginnt gemeinsam mit Russland (UdSSR) unsere
Weltherrschaft in Frage zu stellen.
Mit einer Leichtigkeit vertreibt der Führer in seinem Buch derartige irrsinnige
Gedanken:
„Das derzeitige, seiner germanischen Oberschicht entkleidete Russland ist,
ganz abgesehen von den inneren Absichten seiner neuen Herren, kein Verbündeter
für einen Freiheitskampf der deutschen Nation. Rein militärisch betrachtet, wären
die Verhältnisse im Falle eines Krieges Deutschland-Russland gegen den Westen
Europas, wahrscheinlich aber gegen die ganze übrige Welt, geradezu katastrophal.
Der Kampf würde sich nicht auf russischem, sondern auf deutschem Boden
abspielen, ohne dass Deutschland von Russland auch nur die geringste wirksame
Unterstützung erfahren könnte.“ (Seite 748).
Nach solchen beruhigenden und klarstellenden Sätzen wendet sich Adolf
Hitler wieder an seine Leser. Natürlich an seine Leser in London und nicht an seine
Leser in Berlin. Sobald wir begreifen, an wen sich Hitler tatsächlich wendet,
verstehen wir auch den wahren Sinn seiner Worte:
„Sorgt dafür, dass die Stärke unseres Volkes ihre Grundlagen nicht in
Kolonien, sondern im Boden der Heimat in Europa erhält! Haltet das Reich nie für
gesichert, wenn es nicht auf Jahrhunderte hinaus jedem Sprossen unseres Volkes
sein eigenes Stück Grund und Boden zu geben vermag!“ (Seite 754) .
Es scheint, als ob der Führer verständlich und ausführlich erklärt: - Er ist für ein Bündnis mit Großbritannien;
- Sobald er den „väterlichen Segen“ der Briten und Franzosen für die
Wiederaufrüstung Deutschlands erhält, ist er bereit, die Sowjetunion zu
überfallen und diese nicht nur im Interesse der Deutschen, sondern auch
im Interesse der ganzen „progressiven Menschheit“ zu zerschlagen; - Im Prinzip ist er bereit, auf die Rückgabe der von den britischen
Freunden abgetrennten deutschen Gebiete zu verzichten.
Hitler kommt nicht zur Ruhe und kehrt immer wieder auf das Bündnis-Thema
mit Großbritannien zurück. Es ist, als ob er irgendjemand zu irgendetwas
überzeugen will.
„Das wichtigste ist zunächst die Tatsache, dass eine Annäherung an England
und Italien in keiner Weise eine Kriegsgefahr an sich heraufbeschwört. Die einzige
59
Macht, die für eine Stellungnahme gegen den Bund in Betracht käme, Frankreich,
wäre hierzu nicht in der Lage.“ (Seite 755).
Wozu Frankreich mit Hitler in einen Konflikt bringen? Obwohl er die
Franzosen für die größten Feinde seines Heimatlandes hält, wird er seine
Eroberungen im Raum Smolensk und Charkow und nicht in Marseilles und Toulons
machen.
„Der weitere Erfolg wäre, dass mit einem Schlage Deutschland aus seiner
ungünstigen strategischen Lage befreit würde. Der mächtigste Flankenschutz
einerseits, die volle Sicherung unserer Versorgung mit Lebensmitteln und
Rohstoffen andererseits wäre die segensreiche Wirkung der neuen Staatenordnung
… (Seite 756).
Wie man es auch dreht, aber nach Auffassung von Hitler ist das Bündnis mit
Großbritannien das Mittel zur Lösung aller deutschen Probleme. Ein Lebenselixier
für das sterbende Deutschland!
„Fast noch wichtiger aber würde die Tatsache sein, dass der neue Verband
Staaten umschließt von einer sich in mancher Hinsicht fast ergänzenden technischen
Leistungsfähigkeit. Zum ersten Male bekäme Deutschland Verbündete, die nicht als
Blutegel an unserer eigenen Wirtschaft saugen, sondern sogar zur reichsten
Vervollständigung unserer technischen Rüstung ihren Teil beitragen könnten und
auch würden.“ ( auch Seite 756).
Ist Ihnen, verehrter Leser, nicht klar geworden, woher der Führer die
Technologien, die Waffen und das Geld für die Rüstung erhalten wollte? Mit wessen
Hilfe Hitler den Kampf beginnen wollte? Er schreibt doch darüber ganz offen! Die
letzten Kapitel des Buches „Mein Kampf“ sind nichtendende Lobeshymnen an die
Adresse von Großbritannien. Die Komplimente an Großbritannien fließen förmlich
von einer Seite auf die andere:
Großbritannien ist „Die größte Weltmacht der Erde…“, das Bündnis mit
einem solchen Staat wird „für einen Kampf in Europa andere Voraussetzungen
bieten“ (auch Seite756).
Großbritannien ist unser Ein und Alles. Das ist der Hauptgedanke der zwei
abschließenden Kapitel des Buches „Mein Kampf“. Im Buch gibt es 15 Kapitel, was
bedeutet, dass 1/7 seines literarischen Werkes Hitler ausschließlich dem Gedanken
widmet, wie toll es wäre, Freundschaft mit Großbritannien zu schließen. Das
Wohlwollen, der Herrscher der Welt, d.h. der Angelsachsen, bekommt man nicht
umsonst.
„Sicherlich sind, wie ich schon im vorhergehenden Kapitel betonte, die
Schwierigkeiten groß, die einem solchen Bunde entgegenstehen.“(auch 756),
60
schreibt der Führer. Außerdem muss er (der Führer, Anm. d. Übers.) noch seinen
Nutzen, seine Loyalität und sein Führungsqualitäten unter Beweis stellen, damit die
Führungskräfte des britischen Geheimdienstes, dem bisher unbekannten deutschen
Politiker vielleicht ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken.
Hitler ist bereit, alle zu tun, damit das Bündnis zwischen Großbritannien und
Deutschland Realität wird.
„…dass wir unser eigenes Handeln in kluger Selbstüberwindung demgemäß
bestimmen. Und dies ist eben in dem Augenblick möglich, in welchem man, erfüllt
von der mahnenden Not, statt der außenpolitischen Ziellosigkeit der letzten
Jahrzehnte einen einzigen zielbewussten Weg beschreitet und auf diesem
durchhält.“ ( Seite 757).
Welcher Weg ist das? Welches Ziel verfolgt Hitler? Ich denke, dass jeder, der
dieses Kapitel gelesen hat, diese Frage auch beantworten kann. Die Aufrüstung und
Wiederbewaffnung Deutschlands geschah für den geplanten Überfall auf Russland,
denn der Einmarsch in ihre grenzenlosen Weiten war das große Ziel des Führers der
Nationalsozialisten. Das Fundament, d.h. die wichtigste Voraussetzung für die
Wiederherstellung der deutschen Wirtschaft und der Militärmacht war das Bündnis
mit Großbritannien. Ohne Zweifel lauteten die Fragen des britischen
Geheimdienstes: Warum sollen wir einen derartigen Patrioten nicht unterstützen?
Warum sollen wir ihm kein Geld geben? Warum sollen wir einem derartigen Freund
von Großbritannien nicht helfen, an die Macht zu gelangen?
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Lew Trotzki – der Vater der deutschen Nazi-Ideologie
Es ist eine „Tatsache, dass die innere Stärke eines Staates nur in den
allerseltensten Fällen mit der so genannten wirtschaftlichen Blüte
zusammenfällt … die höchste wirtschaftliche Entfaltung müsste zugleich die
gewaltige Stärke des Staates bedeuten und nicht umgekehrt“.
Adolf Hitler „Mein Kampf“ (* 20. 04.1889, † 30.04.1945)
Ist das nicht seltsam, Großbritannien, ein monarchistisches und
konservatives Haus bis zum Knochenmark, ist in seinen außenpolitischen
Beziehungen immer als Beschützer demagogischer Bestrebungen und
Volksbewegungen aufgetreten, die auf eine Schwächung der Monarchie
gerichtet waren.
Schriftlicher Bericht von P. N. Durnowo an den
Zaren Nikolaus II, Februar 1914
Die Frage, wer hat das Hitler-Regime an die Macht gebracht, ist offensichtlich
die Schlüsselfrage für das Verständnis aller weiteren tragischen Ereignisse. Nur auf
der Grundlage detaillierter Kenntnisse über die „Blütezeit des Faschismus“ können
die Ursachen des Zweiten Weltkrieges gefunden und aufgeklärt werden. Rätsel und
ungelöste Fragen gibt es in Hülle und Fülle. Glauben wir den Aussagen in unseren
Geschichtsbüchern, dann haben alle politischen Führer unlogisch und im völligen
Gegensatz zum gesunden Menschenverstand gehandelt. Das ist doch nicht möglich!
Wie wir schon festgestellt haben, gibt es keine totalen Idioten an der Macht.
Staatsmänner wirken im Interesse der ihnen anvertrauten Macht und folgen in der
Regel nur dieser Logik in allen ihren Handlungen. Steht an der Spitze der Macht
eine Marionette, so folgt auch dieser Staatsmann den Forderungen der Macht.
62
Nicht der eigenen, sondern einer anderen. Das ist der ganze Unterschied! Wichtig
ist es zu verstehen, dass jeder Schritt vom Bestreben getragen ist, einen politischen
oder wirtschaftlichen Nutzen für sein Land, wenn es souverän ist, oder für ein
anderes Land, wenn es nicht souverän ist, zu erhalten. Wenn Sie, verehrter Leser,
nach dem Studium historischer Werke den Eindruck haben, dass am Vorabend des
Ersten Weltkrieges nur Dummköpfe an der Macht waren, die nach Ihrer Auffassung
die banalsten Dinge nicht verstanden haben, dann bedeutet das, dass die Autoren die
Geschichte nicht kennen.
Um die Handlungen der führenden Politiker der Welt richtig zu bewerten,
müssen wir uns einige Jahre zurück, in die schmutzige Küche der russischen und
deutschen Revolution bewegen. Beginnen wir mit der deutschen Revolution, die
vor dem Hintergrund schwerer Kämpfe Deutschlands an allen Fronten entstand. Sie
allein aus den Niederlagen an der Front und der Kriegsmüdigkeit zu erklären ist nicht
möglich. Das können wir natürlich tun, wenn wir wesentlich Fakten ausklammern.
Im Jahre 1945 wurde Deutschland, das verzweifelt Widerstand geleistet hat,
vollständig von seinen Feinden besetzt. Zum Zeitpunkt der Revolution 1918 befand
sich kein einziger feindlicher Soldat auf deutschen Boden. Im Ersten Weltkrieg
kannte niemand die Schrecken von Bombenangriffen, die auf der Erde ganze Städte
„ausradierte“. Wirtschaftliche Probleme gab es, aber der Hunger hatte in Berlin und
Hamburg im Jahre 1918 bei weitem nicht die Ausmaße wie in Leningrad 1941.
Warum gab es eine Revolution?
Weil sie vorbereitet wurde. Es waren die gleichen Kräfte, die im Februar und
im Oktober das Russische Imperium gestürzt haben. Jetzt bereiteten sie sich vor,
ihren zweiten geopolitischen Gegner – das Kaiserreich von Wilhelm II – zu stürzen.
Sie stürzten es! Die Künstlichkeit dieses Staatsstreiches in Deutschland schafft
später den Nazis eine hervorragende Grundlage für ihre Agitation.
„Ich sage Ihnen, wenn ich … an die Macht komme, dann wird es ein Gericht
… geben. Wir werden uns für die Novemberrevolution rächen und viele Köpfe
werden … rollen [39]“, erklärte Hitler offen. Hat er vielleicht gelogen oder hat er
maßlos übertrieben, als er behauptete, dass die Revolution ein „Dolchstoß in den
Rücken“ war? Oder war das nur ein Trick der „Propaganda von Joseph
Goebbels“[40]? Entscheiden Sie, verehrter Leser, bitte selbst …
Zum Zeitpunkt des Zerfalls von Deutschland war Prinz Max von Baden der
neue Kanzler. Am 3. Oktober 1918 berief er die neue Regierung, in der nicht mehr
die arroganten Beamten des Kaisers den Ton angaben, sondern die
Sozialdemokraten unter der Führung von Ebert und Scheidemann. Ende September
1918 spitzte sich die Situation an der Front extrem zu. Die Verbündeten
Deutschlands schwankten [41]. Am 30. September schloss Bulgarien mit den
Ländern der Entente einen Friedensvertrag ab. Die Führung von Österreich-Ungarn
und der Türkei kämpften schon nicht mehr für den Sieg, sondern begannen ebenfalls
über die Rettung ihrer Länder nachzudenken. Das geschah in einer Zeit, in der für
Deutschland die Festigung des Willens und der Überzeugung den Krieg zu
gewinnen, die wichtigste Aufgabe war.
Seine Gegner führten zur gleichen Zeit intensive Verhandlungen mit den
63
deutschen Satelliten über den Abschluss eines separaten Friedens. Die Frage war:
Wenn es gelingt, die Verbündeten von Deutschland abzukoppeln, dann ist seine
Niederlage unvermeidlich. Gelingt das nicht, dann wird sich der Krieg in die Länge
ziehen. Die Kräfte der Bevölkerung von London und Paris waren angesichts von
Millionen neuer Opfer des Krieges nahezu erschöpft. Auch die USA, die gerade
begann, an dem Krieg teilzunehmen, war nicht an einem langen Krieg interessiert.
Es ist sicher kein Zufall, dass Washington fast vier Jahre wartete, bevor sie
Deutschland – ein halbes Jahr vor seiner Niederlage – den Krieg erklärten. Die Idee
bestand darin, mit geringsten Verlusten an der Endphase des Krieges teilzunehmen
und nicht die schwer einnehmbaren deutschen Schützengräben mit den Leichen ihrer
Soldaten zu füllen.
Genau in diesem kritischen Moment geschahen wahrhafte Wunder. Der
deutsche Kanzler, Prinz Max von Baden, erkältete sich. Für ihn war das
selbstverständlich schlecht, aber für das Land – keine Katastrophe. Das Problem
bestand nicht in der Krankheit des Prinzen, sondern in seinen Folgen. Was ist
geschehen? Eigentlich nichts. Nur Kleinigkeiten!
Der Prinz, Max von Baden, ist eingeschlafen.
Geschlafen hat er sehr lange! So lange, wie selbst ein sehr müder und
erschöpfter Mensch nicht schlafen kann. Über dieses „Wunder“ können Sie,
verehrter Leser, in den Lehrbüchern nichts finden: Wenn Historiker bestimmte
Fakten nicht erklären können, dann werden sie einfach nicht erwähnt. In den
Memoiren des Premier-Ministers von Großbritannien, Lloyd George, können wir
jedoch diese Information finden. Entscheidend ist nicht die ungewöhnliche Dauer
des Schlafes vom Reichskanzler, sondern die Tatsache, dass Deutschland in dieser
Zeit den Krieg praktisch verloren hat!
„Die Überdosis eines Schlafmittels versetzte ihn im Verlauf von 36 Stunden,
in der Zeit vom 1. bis 3. November in einen tiefen Schlaf. Als er wieder aufwachte,
sind die letzten Verbündeten von Deutschland – die Türkei und Österreich-Ungarn
– aus dem Krieg bereits ausgestiegen. Die Unruhen, die von den bolschewistischen
Agitatoren forciert wurden, entflammten in ganz Deutschland“ [42]. Wien und
Istanbul haben praktisch einen separaten Frieden mit der Entente abgeschlossen.
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Der Kanzler der deutschen Regierung schlief in dieser Zeit wie ein Baby. Als er die
Augen öffnete, stand sein Reich mit einem Bein bereits im Grab.
Glauben Sie, verehrter Leser, tatsächlich an einen natürlichen Schlaf des
Reichskanzlers über 36 Stunden? Glauben Sie, dass ihn in dieser Zeit keiner wecken
konnte und angesichts der kritischen Lage auch wecken wollte? Stalin konnte die
Schlacht bei Moskau nicht verschlafen, egal wie müde er war. …
Der übermüdete und kranke George Bush (genauso wie jeder anderer
Präsident) wird sofort geweckt, wenn sich in den USA eine Katastrophe vom 11.
September 2001 wiederholt. Denn gemäß ihrer Position sind sie verpflichtet ihr
Land zu führen, Anweisungen zu erteilen, auf jede Veränderung der Lage sofort zu
reagieren.
Aber der Prinz zu Baden schlief und schlief. Es gibt nur zwei vernünftige
Erklärungen über diesen „sorglosen“ Schlaf im entscheidenden Moment der
deutschen Geschichte. - Unter allen nur denkbaren Vorwänden wurde niemand, der ihn wecken und
zum Bewusstsein bringen konnte, an ihn herangelassen. - Der Prinz hat sich dieses rührende Alibi selbst ausgedacht, stellte sich krank
und „schlief“, ohne sich in den Prozess (in Absprache) des Untergangs seines
Reiches einzumischen, in seinem Arbeitszimmer.
Der Kanzler der deutschen Regierung, Prinz von Baden, „verschlief“ im Herbst 1918 einen
äußerst kritischen Moment in der deutschen Geschichte. Allein für diese „Handlung“ könnten wir
ihn wegen Verrat anklagen.
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Beide Varianten weisen darauf hin, dass die deutsche „Revolution“ entweder
ein Komplott oder nur eine Operation des Geheimdienstes war. Dem kranken
Prinzen wurde nicht zufällig eine derartige Überdosis eines Schlafmittels
verabreicht.
Noch ein interessantes Detail, welches die deutsche Revolution und den
„schlafenden“ Prinz aus der Dynastie von Baden charakterisiert. Wie bekannt ist,
begann der Untergang des Kaiserreiches mit dem Aufstand der Matrosen in Kiel.
Genauso wie in Russland und genauso wie in Deutschland sind die Matrosen der
„Ruhm und Stolz“ der Revolution. Wie bei uns und wie bei ihnen befand sich die
Seekriegsflotte die meiste Zeit während des Krieges in den Häfen. Die
Schlachtschiffe und Panzerkreuzer sind viel zu teuer um sie in Gefechten untergehen
zu lassen. Angesichts der Untätigkeit und der Propaganda wurden die Matrosen zur
entscheidenden Schlagkraft des „Umbruchs“ …
Im Kieler Hafen führte die fehlende Kampfbereitschaft dazu, dass die
„Kameraden“ nicht zur entscheidenden Schlacht mit der britischen Flotte bereit
waren. Die Idee der Admirale war an sich sehr schön: Entschlossen gegen den Feind
kämpfen. Mal sehen was sich ergibt. Ein Sieg kann die Situation grundsätzlich
ändern, eine Niederlage ist auch nicht so schlimm. Ein Untergang im Kampf
entspricht dem militärischen Ehrenkodex und ist immer besser als eine Kapitulation.
Diese von den Sozialdemokraten propagandierte schöne Idee wurde von den
Matrosen nicht unterstützt und sie begannen zu rebellieren.
Wie wird ein derartiges Verhalten bezeichnet? Ganz einfach – eine
militärische Meuterei. Dieses Vergehen wurde in allen Armeen schon immer sehr
streng bestraft. Während des Krieges fällt jedes Tribunal der Armee ein eindeutiges
Urteil – Tod durch Erschießen. Aber die deutsche Regierung unter Führung der
Sozialdemokraten, hat gegen die Meuterei der Matrosen nichts unternommen. Im
Gegenteil, der Reichskanzler, Prinz Max von Baden, hat einen Befehl gegeben, der
den Einsatz von Waffen gegen die Aufständischen verbot. Als die Macht wegen der
Untätigkeit vor dem Zusammenbruch stand, wurde der Reichskanzler „wach“ und
hat seine Majestät den Kaiser Wilhelm II in seinem Hauptquartier in Spa telefonisch
empfohlen, auf seine beiden Kronen zu verzichten. „Nur der ausgedehnte Schlaf des
Prinzen Max erlaubt ihm nicht, Wilhelm schon eher bestimmte Vorschläge in dieser
Richtung zu machen“ [43], schreibt in seinen Memoiren Lloyd George. Ich weiß
nicht wie Sie, verehrte Leser, darüber denken. Je mehr ich mich in die damaligen
historischen Wunder vertiefe, umso stärker bezweifle ich, dass der ehrenhafte Prinz
Max ehrlich „geschlafen“ hat. …
Die Situation erinnert sehr an die Februar-Revolution in Russland, als der Zar
gezwungen wurde, auf seinen Thron zu verzichten. Dieser Verzicht und nicht die
„revolutionäre Situation“ führte das Land an den Rand des Untergangs. Während
Nikolai II dem Druck der Erpressung nachgab, hat Wilhelm II Standhaftigkeit
bewiesen. Er hatte diese Möglichkeit: Im Unterschied zu seinem russischen Neffen
wurde er nicht verhaftet. Die Sturheit des Kaisers erlaubte es nicht, eine schnelle
Beseitigung des Deutschen Reiches und ihre starke Militärmacht in Gang zu setzen.
Deshalb war es notwendig, frech zu lügen.
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Max von Baden erlaubte sich als Prinz und Reichskanzler einen völlig
illegalen Schritt: Er erklärte den Verzicht des Kaisers auf seine zwei Kronen,
obwohl er vom Kaiser die klare und deutliche Mitteilung erhielt, dass er damit
nicht einverstanden ist!
In Wirklichkeit verzichtete Wilhelm II auf seine Macht erst drei Wochen
später nach der Bekanntgabe seines Rücktritts [44]! Der Prinz war nicht nur
Reichskanzler, sondern auch der Neffe des Kaisers. Wenn das kein Verrat ist, in
welchem Fall können wir dieses Wort überhaupt verwenden?
Es gibt weitere „zufällige Übereinstimmungen“, die erlauben zu behaupten,
dass unsere, sowie auch die deutsche Revolution nach einem vorgegebenen
„Muster“ gemacht worden sind. Die Unruhen in Petrograd begannen am 23. Februar
1917, genau ein Tag nach der Abreise des Zaren in sein Hauptquartier nach Mogilev.
Nach 8 Tagen erfährt Russland, dass der Zar auf seinen Thron verzichtet hat.
Wilhelm II fährt am 28. Oktober 1918 von Berlin in sein Hauptquartier nach Spa.
12 Tage später wird den Deutschen erklärt, dass sie keinen Kaiser mehr haben.
Wenn der Mohr seine Schuldigkeit getan hat, dann kann er gehen. Nachdem
er die Befugnisse eines Gottes an sich gerissen hatte (alle Monarchen sind von Gott
dazu berufen), erklärte Max von Baden seinen Rücktritt und ernennt den Führer der
Sozialdemokraten, Friedrich Ebert, zum neuen Reichskanzler. Zuerst verriet er
seinen Kaiser, dann verriet er sich selbst als Kanzler. Eine Stunde später rief der
führende Politiker der Sozialdemokraten, Philipp Scheidemann, (unautorisiert) von
einem Balkon des Reichstages die Deutsche Republik aus!
Die Regierung des „schlafenden“ Prinzen war insgesamt nur einen Monat an
der Macht. In dieser kurzen Zeit gelang es ihr mit viel Geschick, erst alle seine
Verbündete und schließlich ganz Deutschland zu verlieren. Die Herren dieser
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Regierung werden später von Hitler als Verräter bezeichnet. Nicht nur für die
„sanfte“ Beseitigung der Monarchie. Scheidemann, Ebert und ihre Kumpanen in der
neuen Regierung beeilten sich nach ihrem Machtantrittsehr, den Friedensvertrag mit
den Entente-Staaten zu unterschreiben. Diese Aufgabe war so geschickt eingefädelt,
dass das ganze deutsche Volk wie ein einfältiger Tropf bei einem Hütchenspiel
betrogen wurde. Wenn wir den Text des Versailler Vertrages lesen, dann verstehen
wir sofort, wer und wozu in Deutschland die Revolution organisiert wurde: - Abgabe von 5.000 Kanonen, 25.000 Maschinengewehre, 3.000
Minenwerfer und 1.700 Flugzeugen an die Siegermächte; - Lieferung von 5.000 Dampflokomotiven, 150.000 Eisenbahnwaggons und
5.000 Lastwagen an die Siegermächte; - Finanzierung der Besatzungstruppen im Rheinland durch die deutsche
Regierung und - sofortige Rückführung aller Kriegsgefangenen und Zivilinternierten in
ihre Heimatländer auf Kosten der deutschen Regierung [45].
Außerdem hatte Deutschland der Entente seine gesamte Flotte, d.h. 6 schwere
Kreuzer, 10 Linienschiffe, 8 leichte Kreuzer, 50 Minenboote und 160
Unterseeboote, zu übergeben [46]. Wie gefällt Ihnen, verehrter Leser, dieser
„Waffenstillstand“? Dürfen in einem derartigen Dokument solche Forderungen
enthalten sein? Ein Waffenstillstand bedeutet Feuereinstellung bzw. Beendigung
aller Kampfhandlungen. Das von der Entente vorgeschlagene und von der deutschen
Führung blitzschnell unterschriebene Dokument kann nur als bedingungslose
Kapitulation bezeichnet werden. Wahrscheinlich hätten die Deutschen Widerstand
geleistet, wenn ihnen erzählt worden wäre, was die Briten und Franzosen von ihnen
alles fordern. Deshalb wurde dieses Dokument zunächst als
„Waffenstillstandsabkommen“ bezeichnet. Deutschland legte die Waffen nieder,
verpflichtete sich alle Truppen aus den besetzten Gebieten abzuziehen, übergab die
68
Flotte, alle schweren Waffen und Transportmittel an die Entente und entließ alle
Kriegsgefangenen. Erst dann, als die Deutschen keine Armee mehr hatten und keine
Mittel mehr besaßen um Widerstand zu leisten, begannen die
„Friedensverhandlungen“. Mit anderen Worten, die Deutschen übergaben ihre
Waffen, um dann zu erfahren, unter welchen Bedingungen sie das gemacht haben!
Die Zerschlagung Deutschland erfolgte nach einem vorgegebenen Plan. Die
Waffenstillstandsverhandlungen der deutschen Delegation begannen im
Einverständnis mit dem Kaiser schon am 7. November 1918, d.h. vor seinem
Verzicht auf die Krone. Die Verbündeten der Entente gaben den Deutschen ein
Bedenkzeit von 72 Stunden, die am 11. November endete. Der Kaiser hätte niemals
sein Einverständnis zu diesen räuberischen Vertragsbedingungen gegeben. Die
Unterschrift unter diesem Dokument bedeutete praktisch die Anerkennung der
Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg. Deshalb war es notwendig, dass der
Kaiser im Moment der Unterzeichnung des „Waffenstillstandsabkommens“ schon
nicht mehr das Oberhaupt von Deutschland war. Andernfalls wäre dieser Vertrag,
der praktisch eine Kapitulation war, nicht unterzeichnet worden. Deshalb hat der
Prinz Max von Baden die Lüge über den Verzicht des Kaisers auf die Krone am 9.
November in die Welt gesetzt. Die neuen Machthaber – besser gesagt die
Marionetten – haben die Dokumente zum festgelegten Temin der Entente am 11.
November 1918 unverzüglich unterschrieben.
Waren die Dokumente in Ordnung? Wann hat das Oberkommando der
Entente die Anzahl der von den Deutschen zu übergebenden Waffen und
Dampflokomotiven berechnet? Oder haben die deutschen Delegierten die Liste
freundlicherweise mitgebracht? Vielleicht haben die Verbündeten der Entente die
Liste vorbereitet, weil sie schon viel früher wussten, dass ein Umsturz vorbereitet
wird?
Die Propaganda der Entente überzeugte die Deutschen, dass ein gerechter
69
Friedensvertrag abgeschlossen wird, wenn sich Deutschland vom Kaiser trennt. In
gewisser Hinsicht unterstützten sie damit den Wunsch der Bevölkerung nach einer
Änderung der Macht. Die Deutschen stürzten ihre Macht, stürzten das Land ins
Chaos und haben ihre eigene Armee kampfunfähig gemacht. Bei der Unterzeichnung
der Bedingungen des Waffenstillstandes und später des „Versailler
Friedensvertrages“ erinnerte sich niemand an die Propaganda der Entente, die
Deutschen erhielten keinen gerechten Vertrag für den Sturz des Kaisers Wilhelm II.
Im Gegenteil, seit dem Punischen Krieg zwischen Rom und Karthago gab es keinen
derartigen rauen „Frieden“. Die Deutschen fühlten sich deshalb verraten und
betrogen. In vielen Fällen erhält der Verräter seine gerechte Strafe. Matthias
Erzberger, der den „Waffenstillstandsvertrag“ unterschrieb, wurde am 26. August
1921von zwei jungen Faschisten erschossen. Von denen, die den Friedensvertrag
von Brest-Litowsk unterschrieben, haben nur wenige die Jahre 1937/1938 überlebt
…
Wie sich die Ereignisse weiter entwickelt haben, wissen wir. Nach dem
Abschluss des Versailler Raubfriedens: Reparationen bis 1988, Hunger, Kälte und
eine in der Geschichte der Menschheit beispielslose Inflation. Die Ernüchterung
kam schnell, aber ein Weg zurück gab es für die Deutschen nicht. Die
Warenproduktion sank auf das Niveau von 1888, aber die Bevölkerungszahl stieg
seit dem um 30% [47]. Die Selbstmordrate stieg beängstigend. In dieser Zeit
erschien auf der politischen Bühne Adolf Hitler. Er verstand, wer im Ersten
Weltkrieg der Sieger war und mit wessen wohlwollender Erlaubnis Deutschland
wieder auf die Beine gestellt werden kann.
Wer hat die Februar- und Oktoberrevolution in Russland und die
Novemberrevolution in Deutschland organisiert?
Mit der Untersuchung dieser Frage beschäftigen sich praktisch alle meine
Bücher. In ihnen finden Sie, verehrter Leser, auch hunderte Beweise [48]. Sie alle
in den Untersuchungen über die Geheimnisse des Machtantritts von Adolf Hitler zu
wiederholen, ist an dieser Stelle nicht möglich. Deshalb verweise ich Sie auf die
bereits geschriebenen Bücher und beschränke mich an dieser Stelle nur auf solche
Schlussfolgerungen, die den Zweiten Weltkrieg betreffen.
Die Revolutionen in Deutschland und in Russland organisierte der
britische Geheimdienst mit maßgeblicher Unterstützung der USA und von
Frankreich.
Die Vernichtung von zwei Imperien durch die Organisation einer
beispiellosen Konfrontation und Hetze sowie die sich anschließenden Revolutionen
waren das Ziel des Ersten Weltkrieges [49]. Dieses Ziel wurde mit Hilfe von
verschiedenen politischen Parteien erreicht: in Russland mit den
Sozialrevolutionären, Kadetten, Menschewiken und Bolschewiken; in Deutschland
mit verschiedenen Sozialdemokraten. Nicht alles ist beim britischen Geheimdienst
so gelaufen, wie es geplant war. In Deutschland sorgte der „Bluthund“ Noske für die
Beseitigung der politischen Gegner, in Russland war es der organisierte Kampf
zwischen den Bolschwiken und Menschewiken.
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Bücher von Nikolay Starikov (russischer Schriftsteller, Politiker und Publizist)
Die Führer der Bolschewiken wurden vom britischen Geheimdienst in
Abstimmung mit ihren deutschen Kollegen in einem plombierten Waggon nach
Russland „geworfen“ und waren später – in Abweichung vom festgelegten
Szenarium – nicht bereit, von der politischen Bühne wieder abzutreten. Im Gegenteil,
sie erwiesen sich als talentierte und erbarmungslose Organisatoren, sie siegten im
Bürgerkrieg und gerieten schließlich aus der Kontrolle ihrer britischen Kuratoren.
Als sich der Staub gesetzt hatte, der durch den Untergang des großen
russischen Zarenreiches aufgewirbelt worden war, bot sich den erstaunten Briten ein
unwahrscheinliches Bild. Anstelle des gigantischen Zarenreiches mit einer
vorhersagbaren Politik, erschien ein völlig neues Land – die UdSSR – mit einer –
aus der Sicht der Briten – nicht vorhersagbaren Politik. An seiner Spitze standen
Menschen, die ausgezeichnet wussten, auf welche Art und Weise Umstürze und
Revolutionen organisiert werden. Das waren ernstzunehmende Gegner im
politischen Kampf. Die Gefahr der Sowjetunion bestand nicht in seiner neuen
Ideologie. Denn die Losung des Kommunismus und die Umgestaltung des
politischen Systems waren nur Mittel zum Zweck und dienten nicht dem Ziel selbst.
Deshalb waren die Bolschewiken nach ihrer Machtergreifung gezwungen, die
Politik ihrer gekrönten Vorgänger fortzusetzen und besetzten unter der Flagge des
Marxismus sehr schnell wieder die verlorenen Gebiete. Der wahre Grund war nicht
der Sieg der Ideen von Karl Marx, sondern die Logik des geopolitischen Kampfes
und die Verteidigung der Interessen des Landes [50].
Wenn wir darüber sprechen, dass die Revolution als Waffe von unserem
71
geopolitischen Gegner Großbritannien benutzt wurde, dann gilt es zu beachten, dass
Großbritannien und die USA praktisch schon seit sehr langer Zeit eine Einheit
darstellen. Früher hoch zu Ross – das waren die Briten, heute – seit 1945 – haben die
Amerikaner die Zügel fest in ihre Hände genommen. Natürlich haben sie auch
unterschiedliche Auffassungen, warum auch nicht. Diese Differenzen sind völlig
unbedeutend und nicht von prinzipieller Natur. Vollständige Übereinstimmung und
völlige Einigkeit herrscht in der Frage der Aneignung aller Ressourcen der Welt
durch Drohung und Anwendung von Gewalt. Deshalb nahmen bei der Vernichtung
der geopolitischen Gegner nicht nur britische, sondern auch amerikanische
Geheimdienste teil [51].
Im Block der „progressiven Menschheit“ wurde auch für die Franzosen ein
Platz gefunden. Seit der Niederlage von Napoleon hat sich die so genannte westliche
Welt mit dem Ziel vereinigt, um solche gefährliche Konkurrenten, wie Russland und
Deutschland, die sie bei der Ausbeutung der Weltressourcen gestört haben, zu
vernichten. Bei der Frage der Aufteilung der Beute kam es zu „schöpferischen
Auseinandersetzungen“, die jedoch niemals auf den Zusammenhalt der westlichen
Demokratien einen Einfluss hatten. Beachten Sie, verehrter Leser, dass mit diesem
Begriff (westliche Demokratien, Anm. d. Übers.) die Busenfreundschaft zwischen
Großbritannien, Frankreich und den USA in der Zeit des Ersten und Zweiten
Weltkrieges bezeichnet wurde [52].
Frankreich und die USA sind Republiken, Großbritannien – eine typische
Verfassungsmonarchie. Ein derartiger Unterschied in den politischen Systemen
zeigt uns, wie bedingt und unzulässig die Einteilung der Länder nach ihrem
Führungstyp, nach den „allgemein menschlichen Werten“ und dem weltweiten
„Kampf für Menschenrechte“ ist. Offensicht gibt es weit wichtiger Gründe für
diesen innigen Zusammenhalt. Das sind die gemeinsamen geopolitischen Interessen!
Betrachten wir die politische Situation auf unserer Erde in den 20iger Jahren
des 20. Jahrhunderts. Der gewaltige Reichtum Russlands war für niemand ein
72
Geheimnis. Auch ohne irgendwelche geologischen Erkundungen, war zu erwarten,
dass auf 1/6 der Erdoberfläche nicht nur Sand, Lehm und Kies zu finden sind. Auf
diesem großen Territorium herrschte das starke Russische Imperium. Wie auch in
allen anderen Ländern und Imperien gab und gibt es in Russland viele Probleme, die
durch seine Geschichte, Geographie und seine ethnische Zusammensetzung bedingt
sind. Alle diese Probleme nutzte der britische Geheimdienst. Natürlich ist Russland
dadurch nicht sofort zusammengebrochen. Aber die subversive Tätigkeit der
Geheimdienste erfolgte sehr zielstrebig, geduldig und systematisch über einen
Zeitraum von 100 Jahren. Sie begann nach dem Sieg über Napoleon, in einer Zeit,
als Russland zur stärksten Macht in Europa wurde. Eine entscheidende Etappe der
subversiven Tätigkeit in Russland endete mit der Oktoberrevolution und dem
Bürgerkrieg.
Das war das Ende des Russischen Imperiums, aber nicht das Ende des
politischen Kampfes. Sobald auf der Karte die UdSSR erschien, begannen auch die
Versuche ihrer Vernichtung. Als das 1991 gelang, begann die subversive Tätigkeit
gegen die Russische Föderation. Machen wir uns keine Illusionen: solange wir nicht
auf die Größe von Monaco und Luxemburg schrumpfen, wird man immer versuchen,
uns zu schwächen und unser Land in viele Stücke zu zerschlagen, unabhängig davon,
welches Regierungssystem und welche „Demokratie“ oder „Freiheit“ bei uns
herrscht. Das beweist allein schon die Höhe der Kosten für diese subversive
Tätigkeit. Im Jahre 2007 hat die USA für die Finanzierung ihrer Geheimdienste 43
Mrd. Dollar ausgegeben. Im Jahre 1996 – 26 Mrd. Dollar [53]. Die Beträge, die
Großbritannien für diese Tätigkeit ausgibt, sind streng geheim [54].
Nicht nur der Wunsch einen Konkurrenten auszuschalten führte die
Angelsachsen dazu, die russische Revolution zu organisieren und durchzuführen,
sondern auch der Wunsch künftig über alle noch freizulegenden Bodenschätze zu
verfügen. Es kam jedoch ganz anders! Die Bolschwiken unter der Führung von
Lenin bauten unerwartet für alle Russland wieder auf. Im Jahre 1924, als der
Gründer des sowjetischen Staates starb, war das Land sehr unstabil. Die Wirtschaft
musste neu aufgebaut werden. Es begann ein verbitterter Kampf von zwei Ideen,
zwischen zwei Persönlichkeiten, zwischen zwei Philosophien über die Entwicklung
des Landes. Schon am Grabe von Lenin begann der Kampf von Stalin und Trotzki
um die Führung in der Kommunistischen Partei, um das Recht, die Partei und das
Land in die von ihnen gewünschte Richtung zu führen. Uns interessieren nicht die
Biografien der kommunistischen Führer und nicht der innerparteiische Kampf in
ihrer Partei, sondern nur der Sinn und Inhalt sowie die entscheidenden Momente
dieses Zusammenstoßes. Dieser Kampf, der in großer Entfernung von München in
den Räumen des Kremls stattfand, spielte wahrscheinlich keine entscheidende Rolle
im Schicksal eines unbekannten Gefreiten der deutschen Armee, Adolf Hitler …
73
Lew Dawidowitsch Trotzki wollte im Auftrage der westlichen Geheimdienste die
„Weltrevolution“ in Gang bringen, d.h. Millionen russische Männer ausländischen Interessen
opfern.
Wenn wir versuchen die ganze Demagogie der Parteiführer in eine einfache
und verständliche Sprache zu bringen, dann besteht der entscheidende Widerspruch
ihrer Politik im Folgenden:
Trotzki war der Auffassung, dass die Revolution in Russland nicht das Ziel,
sondern das Mittel zur Entfachung eines revolutionären Flächenbrandes in den
entwickelten Ländern der Welt ist. Dieser Flächenbrand führt letztendlich zum Sieg
des Kommunismus auf unserem ganzen Planeten.
Stalin dagegen war der Auffassung, dass der Sieg der Bolschwiken in
Russland eine äußerst seltene und wertvolle Ausnahme ist. Deshalb müssen sich die
Bolschewiken nicht mit dem Export der Revolution, sondern mit dem Aufbau des
Sozialismus im ersten vom Kapital befreiten Land beschäftigen.
Auf der Grundlage dieser beiden grundverschiedenen Ideologien entwickelte
sich ein „Kampf um die Führung in der Partei“. Trotzki erklärte, dass „der Aufbau
einer selbstständigen sozialistischen Gesellschaft in einem einzigen Land der Welt
nicht möglich ist“. Deshalb rief er zu einem revolutionären Krieg in anderen Ländern
auf. Er schrieb: „ Die sozialistische Revolution beginnt auf nationaler Ebene,
entwickelt sich auf internationaler Ebene weiter und ergreift schließlich die ganze
Welt. In diesem Sinne, wird die sozialistische Revolution zu einer permanenten
Revolution in einem weit breiteren Sinne des Wortes: sie erhält nicht ihre
Verwirklichung bis zum Sieg der neuen Gesellschaft auf unserem ganzen Planeten“.
74
Josef Wissarionowitsch Stalin folgte in seiner Politik den Interessen Russlands, das sich in
dieser Zeit Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) nannte.
Stalin und seine Mitstreiter kämpften gegen die Auffassungen des Autors der
permanenten Revolution und beschuldigten ihn als Vertreter der Opposition die
Partei zu spalten: „Wir können und müssen den Sozialismus in der UdSSR aufbauen.
Um den Sozialismus aufzubauen, müssen wir zunächst unsere eigene Existenz
sichern. Deshalb brauchen wir eine Atempause nach dem Krieg, keine neuen
Interventionen und ein Minimum an internationalen Beziehungen …“[55]. Trotzki
setzte seine ganze Kunst als Redner ein, um seinen politischen Gegner in den
Schatten zu stellen. Die Reden von Stalin und Trotzki dieser Zeit sind sehr stark von
gegenseitigen Beschuldigungen geprägt. Zitate aus den Werken von Lenin, in denen
bekanntlich alles zu finden ist, was gesucht wird, stellten in dieser
Auseinandersetzung eine „starke Waffe“ dar. Der ideologische und politische Streit
führte zu persönlichen Angriffen. Alle Argumente von Stalin und Trotzki
darzulegen, hat keinen Sinn. Besser ist es, folgende Fragen zu klären: Was geschah
wirklich in der obersten sowjetischen Parteiführung? Was verbirgt sich hinter dem
theoretischen Streit zwischen Stalin und Trotzki?
Um die „Spreu vom Weizen“ zu trennen, d.h. um aus den Tonnen
marxistischer Literatur ein Körnchen Wahrheit zu finden, müssen wir uns mit den
Biografien von Stalin und Trotzki sowie mit der Geschichte unserer (der russischen,
Anm. d. Übers.) Revolution beschäftigen. Dazu gehören auch die Fragen: Wo
befanden sich die künftigen Kontrahenten am Vorabend des Untergangs des
Russischen Imperiums und wie gelangten sie in die Führung der bolschewistischen
75
Partei?
Josef Stalin befand sich in der Zeit der Februarrevolution in der Verbannung
in Sibirien. Um nach Petrograd zu gelangen, nutzte er die Amnestie der
Provisorischen Regierung und fuhr mit dem Zug in die russische Hauptstadt. Der
temperamentvolle Georgier wurde zu einem treuen Anhänger von Lenin und erfüllte
alle seine Weisungen. An der Organisation des Umsturzes im Oktober
(Oktoberrevolution, Anm. d. Übers.) hat Stalin nur sehr bedingt teilgenommen [56].
Keine Beziehung hatte er zu den undurchsichtigen Finanzmitteln, mit denen die
Partei der Bolschewiken versorgt wurde.
Völlig anders sieht es bei Trotzki aus. Während der Februarrevolution befand
er sich im fernen Amerika, wo er, nach seinen eigenen Worten, nichts tat. Nach
eigenen Angaben war er „Berufsrevolutionär“. Diese Art der Tätigkeit wurde
offensichtlich sehr gut bezahlt, denn als er sich auf den Weg nach Russland machte,
hatte er 10.000 Dollar in seiner Tasche. Auch wenn dieses Geld heutzutage nur eine
lächerliche Summe ist, so betrug ihr Wert im Jahre 1918 mindestens das 20- bis 30-
fache. Sehr viel bares Geld für kleinere Ausgaben! Die entscheidenden
Finanzmittel, welche von den amerikanischen Banken für die russische Revolution
bereitgestellt wurden, gelangten von den Konten der neutralen Schweiz mit den
Koffern von unauffällig dunklen Gestalten zu den Revolutionären. Niemand hat je
behauptet, dass Vladimir Iljitsch Lenin im „plombierten Waggon“ einen großen
Koffer, der mit Geldscheinen vollgestopft war, in seine Heimat (nach Russland,
Anm. d. Übers.) gebracht hat. Nein! Aber, dass die Bolschewiken sehr viel Geld
hatten, ist und bleibt eine unbestrittene Tatsache. Wer versorgte sie mit Geld? Die
Deutschen? Zum Teil! Wir müssen jedoch beachten, dass ein großer Teil des Geldes,
das Lenin erhielt, aus amerikanischen Krediten stammte, die Deutschland erhielt. So
wie auch Lenin, war Trotzki mit den dunklen Machenschaften jener Kräfte
verbunden, die enge Kontakte zu den ausländischen Geheimdiensten hatten. In die
Heimat zurückgekehrt, haben Trotzki und Lenin ihre alte Feindseligkeit schnell
76
vergessen und sich verbunden. Wichtig ist auch die Tatsache, dass Trotzki erst im
Sommer 1917 in die Partei der Bolschwiken eintrat. Für die Organisation der
Oktoberrevolution leistete er mehr als alle anderen Bolschewiken, darunter auch
Lenin.
Mit anderen Worten, Lew Dawidowitsch Bronstein, genannt Trotzki, war ein
Vertreter des amerikanischen Kapitals (oder des angelsächsischen Geheimdienstes)
im neuen revolutionären Russland. Deshalb hat er auch so gedacht und gehandelt …
Allein ein Fakt charakterisiert ihn: Anfang der 20iger Jahre des vorigen
Jahrhunderts leitete Trotzki das Volkskommissariat für Transportwesen. In dieser
Zeit schloss sein Kommissariat einen Vertrag ab, der selbst das Schneeball-System
von Bernard Madoff (Nasdaq-Chef) in den Schatten stellt. Es ging um den Kauf von
1.000 Dampflokomotiven im schwedischen Werk „Nydquist & Holm“ für 200 Mio.
Goldrubel. In diesem Vertrag ist jedes Detail interessant. Dass Schweden nicht das
Land der Elefanten ist, weiß jeder. Dass unser skandinavischer Nachbar nicht beim
Bau von Lokomotiven führend ist, haben die Unterzeichner des Vertrages
offensichtlich übersehen. Das Unternehmen „Nydquist & Holm“ hatte nicht einmal
die Kapazität um derart viele Lokomotiven für die Sowjetunion zu produzieren.
Deshalb wurde folgende Vereinbarung getroffen:
- Das rote Russland zahlt das Geld.
- Die Schweden bauen eine Fabrik.
- Die Schweden produzieren die Lokomotiven und
liefern sie uns.
Wenn Sie, verehrter Leser, ein paar Schuhe kaufen wollen, dann geben Sie
dem Schuhverkäufer doch kein Kredit für den Bau einer Lederfabrik? Warum
konnte das Volkskommissariat die so dringend notwendigen Dampflokomotiven
nicht woanders kaufen? Warum ist die sowjetische Seite bereit fünf Jahre auf die
Lieferung zu warten?
77
Das Unternehmen „Nydquist & Holm“ hat in seiner ganzen Geschichte
niemals mehr als 40 Dampflokomotiven pro Jahr hergestellt. Es hat sehr große
Anstrengungen unternommen um im Jahre 1921 50 Stück zu liefern! Alle weiteren
Lieferungen erfolgten wie im Vertrag vereinbart im Verlaufe von fünf Jahren, d.h.
in einem Zeitraum, in dem die Schweden für unser Geld das Werk gebaut haben! Im
Jahre 1922 lieferten sie 200 Lokomotiven, in den Jahren 1923 bis 1925 – 250
Lokomotiven pro Jahr [57]. Außerdem war die sowjetische Seite nicht nur der
Auftraggeber, sondern auch der Kreditgeber. Nicht im Sinne der bereits bezahlten
Kosten für die Lokomotiven. Im Jahre 1920 erhielt das Unternehmen nicht nur einen
Vorschuss von 7 Mio. Kronen, sondern auch einen zinslosen Kredit in Höhe von 10
Mio. Kronen „für den Bau einer Maschinen- und Kesselanlage“. In
Übereinstimmung mit dem Vertrag sollte die Schuld bei der Lieferung der letzten
500 Lokomotiven beglichen werden. Irgendwelche Haft- oder Sicherheitsklauseln
für den Auftrag- und Kreditgeber gab es in den Verträgen nicht.
Das ist nicht alles! Die Dampflokomotiven wurden für einen Preis bestellt,
der doppelt so hoch war wie der Vorkriegspreis. Nicht in Wertpapieren, sondern in
Goldrubel [58]! Damit ergab sich ein äußerst pikantes Bild: überhöhte Preise, Geld
bezahlt, keine Ware erhalten. Jeder Steuerinspektor oder Kontrolleur, mit einem
derartigen Fall vertraut, würde sich vor Freude die die Hände reiben. Die
Angelegenheit stinkt nach einem Skandal und eröffnet für den Prüfer neue
Aufstiegsmöglichkeiten.
Über die Seltsamkeiten der „Dampflokomotiven – Geschichte“ wird im Jahre
1922 ein Artikel im sowjetischen Journal „Der Ökonom“ veröffentlicht. In diesem
Artikel drückte der Autor Frolov nicht nur sein Befremden über die seltsame
Wirtschaftsführung aus, sondern stellte auch eine Reihe logischer Fragen: Warum
wurden die Dampflokomotiven in Schweden bestellt? Wäre es nicht besser gewesen,
78
mit dem Geld die eigene Industrie aufzubauen und zu fördern? In den PutilowWerken wurden vor dem Krieg 250 Dampflokomotiven pro Jahr produziert. Warum
erhielten sie keine Kredite? Mit der gewaltigen Summe von 200 Mio. Goldrubel
könnten ohne Probleme „die eigenen Werke für den Bau von Dampflokomotiven
aufgebaut und viele sowjetische Bürger mit Arbeit und Brot versorgt werden“ [59].
Am Ende des Jahres 1920 gab es in der Russischen Sozialistischen
Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) ungefähr eine Million Arbeitslose [60]. Zu
ihrem eigenen Nachteil versorgt die sowjetische Regierung die schwedischen
Kapitalisten mit einem derart dummen und entwürdigenden Vertrag! Warum?
Sind Sie, verehrte Leser, über die seltsame Wirtschaft des Genossen Trotzki
erstaunt? Sie werden noch mehr staunen, wenn Sie erfahren, wie Lenin auf die o.g.
Publikation im Journal „Der Ökonom“ reagiert hat. Der Führer des Proletariats
schrieb sinngemäß: „Das sind eindeutig Konterrevolutionäre, Anhänger der Entente,
Spione und pervertierte junge Menschen. Wir werden sie systematisch verhaften
und ausweisen“ [61]. Außerdem bat Lenin Felix Dserschinski das Journal „Der
Ökonom“ zu verbieten …
200 Mio. Goldrubel! Ist das viel oder wenig? Klären wir zunächst die Frage:
Was ist ein Goldrubel? Um einen Ausweg aus der Krise zu finden, führte die
Regierung von Lenin im Jahre 1922 eine Geldreform durch. Die neue Geldeinheit
und Währung wurde der Tscherwonez. Jeder Tscherwonez mit einem Goldanteil
von 7,74 Gramm entsprach 10 Goldrubel vor der Revolution. Die Einführung dieses
Geldes erwies sich als sehr erfolgreich. Schon nach kurzer Zeit glich sich der
Tscherwonez den Weltwährungen an und wurde sogar wertvoller als der Rubel vor
der Revolution [62].
Der Goldrubel war eine vollwertige Geldeinheit. Als die Bolschewiken die
Macht übernahmen, hatte die Staatsbank in Russland eine Goldreserve in Höhe von
1.101 Mio. Goldrubel. Ein Teil des Goldes – 650 Mio. Rubel – befand sich in Kasan,
gelangte von dort in die Hände von Koltschak und nach seiner Niederlage – in Höhe
von 409 Mio. Rubel – wieder in die Staatsbank [63]. Die Bedingung der Rückgabe
war, dass die Bolschewiken keine Kopeke ausgeben. Was wirklich geschah, wissen
wir.
Jetzt wissen wir auch, dass 200 Mio. Goldrubel nicht nur ein gewaltiger
Geldbetrag ist, sondern auch ¼ der gesamten Goldreserve des Landes!
Was war geschehen? Warum organisierte Trotzki dieses kriminelle Geschäft?
Warum deckte ihn Lenin? Warum mussten derartige Summen vom Oberhaupt der
Sowjetunion in den Westen gepumpt werden? Geld, das wissen wir genau, spielte
im persönlichen Leben von Lenin nie eine Rolle …
Die finanziellen Mittel, die für den Sturz des russischen Zarenreiches und für
die Revolution gezahlt wurden, mussten offensichtlich zurückgegeben werden. Das
war nichts anderes als eine Vereinbarung zwischen den Vertretern der westlichen
Regierungen und den Bolschewiken. Schulden sind zurückzuzahlen und Verträge
sind einzuhalten! Lenin war deshalb so lange an der Macht, weil er nicht sofort alle
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Vereinbarungen mit den „Partnern“ der angelsächsischen Geheimdienste negiert hat.
An die Macht gekommen um das große Russland zu zerstören, hat er ihre riesigen
Territorien wieder vereint. Daraus folgt auch die Logik seiner Handlungen: Die
Schulden der Zarenregierung zahlen wir nicht, aber die Konzessionen zahlen wir.
Unsere Macht geben wir nicht her, aber unsere Schulden bezahlen wir.
Die Gelder wurden auf verschiedene Art und Weise zurückgezahlt. Der
einfachste Weg war die Ausfuhr von Wertsachen ins Ausland. Diejenigen, die nach
wie vor glauben, dass diese Mittel für die „Weltrevolution“ eingesetzt wurden,
sollten folgendes beachten: - Die „Weltrevolution“ oder, nach ihren Worten, die von Lenin und seinen
Genossen gemachte Revolution findet aus irgendwelchen Gründen nur in
Deutschland und Österreich-Ungarn, aber nicht in Frankreich und Großbritannien
statt. - Die Höhe der Finanzierungsmittel für den Untergang des Deutschen
Kaiserreiches durch die Bolschewiken stimmt mit den Werten der aus Russland
ausgeführten Wertsachen nicht überein. Die schwedische Polizei hat mitgeteilt, dass
die Bolschewiken für ihre Propaganda im Ausland (d.h. nur in Deutschland) 2 Mio.
Rubel ausgegeben haben. Im Herbst 1918, d.h. in der Zeit des Höhepunktes der
Finanzierung der bevorstehenden deutschen Revolution, kommt der Stellvertreter
des Vorsitzenden vom Volkskommissariat für Finanzen der Sowjetunion, Isidor
Gukowski, nach Stockholm. Er hat mehrere Kisten im Gepäck, die mit Geld und
Wertsachen vollgestopft sind. Nach vorsichtigen Schätzungen der schwedischen
Polizei handelt es sich um 40 bis 60 Mio. Rubel [64].
Für was waren die Finanzmittel vorgesehen, die um das 20- bis 30-fache die
„offiziellen Mittel“ Lenins für die Novemberrevolution in Deutschland übertrafen?
Beachten wir auch die Tatsache, dass die Gelder und Wertsachen nach Schweden,
wo es seit November 1917 eine sowjetische Auslandsvertretung unter der Leitung
80
von Wazlaw Worowski gab, geschickt wurden. Millionen Rubel fließen über die
Stockholmer Banken und nicht zuletzt in die „Nya Banken“ von Olof Aschberg,
dessen Familienname in vielen Büchern über die Finanzierung der Bolschewiken
durch die Deutschen auftaucht. Ein interessantes Bild ergibt sich: Die Gelder
fließen nach und aus Russland, aber die Kanäle sind immer die gleichen. Wobei die
Gelder, die über Schweden nach Russland flossen, angeblich aus „deutschen“
Quellen kamen. Waren – dieser Logik folgend – die Gelder, die von Russland zurück
nach Schweden flossen, Geschenke von Lenin an die Deutschen? Hat sie der Kaiser
vielleicht für die Revolution gegen sein eigenes Land eingesetzt? Die Antwort auf
diese Fragen ist nicht so schwer, wie sie im ersten Moment scheinen mag. Die
Bolschewiken überwiesen das Geld aus Russland einerseits zur Begleichung ihrer
„Schulden“ an die Kuratoren des britischen Geheimdienstes, die damit den von
ihnen gewünschten Sturz des Deutschen Kaiserreiches finanzierten. Andererseits
bezahlte das sowjetische Russland für gelieferte Waffen, die es im – bereits
gewonnenen – Bürgerkrieg im Ausland gekauft hatte. Außerdem garantierte die
Lieferung von Wertsachen in die USA und nach Großbritannien den Bolschewiken
loyale Beziehungen mit bestimmten Strukturen in den mächtigsten Ländern der Welt.
Alle die o.g. Aktivitäten und Geldflüsse führten dazu, dass in den russischen
Auseinandersetzungen zur allgemeinen Überraschung die Bolschewisten siegten.
Darüber berichtet auch der amerikanische Wirtschafts- und
Politikwissenschaftler, Guido Giacomo Preparata: „Die große Anzahl der …
Konzessionen und Lizenzen, die das Imperium von Lenin den amerikanischen
Firmen während des Bürgerkrieges und unmittelbar vor seiner Beendigung gegeben
hat, ist ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass die Bolschewiken von Anfang an von
den westlichen Verbündeten finanziell unterstützt worden sind. Dazu gehören
Konzessionen in Höhe von 25 Mio. Dollar für amerikanische Industrielle in der Zeit
vom Juli 1919 bis Januar 1920, die Konzession für die Gewinnung von Asbest, die
1921 Armand Hammer erhielt, der Standard-Oil-Pachtvertrag über 60 Jahre
(Beginn 1920), die Kohle-Öl-Konzessionen und die Konzession über den Fischfang
in einem Gebiet von 600.000 km2 in Sibirien mit Frank Vanderlip (Präsident der
National City Bank von 1909 bis 1919, Anm. d. Verf.) [65].
81
Das ist der Gipfel der politischen Flexibilität: gleichzeitig zustimmen und
nicht zustimmen. Wenn die Bolschewisten entscheiden, das geliehene Geld nicht
zurückzugeben, dann gibt es neue Anschläge. Selbst die Genossen könnten sich
gegenseitig liquidieren. Deshalb müssen DIESE Gelder auf jeden Fall
zurückgezahlt werden!
Wie sollen die Gelder den westlichen Banken zurückgegeben werden?
Schicken wir dem Präsidenten der National City Bank in New York einfach einen
Scheck oder eine Überweisung? Können wir unter dem Punkt „Zahlungsgrund“
schreiben: „Rückzahlung der Finanzmittel für die Unterstützung der russischen
Revolution und für den Sieg der Bolschewiken im Bürgerkrieg“? Natürlich nicht!
Das ist unmöglich! Proletarische Führer dürfen „Geld des Volkes“ nicht der
ausländischen Bourgeoisie geben. Erinnern wir uns! Im März 1921, als Russland die
ersten 50 Dampflokomotiven erhielt, entflammte in Kronstadt ein Aufstand.
Wie sollen die Bolschewiken aus ihrem Land ¼ der gesamten Goldreserve
abtransportieren, ohne dass es jemand merkt? Dazu braucht man einen VORWAND.
Deshalb schloss das sowjetische Volkskommissariat für Verkehrswesen mit dem
schwedischen Unternehmen „Nydquist & Holm“ einen Vertrag über den Kauf von
1.000 Dampflokomotiven für 200 Mio. Goldrubel ab. In Abstimmung mit Lenin
organisiert Trotzki dieses einmalige „Geschäft“. Ist Ihnen, verehrter Leser, jetzt klar,
warum die Bolschewiken den Bürgerkrieg gewonnen und die weißen, denen die
„westlichen Demokraten“ halfen, ihn verloren haben [66]?
Über das schwedische Banksystem flossen nach Russland die Gelder für die
Revolution. Auf dem gleichen Wege flossen sie zurück. Natürlich zuzüglich der
Prozente und einem Dankschreiben für den Kredit! Damit waren „Freundschaft“ und
„Zusammenarbeit“ beendet. Die Kontrolle über die UdSSR blieb in den Händen von
Lenin und seinen Genossen. Das ist wichtiger und wertvoller als Gold.
Um die Hintergründe der Beziehungen zwischen den Bolschewiken und ihren
Geldgebern richtig zu verstehen, ist es notwendig sich daran zu erinnern, dass die
Anhänger Lenins sich von Angelsachsen in einer entscheidenden Frage „getrennt“
haben: Sie haben ihr Land nicht verkauft und verraten. Während des Bürgerkrieges
hofften die Kämpfer gegen Kommunismus und Bolschewismus, dass die
Bolschewiken vielleicht doch alles „überdenken“ und wie vereinbart auch
„verändern“ werden. Sie waren in dieser Zeit zurückhaltend und haben die
Bolschewisten nicht gefragt. Doch ganz ohne sie ging es nicht: Irgendjemand musste
als „Bluthund“ arbeiten, die Revolutionäre einschüchtern und zu größeren
Zugeständnissen zwingen.
Es kam die Zeit des Untergangs der Weißgardisten. Wer darüber wenig
gelesen hat, dem empfehle ich, die Erinnerungen der Generäle und Offiziere zu
lesen, die gemeinsam mit Wrangel gekämpft haben. Wichtige Momente sind: Die
Briten und Franzosen weigerten sich zunächst die zurückweichende Armee von
Wrangel mit Waffen, Munition und Proviant zu versorgen. Später waren sie
einverstanden, verlangten aber dafür als Entgelt die Übergabe der russischen
Kriegsschiffe. Gleichzeitig begannen sie mit einer massiven Propaganda die
Weißgardisten zu überzeugen, die Armee und das Land als Flüchtling zu verlassen.
82
Nur dank des eisernen Willens der Generäle Wrangel und Kutepov konnten die
Armeen noch eine gewisse Zeit unter Kontrolle gehalten werden. Letztendlich
wurden die Weißgardisten gezwungen nach Europa zu flüchten. Oft bettelarm und
ohne Bleibe mussten sie die schwersten Arbeiten verrichten.
Auch an deutschen Nationalsozialisten gab es in den Jahren 1920 und 1921
keinen besonderen Bedarf. In dieser Zeit erhielten sie auch keinerlei Unterstützung.
Ihre ersten bescheidenen Erfolge verdanken sie allein den Talenten Hitlers und dem
Enthusiasmus seiner Anhänger. Es war die Zeit, der gutmütigen älteren Damen, die
den hungrigen Nazis die letzten Groschen gaben. Das Geschäft der „echten Arier“
lief sehr schlecht. „Bis Mitte 1921 konnte sich die Partei keinen Kassierer leisten.
Die Plakatkleber hatten kein Geld, um Leim zu kaufen [67].
Die Bilder von Hitler aus dieser Zeit zeigen ihn in einfacher und abgetragener
Kleidung.
83
Er wohnt in einem ärmlich ausgestatteten Zimmer in der Thierschstraße mit
einem stark verschlissenen Linoleum-Fußboden. Friedelind Wagner, die Enkelin
von Richard Wagner – der liebste Komponist von Hitler – beschrieb ihn so: In
bayrischen Lederhosen, in kurzen groben Wollsocken, in einem rot-blau-karierten
Hemd und einer kurzen blauen Jacke, die wie ein Sack auf seiner knöchrigen Figur
hing“ [69]
In einer anderen Beschreibung Hitlers heißt es: Mit seinen schweren Stiefeln,
dunklem Anzug und Lederweste, einem abstehenden weißen Kragen und mit einem
seltsamen Schnurbart, machte er keinen großen Eindruck auf mich. Ähnlich wie ein
Kellner in irgendeinem Bahnhofrestaurant [70].
Das Verhältnis zur Arbeit war beim Führer auch äußerst seltsam: „Er brachte
alle zur Verzweiflung, weil man nie sicher sein konnte, dass er auf einem
vereinbarten Treffen erschien und es war unmöglich, ihn von irgendeiner
Entscheidung abzubringen“ [71].
Als Franz Pfeffer von Salomon, der künftige Führer der SA, das erste Mal den
Führer sah, weigerte er sich, ihn zu begrüßen. Angezogen war er wie ein Lump: Eine
alte Jacke, gelbe Lederhosen und einen Rucksack auf dem Rücken. Oder: blauer
Anzug, violettes Hemd, braune Weste und ein grell-rote Krawatte [72 ]. Das äußere
Erscheinungsbild des künftigen Führers war sehr eigenartig. In der heutigen Sprache
können wir sagen, die Stilisten und Imagemacher müssten mit ihm sehr viel arbeiten.
Das haben sie offensichtlich auch damals getan. Denn hat 1941 irgendjemand Adolf
Hitler in kurzen Hosen gesehen?
Sehr bescheiden waren die persönlichen Ausgaben von Hitler. Während des
Osterfestes 1923 borgt er sich bei Göring ein paar Mark für eine feierliche Exkursion
in die Berge. Als er sich später an diese Jahre erinnert, behauptet er: „Lange Zeit
habe ich mich von Tiroler Äpfeln ernährt. Unwahrscheinlich, welche Sparsamkeit
wir damals pflegten. Jede gesparte Mark haben wir der Partei gegeben“ [73].
Es ging nicht um Luxus, sondern um die nackte Existenz. Gerade deshalb
waren die ersten Anhänger von Hitler nur von der Idee getragen. Ihr Führer arbeitete
nicht für Geld, sondern für die Idee. Dies rief Achtung und Anerkennung für Hitler
hervor, nicht weniger als seine Redekunst. Wann hat sich die finanzielle Lage der
Nazis verbessert? Wann entwickelten sich bei ihnen die ersten Bedürfnisse? Wie wir
wissen, gab es 1921 diese Bedürfnisse noch nicht, auch Anfang 1922 nicht. Die
Historiker informieren uns über keine finanziellen „Wunder“ bei den Nazis in dieser
Zeit.
Vom 10. April bis 19. Mai 1922 nimmt das sowjetische Russland unter der
Bezeichnung RSFSR an der internationalen Konferenz in der italienischen Stadt
Genua teil [74]. Im Grunde genommen war dies die erste Vorstellung der
bolschewistischen Regierung vor der „zivilisierten Welt“. In erster Linie ging es wie
immer ums Geld. Die westlichen Regierungen hatten gewaltige finanzielle
Forderungen, die insbesondere Vorkriegskredite, Kriegskredite und die damit
verbundenen Zinsen betrafen. Außerdem forderten sie die Bolschwiken auf, für alle
nicht beglichenen Lieferungen an die Weißen Regierungen und für enteignete
Unternehmen, deren Besitzer Ausländer waren, entsprechende finanzielle
84
Entschädigungen plus Zinsen zu zahlen. Nach Auffassung der westlichen Experten
betrug die Summe dieser Forderung 18 Milliarden Goldrubel.
Konferenz in Genua (10.04. – 20.5.1922)
Natürlich konnten die Bolschewiken eine derartige Summe – die jährlichen
Abschläge lagen bei sage und schreibe 80% des damaligen Staatshaushaltes – nicht
zahlen. Darauf baute die gesamte Rechnung: Wenn die Bolschewiken nicht in der
Lage sind zu zahlen, dann müssen sie Russland aufgeben und im Sinne ihrer eigenen
Versklavung die Führung ihres Landes an die ehemaligen Partner den Entente, die
mit Hilfe von Kerenski und Lenin den revolutionären Umsturz des Russischen
Imperiums organisiert haben, übergeben.
An diesem Punkt angekommen, zeigte Vladimir Iljitsch Lenin den
Verhandlungspartnern „den Vogel“! Anstelle einer bedingungslosen Anerkennung
der Schulden und einer finanziellen Sklaverei stellte die sowjetische Delegation in
aller Ruhe ihre eigenen Forderungen: Für die ausländische Intervention und für die
Blockade – 30 Milliarden Goldrubel. Nach einigen Tagen wurde den geschockten
westlichen Diplomaten eine abgeschwächte Vertragsvariante vorgelegt. Von den
Bolschewiken wurden die Vorkriegsschulden Russlands anerkannt. Außerdem
waren sie bereit, den ehemaligen Eigentümern vorrangig das Recht auf den Erwerb
einer Pacht oder einer Konzession für das enteignete Unternehmen einzuräumen. Im
Gegenzug sollten Großbritannien, Frankreich und Italien die Sowjetische Regierung
de jure anerkennen, ihr finanzielle Hilfe leisten, die nationalisierten Unternehmen
„vergessen“ und alle Kriegsschulden einschließlich der Zinsen annullieren.
So frech und unverschämt hatte mit den Siegern des Ersten Weltkrieges bisher
niemand gesprochen. Während sich die westlichen Delegationen die finanziellen
Forderungen der Bolschewiken anhörten, realisierte die sowjetische Delegation
einen diplomatischen Akt von größter Bedeutung. Am 16. April 1922 wurde in der
Stadt Rapallo – Vorort von Genua – der unbefristete Vertrag zwischen der RSFSR
und Deutschland abgeschlossen. In diesem Vertrag verpflichteten sich beide Seiten
von allen Forderungen auf Entschädigung militärischer Ausgaben und
nichtmilitärische Verluste Abstand zu nehmen. Außerdem wurde von Deutschland
die Nationalisierung von deutschen Staats- und Privateigentum in der RSFSR
anerkannt! Der Vertrag war geheim und wurde mitten in der Nacht
unterzeichnet. Die Diplomaten der anderen westlichen Staaten wurden erst
nach der Unterzeichnung davon in Kenntnis gesetzt [75].
85
Das war zu viel! Die Russen haben praktisch die Briten und Franzosen „um
den kleinen Finger gewickelt“. Die Konferenz in Genua endete mit einem
Unentschieden. Auf der Haagener Konferenz (vom 15 Juni bis 20. Juli 1922)
unternahm der Westen den 2. Versuch Russland zur Kapitulation zu zwingen. Die
sowjetische Delegation beharrte auf ihren Positionen wie in Genua. Der Entente
wurde klar, dass mit den Bolschewiken, die aus ihrer Kontrolle geraten waren,
anders gesprochen werden musste. Auch in Deutschland, das so deutlich seine
Unabhängigkeit demonstriert hatte, musste Ordnung geschaffen werden. Denn der
britische Geheimdienst hat die Revolutionen in Russland und Deutschland nicht
organisiert, damit sie sich anschließend anfreunden.
Schon zwei Tage nach dem Abschluss des Rapallo-Vertrages, am 18. April
1922, schickten die Länder der Entente, die Länder der Kleinen Entente
(Jugoslawien, Tschechoslowakei, Rumänien) sowie Polen und Portugal an
Deutschland eine beleidigende Protestnote. In diesem Schreiben beschuldigen sie
Deutschland der Illoyalität in Beziehung zu den Verbündeten, weil die deutschen
Vertreter „insgeheim, hinter dem Rücken ihrer Kollegen, einen Vertrag mit
Russland abgeschlossen haben“. In der Presse löste diese Note einen
unvorstellbaren Skandal aus. Am nächsten Tag suchten die Leiter der deutschen
Delegation, Joseph Wirth und Walter Rathenau, die Leiter der sowjetischen
Delegation auf und flehten (!) sie an, den unterschriebenen Vertrag zurückzugeben.
Die Panik der Vertreter von „Freiheit und Demokratie“ Deutschlands war so groß,
dass sie ständig in die britische Mission liefen, in Berlin anriefen und wieder zur
sowjetischen Delegation zurückkehrten um sie zu überreden, den Vertrag für Null
und Nichtig zu erklären. Selbstverständlich fand diese Position unter den
sowjetischen Diplomaten kein Verständnis, der Vertrag von Rapallo wurde nicht
storniert.
86
Sofort nach diesem Ereignis, aktiveren die Angelsachsen im Land des Bieres
und der Würste die entsprechenden Kräfte. Wie die Frösche im trockenen Sumpf,
warten sie geduldig auf ihre Stunde. Mit den ersten belebenden Regentropfen
entwickeln sie eine fieberhafte Tätigkeit. So geschah es mit den politischen Parteien
in Deutschland. Natürlich mit denen, die gebraucht wurden – mit den
Nationalsozialistischen.
Der Rapallo-Vertrag wurde am 16. April 1922 unterschrieben und – welch ein
Zufall – genau im Frühling 1922 steigt die Zahl der Mitglieder in der NSDAP
sprunghaft an [76]. Genau in den Jahren 1922 bis 1923 entwickelt sich in
Deutschland eine zügellose Inflation. Die Bevölkerung verarmte schnell. Aber Adolf
Hitler erhielt im Sommer 1922 Geld. Viel Geld! Deshalb plante er im Januar 1923
in München einen Parteitag durchzuführen. Mehr als 5 tausend Stürmer in
ausgezeichneten neuen Uniformen sollten an ihrem Führer vorbeimarschieren [77].
Gepachtet wurden gleichzeitig 12 Plätze für die Durchführung der agitatorischen
Veranstaltungen. Für die Einbeziehung eines großen Publikums wurden mehrere
Orchester, Tanzgruppen und sogar ein bekannter Clown engagiert [78]. Unmittelbar
nach Rapallo wurde unerwartet die Höhe der Hitlerzeitung „Völkischer Beobachter“
von 8 auf fast 18 tausend Exemplare erhöht [79]. Nach dem Parteitag erscheint die
Wochenzeitung als Tageszeitung. Viel zu viele „Zufälle“ …
Jetzt können wir die Frage beantworten, warum die geheimnisvollen
ausländischen Sponsoren der jungen nazistischen Bewegung geholfen haben. Die
deutschen Nationalsozialisten werden von den äußeren Kräften aktiv für eine
Destabilisierung der politischen Situation im Land benutzt. Die Nazis sind
hervorragend geeignet, in Deutschland eine Regierungskrise zu provozieren und
damit die von den Angelsachsen gehasste Regierung, die sich erlaubt hat, einen
Vertrag mit den Bolschwiken abzuschließen, zu stürzen. Die Weimarer Republik ist
ein demokratisches Land, d.h. ihre Regierung kann und muss im Falle der kritischen
innenpolitischen Situation immer zurücktreten. Tut sie das nicht, dann kann mit
Hilfe der Nationalsozialisten auch ein Mord organisiert werden. Erinnern wir uns
nochmal an die Unterzeichnung des Rapallo-Vertrages am 16. April 1922. Am 24.
Juni 1922 wird der Außenminister Deutschlands, Walter Rathenau (nach seiner
Nationalität ein Jude) von einer Gruppe nationalistischer Verschwörer umgebracht.
87
Ein sehr anschauliche Lehrstunde für alle deutschen Politiker: Rathenau war
ein Anhänger einer Politik der allmählichen Annäherung an Moskau [80].
Allmählich, aber immer mit dem Blick nach dem Westen.
Schon am 14. November 1922 wird Joseph Wirth, der Kanzler, der den
Rapallo-Vertrag sanktioniert hat, in den Ruhestand versetzt. Wirth wünschte
aufrichtig eine schrittweise Annäherung von Deutschland und Sowjetrussland. Er
befürchtete unberechenbare Reaktionen der „westlichen Mächte auf die
außenpolitische Selbstständigkeit Deutschlands“ [81]. Der Tod von Walter
Rathenau hat nachdrücklich gezeigt, dass seine Befürchtungen gerechtfertigt waren.
Gleichzeitig mit dem Anwachsen der Spannungen im Land verstärkte sich der
außenpolitische Druck auf die deutsche Regierung. Vorwand waren Rückstände bei
Zahlung von Reparationen. In den ersten Nachkriegsjahren haben die Länder der
Entente Deutschland nicht besonders unter Druck gesetzt, jetzt veränderte sich
jedoch die Situation schlagartig. Nach dem Mord an Rathenau und der Absetzung
des Kanzlers Wirth folgten äußerst harte Maßnahmen. Im Januar 1923 okkupierten
französische Truppen das größte Industriezentrum Deutschlands, das Ruhrgebiet
[82]. Damit nahmen sie die Gewinnung und den Abtransport der gesamten Kohle in
diesem Raum unter ihre Kontrolle. Die deutsche Regierung rief ihre Bürger zum
passiven Widerstand auf. Die Franzosen benahmen sich wie echte Okkupanten. Z.B.
beschossen sie mit Maschinengewehren auf eine Demonstration der Arbeiter in
einem der Werke von Essen. Das Ergebnis – 15 Tote und mehr als 30 Verwundete.
An der Beerdigung der Toten nahmen ca. eine halbe Millionen Menschen teil. Aus
Rache wurde der Eigentümer der Firma und 8 seiner Mitarbeiter von einem
französischen Gericht zu 15 und 20 Jahren Gefängnis verurteilt [83].
Ganz Deutschland ballte vor Empörung die Fäuste. Im Ruhrgebiet kam es zu
Anschlägen und Überfällen auf französische Militärangehörige. Viele Todesstrafen
waren die Folge [84]. Haben sich die Nazis auf ihren Versammlungen auf die Seite
der deutschen Patrioten gestellt? Für jene, die die wahren Quellen der Finanzierung
Hitlers kennen, ist es sicherlich keine Überraschung, dass die Mitglieder der
Nazipartei am Kampf gegen die französischen Okkupanten nicht teilnahmen.
88
Umgekehrt, Hitler drohte jeden aus der Partei auszuschließen, der es wagt,
am Widerstand gegen die französischen Besatzer im Ruhrgebiet aktiv teilzunehmen.
In einigen Fällen hat er seine Drohung wahrgemacht. Nach Aussagen von
Augenzeugen hat der Führer noch vor einem halben Jahr über die Notwendigkeit
eines Partisanenkrieges im Falle der Okkupation des Ruhrgebietes gesprochen [85]!
Die wachsende und immer stärker werdende NSDAP konnte nunmehr, wie
auch andere nationalistische Gruppen, aktiv und effektiv für die Destabilisierung der
inneren Lage in Deutschland eingesetzt werden. Eine grausame Ironie des
Schicksals! Jene, die am lautesten über Großrussland, Großdeutschland u.a.m.
schreien, werden in den meisten Fällen unbewusst von den geopolitischen Gegnern
für die Schwächung und Zersplitterung ihrer Länder eingesetzt. Erinnern wir an
unsere edelmütigen aber sehr kurzsichtigen Weißgardisten. Den Führern der weißen
Bewegung kam nicht einmal der Gedanke, dass ein „Handel mit der Heimat“
möglich ist. Im Ergebnis haben sie den Bürgerkrieg verloren und das Land den
Bolschewiken überlassen. Moderne russische Skinheads und Ultranationalisten
wissen nicht, dass sie durch ihr aggressives Verhalten gegenüber allen „Fremden“
ihrem Land einen gewaltigen Schaden zufügen. In einem Vielvölkerstaat führt jede
Gewalt einer Nation gegen eine andere immer zur Spaltung des eigenen Landes,
d.h. zu einer Situation, die nur dem geopolitischen Gegner Nutzen bringt. Genauso
handelte Hitler mit seinem mythischen „Separatismus“ und „Patriotismus“ bewusst
oder unbewusst im Interesse der Franzosen und Briten, die ihn dafür gut bezahlt
haben [86].
Ungefähr ein Jahr vor Hitlers „Bierputsch“ erschienen am Horizont einige
interessante Persönlichkeiten. Gemeinsam mit ihnen kam auch viel Geld, dessen
Herkunft die Historiker nicht bestimmen konnten. Finanzflüsse zum Führer gab es
von vielen Seiten. Neben den französischen und britischen („schweizerischen“)
89
Finanzmitteln erhielt Adolf Hitler auch amerikanisches Geld. Alles geschah im Jahre
1922, als in Deutschland die hektische Suche nach einer neuen politischen Figur
begann, die in Abhängigkeit von der konkreten Situation genutzt werden kann: für
den Austausch ungewünschter Politiker, für die Durchführung von Morden und
Provokationen. Hitler an die Macht zu führen, dazu war im Moment niemand bereit.
Außerhalb von München war von ihm nichts zu hören. Deshalb traf sich der
Militärattaché der USA in Deutschland, Kapitän Truman Smith, zunächst nur mit
anderen Leuten: Mit dem ehemaligen General Erich Ludendorff, der im Ersten
Weltkrieg ein kommandierender General der deutschen Armee war und mit dem
Kronprinzen Rupprecht von Bayern, der im Ersten Weltkrieg den Oberbefehl über
die 6. Armee hatte. Sie erzählten dem Amerikaner über den neuen aufgehenden
Stern. Am 20. November 1922 traf sich der Kapitän mit dem Führer in seiner
armseligen Wohnung in der 2. Etage [87].
Hitler sprach mit dem Amerikaner absolut offen. Wenn sich der Militärattaché
einer Botschaft für einen Politiker interessiert und nicht für Kanonen und Gewehre,
dann berührt das Spektrum seiner Tätigkeit nicht nur militärische Fragen. Der
vorläufig noch unbekannte Führer einer kleinen örtlichen Bayernpartei spricht über
seine Absicht „den Bolschewismus zu liquidieren“, „die Fußfesseln des Versailler
Vertrages abzuwerfen“, eine Diktatur zu errichten und einen starken Staat zu
schaffen. Den äußerst seltenen Fall nutzend, dass ein Mann des amerikanischen
Geheimdienstes zu ihm kommt, bietet sich Hitler als „Schwert der Zivilisation“ im
Kampf gegen den Marxismus, d.h. gegen Russland an!
90
Dieser Vorschlag erwies sich als sehr zeitgemäß: Derartige Fanatiker können
in einem beliebigen Moment sehr nützlich sein. Vorläufig macht es keinen Sinn sich
mit den Russen anzulegen, aber diesen jungen Hitler im Auge zu behalten, lohnt
sich. Nach Berlin zurückgekehrt, verfasst Kapitän Truman Smith einen
ausführlichen Bericht, der am 25. November 1922 von der Botschaft nach
Washington geschickt wird. Die Antwort kommt unverzüglich. Weil sich der
offizielle Militärattaché der USA angesichts seines diplomatischen Status nicht
weiter mit dem deutschen Politiker aktiv beschäftigen kann, erhält Adolf Hitler
einen neuen Kontaktmann vom amerikanischen Geheimdienst. Hitler war damit für
die Amerikaner zu einem interessanten deutschen Politiker mit einer Perspektive
geworden.
Auf dem nächsten Treffen mit dem Führer erschien nicht der Militärattaché,
sondern sein „Kumpel“. Sein Name war Ernst Franz Sedgwick Hanfstaengl.
Sohn eines erfolgreichen Händlers für Kunstobjekte, eines Deutschen und
einer Bürgerin der USA, in Bayern geboren, absolvierte er bis zum Jahre 1909
erfolgreich die Harvard-Universität in den USA. Während des Ersten Weltkrieges
saß der Halbdeutsche in den USA und beeilte sich nicht, der fernen Heimat zu helfen.
Als deutscher Staatsbürger wurde er nicht verhaftet, selbst dann nicht, als die USA
Deutschland den Krieg erklärte. Mit dem Versprechen, „sich nicht in irgendeine
antiamerikanische Tätigkeit einzulassen“ wurde er nicht interniert. Warum? Weil
sein Advokat der Staatssekretär des amerikanischen Präsidenten Theodore
Roosevelt war [88]!
Nachdem Deutschland den Krieg verloren hatte, eilte Hanfstaengl in seine
Heimat. Im zerstörten und von der Inflation erfassten Deutschland, war das Leben
des „Amerikaners“ Ernst Hanfstaengl eine Insel des Wohlstandes und des
Überflusses. Er hatte immer Geld, aber die Quellen seiner Einkünfte waren oft
undurchsichtig: Die verfluchte Inflation hatte die Firma seines Vaters vollständig
vernichtet. Als „offizielle“ Quelle seines Wohlstandes wurde irgendeine
Kunstgalerie in Amerika genannt. Eine sehr überzeugende Erklärung – aber absolut
nicht nachprüfbar. Das bedeutet – sehr bequem. Schon im ersten Meeting mit Hitler
„entwickelte er zu ihm eine Sympathie“ und knüpfte mit ihm freundschaftliche
Beziehungen. Später schrieb er sogar zwei Bücher (Memoiren) mit dem Titel „Mein
91
Freund Adolf, mein Feind Hitler“ und „Hitler. Verlorene Jahre“. Diese Bücher
empfehle ich allen zu lesen.
Warum? Nicht wegen des besonderen literarischen Stils, sondern wegen den
dargelegten beindruckenden Fakten. Es erweist sich, dass der Ehrgeiz nicht nur
Dichtern, Malern, Kriegsherren und Schriftstellern eigen ist. Auch Geheimagenten
sind davor nicht gefeit. Im hohen Alter schreiben sie deshalb bescheidene
Büchlein, in denen sie selbstverständlich nicht die ganze Wahrheit erzählen. Nur
tröpfchenweise zwischen allgemeinbekannten Fakten platzieren sie bestimmte
Wahrheiten, damit der „nachdenkliche Leser“ begreift, wie der Autor dieses Werkes,
indem er diesem seltsamen Fanatiker mit dem Namen Adolf Hitler half, Geschichte
schrieb.
Zu schreiben gibt es viel! Der 2m-Mann, Ernst Hanfstaengl, hatte im Kreise
der Nazis den Spitznamen „Putzi“, was so viel wie „Kleiner“ bedeutet. Unter diesem
Namen ist er in die Geschichte der Nazibewegung und in die Geschichtsbücher
eingegangen. Historiker, die keinerlei Ahnung hatten und Hanfstaengl als Spaßvogel
beschrieben, vergessen völlig, dass diese Rolle sehr bequem für eine verdeckte
Einflussnahme auf den Herrscher ist.
Ernst Hanfstaengl, amerikanischer Geheimagent, hat nicht aus Herzensgründen, sondern
im Auftrage seiner Regierung Adolf Hitler wahrlich unschätzbare Hilfe geleistet.
92
Die Rolle von Putzi bei der Gestaltung der NSDAP als Partei und bei der
Entwicklung von Hitler als Führer wird bis heute nicht angemessen bewertet. Der
Pianist Hanfstaengl führte den ungeschliffenen Gefreiten in den Kreis der
Münchener Aristokratie, in ihre Künstler- und Literaturkreise ein. Die Bekanntschaft
mit solchen Leuten, wie mit der Familie Hanfstaengl, gab Hitler den noch fehlenden
Respekt und half ihm viele neue Kontakte zu knüpfen. Putzi und seine Frau waren
die erste wohlhabende Familie, die Hitler die Tür ihres Hauses öffnete. Genauer
gesagt, waren sie seine ersten Stilisten und Image-Macher. Hitler lernte, sich in guter
Gesellschaft zu benehmen und eignete sich aristokratische Manieren an.
Die Villa der Hanfstaengls war immer für ihn geöffnet. Dort spielte Putzi dem
künftigen Führer auf dem Klavier nicht nur Musikstücke von seinem geliebten
Wagner vor, sondern sie gaben ihm auch Geld. Putzi Hanfstaengl ist reich und kann
es sich erlauben, dem jungen aufstrebenden Politiker ein wenig zu helfen. Anleiten
und auf den richtigen Weg stellen. Die Ideen, die er dem künftigen Führer einimpfte,
hat er offen und ehrlich in seinen Memoiren dargelegt: „Wenn es zu einem Krieg
kommt, dann gewinnt ihn derjenige, der sich auf der Seite von Amerika befindet.
Die einzige richtige Politik, für die Sie kämpfen müssen, ist die Freundschaft mit
den Vereinigten Staaten. Wenn sich die Amerikaner auf der Seite des Gegners
befinden, dann verlieren Sie jeden beliebigen Krieg …“[89].
Beachten Sie, verehrter Leser, dass diese Predigt nicht an den Präsidenten
eines Staates oder an den Ministerpräsidenten einer Regierung gerichtet ist, sondern
an einen vorläufig völlig unbekannten Führer einer marginalen Organisation. Wir
danken dem Redakteur, der in der Einleitung des Buches von Hanfstaengl die
Gedanken des „Spaßvogels“ noch kürzer und verständlicher formulierte: “Seine
These besteht darin, dass Deutschland niemals wieder Gewicht und Größe ohne eine
Annäherung an Großbritannien und die Vereinigten Staaten gewinnt. Die
grundlegende Einstellung, die er Hitler fest ins Gehirn einprägte, bestand darin, dass
alle Gedanken über eine Abrechnung in Europa illusorisch sind, wenn sich diese
beiden Seemächte mit der gegnerischen Seite vereinen“ [90].
Gute und richtige Gedanken. Entwickeln wir diese Gedanken weiter, so folgt
daraus: Wir müssen uns mit Großbritannien und mit den USA befreunden, gegen
Russland aber kämpfen. Irgendwo sind wir diesen Gedanken schon einmal begegnet,
irgendwo haben wir sie gelesen … Aber wo? Bei Hitler selbst, in seinem Buch
„Mein Kampf“! Interessant: Im Jahre 1923 führt Hanfstaengl mit Hitler
geopolitische Gespräche, klärt den künftigen Führer auf, erweitert seinen Horizont
und im Jahre 1924 schreibt der „Schüler“ sein Buch, wobei er Wort für Wort die
Thesen seines Freundes wiederholt. Wer ist denn der wahre Autor des Buches „Mein
Kampf“? Mit hoher Wahrscheinlichkeit der amerikanische Geheimagent.
Falls irgendjemand noch Zweifel hat, warum und weshalb sich Ernst
Hanfstaengl und Adolf Hitler „zufällig“ kennengelernt haben, dann lesen sie einfach
seine Bücher. Die letzten Zweifel verschwinden von ganz alleine. Vieles weist
ausdrücklich darauf hin, aus welchem Dienst der reiche amerikanische „Freund“ der
deutschen Nazis gekommen ist. Ohne Zweifel ist Hitler ein talentierter Redner. Aber
dieses Naturtalent muss entwickelt und gesteuert werden. Ernst Hanfstaengl bestärkt
93
seinen Freund Adolf Hitler in dem Glauben an seine eigene Kraft und entwickelt
sein Redetalent auf hohem Niveau weiter: „Ich erzählte ihm etwas über den
effektiven Einsatz von ausdrucksvollen Aphorismen im amerikanischen politischen
Leben und erklärte ihm, wie diese durch bissige Überschriften in den Zeitungen
verstärkt werden. Sie verleihen der Idee eine phonetische und rhetorische Wirkung“
[91].
Hitler ist einverstanden. Er saugt wie ein Schwamm alles in sich auf. „In
vielen Beziehungen war Hitler leicht lenkbar und entgegenkommend“ [92], sagt
Hanfstaengl. Mit der Entwicklung seines Redetalentes, beginnt Hitler vernünftige
Fragen zu stellen: „Sie haben vollkommen Recht. Aber wie kann ich meine Ideen
ohne Presse ins deutsche Volk bringen? Die Zeitungen ignorieren mich völlig. Wie
kann ich meine Erfolge als Redner mit unserem unglücklichen „Völkischen
Beobachter“ verfolgen, der nur einmal in der Woche erscheint? Wir werden nichts
erreichen, solange sie nicht täglich erscheint“ [93].
Für die Unterstützung der Massen brauchte Hitler Propaganda. Für die
Propaganda brauchte er Geld. Woher sollte er das Geld nehmen? „Im März 1923
gab ihm Hanfstaengl ein Darlehen in Höhe von 1.000 Dollar. Für damalige
Verhältnisse war das sehr viel Geld“ [94]. Sehr viel! Sogar ein Dollar ist nach den
Worten von Hanfstaengl ein ganzes Vermögen [95]!
Für das Geld des großzügigen Amerikaners kauften die Nazis zwei neue
Druckmaschinen. Jetzt erscheint die Zeitung „Völkischer Beobachter“ nicht einmal
wöchentlich im kleinen Format, sondern täglich in einem großen Zeitungsformat.
Doch damit war die Unterstützung von Hanfstaengl bei der Schaffung eines
Sprachrohres für die Nazis noch nicht beendet. Er engagiert einen Illustrator und
Karikaturisten für die Gestaltung eines neuen Titelblattes. Durch die in roter Farbe
unterstrichene Hauptschlagzeile und die Kopfleiste in Antiqua-Letter unterschied
sich Hitlers Zeitung jetzt auffällig von anderen Zeitungen. Außerdem empfahl er
seinem Freund das Motto der Zeitung in „Arbeit und Brot“ [96] zu ändern.
Hanfstaengl hilft Hitler auch in anderen Kleinigkeiten, aber sehr wichtigen
Angelegenheiten. So erklärte er seinem Freund Adolf, wie wichtig die Auswahl der
richtigen Musik ist, um die Masse in Ekstase zu bringen und um hysterischen
Enthusiasmus zu unterdrücken. Als anschauliches Beispiel spielt er Hitler den
Gardemarsch vor. Hitler „zwang das Orchester der SA diesen Marsch einzuüben und
zu spielen“. Außerdem komponierte Hanfstaengl viele neue Marschmelodien für die
faschistische SA [97]! Mit dieser „rührenden Marschmusik“ des Amerikaners
94
marschiert die SA durch das Brandenburger Tor an dem Tag, als Hitler zum
Reichskanzler berufen wird.
Die Tatsache, dass Hanfstaengl die Nazis unterstützt und Geld gegeben hat,
verschweigt er. In seinen Memoiren schreibt er mehrmals: „Ich habe entschieden,
dass ich nicht einverstanden bin, die Nationalsozialistische Partei zu unterstützen“;
„Ich … habe verstanden, dass jede Hilfe, die ich erweise, geheim bleiben muss“;
„Ich habe meine Unterstützung der Nazis geheim gehalten weil ich mir keinerlei
Lärm leisten konnte“ [98].
Warum musste er das geheim halten? Seine Erklärungen klingen nicht sehr
überzeugend: „Ich bin Mitglied eines Familienunternehmens“. Mit welcher
wichtigen Angelegenheit beschäftigte sich Hanfstaengl in Deutschland? Mit Adolf
Hitler zusammen auf den Straßen spazieren, das kann er, aber ihn mit Geld
unterstützen, das darf er nicht? Vor seiner Reise von Amerika nach Deutschland
beschäftigte er sich nicht mit Handel oder irgendwelchen Transaktionen, sondern
mit dem Studium der Biografie des bayrischen Königs und Kunstmäzene Ludwig II
[99]. Es ist das gleiche als wenn wir am Anfang der Jelzin-Epoche Angst gehabt
hätten kompromittiert zu werden, weil wir das Leben der Favoriten von Jekaterina
II oder der Zarin Elisabeth Petrowna untersuchen. Womit beschäftigte sich
Hanfstaengl neben der Anleitung und Unterstützung von Hitler, neben seinen
Dienstreisen mit ihm? In seinen Memoiren steht das nicht. Wortkarg ist der Autor
bei der Beschreibung seiner kommerziellen Tätigkeit.
Übrigens hat er nicht vergessen uns zu erzählen, wie er sich während seines
ersten Besuches bei Adolf mit seinen Büchern auf dem Regal vertraut gemacht hatte.
Wäre es für Sie, verehrter Leser, interessant zu erfahren, welche Bücher in seiner
Freizeit der Führer einer politischen Partei liest? Natürlich, ja. Sie schauen auf das
Bücherregal und erinnern sich an jedes Buch? Wahrscheinlich würden Sie sich nur
an einige erinnern. Aber nach 20 Jahren beim Schreiben Ihrer Memoiren eine
vollständige Liste aller Bücher auf dem Regal zu reproduzieren – wohl kaum. Denn
wir sind einfache Menschen. Aber Ernst Hanfstaengl ist ein derart großer Freund des
Nazis Hitler, dass er einfach „aus der Reihe fällt“. Deshalb schreibt der Amerikaner:
„Es waren völlig verschiedene Bücher. Als ich Zeit fand, machte ich von ihnen eine
Liste“ [100]. Dieses Verhalten ist für einen Spießbürger seltsam, für einen
erfahrenen Geheimagenten völlig normal.
95
Damit verdichtet sich der starke Eindruck, dass der Kontakt mit Hitler, die
Sammlung von Informationen über ihn, die Hauptaufgabe seines Freundes
Hanfstaengl war. Z.B. schreibt Hanfstaengl angeblich das Szenarium für einen Film.
Ein ganzes Jahr beschäftigt er sich damit. Aber ein Film wurde niemals gedreht!
Warum? Weil Putzi kein Szenarium geschrieben hat. Er hat sich zielstrebig und
planmäßig nur mit einer einzigen Aufgabe beschäftigt – mit der Vorbereitung von
Deutschlands neuem Führer. Mit den Erzählungen über seine „Filmtätigkeit“
können alle möglichen Fragen über die Art seiner Tätigkeit sehr effektvoll
abgeschmettert werden. Denn einen derartigen Beruf – Hitler zu helfen, an die Macht
zu kommen – gab es damals noch nicht.
„Der Partei fehlte ständig Geld“ [101], schreibt Hanfstaengl in seinem Buch.
Warum gab ihm sein großer (2m-Mann) Freund und Sponsor nicht 2 oder 10 tausend
Dollar, wenn er sowieso die Aufgabe hatte, Hitler in seiner Aufstiegsphase zu
helfen? Sehr einfach: Nach seiner „Legende“ war er zwar reich, aber kein Millionär.
Für die „rechte Sache“ konnte er deshalb keine Geldbeträge opfern, die weit über
einem vernünftigen Level eines reichen Bürgers lagen. Deshalb waren 1.000 Dollar
vernünftig, 10.000 Dollar aber nicht. Natürlich konnte er Hitler mit den
erforderlichen Leuten bekannt machen, was er auch tat. Schon am Vorabend seines
Putsches in München fährt Hitler in die Schweiz um Geld zu holen. In diesem
schönen Land haben schon vor vielen Jahren die Geheimdienste aller Länder der
Welt ihre Nester gebaut. Hat ihn sein guter Freund dorthin geschickt?
Das ist nicht bekannt, aber bekannt ist folgendes: Nach der Niederschlagung
des Putsches versteckte sich Hitler im Haus der Hanfstaengls in Uffing (kleines
Dorf im Landkreis Garmisch-Partenkirchen, Anm. d. Übers.), 60 km von München
entfernt [102]. Er ist verzweifelt und dank seines hysterischen Charakters bis aufs
äußerste gereizt. Hitler sieht keinen Ausweg und trifft die Entscheidung,, sich sofort
zu erschießen. Wie wir wissen, ist das nicht geschehen. Wem soll die ganze
Menschheit für die Rettung des größten Ungeheuers der Geschichte danken? Der
Frau von Hanfstaengl – sie schlägt Hitler den Revolver, den er bereits an seine
Schläfe gesetzt hatte, aus der Hand. In diesem Haus wurde er von den Polizisten
verhaftet und ins Gefängnis gesteckt. Dort begann er im Rahmen eines Buches die
Gedanken zu ordnen, mit denen ihn Hanfstaengl geschult hatte. Nach 9 Monaten
wurde Hitler, der zu 5 Jahren Festungshaft verurteilt war, „wegen guter Führung“
mit bestimmten Auflagen aus der Haft entlassen. Sein erster Weg führte ihn nicht zu
Göring oder Rosenberg, sondern in das neue Haus der Familie Hanfstaengl am Ufer
der Isar …
96
Das Ehepaar Hanfstaengl hat es geschafft, das Leben von Hitler
zweimal zu retten. Das erste Mal geschah dies im Frühling 1923, während
einer Reise mit dem Auto von Berlin nach München. Die Straße führte durch
Sachsen, wo sich die Macht in den Händen der Kommunisten befand. Deshalb
gab es in diesem Teil Deutschlands den Befehl, Hitler sofort zu verhaften. In
diesem Befehl wurde sogar ein bestimmter Geldbetrag für seine Ergreifung
genannt. Als das Auto auf der Straße von einer Gruppe kommunistischer
Polizisten angehalten wurde, hing das Leben des Führers „an einem seidenen
Faden“. In diesem Moment zog Hanfstaengl seinen Schweizer Pass (mit dem
er aus den USA zurückgekehrt war) und erklärte, dass er als Ausländer in
Begleitung seines Chauffeurs und Lakaien auf dem Wege zur Leipziger Messe
sei. „Sie haben mir das Leben gerettet!“, sagte damals Hitler. In den
folgenden Jahren erinnerte er sich an dieses Ereignis immer mit Dankbarkeit.
Tatsache ist, dass Hanfstaengl in seinem Buch schreibt, dass „er trotzdem
beleidigt war, weil ich ihn als meinen Lakaien vorstellte“.
Der dankbare Hitler hat seinen Freund nicht vergessen und stellt ihn deshalb
auf den verantwortlichen Posten eines Presse-Sekretärs der Partei. Außerdem leitet
Putzi die Abteilung der internationalen Presse im Stab seines Stellvertreters. Auf
seinen Auslandsreisen machte er viel Reklame für die neue deutsche Macht.
97
Das beweist noch nichts, werden die Skeptiker sagen. Da haben sie Recht!
Doch es gibt in der Biografie Hanfstaengls eine Reihe von Fakten, die wesentlich
interessanter sind. Der bescheidene Presse-Sekretär besitzt in Wahrheit
unwahrscheinliche Kontakte und Bekannte. Im Sommer 1932 kommt ein
einflussreicher britischer Politiker im Rahmen eines persönlichen Besuchs nach
Deutschland. Es war Winston Churchill, der mit seinem Sohn und seiner
Reisebegleitung zu einem einwöchigen Besuch nach München kam. In den
Memoiren von Sir Winston finden wir eine interessante Notiz: „Im Hotel „Regina“
(laut Winston Churchill: „Regina“, laut Hanfstaengl: „Continental“, Anm. d. Übers.)
stellte sich ein Gentleman einem meiner Begleiter vor. Sein Name war Hanfstaengl.
Er sprach viel über den Führer, dem er offensichtlich sehr nahe stand. Weil er mir
sehr lebhaft und redegewandt erschien und außerdem ausgezeichnet Englisch
sprach, habe ich ihn zum Mittagessen eingeladen. Er erzählte außerordentlich
interessante Dinge über Hitler und seine Ansichten. Ich fühlte, dass er von ihm
begeistert war. Mit hoher Wahrscheinlichkeit, hatte er den Auftrag, mit mir in
Kontakt zu treten und bemühte sich deshalb, einen guten Eindruck zu machen.
Nach dem Essen setzte er sich an den Flügel (Bauform eines Klaviers, Anm. d.
Übers.) und spielte zu unserem großen Vergnügen viele Lieder. Es schien, als kannte
er alle meine Lieblingslieder. Er war ein trefflicher Gesellschafter. Wie es sich
erwies, war er in dieser Zeit ein Günstling des Führers. Er empfahl mir ein Treffen
mit Hitler, das er sehr leicht organisieren könnte“ [103].
Sir Winston stellte die Sache so dar, als ob ein zufälliger Bekannter versuchte,
ihn mit dem Führer bekannt zu machen. In den Darlegungen von Hanfstaengl sieht
diese Geschichte völlig anders aus: „Ich habe mich im Verlaufe unserer
Wahlkampfreisen ziemlich lange in der Gesellschaft seines Sohnes Randolph (Sohn
von Churchill. – N. S.) befunden. Ich habe sogar ein- oder zweimal für ihn Flüge im
Flugzeug mit uns organisiert [104]. Er machte mich darauf aufmerksam, dass sein
Vater nach Deutschland kommt und dass wir ein Treffen organisieren sollten“ [105].
Sie werden mir, verehrter Leser, sicher zustimmen, dass die Bekanntschaft
mit dem Sohn Churchills, der mehrmals mit Hitler, Hanfstaengl und mit dem
Begleitpersonal des Führers flog, etwas mehr ist, als „ein Gentleman stellte sich
einem meiner Begleiter vor“. So oder so, der britische Politiker erklärte: „In dieser
Zeit hatte ich keinerlei nationale Vorurteile gegen Hitler. Ich kannte weder seine
Lehre und seine Vergangenheit noch seine persönlichen Qualitäten. Mich begeistern
Menschen, die sich nach der erlittenen Niederlage für den Schutz ihrer Heimat
einsetzen, sogar wenn ich mich selbst auf der anderen Seite befinde. Er hatte das
volle Recht ein deutscher Patriot zu sein, wenn er das gewünscht hätte“ [106].
Wer hat Hanfstaengl beauftragt, mit dem britischen Politiker „in Kontakt zu
treten“? Hitler selbst? Nein! Der Führer hat ihn nicht gebeten, einen Kontakt
herzustellen, denn – trotz aller Überredungsversuche von Ernst Hanfstaengl – ist er
selbst nicht zum geplanten Treffen mit Churchill gegangen! „So kam es, dass Hitler
die einzige Gelegenheit verpasste, mich kennenzulernen. Als er später allmächtig
war, sollte ich mehrere Einladungen von ihm erhalten. Inzwischen hatte sich aber
gar manches ereignet, und ich leistete der Einladung keine Folge. [107]“, bedauert
98
Churchill. Ein ernsthafter Politiker darf nicht so handeln – erst um ein Treffen mit
einem führenden Politiker einer starken Weltmacht bitten und dann nicht hingehen.
Das ist kindisch und unseriös. Bis zur Machtübernahme Hitlers blieben noch 6
Monate. Der persönliche Kontakt von Hitler und Churchill wäre sicher sinnvoll
gewesen. Schlussfolgerung: Den Auftrag, Hitler mit Churchill persönlich bekannt
zu machen, erhielt Hanfstaengl nicht von den Nazis, sondern von dem
Geheimdienst, der so geschickt und sorgfältig zum aufgehenden Stern in der
deutschen Politik, d.h. zu Adolf Hitler, ihren Mann gestellt hatte. Wozu kannte und
brauchte er den Sohn von Churchill? Wozu schleppte er ihn auf die
Wahlkampfreisen Hitlers?
Es gibt nur eine Antwort: Während seiner gesamten Tätigkeit versuchte
Hanfstaengl Hitler zu überzeugen, dass die Freundschaft mit Großbritannien und mit
den USA unumgänglich ist. Mit diesem Ziel führte er seinen Freund zu den Starken
dieser Welt. Das „Nichterscheinen“ des Führers am geplanten Treffen hinderte den
britischen Lord nicht daran, einige äußerst kitzlige Fragen zu stellen. An wen? An
Hanfstaengl. „Sagen Sie bitte, was denkt Ihr Chef über eine Allianz unserer Länder,
mit Frankreich und Großbritannien?“ [108], fragte Churchill. Wozu ist der alte
Fuchs, Sir Winston, nach Deutschland gekommen? Um die alten Schlachtfelder der
Feldzüge seiner herzoglichen Ahnen in den Niederlanden und
Hitler und Hanfstaengl (der Erste von Links) am Flugzeug, während der endlosen Wahlkampf – Flüge. Mehrmals an diesen Reisen nahm auch der Sohn von Winston Churchill teil.
in Deutschland zu besichtigen? So lautete die offizielle Begründung! Oder, um
persönlich auf den Menschen zu schauen, der nach 6 Monaten an der Spitze
99
Deutschlands steht?
Viel Gutes hat er für seinen Freund Hitler noch getan. Z.B. fuhr er, ohne Hitler
davon in Kenntnis zu setzen, zu Benito Mussolini. Das Ziel der Reise des
bescheidenen Presse-Sekretärs war die Versöhnung von Hitler und Duce. Es ist nicht
richtig, sagt ihm Hanfstaengl, dass „solche Schwierigkeiten zwischen unseren zwei
faschistischen Staaten existieren“ [109]. Wie wir aus der Geschichte wissen, genau
in dieser Zeit begann die Annäherung der beiden Diktatoren. Es lohnt sich, nur eine
Frage zu stellen: Wie ist es Hanfstaengl gelungen, vom Führer Italiens empfangen
zu werden? Wird tatsächlich jeder Deutsche, der nach Italien kommt mit einem Glas
Chianti begrüßt und zu Mussolini geführt? Der Dienstgrad unseres Helden ist nicht
so hoch, um zum Duce zu geraten.
Die Verbindungen von Hanfstaengl waren fantastisch. Wenn sich bei ihnen,
verehrte Leser, der verrückte Gedanke eingeschlichen hat, dass die spannenden
Memoiren von Putzi nur eine Fortsetzung der Märchen des Barons von
Münchhausen, d.h. nur Phantastereien sind, dann irren Sie sich. Auch wenn eine
Bestätigung des Besuches von Hanfstaengl bei Mussolini schwer zu überprüfen ist,
so existiert ein „stahlharter“ Beweis für die unwahrscheinliche Stärke von Ernst
Hanfstaengl. Nachdem er so viel für das Deutsche Reich getan hat, verlässt er
plötzlich im März 1937 Deutschland. D.h., er ist heimlich wegefahren, weil er
angeblich mit der Umgebung Hitlers in Konflikt geraten ist und eine Bedrohung
seines Lebens fühlte.
Wohin begab sich unser Held? In seine Heimat USA. Dort, so erweist sich,
hat er noch einen guten Freund, auch ein Absolvent der Harvard-Universität –
Präsident der USA, Franklin Delano Roosevelt. Was ist dabei, dass unser deutscher
Held bei Hitler in der Funktion eines internationalen Presse-Sekretärs gearbeitet hat?
Was ist dabei, dass Putzi in den USA in dieser Eigenschaft an den Denkmälern
Kränze mit Adler und Hakenkreuz niederlegt hat?
Während des Zweiten Weltkrieges wird Hanfstaengl als Berater des
Präsidenten Roosevelt arbeiten [110]!
Er ist der Experte für Nazi-Deutschland. Arbeitet, aber steht unter Arrest, d.h.
unter persönlichem Schutz. Ernst Hanfstaengl wird vom Sergeanten der
amerikanischen Armee, Egon Hanfstaengl, beschützt. Ein Namensvetter? Nein, es
ist sein Sohn, den er rechtzeitig aus Deutschland geholt hat und der im persönlichen
Auftrag des amerikanischen Präsidenten seinen Papa beschützt. Die Freundschaft
dauerte so lange, bis die Nazis ihre Macht hinreichend gestärkt hatten. Weiter zu
helfen, zu steuern und anzuweisen ist schon nicht mehr erforderlich: Der Krieg, für
den sie Hitler gesucht und für den Hanfstaengl gearbeitete hat, steht unmittelbar
bevor. Aber vielleicht wurde der „Vertrag“ nur beendet? Dunkelheit umhüllt diese
Geschichte, wie auch den Aufstieg Hitlers an die Macht.
Jetzt kehren wir wieder nach Russland zurück. Nachdem Lenin seinen
westlichen Partnern auf der Konferenz in Genua den „Vogel zeigte“ und mit dem
Rapallo-Vertrag die diplomatische Blockade Russlands durchbrach, waren seine
Kräfte nahezu erschöpft. Im Mai 1922 erlitt der 52-jährige Lenin einen Herzinfarkt.
Erstmals stand die Frage eines Nachfolgers für Lenin im Raum. Für sich selbst hatte
100
er bisher keinen Nachfolger benannt, die Folgen seines Infarktes erlaubten es ihm
nicht, die Geschicke seines Landes vollständig in der Hand zu behalten. Das führte
zu einem Kampf zwischen Trotzki und Stalin. Er entwickelte sich unter äußerst
schlechten wirtschaftlichen und politischen Bedingungen: 1922 wurden in Russland
die Neue Ökonomische Politik (Nowaja Ekonomitscheskaja Politika, Abkürzung
NEP) eingeführt und erste Schritte zur Gründung der UdSSR durch die „Sammlung
russischer Territorien“ unternommen.
Das Datum des Todes von Lenin kennt jeder: Es ist der 21. Januar 1924. Ein
anderes, ebenfalls sehr wichtiges Datum für das Verständnis der Quellen des
Faschismus, kennt fast niemand [111].
Die Verbindung zwischen diesen Daten ist nicht zu übersehen. Unmittelbar
nach dem Tod von Lenin wurde die Sowjetunion von Großbritannien anerkannt
[112]. Mit Lenin, der ihre Erwartungen nicht erfüllte und sie betrogen hatte, wollten
die Briten nichts zu tun haben. Er wurde von ihnen geschickt, um das Land zu
verstören und die russische Macht an den Westen zu übergeben. Die erste Etappe
hat er erfüllt, die zweite – verweigert. Mit seinem brillanten Schachzug auf der
Konferenz in Genua hat er demonstriert, dass er genau solche politischen Saltos
machen kann, wie seine britischen „Freunde“. Nach seinem Tod eröffnete sich
deshalb für die Angelsachsen die phantastische Möglichkeit, das russische Problem,
das durch den scharfen Verstand von Iljitsch entstanden war, erfolgreich zu lösen.
Die ungewöhnlich schnelle Anerkennung – 9 Tage nach Lenins Tod – ist dafür ein
eindeutiger Hinweis. Alle ihre Hoffnungen konzentrierten sich jetzt auf Trotzki. Nur
er kann die Situation noch korrigieren.
Die entscheidende große Meinungsverschiedenheit zwischen Josef
Wissarionowitsch und Lew Dawidowitsch bestand in der Frage „Kann der
Sozialismus in einem Land aufgebaut werden oder ist das prinzipiell unmöglich?“.
Was bedeutet der Aufbau einer neuen sozialen Gesellschaft? Zunächst nur Kampf,
Blut, Bürgerkrieg, Opfer und Zerstörung. In dieser Frage herrschte zwischen Trotzki
und Stalin volle Übereinstimmung. Der Kampf ging zu Ende, es war höchste Zeit,
das Land wieder aufzubauen. An diesem Punkt begann die Auseinandersetzung.
Stalin war der Auffassung, dass in der UdSSR der Sozialismus aufgebaut werden
muss und dafür neue Werke, Fabriken und Eisenbahnlinien gebraucht werden. Der
Sozialismus muss das Leben der arbeitenden Menschen verbessern, d.h. es müssen
Kindergärten, Schulen und Bibliotheken gebaut werden. Gegen Analphabetentum
101
und Unwissenheit muss gekämpft werden. Es müssen finanzielle Mittel für die
Verbesserung der Infrastruktur bereitgestellt, Sanatorien und Erholungsheime für
die Arbeiter aufgebaut werden. Das Leben in Russland ist nicht nur wieder
aufzubauen, sondern erheblich zu verbessern und zu entwickeln.
Was hat dagegen Trotzki vorgeschlagen? Der Aufbau des Sozialismus in
einem einzelnen Land ist nicht möglich. Deshalb ist der von Stalin vorgeschlagene
große Aufbauplan sinnlos. Ohne ein Fundament baut man kein Haus! Das
Fundament für ein glückliches Leben in Russland kann nur die Weltrevolution sein.
Sie muss mit allen Mitteln verwirklicht werden. Erst dann beginnt der Aufbau. Wir
brauchen deshalb nichts anderes, als die Finanzierung einer Bewegung für die
Weltrevolution und einer starken Armee, die der gesamten Menschheit den
Sonnenaufgang „auf der Spitze ihrer Säbel“ bringt. Nach Trotzki muss die
permanente Revolution ständig exportiert werden. Was bedeutet das? Das bedeutet,
dass die UdSSR jederzeit ein beliebiges Land – je nach Ansicht und Wahl des
Genossen Trotzki – überfallen kann. Das gilt natürlich auch für das Land seiner
ausländischen Freunde, dem er viel Geld für die Dampflokomotiven geschickt hat.
Die Situation ist keinesfalls harmlos. Wenn Trotzki siegt, dann werden alle
Kräfte des Landes für die Schaffung einer ständigen Bedrohung anderer Länder
eingesetzt [113]. Folglich schafft Trotzki seinen Kuratoren vom britischen und
102
amerikanischen Geheimdienst einen hervorragenden Vorwand, die UdSSR
militärisch anzugreifen und zu vernichten. Praktisch würde das bedeuten, dass die
russische Armee zerschlagen und das Land okkupiert wird. Wer wird den Westen
der Aggression beschuldigen, wenn die UdSSR selbst bereit ist, andere Länder zu
überfallen? Keiner, alle werden Beifall klatschen. Die Theorie des Exports der
Revolution erlaubt Großbritannien außerdem mit unseren Händen und mit dem Blut
unserer Soldaten in jedem von ihm gewünschten Punkt der Welt Spannungen zu
schaffen. Beispiel: Der persische Schah will den Briten nicht sein Öl geben? Dann
bringt die Rote Armee ihre Revolution in den Iran und sorgt für Unruhe. Es kommen
die „sanften und gutmütigen“ Briten und befreien die Perser von den bestialischen
Kommunisten. Als Zeichen der Dankbarkeit erhalten sie das Öl.
An dieser Stelle ist es angebracht, eine Aussage von Josef Wissarionowitsch
Stalin zu zitieren: „Die Opposition denkt, dass die Frage über den Aufbau des
Sozialismus in der UdSSR nur von theoretischer Bedeutung ist. Das ist nicht richtig.
Das ist ein gewaltiger Irrtum“ [114]. Die Entscheidung, welchen Kurs das Land
einschlägt, bestimmte tatsächlich die weiteren praktischen Handlungen. Diese
Handlungen waren diametral entgegengesetzt. Siegt Stalin, dann bleibt das Land
unabhängig und wird aufgebaut, siegt Trotzki, dann erwartet uns eine neuer
„Oktober“ und hunderttausend russische Männer werden auf den Schlachtfeldern
bei dem Versuch in Europa und Asien die Revolution „anzuzünden“ sterben.
Das Allerwichtigste: Wenn die Idee von Trotzki gesiegt hätte, dann gäbe
es nicht einmal theoretisch für die UdSSR Verbündete! In der Welt gibt es keine
anderen sozialistischen Länder, d.h. alle kapitalistischen Länder sind a priori unser
Feind. Das bedeutet, auch der für Großbritannien so gefährliche Rapallo-Vertrag
stirbt von ganz allein. Der erste schwere Zusammenstoß zwischen Stalin und Trotzki
geschah im Zusammenhang mit der bereits genannten Okkupation des Ruhrgebietes
durch die Franzosen im Januar 1923. Trotzki rief zur Unterstützung der
Kommunisten auf, die im Oktober 1923 einen Aufstand in Hamburg organisierten.
Das bedeutete, die bestehende Freundschaft mit Deutschland im Interesse der Idee
einer Weltrevolution zu opfern. Die Freundschaft mit den Deutschen – das sind nicht
nur Bankette, Hände drücken und ein Lächeln von Diplomaten, sondern vor allem
die Lieferung von Drehmaschinen, Autos, Turbinen und optischen Instrumenten, die
uns sonst niemand liefert. Die UdSSR braucht sie dringend. Deshalb ist Stalin
kategorische gegen jede Einmischung. Deshalb gibt es auch keine Einmischung.
Nach dem Tod Lenins im Januar 1924 wird der Kampf um die Macht offen
ausgetragen. Wer in diesem Kampf siegen wird, ist vorläufig nicht klar. Es ist sehr
wahrscheinlich, dass für die Vernichtung Russlands erneut ein Krieg notwendig ist.
Dafür werden ein Staat und ein Führer gebraucht, die ihn beginnen können.
Der Gerichtsprozess gegen die faschistischen Putschisten fand im
Februar/März 1924 in München statt. Wie bereits erwähnt, wurde Hitler zu 5 Jahren
Festungshaft verurteilt. Ohne viel Zeit zu verlieren, diktierte er Rudolf Hess die
ersten Kapitel seines künftigen Buches „Mein Kampf“, in dem er, wie uns bereits
bekannt ist, unermüdlich die Vorteile eines britisch-deutschen Bündnisses für beide
Seiten anpries. Erstaunt Sie das nicht, verehrter Leser? Er soll in seiner Zelle sitzen,
103
umerzogen werden, aber keine Bücher schreiben! Dokumente beweisen, dass für ihn
das Gefängnis wie ein Sanatorium war. Gute Verpflegung, ständiger Empfang von
Besuchern bis zu sechs Stunden am Tag [115].
Hitler wurden im Gefängnis alle überhaupt nur denkbaren Vergünstigungen
geschaffen. „Seine Zelle sah aus wie ein Geschäft für Delikatessen. Dort könnte man
ohne weiteres ein Blumen-Früchte-Wein-Geschäft mit ausreichenden Lagervorräten
eröffnen“ [116]. So beschreibt Ernst Hanfstaengl den „Überfluss“ in Hitlers Zelle.
Er besuchte Hitler nicht aus Langeweile und nicht aus Sentimentalität, sondern half
ihm wieder einmal in einer komplizierten Situation. Die Manuskripte von Hitlers
„Meisterwerk“ wurden heimlich aus dem Gefängnis in die Druckerei der Zeitung
„Völkischer Beobachter“ gebracht. Dort gab es inzwischen einen ganzen Haufen
unbezahlter Rechnungen. „Wenn sie nicht bezahlt werden, dann ist alles verloren“.
„Ich bezahlte einige von ihnen und bestätigte andere. Das war ausreichend,
um die Redaktion am Laufen zu halten“ [117], schrieb in seinen Memoiren das „gute
Genie“ von Adolf Hitler. Die pro-britische Idee im Hitlerbuch gehört Hanfstaengl,
deshalb schade wenn das Buch nicht erscheint. Viel Geld brauchte er nicht zu geben,
nur Kleinigkeiten. Anstelle von 5 Jahren, sitzt Hitler nur 13 Monate im Gefängnis
[118]! Er braucht große und entscheidende Hilfe …
Als Hitler frei war, „geschehen“ viele „Wunder“. Ein finanzielles Wunder,
mit dem Hitler später in erstaunlicher Art und Weise die wirtschaftliche Situation
in Deutschland verbessert und ein Wunder mit ihm persönlich. Seine Bücher „Vier
Jahre Kampf gegen Lügen, Dummheit und Feigheit“ erscheinen im Druck mit der
Überschrift „Mein Kampf“. Die Anzahl der Exemplare ist nicht sehr groß, das
Interesse seiner Leser – noch geringer. Im Jahre 1926 erscheint der 2. Band des
Buches „Mein Kampf“. Vom 1. Band wurden 1925 ca. 10.000 und 1926 – 7.000
Exemplare verkauft. Beide Bände des Buches fanden 1927 nur 5.607 und 1928 nur
3.015 Käufer “ [119].
104
Verständlich, dass mit einer solchen Auflagenhöhe und mit solchen
„Verkäufen“ – wie man heutzutage sagt – kein Schriftsteller leben kann. Der junge
„Schriftsteller“ Adolf Hitler scheinbar doch. Ohne irgendwelche anderen Einkünfte
zu haben, führt er ein tolles Leben. Nur ein halbes Jahr nach seiner Entlassung aus
dem Gefängnis wohnt er in seiner alten Wohnung in München. Im Sommer 1925
mietete und anschließend kaufte er eine Villa in den bayrischen Alpen – im künftig
bekannten Obersalzberg. Außerdem kaufte er sich das letzte Modell eines 6-Sitzers,
Mercedes-Kompressors, den sich auch heute nicht jeder Schriftsteller leisten kann.
Im damaligen Deutschland waren das ungewöhnlich teure Anschaffungen
[120]. Der Lebensstil von Adolf Hitler beginnt die Züge eines großen Führers
anzunehmen: gute Kleidung, viel Geld, Auto mit Chauffeur. Sogar die
Steuerbehörde der Weimarer Republik interessierte sich sehr für die unbekannten
Einnahmen des Führers, die ihm erlauben, gleich nach dem Gefängnisaufenthalt auf
solch gutem Fuß zu leben. Als Antwort auf eine Anfrage der Steuerbehörde schrieb
105
er: „Weder im Jahr 1924, noch im 1. Quartal 1925 habe ich irgendwelche Einkünfte
gehabt. Meinen Lebensunterhalt habe ich mit Krediten abgedeckt, die ich von der
Bank erhalten habe. Die gleiche Quelle des Geldes diente auch zur Anschaffung des
Autos.“
Der Briefwechsel von Hitler mit der Steuerbehörde ist ein besonderes Kapitel.
„Meine persönlichen Bedürfnisse beschränken sich ich auf das aller Notwendigste,
ich trinke und rauche nicht, speise nur in ganz bescheidenen Gasstätten, und, wenn
ich die geringen Mietkosten vernachlässige, habe ich auch keinerlei Kosten durch
Ausgaben als Schriftsteller-Publizist …“ [121] – antwortete Adolf Hitler dem
Steuerinspektor. In die Spalte „Berufliche Tätigkeit“ schrieb der Führer:
„Schriftsteller“. Wie es sich für einen „Schriftsteller“ gehört, nannte er als einzige
Einnahme in seiner Steuererklärung den Verkauf von Büchern. Nur die Schulden
deckten sich bei Hitler nicht mit dem Kredit: Die Ausgaben überstiegen bei weitem
die Einnahmen – deshalb die Fragen der Finanzinspekteure. In seinen Erklärungen
verweist der Führer auf Kredite, die er für seine Einkäufe nahm. Mit welchen
Finanzmitteln er sie getilgt hat, ist bis zum heutigen Tag nicht klar.
106
Kehren wir wieder in die UdSSR zurück. Nicht besonders gern möchte ich auf
alle Details des Kampfes zwischen den beiden kommunistischen Führern eingehen.
Die Formulierung ist außerdem nicht korrekt. Im Rahmen einer politischen
Organisation existierten zwei völlig verschiedene Parteien. Eine Partei, die auf den
Wiederaufbau und auf den Aufbau eines neuen Russlands gerichtet war und eine
Partei, die ihre Interessen der „Weltrevolution“, d.h. konkret gesagt, den Interessen
des Westens opfern wollte.
Verehrte Herren Historiker! Ich schlage Ihnen ein schönes Thema für eine
Dissertation vor. Untersuchen Sie die Übereinstimmung von Geschichtsdaten der
NSDAP und der WKP(B) (Kommunistische Allunionspartei der Bolschewiken,
Anm. d. Übers.). Sie werden dann vieles verstehen. Wir nennen an dieser Stelle nur
extrem „zufällige“ Übereinstimmungen. Die Opposition zum Kurs von Stalin hat in
verschieden Zeiten verschiedene Programme erstellt. Gemeinsam war ihnen nur
eins: Realisiere ein solches Programm und von deinem Land bleibt nichts mehr
übrig! Die Programme hörten sich schön an. Z.B. die berühmte „Plattform 83-x“.
Mit dieser Kampagne sollten für die Industrialisierung des Landes durch höhere
Besteuerung einer so genannten Mittelschicht der Bauern, durch Preiserhöhung für
Nahrungsmittel und durch die Reduzierung von Umlaufmitteln in kooperativen
Vereinigungen finanzielle Mittel erwirtschaftet werden. Diese absurden
Maßnahmen führten letztendlich zu einer Schwächung des Staates und zu einem
starken Abfall des Lebensniveaus. Was mit einem Staat geschieht, der Maßnahmen
einleitet, die zu einer radikalen Verschlechterung des Lebensniveaus seiner
Bevölkerung führt, das haben wir in den Jahren 1985 bis 1991 beobachtet. Stellen
wir die Daten zusammen! Wann haben die Trotzkisten diese Plattform
unterschrieben? Im Mai 1927! Am 27. Mai 1927 bricht Großbritannien die
diplomatischen Beziehungen mit der UdSSR ab! Glauben Sie, verehrter Leser, an
solche Zufälle? Für unsere Untersuchungen ist allein schon der Fakt eines derart
schnellen Abbruchs der Beziehungen von Bedeutung: Im Februar 1924 erfolgte die
Anerkennung und im Mai 1927 der Abbruch der Beziehungen.
107
Warum? Weil der Sieg von Stalin über Trotzki immer offensichtlicher wurde
und Großbritannien sich nicht schämte, seine Position klar und deutlich zu
demonstrieren. Der Hinweis ist eindeutig: Wenn Stalin die Oberhand gewinnt, dann
werden die Konsequenzen für die Sowjetunion verheerend sein.
Wir brauchen uns nicht wundern. Die Handlungen der inneren Opposition
jeder beliebigen Macht in Russland sind in einer erstaunlichen Art und Weise
immer mit bestimmten Ereignissen in der internationalen Arena verbunden.
(Nicht alle Organisatoren des „Protestmarsches“ haben entschieden, ihre
Aktion genau am Vorabend der internationalen Summits und Treffen
durchzuführen. Solche „erstaunlichen“ Zufälle gibt es seit der Zeit von Alexander
Iwanowitsch Herzen und der russischen „Volksbefreier“ (revolutionäre
Volksbewegung von 1879, Anm. d. Übers.), d.h. seit der Mitte des 19. Jahrhunderts).
Interessant sind auch die Gründe für den Abbruch der britisch-sowjetischen
Beziehungen. Die im Jahre 1926 in Großbritannien ausgebrochenen Arbeiter-streiks
wurden grausam niedergeschlagen. Am 12. Juni 1926 übergab die britische
Regierung der Regierung der UdSSR eine Protestnote, in der es hieß, dass
Großbritannien die Aktion der sowjetischen Mächte im Rahmen einer speziellen
Erlaubnis zu gestatten, dass Fonds für die Unterstützung des Generalstreiks nach
Großbritannien überwiesen wurden, nicht verschweigen kann“. Die Antwort der
sowjetischen Regierung lautete, dass sie den Werktätigen ihres Landes nicht
verbieten kann, uneigennützig den britischen Arbeitern zu helfen.
Im Grunde genommen hat die UdSSR finanzielle Mittel über eine – wie es heute
heißt – „Nichtstaatliche Organisation“ an Großbritannien überwiesen. Angesichts
der antirussischen Tätigkeit vieler derartiger Organisationen im modernen Russland
stehen derartige Einrichtungen fremder Staaten nicht zu Unrecht unter
aufmerksamer Beobachtung. In diesem Sinne ist die Reaktion von Großbritannien
äußerst interessant.
Das was sie machen dürfen, dürfen wir nicht machen. Das ist die
„aufrichtige“ Überzeugung der westlichen Länder. Nur „sie“ dürfen unsere
Opposition über ihre Fonds und Organisationen finanzieren. Wenn wir
versuchen das Gleiche zu tun, dann kennt die Empörung der Angelsachsen
108
keine Grenzen. Für sie ist es normal, wenn sie nicht erlauben, dass
ausländische Gelder für ihre Politiker in ihr Land gepumpt werden. Kaum hat
unser Land die „Nichtstaatlichen Organisationen“ etwas an die Leine
genommen, schon ist das Geschrei groß.
Die Führung der UdSSR ließ sich nicht erpressen. Am 7. November versuchte
die russische Opposition in Moskau und Leningrad „alternative“ Demonstrationen
durchzuführen, die ihrem Charakter nach der Beginns eines Staatsstreiches waren.
Die Antwort Stalins: Am 14. November 1927 wurden Trotzki und Sinowjev aus der
Partei ausgeschlossen. Auf der Sitzung des Politbüros wurde außerdem beschlossen,
Trotzki aus der Hauptstadt zu verbannen. Am 10. Januar 1928 fährt Trotzki in
die weit entfernte Stadt Werny in Alma-Ata (Kasachstan, Anm. d. Übers.). Er fuhr
mit allen Bequemlichkeiten: In einem extra für ihn und seine Familie eingerichteten
Eisenbahnwaggon, mit seinem Archiv, mit seiner Bibliothek und allen
erforderlichen Sachen, einschließlich seiner Jagdausrüstung und einem Hund [122].
Angesichts der Verbannung ging es dem Führer der nicht stattgefundenen
Weltrevolution wesentlich schlechter. Hitler und seinen Nazis im Jahr der
Verbannung Trotzkis dagegen wesentlich besser. „Die Erfolge Hitlers und seiner
Doktrin (politischen Grundsätze, Anm. d. Übers.) lassen sich … genau verfolgen.
Im Jahre 1928 hatte er insgesamt 12 Abgeordnete im Reichstag, 1930 erhöhte sich
diese Zahl auf 107, 1932 – auf 230“ [123].
Die NSDAP wurde auf der Grundlage vieler kleiner nationalistischer Vereine
und Gruppen zunächst nur im Süden Deutschlands zur stärksten politischen Kraft.
Erst später begann der Zuwachs dieser Bewegung im ganzen Land. Aus dem Jahr
1927 (Verbannung von Trotzki nach Alma-Ata) stammen die letzten Zeugnisse über
die armseligen Märsche der SA: „Sie trugen billige und schäbige Uniformen, ihre
Lastwagen, auf denen sie ankamen, sahen … wie uralte Karren aus“ [124].
In dieser Welt ist offensichtlich alles miteinander verbunden! Einfach
unwahrscheinlich! In dem Moment, als Trotzki von der politischen Szene
verschwand, verändert sich die finanzielle Situation der Nazis schlagartig. Sie,
verehrter Leser, glauben nicht an solche Zusammenhänge? Dann lesen Sie bitte die
Beschreibungen über die völlig neu eingekleideten, ausgezeichnet ausgerüsteten und
gut versorgten SA-Männer im Jahre 1928!
Die entscheidende Etappe des unaufhaltsamen und hartnäckigen Aufstiegs
von Hitler an die Macht, begann im Frühjahr 1929. Auch diesmal vollzogen sich in
der Bewegung Hitlers beeindruckende Veränderungen. Die Biografen Hitlers
schreiben, dass aus seiner Steuererklärung auf wundersame Weise der Punkt „Zinsen
für Kredite“ verschwunden ist [125]. Hitler war mit einem Schlag kein Schuldner
mehr! In dieser Zeit ist er erneut umgezogen und wohnt in einer 9-Zimmer-Wohnung
in der Prinzregentenstraße, in einem Bezirk gutsituierter Bürger von München [126].
Zu seinen Diensten stand eine große Gefolgschaft: Assistenten, Personenschutz,
Chauffeure, Köche und sogar Gärtner [127].
109
Anfang des Jahres 1929 fuhr der Stellvertreter des Führers, Rudolf Hess,
durch ganz Deutschland, um Geld zu sammeln. Er übergab den deutschen
Industriellen zwei Päckchen mit Fotografien: eins mit Bildern demonstrierender
Kommunisten, das andere mit marschierender SA [128]. Mit den einfachen Worten:
„Das sind die Kräfte der Zerstörung und wir sind die Kräfte der Ordnung“, zeigte
und kommentierte er sie. Die SA ist arm, sie braucht Uniformen, Munition, d.h.
Geld.
Hitler bereitet sich auf den großen Marsch seiner Stürmer (SA) 1927 in Nürnberg vor.
Genosse Trotzki ist noch nicht aus der UdSSR und auch nicht nach Alma-Ata verbannt. Solange
Lew Dawidowitsch noch um die Macht kämpft, ist Hitlers SA schlecht ausgerüstet und versorgt.
110
Den Nazis wurde noch kein Geld bereitgestellt. Der Goldregen für Hitler und die NSDAP beginnt
sofort nach der Verbannung Trotzkis.
Das Geld müssen uns diejenigen geben, die es haben, um nicht alles zu
verlieren, was sie besitzen. Hitler, im Gegenteil, reduziert im starken Maße seine
Aktivitäten. „Im Jahre 1927 hatte er 56 öffentliche Auftritte, zwei Jahre später – nur
29“ [129]. War er müde? Nein! Es ist notwendig, seine Stimme zu schonen und die
Propagandaerfolge mit anderen Verfahren zu erreichen. Für Hitler arbeiten jetzt das
Geld und nicht nur die Zeitungen der Nazis.
Im Juli 1929 nahm der größte Medienunternehmer Deutschlands, Alfred
Hugenberg, den bis dahin noch wenig bekannten Hitler und seine Partei in den
„Reichsausschuss für ein Volksbegehren gegen den Young-Plan“ auf. Mit diesem
taktischen Schritt und dieser Allianz verschaffte er Hitler eine enorme Publizität und
Reputation. Über ihn schreiben ab sofort alle großen Zeitungen, ihn hört das ganze
deutsche Volk über die Radiostationen. Viele Deutsche erhalten erstmals eine
Information über die Existenz der Nazis und ihren unaufhaltsamen Führer. Für Hitler
wird so viel Reklame gemacht, dass sich die Zahl seiner Anhänger in zwei Jahren
versiebenfacht [130].
Vor nicht allzu langer Zeit zwangen fehlende Gelder Hitler dazu, den im Jahre
1928 geplanten Parteitag aufzugeben und dafür, im August des gleichen Jahres, eine
Versammlung aller Parteiführer in München durchzuführen. Es musste gespart
werden: Für die neuen Uniformen der SA reichte es, für pompöse Aufmärsche nicht!
Bei den Historikern finden wir eine andere Erklärung: …wegen der „rebellischen
Stimmung in der Partei“ [131]. Wir verstehen ausgezeichnet, dass der Mangel an
Geld ist immer ein Grund zur Unzufriedenheit und zum Klagen ist. Gibt es Geld,
dann können alle inneren Probleme der Partei gelöst werden [132]. Hitler hatte kein
Geld. Alles, was er besaß, hat er in den laufenden Wahlkampf gesteckt [133].
111
Er hat alles investiert und verloren: Am 20. Mai 1928 erhielt die NSDAP bei
den Wahlen nur 2,6% der Wählerstimmen und landete damit auf dem 9. Platz
innerhalb aller Parteien. Wer will einen derartigen politischen Außenseiter noch
finanzieren? Nur diejenigen, die ihn sehr brauchen. Schon im August 1929 findet in
Nürnberg der grandiose Parteitag der NSDAP in der Geschichte der Nazis statt. In
30 speziell gemieteten Zügen wurden 200.000 Parteimitglieder dorthin gebracht
[134]. Am Führer marschierten 60.000 SA-Männer vorbei. Das alles organisiert und
realisiert eine politische Partei, die im Sommer 1928 kein Geld für einen Parteitag
hatte und dann die Wahlen verloren hat. Wie ist das möglich? Welcher Zauberer
hilft den Nazis?
Der Zauberer – das sind die Geheimdienste von Großbritannien, der USA und
Frankreich. Fast die gesamte „Antihitlerkoalition“, die später beginnen, das von
ihnen gefütterte Raubtier ins Grab zu treiben. Anhand der betrachteten Daten,
erfolgte das „Wunder“ der Finanzierung durch diese Organisationen im Verlaufe des
I. und II. Quartals 1929. Wir haben gesehen, dass die Nazis dann Geld erhalten
haben, wenn die Ereignisse in der UdSSR nicht nach dem Szenarium des Westens
liefen. Was ist in dieser Zeit in unserem Land geschehen?
Am 10.Februar 1929 wurde Trotzki aus der UdSSR ausgewiesen.
Mitte Dezember 1928 kam zu ihm ein spezieller Bevollmächtigter des KGB
aus Moskau mit der schriftlichen Aufforderung, seine Führungstätigkeit der
Opposition einzustellen. Geschieht das nicht, wird die Frage einer Ausweisung
geprüft. Trotzki weigerte sich und wurde ausgewiesen [135]. Zunächst in die Türkei,
auf die Insel Prinkipo im Schwarzen Meer. Dort begann er sofort die Zeitschrift
„Bulletin der Opposition“ herauszugeben und schrieb seine Autobiografie „Mein
Leben“, die übrigens von Hitler sehr geschätzt wurde. Außerdem schreibt er die
„Geschichte der russischen Revolution“ und andere Arbeiten, in denen er die von
ihm geschaffene UdSSR beschimpft, die jetzt außer Kontrolle geraten ist. Im Jahre
1933 zieht er nach Frankreich, 1935 – nach Norwegen. Ständig schreibt er
irgendetwas, ständig wird irgendetwas verlegt [136].
Mit welchen finanziellen Mitteln? Mit den Prozenten vom
„Dampflokomotiven Geschäft“? Oder hat ihn jemand unterstützt? Wer braucht einen
Menschen, der schon eine Revolution gemacht hat? Derjenige, der schon in der Zeit
von 1905 bis 1917 Lew Dawidowitsch mit Geld versorgt hat? Niemals hatten er und
seine Familie finanzielle Probleme – das Geld kam von ganz allein irgendwo her.
Interessant ist auch, dass der flammende Revolutionär keinerlei Probleme beim
Erhalt der Einreisevisen in die Länder der bürgerlichen Demokratie hatte. Warum
soll z.B. Frankreich einen Apologeten der permanenten Revolution ins Land lassen?
Ende 1936 übersiedelte Trotzki nach Mexiko, wo ihn am 20. August 1940 im
Ort Coyoacán der Agent des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten
(russisch NKWD) und spanische Revolutionär, Ramón Mercader, mit einem
Eispickel erstach.
„Ohne Stalin gäbe es keinen Hitler“, schrieb Trotzki.
Recht hat Lew Dawidowitsch, vollkommen Recht. Nur der Sinn in den
Worten „Teufel der Weltrevolution“ ist ein ganz anderer, als ihn die Historiker
112
verstehen. Stalin gab Hitler kein Geld, er gab ihm auch keinerlei Unterstützung für
seinen Aufstieg zur Macht und er hatte keinerlei Kontakte mit den Nazis bevor sie
offiziell in Deutschland an die Macht kamen.
Nach der Vernichtung des Trotzkismus durch Stalin, nach der der Ausweisung
von Trotzki aus der UdSSR und nach der Annahme eines Kurses durch Stalin, der
sich diametral von den Vorstellungen Großbritanniens und seiner Verbündeten
unterschied, war Hitler so erforderlich und so aktuell wie nie. Hätte Trotzki in der
UdSSR gesiegt, dann hätte er Russland ohne Kampf dem Westen übergeben. Wozu
brauchte Deutschland dann einen Führer, wie den besessenen Adolf?
Es ist höchste Zeit die Wahrheit zu sagen: Nicht Stalin hat Hitler
geschaffen, nicht die deutschen Industriellen, sondern die ewigen
geopolitischen Gegner Russlands.
Sie haben den Zweiten Weltkrieg für die Korrektur der Fehler, die 1917
zugelassen wurden, vorbereitet. Für die Lösung dieser Aufgabe brauchten sie Adolf
Hitler.
Deshalb konnte ihn niemand stoppen.
113
Warum wollten Großbritannien und Frankreich den Zweiten
Weltkrieg nicht verhindern?
Der Hauptgrund für die Stabilität unserer Währung sind
die Konzentrationslager
Adolf Hitler (* 20. 04.1889, † 30.04.1945)
… Jeder bedeutende Krieg wird rechtzeitig vorbereitet.
V. I. Lenin (* 22. 04.1870, † 21.01.1924)
Die Historiker und Politiker vieler Länder quält seit vielen Jahren eine
wichtige und sehr entscheidende Frage: „Konnte der schreckliche Zweite Weltkrieg,
der zig Millionen Menschen das Leben gekostet hat, verhindert werden?“. Die
Historiker sagen „Nein!“ und begründen diese Antwort mit der Person Hitlers und
seiner Partei. Die Nazis hätten auf Grund ihrer Lehre und Ideologie in jedem Fall
einen Krieg begonnen.
114
Das ist ihre Theorie! Doch wie sieht die Praxis aus? Welche komplizierten
Aufgaben musste Hitler zur Vorbereitung des „großen“ Krieges lösen? Er musste
zumindest
- eine Partei gründen;
- die Ziele und das Programm seiner Partei formulieren;
- viele Mitkämpfer und Mitglieder für seine Partei gewinnen;
- für die Propaganda Flugblätter, Bücher, Broschüren und Zeitungen
drucken, viele Uniformen und Fahnen nähen, seine Funktionäre und
Agitatoren gut bezahlen und natürlich - die Führung des Staates übernehmen.
N. Starikov untersucht in diesem Kapitel solche ideologischen, politischen
und wirtschaftlichen Faktoren in der damaligen Weimarer Republik, die angeblich
im entscheidenden Maße dazu beigetragen haben, dass Hitler nach den Wahlen am
- November 1932 mit 33,1% der Wählerstimmen für die NSDAP die Macht
übernehmen konnte. Selbst die schreckliche Inflation, die sich anschließende
Weltwirtschaftskriese, das unvorstellbare Elend, die Not, der Hunger und das Chaos
in Deutschland liefern keine überzeugenden Argumente für die unausweichliche
Machtübernahme Adolf Hitlers. Katastrophale wirtschaftliche und soziale Folgen
der weltweiten Krise von 1929 bis 1933 gab es u.a. auch in Großbritannien und in
den USA. Warum waren die Nazis in diesen Ländern nicht besonders stark und
kamen dort nicht an die Macht? Ganz einfach! Weil dort kein Führer von
Großbritannien und von den USA an die Macht gebracht werden sollte.
115
In einer Vielzahl von Büchern über Hitler und seinen Weg an die Macht wird
dem Leser der Eindruck vermittelt, als ob in erster Linie nur die Deutschen unter der
Krise gelitten und sie ihn deshalb zu ihrem Führer gewählt haben. Das ist eine Lüge!
Damit soll die gewaltige finanzielle Hilfe Großbritanniens und der USA für den
machtbesessenen Hitler vertuscht werden. Denn Deutschland hat die Aufgabe
erhalten die Sowjetunion zu überfallen, nicht Frankreich, nicht Großbritannien und
nicht die USA. Für den Machtantritt von Adolf Hitler gab es weder wirtschaftliche
noch irgendwelche anderen innenpolitische Gründe. Die Entscheidung, ihn an die
Spitze Deutschlands zu stellen, wurde nicht in Berlin, sondern in London und
Washington getroffen. Natürlich kann nicht völlig ausgeschlossen werden, dass der
wirtschaftliche Kollaps in Deutschland bei den Bürgern zu einem Zuwachs an
Sympathie und Liebe für die Nazis geführt hat. Zeitzeugen der Weimarer Republik
berichten, dass „ das Gefühl absoluter Trübseligkeit und Sinnlosigkeit des Daseins
den deutschen Alltag vollständig beherrschte“[137].
Jede gute Idee, die in eine absurde Richtung getrieben wird, erweist sich
letztendlich als schlecht. Das geschah auch mit den Wahlen in Deutschland. Ein
demokratischer Artikel in der Weimarer Verfassung sah vor, dass Wahlen im
Reichstag mindestens alle 2 Jahre durchgeführt werden müssen. Damit wurde
suggeriert, dass dieser Artikel der Masse des deutschen Volkes die vollständige
Kontrolle über das Parlament sichert. In Wirklichkeit lebten die Deutschen ständig
in einer Atmosphäre fieberhafter politischer Tätigkeit und pausenloser
116
Wahlkampagnen [138, 139, 140]. Für eine schöpferische Arbeit im Parlament blieb
den Abgeordneten und Parteien kaum Zeit!
Großbritannien, Frankreich und die USA haben ziemlich lange versucht Hitler auf
gesetzlichem Wege in Deutschland an die Macht zu bringen. Dazu dienten auch solche Wahlplakate der Nazis.
Von 1919 bis 1933, d.h. im Verlaufe von 14 Jahren, fanden in der Weimarer
Republik nicht 7 [141], sondern 9 Reichstagswahlen statt [142] …
Details über die Wahlen in der Weimarer Republik finden Sie in [143] – [151]
(Anmerkung d. Übers.).
Der Wahlsieg von Hitler ist nur ein Mythos! Die Ernennung Hitlers zum
Reichskanzler fand am 30. Januar 1933 statt. Irgendjemand hat auf die politische
Elite Deutschlands gewaltigen Druck ausgeübt. Wie schon erwähnt, erhielt die
NSDAP im November 1932 nur 33,1% der Wählerstimmen. Im März 1933 – d.h.
zwei Monate nach dem Machtantritt Hitlers – 43,9%. Den Briten war schon 1930
klar, dass Hitler trotz der gigantischen Finanzierung im Parlament niemals siegen
wird. Deshalb wurden schon in dieser Zeit die Prinzipien der parlamentarischen
Demokratie ein wenig korrigiert [152]: Früher war der Kanzler der Führer der
parlamentarischen Mehrheit, seit 1930 wird er gemäß Artikel 48 der Weimarer
Republik vom Präsidenten ernannt. Mit anderen Worten, als Führer der Regierung
kann jeder Bürger Deutschlands ernannt werden. Ein Wahlsieg im Parlament ist
nicht mehr erforderlich [153].
117
Konnte man Hitler aufhalten? Ja, es war möglich. Der politische Jahrmarkt im
Land, der bei den Deutschen eine Allergie gegen die ständigen Wahlen
hervorgerufen hatte und damit auch die Anzahl der NSDAP-Anhänger vergrößerte,
durfte nicht zugelassen werden. Verhängnisvoll war auch der Einfluss von Ernst
Hanfstaengl, der dem Führer half ein respektabler Politiker zu werden und ihm gute
Manieren beibrachte [154].
Es gab keinerlei gesetzliche Grundlagen für die Berufung Hitlers zum
Reichskanzler!
Hitler wurde von den ausländischen Kräften an die Macht gebracht, die ihn
brauchten, um gegen Russland einen Krieg zu führen.
Für diesen Krieg musste Hitler eine große neue Armee schaffen, sie
umbenennen und mit den modernsten Waffen ausrüsten. Im Jahre 1939 hatte die
deutsche Wehrmacht (früher Reichswehr) bereits einen Bestand von 4.233.000
Soldaten (im Jahre 1933 waren es nur 100.000 Soldaten) [155]. Haben die an
Deutschland grenzenden Staaten eine derartige Aufrüstung „nicht bemerkt“? Haben
sie „nicht verstanden“, dass diese Armee für einen Krieg geschaffen wurde? Tragen
diejenigen, die angeblich „nichts wahrgenommen“ haben, nicht auch eine große
Schuld an den Verbrechen Hitlers?
Als die Nazis schon keine Hoffnung mehr hatten, durch Wahlen zu siegen, ernannten sie
Adolf Hitler einfach zum Reichskanzler.
118
Mit 6 Millionen Arbeitslosen, mit geschlossenen Werken und Fabriken –
bedingt durch die Krise und den Kapitalabfluss – stand Deutschland kurz vor dem
wirtschaftlichen Untergang. Eine derartige Wirtschaft ist nicht in der Lage, solche
irrsinnigen Rüstungsprogramme zu finanzieren.
Am 30. Januar 1933, d.h. am Tag von Hitlers Machtantritt, befanden sich 83
Mio. Mark in der deutschen Reichskasse, das jährliche Budgetdefizit betrug 900
Mio. Mark. Außerdem mussten 5 Mrd. Mark an Reparationen gezahlt werden.
Im Jahre 1938 gab es in Deutschland schon keine Arbeitslosigkeit mehr, die
Löhne und Gehälter stiegen, das Recht auf Arbeit und auf einen bezahlten Urlaub
war gesetzlich garantiert [156]. Große Wohnsiedlungen und Sportstadien wurden
für die Menschen gebaut.
Die einzige Schlussfolgerung: Irgendjemand hat Hitler finanziell gewaltig
unterstützt! In einem Gespräch sagt der Führer selbst:
„Niemals hat England oder Frankreich irgendwelche finanziellen
Forderungen an uns gestellt. Die Engländer habe ich in dieser Frage überhaupt
nicht gefürchtet“ [157], [158].
Der wirtschaftliche Wiederaufbau Deutschlands beginnt bereits am 16.
August 1924 mit der Annahme des amerikanischen Dawes-Plans [159]. Deutschland
bekommt eine große Geldsumme – 190 Mio. Dollar [160]. Das allein führte schon
im gleichen Monat zu einer Stabilisierung der Deutschen Mark. Drei entscheidende
Aufgaben werden außerdem damit gelöst:
- Der künftige Aggressor wird vorbereitet;
- Dank des eingesetzten Kapitals werden Gewinne erwirtschaftet;
- Die deutsche Wirtschaft gerät in vollständige Abhängigkeit von ihren
ausländischen Investoren und ist damit auch politisch leicht zu manipulieren.
119
Deutschland wurde praktisch still und leise von den USA okkupiert[161]. Die
Autoren des Dawes-Plans hofften, dass deutsche Industrieprodukte in die UdSSR
exportiert werden und damit Stalins Plan zur Industrialisierung des Landes zunichte
gemacht wird. Gleichzeitig kämpften die Trotzkisten für die Umwandlung von
Russland in einen reinen Agrar- und Rohstofflieferanten, der alle Ausrüstungen im
Ausland kauft. Was für eine merkwürdige Übereinstimmung!
Die genaue Summe der Investitionen für den Wiederaufbau Deutschlands
kennt niemand. Ihr Volumen bis zum Jahre 1930 wird von verschiedenen Autoren
auf 20 bis 30 Mrd. Dollar geschätzt [162]. Die Reparationen betrugen im gleichen
Zeitraum ca. 10 Mrd. Mark, d.h. es wurde erheblich mehr investiert als gezahlt[163].
Deshalb erreichte die Industrieproduktion in Deutschland bereits 1927 das Niveau
der Vorkriegsjahre. Die enge Verflechtung solcher deutscher Konzerne wie I.G.
Farben, Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft (AEG), Opel u.a. mit amerikanischen
Konzernen demonstriert sehr anschaulich das Eindringen von ausländischem
Kapital in die deutsche Wirtschaft. Viele Lastwagen, auf denen später die deutschen
Soldaten auf europäischen und russischen Straßen fahren, wurden in Deutschland
vor allem aus amerikanischen Bauelementen montiert [164].
Im Jahre 1929/30 wird der Dawes-Plan vom Young-Plan abgelöst. Die
Reparationen werden reduziert und 1933 vollständig gestrichen, das Kontrollorgan
der Entente in Deutschland wird aufgelöst. Warum? Der geplante Machtantritt Adolf
Hitlers tritt in die entscheidende Phase. Trotzki wurde aus der UdSSR verbannt.
Anstelle von Plan A tritt Plan B in Kraft. Mit dem Geld der USA und
Großbritanniens vollbringt Hitler nach seinem Machtantritt ein wirtschaftliches
Wunder. Die Rüstungsausgaben im deutschen Staatsbudget demonstrieren das sehr
anschaulich: - Von 1933 bis 1939 stiegen sie in Deutschland von 1,9 Mrd. auf 18,41 Mrd.
Mark (fast auf das 10-fache!);
120 - Ihr Anteil am deutschen Staatshaushalt wuchs in dieser Zeit von 24 auf 58%
[165]; - In der UdSSR betrug 1934 der Anteil der Militärausgaben am Staatsbudget
9%, in Frankreich – 8,1%, in Japan – 8% und in Großbritannien – 3% [166].
Wie wir wissen, hat Hitler seine Aufgabe erfüllt. In einer unwahrscheinlich
kurzen Zeit – in nur 6 Jahren – hat er eine Militärmaschinerie von
unwahrscheinlicher Größe und Stärke geschaffen. Die Historiker bezeichnen diese
Entwicklung als Wirtschaftswunder der Nazis. Die Herren dieser Welt – die
Angelsachsen – werfen nicht gern ihr Geld zum Fenster raus. Für sie ist ein
militärischer Konflikt im hohen Maße wirtschaftlich. Je zeitiger er beginnt, desto
weniger Geld verschwindet im bodenlosen Fass der deutschen Rüstung.
Seine unwahrscheinlichen Erfolge in der Welt verdankt Hitler nicht
seinen hervorragenden Talenten als Diplomat und Staatsmann, sondern allein
der Tatsache, dass er Großbritannien, die USA und Frankreich von vorn herein
zur Aufgabe bestimmter Positionen bewegt hat.
Konnte die Militarisierung Deutschlands, der gewaltige Aufbau seiner neuen
Wehrmacht, die massenhafte Produktion von Panzern und Flugzeugen nicht
rechtzeitig gestoppt werden? Natürlich war das möglich. Das reale Kräfte-verhältnis
in Europa und der Vertrag von Versailles schlossen eine derartige militärische
Entwicklung in Deutschland grundsätzlich aus. Trotzdem verkündete Hitler am 16.
März 1935 das „Gesetz für den Aufbau der Wehrmacht“ und die Wiedereinführung
der Wehrpflicht. Warum protestierten Paris und London nicht gegen die
Wiederherstellung der Militärmacht in Berlin? Selbst Churchill schreibt in seinem
Buch „Der Zweite Weltkrieg“: „Zumindest bis zum Jahre 1934 hätte man die
Wiederaufrüstung Deutschlands, ohne ein einziges Menschenleben zu opfern,
stoppen können“ [167], [168]. Warum wurde Deutschland von den Weltmächten
nicht in seine Schranken verwiesen? In seinen Memoiren gibt Churchill auf diese
121
Frage keine Antwort. Niemand hat die Kriegsvorbereitungen gestoppt, d.h. außer
Hitler brauchten auch die großen Führer Großbritanniens, Frankreichs und der USA
diesen Krieg.
Die von Resun-Suworow verbreitet Legende, dass die deutsche Armee dank
der großen Unterstützung durch die UdSSR so schnell und erfolgreich
wiederaufgebaut und gestärkt werden konnte, wird von N. Starikov in diesem
Kapitel anhand konkreter Zahlen und Fakten vollständig widerlegt [169] – [175]. Sie
erweist sich als absoluter Unsinn.
Bedrohliche deutsche „Doppeldecker“, vor denen die Franzosen und Briten derartige
„Angst“ hatten.
Warum stellten Frankreich und Großbritannien dem Führer kein Ultimatum?
Hatten sie Angst vor der im Aufbau befindlichen deutschen Luftwaffe? Mit dieser
bedrohlichen „Angst“ vor einem Kampf mit den „modernen“ deutschen Flug-zeugen
begründen viele Historiker und Politiker alle weiteren Kompromisse des Westens
mit Hitler. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg übergaben die deutschen den
Ländern der Entente 20 tausend Flugzeuge und 27 tausend Flugzeugmotoren [176].
Von 1918 bis 1935 war der Besitz einer eigenen Luftwaffe generell verboten.
Natürlich arbeiteten die Deutschen an neuen Modellen, aber die konkreten Arbeiten
an neuen Flugzeugen begannen erst 1933.
Die „starke“ deutsche Luftwaffe bestand in den Jahren 1935/36 aus dem
Doppeldecker He51 mit offener Kabine. Dieses Flugzeug wurde sogar in der ersten
Phase des Zweiten Weltkrieges eingesetzt. In Spanien erwies sich dieses
122
Jagdflugzeug im Vergleich mit sowjetischen Modellen als hoffnungslos veraltet
[177]. In der deutschen Luftwaffe erschien die He51 im Jahre 1936 als völlig neues
Modell [178]. Es vergehen zwei Jahre und Hitler erschreckt mit diesem neuen
Doppeldecker die ganze Welt?
Die deutschen Jagdflugzeuge, wie wir sie von Bildern und aus Filmen kennen,
erscheinen in der Wehrmacht erst wesentlich später. Die bekannte „Messerschmitt
Bf-109“ war eines der meist gebauten und im Zweiten Weltkrieg sehr häufig
eingesetzten Jagdflugzeuge. Sein erster Prototyp – Ende 1934 gebaut – absolvierte
am 28. Mai 1935 seinen ersten Jungfernflug [179]. Die bedrohliche Kampfmaschine
existierte in einem einzigen Exemplar und war mit einem englischen Motor der
Firma „Rolls-Royce“ Kestrel V5 ausgerüstet. Die deutschen Motoren der gleichen
Klasse standen zu diesem Zeitpunkt noch nicht zur Verfügung. Deshalb halfen die
britischen „Kameraden“. Denn Großbritannien war zu dieser Zeit der größte
Exporteur von Waffen und Kriegsmaterial in der Welt.
In vielen Exemplaren der „Messerschmitt Bf-109“ befanden sich britische
Motoren. Solange die deutsche Industrie diese Motoren nicht in der erforderlichen
Stückzahl produzierte, wurden in die bereits seriell gefertigten Jagdflugzeuge
britische Motoren eingebaut. „Von 28 verschiedenen Typen deutscher
Kampfflugzeuge besaßen 1935 11 Typen britische oder amerikanische Motoren von
den Firmen „Rolls-Royce“, „Armstrong-Siddeley“, „Pratt&Whitney“ u.a.“ [180].
Erfolgreiche Flugversuche machten das Jagflugzeug von Willy Messerschmitt zum
123
Favoriten. Im Jahre 1936 gab es zwei Exemplare, im Jahre 1937 – 54.
Betrachten wir noch die Geschichte des berühmten Sturzkampfbombers
„Junkers-87“, auch „Stuka“ genannt. Von diesem Flugzeug wurden die ersten
Bomben des Zweiten Weltkrieges abgeworfen. Solche Bomber vernichteten – wie in
vielen sowjetischen Filmen gezeigt – unsere Kampflinien im Sturzflug und mit
„heulenden“ Sirenen.
Die Idee, die „Junkers-87“ mit einer Sirene auszurüsten, die sich beim
Sturzflug „heulend“ einschaltet, stammt persönlich von Hitler. Nicht alle seine
Eingriffe waren so effektvoll. Der „fehlerfreie“ Führer irrte sich, wie alle
sterblichen Menschen. Aufgrund seiner Allergie gegen Pferde löste er – bis auf eine
Ausnahme – alle Kavallerie-Divisionen der Wehrmacht auf. Das Fehlen der
Kavallerie auf den unüberwindbar scheinenden verschlammten Wegen wurde
deshalb für die deutschen Faschisten in Russland zu einem Alptraum [181].
Wann erschien dieses Wunder der feindlichen Technik? Ende 1935 erschien
das erste Exemplar, seine Serienproduktion begann im Jahre 1937 [182].
Ein seltsames Bild ergibt sich: Der Westen ist verzweifelt und hat große Angst
vor der deutschen Luftwaffe, obwohl es im Jahre 1936 noch kein einziges modernes
Jagdflugzeug in der Wehrmacht gibt.
Winston Churchill war ein Patriot Großbritanniens und einer seiner
bedeutendsten Staatsmänner. Trotzdem konnte er nicht sagen, warum die Ereignisse
eine derart merkwürdige Wende nahmen. Über folgende Aussage Churchills lohnt
es sich nachzudenken: „Bis Mitte 1936 basierte die aggressive Politik Hitlers und
die Verletzung der Verträge durch ihn nicht auf der Grundlage der militärischen
Stärke Deutschlands, sondern auf der Uneinigkeit und Zaghaftigkeit von Frankreich
und England, sowie auf der Isolation der Vereinigten Staaten“ [183].
Wir können feststellen, das Alibi ist hundertprozentig: „Uneinigkeit“,
„Zaghaftigkeit“, „Isolation“. Den Grad der „Isoliertheit“ der USA demonstriert uns
sehr anschaulich die Anzahl der Agenten vom Typ Ernst Hanfstaengl, die viele Jahre
um Hitler kreisten. Sicherlich sind auch die folgenden Fakten sehr interessant: - Am 19. September 1934 liefert die USA an Deutschland modernste
Ausrüstungen für die Produktion von Flugzeugen für einen Preis von 1 Mio.
Dollar. Mit diesen Anlagen werden später deutsche Flugzeuge hergestellt. Die
Lieferung ist streng geheim [184]. - In der gleichen Zeit erhält Deutschland von den amerikanischen Firmen
„Pratt&Whitney“, „Douglas“, „Benedix Aviation“ eine große Anzahl von
militärischen Patenten [185]. Außerdem wurde der o.g. Bomber „Stuka“
(„Junkers-87“) auf der Grundlage von Technologien gebaut, die aus Detroit
stammen [186]. - Vom gleichen Charakter sind die wahren Hintergründe der „Uneinigkeit“ und
- „Zaghaftigkeit“ von Paris und London. Ohne auf technische Details näher
- einzugehen, muss erwähnt werden, dass im Jahre 1936, als der Westen schon vor
- dem Führer große „Angst“ hatte, Hitler weder moderne Flugzeuge noch moderne
- Panzer besaß. Der erste lohnende Panzer Hitlers war der Pz III, dessen Produktion
- im Jahre 1938 begann. Das Datum der Produktion der modernisierten Version seines
- Vorgängers Pz II „F“ mit zusätzlicher Panzerplatte an der Stirnfront war der Monat
- Juni 1940. Deshalb schreibt Winston Churchill in seinen Memoiren: „ Der kolossale
- Ausstoß von Panzern, mit dessen Hilfe die Deutschen die französische Front
- durchbrachen, begann erst im Jahre 1940“ [187].
- 125
- Aus welchem Grund begannen die Sieger des Ersten Weltkrieges 1936 die
- erniedrigten und entwaffneten Verlierer zu fürchten, obwohl es dafür keinerlei
- Gründe gab? Genau mit dieser seltsamen „Angst“ wird uns die unwahrscheinliche
- Leichtigkeit erklärt, mit der Hitler die verlorengegangenen Gebiete zurück ins
- Deutsche Reich holte. Das Saargebiet, von Deutschland abgetrennt, stand seit 1919
- unter dem Mandat des Völkerbundes. Ihre Kohlegruben gehörten Frankreich und
- dienten ihnen als Reparationen. Um Deutschland militärisch zu stärken, mussten
- zunächst diese Gebiete, die ihnen erst unlängst vom Westen weggenommen wurden,
- mit Hilfe Großbritanniens, Frankreichs und der USA wieder zurückgegeben werden.
- Das erste Gebiet, das vom schwachen Deutschland durch ein demokratisches
- Referendum ins Nazi-Deutschland zurückgeholt wurde, ist das Saarland. Über die
- im Jahre 1919 entstandene Situation und über die Meinung der Bewohner des
- Saarlandes hat sie 16 Jahre nie jemand befragt. Plötzlich werden sie aufgefordert zu
- entscheiden, ob sie sich mit Nazi-Deutschland oder mit dem demokratischen
- Frankreich vereinen wollen. Oder ob sie es wünschen, auch weiterhin unter der
- Führung des Völkerbundes zu bleiben.
- Was ist dazu zu sagen? Im Prinzip nicht viel. Der Teufel liegt im Detail!
- Hitler-Deutschland entfachte eine irrsinnige propagandistische Kampagne, die nicht
- nur im Saarland, sondern auch in Frankreich ihre Wirkung zeigte. Seitens
- Frankreichs gab es überhaupt keine Agitation und Propaganda. Im Gegenteil, der
- französische Außenminister, Pierre Laval, erklärt zwei Tage vor der
- Volksabstimmung, dass „Frankreich an ihrem Ergebnis nicht interessiert sei“. Wir
- können uns vorstellen, welchen Eindruck diese Erklärung auf den Teil der
- saarländischen Bevölkerung hatte, die für einen Anschluss an Frankreich kämpften.
- Ihr Scherflein trugen auch die britischen Diplomaten bei. Ihre Position war sehr
- „merkwürdig“: Sie sprachen sich entschieden gegen den Erhalt des Völkerbundes
- im Saarland aus. Nach Meinung der Briten, stellte das für den Vorgänger der UNO
- eine unerträgliche Belastung dar. Das Ergebnis der Volksabstimmung am 13. Januar
- 1935 war demnach vorbestimmt. Es lautete: 90,8% der Saarländer stimmten für den
- Anschluss an Deutschland.
- In Übereinstimmung mit der Entscheidung des Völkerbundes gehörte das
- 126
- Saargebiet wieder zu Deutschland. Als der französische Generalstab forderte, dass
- Deutschland kein Recht hat, ihre militärischen Einheiten im Saarland zu
- stationieren, strich die französische Regierung die Behandlung dieses
- Resolutionsentwurfes einfach von der Tagesordnung.
- Über die seltsame Position des französischen Außenministers in dem
- Moment, als sich Deutschland wieder an die Grenze Frankreichs bewegte, brauchen
- wir uns nicht zu wundern. Erinnern wir uns, was mit seinem Vorgänger, Louis
- Barthou, geschah. Wenn wir die Biografie dieses französischen Staatsmannes lesen,
- dann können wir nur staunen, dass er so lange gelebt hat. Denn jene, die sich auf
- dem Wege derart großer Mächte und Prozesse der Weltpolitik bewegen, leben in der
- Regel nicht lange. Louis Barthou gehörte zum Kreis der wenigen westlichen
- Politiker, die ernsthaft bestrebt waren, den Frieden zu erhalten und die Wiedergeburt
- eines potentiellen Aggressors zu verhindern. Er leitete die berühmte Kommission
- für Reparationen, die festlegte, wie viel Geld Deutschland im Ergebnis des Ersten
- Weltkrieges zahlen muss. Unter seiner Leitung stellte diese Kommission mit drei
- Stimmen (Frankreich, Belgien, Italien) und einer Gegenstimme (Großbritannien) am
- Januar 1924 fest, dass Deutschland die im Versailler Vertrag festgelegten
Reparationen nicht zahlt. Die Folge war die Besetzung des Ruhrgebietes durch die
Franzosen, die nicht nur entschlossen, sondern auch sehr grausam vollzogen wurde.
Als Louis Barthou am 8. Februar 1934 zum Außenminister ernannt wurde,
hatte er vor, Hitler in seinen aggressiven Bestrebungen zu bremsen. Mit seiner
Politik stellte sich Barthou gegen die Pläne der Vorbereitung eines neuen
Weltkrieges, was Großbritannien überhaupt nicht gefiel. Dieser Außenminister
Frankreichs informierte z.B. den Vorsitzenden der Genfer Konferenz für Abrüstung,
127
Arthur Henderson, über die Ablehnung „der militärischen Gleichberechtigung“
durch das Deutsche Reich. Das waren die ersten schüchternen „Muskelspiele“ von
Hitler-Deutschland. Anstatt Hitler alles zu erlauben, verstärkte er die Kontakte mit
den französischen Verbündeten. Im April 1934 besuchte er Warschau und Prag.
Solange Polen und die Tschechoslowakei bereit waren, Deutschland aus dem
Hinterland anzugreifen, konnte Paris ruhig schlafen. Nach seiner Rückkehr
entwickelte Barthou die Idee eines so genannten „Ostpaktes“, der nicht nur die
Sicherheit des Westens, sondern auch die von Osteuropa garantieren sollte. Im
Ergebnis erhielt die UdSSR am 15. September 1934 den von französischer Seite
unterbreiteten Vorschlag, in den Völkerbund (Liga der Nationen) einzutreten. Die
Tätigkeit von Louis Barthou widersprach in allen Punkten den Anstrengungen und
Bestrebungen von Hitler-Deutschland. Ende September des gleichen Jahres arbeitete
er am Entwurf eines komplexen Vertrages, der vorsah, dass Frankreich, Italien,
Jugoslawien, Tschechoslowakei und Rumänien gemeinsam die Unabhängigkeit von
Österreich garantieren.
Die Rechnung ließ nicht lange auf sich warten. Am 9. Oktober 1934 wurde
Barthou bei einem Überfall kroatischer Terroristen auf den jugoslawischen König
Alexander in Frankreich „zufällig“ ermordet. In einigen Forschungsarbeiten können
wir lesen, dass er ein Opfer der Operation „Teutonisches Schwert“ vom deutschen
Geheimdienst wurde. So ist es wohl. Aber stellen Sie sich, verehrter Leser, die
Frage: Warum sollten die Deutschen Louis Barthou ermorden, wenn jeder
normaldenkende französische Minister genau so handelt wie er?
Die Sicherheit Frankreichs zu gewährleisten und eine deutsche Aggression im
Keim zu ersticken, ist für jeden Patrioten dieses Landes eine heilige Pflicht. Würde
in unseren Tagen Frankreich nach der Ermordung seines Außenministers – was
natürlich um Gottes willen nicht passieren darf – ein Bündnis mit dem Iran oder mit
Nordkorea eingehen? Welcher Geheimdienst erschießt pausenlos einen
Außenminister nach dem anderen in der Hoffnung, dass Paris früher oder später
jemand findet, der bereit ist seine Heimat zu verraten?
Die Ermordung von Barthou ist für die Deutschen nur dann sinnvoll, wenn sie
genau wissen, dass nach seinem Tod Frankreich alle seine Positionen gegenüber
Hitler aufgibt. Dieses „Wissen“ konnte die deutsche Führung nur durch geheime
Kontakte mit der britischen und französischen Regierung erhalten haben.
Auf derartige Gedanken führen uns die äußerst verdächtigen Umstände des
Mordes in Paris. Obwohl erklärt wurde, dass vorbeugend besondere Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet worden sind, fehlte die versprochene Eskorte der mobilen
Leibwächter völlig. Das Ehrengeleit bewegte sich auf der Straße wie ein bedächtiger
Fußgänger. Als das Auto am Gebäude der Marseille Börse vorbeifuhr, ertönte ein
schriller Pfiff. Aus der Menge lief ein unbekannter Mann, durchbrach die
Absperrungskette der Polizisten, sprang völlig unbehelligt auf das Trittbrett des
Autos und gab von dort mehrere Schüsse ab: der König war sofort tot, Barthou
128
tödlich verletzt [188]. Sofort nach seinem Tod, bereitete der neue Außenminister,
Pierre Laval, „eine fundamentierte französisch-deutsche Vereinbarung vor“ [189].
Konnte man Hitler aufhalten? Ja, es war möglich. Warum blockierten die
Franzosen und die Briten nicht die Volksabstimmung im Saarland? Deutschland
konnte nichts dagegen tun: Es hatte keine Panzer, keine Flugzeuge und keine
Soldaten. Doch es geschah genau umgekehrt, sie haben mit Hitler kooperiert. Der
erste Erfolg der Nazis war für den Fortgang der Ereignisse äußerst wichtig. Ein
Triumph folgte dem anderen. Auf alle politischen Intrigen in dieser Zeit kann und
möchte ich nicht in diesem Buch eingehen, sonst wird es vollständig von der
ungehörigen und „seltsamen“ politischen Linie Frankreich und Großbritanniens
beherrscht. Sie, verehrter Leser, können jedes beliebige Buch nehmen, das der
Geschichte dieser Zeit gewidmet ist und sich davon selbst überzeugen.
Wir unterstreichen nur folgende Tatsache: Adolf Hitler war ein „genialer
Politiker“ solange ihm die westlichen Partner keinen Widerstand leisteten, nur zum
Schein runzelten sie mit den Augenbrauen und gaben lautstarke Erklärungen ab
[190]. Die Reaktion des Westens auf die Bekanntmachung der allgemeinen
Wehrpflicht durch Hitler war ein „Protest“ [191] Großbritanniens und ein
„nachdrücklicher Protest“ [192] von Frankreich. Es folgten keinerlei konkrete
politische Schritte. Genauer gesagt, im März 1936 flog eine britische Delegation
unter der Leitung des britischen Außenministers, Sir John Simon, in Begleitung von
Sir Anthony Eden nach Berlin. Schon allein dieser Besuch dieser seriösen
Gentlemen zeugt von der ernsthaften Absicht der Briten, das Problem „friedlich zu
lösen“. Die „beunruhigte“ britische Delegation tauschte mit Hitler ein freundliches
Lächeln und kräftiges Händeschütteln aus. Der Dolmetscher des Führers, Paul-Otto
Schmidt, schreibt in seinen Memoiren über das Fehlen jeglicher Besorgtheit in den
Gesichtern der Briten. Es folgten freundschaftliche Verhandlungen.
Besonders interessant ist die Aussage von Schmidt über eine angebliche Angst
der Briten. Als sie Hitler fragten, wie stark die deutsche Luftwaffe ist, behauptete er,
129
sie sei so stark wie die britische. Das war natürlich eine Lüge! „Beide Engländer,
nach ihrer Reaktion zu urteilen, zeigten Erstaunen und sogar einen gewissen Zweifel
an der Erklärung Hitlers, schreibt sein Dolmetscher. Diesen Eindruck bestätigte im
Nachgang der britische Minister der Luftstreitkräfte, Lord Londonderry, bei seinen
Verhandlungen mit Göring, an denen ich als Dolmetscher fast immer teilnahm“. So
ist es.
Die Engländer glauben nicht, dass Hitler eine Luftflotte besitzt, die sich mit
ihrer eigenen vergleichen kann, beginnen ihn schrecklich „zu fürchten“ und
erlauben ihm damit, die Aufrüstung mit einem hohen Tempo fortzusetzen [193].
Am 18. Juni 1935 unterschrieben der „Außerordentliche und bevollmächtigte
Botschafter Deutschlands“, Joachim von Ribbentrop, und der Außenminister von
Großbritannien, Samuel Hoare [194], in London das deutsch-britische
Flottenabkommen. Dieser Vertrag erlaubte es Deutschland, unter Beachtung der
Bedingung, dass die „Angriffsstärke der deutschen Flotte im Verhältnis zur
Angriffsstärke der Flotte des britischen Imperiums 35% beträgt“ legal wieder
Seekriegsschiffe herzustellen. Der Vertrag von Versailles verbot Deutschland den
Besitz von U-Booten. Jetzt aber erhielten die Deutschen das Recht, Unterseeboote
mit einer Tonnage von 45% der Unterseeflotte Großbritanniens herzustellen.
Wenn Deutschland die vorgegebenen Begrenzungen überschreiten möchte,
dann muss es über diese Entscheidung die britische Regierung in Kenntnis setzen.
Es entstand die äußerst pikante Situation, dass die Deutschen die endgültige
Erlaubnis für den Bau von U-Booten nicht in Berlin, sondern in London erhielten!
Angesichts einer derartigen Nachsicht, wurde Hitler äußerst arrogant. Selbst
Hanfstaengl, der Hitler stets umgab, wurde überzeugt, dass er auch seine nächsten
Schritte ungestraft vollziehen kann. Am 7. März 1936 marschierten deutsche
Truppen in das demilitarisierte Rheingebiet ein. Keine einzige Macht der Welt hatte
das Recht, in dem von Deutschland abgetrennten Gebiet, das eine Pufferzone
130
zwischen Deutschland und Frankreich bildete, seine Truppen zu stationieren. Erneut
verletzte Hitler arrogant internationale Vereinbarungen.
„Wir waren überzeugt – der Papierkrieg führt mit höchster
Wahrscheinlichkeit zu einem richtigen Krieg. Mein Freund vom Außenministerium
vertrat wie viele andere in unserer Abteilung folgende Meinung: „Wenn Frankreich
nur ein wenig seine Sicherheit schätzt, dann müssen seine Truppen jetzt ins
Rheingebiet einmarschieren“ [195]“.
Derartige Auffassungen kursierten nicht nur unter den Politikern, sondern
auch in den Reihen des deutschen Militärs. Darüber erzählten sie auch auf dem
Nürnberger Prozess. „Sie (die Franzosen, N.S) könnten uns im Handumdrehen
rauswerfen“ [196], sagte Feldmarschall Keitel.
„Ich muss bezeugen, dass uns die französische Armee aus der Deckung
wegblasen konnte“ [197], sagte Generaloberst Jodl.
Die deutschen Truppen, die in das Rheingebiet einmarschierten, konnten
einem französischen Angriff nichts entgegensetzen. Die ganze „Operation“ der
Deutschen erinnerte mehr an ein billiges Singspiel. Fünf Infanterieeinheiten wurden
in den Zug gesetzt. Die Offiziere und Soldaten nahmen an, dass sie in ein Manöver
fahren und waren weder moralisch noch technisch auf einen Kampf vorbereitet. Erst
im Zug öffneten die Kommandeure die versiegelten Befehle und erfuhren, dass sie
den Auftrag haben, das Rheingebiet zu besetzen. Nur drei Züge mit je einem
Bataillon überquerten den Rhein. Der erste fuhr nach Aachen, der zweite – nach
Trier und der dritte – nach Saarbrücken. Die übrigen deutschen Truppen blieben
außerhalb der Verbotszone.
Die Angst der deutschen Armeeführung war sehr groß. Selbst hatte sie keine
Möglichkeit Hitler zu überzeugen, diesen „selbstmörderischen“ Befehl zu
revidieren. Deshalb beauftragten sie Hermann Göring mit dieser Mission. Auch das
half nicht. „Der Führer beteuerte, dass Frankreich uns nicht angreift“, erzählte später
General Blomberg. Hitler überzeugte auch Göring und zog ihn auf seine Seite [198].
Das Einzige was erreicht wurde, war das Einverständnis über einen sofortigen
Rückzug der Infanterie im Falle eines Zusammenstoßes mit der französischen
Armee. Tatsächlich bewegten sich 13 Divisionen der französischen Armee an die
Grenze Frankreichs. Obwohl sie das Recht hatten ins Rheingebiet einzumarschieren,
blieben sie dort stehen [199]. Die internationale Gemeinschaft, d.h. der Völkerbund
erklärte, dass Deutschland den Vertrag von Versailles verletzt und die Sicherheit
Frankreichs bedroht hat [200].
Warum war Hitler so überzeugt, dass Frankreich im völligen Widerspruch zu
seinem eigenen elementaren Sicherheitsbedürfnis handeln wird? Warum stellte er
alles auf eine Karte? Der Schusswechsel mit einer einzigen französischen Kompanie
hätte zum Abzug der deutschen Truppen, zu einem Prestigeverlust von Hitler und
ggf. auch zu seiner Ablösung geführt. Die Antwort auf diese Frage finden wir im
Buch von Raymond Cartier, welches im Jahre 1948 erschien. Hitler war überzeugt,
131
dass Frankreich seine Selbstständigkeit verloren hatte. „Der Führer – so teilt Göring
mit – hat oft gesagt, dass Frankreich ohne Billigung von England nichts unternimmt
und dass Paris zu einer diplomatischen Filiale Londons geworden ist. Folglich ist es
völlig ausreichend, mit England Übereinstimmung zu erzielen, dann ist im Westen
alles in Ordnung“ [201].
Hitler wusste, dass Frankreich nichts unternimmt. Alle seine „arroganten“
Schritte wurden vorab über geheime Kanäle mit der Regierung von Großbritannien
abgestimmt und erst dann realisiert. Darin bestand seine ganze „Genialität“. Obwohl
dem Führer volle Loyalität der Franzosen und Engländer versprochen wurde, waren
zufällige Ereignisse nicht ausgeschlossen. Was ist, wenn ein Kommandeur den
Befehl aus Paris nicht richtig verstanden hat? Das Schicksal von Hitlers Karriere
stand auf dem Spiel. Deshalb hat er später oft gesagt: Die achtundvierzig Stunden
nach dem Einmarsch des Militärs in das Rheingebiet waren die aller unruhigsten
Stunden meines Lebens“ [202].
Seine Aufregung wurde großzügig belohnt: „Der Führer gähnt. England rührt
sich nicht“ [203], schreibt Goebbels in sein Tagebuch. Der Dolmetscher Hitlers,
Paul Schmidt, der eine harte Reaktion des Westens erwartet hatte, schreibt in seinen
Memoiren etwas ganz anderes: „Aus Gründen, die für uns im Außenministerium
völlig unerklärlich waren, gab sich Frankreich mit der Erklärung des Völkerbundes
zufrieden“ [204].
Konnte man Hitler aufhalten? Ja, es war möglich. Anstelle von Verträgen
hätte man ihm besser ein Ultimatum geschickt und das faschistische Scheusal von
Anfang an im Keime erstickt. Nicht eine einzige Bombe wäre dann auf London und
Paris gefallen, Millionen Menschen wären nie in ein Konzentrationslager
gekommen und die europäischen Juden und Zigeuner wären nie vernichtet worden.
132
Wenn die westlichen Demokraten eine harte Position eingenommen hätten, dann
hätte Hitler Russland nicht überfallen können. Aber das war seine Hauptaufgabe.
Im Interesse der Lösung dieser Aufgabe bemerkte die gesamte damalige
„progressive Menschheit“ nicht die Gräueltaten der Nazis und hörte nicht auf die
vielen Zeugenaussagen über ihr gestörtes Verhältnis zum menschlichen Leben. Ende
1935 war es schon zu spät. Im September dieses Jahres wurden in aller Öffentlichkeit
die Nürnberger Rassengesetze angenommen, das „Reichsbürgergesetz“ und das
„Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“. Beide Gesetze
wurden auf dem Parteitag der NSDAP und auf der Sondertagung des Reichstages in
Nürnberg einstimmig angenommen. Diese Gesetze haben ein für alle Mal das
rassistische Wesen des Nationalsozialismus geprägt. In Übereinstimmung mit dem
§2 des „Reichsbürgergesetzes“, ist Reichsbürger „nur der Staatsangehörige
deutschen oder artverwandten Blutes, der durch sein Verhalten beweist, dass er
gewillt und geeignet ist, in Treue dem deutschen Volk und Reich zu dienen.“ Durch
einen einzigen Federstrich verloren alle deutschen Juden – im Lande gab es mehr
als eine halbe Million – ihre Staatsbürgerschaft [205].
Im „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“
wurden in den 30iger Jahren des 20. Jahrhunderts durch ein zivilisiertes
europäisches Land eine Reihe unwahrscheinlicher Verbote eingeführt. Unter dem
Vorwand einer „Schändung der Rasse“ wurden Ehen und sogar uneheliche
Lebensgemeinschaften zwischen Juden und „deutschen Staatsangehörigen oder
artverwandten Blutes“ verboten. Derartige Ehen wurden als ungültig erklärt, sogar
im Falle ihrer Registration im Ausland. Juden durften keine arischen Frauen, die
jünger als 45 Jahre waren, als Haushaltshilfen einstellen. Sie hatten nicht das Recht,
an ihrem Fenster die nationale deutsche Fahne zu hissen und Kleidungsstücke mit
diesen Farbtönen zu tragen!
Die rassistische Gesetzgebung breitete sich in Deutschland sehr schnell aus.
Weil in den Nürnberger Rassegesetzen der Begriff „Jude“ nicht hinreichend genau
133
erklärt wurde, erfolgte am 14. November 1935 in der „Erste(n) Verordnung zum
Reichsbürgergesetz“ eine exakte Definition: - „Ein „Jude“ kann nicht Reichsbürger sein. Ihm steht ein Stimmrecht in
politischen Angelegenheiten nicht zu; er kann kein öffentliches Amt
bekleiden“; - „Jude ist, wer von mindestens drei der Rasse nach volljüdischen Großeltern
abstammt“.
Mit deutscher Pedanterie wurden die Kriterien für die Rassezugehörigkeit
festgelegt: Wer ist Jude und wer ist ein „jüdischer Mischling“ in gemischten Ehen.
Erstmals wurde der Begriff „Nichtarier“ eingeführt. In 12 weiteren Verordnungen
wurde den Juden die Ausführung bestimmter Berufe verboten, ihre
Bewegungsfreiheit eingegrenzt und die Kennzeichnungspflicht „Jude“ im
Personalausweis festgelegt.
Alle diese wahnsinnigen Verordnungen waren kein Geheimnis für die
Weltöffentlichkeit, denn es waren offizielle Gesetze des deutschen Staates. Ihre
Einhaltung wurde kontrolliert, ihre Verletzung wurde geahndet und sogar mit
Gefängnis bestraft. Wie reagierte die Weltgemeinschaft auf diese Barbarei? Mit
Protesten? Mit Sanktionen und mit einem Abbruch der diplomatischen
Beziehungen?
Die politische Elite dieser Zeit reagierte äußerst eigenwillig.
Deutschland wurde die Durchführung der Olympischen Sommerspiele
im Jahre 1936 in Berlin übertragen.
Ich denke, niemand wird bezweifeln, dass die Festlegung des
Austragungsortes der Olympiade immer eine große politische Bedeutung hat. Die
Spiele durchzuführen – das ist nicht nur eine große internationale Anerkennung,
sondern verstärkt auch das außenpolitische Gewicht des Landes in der ganzen Welt.
Warum überträgt das Internationale Olympische Komitee diese Aufgabe an NaziDeutschland und Adolf Hitler?
Das ist ein Ausdruck für die Unterstützung und für die Fortsetzung des
widerstandslosen „Spiels“ mit dem Führer. Die Spielregeln sind sehr einfach: Hitler
macht alles wie festgelegt (rüstet auf und bereitet den Krieg gegen die UdSSR vor),
ihm wird neben der Bereitstellung von finanziellen Mitteln und fehlenden
Territorien auch politische Autorität verschafft. Und das vor den Augen der eigenen
Bevölkerung und der ganzen Welt. Wenn uns gesagt wird, dass Stalin Hitler an die
Macht gebracht hat, dann ziehen es derartige Politiker vor, über die Olympiade im
Jahre 1936 zu schweigen. Denn es ist völlig klar, dass die UdSSR an der Wahl des
Ortes Berlin für die XI. Olympiade in keiner Weise beteiligt war. Die Sowjetunion
nahm erstmals 1952, d.h. 16 Jahre danach, an der Olympiade in Helsinki teil. Als
Adolf Hitler in seiner Hauptstadt das olympische Feuer entzündete, gab es noch
keine Vertreter der Sowjetunion im Internationalen Olympischen Komitee …
134
Vom 1. bis 16. August 1936 wurde in Berlin die Olympiade durchgeführt. Die
Nürnberger Rassengesetze waren schon fast ein Jahr in Kraft. In jüdischen
Organisationen gab es in dieser Zeit verhaltene Stimmen mit dem Aufruf, die
Olympiade zu boykottieren. Wäre das möglich gewesen? Im Prinzip, ja! Wir
erinnern uns, dass die Amerikaner im Jahre 1980 die Spiele aus rein politischen
Motiven boykottierten. Der Grund war der Einmarsch der sowjetischen Armee in
Afghanistan. Stellen wir uns für eine Minute vor, dass nicht das
nationalsozialistische Deutschland, sondern die UdSSR die Nürnberger Gesetze
angenommen haben. Wäre das ein hinreichender Grund zum Boykott der Olympiade
im Jahre 1980? Natürlich, ja! Der Anlass wäre wesentlich schwerwiegender als
Afghanistan. Mit einem Sturm der Entrüstung würde die Presse reagieren, viele
Tränen würden die westlichen Kleinbürger vergießen.
Warum wurde die Olympiade 1936 nicht boykottiert? Weil nach folgendem
Prinzip gehandelt wurde: Das ist ein Schurke, aber unser Schurke! Deshalb hat der
in New York gegründete Rat des Kampfes für die Verlegung der Olympiade aus
Berlin in ein anderes Land nichts erreicht. Das Internationale Olympische Komitee
schickte in die Hauptstadt des 3. Deutschen Reiches eine Kommission, deren
Mitglieder in Berlin nichts fanden, was der olympischen Bewegung einen Schaden
zufügen konnte [206]. Die Unterdrückung der Juden wurde nicht bemerkt und auch
nicht die wahnsinnigen Rassengesetze. So ist es in der Politik! In unserer heutigen
Zeit beobachten wir sehr oft das zynische und äußerst eindeutige Bild der „Kämpfer
für Menschenrechte“, die nur das bemerken, was im gegebenen Moment für
diejenigen vom Vorteil ist, die sie bezahlen und nicht bemerken, was sie nicht zu
135
sehen wünschen …
Die Olympiade fand statt! In den Stadien flatterten die Hakenkreuzfahnen und
die Herzen der Deutschen waren voller Stolz für ihr Land und voller Achtung und
Dankbarkeit für Adolf Hitler. Als er zur Eröffnung der Spiele erschien, standen alle
Menschen im Stadion auf und streckten ihren rechten Arm zum
nationalsozialistischen Gruß. Neben Hitler – die Mitglieder des Internationalen
Olympischen Komitees in schwarzen Anzügen und goldenen Ketten auf der Brust.
Vom lautstarken „Sieg Heil“ bebten die Wände im Stadion.
Die internationale Gemeinschaft bemerkte aus irgendeinem Grunde nicht, dass in der
olympischen Hauptstadt mit einer Schublehre geklärt wurde, wer ein echter Arier ist und wer
nicht.
Schön, grandios, beeindruckend. Das war die Geburt einer Legende über den
Führer, der alles besser weiß als alle anderen und sich niemals irrt. Denn sein
unbeugsamer Wille stellte den Geist der Nation wieder her und führte sie von Sieg
zu Sieg [207]. Dieser nationale Aufschwung der deutschen Bürger ist für Hitler sehr
nützlich als er begann den Krieg vorzubereiten.
Beim feierlichen Abschluss der Olympiade sagte der Ehrenpräsident des
Internationale Olympische Komitee (IOK), Pierre de Coubertin, dem Hausherrn der
136
Olympiade viele gute Worte: „ … Gegenseitige Verständigung dämpft den blinden
Hass. In diesem Sinne wird das Haus, das ich ein halbes Jahrhundert aufgebaut habe,
gefestigt werden. Liebe Athleten, vergessen Sie nie die Flamme, die von der Sonne
gezündet und vom Olymp [208] zu uns gekommen ist, um unsere Epoche zu
erleuchten und zu erwärmen. Bewahrt sie mit ganzer Kraft tief in Eurem Herzen,
damit sie auf der anderen Seite der Erde wieder erscheinen kann“ [209].
Beschwerden über das Niveau der Organisation gab es nicht. HitlerDeutschland betrat selbstsicher die Bühne der Welt. Um Hitler zu verwöhnen,
vollbrachten seine Beschützer ein weiteres Wunder. Es geschah das, was es in der
ganzen olympischen Geschichte noch nie gab und mit hoher Wahrscheinlichkeit
auch nie wieder passieren wird.
Im Jahre 1936 fanden in Deutschland nicht nur die Olympischen
Sommerspiele sondern auch die Olympischen Winterspiele statt.
Die Winterspiele fanden vom 6. bis 16. Februar in Garmisch-Partenkirchen
statt. Wie ist das möglich? Zwei Olympiaden in einem Jahr und im gleichen Land –
das gab es noch nie. Es erweist sich, dass Hitler erneut Frankreich ausgespielt hat.
Es hat die Winterspiele übernommen und plötzlich darauf verzichtet. Das IOK
befand sich in einer schwierigen Lage und hat deshalb das Angebot von Hitler
angenommen.
Warum? „Weil er so gut die erste Olympiade durchgeführt hat“, sagen jene,
die nicht wünschen, dass hinter diesen „seltsamen“ Fakten irgendeine politische
Logik vermutet wird. Eine bequeme Erklärung, anders kann man das nicht sagen.
Aber völlig falsch! Denn zuerst wurden die Winterspiele durchgeführt, die durch die
Franzosen fast gescheitert sind, und danach die Sommerspiele. Woher nahm Hitler
diese Selbstsicherheit? Er hatte noch keine Spiele durchgeführt und konnte nicht
137
beweisen, dass bei ihm alles gut klappt. Die Nürnberger Rassegesetze und alle
möglichen Korrekturen und Verordnungen waren schon in Kraft getreten. Aber wen
interessieren solche Kleinigkeiten, wenn es um die Vorbereitung eines neuen großen
Überfalls auf Russland geht.
Wie viel Mal konnte man Hitler aufhalten? Ich weiß es nicht, ich habe es nicht
gezählt. Überlassen wir das den Historikern. Über irgendwas müssen sie ihre
Dissertationen schreiben. Wir erinnern nur noch an eine Möglichkeit, den größten
Verbrecher in der Geschichte der Menschheit aufzuhalten.
Als Hitler für die Organisation des Bierputsches vor dem Gericht stand, erhielt
sein Urteil neben der 5-jährigen Festungshaft noch die anschließende Ausweisung
aus Deutschland. Auf wunderliche Art und Weise „vergaßen“ die Richter diese
Ausweisung im Gerichtsurteil zu fixieren, obwohl das im „Gesetz über den Schutz
der Republik“ genauso vorgeschrieben war [210]. Wenn der „Gefangene seines
Gewissens“ ausgewiesen worden wäre, dann hätte die Weltgeschichte mit hoher
Wahrscheinlichkeit einen anderen Verlauf genommen. In diesem Fall wäre Hitler
überhaupt nicht mehr auf deutsches Territorium gelangt.
Denn er besaß die österreichische Staatsbürgerschaft.
Tatsächlich war der Führer der NSDAP ein Gastarbeiter. Er kam nach
Deutschland und arbeitete dort als Leiter der nationalsozialistischen Partei, nicht als
Straßenkehrer und nicht als Maler. Am Wesen dieser Tatsache änderte das nichts.
Es hätte gereicht, den Österreicher Adolf Hitler nach Österreich auszuweisen und
ihm die Einreise auf deutsches Territorium zu verbieten. Das ist alles! Dann müsste
man einen neuen Führer suchen.
Hitler hat das wunderbar verstanden. Für ihn war das schon die zweite
Möglichkeit, an einem Personalausweis zu „scheitern“. Das erste Mal stellte der
bayrische Innenminister, Franz Haver Schweyer, die Frage der Ausweisung des
unruhigen Österreichers 1922 auf die Tagesordnung. Auch diesmal auf die
„Prinzipien der Freiheit und Demokratie“ verweisend, gelang es Hitler mit
Unterstützung des Sozialdemokraten, Erhard Auer (Vorsitzender der SPD und
Vizepräsident des bayrischen Landtags, Anm. d. Übers.), den Vorschlag von
Schweyer abzuschmettern [211].
War dieser Sozialdemokrat und Menschenrechtler noch bei Trost? Ist er völlig
verrückt geworden? Hatte er vielleicht Angst vor einem internationalen Skandal
[212]? Nein, das ist alles nicht richtig. Erinnern wir uns an die undurchsichtige
Geschichte der deutschen Revolution im Jahre 1918, an den Friedensvertrag von
Versailles, der eher eine Kapitulation war und an das Wahlchaos bis zum Sieg der
Nazis. Das alles war das Werk der Sozialdemokraten. Das waren keine Fehler,
sondern Anweisungen des britischen Geheimdienstes. Es gab auch die Anweisung
dem Herrn Hitler zu helfen, im „Vaterland“ zu bleiben. Wer wird der Führer
Deutschlands, wenn er ausgewiesen wird und wer überfällt dann Russland? Wer
erteilt den Befehl, die Juden in den Konzentrationslagern zu vergasen? Wer
138
vernichtet zig Millionen „minderwertige Slaven“ und macht aus Leningrad einen
künstlichen See? Solch eine nützliche Politik muss geschützt und mit allen Mitteln
unterstützt werden. Die Sozialdemokraten helfen demjenigen, der sie nach 11 Jahren
zur „Umerziehung“ in die Konzentrationslager steckt [213].
Weitere Risiken wollte der Gastarbeiter Adolf Hitler nicht eingehen. Deshalb
verzichtet er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Jahre 1925 auf seine
österreichische Staatsbürgerschaft. Danach wurde die Situation noch interessanter.
Bis zum Jahre 1932 war Hitler eine Person ohne Staatsbürgerschaft
[214]!
Genau aus diesem Grund wird der Führer nicht sofort Abgeordneter der
Nazifraktion im Reichstag.
Inwieweit konnte man Hitler aufhalten? Das war sehr einfach zu machen: Der
Nichtbürger Deutschlands darf nicht für den Posten als Kanzler und Präsident
kandidieren.
Wenn Hitler keine deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hätte, dann
hätte er das Deutsche Reich auch nicht führen können!
Ob ein staatenloser Bürger die Staatsbürgerschaft bekommt oder nicht liegt
allein in der Kompetenz des Staates und seiner Machtstrukturen. Dieser Prozess
kann gebremst oder vollständig gestoppt werden. Die Gründe für eine Verzögerung
oder Ablehnung können immer im Inneren des bürokratischen Systems gesucht
werden. Streng genommen, gibt es schwerwiegende Gründe für eine Ablehnung:
Der Anwärter wurde für schuldig befunden, den Versuch eines Staatsstreiches
organisiert und unternommen zu haben.
Aber am 22. Februar 1932, d.h. am Vorabend seines Machtantritts, erhielt der
139
Führer die ersehnte Staatsbürgerschaft [215]. Nicht früher und nicht später. Genau
im richtigen Moment …
140
Weshalb schenkten London und Paris Hitler Wien und Prag?
„Staatsgrenzen werden durch Menschen geschaffen und durch
Menschen geändert“ (Seite 740)
Adolf Hitler (* 20. 04.1889, † 30.04.1945)
„Die Diplomatie, bei aller Bedingtheit seiner Form, erkennt nur
reale Fakten an“
Charles de Gaulle (* 22. 11.1890, † 09.11.1970)
Triumph auf Triumph – nur so können wir die Ergebnisse der Tätigkeit Hitlers
beschreiben. Er löste alle gestellten Aufgaben erfolgreich: er stellte sich an die
Spitze des Landes, er holte ohne Kampf die verlorenen Gebiete zurück, er erhielt
von Großbritannien und Frankreich die Erlaubnis zur Wiederaufrüstung
Deutschlands. Aber er musste noch eine Aufgabe lösen – Deutschland muss die
UdSSR angreifen. Für diesen Überfall brauchte das starke und selbstbewusste
Deutschland eine militärische Aufmarschbasis, d.h. einen Platzdarm. Ohne diesen
war ein militärischer Angriff auf Russland nicht möglich. Wichtig war nicht die
Anzahl der Panzer und Flugzeuge, nicht die Frage, ob sie neu oder alt sind, sondern
die Frage einer gemeinsamen Grenze mit der UdSSR. Raketen und ÜberschallFlugzeuge gab es damals noch nicht, deshalb mussten die deutschen Truppen in alter
Manier an der Grenze herangeführt werden. Aber wie, wenn zwischen dem 3.
Deutschen Reich und der Sowjetunion noch die Gebiete anderer Länder liegen?
Ohne Zweifel, eine schwierige Aufgabe. Eine Lösung wurde jedoch schnell
gefunden. Es musste alles getan werden, damit die Pufferstaaten zwischen
Deutschland und der UdSSR als selbständige Staaten verschwanden. Mit dieser
Frage beschäftigten sich die besten Diplomaten von Großbritannien und Frankreich.
Um die Logik der weiteren Ereignisse zu begreifen, müssen wir die Landkarte
von Europa in die Hand nehmen. Welche Staaten trennen die Territorien des
künftigen Aggressors von seinem Opfer? Auf der Grundlage dieser Betrachtung ist
es sehr leicht, die nächsten Schritte des deutschen Führers vorauszusagen. Solange
sich die deutsche Kriegsmaschinerie in Richtung der russischen Grenze bewegt, sind
loyale Beziehungen seitens der britischen und französischen Diplomatie Hitler
garantiert. Im Falle des Saar- und Rheinlandes vereinnahmte Hitler ehemalige
Gebiete des Kaiserreiches. Dafür erhielt Hitler praktisch einen „Ablassbrief“ der
westlichen Politiker. Das bedeutet, die Deutschen holen sich „ihr“ Land zurück, und
wir verschließen die Augen vor dieser Tatsache.
Dann veränderte sich jedoch die Situation. Das erste echte „internationale“
Opfer Hitlers wurde Österreich. Der Grund war nicht die Tatsache, dass dieses Land
141
die Heimat von Adolf Schicklgruber war, in dem er aufwuchs und sich zum
künftigen deutschen Führer entwickelte. Entscheidend dafür war nicht die ethnische
Nähe der Deutschen von Deutschland und der Deutschen von Österreich. Diese
Frage zu klären, überlassen wir besser den Philologen und Ethnographen.
Entscheidend ist vielmehr die Tatsache, dass Hitler erstmals durch Erpressung und
Einsatz militärischer Kräfte den Kanzler des unabhängigen österreichischen Staates
zwang, einen Anschlussvertrag mit Deutschland zu unterschreiben.
Am 12. Februar 1938 wurde der österreichische Kanzler, Kurt von
Schuschnigg von Hitler nach Berchtesgaden (Landhaus am Obersalzberg, Anm. d.
Übers.) gerufen. Der Führer erklärte ihm sofort: „Österreich stehe allein, weder
Frankreich noch Großbritannien noch Italien würden zu seiner Rettung auch nur
einen Finger rühren“ [216]. Nach diesem „fruchtbaren“ Gespräch und dem
Erpressungsversuch kehrte Schuschnigg, ohne den Vertrag mit Deutschland zu
unterschreiben, unverzüglich nach Wien zurück. Das Einzige, was er dem Druck
Deutschlands entgegenstellen konnte, war die Veröffentlichung der Drohungen
Adolf Hitlers. Eine harte Reaktion der Weltgemeinschaft, würde Hitler nicht
erlauben, den Staat Österreich zu schlucken.
142
Kurt von Schuschnigg hatte die Hoffnung, dass die „zivilisierte Menschheit“
sein Land schützen wird. Denn vor kurzem waren die Positionen von Großbritannien
und Frankreich in der österreichischen Frage noch hart wie Stein. Mit allen Mitteln
bemühten sie sich, einen vereinigten deutschen Staat in Europa zu verhindern.
Als das Imperium der Habsburger Nationalversammlung zerfiel, hat die
Versammlung des neuen demokratischen Österreichs einen Beschluss über die
Wiedervereinigung mit dem neuen demokratischen Deutschland angenommen.
Alles demokratisch und „in voller Übereinstimmung mit der geltenden
Gesetzgebung“. Den Ländern der Entente haben jedoch die Anstrengungen ihrer
ehemaligen Gegner nicht gefallen. Sie haben deshalb alles getan, damit der Wille
der Nationalversammlung Österreichs nur auf dem Papier blieb und nicht umgesetzt
wurde. Außerdem fixierten sie noch folgendes Verbot einer Vereinigung von
Deutschland mit seinem Nachbarn in der Versailler Vertrag: „Deutschland erkennt
die Unabhängigkeit Österreichs … an und verpflichtet sich, sie unbedingt zu achten;
es erkennt an, dass diese Unabhängigkeit unabänderlich ist, es sei denn, dass der Rat
des Völkerbundes einer Abänderung zustimmt [217]“. Aus Sicherheitsgründen
wurde ein ähnliches Verbot auch im Vertrag von Saint-Germain fixiert, der
zwischen den Siegermächten und Österreich abgeschlossen wurde: „ Die
Unabhängigkeit Österreichs ist unabänderlich … Daher übernimmt Österreich die
Verpflichtung, sich … jeder Handlung zu enthalten, die mittelbar oder unmittelbar
… seine Unabhängigkeit gefährden könnte [218]“.
143
Die Sieger des Ersten Weltkrieges haben große Territorien von Deutschland „abgeschnitten“. So viele, dass es in seiner „Weimarer Größe“ nicht die UdSSR überfallen konnte.
Deshalb musste der Westen „Angst haben“, dass sich Hitler alle diese Gebiet zurückholt.
Mit einem Wort, sowohl Großbritannien als auch Frankreich waren Gegner
einer deutschen Vereinigung. Aber nur bis zur Machtübernahme von Adolf Hitler in
Deutschland!
Stellen wir einige Daten zusammen: - Neben dem Vertrag von Versailles und dem Vertrag von Saint-Germain war
auch das Genfer Protokoll, das unter dem Druck der Entente im Oktober 1922
unterschrieben wurde, gegen eine Annäherung von Wien und Berlin. Es
verpflichtete die Österreicher keinerlei Verträge mit Deutschland
abzuschließen [219]. - Am 28. August 1931 traf die Kammer des Ständigen Internationalen
Gerichtshofes in Den Haag die Entscheidung, dass die vorgesehene Zollunion
zwischen Deutschland und Österreich dem Genfer Protokoll widerspricht,
d.h. nicht rechtskräftig ist. - Am 15. Juli 1932 wurde Österreich in Übereinstimmung mit dem Genfer
Protokoll versprochen, dass es einen großen Finanzkredit erhält, wenn es von
einem Anschluss an Deutschland bis zum Jahre 1952 Abstand nimmt.
144
Als Hitler in Deutschland das Ruder übernahm, änderte sich die Position von
Großbritannien und Frankreich um 180°. Mit dieser neuen Position sah sich der
österreichische Kanzler, Kurt von Schuschnigg, konfrontiert. Gründe für eine harte
Position des Westens gab es: Der deutsche Führer hat sich erlaubt, dem Oberhaupt
eines benachbarten Staates zu drohen und damit den unterzeichneten Vertrag
zwischen Österreich und Deutschland verletzt. Die Diplomatie der westlichen
Mächte hat jedoch geschwiegen. Österreich und sein Kanzler wurden im Stich
gelassen.
Das Abkommen vom 11. Juli 1936 zwischen Österreich und Deutschland
sicherte die gegenseitige Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten und die
Unabhängigkeit als „zweiter deutscher Staat“ zu. Um sein Land nicht an Hitler zu
„übergeben“, bereitete Schuschnigg einen Beschluss über die Restaurierung der
Habsburger Macht vor. Aber den Briten und Franzosen wollten keine
Wiederherstellung der Habsburger Dynastie, sondern eine Stärkung von
Deutschland. Deshalb genoss der Beschlussentwurf von Schuschnigg nicht „die
Unterstützung der europäischen Mächte“. Für den Hass auf die Nazis hatte der
österreichische Kanzler schwerwiegende Gründe. Noch vor der Unterzeichnung des
Vertrages mit Deutschland geriet seine Ehefrau mit dem Auto in einen rätselhaften
Verkehrsunfall. Sie und ihr Chauffeur kamen ums Leben. Allein die Tatsache, dass
die Frau des Kanzlers seine Aktentasche mit Dokumenten bei sich hatte, die Hitler
schwer belasteten, machte diesen Vorfall sehr verdächtig. Die Aktentasche ist bei
dem Unfall verschwunden.
Die Haltung des österreichischen Kanzlers, Kurt von Schuschnigg, ist auf jeden
Fall zu respektieren: Er leistete hartnäckigen Widerstand. So legte er ein
Referendum fest, das am Sonntag, den 13. März 1938, stattfinden sollte. Eine
negative Antwort auf die Frage einer Vereinigung mit Deutschland wäre für die
Weltgemeinschaft ein legaler Vorwand gewesen, die Okkupation von Österreich
durch Hitler nicht zu erlauben. Die hektischen Aktivitäten des Führers sollten
deshalb für einige Tage gestoppt werden. In Berlin wurde jedoch die Gefahr einer
solchen Entwicklung der Ereignisse erkannt und deshalb Schuschnigg schon am
nächsten Tag folgendes Ultimatum gestellt: Die Volksbefragung ist abzusagen und
der Kanzler Schuschnigg muss unverzüglich zurücktreten.
Im Jahre 1938 gab Deutschland 52% aller Staatsausgaben, d.h. 17% des
Bruttoinlandsproduktes für die Rüstung aus (siehe Bullock, A. „Hitler und Stalin“
(russ.), Smolensk 1994, Bd. 1, Seite 155). Im Vergleich: Die Militärausgaben der
Russischen Föderation – so erklärte in einem Interview B. B. Putin – dürfen 2,7%
des Bruttoinlandsproduktes nicht überschreiten.
Warum hatte Hitler vor der österreichischen Volksabstimmung Angst?
Glaubte er nicht, dass die Mehrheit der Österreicher Bürger des 3. Reiches werden
wollen? Wahrscheinlich glaubte er das nicht. In jedem Fall wusste der Nazi-Führer
145
ganz genau, wie die erforderlichen Ergebnisse einer Wahl erreicht werden. Wenn
die österreichische Macht die Wahlergebnisse „korrigiert“, dann ist die weitere
Existenz des Hitler-Staates äußerst kompliziert. Der Westen wird Deutschland nur
dann unterstützen, wenn es sich in die gewünschte Richtung bewegt [220]. Die
vorgegebene Richtung – das ist der Osten. Die vorgegebene Aufgabe – das ist die
Verwicklung von Russland in einen Krieg. Deshalb erfolgte ein hysterisches
Ultimatum nach dem anderen.
Wurde die Situation in London und Paris richtig verstanden? Ja, sie haben
alles verstanden und deshalb geschwiegen. Dreimal hat Berlin seinen Befehl
wiederholt. Am 11. März 1938 erhielt Schuschnigg das letzte Ultimatum von Hitler:
„Ich beabsichtige, wenn andere Mittel nicht zum Ziel führen, mit bewaffneten
Kräften in Österreich einzurücken“. Ohne irgendeine diplomatische Unterstützung
von den Weltmächten zu erhalten, teilte der österreichische Kanzler über die
Radiosender seinem Volk mit, dass er zur Vermeidung eines Blutvergießens von
seinem Posten zurücktritt. Den Posten des neuen Regierungschefs übernahm der
Nationalsozialist Seyß-Inquart, der sich sofort an Hitler wandte und um Hilfe gegen
die Unruhen der „Linken“ bat. In den Morgenstunden des 12. März 1938
marschierten deutschen Truppen in Österreich ein [221].
Das Referendum war bereits beschlossen, deshalb erklärte Hitler, dass es auf
jeden Fall etwas später stattfinden wird. Für die Vorbereitung der Willensbekundung
kamen aus Berlin nach Wien drei Bevollmächtigte. Die Hauptspezialisten für die
Organisation der demokratischen Prozedur waren der Reichsführer der SS, Heinrich
Himmler, der Chef des Sicherheitsdienstes, Reinhard Heydrich, und der
146
Obergruppenführer der SS und Generaloberst der Polizei, Kurt Daluege. Mit so
einem einheitlichen Kommando konnte Hitler ganz gelassen den Ausgang der
Volksbefragung abwarten. Außerdem wurde festgelegt, dass die Volksbefragung auf
dem gesamten Territorium des 3. Reiches stattfinden wird.
Die SS-Leute begannen auf dem Gebiet von Österreich mit der Jagd auf die
Juden, ihren grausamen Unterdrückungsapparat sofort in Gang zu setzen. Nach
Wien kam noch eine bekannte Persönlichkeit der SS – Adolf Eichmann. Seine
Aufgabe bestand darin, mit beliebigen Mitteln, die jüdischen Bürger in Österreich
zur Emigration zu zwingen.
Alles was bereits schon in Deutschland erprobt worden war, wurde zur
Realität auf den Straßen der österreichischen Städte: Die Verhöhnung, Beleidigung,
147
Verprügelung und Ermordung der Juden. Von der Weltgemeinschaft wurde dies –
wie auch zuvor in Deutschland – einfach „nicht wahrgenommen“.
Das Jahr 1938 ist „reichlich“ geprägt von antijüdischen Aktionen im 3. Reich.
Am 16. Juli wurde den Mitarbeitern der Sicherheitsorgane verboten, in jüdischen
Hotels und Pensionen zu übernachten; am 23. Juli wurden alle Juden verpflichtet,
ihren Personalausweis ständig bei sich zu tragen; am 27. Juli wurde beschlossen, alle
Straßennamen umzubenennen, die einen jüdischen Namen tragen; am 7. August
wurde der Befehl erteilt, dass es allen Juden ab 1. Januar 1939 verboten ist, ihren
Kindern „typische deutsche Vornamen“, allen jüdischen Jungen der zusätzliche
Name „Israel“ und allen jüdischen Mädchen der zusätzliche Name „Sara“ zu geben
ist; am 31 August wurden für alle Juden Post-Beschränkungen eingeführt (auf der
Rückseite aller Briefumschläge für die Deutschen wurde der Hinweis „Nicht für
Juden!“ aufgedruckt); am 11. November wurde allen jüdischen Kinder die
Teilnahme am Unterricht in deutschen Schulen untersagt. Die „Weltgemeinschaft“
hat auch diese Schikanen „nicht bemerkt“… bzw. nicht zur Kenntnis genommen.
Der Präsident der USA, Franklin Delano Roosevelt, hat sich auf einem
Treffen mit Journalisten geweigert, die Ereignisse in Österreich zu kommentieren.
Der Finanzminister von Großbritannien, Lord John Simon, erklärte, dass sein Land
niemals spezielle Garantien für die Unabhängigkeit Österreichs gegeben hat. Alle
Hindernisse, die Großbritannien gegen die Einheit der Deutschen und Österreicher
148
gebastelt hatte, waren damit gegenstandslos. Am 14. Januar 1939 diskutierte das
britische Unterhaus die Vereinigung von Österreich mit Deutschland. Der
Premierminister von Großbritannien, Arthur Neville Chamberlain, informierte das
Parlament darüber, dass die britischen und französischen Botschafter der deutschen
Regierung eine Protestnote anlässlich der Vergewaltigung Österreichs geschickt
haben. Es ist wichtig zu wissen, dass der deutsche Außenminister sich geweigert hat,
diese Protestnote anzunehmen. Was geschah dann? Aufrufe zum Boykott, zur
Mobilisierung? Nein!
Nach zwei Wochen, d.h. am 2. April 1938, wurde die Annexion von
Österreich durch Deutschland von der britischen Regierung formal anerkannt.
Als einziges Land der Welt legte Mexiko beim Völkerbund in Genf gegen
den „Anschluss“ Österreichs an das 3. Deutsche Reich am 19. März 1938
offiziellen Protest ein (Anm. d. Übers.).
Die Reaktion der französischen Regierung war noch weniger beeindruckend.
Es erweist sich, dass sie genau am 11. März abgelöst wurde. So ein Zufall! Die alte
Regierung hat es „nicht mehr“ geschafft, die neue [222] – war „noch nicht“ bereit
die Handlungen Deutschlands zu verurteilen. Denn sie existierte nur drei Wochen.
Der nachfolgenden Regierung blieb es – der Entscheidung Großbritanniens folgend - nur übrig, die neue Situation in Europa anzuerkennen … [223].
149
Der Auftritt der Nazi-Truppen in Wien war bei weitem nicht so triumphal, wie
ihn die Propaganda Hitlers darstellte. Die Kolonnen der „drohenden“ deutschen
Panzer fuhren sich auf den Straßen der Hauptstadt fest. Sie fuhren weder auf
unbefestigten Straßen noch unter dem Feuer von Panzerabwehrkanonen, sondern auf
einer ausgezeichneten Chaussee. „Trotz eines ausgezeichneten Wetters und guter
Bedingungen, sind viele Panzer auf Grund technischer Mängel ausgefallen.
Erhebliche Defekte hatte auch die schwere motorisierte Artillerie zu verzeichnen.
Die Straßen von Linz bis nach Wien waren durch den Ausfall der schweren Technik
völlig verstopft“ [224], schreibt mit einer gewissen Boshaftigkeit W. Churchill.
Ein triumphaler Auftritt in Wien ist Hitler nicht gelungen. Trotz des
Anschlusses seiner Heimat an das Reich war seine Stimmung getrübt. Auf dem
Wege von Linz nach Wien [225] sah er die defekten Panzer, Schützenpanzerwagen
und Geschütze. Für den rechtzeitigen Auftritt der deutschen Truppen in Wien
mussten enorme Anstrengungen unternommen werden.
Im Zusammenhang mit der Annexion von Österreich muss unbedingt die
große Rolle von Mussolini erwähnt werden. Als Siegermacht war Italien ein
wichtiger Garant der österreichischen Neutralität und Souveränität. Die Gründe
dafür sind verständlich: In Übereinstimmung mit § 36 des Vertrages von SaintGermain hat Italien vom ehemaligen Imperium Österreich-Ungarn große Gebiete
übernommen. Natürlich war Italien – wie kein anderes Land – an seiner Souveränität
sehr interessiert.
Benito Mussolini protestierte nicht gegen den Anschluss Österreichs, nicht weil er Hitler
und die Nazis liebte, sondern weil er sich dadurch politische Vorteile von Großbritannien und
Frankreich versprach.
Deshalb hoffte Wien auf die Unterstützung von Mussolini. Im Jahre 1934, als
die Nazis in Österreich begannen sehr aktiv zu werden, hat Italien seine Truppen an
die Grenze geworfen und gedroht, dass es eine deutsche Herrschaft in diesem Land
150
nicht zulässt. Im Jahre 1938, in der Zeit des Anschlusses, reagierte Italien jedoch
überhaupt nicht. Obwohl ein formales Bündnis zwischen Berlin und Rom bestand,
war das kein Grund für den Faschisten Mussolini, Hitler in allen Fragen
einvernehmlich zu unterstützen [226, 227].
Hitler dankte ihm mit den Worten „Sagen Sie dem Duce, dass ich ihm das
niemals vergessen werde … Wenn er jemals Hilfe brauchen sollte oder wenn er in
Gefahr kommt, dann kann er überzeugt sein – ich werde bei ihm sein, was auch
geschieht, selbst wenn sich die ganze Welt gegen ihn wendet“ [228].
Italien wurde für seine Unterstützung in der österreichischen Frage großzügig
belohnt. Von wem? Von Großbritannien und Frankreich. Angespornt von den
römischen Vorbildern des Mittelalters, wollte auch Mussolini ein neues Imperium
schaffen. Der erste Test der Kräfte des faschistischen Staates Italien war der Überfall
auf Äthiopien (früher Abessinien). Am 3. Oktober 1935 drangen italienische
Streitkräfte in dieses Land ein.
Die italienisch-äthiopischen Beziehungen haben eine lange Vorgeschichte.
Schon vor dem Machtantritt Mussolinis (am 28. Oktober 1922) hat Italien versucht,
dieses nicht sehr große afrikanische Land zu erobern. Alle Nachbarländer waren
bereits besetzt und aufgeteilt, aber die christlichen Monarchen von Abessinien
verteidigten mit Erfolg ihre Unabhängigkeit. Im Jahre1896 erlitt die italienische
Armee in der Schlacht von Adua eine vernichtende Niederlage. An einem einzigen
Tag verloren die Italiener 15.000 Soldaten (mehr als in allen afrikanischen Kriegen
zusammengerechnet). Nach diesem Sieg erschien auf der politischen Weltkarte der
neu gebildete Staat „Äthiopien“. Der Frieden hielt nur 29 Jahre. Ohne eine
151
Kriegserklärung marschieren am 4. Oktober 1935 italienische Truppen in Äthiopien
ein und proklamierten dieses Land gemeinsam mit den bereits besetzten Kolonien
Somalia und Eritrea zur Kolonie Italienisch-Ostafrika [229].
Äthiopien forderte die Weltöffentlichkeit auf, internationale Sanktionen
gegen Italien einzuleiten. Am 7. Oktober 1935 wurde Italien vom Rat des
Völkerbundes als Aggressor bezeichnet. Irgendwelche spürbare Folgen für
Mussolini hatte das nicht, weil die eingeführten „Sanktionen“ den Krieg in keiner
Weise behinderten. Ernsthafte Aktionen, wie Abbruch der Beziehungen oder
militärischer Druck, folgten dieser „Verurteilung“ nicht. Sicher nicht nur zufällig
finden sich im Protokoll des Völkerbundes keine Lieferverbote für Erdöl, Eisenerz
und Kohle. Die USA und Deutschland waren keine Mitglieder des Völkerbundes
und brauchten deshalb die Sanktionen nicht zu beachten. In der Zeit von 1935 bis
1936 erhöhten die Vereinigten Staaten von Amerika sehr stark ihre Öllieferungen an
Italien, die britische Regierung lehnt den Vorschlag einer Seeblockade und einer
Sperrung des Suezkanales ab [230].
Die italienischen Verbände bombardierten
gezielt Lazarette des Roten Kreuzes und
des Roten Halbmondes (zur Vermeidung
versehentlicher Angriffe wurden Rom noch
vor Kriegsbeginn entsprechende Karten der
Hospitäler übergeben).
Die Kräfte waren sehr ungleich, aber die bewaffneten Äthiopier leisteten
hartnäckig Widerstand. Die italienische Armee setzte gegen die friedliche
Bevölkerung Giftgase ein. Anstatt diese Grausamkeit zu verurteilen, nahm
Großbritannien eine äußerst seltsame Position ein: Es verstärkte nicht die
Sanktionen, sondern kämpfte für ihre völlige Aufhebung. Am 18. Juli 1936 trat der
Außenminister, Anthony Eden, im Unterhaus auf und erklärte, dass die gegen Italien
eingeleiteten Sanktionen nicht das Ergebnis zeigen, das von ihnen erwartet wurde.
Wie wir uns schon mehrmals überzeugen konnten, ist London der „Gesetzgeber“
politischer Ansichten in der ganzen Welt. Schon am 4. Juli 1936, nach der
Okkupation der Hautstadt Äthiopiens, Addis Abeba, durch die Italiener verzichtete
der Völkerbund auf die weitere Anwendung von Sanktionen.
152
Die „zivilisierte Welt“ nahm das Massaker am Aschangi-See am 3. April 1935
praktisch „nicht zur Kenntnis“: 140 Flugzeuge warfen chemische Bomben auf die
friedliche Bevölkerung. Niemand interessierte die Verbrechen Japans, das China
überfallen hat. Ohne auf die schrecklichen Einzelheiten näher einzugehen, nennen
wir an dieser Stelle nur zwei aussagekräftige Fakten. Bei der Belagerung von
Shanghai wurde die friedliche Bevölkerung von den Japanern förmlich
abgeschlachtet. Ein Zeitzeuge berichtet über dieses Massaker mit den Worten: Aus
einem Gebiet von 4,5 km2 ist keiner mit dem Leben davongekommen. Bei der
Einnahme von Nanking ermordeten die Japaner 200 tausend Menschen – jeden
zweiten Einwohner der Stadt [231].
Was hat die Eroberung von Äthiopien mit dem Anschluss von Österreich zu
tun? Beide Ereignisse sind unmittelbar miteinander verknüpft. Die angepasste
Position von Mussolini, die es Hitler erlaubte, seinen Nachbarn zu schlucken, wurde
unverzüglich honoriert. Am 12. März 1938 verstopften deutsche Panzer alle Straßen
nach Wien, am 16. April 1938 wurde in Rom klammheimlich eine britischitalienische Vereinbarung unterschrieben. Großbritannien und Italien verpflichten
sich in diesem Dokument, „gutnachbarliche Beziehungen“ herzustellen. Und das
aller Wichtigste: Großbritannien erkennt die Annexion von Äthiopien durch Italien
an. De facto tauschten die Gentlemen Addis-Abeba und Wien.
In der Liste der europäischen Hauptstädte, die dem Führer offen „übergeben“
wurden, muss der Richtigkeit halber auch die spanische Stadt Madrid eingetragen
werden. Hitler, der in hektischer Eile eine neue gewaltige Armee aufbaut hat,
brauchte einen großen Truppenübungsplatz für die Erprobung der neuen
Kriegstechnik, für die Ausbildung seiner Offiziere usw. Ein solcher Übungsplatz
wurde für ihn geschaffen.
Der spanische Krieg ist in unserem Land hinreichend bekannt, weil die
UdSSR an ihm aktiv teilnahm. Der wahre Sinn und Hintergrund für die Auslösung
dieses Konfliktes wurde jedoch von den sowjetischen Historikern verzerrt
dargestellt. Der eigentliche Sinn des Bürgerkrieges in Spanien war nicht der Kampf
zwischen Kommunismus und Faschismus. Es war die Generalprobe für den
künftigen totalen Krieg zwischen der UdSSR und Deutschland. Dabei haben
Großbritannien und Frankreich – mit dem Feigenblatt einer so genannten Neutralität
bedeckt – nur der einen Seite des Konfliktes geholfen, den Aufständischen des
Generals Franco. In keinem Fall der gesetzlich gewählten Regierung Spaniens. Die
Hilfe der „Demokratie“ für die spanischen Faschisten erfolgte nicht nur indirekt,
sondern auch völlig offen. Nur die Historiker lieben es nicht, darüber zu schreiben.
153
Es ist völlig klar, dass die Londoner Gentlemen weder ein besonderes
Interesse an General Franco noch an seinen Ideen hatten. Der Sieg der Faschisten
im spanischen Bürgerkrieg erlaubte es jedoch der britischen Diplomatie, sofort
folgende äußerst wichtigen Aufgaben zu lösen: - Hitler und Mussolini erhielten die Möglichkeit richtig zu kämpfen und zu
siegen, ihre Kräfte zu messen, ihre Armee und Kampftechnik im praktischen
Einsatz zu testen. - Im Falle eines Sieges erhielten die künftigen Aggressoren eine wichtige
Rohstoffbasis [232]. - Der Welt wurde bewiesen, dass die Hauptaufgabe der Nazi-Ideologie, der
Kampf gegen den Kommunismus und seine Vernichtung ist.
Der Putsch gegen die spanische Regierung begann am Abend des 17. Juni
1936 im spanischen Marokko auf den kanarischen und balearischen Inseln. Am 18.
Juni teilte die Radiostation Ceuta mit, dass „Über ganz Spanien wolkenloser
Himmel“ sei. Das war die vereinbarte Parole für den Beginn des Militärputsches in
Spanien. Nach dieser Mitteilung rebellierte das Militär in Spanien. Die
Hauptkontingente der Putschisten befanden sich in Afrika. Hermann Göring,
formulierte das Problem in folgender Aussage auf dem Nürnberger Tribunal:
„Franco wandte sich an Deutschland mit der Bitte um Hilfe. Er brauchte
Luftunterstützung. Gemeinsam mit seinen Truppen befand er sich in Afrika … er
konnte sich nicht bewegen, weil sich die Flotte in den Händen der Kommunisten
154
befand. … der kriegsentscheidende Faktor war die Landung seiner Truppen in
Spanien [233] …“.
Es entstand eine gefährliche Situation: Ohne die afrikanische Armee von
Franco in Spanien, konnte der Putsch scheitern. Hitler entschied sich zu helfen.
Schon nach wenigen Tagen landeten in Spanien zwei deutsche Luftgeschwader, in
Marokko – viele deutsche Transportflugzeuge.
Dank der Hilfe von Adolf Hitler gelangten die marokkanischen Truppen nach
Spanien.
Wie reagierte die internationale Gemeinschaft auf die Einmischung eines
dritten Landes in die inneren Angelegenheiten von Spanien? Wie reagierte sie auf
die Unterstützung der Putschisten gegen die gesetzlich gewählte Regierung? Mit
Sanktionen, Boykotts und Protesten? Einen Monat vor dem Beginn der Olympiade
in Berlin – einem äußerst wichtigen Ereignis für das Naziregime – mischt sich Hitler
in den spanischen Bürgerkrieg ein? Sind das keine schwerwiegenden Argumente für
einen Boykott der Olympiade?
Warum lässt sich Hitler auf ein derartiges Risiko ein? Weil er weiß, dass das - Reich, solange es in Übereinstimmung mit den Vereinbarungen seiner britischen
Partner handelt, bei ihnen aller größtes Wohlwollen genießt.
Die Hilfe der Nazis beschränkte sich nicht nur auf den Transport der
spanischen Putschisten. Am 31. Juli 1936 teilte die englische Zeitung „Daily Herald“
mit, dass von Hamburg 28 Flugzeuge mit Bomben und Munition, aber auch andere
Kampfmittel nach Spanien geschickt worden sind. So bleibt es während des
gesamten Krieges: Deutschland und Italien übernehmen die Versorgung der FrancoPutschisten.
Bei der Versorgung der Republikaner entstanden ernsthafte Probleme. Denn
Großbritannien und Frankreich erklären ihre politische „Nichteinmischung“ in die
155
inneren Angelegenheiten Spaniens. Schon am 25. Juli, d.h. eine Woche nach dem
Beginn des Putsches, fasste die französische Regierung den Beschluss,
Waffenexporte nach Spanien zu verbieten. Die britische Regierung unterstützte
diese Entscheidung. Die Neutralität der Franzosen war so konsequent, dass sie sogar
die Lieferung von Flugzeugen und Waffen verboten, die lange Zeit vor dem Putsch
und den Beschlüssen von der spanischen Regierung bestellt und bezahlt worden
waren!
„Warum sollen unsere Bestellungen in Frankreich vor dem 18. Juli nur
deshalb nicht erfüllt werden, weil Verschwörer uns überfallen haben?“, wunderte
sich der damalige spanische Ministerpräsident. Eine Antwort Frankreichs erfolgte
nicht. Alle Proteste und Forderungen der Republik Spanien verhallten, wie der Ruf
in der Wüste. Bis zum September 1936. Denn zu diesem Zeitpunkt beginnt in Berlin
die Olympiade. Hitler tut alles, um das Ansehen des 3. Reiches nicht zu gefährden.
Die rot gekennzeichneten Gebiete bilden das Territorium der republikanischen Regierung, die grau
gekennzeichneten – des spanischen Putschisten General Francisco Franco im Jahre 1936 und 1939.
Nicht uninteressant ist auch folgendes Detail: Die Anhänger des Boykotts der
Berliner Olympiade schlagen als Alternative vor, die Sommerspiele in Spanien, d.h.
in der Stadt Barcelona, durchzuführen. Dieser Vorschlag entpuppte sich als Finte,
denn in diesem Land begann der seit langem vorbereitete Bürgerkrieg. Um dem
„teuren“ Führer seine Olympiade abzusichern, wurde den Gegnern der Berliner
Olympiade diese Alternative zugespielt, wohlwissend, dass ihre Realisierung
unmöglich ist.
Nachdem die olympischen Kämpfe beendet waren, änderte sich die Situation
schlagartig. Am 9. September 1936 begann im britischen Außenministerium das
Internationale Komitee für Nichteinmischung in die Angelegenheiten Spaniens zu
arbeiten. Im Wesentlichen bestand seine Tätigkeit darin, unter dem Vorwand einer
so genannten Neutralität, jegliche Hilfe für die Republikaner zu unterbinden.
Außerdem wurde die UdSSR inspiriert Maßnahmen einzuleiten, die internationale
Gesetze „verletzten“. Am 22. Oktober 1936 übergab der sowjetischen Botschafter
156
in London dem britischen Außenminister eine Note, in der vorgeschlagen wurde,
das Recht der spanischen Regierung auf den Kauf von Waffen anzuerkennen und
wieder herzustellen. Andernfalls – so heißt es in dieser Note – wird sich die
sowjetische Regierung im gleichen Maße nicht an die Vereinbarung über die
Nichteinmischung gebunden fühlen, wie auch die anderen Partner des Vertrages
[234].
Weil Deutschland und Italien sich erlauben Waffen nach Spanien zu liefern,
wird die UdSSR dies ebenfalls tun. Das liegt genau im Interesse der Briten. Die
Sowjetunion verwickelt sich in diesen Konflikt – jetzt ist es nur noch notwendig,
dieser „Einmischung“ den notwendigen Anstrich zu geben. Ihr Leitmotiv lautet: Die
„blutrünstigen“ Kommunisten wollen ihre Ordnung in Europa errichten! Deshalb
veröffentlichen die Briten in ihrer kritischen Antwort auf unsere Note die Fälle, in
denen die Verpflichtung zur Nichteinmischung nicht eingehalten wurde. Nach der
Ansicht von Großbritannien gibt es dafür insgesamt vier Beispiele: Eine Verletzung
durch Italien und drei – durch die Sowjetunion.
Jetzt ist es höchste Zeit, folgende Frage zu beantworten: Warum hat sich die
UdSSR in eine derart dreckige Geschichte verwickelt? Die Gründe dafür sind: - Für jede gelieferte militärische Ausrüstung zahlte die republikanische
Regierung mit Gold. Kostenlos wurde Spanien nichts geliefert. - Das deutsche Militär erprobte in Spanien seine Panzer und Flugzeuge. Die
gleiche Möglichkeit erhielten auch die sowjetischen Generäle. - Nur ein Blinder konnte nicht sehen, warum die Westmächte den deutschen
Führer gezüchtet haben. Den Aggressor auf fremdem Territorium und mit
fremden Händen aufzuhalten und zu vernichten, dass ist offensichtlich sehr
verführerisch. - Die teilweise ideologische Übereinstimmung zwischen der UdSSR und dem
republikanischen Spanien – das ist offensichtlich der allerletzte Grund.
Da Hitler und Mussolini so dumm waren, sich in die spanische
Angelegenheiten einzumischen, wäre es eine Sünde die Gelegenheit zu
verpassen, sie mit fremden Händen zu verprügeln und noch Geld dafür zu
bekommen!
Die republikanische Regierung hatte keine Wahl. Sie hatte zwar Goldvorräte,
aber dank der „Nichteinmischung“ niemanden, der ihr etwas verkaufen konnte. Die
UdSSR unter Stalin war das einzige Land, in dem Spanien Waffen kaufen konnte.
Es gab zwar noch die USA, aber im Jahre 1935 bestätigte auch der amerikanische
Kongress den Akt über die „Neutralität“ [235]. Was bedeutet das? Das bedeutet,
dass Spanien keine Waffen in den USA kaufen kann, aber Deutschland kann das.
Deshalb erhalten die Republikaner keine amerikanischen Waffen, aber ihre Gegner
versorgen sie damit reichlich über deutsche Firmen. Im Mai 1937 nahm der
amerikanische Kongress ein neues Gesetz über die Neutralität an. Es erlaubte dem
157
Präsidenten des Landes militärische Ausrüstungen der kämpfenden Seite für Bargeld
zu verkaufen, vorausgesetzt, dass die Ausfuhr mit eigenen Transportmitteln erfolgt.
Was für ein Elend – die Republikaner hatten dafür keine Schiffe. Bei Franco – besser
gesagt bei seinen deutschen Freunden – gab es diese Schiffe und die erforderlichen
Valutamittel. Deshalb erhielte er amerikanische Waffen in großer Menge.
Die Frage der Finanzierung des Spanienkrieges wird von den Historikern so
gut wie gar nicht untersucht. Ausführlich wird uns erzählt, wie die „bösen“ Länder
Deutschland und Italien dem Diktator Franco halfen, wie sie ihm Waffen und
Kampftechnik zur Verfügung stellten. Es wird berichtet, wie ihm Hitler und
Mussolini ganze Militäreinheiten schickten. Ohne Zweifel waren diese Aktionen mit
großen finanziellen Aufwendungen verbunden. Die Unterhaltung der „Legion
Condor“ mit 250 Flugzeugen, 180 Panzern und hunderten Panzerabwehrwaffen
kostete nach eigenen Angaben den Nazis in der Zeit vom 7. November 1936 bis 31.
Oktober 1938 mehr als 190 Mio. Reichsmark [236]. Einen besonders hohen
Kostenfaktor im Militärhaushalt bilden die Kampfschiffe. Die Flotte der Putschisten
wurde durch entsprechende Lieferungen aus Berlin und Rom aufgebaut [237]. Der
gesamte finanzielle Aufwand für die Unterstützung von Franco durch Deutschland
und Italien betrug nach vorsichtigen Schätzungen mindestens 1 Mrd. Dollar [238].
Womit hat General Franco diese großzügige Hilfe bezahlt? Woher hat er diese
gewaltigen Geldbeträge genommen? Niemand gibt uns darauf eine Antwort. Die
Historiker schweigen. Franco hatte derartige finanzielle Mittel nicht – die gesamten
Goldvorräte befanden sich in den Händen der Republikaner.
158
Putschisten-General Franco: Ein Staatsstreich
kostet viel Geld! Wer finanzierte Franco und
seinen Militärputsch 1936? Im Artikel der
baskultur.info wird der Versuch gemacht,
die Quellen der Finanzierung des Putsches
aufzudecken (siehe
http://www.baskultur.info/index.php/geschic
hte/krieg36/227-militaerputsch1936 ).
Daraus folgt, dass Deutschland, das in dieser Zeit selbst mit kolossalen
Militärausgaben belastet war, gewaltige Geldsummen einfach aus dem Fenster
warf. Gleiches gilt auch für Italien. Irgendwelche Zinserträge nach dem Sieg von
Franco erhielten sie nicht. Ihre strategischen Rohstoffe (Eisen, Kupfer, Blei,
Wolfram, Zinn, Zink, Kobalt, …) werden nach wie vor an Deutschland und Italien
verkauft. Verschenkt werden sie nicht! Auch politisch haben sie nichts gewonnen.
Schon nach einigen Jahren weigert sich Franco, für seine „Freunde“ gegen
Großbritannien, Frankreich und die UdSSR zu kämpfen [239].
Er wird zum einzigen Diktator in Europa, der nicht nur den Zweiten Weltkrieg
überlebt, sondern auch bis zu seinem Tode in Spanien an der Macht bleibt [240].
Weder Hitler noch Mussolini hatten irgendwelche alte Rechnungen mit
Franco zu begleichen, es gab auch keinerlei Beschimpfungen oder Beleidigungen
gegen ihn. Warum? Weil die Rechnungen für den spanischen Krieg und für alle
deutschen Waffenlieferungen an die Putschisten die gleichen geheimnisvollen
Sponsoren der Nazis zahlten, die das „wirtschaftliche Wunder“ Adolf Hitlers in
Deutschland finanzierten.
Beweise über die „uneigennützige Hilfe“ für die Nazi-Wirtschaft können wir
überall finden, wir müssen nur danach suchen. Nach der Annexion von Österreich
durch Hitler entstand die Frage der Tilgung österreichischer Auslandsschulden in
Großbritannien, Frankreich, in den USA und in anderen Ländern. Am 12. April
1938 erklärte die britische Regierung, dass sie davon ausgeht, dass Deutschland die
offenen Auslandsschulden von Österreich übernimmt. In ihrem Antwortschreiben
erklärte die deutsche Regierung am 12. Mai 1938, dass es ihr nicht möglich ist, die
Pflichten für die Deckung der finanziellen Auslandsschulden für Österreich zu
übernehmen. Was für eine Antwort von der britischen Seite erhielt Berlin? Gar
keine! London und alle anderen Hauptstädte der „friedliebenden“ Länder
schwiegen und forderten kein Geld von Hitler.
159
Auch über die sowjetischen Lieferungen herrscht völlige Klarheit. Sie wurden
bis zur letzten Kopeke bezahlt. Aber nicht von der Sowjetunion. Die Historiker
liebten es, über große Kampagnen und Geldspenden für die spanischen Arbeiter zu
berichten und darüber, dass sie für dieses Geld alles kauften, was die Republikaner
brauchten. Das ist eine Lüge. Alle Lieferungen wurden von der spanischen Seite
bezahlt. Weil sich, wie wir bereits berichtet haben, die gesamten Goldreserven in
der Hand der rechtmäßigen Regierung befanden. Die Republikaner hatten keine
Valutamittel, aber die Sowjetunion nahm sehr gern das Gold und lieferte alle Waren
(Waffen, Munition, Medikamente u.v.a.m.) mit ihren eigenen Schiffen. Mit diesen
Lieferungen kamen auch die Militärberater – ein unvermeidliches Übel jeder
komplizierten Militärtechnik. Es reicht nicht Panzer und Flugzeuge zu besitzen, man
muss es auch verstehen, sie richtig zu bedienen und zu nutzen. Die UdSSR schickte
während des Krieges ca. 2.000 „Freiwillige“ [241] nach Spanien. Italien und
Deutschland operierten mit ganz anderen Zahlen. Jeden Monat befanden sich 10 bis
12 tausend Deutsche und 40 bis 45 tausend Italiener im Kampfeinsatz [242].
Diejenigen, welche die UdSSR beschuldigen, den Versuch einer
Weltrevolution unternommen zu haben, lieben es offensichtlich nicht, Zeitpunkte und
Fakten richtig zuzuordnen. Dieses Durcheinander ist gewollt – denn sonst zerfallen
ihre wackligen Behauptungen wie ein Kartenhaus. Es ist bekannt, dass Stalin einen
erfolgreichen Transport organisiert und durchgeführt hat: In die UdSSR wurde ein
sehr großer Teil der Goldreserven Spaniens – ungefähr 510 Tonnen – gebracht.
Wenn das Datum nicht genannt wird, entsteht beim Leser der Eindruck, dass dies
am Vorabend der republikanischen Niederlage geschah. Tatsächlich wurde das
Gold jedoch sofort am Beginn des Bürgerkrieges außer Landes gebracht. Der
Putsch begann am 17./18. Juli 1936 und Ende Oktober 1936 traf die wertvolle
Fracht bereits in Odessa ein. Der Bürgerkrieg dauerte bis zum April 1939! Was
160
haben diese Termine und Fakten mit Ideologie zu tun? Das ist reinster
Pragmatismus. Mit diesem Gold wurden nicht nur die Lieferungen sowjetischer
Waffen und Ausrüstungen bezahlt, sondern auch Waffen aus dritten Ländern. Mit
anderen Worten, die UdSSR wurde zur „Bank“ des kämpfenden Spaniens. Die
gesamte Geldsumme für die Waffenlieferungen in die Republik Spanien betrug
202,4 Mio. Dollar [243], der Wert des in der Sowjetunion gebunkerten spanischen
Goldes – mehr als 518 Mio. Dollar [244].
Weil die militärischen Anstrengungen den Putschisten keinen Erfolg zeigten,
wurde im November 1937 von Franco der Beschluss gefasst, die Republikaner durch
eine Blockade zu erdrosseln. Die Partie wurde hervorragend gespielt: Franco
schickte den Briten eine Note, in der er ihnen mitteilte, dass sein Generalstab
beschlossen hat, den spanischen Hafen Bilbao zu blockieren und keine Dampfer mit
Lebensmitteln nach Spanien zu lassen. Der stolze Beherrscher der Meere, der
Besitzer der stärksten Flotte in der Welt versuchte nicht einmal dem spanischen
General zu erklären, dass man mit Großbritannien so nicht sprechen darf, sondern
schluckte bedingungslos diesen Angriff auf seinen Handelsflotte [245].
Treffen zwischen Franco und Hitler 1940 an der spanisch-französischen Grenze. Der
spanische Diktator weigerte sich, im Zweiten Weltkrieg an der Seite seiner deutschen und
italienischen „Wohltäter“ zu kämpfen, wohlwissend, welchen Mächten er für seine Machtergreifung dankbar sein muss.
Die Regierung Großbritanniens verzichtete sofort auf alle Fahrten nach Bilbao
mit der Begründung, dass der Hafen blockiert und vermint sei. Das Manöver von
Franco ist leicht zu durchschauen. Da die Dampfschiffe der „zivilisierten Länder“
161
nicht mehr nach Bilbao kommen, können die Faschisten mit ruhigem Gewissen
jedes beliebige Schiff versenken. Beschwerden über diese Piraterie sind äußerst
schwierig. Sie werden mit den Worten „Sie hätte besser auf die Erklärung von
General Franco hören sollen!“ zurückgewiesen.
Damit die Republikaner in eine Blockade kommen, begannen italienische
Kriegsschiffe einen Krieg gegen die Handelsschiffe zu führen. In erster Linie
natürlich gegen die sowjetischen. Denn nur unsere Dampfer lieferten Waffen,
Technik und Lebensmittel nach Spanien. Am 11. November 1936 wurde in der
Bucht von Gibraltar der Dampfer „Sojus wodnikov“ gestoppt. Das war das erste
Warnsignal. „Im Verlauf der nächsten Monate häuften sich die Überfälle auf
sowjetische Schiffe, wobei einige von ihnen tragisch endeten: Am 14 Dezember
1936 im Raum von Gibraltar wurde der sowjetische Dampfer „Komsomol“, am 31.
August und 1. September 1937 wurden die sowjetischen Schiffe „Timirjasev“ und
„Blagoev“ [246] versenkt“, berichtet der sowjetische Botschafter in Großbritannien,
Iwan Maiski.
Die Beziehungen der UdSSR mit Italien und Deutschland erhitzten sich.
Dagegen verringerte sich die Schärfe des Bürgerkrieges. Die Waagschale der
britischen und französischen Diplomatie neigte sich zu Gunsten Francos. Im
Frühjahr des Jahres 1939 verloren Großbritannien und Frankreich jeglichen Anstand
und stellten sich offen auf die Seite der Faschisten. „Am Höhepunkt des Kampfes
um Katalonien (vom Dezember 1938 bis Februar 1939) konzentrierte sich an der
französisch-spanischen Grenze sehr viel Kriegstechnik (Flugzeuge, Geschütze,
Panzer, Torpedoschiffe usw.). Wäre sie in die Hände der Republikaner gefallen
wäre, dann hätte sich der Verlauf des Kampfes entscheidend geändert“ [247],
schreibt in seinen Memoiren der damalige Militärberater, Admiral Kusnezow. Da
162
sich Frankreich weigerte, seine Grenze zu öffnen, führten fehlende Waffen
letztendlich zur Niederlage der Republikaner. Die Folge waren hunderttausend
Flüchtlinge und eine beispielslose „humanitäre Katastrophe“. Um Menschenleben
zu retten, wandte sich der republikanische Außenminister Spaniens mit der Bitte an
Paris, die Grenze für die Flüchtlinge zu öffnen. Erst nach massiven Protesten der
eigenen Bevölkerung sah sich Frankreich gezwungen, die Grenze etwas zu öffnen.
Nur kleinere Flüchtlingsgruppen gelangten auf französisches Territorium.
Gemeinsam mit ihnen überschritten auch verwundete Kämpfer der spanischen
Armee die Grenze. Das veranlasste die Franzosen dazu, die Grenze zu schließen und
alle Verwundeten nach Katalonien zurückzuschicken. Am 3. Februar 1939
bombardierte die italienische Luftwaffe die spanische Grenzstadt Figueres. Mehr als
tausend Menschen kamen ums Leben, ein mächtiger Strom in Panik geratener
Menschen durchbrach die französische Grenze. Erst nach diesem Verbrechen der
italienischen Faschisten öffnete Frankreich für die Flüchtlinge und Soldaten der
republikanischen Armee offiziell die Grenze.
Ein solches Ergebnis war unschwer zu erraten. Die Masse der Flüchtlinge
wusste einfach nicht, wo sie sich hinwenden soll. Auf der einen Seite der Gegner,
der keine Gnade kannte [248], auf der anderen Seite die französische Grenze. Wo
liegt die Rettung? Mit sowjetischen Schiffen konnten nur wenige Spanier das Land
verlassen. Die Mehrzahl der Flüchtlinge suchte ihr Heil im benachbarten Frankreich
[249]. Hat sich die französische Regierung auf die drohende Flüchtlingswelle
vorbereitet? Nein! Überhaupt nicht!
„Für die Flüchtlinge errichtete die Regierung Daladier in Eile einige große
Internierungslager (Saint-Cyprien, Camp de Gurs, Camp de Rivesaltes u.a.m.). In
diese Lager wurden zig tausend hungernde und verzweifelte Menschen ohne
Wasser, ohne Brot, ohne sanitäre Einrichtungen auf dem nackten Sandstrand
eingesperrt. Epidemien begannen sich auszubreiten, die Anzahl der Todesfälle nahm
dramatisch zu …“ [250].
Ein französisches Flüchtlingslager war ein mit Stacheldraht in den Sanddünen
abgegrenzter Raum. Die Internierten gruben sich selbst Höhlen in den Sand. In den
163
ersten zehn Tagen gab es nichts zu essen und zu trinken; sogar die Verwundeten
erhielten keine medizinische Hilfe. Warum verhielten sich die Franzosen derart
unmenschlich? Natürlich, nur in bester Absicht! Mit diesem „Empfang“ sollten die
Flüchtlinge gezwungen werden, wieder nach Hause, d.h. nach Spanien,
zurückzukehren …[251].
Der spanische Bürgerkrieg wurde von denen organisiert und pedantisch
durchgeführt, die mit diesem Land in keinerlei Beziehung standen. Hätten sie
Mangan und Blei in Portugal oder in Luxemburg gefunden, dann hätte die große
Übung für die Erprobung der deutschen Kriegsmaschinerie dort stattgefunden. Die
Autoren der spanischen Tragödie haben sehr gründlich ihre Spuren beseitigt. Nach
ihrem Szenarium war die „Nichteinmischung“ das allerbeste Alibi für ihre künftigen
Generationen. Angesichts dessen, was Hitler in der Folge noch anrichtet, kann man
ihm im Prinzip jede Schandtat anhängen. Der größte Verbrecher aller Zeiten und
Völker wurde deshalb auch für die Auslösung des Bürgerkrieges in Spanien
verantwortlich gemacht. Aber nicht alle Fakten können auf die Dauer vertuscht
werden. Mit einer dünnen Schicht von stereotypen Auffassungen und Klischees
können sie nur leicht maskiert werden. Doch sobald wir die blutige und dreckige
Geschichte der Menschheit im XX. Jahrhundert ein wenig durchschütteln,
erscheinen die tatsächlichen Autoren der ganzen Tragödie im grellen Tageslicht.
Am Vorabend des Putsches in Spanien befand sich General Franco als
Gouverneur in seiner eigenartigen „Verbannung“ auf den Kanarischen Inseln. Damit
er den Aufstand führen konnte, musste er zu seinen militärischen Anhängern und
Truppen nach Spanisch-Marokko reisen. Ein eigenes Flugzeug konnte er dazu nicht
benutzen – sie wurden vom loyalen Militär der Regierung kontrolliert. Deshalb
halfen ihm seine „Freunde“. Sie charterten für ihn das britische Flugzeug mit
kompletter Mannschaft. Wem gehörte dieses Flugzeug? Das ist kein Geheimnis! Es
war ein englisches Flugzeug mit dem Namen „Schneller Drache“ [252]. Am Steuer
164
saß der britische Pilot, Kapitän Bebb. Seinen eigenen Landsleuten konnte Franco
angeblich nicht vertrauen [253].
Aus London kommend, flog das Flugzeug zunächst auf die Kanarischen
Inseln und dann mit General Franco nach Tetuán in Spanisch-Marokko. Nach der
Ankunft Francos in Afrika flog das gleiche Flugzeug mit dem Gesandten des
spanischen Generals direkt zu Mussolini [254]. Mit Kapitän Bebb am Steuer flogen
sie nicht umsonst: Denn in Italien wurde eine wichtige Vereinbarung über die
Unterstützung der spanischen Putschisten abgeschlossen. Der Flug mit der
englischen „Dragon Rapide“ schloss unangenehme Überraschungen aus. Wer wagte
sich, ein englisches Flugzeug abzuschießen?
Das war der Ausgangspunkt des spanischen Bürgerkrieges. Der Endpunkt der
Tragödie wurde mit der gleichen „Feder und Tinte“ geschrieben. Der Bürgerkrieg in
Spanien endete offiziell am 1. April 1939. Erinnern wir uns an das Jahr 1939: Auf
der Tagesordnung standen schon keine lokalen Konflikte mehr, sondern der Beginn
des Zweiten Weltkrieges. Hitler musste freie Hand bekommen. Mit Nichtigkeiten
durfte er nicht mehr belastet werden. Es war höchste Zeit, dass er seine
Verpflichtung erfüllt und die Sowjetunion überfällt. Deshalb ließen Großbritannien
und Frankreich unerwartet ihr „Schüchternheit“ fallen und versetzten den
Republikanern den „Gnadenstoß“. Der Krieg in Spanien musste in kürzester Zeit
165
beendet werden. Am 27. Februar 1939 haben Großbritannien und Frankreich die
Regierung des Faschisten Franco offiziell anerkannt, mit der republikanischen
Regierung wurden alle Beziehungen abgebrochen. Diesen Schritten folgte auch die
USA.
Im gleichen Monat half der britische Kreuzer „Devonshire“ den spanischen
Putschisten die Insel Menorca zu erobern. Das britische Kriegsschiff unterstütze sie
nicht nur beim Truppentransport, sondern zwang den Kommandeur mit seinen
Geschützen, die gesamte Insel an Franco zu übergeben [255].
In Europa wurden Adolf Hitler neue Territorien übergeben, die auf dem Wege
zur Grenze der UdSSR lagen. In erster Linie – das Territorium der
Tschechoslowakei. Als Vorwand für die frechen Anspruchserklärungen dienten dem
Führer die Verträge von Versailles und Saint-Germain. Dank dieser Verträge lebten
auf dem Gebiet der zerstückelten Österreichischen Monarchie 3,4 Millionen
österreichische Deutsche – d.h. 22% der gesamten Bevölkerung – in der
Tschechoslowakei [256]. Irgendwann waren die Tschechen eine Minderheit, die im
Rahmen des Imperiums Österreich – Ungarn keinen nationalen Status besaßen. Jetzt
hatten sie ihre Rolle mit den österreichischen Deutschen getauscht. Ihre
Unterdrückung und Verfolgung waren unvermeidlich. Wer daran zweifelt, der sollte
auf die aktuelle Lage der russischsprachigen Bevölkerung in Estland, Litauen und
Lettland schauen.
Wenn wir die lange Liste der Länder betrachten, die für die
Kriegsvorbereitung Hitlers geopfert wurden, dann ergreift uns für sie ein
verständliches Mitgefühl. Wir müssen uns jedoch stets daran erinnern, dass die
Länder, die je nach Lust und Laune des politischen Roulettes unter den Einfluss der
Nazis fielen, bei weitem keine „unschuldigen Lämmer“ waren. Die Grundlagen für
eine unabhängige Tschechoslowakei wurden im alten Russland gelegt, als aus den
tschechischen und slowakischen Kriegsgefangenen des Ersten Weltkrieges ein
eigenes Korps formiert wurde. Die Mitte 1917 gebildeten zwei vollwertigen
166
Divisionen schafften es nicht, an der Front gegen die Deutschen zu kämpfen. Ihre
große „Berühmtheit“ erlangten sie erst während unseres Bürgerkrieges. Denn der
Putsch der Tschechoslowaken im Mai 1918 wurde zum Ausgangspunkt der
russischen Auseinandersetzungen. Er war das Benzin, das in ein brennendes Feuer
gegossen wurde. Nachdem sie ihre Aufgabe erfüllt hatten, haben unsere „slawischen
Brüder“ Russland nicht von den Bolschewiken befreit, sondern – im Gegenteil – den
Russen großzügig die Möglichkeit gegeben, gegeneinander zu kämpfen. Sie selbst
begaben sich ins Hinterland von Koltschak und bewachten „unsere“
Eisenbahnlinien, d.h. sie brandschatzten in unseren Dörfern, verprügelten unsere
Bauern und fraßen sich bei uns, wie die Maden, satt.
Als die Armee von Koltschak eine Niederlage erlitt, haben die glorreichen
Tschechoslowaken sie praktisch in die Katastrophe geführt. Sie blockierten den
Schienenweg und verhinderten damit den Rückzug seiner Armee und der vielen
Flüchtlinge. Die Armee von Koltschak war gezwungen durch ganz Sibirien entlang
der Bahnlinie zu Fuß zugehen! Auf dem gleichen Weg im warmen Waggon fuhren
ohne Eile die Tschechoslowaken. In der Taiga starben zig tausend Soldaten, Frauen
und Kinder vor Hunger und Kälte. Dieser beispielslose Verrat der einen Seite und
die beispielslosen Heldentaten der anderen Seite sind in unsere Geschichte als
Sibirischer Eismarsch eingegangen [257]. Kurz bevor die Tschechoslowaken
Russland verlassen haben, verhafteten sie noch General Koltschak und übergaben
ihn zur Hinrichtung an die Bolschwiken. Der Befehl wurde vom französischen
General Janin erteilt und vom tschechoslowakischen General Syrov ausgeführt.
167
Die „heldenhaften“ tschechoslowakischen Legionäre nahmen aus Russland
nicht nur ein Haufen Gelumpe mit, sondern auch einen Teil der Goldreserve unseres
Landes (bekannt unter dem Namen „Gold von Koltschak“). Genau dieses von
Russland gestohlene Gold bildete die Grundlage der konvertierbaren tschechischen
Krone, die eine der stabilsten Währungen in Europa wurde. Aber auch die Wirtschaft
der Tschechoslowakei – so seltsam das auch klingt – gehörte zu den erfolgreichsten
der Länder, die den „schrecklichen Fleischwolf“ des Ersten Weltkrieges überlebt
haben. Der frisch gebackene Staat der Tschechen und Slowaken war das einzige
Land in Zentral- und Süd-Ost-Europa mit einem großen Kapitalexport. In allen
Bereichen der Wirtschaft gab es hohe Zuwachsraten, in einigen – waren sie einfach
sensationell. Besonders entwickelt war die tschechoslowakische Waffen- und
Schuhproduktion. Im Jahre 1928 belegte die Tschechoslowakei den ersten Platz in
der Welt im Export von Schuhen, Stiefeln und Sandalen [258]. Dieser stürmische
Aufschwung des jungen tschechoslowakischen Staates dauerte jedoch nur 20 Jahre
(von 1918 bis 1938), weil die Verbündeten in London und Paris entschieden haben,
dass dieses Land an Hitler zu übergeben ist. Das 3. Reich musste sich noch näher an
die Grenze der UdSSR bewegen und die tschechoslowakischen Arbeiter müssen die
deutsche Armee ordentlich bewaffnen und bekleiden.
168
Die deutsche Presse, beflügelt durch die zahlreichen „friedlichen“ Siege
Hitlers, entfachte eine massive Kampagne für die Erfüllung der deutschen
Forderungen im tschechoslowakischen Sudetenland. Die Aktivitäten der deutschen
Verbände in diesem Lande nahmen enorm zu. Avantgarde der Idee „Rückkehr aller
Deutschen ins Reich“ wurde die „Sudetendeutsche Partei“ unter Führung von
Konrad Henlein. Der Anschluss von Österreich stellte einen ausgezeichneten
Vorwand dar, von „ständigen Menschenrechtsverletzungen“ bei den deutschen
Minderheiten in der Tschechoslowakei zu sprechen. Denn alle österreichischen
Deutschen haben sich in „einer Familie“ vereint – warum nicht auch mit den
„Brüdern und Schwestern“ aus dem Sudetenland? Die Partei von Henlein forderte
die „territoriale Autonomie“ für das Sudetengebiet [259].
Die Regierung der Tschechoslowakei hatte nicht die Absicht, vor den
Deutschen zu kapitulieren. Dafür gab es auch keinerlei Gründe. Ihre Armee gehörte
zu den stärksten in Europa. Sie war bereit und in der Lage, ihr Land im Falle einer
Aggression erfolgreich zu verteidigen. Allein das Kräfteverhältnis stärkte ihre
Entschlossenheit. Im Frühjahr 1938 hatte die Armee der Tschechoslowakei 34
Divisionen, die deutsche Wehrmacht – 28 [260]. Angesichts des irrsinnigen Tempos
der deutschen Aufrüstung wuchs die Stärke ihrer Armee weiter an. Gegen 39
deutsche Divisionen mit 1,8 Millionen Soldaten stellten die Tschechen 36
Divisionen mit 1,6 Millionen Soldaten, gegen 2400 Flugzeuge und 720 Panzer von
Hitler standen 1500 Flugzeuge und 400 Panzer der Tschechoslowakei [261].
Vergessen wir nicht den folgenden wichtigen Fakt: Die tschechoslowakische Armee
wollte sich verteidigen und die deutsche Armee war gezwungen anzugreifen.
Nach den lautstarken Erklärungen Hitlers im deutschen Parlament hatte die
tschechoslowakische Regierung vor, folgende Sicherheitsmaßnahmen einzuleiten:
Verlagerung der Rüstungsbetriebe ins Hinterland, Einführung eines 24-Stunden-
169
Betriebes in ihren acht Flugzeugwerken, Mobilisierung der Industrie- und
Lebensmittelressourcen. Optimismus flößte der tschechoslowakischen Regierung
auch der Beistandsvertrag mit Frankreich ein. Die Logik war: Einen derart starken
und nützlichen Verbündeten wird Paris nicht kampflos Berlin überlassen. Schauen
wir auf die Karte: Sogar die geographische Lage der Tschechoslowakei wird die
Franzosen immer dazu bewegen, sie zu verteidigen. Im Falle eines militärischen
Konfliktes zwischen Frankreich und Deutschland können die Tschechen die
Deutschen im Hinterland angreifen. Außerdem produzieren die Rüstungsbetrieb
„Skoda“ in der Tschechei so viele Waffen, wie die gesamte Rüstungsindustrie von
Großbritannien [262]. Wer ist so verrückt und übergibt Hitler diesen Reichtum?
Natürlich nur diejenigen, die ihren eigenen Reichtum enorm vergrößern
wollen. Deshalb nehmen die Ereignisse in der Tschechoslowakei einen äußerst
„seltsamen“ Verlauf. Anstelle eines aktiven Widerstandes gegen die Forderungen
von Hitler, begannen sich die Tschechoslowaken mit irgendwelchen Krimskrams zu
beschäftigen. Das Ergebnis war das berühmte Münchener Abkommen, mit dem
Hitler alles bekam, was er gewünscht und gefordert hatte. Kann es sein, dass der
Westen von der militärischen Stärke Deutschlands geschockt und eingeschüchtert
war? „Die deutsche Armee war in den Jahren 1938 oder 1939 nicht in der Lage, die
Franzosen vernichtend zu schlagen“ [263], schreibt Winston Churchill in seinen
Memoiren. Das bedeutet, es war offensichtlich, dass Hitler die Tschechen,
Franzosen und Engländer nicht besiegen konnte. Warum gab es seitens der
führenden „demokratischen Länder“ keinen entschlossenen Widerstand gegen
170
Hitlers aggressive Politik? Weil sie einen Sieg über Deutschland, das sie geschaffen
und aufgepäppelt haben, nicht brauchten! Hitler hatte die ihm übertragene Aufgabe
noch nicht erfüllt, deshalb gehörte er noch nicht auf den Müllhaufen der Geschichte.
Wird ein Kampfhund, der für die Lösung seiner tödlichen Aufgabe gezüchtet wurde,
vor dem entscheidenden Kampf getötet? Wozu so viel Futter und Zeit
verschwenden?
Die Tschechoslowakei spielte die Rolle eines unglücklichen Haushuhns, das
von seinen Verbündeten zur Schlachtbank gejagt wird. Die erste Besprechung der
„Hausherren“ wurde vom 28. bis 30. April 1938 in London durchgeführt. Zum
großen Erstaunen der Tschechen schloss sich die französische Diplomatie plötzlich
den Forderungen der britischen Diplomatie an, um – wie es hieß – einen
Zusammenstoß mit Deutschland auf jeden Fall zu vermeiden. Am 15. Mai 1938
wurde in der „New York Herald Tribune“ eine Mitteilung aus London veröffentlicht,
in der klar und deutlich gesagt wurde: … da weder Frankreich noch die UdSSR
bereit sind, für die Tschechoslowakei zu kämpfen, wird auch Großbritannien nicht
zu den Waffen greifen, um die slawische Republik zu verteidigen. Da dies so ist,
sollte die Tschechoslowakei mit aller Nüchternheit ihre Situation analysieren und
verstehen, dass der einzige Ausweg für sie ist, eine friedliche Lösung der Frage mit
den Sudetendeutschen zu finden [264].
Nach derartigen Erklärungen wurde der Ton von Hitlers Ansprüchen noch
lauter und kompromissloser. Denn die Veröffentlichung in der amerikanischen
Presse fiel in „erstaunlicher“ Art und Weise mit einem äußerst aufschlussreichen
Ereignis zusammen. Zwei Tage vor der Veröffentlichung in der „New York Herald
Tribune“ kam der Führer der Sudetendeutschen, Konrad Henlein, nach London.
Henlein hatte mehrere Treffen mit Abgeordneten des britischen Parlaments und
Vertretern der Opposition. Nach diesen Konsultationen forderte er nicht nur die
171
Autonomie des Sudentenlandes, sondern auch eine völlige Zerstücklung der
Tschechoslowakei.
An der Spitze der Sudetendeutschen arbeiteten nicht nur Deutsche, sondern
auch Vertreter des britischen Geheimdienstes. In Deutschland war das bekannt. Die
Kontakte wurden nicht unterbunden, weil in dieser Zeit sowohl die Deutschen als
auch die Briten in einer Mannschaft spielten und die Übergabe der
Tschechoslowakei an Hitler gemeinsam vorbereiteten. „Der englische
Geheimdienst war hervorragend informiert … einer seiner Agenten, Oberst Christie,
der schon mehrmals mit Henlein im Gespräch war, traf sich im August 1938 mit ihm
in Zürich“, lesen wir in den Memoiren des SS-Geheimdienstes [265].
Am 18. Juli 1938 brachte der Adjutant von Adolf Hitler, Fritz Wiedemann,
ein persönliches Schreiben des Führers an den britischen Premierminister, Neville
Chamberlain, nach London. Schon am nächsten Tag wurde dieses Schreiben in Paris
diskutiert, wohin der Premierminister gemeinsam mit dem britischen Königspaar
geflogen ist. Die Tschechen wurden zu dieser Besprechung nicht eingeladen,
niemand hat an sie überhaupt gedacht. Wozu sollte man sich mit einem Truthahn
darüber unterhalten, wie und wann er geschlachtet wird?
Die Vorschläge Hitlers wurden als annehmbar betrachtet. Am 22. Juli 1938
forderte Großbritannien die Tschechoslowakei auf, entscheidende Schritte für die
„Befriedung Europas“ einzuleiten. Die Tschechen teilten mit, dass sie einverstanden
sind, den Sudetendeutschen volle Autonomie zu geben. Doch schon am 29. Juli 1938
erklärte Henlein lauthals: Alle Deutschen in jedem beliebigen Land müssen sich
172
„nur der deutschen Regierung, den deutschen Gesetzen und dem deutschen Blut“
unterordnen.
Nach dieser Erklärung erhöhte die britische Diplomatie den Druck auf die
Tschechoslowakei. Am 3. August traf der Bevollmächtigte von Chamberlain, Lord
Runciman, in Prag ein. Dieser „objektive Vermittler“ sollte die Tschechoslowakei
überzeugen, das Sudetengebiet den Deutschen zu übergeben. Die Tschechen
sträubten sich: Sie wollten überhaupt nicht verstehen, dass alles schon längst
entschieden war. Am 7. September erschien in der „Times“ ein Artikel, in dem den
Tschechen vorgeschlagen wurde, sich nicht länger zu sträuben und im Guten „ein
Staat mit einer einzigen Nationalität“ [266] zu werden.
Die Situation in der Tschechoslowakei war auch deshalb interessant, weil es
neben dem französisch-tschechoslowakischen Vertrag auch einen Vertrag zwischen
der Tschechoslowakei und der Sowjetunion gab. Im Falle eines militärischen
Überfalls sollte die UdSSR dem Opfer der Aggression zu Hilfe kommen. Im
Vertragstext gab es jedoch einen kleinen „Haken“: Moskau sollte Prag nur dann
Hilfe erweisen, wenn auch Paris dazu bereit ist. Anfang September 1938 wandte sich
die französische Regierung an die Regierung der UdSSR mit der Frage, welche
Position sie einnimmt, wenn die Tschechoslowakei überfallen wird. Die Antwort
von Moskau war klar und deutlich: Wir müssen unverzüglich die Vertreter der
UdSSR, Großbritanniens und Frankreichs zusammenrufen und in einer öffentlichen
Deklaration dieser Mächte warnend erklären, dass wir der Tschechoslowakei im
Falle eines Überfalls durch Deutschland Hilfe erweisen werden [267].
Was denken Sie, verehrter Leser, wie der Westen auf unsere Vorschläge
reagierte? Wollten jene, die Hitler für den Überfall auf die UdSSR vorbereiteten,
dass die Annexion der Tschechoslowakei nicht stattfindet? Dass gemeinsam mit den
Kräften von Frankreich, der Tschechoslowakei und UdSSR das 3. Deutsche Reich
zerschlagen wird? Dass Hitler von seiner Bewegung in Richtung der sowjetischen
Grenze Abstand nimmt? Weil der Westen ein anderes Ziel hatte, wurden – so
schreibt W. Churchill – „die sowjetischen Vorschläge faktisch nicht zur Kenntnis
genommen“. „Die Vorschläge wurden nicht genutzt, um Einfluss auf Hitler zu
nehmen, zu ihnen (den sowjetischen Vorschlägen, Anm. d. Übers.) verhielten sie
sich gleichgültig, besser gesagt mit Geringschätzung, erinnert sich J. W. Stalin. Die
Ereignisse nahmen ihren Verlauf, so, als ob die Sowjetunion nicht existierte [268].
Wenn wir die Logik der britischen Politik richtig verstehen, dann ist es auch
nicht schwierig, die Handlungen der westlichen Diplomaten vorauszusagen. Dann
staunen wir auch nicht über die „seltsamen“ Handlungen der Briten, die die
Antihitleropposition in Deutschland förmlich anflehten, keine „Uneinigkeit in der
Sudetenfrage zuzulassen“. Im August 1938 kam der Gesandte des deutschen
Militärs, Ewald von Kleist-Schmenzin, nach London. In seinen Gesprächen mit
britischen Politikern, u.a. mit Churchill, berichtete er über „das unzureichende
Niveau der Rüstung“ in Deutschland. Er teilte ihnen mit, dass die vollständige
173
Aufrüstung der Wehrmacht nicht vor dem Jahre 1943 abgeschlossen sein wird und
deshalb die Briten, Franzosen und Tschechen in Beziehung zum 3. Reich eine
äußerst harte Position – ohne irgendein ernsthaftes Risiko – einnehmen können
[269]. „Nach Aussagen der Generäle Halder und Jodl, gab es während des Münchner
Abkommens im Westen nur 13 deutsche Divisionen, von denen 5 aus
Kaderoffizieren bestanden“ [270], schreibt in seinen Memoiren W. Churchill.
Weil die Gentlemen in London gegen Hitler keinen Widerstand leisten,
schickt der Chef des deutschen Generalstabes, General Halder, Anfang September
1938 den neuen Gesandten, Arthur Boehm-Tettelbach, nach London. „Meine
Aufgabe bestand darin, einen engen Kreis von leitenden Angestellten des britischen
Außenministeriums zu bitten, eine gewisse Härte in Bezug auf die Forderungen
Hitlers zu zeigen. Die Leute, die mir diese Aufgabe übertrugen, hofften auf ein
kategorisches „Nein“ der englischen Regierung“ [271], erzählt der damalige
Oberstleutnant in der „Rheinischen Post“ am 10. Juli 1948.
Die Generäle des deutschen Militärs verstanden das politische Spiel nicht. Mit
immer neuen Argumenten versuchten sie die Position der Briten zu ändern. Selbst
dann, als sie ihnen mitteilten, dass der Plan existiert, Adolf Hitler im Falle der
Erklärung einer allgemeinen Mobilmachung in Deutschland zu verhaften [272]. Die
geradlinige Generalität konnte nicht begreifen, dass die von ihnen beobachtete
„reale“ Politik – nur die Folge jener Beschlüsse ist, die völlig abgeschottet hinter
den Kulissen bereits gefasst wurden. Sie verstanden nicht, dass die „Annexion“ der
Tschechoslowakei durch Hitler eine im gegenseitigen Einverständnis mit allen
Seiten beschlossene Entscheidung von Großbritannien war. Und dass der geplante
Arrest von Adolf Hitler niemals in Frage kam, weil er ihre mühsam ausgearbeiteten
Pläne zunichtemachen würde …
174
Anstelle dem Aggressor eine Abfuhr zu erteilen und gemeinsam mit der
UdSSR eine harte Position einzunehmen, üben die Briten auf die Tschechoslowaken einen immer stärkeren Druck aus. Zunächst wurde ihnen vorgeschlagen,
die Verträge mit Frankreich und mit der UdSSR zu annullieren. Dann wurde Prag
mit der gemeinsamen britisch-französischen Note vom 19. September aufgefordert,
das Sudetengebiet unverzüglich an Deutschland zu übergeben. In diesem Dokument
heißt es: „ … Der weitere Bestand von Gebieten in den Grenzen des
tschechoslowakischen Staates, die vorrangig von Sudetendeutschen bewohnt sind,
kann im Interesse der Tschechoslowakei und angesichts der Bedrohung des
europäischen Friedens nicht länger zugelassen werden … Der Frieden, die
Sicherheit und die Lebensinteressen der Tschechoslowakei können nicht
gewährleistet werden, wenn diese Gebiete nicht unverzüglich dem Deutschen Reich
übergeben werden“ [273]. Die Übergabe der Gebiete sollte schnell und ohne
Volksabstimmung erfolgen. Der Zeitraum für die Antwort (nur 2 Tage!) war auch
sehr knapp. Denn am 22. September musste sich der britische Premierminister
Chamberlain mit Hitler treffen.
Überlegen Sie, verehrte Leser, dass was der Tschechoslowakei vorgeschlagen
wurde, war praktisch Selbstmord. Kann ein völlig unabhängiges Land mit einer
souveränen Regierung darauf eingehen? Die Tschechen waren damit einverstanden.
175
Mehr als 70 Jahre sind seitdem vergangen. Und niemand hat daraus etwas
gelernt. Erneut gibt es in Europa derartige „unabhängige“ und „souveräne“ Staaten,
die mit großer Bereitschaft jede Laune ihrer „alten Kameraden“ erfüllen. Mit
Begeisterung stationieren sie auf ihren Territorien amerikanische Radaranlagen und
Raketen, schicken ohne zu Schwanken erneut ihre Soldaten an die Grenze
Russlands, annullieren profitable Verträge mit dem russischen Staat und unseren
privaten Unternehmen. „Ich bin der Herr und Du bist mein Lakai!“ – so lautete auch
1938 in der Tschechoslowakei die angelsächsische Regel.
Wir müssen anerkennen, dass die Tschechen Widerstand leisteten. Auch der
Truthahn flieht, bevor er geschlachtet wird. Doch damit ändert er nichts, denn der
Herr hat beschlossen, mit diesem „Braten“ seinen Tisch zu decken. Am 20.
September 1938 wurde den Botschaftern von Großbritannien und Frankreich die
Antwort der Tschechoslowakei auf ihre Note übergeben. In ihr war die Bitte
enthalten, die Entscheidung zu überdenken und in Übereinstimmung mit dem
deutsch-tschechoslowakischen Vertrag von 1925 die Angelegenheit dem
Schiedsgericht zu übergeben [274].
176
Mit ihrer Sturheit konnten die Tschechen alles verderben. Im Falle eines
militärischen Konfliktes waren die Franzosen verpflichtet den Tschechen zu helfen.
Auch der französisch-sowjetische Beistandspakt vom 2. Mai 1935 und der
sowjetisch-tschechoslowakische Vertrag vom 16. Mai 1935 traten in diesem Fall in
Kraft. Die Sowjetunion würde dann nicht nur Prag, sondern auch Paris zu Hilfe
kommen. Die ganze Kombination des Westens würde wie ein Kartenhaus
zusammenfallen.
Die Herren in London und Paris verloren jegliche Geduld. Am Abend des 20.
September teilte der britische Botschafter, Basil Newton, der tschechoslowakische
Regierung mit, dass „im Falle eines weiteren Widerstandes die englische Regierung
aufhört, sich für ihr Schicksal zu interessieren“. Der französische Gesandte,
Delacroix, unterstützte diese drohende Warnung. Doch auch damit kamen die
Diplomaten nicht zur Ruhe. Um zwei Uhr nachts (!) holten die Botschafter der
„befreundeten“ Länder Großbritannien und Frankreich den tschechoslowakischen
Präsidenten, Edvard Beneš, aus dem Bett. In den letzten 24 Stunden war das schon
ihr fünfter Besuch. Die nächtlichen Gäste übergaben ihm eine Note oder besser
gesagt ein Ultimatum mit folgendem Inhalt: „… wenn sie (die Regierung der
Tschechoslowakei, Anm. d. Verf.) den englisch-französischen Plan nicht annimmt,
dann wird die ganze Welt die Tschechoslowakei als einzigen Schuldigen des
unvermeidlichen Krieges nennen“ [275].
Am 21. September wurde dieses Ultimatum der „Verbündeten“ auf der
Sitzung der tschechoslowakischen Regierung diskutiert. Die Entscheidung ist
bekannt: Nachdem der Truthahn noch ein wenig auf dem Hof hin und her gelaufen
ist, gelang es dem Hausherrn ihn zu fassen und zum Schlachttisch zu bringen. Es
war höchste Zeit ihn zu schlachten. Die Antwort auf die Frage können wir – warum
auch immer – bei W. Churchill nachlesen: „Wir müssen uns an eine umwerfende
Tatsache erinnern: allein im Jahre 1938 gelang es Hitler durch die Annexion zum
Reich 6 Millionen und 750 tausend Österreicher und 3 Millionen 500 tausend
Sudetendeutsche seiner absoluten Macht unterzuordnen – d.h. 10 Millionen
Untertanen, Arbeiter und Soldaten“ [276].
In der Zeit vom 29. bis 30. September 1938 wurde in der bayrischen
Hauptstadt das berüchtigte Münchner Abkommen, das den Anschluss des
Sudetenlandes an Deutschland beschloss, von Hitler, Mussolini, Chamberlain und
Daladier unterzeichnet. Vertreter der Tschechoslowakischen Republik waren auf der
Tagung der „Hausherren“ Europas nicht eingeladen – sie befanden sich im
Nachbarzimmer. Erst nach Beendigung der Verhandlungen und des offiziellen
Aktes der Unterzeichnung durften auch die Tschechen den Vertrag für ihr Land zur
Kenntnis nehmen. Die Eile bei der Unterzeichnung des Münchner Abkommens war
so groß, dass selbst in den Tintenfässchen im Zimmer, in dem Weltpolitik gemacht
wurde, keine Tinte war [277]. Ja, wozu? Alles war schon lange vereinbart, die
Unterzeichnung – nur reine Formsache …
177
Sudetendeutsche begrüßen den Führer am Ende des Jahres 1938
Was diskutierten die Führer in München eigentlich hinter verschlossenen
Türen? Da alle Fragen bereits geklärt waren, gab es offiziell nur eine einzige Frage
des britischen Premierministers Chamberlain: „Kann die tschechische Bevölkerung,
die in innere Gebiete der Tschechoslowakei umziehen muss, ihr Vieh mitnehmen?“.
Die strenge Antwort Hitlers lautete: „Unsere Zeit ist viel zu kostbar, um sich mit
einem derartigen Unsinn zu befassen!“. Der britische Premierminister schwieg
[278].
Am 1. Oktober 1938 marschierten deutsche Truppen in die Tschechoslowakei
ein. Widerstand gab es nicht. Bei der späteren Besichtigung der tschechischen
Befestigungsanlagen haben die deutschen Generäle nur mit dem Kopf geschüttelt:
Wie gut, dass der kluge Führer die Angelegenheit friedlich gelöst hat. Gerade an der
Grenze des Sudetenlandes gab es erstklassige Befestigungsanlagen. Der Sturm
dieser Hindernisse hätte vielen Soldaten das Leben gekostet [279]. „Beim
Übungsschießen stellten die Spezialisten erstaunt fest, dass unsere Waffen, die
gegen diese Befestigungsanlagen eingesetzt werden sollten, nicht die geringste
Wirkung zeigten“ [280], schreibt in seinen Memoiren sehr diplomatisch Albert
Speer. Mit anderen Worten, die deutsche Armee hätte diese Befestigungsanlagen im
Sturm nicht überwinden können.
178
Ribbentrop, Chamberlain und Hitler während der Verhandlungen in München, wo das
Schicksal der Tschechoslowakei besiegelt wurde.
Nüchtern die noch bescheidenen Kräfte und Möglichkeiten der Wehrmacht
bewertend, bestanden die westlichen Diplomaten deshalb hartnäckig auf der
bedingungslosen Kapitulation der Tschechoslowakei!
Nach dem Münchner Abkommen war das Leid des „Truthahns“ noch lange
nicht beendet. „Die Deutschen waren nicht die einzigen Raubtiere, die den Leichnam
Tschechoslowakei zerfleischten. Unmittelbar nach dem Abschluss des Münchner
Abkommens, am 30. September stellte die … Regierung der tschechischen
Regierung ebenfalls ein Ultimatum. Sie verlangte in 24 Stunden eine Antwort auf
die Forderung, das Grenzgebiet Teschen zu annektieren. Die Tschechoslowakei
hatte keine Möglichkeit gegen diese grobe Forderung den geringsten Widerstand zu
leisten“ [281].
Wir haben im Zitat des britischen Premierministers bewusst den Namen des
Staates weggelassen, der die Tschechoslowakei so schlecht behandelte. Wer war
das? Das faschistische Italien? Die kommunistische UdSSR? Das militaristische
Japan? Nein!
Einen derartigen Vorschlag, den die tschechoslowakische Regierung
„unmöglich ablehnen“ konnte, machte die … Regierung Polens!
D.h. der gleiche Verbündete Frankreichs, wie die Tschechoslowakei! Weder
London noch Paris sagten zum Schutz der Tschechen ein einziges Wort. „Das
unschuldige Opfer“ der künftigen Aggression beeilte sich wie ein ausgeprägter
Aasfresser mit Vergnügen ein Stückchen vom tschechischen Territorium
abzubeißen. Und schon gehört das Gebiet Teschen dem Land Polen. Im Jahre 1938
zerreißt Polen ohne sich zu schämen die Tschechoslowakei, ein Jahr später kommen
179
sie in die gleiche Situation [282].
Da es vielen Ländern offensichtlich sehr leichtgefallen ist, sich fremde
Territorien anzueignen, meldet auch der ungarische Premierminister, Graf Pál
Teleki, „unberücksichtigte“ Interessen auf tschechoslowakischen Gebieten mit
ungarischen Minderheiten an. Auch er erreichte sein Ziel: Am 2. November 1938
erhält Ungarn 12 tausend km2 des Territoriums der südlichen Slowakei und ein
Teilgebiet der so genannten Ukrainischen Karpaten mit einer Bevölkerung von einer
Million Menschen.
Wer schenkte Hitler Wien und Prag [283]?
Diese Frage ist sehr leicht zu beantworten.
Das machten diejenigen, die entgegen ihrer bisherigen Position
„plötzlich“ den Anschluss von Österreich an das Deutsche Reich erlaubten.
Das machten diejenigen, die entgegen dem internationalen Recht die
rechtmäßige Regierung Spaniens mit allen Mitteln daran hinderten, die
Putschisten zu besiegen sowie die deutsche und italienische Hilfe für General
Franco hartnäckig „nicht zur Kenntnis nahmen“.
Das machten diejenigen, die entgegen ihrer Bündnispflicht der
Tschechoslowakei nicht halfen, sondern – im Gegenteil – alles taten, damit sie
kapitulierte.
Kaum bekannt ist folgendes Detail: Einen Tag nach dem Münchner
Abkommen unterschrieben Großbritannien und Deutschland eine zusätzliche
Vereinbarung [284]. Der britische Premierminister Chamberlain lud Hitler zu einem
Vieraugengespräch ein. Aus seiner Tasche zog er unerwartet ein Blatt Papier. Was
war das für eine Vereinbarung? Eine Kleinigkeit! Nichts als eine kleine
„Versicherung“. „Der deutsche Führer und Kanzler und der englische
Premierminister vereinbarten miteinander, dass die Frage der englisch-deutschen
Beziehungen erstrangige Bedeutung für beide Länder und für Europa besitzt“ – so
lautet der Inhalt des Dokuments. Die „gestern Abend unterschriebene Vereinbarung
und das deutsch-britische Flottenabkommen wurde von den zwei Ländern als
„Symbol der Entschlossenheit“ der beiden Völker betrachtet, „niemals
gegeneinander zu kämpfen“!
Genau über diese „Versicherung“ haben unsere Historiker „vergessen“ zu
berichten. Die Garantie für die Aggression Hitlers in Richtung Osten war diese
vergessene Vereinbarung und nicht das Münchner Abkommen, das nur die
Tschechoslowakei betraf! Sehr oft wird in Dokumentarfilmen die Rückkehr
Chamberlains von München nach London gezeigt. Er steht am Flugzeug, winkt mit
einem Stück Papier und erklärt lauthals: „Das ist der Frieden für unsere
Generation! („Peace for our time!“). Der Zuschauer denkt, das ist das Münchner
Abkommen. In Wirklichkeit hält Neville Chamberlain die zusätzliche englisch-
180
deutsche Vereinbarung in der Hand. Im Dezember 1938 wird die gleiche
Vereinbarung auch zwischen Frankreich und Deutschland abgeschlossen [285].
Hitler wird nur seine Landstreitkräfte ausbauen und stärken, die Vorherrschaft
der britischen Seestreitkräfte wird damit nicht bedroht. Wohin sich der
Landstreitkräfte-Koloss der deutschen Wehrmacht bewegt, interessiert die
britischen „Insulaner“ herzlich wenig.
Die Aggression Deutschlands gegen die UdSSR hat konkrete Züge
angenommen. Im Herbst 1938 sind Hitler und jene, die ihn für den Untergang
Russlands gezüchtet haben, im guten Einvernehmen miteinander in München
auseinander gegangen. Es vergeht nur ein halbes Jahr und Hitler wird von denen, die
ihm in München die Hand gedrückt haben, als Aggressor bezeichnet. Auslöser dafür
ist die Tschechoslowakei.
Genau in diesem Moment beginnt in der Geschichte der internationalen
Politik die interessanteste Zeit.
181
Wie sich Adolf Hitler an einem Tag in einen „arroganten
Aggressor“ verwandelte
„Sie haben mich immer als Prophet ausgelacht. Von denen, die
damals lachten, lachen heute unzählige nicht mehr. Die jetzt noch
lachen, werden in einiger Zeit auch nicht mehr lachen“ [286].
Adolf Hitler (* 20. 04.1889, † 30.04.1945)
„Es gibt die Ukraine im Verbund mit der UdSSR. Aber es gibt
auch eine andere Ukraine im Verbund mit anderen Staaten. Es gibt
Weißrussland im Verbund mit der UdSSR. Aber es gibt auch ein
anderes Weißrussland im Verbund mit anderen Staaten“ [287].
J. W. Stalin (* 18. 12.1878, † 05.03.1953)
Um den Sinn der Ereignisse zu verstehen, mit denen wir uns in diesem Kapitel
beschäftigen werden, müssen wir erneut auf die Karte schauen und uns überzeugen,
dass die UdSSR und Deutschland keine gemeinsame Grenze hatten.
182
Die Sowjetunion überfallen konnte Hitler nur von einem ihrer
Nachbarstaaten, d.h. von den baltischen Staaten (Litauen, Lettland und Estland), von
Polen und Rumänien. Aber rein praktisch gesehen, war die Situation wesentlich
komplizierter. Litauen, Lettland und Estland waren unabhängige Staaten, die aus
Bruchstücken des Russischen Imperiums von Großbritannien und Frankreich mit
dem Ziel geschaffen wurden, eine sichere Pufferzone zwischen Russland und
Deutschland zu bilden. Allein schon der Gedanke, dass sich die zwei großen Mächte
(Deutschland und Russland, Anm. d. Übers.) verbünden könnten, löste bei den
Angelsachsen schreckliche Alpträume aus. Die britische Politik nach dem Ersten
Weltkrieg war deshalb stets von dem Gedanken geprägt, eine derartige Annäherung
von vorn herein auszuschließen.
Die Bildung neuer Länder, die Hilfe und Unterstützung bei der
Erlangung ihrer Unabhängigkeit ist immer der Tatsache geschuldet, dass die
großen „Spieler“ dieser Welt, daran ein sehr konkretes politisches Interesse
haben. Uneigennützigkeit und Herzensgüte gibt es in der Politik nicht.
Kümmert sich gegenwärtig die USA um den „Aufbau der Demokratien“ in
Georgien, in der Ukraine und in Moldawien, weil sie sich um den Wohlstand
in diesen Ländern sorgt? Sicher nicht! - 183
- Die Idee ist immer die gleiche – es geht um die Schaffung einer
- Pufferzone aus feindlich gesinnten Staaten, die das eingekreiste Russland zu
- aufwendigen Schutzmaßnahmen zwingt. Um einen Präzedenzfall zu schaffen,
- spaltet die „zivilisierte Welt“ Jugoslawien und erkennt Kosovo als
- selbständigen Staat an.
- In Deutschland lief alles erfolgreich: Die Nazis und der von Großbritannien
- angebetete Führer sind an die Macht gekommen. Aber in Russland ist plötzlich eine
- „unangenehme“ Situation eingetreten. Genosse Stalin besiegte Trotzki und begann,
- das zerstörte Imperium wieder aufzubauen. Der Puffer von Staaten, der früher die
- Staaten voneinander trennte, wurde zum Hindernis für den geplanten Überfall auf
- die UdSSR.
- Die Situation hatte sich verändert und verlangte von den Briten eine
- Veränderung der Aufgaben: Es kam die Zeit, in der die künstlich von den
- freundlichen Briten geschaffenen Staaten still und leise Hitler „übergeben“ werden
- mussten. Die verwirrten Historiker, die nachdenklichen Politiker und Analytiker
- fragen: Warum haben Großbritannien und Frankreich eine Position nach der anderen
- gegenüber Hitlerdeutschland aufgegeben? Sie schreiben in ihren Büchern und
- Memoiren über die unwahrscheinliche Friedensliebe, die offensichtlich London und
- Paris wie ein Virus erfasst hat. Inzwischen stritt sich Hitler mit den Briten nicht
- wegen seiner Aggressivität, sondern wegen seiner – wie sie meinten – völlig
- unangebrachten Friedensliebe …
- Doch kehren wir zur Karte Europas zurück. Sie erklärt uns vieles. Die
- Unabhängigkeit der baltischen Staaten war genauso illusorisch, wie die der
- Tschechoslowakei. Wenn Hitler diese Gebiete für den Überfall auf die UdSSR
- gebraucht hätte, dann hätte er sie unter einem bestimmten Vorbehalt ohne Zweifel
- auch erhalten. Für einen Angriff auf die UdSSR waren sie jedoch nicht besonders
- geeignet.
- 184
- Das Territorium von Polen, der so genannte „polnische Korridor“, trennte
- Ostpreußen vom Deutschen Reich und machte eine bedeutende Truppenkonzentration praktisch unmöglich. Im Falle einer militärischen Auseinandersetzung mit der UdSSR befinden sich die deutschen Truppen in einer äußerst
- ungünstigen Situation: Ihr Hinterland, ihre Versorgung, d.h. alle ihre
- Kampfhandlungen hängen allein vom Wohlwollen der Polen ab. Genauer gesagt,
- von der Loyalität Großbritanniens und Frankreichs. Das war der Haken. Polen, der
- wichtigste Verbündete von Paris und London in Osteuropa, war zugeschnitten – wie
- die Tschechoslowakei und die baltischen Staaten – von der siegreichen Entente aus
- deutschen und russischen Gebieten. Diejenigen (Großbritannien und Frankreich,
- Anm. d. Übers.), die Hitlers Aggressivität auf den Osten orientierten, ihm die dazu
- erforderlichen Territorien, Produktionskapazitäten und Bodenschätze gaben, hatten
- letztendlich auch den Schlüssel für den künftigen Krieg in ihrer Hand [288].
- Ohne eine Teilnahme von Polen am Überfall auf die UdSSR war es nicht
- möglich, den deutschen Truppen die erforderliche Schlagkraft zu geben. Davon war
- die deutsche Generalität bereits nach ihrer ersten Kommando-Stabs-Übung für den
- Plan „Barbarossa“ im Herbst 1936 überzeugt. Die Schlussfolgerung des deutschen
- Generalstabes lautete: Wir werden keinerlei konkrete Lösung bezüglich der
- Ostkampagne finden, bevor nicht die Frage der Schaffung einer Operations-basis
- direkt in Ostpolen geklärt wird [289].
- Die Frage des Einverständnisses der Polen und die Frage ihrer Mitwirkung
- waren für Hitler deshalb von entscheidender Bedeutung. Diejenigen, die denken,
- dass Warschau über seine Handlungen frei und unabhängig entscheiden konnte,
- sollten sich an den Selbstmord der „unabhängigen“ Tschechoslowakei erinnern. Wie
- ein Samurai beging sie auf Befehl ihres Herrn Harakiri …
- Wie ein großer Korken versperrte Polen Hitler den Weg zur sowjetischen
- Grenze. Es lag in der Macht der Briten und Franzosen diesen Korken im richtigen
- Moment herauszuschlagen. An der rechten Flanke des deutschen Aggressors
- bereitete sich Rumänien auf den Angriff gegen die Sowjetunion vor. Eine
- Freundschaft von Hitler mit den Rumänen gab es noch nicht. Aber das war kein
- Problem. Rumänien, wie auch die Tschechoslowakei und Jugoslawien, waren
- Mitglieder der Kleinen Entente und Verbündete von London und Paris. Für einen
- erfolgreichen Krieg waren die Briten bereit, auch dieses Land Hitler zu übergeben.
- Die rumänischen Erdölvorkommen wurden für die hoch motorisierte Wehrmacht im
- kommenden Krieg dringend gebraucht.
- Wer in Rumänien wirklich herrschte, dass kann anhand der folgenden
- Fakten festgestellt werden. Im Jahre 1929 wurde auch dieses Land von der
- Weltwirtschaftskrise überrollt. Noch im gleichen Jahr erhielt die rumänische
- Regierung von amerikanischen, französischen und britischen Banken so
- genannte Darlehen für die „Stabilisierung“, im Jahre 1931 – für die
- „Entwicklung“. Die Kreditbedingungen waren derart unverschämt, dass
- 185
- Rumänien bis zum Jahre 1932 weder die jährlichen Schulden noch die Zinsen
- zurückzahlen konnte. In Verbindung mit diesen Krediten erhielten viele
- ausländische Unternehmen Konzessionen und damit auch das Monopol in
- wichtigen Wirtschaftszweigen: z.B. für Telefonstationen, Tabak, Salz,
- Streichhölzer, Zigarettenpapier, … Zur Abwendung des Staatsbankrotts
- wurde 1932 nach Rumänien eine Kommission (9 Spezialisten) gesandt, die
- letztendlich die Kontrolle über alle Ein- und Ausgaben des Landes und auch
- über die rumänische Nationalbank übernahm. Rumänien wurde de facto vom
- Ausland regiert. Unter den Kreditgebern war keine einzige Bank aus
- Deutschland [290].
- Das Deutsch-Rumänische Wirtschaftsabkommen vom 23. März 1939 und seine spätere
- Präzisierung in Zusatzabkommen lag ausschließlich im Interesse der deutschen Kriegswirtschaft
- und im Interesse des Profits einiger weniger rumänischer Unternehmer. Die Kosten und
- praktischen Konsequenzen dieses Vertrages musste das rumänische Volk in den folgenden Jahren
- bis zum August 1944 mit ungeheuren Blutopfern und mit einer krassen Senkung seines ohnehin
- sehr niedrigen Lebensstandards tragen.
- Wie stellte sich das ferne London das Szenarium des Krieges zwischen
- Deutschland und der UdSSR vor? Ganz einfach: Unter Nutzung der bereitgestellten
- wirtschaftlichen, territorialen und politischen Möglichkeiten überfällt Deutschland
- die Sowjetunion. An diesem Krieg nehmen auch die Polen teil, die schon lange von
- einer Wiedergeburt des „Großen Polens“ mit Gebieten der Ukraine, Weißrusslands
- und Russlands träumen. Es ist völlig egal, ob Hitler diesen Krieg gewinnt, oder – bis
- zu den Ohren – darin versinkt. Auf Befehl der Briten kann Polen im Hinterland den
- 186
- Deutschen jederzeit den „Hahn zudrehen“ und damit den Nachschub für die
- deutschen Truppen (Treibstoff und Munition) unterbrechen. In die Konfliktzone
- fliegen dann die Amerikaner, Franzosen und Briten ein und diktieren den Deutschen
- und Russen ihren Frieden, ihre „Freiheit“ und ihre „Demokratie“.
- Genau im Jahre 1938 beginnt eine zügellose Aufrüstung der
- „friedliebenden Mächte“. Die Behauptung, sie wollten sich vor Hitler
- schützen, ist völlig unzutreffend. Um sich zu verteidigen, brauchten sie nicht
- einmal die vorhandenen bescheidenen Waffen. Darüber wird in diesem Buch
- berichtet. Sie brauchten die neuen Waffen, um Hitler in den Rücken zu fallen
- und um dem ausgebluteten Russland ihren Willen zu diktieren. „Die
- militärischen Vorbereitungen der Vereinigten Staaten von Amerika auf einen
- Land-, Luft- und Seekrieg … laufen im beschleunigten Tempo und haben
- schon die enorme Summe von 1.250 Millionen Dollar verschluckt“, lesen wir
- im Bericht des polnischen Botschafters, Graf Jerzi Potocki, aus Washington
- am 16. Januar 1939 [291]. Chamberlain, der „unserer Generation“ den
- Frieden gebracht hat, „erklärte“ schon drei Tage nach seiner Rückkehr aus
- der Idylle Münchens „im Unterhaus die Aufrüstung um jeden Preis“ [292].
- Nach diesem Szenarium
- wird in der UdSSR ein „demokratischer“ Staat gegründet, der bereit ist, alle
Schulden des zaristischen Russlands zu übernehmen, der dem Westen alle
187
nationalisierten Unternehmen zurückgibt und der es ihm fast kostenlos
erlaubt, russisches Erdöl zu fördern, russische Diamanten zu gewinnen und
den russischen Wald abzuholzen; - werden in Deutschland die Generäle Hitler stürzen, der die Deutschen von der
ganzen zivilisierten Welt getrennt hat.
Die Anwesenheit von polnischen Truppen an den Grenzen ihres Landes und
im Hinterland der in Russland kämpfenden deutschen Armee schloss ein Widerstand der Deutschen völlig aus. Die Menschenrechtsschützer und Journalisten, die
plötzlich ihr Augenlicht wiedererlangen, „sehen“ in diesem Moment die ganzen
grausamen Verbrechen der Faschisten. Weiter folgt – der „Nürnberger Prozess“, die
Verurteilung des Nationalsozialismus, die Hinrichtung seiner Führer – mit einem
Wort alles, was in Wirklichkeit auch geschah.
Es ist wichtig zu verstehen, dass die Angelsachsen sich mit Hitler, den sie auf
Russland hetzten, nicht auf eine Stufe stellten und ihm an ihrem eigenen „Tisch“
auch keinen Platz anboten. Nach der schweren blutigen Arbeit in unseren
grenzenlosen Weiten konnte Adolf auch keine gleichberechtigte Partnerschaft mit
der britischen Aristokratie (Lords, Ladys, Sirs, …) erwarten, sondern bestenfalls
eine Gerichtsbank oder eine Giftampulle. Nachdem er seine dreckige Arbeit zur
Ausrottung der Bolschwiken (genauer gesagt der Russen) erledigt hatte, musste er
gemeinsam mit dem Nationalsozialismus spurlos verschwinden. Die friedliebende
Menschheit wird den Briten, Franzosen und Amerikanern für ihre „Befreiung“ vom
schrecklichen Faschismus ewig dankbar sein und sie noch mehr lieben. Solche
Länder wie die Tschechoslowakei, Österreich, Estland, Litauen und Lettland
werden erneut zu „unabhängigen“ und „demokratischen“ Staaten erklärt. Bis zu dem
Moment, wenn sie im Interesse der politischen Spiele ihrer Herren erneut zur
Schlachtbank geführt werden.
Sie haben Recht, verehrter Leser, dieses Szenarium der Aggression ist sehr
bedingt und sehr schematisch. Da sich die Ereignisse in Wirklichkeit völlig anders
entwickeln, hat uns auch niemand jemals daran erinnert, wie sie tatsächlich
„geplant“ waren. Denn als direkte Organisatoren dieses Horrors würden die
zukünftigen Sieger des Zweiten Weltkrieges ziemlich widerlich und abstoßend
aussehen.
Hat der Kreml die politische Patience, die von den Regierungen
Großbritanniens und Frankreichs auf den europäischen Tisch gelegt wurde,
verstanden? Ohne Zweifel! Nur ein Blinder konnte nicht verstehen und nicht
bemerken, mit welchem Ziel das 3. Deutsche Reich unter der Führung von Adolf
Hitler gezüchtet worden ist. Noch am 1. März 1936, d.h. lange vor der Übergabe
von Österreich und der Tschechoslowakei an Hitler, gab Josef Stalin dem
amerikanischen Journalisten, Roy Howard, ein Interview. Auf die Fragen „Wie
stellt sich die UdSSR den Überfall von Deutschland vor und aus welchen Positionen
und in welche Richtungen wird das deutsche Militär einmarschieren, sagte der
188
Präsident der UdSSR folgendes: „Die Geschichte zeigt, wenn ein Staat einen
anderen Staat überfallen will, sogar wenn sie nicht benachbart sind, dann beginnt er
eine Grenze zu suchen, über die er zur Grenze des Staates gelangt, den er überfallen
will. Ein aggressiver Staat findet solche Grenzen … Ich weiß nicht, welche Grenzen
Deutschland für die Umsetzung seiner Ziele sucht, aber ich denke, dass sich Jäger
finden werden, die dafür ihre Grenze „als Kredit“ bereitstellen“ [293].
Wie wir gesehen haben, hatte Josef Wissarionowitsch Stalin Recht: Hitler
gaben sie „als Kredit“ Österreich und die Tschechoslowakei. Langsam, aber
zielstrebig führten sie ihn an die sowjetische Grenze. Eine Begrenzung auf das dem
Führer übergebene Sudetenland war deshalb nicht möglich – er brauchte das
gesamte Territorium der Tschechoslowakei. Hinter der Tschechei liegt die Slowakei
mit der Grenze zur sowjetischen Ukraine. Dort liegen die Gebiete, die den
„Schlüssel“ für den künftigen Krieg gegen Russland bilden. Es sind die
Ukrainischen Karpaten.
Das waren nicht nur Territorien – das war auch ein Vorwand.
Jeder offensichtliche Aggressor, jedes blutige Regime braucht einen Vorwand
für den Beginn eines Krieges. Je größer ihr Wahrheitsgehalt, umso besser. Ein
derartiger Vorwand wurde für Hitler vorbereitet. Es war geplant, um Hitler die
verbleibenden Gebiete der Tschechei gemeinsam mit Slowakei zu übergeben.
Zur Slowakei gehörten auch die Ukrainischen Karpaten! Mit der
Erlaubnis zur Übergabe der von Ukrainern bewohnten Enklave gaben die Briten
Hitler ein Trumpf-As in die Hand. Zur UdSSR gehörte die Ukraine – zu Deutschland
die Ukrainischen Karpaten. Ein Vorwand für den künftigen Krieg war gegeben.
Verstehen Sie! Ein Teil muss mit dem anderen Teil vereinigt werden. Besonders
dann, wenn irgendeine selbstständige ukrainische Regierung Adolf Hitler darum
bittet …
Nach der Übergabe eines Teils vom Territorium der Tschechoslowakei an
Hitler in München, planten Großbritannien und Frankreich schon ein, ihm auch den
Rest des Prager „Truthahns“ zu überlassen. Die Verletzung des Münchner
Abkommens durch die Tschechen und die Einhaltung durch Hitler war mit einem
einfachen Verfahren geplant. In einem Gespräch sagte der britische Premierminister
Chamberlain: „ … Es ist nicht richtig zu denken, dass die (Münchner, Einf. d.
Übers.) Garantien uns verpflichten, die vorhandenen Grenzen der Tschechoslowakei
einzuhalten. Die Garantien gelten nur im Falle einer nicht provozierten Aggression
[294].
189
Karte von Europa – August 1939
Der Westen garantierte den Bestand der Rest-Tschechoslowakei nur im
Falle eines Angriffs auf sie. Falls sie einfach zerfällt, entfallen jegliche Garantien.
Genau das war der Weg zur Übergabe der gesamten Tschechoslowakei an Hitler.
Wir müssen nur verstehen, dass der „Aggressor“ Deutschland und die
„Friedensstifter“ Großbritannien und Frankreich nach einem vorab ausgearbeiteten
und abgestimmten Plan vorgehen. Hitler spielte die Rolle des „bösen“
Untersuchungsrichters, aber die Herren aus London und Paris – die guten, jedoch
sehr willensschwachen. Ich muss zugeben, dass mich zunächst ein wichtiges Detail
irritierte: Nach dem Abschluss des Münchner Abkommens wurde ein Teil der
Karpaten nicht den Deutschen, sondern den Ungarn übergeben. Aus der britischen
und französischen Presse dieser Zeit können wir jedoch entnehmen, dass diese
Tatsache praktisch keinerlei Bedeutung besaß. Obwohl Adolf Hitler noch kein Stück
der Karpaten mit ukrainischen Bürgern in Besitz genommen hat, provozierte ihn die
westliche Presse zu aggressiven Handlungen gegen die UdSSR. Die besorgten
Journalisten diktierten dem Führer seine weiteren Handlungen und gaben ihm zu
verstehen, dass sie in den europäischen Hauptstädten Verständnis und Unterstützung
190
finden. „ Warum sollte Deutschland mit seiner Forderung nach Kolonien das Risiko
eines Krieges mit Großbritannien und Frankreich eingehen, wenn es damit
wesentlich weniger erhält, als in der Ukraine?“ [295] – schwätzte die französische
Zeitung „Gringoire“ am 5. Januar 1939. In schillernden Farben beschrieb sie die
unermesslichen Reichtümer, den Überfluss an Lebensmitteln, Korn und
Bodenschätzen, die auf ihre neuen Herren warten. Und das alles liegt gleich
nebenan, nur irgendwelche 100 km entfernt!
Die Gerüchte, dass Hitler bald in die Ukraine einmarschieren wird,
verbreiteten sich in Windeseile und erreichten irgendwann ihren politischen
Höhepunkt. Der französische Botschafter in Deutschland, Robert Coulondre,
berichtete – unter Bezug auf ein Gespräch mit faschistischen Führern – in Paris: „Es
scheint, dass der Weg und die Mittel noch nicht genau bestimmt sind, aber das Ziel
ist offensichtlich klar – die Große Ukraine wird die Kornkammer von Deutschland.
Um dieses Ziel zu erreichen, muss Rumänien erobert, mit Polen verhandelt und von
der UdSSR eine Stück Land gewaltsam abgetrennt werden. Die deutsche Dynamik
ist selbst angesichts dieser Schwierigkeiten nicht aufzuhalten, in militärischen
Kreisen wird schon über einen Feldzug in den Kaukasus und nach Baku gesprochen“
[296].
Auf Grund bestimmter Ereignisse nahm die Geschichte jedoch einen völlig
anderen Verlauf. Auf den ersten Blick geschah nichts Ungewöhnliches. Am 10.
März 1939 hielt J.W. Stalin auf der Tribüne des XVIII. Parteitages den
191
Rechenschaftsbericht des ZK der KPdSU(B). In seiner Rede gab es etwas
Besonderes, über das wir in diesem Kapitel berichten müssen. Nicht, weil es
erstmals in der Sowjetunion reguläre Fernsehübertragungen gab [297] und nicht,
weil er wie viele andere auch, über den Krieg sprach. Dieser Vortrag von Stalin ist
für das Verständnis der weiteren Ereignisse von sehr großer Bedeutung. Deshalb
werden wir ihn an dieser Stelle auszugsweise mit bestimmten Kommentaren
wiedergeben.
„ … Hier eine Aufzählung der wichtigsten Ereignisse in der
Berichtsperiode, die den neuen imperialistischen Krieg einleiteten. Im Jahre
1935 überfiel Italien Abessinien (heutiges Äthiopien, Anm. d. Übers.) und
annektierte es. Im Sommer 1936 organisierten Deutschland und Italien die
militärische Intervention in Spanien, wobei sich Deutschland im Norden
Spaniens und in Spanisch-Marokko und Italien im Süden Spaniens und auf
den Balearen (Inselgruppe im westlichen Mittelmeer, Anm. d. Übers.)
festsetzten. Im Jahre 1937 brach Japan, nach der Annexion der Mandschurei,
in Nord- und Zentralchina ein, besetzte die Städte Peking, Tianjin, Shanghai
und begann seine ausländischen Konkurrenten aus der Okkupationszone zu
verdrängen. Im Frühjahr 1938 annektierte Deutschland Österreich und im
Herbst 1938 das Sudetengebiet der Tschechoslowakei. Ende 1938
bemächtigte sich Japan Kantons und im Februar 1939 der Insel Hainan“
[298].
Weil wir uns in diesem Buch mit Adolf Hitler beschäftigen, betrachten
wir natürlich in erster Linie die deutschen Kriegshandlungen. Die Gründe, welche
192
Japan zu ähnlichen aggressiven Handlungen veranlassten, sind jedoch völlig analog:
Die japanische Macht genoss die allerhöchste Anerkennung von Großbritannien,
Frankreich und den USA. Mit ihrem Überfall auf China gelangte Japan an die
Grenze der UdSSR früher als Adolf Hitler. Japan zögerte auch nicht, sich in
Chalchyn Gol und am Chassansee auf erste Kampfhandlungen mit der sowjetischen
Armee einzulassen. Wir erinnern uns, dass auch die nächste Olympiade an Japan
(Tokio) übertragen wurde. Nicht nur wir, sondern auch Genosse Stalin haben
verstanden, dass die Sowjetunion von beiden Seiten angegriffen werden sollte.
Selbstverständlich waren die Japaner schon früher unsere Nachbarn, aber für
die Entfaltung ihrer Armee brauchten sie das entsprechende Territorium und für den
Beginn des Krieges – einen Vorwand. Der Zusammenstoß mit der sowjetischen
Armee in der Mongolei ergab sowohl das eine als auch das andere.
„ … Der Krieg ist unerbittlich. Man kann ihn hinter keinerlei Kulissen
verstecken. Denn hinter keinerlei „Achsen“, „Dreiecken“ und
„Antikomintern-Pakten“ lässt sich die Tatsache verstecken, dass Japan
während dieser Zeit ein gewaltiges Gebiet von Chinas, Italien – Abessinien,
Deutschland – Österreich und das Sudetengebiet, Deutschland und Italien
gemeinsam – Spanien an sich gerissen haben, all dies gegen die Interessen der
nichtaggressiven Staaten. Der Krieg blieb Krieg, der Kriegsblock der
Aggressoren blieb ein Kriegsblock und die Aggressoren blieben Aggressoren.
Ein kennzeichnender Zug des neuen imperialistischen Krieges besteht
darin, dass er noch nicht zu einem allgemeinen, zu einem Weltkrieg geworden
ist. Der Krieg wird von den aggressiven Staaten geführt, die die Interessen
der nichtaggressiven Staaten, vor allem Großbritanniens, Frankreichs und
193
der USA, in jeder Weise schädigen; die letzteren weichen zurück, treten den
Rückzug an, machen den Aggressoren ein Zugeständnis nach dem anderen.
Somit vollzieht sich vor unseren Augen eine offene Neuaufteilung der Welt
und der Einflusssphären auf Kosten der Interessen der nichtaggressiven
Staaten, wobei diese keinerlei Versuche zur Abwehr unternehmen, in gewisser
Weise sogar jene begünstigen. Unglaublich, aber wahr [299].
Das „Wunder“ der neuen Friedenspolitik, welches die stärksten Staaten der
Welt erfasste, war für die Beobachter im Kreml ein Alarmsignal. Sie hatten keinerlei
Illusionen, mit welchem Ziel diese Politik verfolgt wurde.
„Wodurch ist dieser einseitige und seltsame Charakter des neuen
imperialistischen Krieges zu erklären? Wie konnte es geschehen, dass die
nichtaggressiven Länder, die über gewaltige Möglichkeiten verfügen, so
leicht und ohne Widerstand zugunsten der Angreifer ihre Positionen
preisgaben und sich von ihren Verpflichtungen lossagten? Ist dies etwa durch
die Schwäche der nichtaggressiven Staaten zu erklären? Natürlich nicht! Die
nichtaggressiven, demokratischen Staaten sind zusammen unzweifelhaft
stärker als die faschistischen Staaten, sowohl in ökonomischer als auch in
militärischer Hinsicht.
Wodurch sind also in diesem Falle die systematischen Zugeständnisse
dieser Staaten an die Aggressoren zu erklären? Man könnte dies zum Beispiel
mit der Furcht vor einer Revolution erklären, die ausbrechen könnte, wenn
die nichtaggressiven Staaten in den Krieg eintreten und der Krieg zu einem
Weltkrieg wird… Aber das sind z. Z. nicht die einzigen und nicht einmal die
wichtigsten Ursachen. Die wichtigsten Ursachen bestehen darin, dass sich die
meisten nichtaggressiven Länder und vor allem Großbritannien und
Frankreich von der Politik der kollektiven Sicherheit, von der Politik der
kollektiven Abwehr der Aggressoren losgesagt haben, dass sie die Position
der Nichteinmischung, die Position der „Neutralität“ bezogen haben“ [300].
Charakteristisch ist, dass Stalin, wenn er über die Revolution spricht, diese als
zweitrangigen Grund für die Zugeständnisse der „nichtaggressiven Staaten“ nennt.
Seine Rede, die zunächst an einen sehr stillen Fluss erinnert, gewinnt an Kraft und
endet schließlich in einem furchtgebietenden Gebirgsstrom.
„Formal gesehen könnte man die Politik der Nichteinmischung wie folgt
charakterisieren: „Jedes Land möge sich gegen die Aggressoren verteidigen
wie es will und wie es kann, wir scheren uns nicht darum, wir werden sowohl
mit den Aggressoren als auch mit ihren Opfern Handel treiben“. In
Wirklichkeit bedeutet jedoch die Politik der Nichteinmischung eine
Begünstigung der Aggression, die Entfesselung eines Krieges und folglich
seine Umwandlung in einen Weltkrieg. In der Politik der Nichteinmischung
194
wird das Bestreben, bzw. der Wunsch sichtbar, die Aggressoren bei der
Ausführung ihres dunklen Werkes nicht zu hindern, z.B. Japan nicht zu
hindern, sich in einen Krieg mit China, noch besser aber gegen die
Sowjetunion einzulassen, z.B. Deutschland nicht zu hindern, sich in
europäische Angelegenheiten zu verstricken, sich in einen Krieg mit der
Sowjetunion einzulassen, alle Kriegsteilnehmer tief in dem Morast des
Krieges versinken zu lassen, sie im Stillen dazu anzuspornen, dazu zu bringen,
dass sie einander schwächen und erschöpfen, dann aber, wenn sie genügend
geschwächt sind, mit frischen Kräften auf dem Schauplatz zu erscheinen und,
natürlich, „im Interesse des Friedens“ aufzutreten, um den geschwächten
Kriegsteilnehmern ihre Bedingungen zu diktieren. Wie billig und wie nett!“
[301].
Auf der Tribüne des Parteitages verkündet Stalin direkt und offen jene Pläne,
die niemals umgesetzt werden, die aber in diesem Moment die größte Bedrohung
und Gefahr für den von ihm geführten Staat darstellten. Warum konnten diese
Drohungen nicht umgesetzt werden? Warum verlaufen die Ereignisse anders als im
Szenarium geplant? Weil Stalin Hitler klar und deutlich sagte, welches Schicksal
195
Deutschland erwartet: Nach ihrer Schwächung im Krieg gegen die UdSSR,
unterliegen die Deutschen (wie übrigens auch die Japaner) dem brutalen Diktat der
„nichtaggressiven Staaten“, die damit konsequent ihre „Nichteinmischungs-politik“
demonstrieren.
„Oder nehmen wir z.B. Deutschland. Man trat Deutschland Österreich
ab, ungeachtet der Verpflichtung, die Selbstständigkeit Österreichs zu
verteidigen, man trat ihnen das Sudetengebiet ab, überließ die
Tschechoslowakei ihrem Schicksal, womit man allen und jeden
Verpflichtungen zuwider handelte, und begann dann in der Presse lärmend zu
lügen, dass die „russische Armee schwach“, die „russische Luftflotte
zersetzt“ sei, dass es in der Sowjetunion „Unruhen“ gebe, wodurch man die
Deutschen anstachelte, weiter nach Osten vorzustoßen, ihnen leichte Beute
versprach und ihnen zuredete: Fangt nur den Krieg gegen die Bolschewiki an,
weiter wird alles gut gehen. Man muss zugeben, dass dies ebenfalls einem
Antreiben, einer Ermunterung des Aggressors sehr ist.
Kennzeichnend ist der Lärm, den die englische, französische und
nordamerikanische Presse um die Sowjetunion erhob. Die Vertreter dieser
Presse schrien sich heiser, dass die Deutschen gegen die Sowjetukraine
marschieren, dass sie gegenwärtig die so genannten Ukrainischen Karpaten
in den Händen haben, die etwa 700 tausend Einwohnern zählt, und dass die
Deutschen nicht später als im Frühling dieses Jahres den Anschluss der
Sowjetukraine mit mehr als 30 Millionen Einwohnern an die ukrainischen
Karpaten vollziehen würden. Es hat den Anschein, als ob dieser verdächtige
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Lärm den Zweck hatte, bei der Sowjetunion Wut gegen Deutschland zu
erregen, die Atmosphäre zu vergiften und einen Konflikt mit Deutschland zu
provozieren, ohne dass dazu sichtbare Gründe vorliegen“ [302].
Wie man sagt, Kommentare sind überflüssig. Die Ansprache an Hitler ist
einfach und klar: Du wirst provoziert uns zu überfallen, wir werden provoziert uns
zu verteidigen. Sobald wir in einem Kampf verstrickt sind, werden „sie“ unsere
Bodenschätze verteilen und Deutschland erneut das Fell über die Ohren ziehen.
Möchtest Du, Adolf Hitler, das haben? Hast Du dafür Deine Partei geschaffen und
deshalb begonnen Deutschland aus dem Abgrund zu ziehen, in den die käuflichen
Politiker der Weimarer Republik das Land gestürzt haben?
In seiner weiteren Rede wendet sich Stalin direkt an Hitler mit einer
sensationellen Information von gewaltiger Stärke, die wie eine Bombe einschlägt!
„Noch kennzeichnender ist es, dass gewisse Politiker und Pressevertreter in Europa und in den Vereinigten Staaten, die in Erwartung eines
„Feldzuges gegen die Sowjetukraine“ die Geduld verloren haben, selber dazu
übergehen, die wahren Hintergründe der Nichteinmischungspolitik zu
enthüllen. Sie erklären geradeheraus und geben es schwarz auf weiß zu, dass
sie von den Deutschen schwer „enttäuscht“ seien, da diese, statt weiter nach
Osten, gegen die Sowjetunion vorzustoßen, sich – man denke nur – nach
Westen wenden und Kolonien verlangen. Der Gedanke liegt nahe, man habe
den Deutschen Gebiete der Tschechoslowakei als Kaufpreis für die
Verpflichtung gegeben, den Krieg gegen die Sowjetunion zu beginnen, dass
sich aber die Deutschen nunmehr weigern, den Wechsel einzulösen, und
den Gläubigern die Tür weisen.
Ich bin weit davon entfernt, über die Nichteinmischungspolitik zu
moralisieren, von Verrat, von Treuebruch und dergleichen zu sprechen. Es
wäre naiv, Leuten, die die menschliche Moral nicht anerkennen, Moral zu
predigen. Politik ist Politik, wie die alten durchtriebenen bürgerlichen
Diplomaten sagen. Es ist jedoch notwendig zu bemerken, dass das große und
gefährliche politische Spiel, das die Anhänger der Nichteinmischungspolitik
begonnen haben, für sie mit einem ernsten Fiasko enden kann.
So sieht in Wirklichkeit die heute herrschende Nichteinmischungspolitik aus. Das ist die politische Lage in den kapitalistischen Ländern“
[303].
Auf der Tribüne des XVIII. Parteitages legte Josef Wissarionowitsch Stalin
den Delegierten in konzentrierter Form dar, was in der Weltpolitik nach seinem Sieg
über Lew Dawidowitsch Trotzki geschehen ist. An dieser Stelle macht die Mehrheit
der Historiker und Geschichtsforscher einen gewaltigen Fehler: Sie scheinen
tatsächlich zu glauben, dass der erste Mann des einen Staates sich mit dem ersten
Mann des feindlichen Staates im Rahmen einer öffentlichen Rede unterhält.
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Freundschaftsvorschläge, Friedensgespräche und Bündnisse werden demnach
erstmals auf Parteitagen gemacht, während der Debatten im Parlament oder im
Verlaufe von Pressekonferenzen.
Sich im Rahmen eines öffentlichen Auftritts auf diese Art und Weise direkt
oder indirekt an den Staatsführer eines Landes zu wenden, ist im Prinzip möglich,
aber nicht üblich. Dieser Weg bildet jedoch niemals die Grundlage für den Aufruf
zur Kontaktaufnahme oder für den Beginn von Kontakten zwischen zwei Staaten!
Es ist kein Geheimnis, dass es neben der offiziellen Diplomatie auch eine geheime
Diplomatie gibt. In diesem Milieu treffen sich keine Außenminister und keine
Diplomaten, sondern äußerlich völlig unauffällige, unbedeutende und konspirativ
handelnde Persönlichkeiten. Sie diskutieren die Perspektiven der Beziehungen
zwischen ihren Ländern. Wenn diese Subjekte in Abstimmung mit den Chefs ihrer
Länder in irgendeinem Kaffee oder in irgendeiner Bierkneipe die Grundlage für
einen Kompromiss gefunden haben, dann erfolgt „plötzlich“ von hoher Tribüne eine
Erklärung, mit der die Historiker den Wendepunkt in den internationalen
Beziehungen verbinden.
Am 22. Oktober 1962 speisen in dem amerikanischen Top-Restaurant
„Occidental“ in Washington zwei Herren: Alexander Feklisov, Leiter des
sowjetischen KGB-Büros (Büro für Staatssicherheit, Anm. d. Übers.) und
John Scali, Moderator politischer TV-Sendungen eines amerikanischen
Fernsehkanals und Vertrauter des Präsidenten Kennedy. In ihrem Gespräch
geht es um das Schicksal der Welt – um Krieg oder Frieden. Von ihnen wurden
die Grundlagen eines Kompromisses ausgehandelt, der verhinderte, dass die
so genannte Kuba-Krise in einen atomaren Weltkrieg mündet [304].
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Sie, verehrter Leser, zweifeln daran? Dann erinnern Sie sich an die Geschichte
der Machtergreifung Adolf Hitlers, die mit zahlreichen Aktivitäten der „geheimen
bzw. verdeckten Diplomatie“ untersetzt war. Erinnern Sie sich an die vielen
„genialen“ Entscheidungen des Führers in der Außenpolitik. Er traf seine
Entscheidungen nicht „in weiser Voraussicht“ und nicht „dank göttlicher
Vorsehung“, sondern weil er stets wusste, wie seine „Friedensstifter“ reagieren und
konkret handeln werden. Wer sagte ihm, dass Frankreich keine Truppen in das
Rheingebiet schickt? Wer garantierte ihm, dass London die allgemeine
Mobilmachung und die enorme Stärkung seiner Armee einfach schluckt? Der
französische und britische Botschafter? Der französische und britische
Militärattaché der Botschaften? Nein, natürlich nicht. Hitlers „Vorsehung“ sind
eindeutige Ergebnisse seiner geheimen Diplomatie [305].
Niemand in der Welt offenbart seine eigenen diplomatischen Kanäle und die
darüber verlaufenden verdeckten Aktivitäten. Denn sehr oft widersprechen sie der
offiziellen Position der Regierung. Warum soll der britische Botschafter in Berlin
wissen, dass Großbritannien im Ergebnis vieler Schritte und langjähriger
Operationen den Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion vorbereitet? In jedem
Fall muss er die offiziellen Aufträge seiner Regierung erfüllen und – wenn
notwendig – auch Protestnoten übergeben. Über die nichtoffiziellen Kanäle hatte
Hitler seine dreisten Schritte schon längst abgestimmt und die Bestätigung erhalten,
dass er mit keinen negativen Folgen rechnen braucht.
Verhandlungen hinter den Kulissen waren und sind keine Erfindung des 20.
Jahrhunderts, sie sind auch kein Privileg irgendeiner Seite. In historischen Werken
und Forschungsarbeiten können wir zahlreiche Beispiele über geheime Missionen,
geheimnisvolle Gesandte und unerwartete Veränderungen im politischen Klima
finden. Wir werden uns nicht in den historischen Dschungel vertiefen – Beweise
über die geheime Diplomatie (Verhandlungen hinter den Kulissen) können wir in
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vielen Büchern, die heutzutage völlig offen in den Bücherregalen stehen, finden.
„Im April 1938 wurde der Leiter des sowjetischen NKWD in Finnland, Boris
Rybkin, in den Kreml gerufen. Stalin und andere Mitglieder des Politbüros
beauftragten ihn mit einer streng geheimen Aufgabe … Er sollte – am sowjetischen
Botschafter vorbei – der finnischen Regierung inoffiziell eine Vereinbarung
vorschlagen. Stalin betonte, das sei nur ein Test. Deshalb durfte dieser Vorschlag
auch nur mündlich in Abwesenheit offizieller sowjetischer Vertreter unterbreitet
werden. Rybkin handelte wie befohlen, aber sein Vorschlag wurde abgelehnt. Er
führte jedoch zu einer Spaltung der finnischen Regierung, die später im
Zusammenhang mit der Unterzeichnung eines separaten Friedensvertrages mit
Finnland im Jahre 1944 genutzt werden konnte [306].
Pavel Sudoplatov war ein Leiter des sowjetischen Geheimdienstes. Er wusste
vieles, was selbst hochgestellte Persönlichkeiten in der UdSSR nicht kannten und
für unmöglich hielten. Jedoch bestimmte Seiten der geheimen Diplomatie kannte er
nicht. Über die geheimnisvollen Hintergründe im Zusammenhang mit dem
Abschluss des Nichtangriffspaktes mit Deutschland wusste Sudoplatov z.B. gar
nichts: „Trotzdem, die Schnelligkeit mit der dieser Nichtangriffsvertrag mit Hitler
unterschrieben wurde, überraschte mich: nur zwei Tage vor der Unterzeichnung
erhielt ich den Befehl, mögliche Wege zur friedlichen Regelung unserer
Beziehungen mit Deutschland zu suchen.
Wir waren noch dabei, unsere strategischen Vorschläge an Stalin und Molotov
zu schicken, als wir schon die Nachricht erhielten, der Vertrag ist unterschrieben. In
einer Atmosphäre strengster Geheimhaltung hat diese Verhandlungen Stalin selbst
durchgeführt“ [307] (kursiv – Anm. d. V.) - Im Falle eines Krieges nach der
- Zerschlagung Polens kann ggf. unter dem einen oder anderen Vorwand mit dem
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- Westen neu verhandelt werden.
- So hat Hitler die Situation eingeschätzt. Die Manöver der westlichen
- Diplomaten haben nicht nur ihn betrogen. Die polnische Führung hat sehr langsam
- begriffen, dass die Versprechen von Großbritannien und Frankreich vor dem Krieg
- nur leere Worte waren. Wo sind die versprochenen Flugzeuge? Warum
- bombardieren die Verbündeten noch keine deutschen Objekte? Warum erweist
- Frankreich in Übereinstimmung mit dem Vertrag den Polen keine Hilfe? Wann
- erklärt Frankreich dem Aggressor den Krieg?
- Diese und viele andere Fragen stellte der polnische Botschafter dem
- französischen Außenminister, Georges Bonnet, in Paris. Die Antwort von Bonnet
- stellt den französischen Wunsch, Hitler ein paar Tage Vorlauf zu geben, außer Frage.
- Die deutsche Armee soll diesen Vorlauf nutzen, um der polnischen Armee das
- Rückgrat zu brechen. Die französische Regierung, so sagte Bonnet, kann das
- Ultimatum nur nach der „Entscheidung des Parlaments, dessen Sitzung in der
- zweiten Tageshälfte stattfindet“ [454], schicken. Das Ultimatum, welches dann nach
- Berlin geschickt wird, läuft erst nach 48 Stunden ab. Erst dann, kann Deutschland
- der Krieg erklärt werden.
- Diese Antwort versetzte den polnischen Botschafter in Angst und Schrecken.
- Die Verzweiflung der Polen kann man gut verstehen: Wir haben alles getan, was sie
- uns gesagt haben, jetzt werden wir furchtbar geschlagen, aber eine Unterstützung
- erhalten wir nicht. Nachdem die Polen jegliche Geduld verloren haben, bitten sie
- schon nicht mehr, sondern fordern die Erfüllung der versprochenen Handlungen.
- Am Abend des 2. September, nach der Sitzung des französischen Parlaments,
- wandte sich der polnische Botschafter erneut an den Außenminister Bonnet. Auf
- seine Frage antwortete er, dass das Ultimatum noch auf der Sitzung des Ministerrates
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- diskutiert werden muss. „In diesem Moment verlor der Botschafter die Geduld, sagte
- Bonnet, was er über ihn denkt und forderte die sofortige Erklärung des Ultimatums
- an Deutschland“ [455]. Genau das gleiche Bild wurde in der britischen Hauptstadt
- beobachtet. In der Nacht zum 3. September erhielt der polnische Botschafter in
- London den Befehl, den britischen Außenminister, Earl of Halifax, aufzusuchen und
- ihn an die Verpflichtungen seiner Regierung zu erinnern.
- Im Ergebnis befand sich Deutschland drei ganze Tage allein mit den Polen im
- Kriegszustand.
- Die Ansprachen der polnischen Regierung an Großbritannien und Frankreich
- wurden von Stunde zu Stunde immer hartnäckiger. Besonders wurde die Hilfe der
- verbündeten Luftstreitkräfte gefordert. Alle Fehler, die von den Polen unter
- „Anleitung“ ihrer Freunde aus London und Berlin zugelassen wurden, erweisen sich
- plötzlich als äußerst verhängnisvoll. Der größte Teil der polnischen Flugzeuge
- wurde bereits auf ihren Flugplätzen zerstört, durch die vollständige Luftherrschaft
- der deutschen Flugzeuge wurden die polnischen Streitkräfte geschlagen und die
- Mobilisierung neuer militärischer Kräfte förmlich gelähmt. Allein durch den Angriff
- Deutschlands mit den Luftstreitkräften der Verbündeten könnte diese kritische
- Situation schlagartig geändert werden. Aber es gab keine Flugzeuge, es gab auch
- keine Angriffe auf deutsche Objekte und es gab nicht einmal Klarheit darüber, ob
- Großbritannien und Frankreich Hitler den Krieg erklären!
- Es begann ein widerliches und dreckiges Spiel des Westens, das in die
- Geschichte unter der Bezeichnung „Der seltsame Krieg“ eingegangen ist. Am 3.
- September 1939 erklären Großbritannien und Frankreich tatsächlich dem Dritten
- Deutschen Reich den Krieg. Aus Warschau fliegt sofort eine polnische
- Militärdelegation nach London. Es ist nicht schwer zu erraten, dass die polnischen
- Generäle mit ihren Verbündeten konkrete Schritte zur Niederschlagung der



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