V e r r a t
(letztes Kapitel des u.a. bei Kindler 1978 verlegten Buchs ‘Anmerkungen zu Hitler’ von Sebastian Haffner. Sein wirklicher Name war Raimund Werner Martin Pretzel. Haffner nannte er sich, als er mit seiner jüdischen Frau nach London emigrierte um seine in Deutschland verbliebene Familie vor dem Zugriff der Nationalsozialisten zu schützen.)
Es ist eine interessante, aber merkwürdigerweise wenig beachtete Tatsache, daß Hitler keineswegs den Völkern den größten Schaden zugefügt hat, an denen er seine größten Verbrechen verübt hat. Die Sowjetunion hat durch Hitler mindestens zwölf – sie selbst behauptet: zwanzig — Millionen Menschen verloren; aber die gewaltige Anstrengung, zu der Hitler sie gezwungen hat, hat sie zur Supermacht erhoben, was sie vorher nicht war. In Polen hat Hitler sechs Millionen – oder, wenn man die polnischen Juden nicht mitzählt, drei Millionen Menschen umgebracht; aber das Ergebnis des Hitlerkrieges ist ein geographisch gesünderes und national geschlosseneres Polen, als das Vorkriegspolen gewesen war. Die Juden hat Hitler ausrotten wollen, und in seinem Machtbereich ist ihm das beinahe gelungen; aber der Hitlersche Ausrottungsversuch, der zwischen vier und sechs Millionen von ihnen das Leben gekostet hat, hat den Überlebenden die Verzweiflungsenergie eingeflößt, die zur Staatsgründung notwendig war. Zum ersten Mal seit fast zweitausend Jahren haben die Juden seit Hitler wieder einen Staat – einen stolzen und ruhmbedeckten Staat. Ohne Hitler kein Israel. Weit größeren objektiven Schaden hat Hitler England zugefügt, gegen das er gar nicht Krieg führen wollte und immer nur mit halbem Herzen und halber Kraft geführt hat. England hat durch den Hitlerkrieg sein Empire verloren und ist nicht mehr die Weltmacht, die es war; und eine ähnliche Statusminderung haben durch das Wirken Hitlers Frankreich und die meisten anderen Länder und Völker Westeuropas erlitten. Bei weitem am meisten aber hat Hitler, ganz objektiv betrachtet, Deutschland geschädigt. Auch die Deutschen haben Hitler furchtbare Menschenopfer dargebracht, über sieben Millionen, mehr als die Juden und Polen; nur die Russen haben noch schwerer geblutet; die Verlustlisten der übrigen Kriegsteilnehmer sind mit denen dieser vier gar nicht zu vergleichen. Während aber die Sowjetunion und Polen nach ihrem furchtbaren Blutopfer stärker dastehen als zuvor und Israel dem jüdischen Opfergang überhaupt erst seine Existenz verdankt, ist das Deutsche Reich von der Landkarte verschwunden. Deutschland hat durch Hitler nicht nur die gleiche Statusminderung erfahren wie alle anderen früheren Großmächte Westeuropas. Es hat ein Viertel seines früheren Staatsgebiets (seines »Lebensraums«) eingebüßt, der Rest ist geteilt, und die zwei Teilungsstaaten sind durch ihre Einordnung in entgegengesetzte Machtblöcke in ein widernatürliches Feindverhältnis gezwungen. Daß es sich mindestens in dem größeren von ihnen, der Bundesrepublik, heute wieder gut leben läßt, ist nicht Hitlers Verdienst. Hitler hat 1945 in ganz Deutschland eine Wüste hinterlassen – eine physische und, was allzuleicht vergessen wird, auch eine politische Wüste : nicht nur Leichen, Trümmer, Ruinen und Millionen unbehauster, hungernd umherirrender Menschen, sondern auch eine zusammengebrochene Verwaltung und einen vernichteten Staat. Und beides — das Elend der Menschen und die Staatsvernichtung — hat er in den letzten Kriegsmonaten bewußt herbeigeführt. Er hat sogar noch Schlimmeres gewollt: Sein letztes Programm für Deutschland war der Volkstod. Spätestens in seiner letzten Phase wurde Hitler zum bewußten Verräter an Deutschland. Das ist der jüngeren Generation der heute lebenden Deutschen nicht mehr so bewußt wie denen, die es miterlebt haben. Gerade über den Hitler der letzten Monate hat sich eine Legende gebildet: keine schmeichelhafte Legende, aber doch eine, die ihn von der Verantwortung für die Agonie des Deutschland von 1945 gewissermaßen freispricht. Danach war Hitler in der letzten Kriegsphase nur noch ein Schatten seiner selbst, ein schwerkranker Mann, ein menschliches Wrack, seiner Entschlußkraft beraubt und der Katastrophe um ihn herum wie gelähmt zuschauend. Er hatte – so das Bild, das sich aus den geläufigen Darstellungen der Monate Januar bis April 1945 ergibt – jede Kontrolle über die Ereignisse verloren, dirigierte von seinem Bunker aus Armeen, die es nicht mehr gab, wechselte zwischen unbeherrschten Wutanfällen und lethargischer Resignation, phantasierte bis fast zum letzten Augenblick vom Endsieg in den Trümmern Berlins, kurz: Er war für die Realität blind, war gewissermaßen unzurechnungsfähig geworden. Dieses Bild läßt die Hauptsache weg. Gewiß war Hitlers Gesundheitszustand 1945 nicht mehr der beste; gewiß war er gealtert und nach fünf Kriegsjahren mit den Nerven schwer mitgenommen (wie übrigens auch Churchill und Roosevelt), und gewiß erschreckte er seine Umgebung durch zunehmende Verfinsterung und immer häufigere Wutausbrüche. Aber über der Verlockung, das alles in effektvollen Schwarz-und Schwefelfarben auszumalen und in Götterdämmerungsszenen zu schwelgen, wird oft eins übersehen: daß gerade der Hitler der letzten Monate noch einmal, was Entschlußkraft und Durchsetzungswillen anbetraf, zu höchster Form auflief. Ein gewisses Erlahmen des Willens, eine Erstarrung in einfallsloser Routine läßt sich eher in der vorangehenden Periode feststellen, im Jahre 1943 in dem Goebbels in seinen Tagebüchern besorgt eine »Führerkrise« konstatiert — und auch noch im ersten Halbjahr 1944. Aber im Angesicht der Niederlage ist Hitler wieder ganz da, wie galvanisiert. Seine Hand mag jetzt zittern, aber der Zugriff dieser zitternden Hand ist immer noch – oder wieder – jäh und tödlich. Die zähneknirschende Entschlossenheit und hektische Aktivität des körperlich verfallenden Hitler in den Monaten August 1944 bis April 1945 ist erstaunlich und kann sogar in gewissem Sinne bewundernswert genannt werden; nur daß sie sich immer deutlicher, zum Schluß eindeutig, auf ein unvermutetes, heute wieder manchem unglaubwürdig klingendes Ziel richtet: den totalen Ruin Deutschlands. Im Anfang ist das noch nicht klar zu erkennen; am Ende unverkennbar. Die Politik Hitlers in dieser Schlußphase hat drei deutlich geschiedene Phasen. In der ersten (August bis Oktober 1944) verhinderte er erfolgreich den Abbruch des verlorenen Krieges und sorgte für einen Endkampf. In der zweiten (November 1944 bis Januar 1945) machte er einen überraschenden letzten Ausfall: nach Westen. In der dritten aber (Februar bis April 1945) betrieb er mit derselben Energie, die er bis 1941 seinen Eroberungen und von 1942 bis 1944 der Vernichtung der Juden gewidmet hatte, die totale Zerstörung Deutschlands. Um zu sehen, wie sich dieses letzte Ziel Hitlers allmählich herauskristallisierte, müssen wir Hitlers Wirken in den letzten neun Kriegsmonaten jetzt etwas genauer betrachten. Die Kriegslage entsprach Ende August 1944 militärisch ziemlich genau der von Ende September 1918, in der der damalige deutsche Militärdiktator, Ludendorff, das Handtuch geworfen hatte. Das heißt: die Niederlage war nach menschlichem Ermessen nicht mehr abzuwenden, das Ende abzusehen. Aber das Ende war noch nicht da, die Niederlage noch nicht vollzogen – in beiden Fällen noch nicht. Noch stand kein feindlicher Soldat auf deutschem Boden; und 1918 wäre es wahrscheinlich noch ebenso möglich gewesen, den Krieg bis ins nächste Jahr hinzuziehen, wie es dann 1944/45 geschah. Ludendorff war in dieser Lage bekanntlich zu der Überzeugung gelangt, die er in die Worte faßte: »Der Krieg war zu beendigen.« Er hatte ein Waffenstillstandsgesuch erwirkt, und er hatte seine politischen Gegner an die Regierung gerufen, um das Waffenstillstandsgesuch glaubwürdiger zu machen und Deutschland eine weniger belastete, verhandlungsfähige Vertretung zu geben. Indem er dann später diese seine selbsternannten Konkursverwalter (»sie sollen die Suppe auslöffeln«) anklagte, das unbesiegte Heer von hinten erdolcht zu haben, hat er seine Handlungsweise vom September 1918 nachträglich in ein häßliches Licht gerückt. Für sich selbst betrachtet aber war diese Handlungsweise die eines verantwortungsbewußten Patrioten, der sich in der Niederlage das Ziel setzt, seinem Lande das Schlimmste zu ersparen, und zu retten, was zu retten ist. Hitler tat am 22. August 1944 genau das Gegenteil von dem, was Ludendorff am 29. September 1918 getan hatte: In einer »Aktion Gewitter« ließ er schlagartig rund fünftausend ehemalige Minister, Bürgermeister, Parlamentarier, Parteifunktionäre und politische Beamte der Weimarer Republik verhaften und festsetzen, unter ihnen übrigens Konrad Adenauer und Kurt Schumacher, die beiden späteren Protagonisten in der Gründungsperiode der Bundesrepublik. Das war genau die Menschengruppe, der Ludendorff in der entsprechenden Lage die Regierung übergeben und die Liquidierung des Krieges übertragen hatte, sozusagen die politische Reserve Deutschlands. Ludendorff hatte sie angesichts der unabwendbaren Niederlage ans Ruder geholt; Hitler, in 172 der gleichen Situation, schaltete sie aus. Die Aktion, damals unveröffentlicht, ist auch in den Geschichtsdarstellungen merkwürdig unbeachtet geblieben; sie wird meist mit der Verfolgung der 20.-Juli-Verschwörer in Zusammenhang gebracht, mit der sie nichts zu tun hatte. Sie war vielmehr das erste Anzeichen, daß Hitler jeder möglichen Wiederholung des seiner Meinung nach vorzeitigen Kriegsabbruchs von 1918 vorbeugen wollte: daß er entschlossen war, auch ohne sichtbare Chance bis zum bitteren Ende weiterzukämpfen -in seinen Worten: »bis fünf Minuten nach zwölf« – und sich darin durch niemanden stören zu lassen. Über diesen Entschluß in diesem Zeitpunkt kann man noch unterschiedlich denken. In aller Geschichte hat es bei Niederlagen zwei Denkrichtungen und zwei Handlungsweisen gegeben: man kann sie die praktische und die heroische nennen. Die eine ist darauf aus, möglichst viel Substanz zu retten; die andere, eine herzerhebende Legende zu hinterlassen. Für beide ist unter Umständen etwas zu sagen; für die zweite sogar noch dies, daß die Zukunft ja nie ganz vorhersehbar ist und das anscheinend Unabwendbare manchmal doch noch abgewendet wird. Die deutsche Geschichte enthält dafür das berühmte Beispiel Friedrichs des Großen, der 1760 in der gleichen Lage war wie Ludendorff 1918 und Hitler 1944 und der dann durch »das Mirakel des Hauses Brandenburg«, den unvorhergesehenen russischen Thron- und Bündniswechsel, gerettet wurde. Hätte er aufgegeben, wäre der rettende Zufall zu spät gekommen. Freilich: Mirakel sind in der Geschichte die Ausnahme, nicht die Regel, und wer auf sie baut, spielt in einer Lotterie mit wenig Gewinnlosen. Das Beispiel Friedrichs ist in der deutschen Propaganda des letzten Kriegsjahres kräftig strapaziert worden, aber ob es unter Hitlers Motiven wirklich eine große Rolle gespielt hat, ist zu bezweifeln. Ein moderner Nationalkrieg ist schließlich etwas anderes, als es die Kabinettskriege des achtzehnten Jahrhunderts waren. Viel näher liegt es, die ausschlaggebende Rolle unter Hitlers Motiven dem negativen Beispiel des November 1918 zuzuschreiben. Erinnern wir uns: November 1918 war Hitlers Erweckungserlebnis gewesen, die tränentreibende Wut über den – seiner Meinung nach vorzeitig – verlorengegebenen Krieg seine unvergeßliche Jugenderfahrung, und der Vorsatz, nie wieder einen November 1918 zuzulassen, der ursprüngliche Hauptimpuls bei seinem Entschluß, Politiker zu werden. Nun war es soweit, nun war Hitler gewissermaßen am Ziel: Ein November 1918 stand wieder vor der Tür, und Hitler war in der Lage, ihn diesmal zu verhindern. Dazu war er entschlossen. Nicht ganz zu übersehen ist dabei aber bereits zu diesem Zeitpunkt der 1918 übermächtige, jetzt wieder auflebende Haß gegen die deutschen »Novemberverbrecher« – seine Landsleute. In »Mein Kampf« hatte Hitler mit ingrimmiger Zustimmung den angeblichen Ausspruch eines englischen Journalisten aus der Zeit nach 1918 zitiert: »Jeder dritte Deutsche ist ein Verräter.« Jetzt ließ er jeden Deutschen, der den naheliegenden und zutreffenden Gedanken aussprach, daß der Krieg verloren sei, und durchblicken ließ, daß er ihn zu überleben wünsche, gnadenlos aufhängen oder köpfen. Hitler war immer ein großer Hasser gewesen und hatte viel innere Freude am Töten gehabt. Die Hitlersche Haßkraft, der Mordtrieb in Hitler, der sich jahrelang an Juden, Polen und Russen ausgetobt hatte, wendete sich jetzt offen auch gegen Deutsche. Wie auch immer, Hitler entfaltete im Spätsommer und Frühherbst 1944 noch einmal eine Energie und Leistungskraft, die an seine stärksten Zeiten erinnerte. Ende August hatte es im Westen kaum mehr eine Front gegeben, und auch im Osten, in Hitlers Worten, »mehr Loch als Front«. Ende Oktober standen beide Fronten noch einmal, die alliierten Offensiven waren zum Stillstand gekommen, und zu Hause hatte Hitler den Volkssturm aufgeboten – alle Männer von sechzehn bis sechzig Jahren wurden zum Volkskrieg mobilisiert. Kampfmoral hielt Hitler durch eifrig ausgestreute Propagandagerüchte über eine Wunderwaffe aufrecht, die er noch in Reserve habe. In Wirklichkeit freilich besaß nicht Deutschland die Atombombe – die tatsächliche Wunderwaffe des Jahres 1945 -, sondern Amerika; und es ist ein merkwürdiger Gedanke, daß der lange, bittere und blutige totale Verteidigungskrieg, den Hitler wünschte und für den er Deutschland im Herbst 1944 noch einmal in Form brachte, wäre er Wirklichkeit geworden, die ersten Atombomben auf Deutschland statt auf Japan gezogen haben würde. Aber Hitler selbst sorgte dafür, daß es dazu nicht kam, indem er die Kräfte, die er für diesen Verteidigungskrieg aufgespeichert hatte, kaum zusammengekratzt, wieder verpulverte. Im November 1944 beschloß er, noch einmal offensiv zu werden; und zwar im Westen. Am 16. Dezember 1944 traten die Deutschen in den Ardennen zum letzten Mal zum Angriff an. Auf die Ardennenoffensive müssen wir jetzt, zum Unterschied von allen anderen militärischen Episoden des Zweiten Weltkriegs, etwas ausführlicher eingehen. Denn sie war mehr als eine Episode. Ihr verdankt Deutschland die Besatzungsgrenzen, die schließlich Teilungsgrenzen wurden. Und mit ihr beginnt Hitlers Wendung gegen sein eigenes Land. Die Ardennenoffensive, mehr als jede andere Unternehmung des Zweiten Weltkriegs Hitlers eigenstes Werk, war, militärisch gesehen, ein Wahnsinnsuntemehmen. Eine Offensive erforderte unter den damaligen Bedingungen technischer Kriegführung, um erfolgreich zu sein, eine Überlegenheit von mindestens drei zu eins. Das Kräfteverhältnis an der Westfront belief sich aber im Dezember 1944 für die deutsche Seite zu Lande auf weniger als eins zu eins, von der überwältigenden alliierten Luftüberlegenheit ganz abgesehen. Der Schwächere sprang den Stärkeren an. Um auch nur an der örtlichen Angriffsfront eine knappe momentane Überlegenheit zu erzielen, hatte Hitler außerdem die Verteidigungsfront im Osten bis auf das Skelett entblößen müssen, und das hatte er getan, trotz verzweifelter Warnungen seines damals amtierenden Generalstabschefs Guderian, daß die Russen sich zu einer gewaltigen Offensive massierten. Hitler spielte also gleich doppelt vabanque: Wenn die Offensive im Westen scheiterte – womit nach dem Kräfteverhältnis zu rechnen war -, verbrauchte sie dort die Kräfte, die für eine spätere Verteidigung des westlichen Reichsgebiets nötig gewesen wären, und zugleich machte diese Offensive schon jetzt die Verteidigung im Osten aussichtslos, wenn die Russen angriffen — womit ebenfalls zu rechnen war. Beides traf denn auch ein. Die Ardennenoffensive scheiterte, die Russen griffen an. Obwohl anfangs von Nebelwetter begünstigt, das die alliierten Luftflotten am Boden hielt, hatte die Offensive nur wenige Tage der Vorweihnachtswoche unzureichende Erfolge. Dann klarte der Himmel auf, in den Weihnachtstagen wurden die beiden deutschen Panzerarmeen, die den Angriff getragen hatten, aus der Luft zerschlagen, in der ersten Januarwoche wurden ihre Trümmer in die Ausgangsstellungen zurückgerollt; und am 12. Januar überrannten die Russen den dünnen Schleier, der von der deutschen Ostfront übriggeblieben war, und rollten in einem Zug von der Weichsel bis zur Oder. Das war alles vorauszusehen gewesen, und Guderian hatte es Hitler wiederholt mit verzweifelter Eindringlichkeit vorgerechnet. Aber Hitler hatte nichts hören wollen. Die Ardennenoffensive war seine eigenste Idee gewesen – seine vorletzte (die letzte werden wir noch kennenlernen); und er bestand auf ihrer Durchführung mit aller Verbissenheit. Warum? Darüber wird heute noch gerätselt. Militärische Gründe scheiden aus. Hitler war nicht der blutige Laie in militärischen Dingen, als der er heute gern dargestellt wird. Er konnte, nach seinem militärischen Wissensstand, über die Erfolgsaussichten seines Unternehmens keine Illusionen haben. Daß er den beteiligten Offizieren (die er vorher versammelte, um ihnen Mut zu machen) solche Illusionen vorgaukelte, beweist nicht, daß er sie teilte. Eher lassen sich außenpolitische Motive vermuten. Eine Offensive im Westen, auch wenn sie erfolglos blieb, auch -und gerade — wenn Hitler um ihretwillen seine Ostfront schwächte und den deutschen Osten einer russischen Invasion öffnete, konnte als ein Signal an die westlichen Staatsmänner gelten, daß Hitler jetzt in ihnen, und nicht mehr in Rußland, den Hauptfeind sah; daß er seine ganze verbleibende Kraft im Westen einsetzen wollte, selbst wenn ganz Deutschland darüber russischbesetztes Gebiet werden sollte. Man könnte sagen: Hitler wollte die Westmächte vor die Wahl stellen zwischen einem nationalsozialistischen und einem bolschewisierten Deutschland; vor die Frage: »Wen wollt ihr lieber am Rhein haben – Stalin oder mich?« Und er mochte immer noch glauben, daß sie ihn dann vorziehen würden. Worin er sich natürlich täuschte – wenn er es glaubte. Roosevelt war im Jahre 1945 überzeugt, daß er mit Stalin gedeihlich zusammenarbeiten könne. Churchill teilte diese Überzeugung nicht; aber vor die Wahl gestellt, hätte auch er Stalin Hitler noch immer vorgezogen. Hitler hatte sich durch seine Massenmorde im Westen vollkommen unmöglich gemacht. Aber denkbar ist, daß er selbst das nicht sah – so wenig wie Himmler, der ja noch im April den Westmächten das naive Angebot einer Kapitulation im Westen und einer gemeinsamen Fortsetzung des Krieges im Osten machte. Selbst wenn er es sah: Es gibt Anhaltspunkte dafür, daß er, seinerseits vor die Wahl gestellt, 1945 die Niederlage im Osten der im Westen wirklich vorzog – im Gegensatz zu seinen deutschen Landsleuten, denen vor dem Russensturm grauste, während viele von ihnen um diese Zeit die Besetzung durch Amerikaner und Engländer geradezu wie eine Erlösung herbeizusehnen begannen. Hitlers Respekt vor Stalin war während des Krieges gewachsen, während er gegen Roosevelt und Churchill einen tiefen Haß entwickelt hatte. Es läßt sich ein doppelbödiger Gedankengang Hitlers vorstellen, der sich so formulieren ließe: Vielleicht jagt die unerwartete Demonstration äußerster Kampfentschlossenheit im Westen bei Hinnahme der drohenden Niederlage im Osten den Westmächten einen Schrecken ein, der sie doch noch im letzten Augenblick kompromißbereit macht; wenn aber nicht – auch gut; dann wird es eben wirklich die Niederlage im Osten, und die Westmächte werden sehen, was sie davon haben. Zugegebenermaßen eine gewundene Gedankenführung. Viel unkomplizierter stellt sich aber Hitlers Gedankengang dar, wenn man annimmt, daß sein Hauptmotiv bereits jetzt gar nicht mehr außenpolitisch, sondern innenpolitisch war und sich in Wahrheit gegen sein eigenes Volk richtete. Zwischen der Masse der deutschen Bevölkerung und Hitler hatte sich nämlich im Herbst 1944 eine Kluft aufgetan. Die Masse der Deutschen wollte den aussichtslosen Endkampf nicht mehr, den Hitler wollte: Sie wollte, daß Schluß gemacht werde, wie im Herbst 1918, sie wollte ein Ende, und zwar ein möglichst glimpfliches Ende, also ein Ende im Westen. Die Russen draußenhalten und die Westmächte hereinlassen: Das war Ende 1944 das heimliche Kriegsziel der meisten Deutschen geworden. Und das konnte Hitler ihnen mit der Ardennenoffensive noch versalzen. Er konnte nicht alle köpfen lassen, die so dachten: Es waren zu viele, und die meisten hüteten sich, ihren Gedanken auszusprechen. Aber er konnte dafür sorgen, daß sie, wenn sie nicht mit ihm durch dick und dünn gingen, der russischen Rache ausgeliefert wurden. Ihren Wunsch nach einer erlösenden Besetzung durch die Amis und Tommys konnte er ihnen noch austreiben – und dazu war er grimmig entschlossen. So betrachtet, hatte die Ardennenoffensive, die militärisch reiner Wahnsinn und außenpolitisch bestenfalls eine verstiegene Spekulation war, plötzlich einen klaren Sinn; und deswegen wird es wohl das Richtige sein, sie so zu betrachten. Das heißt aber, daß Hitler bereits jetzt Politik gegen Deutschland und die Deutschen machte. Dafür spricht auch, daß Hitler mit der Ardennenoffensive von seiner Verteidigungskonzeption des August 1944 deutlich abging. Die war auf einen Schrecken ohne Ende abgestellt gewesen: steifen, hinhaltenden Widerstand an allen Fronten und, wo die Armeen weichen mußten, totalen Volkskrieg in allen verlorengehenden Gebieten. Die Ardennenoffensive aber zielte eher auf ein Ende mit Schrecken, ein Ausbrennen der letzten militärischen Kräfte in einer letzten hoffnungslosen Angriffsschlacht. Wenn man sich fragt, warum Hitler sich plötzlich umentschloß, dann starrt einem die Antwort ins Gesicht: Weil er sah, daß aus dem totalen Volkskrieg nichts mehr werden würde, daß die Masse der deutschen Bevölkerung ihn nicht wollte. Sie dachte und fühlte nicht mehr, wie Hitler dachte und fühlte. Gut, dann sollte sie dafür bestraft werden – und zwar mit dem Tode: Das war Hitlers letzter Entschluß. Man mag darüber streiten können, ob er sich schon in der Ardennenoffensive unausgesprochen manifestierte. Klare und unwiderlegliche Form jedenfalls gewann er in den Führerbefehlen vom 18. und 19. März 1945, mit denen Hitler Deutschland zum Volkstod verurteilte. Zu dieser Zeit standen die Russen an der Oder, und die Amerikaner waren über den Rhein. An ein Halten war nicht mehr zu denken, die Begegnung der westlichen und östlichen Alliierten in der Mitte Deutschlands nur noch eine Frage von Wochen. Sehr verschieden aber war das Verhalten der Bevölkerung in den östlichen und westlichen Kampf- und Rückzugsgebieten : Im Osten floh sie in Massen; im Westen blieb sie, wo sie war, hängte Tischtücher und Bettlaken als Zeichen der Übergabe aus den Fenstern und beschwor oft die deutschen Offiziere, ihr Dorf oder ihre Stadt nicht mehr zu verteidigen und sie so vor Zerstörung in letzter Stunde zu bewahren. Auf diese Einstellung der Bevölkerung im Westen gab Hitler in dem ersten der beiden Führerbefehle, dem vom 18. März, seine Antwort. Er befahl, die westdeutschen Invasionsgebiete »sofort, hinter dem Hauptkampffeld beginnend, von sämtlichen Bewohnern zu räumen«. Der Befehl wurde in der Lagebesprechung dieses Tages abgefaßt, und ungewohnterweise erhob sich Widerspruch dagegen. Albert Speer, Hitlers früherer Architekt und damaliger Rüstungsminister, heute der letzte überlebende Zeuge der letzten Phase Hitlers, berichtet darüber: »Einer der anwesenden Generale redete auf Hitler ein, es sei unmöglich, die Evakuierung von Hunderttausenden durchzuführen. Züge stünden doch gar nicht mehr zur Verfügung. Der Verkehr sei längst vollständig zusammengebrochen. Hitler blieb ungerührt. >Dann sollen sie zu Fuß marschieren !< erwiderte er. Auch das sei nicht zu organisieren, warf der General ein, dazu sei Verpflegung notwendig, der Menschenstrom müsse durch wenig besiedelte Gebiete geleitet werden, auch hätten die Menschen nicht das notwendige Schuhwerk. Er kam nicht zu Ende. Unbeeindruckt wandte Hitler sich ab.« Kam schon der Befehl, sämtliche Einwohner des deutschen Westens unverpflegt auf einen Marsch ohne Ziel zu setzen, den man nur einen Todesmarsch nennen konnte, einem versuchten Massenmord gleich, begangen diesmal an Deutschen, so machte der zweite Führerbefehl vom 19. März, der sogenannte »Nerobefehl«, die Absicht vollends deutlich, den Deutschen, und zwar nunmehr allen Deutschen, jede Überlebensmöglichkeit zu nehmen. Sein entscheidender Absatz lautet: »Alle militärischen Verkehrs-, Nachrichten-, Industrie- und Versorgungsanlagen sowie Sachwerte innerhalb des Reichsgebiets, die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes irgendwie sofort oder in absehbarer Zeit nutzbar machen kann, sind zu zerstören.« Und zur Erläuterung erklärte Hitler dem protestierenden Speer nach dessen Zeugnis »in eisigem Ton«:
»Wenn der Krieg verlorengeht, wird auch das Volk verloren sein. Es ist nicht notwendig, auf die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht, Rücksicht zu nehmen. Im Gegenteil ist es besser, selbst diese Dinge zu zerstören. Denn das Volk hat sich als das schwächere erwiesen, und dem stärkeren Ostvolk gehört ausschließlich die Zukunft. Was nach diesem Kampf übrigbleibt, sind ohnehin nur die Minderwertigen, denn die Guten sind gefallen.« Man ist an den Ausspruch erinnert, den Hitler schon am 27. November 1941 getan hatte, als die Möglichkeit des Schei-terns zum ersten Mal aufgetaucht war, und den wir schon einmal zitiert haben. Rufen wir ihn uns ins Gedächtnis zurück. Hitler hatte damals gesagt: »Ich bin auch hier eiskalt. Wenn das deutsche Volk einmal nicht mehr stark und opferbereit genug ist, sein Blut für seine Existenz einzusetzen, so soll es vergehen und von einer anderen, stärkeren Macht vernichtet werden. Ich werde dem deutschen Volk keine Träne nachweinen.« Jetzt war es soweit, und jetzt machte er Ernst damit. Die beiden Befehle Hitlers vom 18. und vom 19. März 1945 sind nicht mehr vollständig durchgeführt worden. Sonst wäre ja von den Deutschen, wie Goebbels zwei Jahre vorher von den Juden gemeint hatte, wirklich nicht mehr viel übriggeblieben. Speer tat sein Bestes, die Ausführung des Zerstörungsbefehls zu sabotieren. Es gab auch andere NSFunktionäre, die vor dem Äußersten zurückschreckten; oft widersetzten sich auch die unmittelbar Betroffenen, mit mehr oder weniger Erfolg, der Zerstörung ihrer Existenzgrundlage; und schließlich sorgte das schnelle, nur noch selten durch ernstlichen Widerstand aufgehaltene Vorrücken der Alliierten dafür, daß den Deutschen die ganze Schwere des Schicksals, das ihnen Hitler zugedacht hatte, erspart blieb. Man darf sich aber die Dinge auch nicht so vorstellen, als ob Hitlers letzte Befehle vollständig in den Wind gesprochen gewesen wären und gar keine realen Auswirkungen mehr gehabt hätten. Teile Deutschlands waren Mitte März 1945 noch unbesetzt. Dort war ein Führerbefehl noch oberstes Gesetz, und immer noch gab es unter den Partei- und SSFunktionären auch Fanatiker, die wie ihr Führer dachten und fühlten. Sie wetteiferten jetzt sechs Wochen lang mit den feindlichen Luftwaffen und der feindlichen Artillerie um die endgültige Zerstörung Deutschlands, und es gibt viele Berichte, die erkennen lassen, daß die Bevölkerung der meisten deutschen Städte und Landstriche in den letzten Kriegswochen zwischen zwei Feuer geriet und die eigenen Zerstörungskommandos und SS-Patrouillen mehr zu fürchten lernte als den Feind. Tatsächlich war der Vorsatz Hitlers, den sie ausführten, grausamer als der feindliche: Die feindlichen Armeen, jedenfalls die westlichen, waren ja nicht darauf aus, »die Grundlagen, die das deutsche Volk zu seinem primitivsten Weiterleben braucht…, zu zerstören«.
Die Folge war denn auch, daß die feindliche Besetzung, die nun rasch vor sich ging, jedenfalls im Westen ganz überwiegend als Erlösung begrüßt wurde und daß die Amerikaner, Briten und Franzosen, die erwartet hatten, ein Volk von Nationalsozialisten vorzufinden, statt dessen auf ein gründlich desillusioniertes Volk stießen, das nichts mehr mit Hitler zu schaffen haben wollte. Sie hielten das damals oft für servile Verstellung; das war es aber in den wenigsten Fällen. Die Menschen fühlten sich wirklich von ihrem Führer verraten, und mit Recht. Die »Umerziehung«, die die Alliierten sich vorgenommen hatten, hatte in seinen letzten Wochen Hitler auf drastische Weise selbst vollzogen. Den Deutschen war es in diesen Wochen gegangen wie einer Frau, deren Liebhaber sich plötzlich als ihr Mörder entpuppt und die schreiend die Hausbewohner zu Hilfe ruft gegen den Mann, mit dem sie sich eingelassen hat. Machen wir uns den Sachverhalt ganz klar: Es ging Hitler bei den Vernichtungsbefehlen vom 18. und 19. März 1945 nicht mehr um einen heroischen Endkampf, wie noch im Herbst 1944. Zu einem heroischen Endkampf konnte es nicht dienen, die Deutschen zu Hunderttausenden auf einen Todestreck ins Landesinnere zu schicken und dort gleichfalls alles, was sie für primitivstes Weiterleben brauchten, zerstören zu lassen. Vielmehr konnte der Zweck dieser letzten, nunmehr gegen Deutschland gerichteten, Massenmordaktion Hitlers nur der sein, die Deutschen dafür zu bestrafen, daß sie sich für einen heroischen Endkampf nicht mehr willig genug hingegeben, also der ihnen von Hitler bestimmten Rolle entzogen hatten. Das war in Hitlers Augen ein todeswürdiges Verbrechen – war es schon immer gewesen. Ein Volk, das die ihm zudiktierte Rolle nicht annahm, mußte sterben: So hatte Hitler schon immer gedacht, und insoweit stellt Hitlers mörderische Wendung gegen Deutschland am Ende des Krieges eine merkwürdige Parallele dar zu seiner mörderischen Wendung gegenüber Polen an seinem Anfang. Die Polen waren ja von Hitler ursprünglich keineswegs wie die Juden und Russen zu massenhafter Ermordung vorgesehen gewesen. Die Rolle, die er ihnen zugedacht hatte, war vielmehr eine ähnliche gewesen wie die der Rumänen: die Rolle eines untergeordneten Verbündeten und Hilfsvolks in dem immer geplanten Eroberungskrieg gegen Rußland. Ihre Verweigerung dieser Rolle war der tatsächliche Grund des Hitlerschen Krieges gegen Polen gewesen — nicht etwa Dan-zig, das ja schon seit Jahren mit vollem polnischem Einverständnis von einem nationalsozialistischen Senat ganz nach Hitlers Wünschen regiert worden war; Danzig war nur ein Vorwand. Das Interessante ist nun aber, daß Hitler den Krieg gegen Polen, nachdem er ihn militärisch gewonnen hatte, keineswegs dazu benutzte, sein ursprüngliches Ziel zu verwirklichen, also den Polen das von ihnen verweigerte Bündnisverhältnis aufzunötigen, was politisch konsequent und nach Lage der Dinge wahrscheinlich kein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre; sondern daß er jetzt Polen zum Gegenstand einer sinnlosen, wütenden fünfjährigen Straf- und Racheorgie machte, in der sich sein Vernichtungstrieb unter Ausschaltung seiner politischen Vernunft zum ersten Mal austobte. In Hitler lebte eben neben dem hochbegabten Politiker, der er war, immer auch ein Massenmörder. Und wenn er seinem Mordtrieb auch ursprünglich nur die Juden und Russen als Opfer ausersehen hatte: Wo sein Wille durchkreuzt wurde, gewann der Mordtrieb über das politische Kalkül die Oberhand. So am Anfang des Krieges in Polen; und so am Ende des Krieges in Deutschland. Den Deutschen hatte Hitler freilich eine weit größere Rolle zugemessen gehabt als seinerzeit den Polen: erst die eines welterobernden Herrenvolkes; dann wenigstens die eines der ganzen Welt widerstehenden Heldenvolks. Aber auch die Deutschen hatten zum Schluß nicht mehr gespurt -gleichgültig ob aus Schwäche oder aus sträflicher Widersetzlichkeit. Und so fielen auch sie schließlich unter Hitlers Todesurteil: Sie sollten »vergehen und vernichtet werden«, um ihn noch einmal zu zitieren. Hitlers Verhältnis zu Deutschland hatte von Anfang an Seltsamkeiten aufgewiesen. Einige englische Historiker haben im Kriege zu beweisen versucht, daß Hitler das sozusagen vorbestimmte Produkt der ganzen deutschen Geschichte gewesen sei; daß von Luther über Friedrich den Großen und Bismarck eine gerade Linie auf Hitler zulaufe. Das Gegenteil ist richtig. Hitler steht in keiner deutschen Tradition, am wenigsten in der protestantischpreußischen, die, Friedrich und Bismarck nicht ausgenommen, eine Tradition nüchternselbstlosen Dienstes am Staatswohl gewesen ist. Nüchtern-selbstloser Dienst am Staatswohl aber ist das letzte, was man Hitler – auch dem erfolgreichen Hitler der Vorkriegsjahre -zubilligen kann. Die deutsche Staatlichkeit — nicht nur in ihrem rechtsstaatlichen, auch in ihrem ordnungsstaatlichen Aspekt – hatte er von Anfang an der beabsichtigten Totalmobilisierung der Volkskräfte und, nicht zu vergessen, der eigenen Unabsetzbarkeit und Unersetzlichkeit aufgeopfert; das haben wir bereits in früheren Kapiteln dargelegt. Nüchternheit hatte er planmäßig durch Massenrausch ersetzt; man kann sagen, daß er sechs Jahre sich selbst den Deutschen wie eine Droge verabreicht hatte – die er ihnen dann allerdings im Kriege plötzlich entzog. Und was die Selbstlosigkeit betrifft, so ist Hitler wohl das extreme Beispiel eines Politikers, der sein persönliches Sendungsbewußtsein über alles stellte und Politik nach den Maßstäben seiner persönlichen Biographie machte; wir brauchen das alles nicht mehr ausführlich zu wiederholen. Wenn wir uns der Darstellung seiner politischen Weltanschauung erinnern, fällt uns auch wieder auf, daß er überhaupt nicht in Staaten dachte, sondern in Völkern und Rassen, was nebenbei das Rohe seiner politischen Operationen erklärt und zugleich seine Unfähigkeit, militärische Siege in politische Erfolge umzusetzen: Die politische Zivilisation Europas – selbstverständlich auch Deutschlands – hatte ja seit dem Ende der Völkerwanderung darauf beruht, Kriege und Kriegsfolgen innerhalb des Staatengefüges zu halten und Völker und Rassen unangetastet zu lassen. Hitler war kein Staatsmann, und schon damit fällt er aus der deutschen Geschichte heraus. Man kann ihn aber auch nicht eigentlich einen Volksmann nennen, wie etwa Luther mit dem er nur das eine gemein hat, daß er in der deutschen Geschichte ein Unikum ist, ohne Vorläufer und Nachfolger. Aber während Luther in vielen Zügen den deutschen Nationalcharakter geradezu personifiziert, paßt Hitlers Persönlichkeit ungefähr so, wie seine Parteitagsbauten nach Nürnberg paßten – also wie die Faust aufs Auge. Die Deutschen haben übrigens auch in der Zeit ihrer größten Führergläubigkeit dafür einen gewissen Sinn bewahrt. In ihre Bewunderung war immer auch ein Zug Verwunderung gemischt, Verwunderung darüber, daß gerade ihnen so etwas Unerwartetes, so Fremdartiges wie Hitler beschert war. Hitler war für sie ein Wunder — ein »Gottesgesandter«, was, prosaischer ausgedrückt, immer auch bedeutet: ein unerklärlich von außen Hereingeschneiter. Und von außen bedeutet in diesem Fall nicht nur: aus Österreich. Hitler kam für die Deutschen immer von weither; erst eine Weile vom Himmel hoch; nachher dann, daß Gott erbarm, aus den tiefsten Schlünden der Hölle. Liebte er die Deutschen? Er hatte sich Deutschland ausgesucht – ohne es zu kennen; und eigentlich kennengelernt hat er es nie. Die Deutschen waren sein erwähltes Volk, weil sein eingeborener Machtinstinkt wie eine Magnetnadel auf sie hindeutete als auf das zu seiner Zeit größte Machtpotential Europas; was sie ja waren. Und nur als Machtinstrument haben sie ihn je wirklich interessiert. Er hatte großen Ehrgeiz für Deutschland, und darin traf er sich mit den Deutschen seiner Generation; die Deutschen waren damals ein ehrgeiziges Volk — ehrgeizig und zugleich politisch ratlos; beides zusammen gab Hitler seine Chance. Aber der deutsche Ehrgeiz und Hitlers Ehrgeiz für Deutschland waren nicht deckungsgleich – welcher Deutsche wollte je in Rußland siedeln? -, und Hitler fehlte das Ohr für feinere Unterschiede. Einmal an der Macht, hörte er jedenfalls nicht mehr hin. Sein Ehrgeiz für Deutschland glich mehr und mehr dem Ehrgeiz eines Züchters und Rennstallbesitzers für seine Pferde. Und zum Schluß handelte Hitler wie ein jähzorniger enttäuschter Rennstallbesitzer, der sein bestes Pferd zu Tode prügeln läßt, weil es nicht imstande gewesen ist, das Derby zu gewinnen. Die Vernichtung Deutschlands war das letzte Ziel, das Hitler sich setzte. Er hat es nicht ganz erreichen können, so wenig wie seine anderen Vernichtungsziele. Erreicht hat er damit, daß Deutschland sich am Ende von ihm lossagte -schneller als erhofft, und auch gründlicher. Dreiunddreißig Jahre nach dem endgültigen Sturz Napoleons wurde in Frankreich ein neuer Napoleon zum Präsidenten der Republik gewählt. Dreiunddreißig Jahre nach Hitlers Selbstmord hat niemand in Deutschland auch nur die kleinste politische Außenseiterchance, der sich auf Hitler beruft und an ihn anknüpfen will. Das ist nur gut so. Weniger gut ist, daß die Erinnerung an Hitler von den älteren Deutschen verdrängt ist und daß die meisten Jüngeren rein gar nichts mehr von ihm wissen. Und noch weniger gut ist, daß viele Deutsche sich seit Hitler nicht mehr trauen, Patrioten zu sein. Denn die deutsche Geschichte ist mit Hitler nicht zu Ende. Wer das Gegenteil glaubt und sich womöglich darüber freut, weiß gar nicht, wie sehr er damit Hitlers letzten Willen erfüllt.


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