Die Abdankung des letzten sächsischen Königs am 13. November 1918
von Matthias Donath
Thronverzicht Friedrich Augusts III. von Sachsen, 13. November 1918 (Aktualisierte Fassung des Beitrags in: Iris Kretschmann/André Thieme (Hrsg.): „Macht euern Dreck alle ene!“ Der letzte sächsische König, seine Schlösser und die Revolution 1918, Dresden 2018, S. 108-129.)
Es ist nur eine kurze Notiz, fünf lapidare Worte auf einfachem Papier: „Ich verzichte auf den Thron.“ Mit dieser äußerst knappen Bemerkung, datiert auf den 13. November und signiert von Friedrich August III. (1867–1932), endete die Königsherrschaft in Sachsen.1 Der König selbst erkannte an, dass die Monarchie zu Ende gegangen war, nach dem die Novemberrevolution innerhalb weniger Tage die vermeintlich festgefügte Herrschaftsordnung umgestürzt hatte. Die Revolutionäre hatten die Monarchie für beendet erklärt und am 10. November 1918 in Dresden, im Zirkus Sarrasani, die „Republik Sachsen“ ausgerufen. Eine auf dem gleichen Papierbogen enthaltene Erklärung, die der König von Minister Dr. Rudolf Heinze (1865– 1928), dem Vorsitzenden des Gesamtministeriums, gegenzeichnen ließ2, trug dazu bei, dass sich der Machtwechsel ohne größeren Widerstand und ohne Blutvergießen vollzog. Sie hatte folgenden
Wortlaut: „Ich entbinde Meine sämtlichen Beamte, Offiziere, Geistliche und Lehrer von dem Mir geleistete Treueide und fordere sie auf im Interesse des Vaterlands ihren Dienst weiter zu versehen.“ Indem der Monarch die Staatsbeamten und Offiziere aufforderte, der neuen Regierung den Dienst nicht zu verweigern, machte er deutlich, dass gegen die Republik kein Widerstand zu leisten war. Rudolf Heinze teilte den Inhalt der beiden Erklärungen – das Original blieb im Besitz des abgedankten Königs und später seiner Erben – umgehend seinem Kabinett mit, welches dem Vereinigten revolutionären Arbeiter- und Soldatenrat in Dresden davon Mitteilung gab. Dieser wiederum erstellte eine Pressemeldung, welche die Zeitungen in Sonderblättern sofort veröffentlichten. Demnach hatte Dr. Walter Koch (1870– 1947), Minister des Innern, am 13. November 1918 um 19.30 Uhr dem Vereinigten revolutionären Arbeiter- und Soldatenrat folgende Mitteilung zugestellt: „Auf die heute früh mündlich an Seine Exzellenz den Herrn Finanzminister gerichtete Anfrage teile ich mit, daß Seine Majestät der König auf den Thron verzichtet hat. Gleichzeitig hat Seine Majestät alle Offiziere, Beamten, Geistliche und Lehrer von dem ihm geleisteten Treueid entbunden und sie gebeten, im Interesse des Vaterlandes auch unter den veränderten Verhältnissen ihren Dienst weiter zu tun.“3 Damit war der Umsturz un umkehrbar geworden: Die Königsherrschaft war beendet, eine Fortführung in neuer Gestalt, etwa mit einem anderen König, nicht zu erwarten. Wie war es zu dieser Situation und zu dieser Entscheidung des Königs gekommen?
Im Sommer 1918 ging der Weltkrieg ins fünfte Jahr. Tausende Sachsen waren bereits gefallen oder verwundet worden, hinter den Soldaten an der Front und ihren Angehörigen in der Heimat lagen entbehrungsreiche Jahre. Der Mangel an Lebensmitteln bestimmte den Alltag. Die meisten hofften auf ein Ende des Krieges durch einen Sieg der Mittelmächte. 1918 schien dieser Siegfrieden zum Greifen nahe, nachdem in Russland die Bolschewisten die Macht ergriffen, einen Waffenstillstand erbeten und am 3. März 1918 den Friedensvertrag von Brest – Litowsk unterzeichnet hatten, der den Ersten Weltkrieg im östlichen Europa beendete.
Der sächsische Königshof vor 1918
König Friedrich August III. von Sachsen war nominell Oberbefehlshaber der königlich-sächsischen Armee und preußischer Generalfeldmarschall, hatte aber zu Beginn des Krieges als einziger der vier deutschen Könige darauf verzichtet, den Oberbefehl über seine Armee auszuüben. Er blieb in Sachsen und reiste nur zu gelegentlichen Front besuchen zu „seinen Sachsen“, die „im Felde“ standen. Sein Lebensalltag blieb weitgehend so, wie er vor Beginn des Krieges gewesen war.4
Wenn es ging, besuchte der König täglich die Heilige Messe. Sie wurde von einem seiner Hofprediger, Franz Müller (1876-1934) oder Heinrich Infalt, gehalten. Der König selbst war ein frommes und glaubensstrenges Glied der römisch-katholischen Kirche. Er hatte diese Prägung in seiner Kindheit erfahren und gab sie an seine Kinder weiter. Der König war Souverän und Staatsoberhaupt, aber führte nicht die Regierungsgeschäfte. Das war Aufgabe des Gesamtministeriums, das sich aus den vom König berufenen Ministern zusammensetzte. Der König war laut Verfassung zwar der Vorsitzen de des Gesamtministeriums, aber in der Praxis übertrug er diesen Vorsitz stets an einen Fachminister. Der Vorsitzende des Gesamtministeriums war der Regierungschef. Einen Ministerpräsidenten gab es im Königreich Sachsen nicht. Die Minister hatten sich beim König regelmäßig zu Ministervorträgen einzufinden, wo sie die aktuelle Lage vorstellten. Dadurch war der König über die Grundzüge des Regierungshandelns informiert, in das er aber nicht aktiv eingriff. Wenn das Gesamtministerium tagte, nahm der König mitunter an der Sitzung teil. Grundsätzlich war der König das Staatsoberhaupt, ja er verkörperte den Staat, aber alle Aufgaben in Politik, Verwaltung und Armee waren an Minister und Fachbehörden übertragen. Dem König war allein die Aufgabe geblieben, sein Königreich zu repräsentieren. Das tat er, indem er andere Monarchen im In- und Ausland besuchte oder den Städten und Gemeinden seines Königreichs Besuche abstattete.
Von den Tagesgeschäften der Regierung befreit, konnte der König so agieren, wie es traditionell von einem Monarchen erwartet wurde. Er und seine Familie lebten in der abgeschotteten Welt des Königshofes. Da der König die Spitze der ständisch gegliederten Gesellschaft darstellte, hatte er sich im Leben und Handeln von den niederen Ständen zu unter scheiden. Der Hof hatte dafür ein System von Regeln geschaffen, die der Distinktion des Königs dienten. Friedrich August III. hatte diese vormodernen Normen verinnerlicht und lebte sie. Dazu gehörte es, die Speisen bei „Tafel“ einzunehmen, deren Ablauf streng geregelt war und zu denen Angehörige des Hofes, in diesem Fall die Pagen und Kammerherren, „Tafeldienst“ leisteten. Regelmäßig traf der König mit den Inhabern der Hofämter zusammen, die keine wirkliche Macht hatten, aber das jahrhundertealte Zeremoniell aufrechterhielten. Der Hofstaat stand unter der Leitung des Oberhofmarschalls Hilmar Freiherr von dem Bussche-Streithorst (1853–1918). Nachdem dieser gestorben war, übernahm Hausmarschall Georg von Metzsch-Reichenbach (1864– 1931), der Neffe des Ministers des Königlichen Hauses Georg Graf von Metzsch-Reichenbach (1836–1927), am 6. November 1918 dieses Amt. Ihm unterstanden Hofchargen wie der Oberhofjägermeister oder der Oberstallmeister. Zudem hatte der König ständige Begleiter, die die Verbindung zur sächsischen Armee sicherstellen sollten, die persönlichen Adjutanten. Diese Offiziere, meist aus altem sächsischen Adel und im Generalsrang, gehörten durch ihre ständige Anwesenheit praktisch zur erweiterten Familie des Königs.

Die Gegenzeichnung war erforderlich, damit die Verfügung gemäß § 43 der Verfassung vom 14. September 1831, die damals noch galt, Rechtswirksamkeit erlangen konnte.
Ein traditionelles Herrschaftssymbol des Königs war die Jagd. Die Bejagung des Wilds in den Staats forsten demonstrierte die Ausübung der Macht über Tiere und Menschen, hatte also eine staats rechtliche Bedeutung. Darüber hinaus konnten die Herrscher aber selbst eine Leidenschaft für die Jagd entwickeln. So war Friedrich August III. genauso wie sein Onkel Albert ein passionierter Jäger. Jagd war seine größte Leidenschaft, ein Großteil seines alltäglichen Handelns und Denkens war mit der Jagd verbunden und auf sie ausgerichtet. Auch wäh rend des Krieges übte er fortwährend seine Jagdlei denschaft aus. Darüber hinaus war Friedrich August auch ein leidenschaftlicher und erfahrener Reiter. Wenn es möglich war, brach er zu Ausritten in die Umgebung seiner Wohnsitze auf.
Die Wohnorte des Königs wechselten, doch war es eine begrenzte Anzahl an Orten. Bewohnt wurden das Königliche Residenzschloss in Dresden, die Königliche Villa in Dresden-Strehlen sowie die Königlichen Villen in Wachwitz und Hosterwitz bei Dresden, die mehr privaten Charakter hatten. Bei Jagden wurden auch das Jagdschloss Wermsdorf und das Jagdschloss Rehefeld im Osterzgebirge aufgesucht, seltener das Schloss Moritzburg. Regelmäßige Jagdaufenthalte führten den König nach Sibyllenort in Schlesien. Schloss und Herrschaft Sibyllenort nördlich von Breslau waren seinem Onkel Albert durch die Erbschaft des kinderlosen Herzogs Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg Oels (1806–1884) zugefallen. An dem Ort, an dem sich der König aufhielt, wurde „das Hoflager auf geschlagen“, was bedeutete, dass der Sitz des Hofes dorthin verlegt wurde. Insofern waren Elemente der mittelalterlichen Reiseherrschaft, die von einem ständigen Umherziehen des Landesfürsten geprägt war, bis zum Ende der Monarchie erhalten geblieben. Unterbrechungen in der Abfolge der Hoflager brachten die Familienurlaube des Königs, die auch während des Weltkriegs beibehalten worden waren. So hatte der alleinerziehende Vater mit seinen Töchtern den Urlaub vom 13. bis 26. August 1918 in Oberstdorf im Allgäu verbracht.5
Drohende Niederlage im Ersten Weltkrieg und zaghafte Reformversuche
Im Frühherbst des Jahres 1918 verschlechterte sich die militärische Lage der Mittelmächte dramatisch. Im September und Oktober 1918 erlitten die Verbündeten des Deutschen Reiches vernichtende Niederlagen. Nach einer Großoffensive an der mazedonischen Front, bei der die bulgarische Armee vernichtend geschlagen worden war, ersuchte die bulgarische Führung am 25. September 1918 die Al liierten um Einstellung der Kampfhandlungen und kapitulierte schließlich. Zar Ferdinand I. (1861– 1948) aus dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha dankte am 3. Oktober 1918 ab.6 Friedrich August III. war der letzte Monarch, der ihn besucht hatte. Seine letzte Auslandsreise als König hatte ihn vom 13. bis 19. September, also bereits während der französischen und serbischen Offensive gegen Bulgarien, in
die bulgarische Hauptstadt Sofia geführt.7 Als der Königliche Salonwagen am 20. September 1918 morgens um 7.00 Uhr auf dem Hauptbahnhof in Dresden eintraf, ging es weiter wie zuvor: Tafel, Empfänge, Ausritte, Ministervorträge – und die Jagd. Dass es in Dresden am 14. September zu Hungerkrawallen gekommen war und sich eine große Menschenmenge zu Protesten auf dem Schützenplatz eingefunden hatte, mag der König vielleicht wahrgenommen haben, aber es spielte in seinem von Ritualen geprägten Auftreten und Handeln keine Rolle.
Am 21. September 1918 erlegte der König in der Sächsischen Schweiz, im Revier am Zeughaus, zwei Rothirsche, einen ungeraden 8-Ender und einen 12-Ender. Am 23. September schoss er im gleichen Revier, nachdem er in Schandau im Königlichen Salonwagen übernachtet hatte, einen 16-Ender. Dann setzte er die Jagd im Hinterhermsdorfer Revier fort, wo er auf Abendpirsch ging.
Am 22. September 1918 stießen auf dem Bahnhof Dresden-Neustadt zwei Schnellzüge der Königlich Sächsischen Staatseisenbahnen zusammen. 18 Menschen starben, weitere 118 wurden verletzt. Der König ließ sich am Morgen des 24. September darüber von seinem Finanzminister Ernst von Seydewitz (1852–1929) informieren, äußerte sich aber nicht zum Eisenbahnunfall und eilte auch nicht zur Unglücksstelle. Stattdessen brach der König zur Pirsch im Ottenhainer Revier auf. Nach der Übernachtung in Wachwitz jagte er in der Dresdner Heide, im Langebrücker Revier, wo er einen 10-Ender erlegte. Am 26. September wurde die Jagd im Ullersdorfer Revier fortgesetzt. Hier kam ein 16-Ender zur Strecke. Nach der Übernachtung im Salonwagen in Schandau folgte die Pirsch im Revier am Zeughaus. Die folgenden beiden Tage waren mit Pirschgängen in der Dresdner Heide gefüllt, ohne dass jedoch ein Hirsch erlegt wurde. Zwei festliche Tafeln unterbrachen die Herbstjagd, die am 30. September und 1. Oktober im Rehefelder Revier fortgesetzt wurde. Am Morgen des 2. Oktober folgte die Jagd im Naundorfer Revier, einem Teil des Tharandter Waldes. Von dort brach der König früh um 8:15 Uhr auf, um in Dresden der
Sitzung des Gesamtministeriums beizuwohnen. Das Kabinett diskutierte über die schon seit einiger Zeit im Raum stehenden Reformen. Bereits im Frühjahr 1918 hatte sich in der Zweiten Kammer des sächsischen Parlaments eine Mehrheit für ein neues Stimmrecht bei den Landtagswahlen gefunden.8 Mit 43 zu 17 Stimmen verlangten die Abgeordneten von der Regierung die Einführung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts und damit die Abschaffung des 1909 eingeführten Pluralwahl rechts. Friedrich Graf Vitzthum von Eckstädt (1863– 1944), Staatsminister des Innern und der Auswärtigen Angelegenheiten, zweifelte die Notwendigkeit von Reformen an und hatte den Antrag über Monate unbearbeitet liegen gelassen. Die Sitzung am 2. Oktober brachte keine greifbaren Ergebnisse. Anders sah es in Berlin aus, wo am 3. Oktober Prinz Max von Ba den (1867–1929) zum Reichskanzler ernannt wurde und durch Verfassungsreformen eine Demokratisierung einleitete. Diese „Oktoberreformen“ führten dazu, dass dann auch die sächsische Regierung zu Reformschritten bereit war – indes zu spät, um die Revolution zu verhindern.
Der König brach nach der Sitzung des Gesamtministeriums und den Einzelvorträgen der Minister wieder zur Jagd auf. Die Herbstjagd wurde im Naundorfer Re vier und dann in Spechtshausen im Tharandter Wald fortgesetzt. Am 4. Oktober wechselte er zum Jagd schloss Rehefeld. Von dort aus unternahm er mehrere Pirschgänge im Rehefelder und Nassauer Revier. Am 5. Oktober lag ein 10-Ender auf der Strecke. Am 7. Oktober musste Friedrich August die Jagd unterbrechen. In Wachwitz empfing er Dr. Heinrich Gustav Beck (1854–1933), den Kultusminister und Vorsitzenden des Gesamtministeriums, sowie den Innenminister Graf Vitzthum von Eckstädt. Nach den Vorträgen der Minister ging die Jagd am 8. Oktober weiter. Nach ei ner Pirsch im Tharandter Wald folgte abends eine Jagd in der Dresdner Heide im Langebrücker Revier, wo der König einen 12-Ender erlegte.
Erst nach dem Ende der Jagdsaison wandte sich der König intensiver den drängenden politischen Fragen zu. Er und Kronprinz Georg (1893–1943), der im September nach Dresden zurückbeordert worden war9, nahmen am 9. Oktober an der Sitzung des Ge samtministeriums teil, am 14. Oktober empfing der König die Minister zu Einzelvorträgen und am 17. Oktober musste er zur erneut einberufenen Sitzung des Gesamtministeriums nach Dresden reisen. Das unterbrach allerdings die große Gesellschaftsjagd, die der König in Rehefeld veranstaltete und zu der er zahlreiche Jagdgäste eingeladen hatte. Friedrich August erlegte einen kapitalen Rothirsch mit zwölf En den, weitere sieben Stück Rotwild, einen Rehbock, einen Fuchs und einen Hasen. Wegen des schlechten Wetters musste die Jagd am 18. Oktober im Nassauer Revier abgesagt werden.
Während sich die militärische Lage der Mittelmächte weiter zuspitzte, veränderte sich auch die politische Situation in Sachsen. Nachdem Sozialdemokraten und Nationalliberale bereits im Mai für die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts (noch war nur an Männer gedacht) gestimmt hatten, schlossen sich am 21. Oktober auch die Konservativen dieser Forderung an. Damit hatte die Regierung jeglichen parlamentarischen Rückhalt verloren. Die SPD forderte den Rücktritt der Minister, um Reformen möglich zu machen. Das Gesamtministerium diskutierte am 23. Oktober im Beisein des Königs die neue Lage. Schließlich erklärten Kultusminister Dr. Beck und Finanzminister von Seydewitz, ihre Ämter freiwillig niederlegen zu wollen, was diese am 24. und 25. Oktober vollzogen. In Anerkennung seiner Verdienste als Regierungschef wurde Dr. Beck in den erblichen Adels stand erhoben. Es war die letzte Nobilitierung, die Friedrich August III. von Sachsen vornahm. Innen und Außenminister Graf Vitzthum von Eckstädt weigerte sich, zurückzutreten. Weil die Reformkräfte aber jegliche Zusammenarbeit mit ihm verweigerten und so eine Entlassung unvermeidlich erschien, traf der König am 26. Oktober eine Entscheidung – nach dem er in Moritzburg einen Dammhirsch erlegt hatte. Er bestellte Graf Vitzthum von Eckstädt und den Justizminister Dr. Rudolf Heinze (1865-1928), der erst am 13. Juni 1918 sein Amt angetreten hatte, zu sich ein. Vitzthum wurde entlassen und Heinze zum Vor sitzenden des Gesamtministeriums berufen. Der nationalliberale Dr. Heinze, der wegen seines Eintretens für die Beendigung des Krieges in der Bevölkerung einen guten Ruf besaß, berief ein neues Kabinett. Kriegsminister Victor von Wilsdorf (1857–1920), der ohnehin der Armeeführung unterstellt war, blieb im Amt, Dr. Walter Koch (1870–1947) wurde Innenminister, Dr. Max Otto Schröder (1858–1926) Finanzminister und Alfred von Nostitz-Wallwitz (1870– 1953) Kultusminister. Die neuen Fachminister wurden am 28. Oktober 1918 vom König verpflichtet. Um der liberalen und sozialdemokratischen Opposition entgegenzukommen, erweiterte Heinze das Kabinett um vier Minister ohne Geschäftsbereich. So traten die beiden Sozialdemokraten Julius Fräßdorf (1857-1932) und Max Heldt (1872–1933), später sächsischer Ministerpräsident, in die Regierung ein. Die neuen Minister Oscar Günther (1861–1945) und Emil Nitzschke (1870–1921) gehörten dem linksliberalen Lager an. Damit hatte das Königreich Sachsen erstmals eine Regierung erhalten, in der die adligen Minister nicht mehr die Mehrheit stellten und die von liberalen und nicht von konservativen Kräften geprägt war. Erstmals waren Sozialdemokraten an der Regierung beteiligt. Dr. Heinze kündigte in seiner Regierungserklärung am 5. November die Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechts bei den Landtagswahlen, die Umformung der Ersten Kammer des Landtags in ein berufsständisches Parlament und Re formen in Schule und Verwaltung an.10 Aber dieses zaghafte und zu späte Entgegenkommen konnte den Umsturz nicht mehr aufhalten. Die Führung der SPD wollte Reformen, aber keine Revolution, doch hatte sie im Herbst 1918 nur noch einen Teil der Arbeiterschaft hinter sich. Viele Unzufriedene hatten sich in der 1917 gegründeten Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei (USPD) gesammelt, die eine linksradikale Ausrichtung hatte und den Sturz des Kaisers und der Monarchen forderte. Das sprachen die USPD-Führer ganz offen aus. Bei der Landtagssitzung am 5. November gaben sie zu Protokoll, eine echte Demokratisierung vertrage sich nicht mit der Monarchie. Diese
werde über kurz oder lang verschwinden.11 Am 28. Oktober 1918 streckte der König in Moritzburg einen Dammschaufler. Am nächsten Vor mittag ging er dort nochmals auf die Pirsch, reiste aber dann nach Wachwitz, wo, wie in jedem Herbst, die Fasanenjagd anstand. Friedrich Augusts Jagdstrecke umfasste vier Fasanen, drei Hasen und zwei Kaninchen. Die herbstliche Jagd auf Fasane wurde am 30. Oktober in Jahnishausen bei Riesa, einem Rittergut im Privatbesitz des Königs, fortgesetzt. Auf Jahnishauser Flur schoss der Monarch 48 Fasane.
Unterdessen hatte sich die politische und militärische Lage zugespitzt. Österreich-Ungarn stand vor dem Auseinanderbrechen. Kaiser Karl I. (1887– 1922) hatte mit seinem Manifest vom 16. Oktober 1918 wenigstens die österreichische Reichshälfte zu retten versucht, indem er die Umwandlung in einen Bundesstaat mit weitgehender Autonomie für die einzelnen Nationen versprach. Doch die Lage war nicht mehr zu beherrschen. Am 24. Oktober er öffneten italienische Truppen an der Alpenfront eine Großoffensive, bei der sie die Stellungen der k. u. k-Armee überrannten. Diese verweigerte den Befehl zum Gegenangriff und löste sich innerhalb weniger Tage faktisch auf. Am 28. Oktober riefen Vertreter tschechischer Parteien in Prag die Tschechoslowakische Republik aus, am 29. Oktober folgte die Ausrufung des Staates der Serben, Kroaten und Slowenen. Das Königreich Ungarn beendete zum 31. Oktober die Union mit Österreich und rief seine Truppen aus Italien zurück. So musste das zerfallen de Habsburgerreich am 3. November einen Waffen stillstand unterzeichnen. Dem Deutschen Reich drohte nach der Niederlage der Verbündeten – auch das Osmanische Reich hatte kapituliert – ebenfalls der Zusammenbruch. Die Oberste Heeresleitung war bereits im August 1918 zur Erkenntnis gelangt, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Am 2. September zogen sich die Deutschen auf die sogenannte Siegfriedstellung zurück. Diese Frontlinie konnte trotz des Kriegseintritts der USA und neuer amerikanischer Offensiven bis zum Kriegsende weitgehend gehalten werden. Doch waren die deutschen Soldaten aufgrund der hohen Verluste und dem Mangel an Nahrungsmitteln kaum noch motiviert. Reserven waren nicht vorhanden, während die Alliierten ihre materielle und personelle Überlegenheit ausspielen konnten. Die aussichtslose Lage hatte dazu geführt, dass Erich Ludendorff (1865– 1937), Chef der Obersten Heeresleitung, entmachtet und schließlich entlassen worden war und Reichskanzler Georg Graf von Hertling (1843– 1919), der demokratische Reformen ablehnte, zurücktrat. Der neue Reichskanzler Prinz Max von Ba den versuchte, den Alliierten und der unzufriedenen Bevölkerung durch einen Wandel des Regierungssystems entgegenzukommen. Durch Verfassungsre formen, die am 28. Oktober in Kraft traten, erreichte er eine Demokratisierung des Deutschen Reichs und eine Stärkung des Parlaments.

Diese Reformen machten sich aber weder bei den Soldaten noch bei der einfachen Bevölkerung be merkbar, die unter dem Mangel an Nahrungsmitteln litt und kriegsmüde war. Der Zusammenbruch der alten Herrschaftsordnung begann Ende Oktober 1918 mit den ersten Befehlsverweigerungen deutscher Soldaten. Am 27. Oktober weigerten sich deutsche Matrosen, mit ihrem Schlachtschiff einen Angriff zu unternehmen. Nach der Rück kehr der Flottengeschwader in ihre Heimathäfen brach am 1. November der Kieler Matrosenaufstand aus, der in die Novemberrevolution mündete. Innerhalb weniger Tage erreichte sie die größeren Städte im Deutschen Reich.
Im sächsischen Königshaus war man sich bereits vor Ausbruch der Revolution bewusst, dass Deutschland und Sachsen auf eine Niederlage und gesellschaftliche Umbrüche zusteuerten. Prinzessin Margarete notierte am 25. Oktober in ihr Tagebuch: „Papa ist in tiefen politischen Sorgen. […] Der politische Himmel ist düster. […] Dunkel ist es rings umher, und man meint, es hätte sich alles Elend gestaut, um wie ein Wasserfall über uns hereinzubrechen. In Sachsen haben wir einen tiefen Schritt zur Parlamentarisierung und zur Trennung von Kirche und Staat getan. Immer stärker brüllt man im Reichstag von der Abdankung des Kaisers. Zentrum und Nationalliberale sind still und lassen die ungleiche Debatte zwischen Konservativen und all den neuen Schattierungen von Sozis laufen.“ Ihr Bruder, Kronprinz Georg, sehe „einer schwarzen Zukunft entgegen. Er sieht uns bald in der Schweiz.“ Er erwarte die Abdankung des Kaisers.
Revolution in Sachsen
Die Revolution erreichte Sachsen am 6. November – nur einen Tag, nachdem die neugebildete Regierung, der auch zwei sozialdemokratische Minister angehörten, auf der 71. Sitzung des Zweiten Kammer des sächsischen Landtags der Volksvertretung vorge stellt worden war. In der Fliegerkaserne in Großenhain wählten rund 3.000 Soldaten den ersten Soldatenrat in Sachsen. Weitere Soldatenräte an anderen Standorten der sächsischen Armee folgten. Das be deutete, dass die Soldaten die Befehlsgewalt der Offi ziere nicht mehr anerkannten. Wie in Königsbrück mussten die Offiziere sogar ausdrücklich anerkennen, dass die vollständige Kommandogewalt an den Soldatenrat übergegangen war. Damit war es unmöglich geworden, Militäreinheiten zur Niederschlagung der Revolution einzusetzen. Meuternde Soldaten zo gen in die Städte, wo sich unzufriedene Menschen, überwiegend Arbeiter, den Aufständischen an schlossen. In den Abendstunden des 7. November fanden sich in Dresden erstmals größere Menschen mengen zusammen, die ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck brachten. Prinzessin Margarete notierte: „Auf der Pragerstraße war man erregt. Gruppen von politisierenden Männern standen herum. […] Die Stimmung ist schlecht.“ Am 8. November kam es in Leipzig, Chemnitz und Dresden zu Massenunruhen, Demonstrationen und Plünderungen. Am Abend des 8. November hatte der Arbeiter- und Soldatenrat in Leipzig die Kontrolle über die Armee und die Polizei. Auch in Dresden bildeten die revolutionären Kräfte einen provisorischen Arbeiter- und Soldatenrat. Das sächsische Innenministerium berichtete am 9. November: „Gesternabend in Dresden Unruhen von Massen meuternder Soldaten. Hauptwache, Generalkommando, Schützenkaserne, Hauptbahnhof be setzt. Menge setzte Entlassung der wegen leichter Straftaten Verhafteter durch. Ein Waffenladen wurde geplündert. Im Hotel Deutscher Hof Türen eingeschlagen, um nach Offizieren zu suchen, denen Achselstücke abgerissen und Waffen abgenommen wurden. Unruhen dauerten bis 4 Uhr früh. Heute Gruppen meuternder Soldaten an den Haltestellen der Straßenbahn, um Offiziere herauszuholen und zu entwaffnen.“14 Die sozialdemokratische „Dresdner Volkszeitung“ berichtete: „Am 8. November wälzte sich die revolutionäre Welle auch über Dresden. In den Abendstunden war auf dem Altmarkt eine große Menschenmenge versammelt, auch viele Soldaten. Um 8 Uhr15 formierten sich nach Aufforderung einige Trupps Soldaten und zogen an der Spitze einer großen Menge durch die Schloßstraße nach der Brücke, Arbeiter und Soldaten auffordernd, Waffen und Kokarden abzugeben. Auf der Neustädter Seite wurde die Wache aufgefordert, sich zu ergeben. Als dies nicht gleich geschah, wurden die Gitter überstiegen, worauf kein Widerstand mehr erfolgte. Die Wachmannschaft trat an die Spitze der Demonstranten, und die Menge zog zum Festungsgefängnis, öffneten die Tore, befreiten die Gefangenen (keine Schwerverbrecher). […] Die gewaltige Menschen menge zog nach der Kommandantur in der großen Klostergasse, wo die Abordnung ohne weiteres Ein laß fand. Dort wurde nach längerem Verhandeln der provisorische Arbeiter- und Soldatenrat gebildet und eine Erklärung beschlossen.“1
Bis zum 8. November hatten der König und seine engste Umgebung gehofft, der Revolution entgehen zu können. Bis dahin hatte der Hof an den vertrauten Ritualen festgehalten und der Tagesablauf des Königs war unverändert geblieben. Noch am 5. November war der Monarch zur Fasanenjagd nach Jahnishausen gereist. Friedrich August unternahm Ausritte und Ausfahrten mit Prinzessin Margarete, tafelte und trank Kaffee im Bärengarten des Dresdner Residenzschlosses, denn der Hof war am 5. November offiziell nach Dresden verlegt worden. Prinzessin Margarete besuchte am 7. November abends das Theater, während der König mit seinem Generaladjutanten Generalmajor Georg Freiherr O’Byrn (1864–1942) und seinem Oberstallmeister Georg Martin von Römer Skat spielte. Am 8. November traf nachmittags die Nachricht von der Ausrufung der Republik in München ein, und zugleich wurde deutlich, dass auch in Dresden die Revolution nicht mehr aufzuhalten war. In den Straßen sammelten sich Menschen, und es wurde bekannt, dass die Menge auf den Theaterplatz und damit vor das Schloss ziehen wolle. „Ausbruch der Revolution“, vermerkte das Tagebuch des Diensttuenden Generaladjutanten des Königs.
Friedrich August III. rief um 17:00 Uhr im Dresdner Residenzschloss eine Krisensitzung ein. Laut dem Tagebuch des Generaladjutanten waren zu nächst Justizminister und Regierungschef Dr. Heinze, Kriegsminister von Wilsdorf, Innenminis ter Dr. Koch und der Minister des Königlichen Hauses, Graf von Metzsch-Reichenbach, beim König. Dann wurde die Runde um Generaladjutant O’Byrn, Oberhofmarschall Georg von Metzsch-Rei chenbach und Oberstallmeister von Römer erwei tert. Walter Fellmann behauptet, es seien das ge samte Kabinett, der Stadtkommandant von Dresden und der kommandierende General des XII. Armee korps zugegen gewesen, was sich jedoch anhand des Tagebuchs des Generaladjutanten nicht bestätigen lässt.17 Auch Kronprinz Georg war offenbar nicht anwesend. Die Beratung ergab, dass die Komman deure keine Befehlsgewalt mehr über die Armee hatten. Den Vorschlag, die Revolution mit königs treuen Truppenteilen niederzuschlagen, wies der König zurück. Er untersagte es, gegen die Revoluti onäre Waffengewalt anzuwenden. Dies ist durch mehrere Berichte belegt. Das von Dr. Koch geleitete Innenministerium berichtete am nächsten Tag:

Arbeiter- und Soldatenrat Großenhain, November 1918 © Städtische Museen Großenhain
Armbinde des Arbeiter- und Soldatenrats Dresden
Stadtmuseum Dresden
Tagebuch des Diensttuenden Generaladjutanten des Königs mit Eintragung der Ereignisse am 8. und 9. November 1918 Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden
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Die Abdankung des letzten sächsischen Königs am 13. November 1918
18 Bericht an die Gesandtschaft in Berlin vom 9. November 1918.
19 Zitiert nach Kracke 1964 (wie Anm. 1), S. 149.
20 Zitiert nach Machtan 2008 (wie Anm. 1), S. 309. Die Aussage ist anderweitig nicht belegt.
21 Sächsische Staatszeitung vom 11. November 1918.
22 Hauptstaatsarchiv Dresden, Bestand 1006 Oberhofmar schallamt, O 04, Nr. 324, Bl. 97, Eintrag zum 10. Novem ber 1918.
23 Wecker 1928 (wie Anm. 1), S. 82.
„Blut ist nicht geflossen, da Seine Majestät der Kö nig Waffenanwendung untersagt hat.“18 Julius Fräß dorf, der bei der Sitzung wohl nicht anwesend war, berichtete später über Friedrich August: „Einfach und schlicht lehnte er den Rat, der Revolution mit Gewaltmitteln zu begegnen, mit den Worten ab, er wolle nicht den eben beendeten Krieg auf der Schloßstraße fortsetzen.“19
Nach Gesprächen mit den anwesenden Hofchargen rief der König die Mitglieder des Königshauses zu sich, die inzwischen im Residenzschloss eingetrof fen waren. An der Unterredung nahmen Prinz Jo hann Georg (1869–1933), der Bruder des Königs, Johann Georgs Gemahlin Maria Immaculata (1874– 1947), Prinzessin Mathilde (1863–1933), die Schwester des Königs, sowie Prinzessin Margarete (1900–1962) teil, die als einziges Kind des Königs in Dresden weilte. Kronprinz Georg war nicht an wesend, die Prinzen Friedrich Christian (1893– 1968) und Ernst Heinrich (1896–1971) befanden sich im Kriegseinsatz und die Prinzessinnen Maria Alix (1901–1990) und Anna Monika Pia (1903– 1976) waren in München zu Gast. Der König sorgte sich um seine nächsten Angehörigen, insbesondere um die Töchter, die in München geblieben waren, aber auch um seine eigene Person. Bei einem Sieg der Revolution hatte er mit einer Vertreibung, mög licherweise gar mit Misshandlung oder Erschie ßung zu rechnen, denn auch die russische Zarenfa milie war nach ihrer Entmachtung am 17. Juli 1918 getötet worden. So wurde beschlossen, den Monar chen und die im Residenzschloss verbliebene Kö nigstochter Margarete außerhalb von Dresden in Si cherheit zu bringen. Man hoffte, so Zeit zu gewinnen. Angeblich soll Friedrich August gesagt haben: „Wo soll ich denn hingehen? Wir Wettiner haben doch nichts Rechtes! In Rehefeld pfeift der Wind durch die dünnen Wände, in Hubertusburg ist noch nicht einmal elektrisches Licht und in Mo ritzburg steht einem das Wasser bis an den Hals.“20 Dennoch wurde als erstes Fluchtziel Moritzburg ausersehen. Um 22.00 Uhr, im Schutz der Dunkel heit, verließen der König, sein Generaladjutant Freiherr O’Byrn, Prinzessin Margarete und ihre Hofdame Maria Freiin von Oer (1885–1986) das Residenzschloss durch den Bärengarten an der So phienstraße. Von dort liefen sie zum Stallhof, wo der Chauffeur mit einem königlichen Automobil auf sie wartete. Die Königsstandarte wurde nicht am Auto angebracht, aber ansonsten wäre durchaus zu erkennen gewesen, wer im Auto saß. Die Fahrt ging nach Schloss Moritzburg, wohin am nächsten Tag
auch weitere Mitglieder des Hofes kamen. Prinzessin Margarete schrieb am Abend des 8. No vember in ihr Tagebuch „Morgen kommt ein ent scheidender Tag. Die Sache steht auf Messers schneide – ob Monarchie oder Republik“. Damit hatte sie die Stimmung gut erfasst. Am 9. November organisierten sich die revolutionären Kräfte. Auf dem Theaterplatz fanden sich 15.000 Menschen zu einer Demonstration ein, bei der die Mehrheitssozi aldemokraten, die vor wenigen Tagen noch eine Re volution abgelehnt hatten, ihren Arbeiter- und Sol
datenrat vorstellten. Ihm gehörten die SPD-Minister Julius Fräßdorf und Max Heldt sowie Georg Grad nauer (1866–1946), Wilhelm Buck (1869–1945) und Albert Schwarz (1876–1929) an. Die Sozialde mokraten plädierten für einen friedlichen Über gang und forderten die Bevölkerung zu Ruhe und Ordnung auf. Damit waren die Linksradikalen, die für einen gewaltsamen Umsturz eintraten, nicht einverstanden. Um ein Gegengewicht zur SPD zu bilden, hielten sie in den Mittagsstunden des 9. No vember in der „Zentralhalle“ am Fischhofplatz eine eigene Versammlung ab. Der Reichstagsabgeordne te und Spartakist Otto Rühle (1874–1943), der be reits am 25. Oktober in Pirna zur bewaffneten Revo lution aufgerufen hatte, forderte dort den Sturz der Monarchie, die Zertrümmerung des kapitalisti schen Staatsapparates und die Errichtung einer Rä terepublik. Mit scharfen Worten wandte er sich ge gen die SPD- und Gewerkschaftsführer, mit denen keine Umgestaltung der Gesellschaft zu erreichen wäre. Die Anhänger der USPD und des Spartakus bundes konstituierten in dieser Versammlung den Revolutionären Arbeiter- und Soldatenrat. Obwohl beide Räte unterschiedliche politische Modelle ver körperten, schlossen sie sich am Vormittag des 10. November unter Forderung nach der „Einheit der Sozialisten“ zum Vereinigten revolutionären Arbei ter- und Soldatenrat von Groß-Dresden zusammen. Zu Vorsitzenden wurden der SPD-Politiker Albert Schwarz und der Spartakist Otto Rühle berufen. Nach dem Zusammenschluss hielten die Revolutio näre eine Versammlung im Zirkus Sarrasani in Dresden ab. Hermann Fleißner (1865–1939), Vor sitzender der USPD in Sachsen, rief vor rund 6.000 Menschen die „Republik Sachsen“ aus. Er verlas die Proklamation: „Die Monarchie hat aufgehört, somit existiert auch die Erste Kammer nicht mehr, und die Zweite Kammer ist aufgelöst; auf der Basis des allgemeinen und direkten Wahlrechts wird eine Na tionalversammlung gewählt.“21 Noch während die Versammlung tagte, begaben sich die beiden Vorsit zenden des Vereinigten revolutionären Arbeiter und Soldatenrats mit einer Abordnung zu Innenmi nister Dr. Koch. Die Revolutionäre erklärten die Regierung für abgesetzt, baten die Minister und Be amten aber, im Interesse der Versorgung der Bevöl kerung weiter ihren Dienst zu tun. Nach Ende der Versammlung im Zirkus Sarrasani zogen Arbeiter und Soldaten zum Residenzschloss. Generaladju tant Otto von Tettenborn (1856–1919) hatte schon am 9. November die Wachen abziehen lassen, so dass sie niemand am Zutritt hindert. Die Revolutio näre drangen in das Schloss ein und hissten auf dem Hausmannsturm eine rote Fahne als Zeichen des Sieges der Revolution. In das Hofjournal des Ober hofmarschallamtes wurde eingetragen: „Sontag am Tage der Revolution d. 10. 11. 18. Am heutigen Tage wurde auf dem bisherigen ‚königl. Schloß‘ das Ban ner der Freiheit, Gleichheit u. Brüderlichkeit ge hißt. Es war mittag 1245 Uhr.“22 Es folgten 19 Unter schriften. Sie bildeten den letzten Eintrag im Hofjournal. „Kein General, kein Offizier, kein Hof beamter widersetze sich die den Leuten, die auf
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dem Turm des Dresdner Schlosses die rote Fahne aufzogen. Widerstandslos unterwarfen sich die Stützen von Thron und Altar, soweit sie sich nicht verkrochen hatten, den neuen Gewalthabern“, kon
statierte Fritz Wecker.23
Flucht des Königs
Der König und Prinzessin Margarete befanden sich seit dem späten Abend des 8. November im Schloss Moritzburg. Über Hofangehörige und Minister, die von Moritzburg nach Dresden kamen, erfuhren sie vom Fortgang der Revolution. So kam Dr. Heinze, formell noch Regierungschef, nach Moritzburg. Dr. Rudolf Oskar Steinbach, Legationsrat im Außenmi nisterium, wurde nach Moritzburg beordert, um die königliche Familie zu begleiten. Er berichtete von der Konstituierung des Arbeiter- und Soldatenrats am Abend des 8. November. Oberhofmarschall Ge
org von Metzsch-Reichenbach (1864-1931) teilte mit, dass der Kaiser abgedankt habe und Friedrich Ebert (1871–1925) Reichskanzler werden solle. Nach dem Thronverzicht des Kaisers und Königs von Preußen war die monarchistische Herrschafts
ordnung nicht mehr zu halten, auch nicht in den deutschen Bundesstaaten. König Ludwig III. von Bayern (1845–1921) war bereits am 7. November abgesetzt worden. Doch König Friedrich August III. klammerte sich an die Vorstellung, der revolutionä
re Spuk gehe vorüber und er könne die Krone be halten. Am Abend des 9. November schrieb Prin zessin Margarete in ihr Tagebuch: „Papa leidet unter dem Zustand, sich verbergen zu müssen. Aber – er will nicht abdanken und deshalb muß man ein Er zwingen verhindern. Gott hilf uns.“
Aufgrund der Nähe Moritzburgs zur Garnisons stadt Großenhain, die sich bereits in den Händen der Revolutionäre befand, riet Dr. Heinze, umge hend Moritzburg zu verlassen. Der König und sein
Die Abdankung des letzten sächsischen Königs am 13. November 1918
Letzter Eintrag im Hofjournal
des Residenzschlosses Dresden,
10. November 1918
Sächsisches Staatsarchiv,
Hauptstaatsarchiv Dresden
aber ebenfalls zur Weiterreise. So schickte man
einen Boten nach Linz, einem Ort noch weiter
nördlich in der Amtshauptmannschaft Großen
hain, wo man den Grafen Ernst zu Münster-Mein
hövel (1857–1938) bat, den König aufzunehmen.
Friedrich August willigte widerstrebend in eine
Weiterreise ein, zu der man am Morgen des 10.
November um 6.30 Uhr aufbrach. Die Entourage
wurde stark verkleinert. In zwei Autos fuhren der
König, Prinzessin Margarete, Generaladjutant von
Tettenborn, Legationsrat Dr. Steinbach und einige
Gefolge reisten am 9. November zu dem königs treuen Großindustriellen Arthur Freiherr Dathe von Burgk (1886–1970) nach Schloss Schönfeld, gelegen in der Amtshauptmannschaft Großen hain. Burgk wollte dem König zwar helfen, riet
Bedienstete nach Linz, wo der König mit Graf Münster die Lage besprach. Hier erfuhren die Flüchtenden von der Ausrufung der Republik in Berlin. Man war sich einig, dass der König auch in Linz nicht vor den Revolutionären sicher sei. Sei
Fluchtroute König Friedrich Augusts III. von Sachsen von Dresden über Guteborn nach Sibyllenort
Grafik: Antje Werner, Dresden






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Die Abdankung des letzten sächsischen Königs am 13. November 1918
Bildnis des Königs Friedrich
August III., gewidmet Ernst Graf zu
Münster. Die Aufschrift lautet:
„In dankbarer Erinnerung an den
10. November 1918 und Ihre
treuen Dienste in den nächsten
Tagen. Friedrich August“.
ne Spur habe bis Schönfeld verfolgt werden kön
nen. So sei zu befürchten, dass Revolutionäre die
„heilige Person des Königs“ ergreifen könnten.
Prinzessin Margarete fürchtete sich vor drohen
der Anarchie. Um die Spuren zu verwischen, wur
de beschlossen, über die Landesgrenze ins König
reich Preußen zu wechseln, und zwar nach
Guteborn, einem Ort im westlichsten Zipfel der
Provinz Schlesien. Guteborn gehörte zum preußi
schen Anteil des Markgraftums Oberlausitz und
war 1815 infolge des Wiener Kongresses an Preu
ßen gefallen. Das Schloss gehörte dem Prinzen Ul
rich von Schönburg-Waldenburg (1869–1939),
der aber „im Felde“ war. So fragte man über den
Grafen Münster bei seiner Frau, der Prinzessin
Schloss Guteborn,
Postkarte, vor 1945
Sammlung Iris Kretschmann
Pauline von Schönburg-Waldenburg (1881– 1945), an, ob sie bereit sei, den König aufzuneh men. Nach ihrer Zustimmung brach die Reisege sellschaft wiederum in zwei Autos in der
Dämmerung nach Guteborn auf, wo man um 19.00 Uhr eintraf. Am Auto des Königs war die Krone übermalt worden, um keine Aufmerksam keit zu erregen. Auch legten sich der König und seine älteste Tochter neue Namen zu. Ganz in der Tradition der Pseudonyme, die die sächsischen Herrscher auf Reisen geführt hatten, traten beide als Graf und Gräfin Gonsdorf auf – eine Anleh
nung an das Rittergut Gönnsdorf bei Pillnitz, ei nen Privatbesitz des Königs. Die Gastgeberin und die Begleiter wussten natürlich Bescheid, doch ge genüber den Bediensteten sollte die Identität der Gäste verschleiert werden.
In den zwei Tagen in Guteborn wurde der König durch Boten über die Ereignisse in Dresden und Berlin unterrichtet. Die Abgesandten des Oberhof marschallamts reisten getarnt als Heidespazier gänger. Sie fuhren mit der Eisenbahn von Dresden über Königsbrück nach Schwepnitz und liefen von dort zu Fuß nach Guteborn. Am Morgen des 11. November kam O’Byrn mit aktuellen Zeitungen nach Guteborn. Später trafen Abendzeitungen ein. Sie berichteten vom Waffenstillstand, der am Mor gen in Compiégne abgeschlossen worden war. Aus dem Tagebuch geht hervor, dass die Flüchtenden ob dieser Nachrichten verzweifelt waren. Wir wis sen aber nicht, ob sie realisierten, dass dieser Waf fenstillstand die totale Niederlage Deutschlands im Ersten Weltkrieg bedeutete. Am 12. November sprach Tettenborn mit dem König. Dieser war nicht zur Abdankung bereit und wollte die Offizie re auch nicht von ihrem Eid entbinden. Allenfalls wollte er zusagen, auch unter einem Soldatenrat ihren Dienst weiter auszuüben.
Man erwartete Dr. Heinze aus Dresden, der aber
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erst am 13. November um die Mittagszeit im Schloss Guteborn eintraf. Er zog sich mit dem König zu ei ner Unterredung zurück, bei der Friedrich August schweren Herzens in den Thronverzicht einwillig te. Über den Ablauf liegt folgende Erinnerung von Rudolf Heinze vor: „Ich mußte im Auftrag des Staatsministeriums die schwere Aufgabe überneh men, Seine Majestät aufzusuchen und ihn zu ver ständigen, daß das Ministerium seinen Rücktritt für unausweichlich halte, angesichts der Lage. Der Kö nig forderte mich auf, Platz zu nehmen, und nach dem er meinen Vortrag angehört hatte, antwortete er nicht sogleich. Er legte die Arme auf den Tisch und den Kopf darauf. Nachdem er längere Zeit so verharrt hatte, unterschrieb er das vorgelegte Schriftstück schweigend.“24 Entgegen diesem Be richt verfasste Friedrich August den Thronverzicht und die Erklärung, mit welchem er die Offiziere, Beamte, Lehrer und Geistlichen von ihrem Eid ent pflichtete, mit eigener Hand. Das geschah am 13. November gegen 14.00 Uhr. Dr. Steinbach, der um gehend unterrichtet wurde, gab die Inhalte „behufs schleuniger Veröffentlichung“ telefonisch weiter. Um 15.00 Uhr fuhr Dr. Heinze mit dem Auto nach Dresden zurück.25 Die Veröffentlichung des Thron verzichts war eine der letzten Amtshandlungen der Regierung Heinze, denn am 14. November formier te sich mit dem Rat der Volksbeauftragten eine neue „Revolutionsregierung“, die die Kontrolle über die Ministerien übernahm und als Übergangsregie rung bis zu den Volkskammerwahlen im Februar 1919 im Amt blieb.
„Macht Euern Dreck alleene“
Dass Friedrich August III. im Zusammenhang mit der Abdankung „Macht Euern Dreck alleene“ gesagt haben soll, lässt sich nicht nachweisen. Tatsache ist aber, dass dieser Ausspruch schon früh überliefert und weitergetragen wurde. Die sozialdemokrati
schen Zeitungen gingen davon aus, dass die Aussage authentisch sei. So berichtete die „Chemnitzer Volksstimme“, ein SPD-Blatt, am 10. Februar 1919 im Zusammenhang mit Überlegungen zur Abfin
dung des vormaligen Königshauses: „Uebrigens hat ja Friedrich August im letzten Augenblick selbst
Die Abdankung des letzten sächsischen Königs am 13. November 1918
Schreibtisch aus dem Besitz von
Ulrich Prinz von Schönburg
Glauchau aus Schloss Guteborn,
heute im Stadtmuseum Hoyerswer
da, Präsentation 2018 im Schloss
Pillnitz während der Ausstellung
„Macht euern Dreck alleene“ mit
Reproduktion der Thronverzichts
erklärung.
Entbindung vom Treueeid,
13. November 1918
Eigentümer: Alexander Prinz von
Sachsen Herzog zu Sachsen
24 Diese Erinnerung Rudolf
Heinzes wurde von Fritz
Zimmermann in den 1920er
Jahren aufgezeichnet. Der
Bericht gelangte an Johan
nes Schreiter und dann an
Pfarrer Karl Josef Friedrich
in Seifersdorf bei Radeberg,
der ihn Friedrich Christian
Markgraf von Meißen über
gab. Abgedruckt ist der Be
richt in M. Frank-Michael
Bäsig: Friedrich Christian
Markgraf von Meißen, Dres
den 1995, S. 81.
25 Güterdirektor Ernst Habe
kuß aus Guteborn notier
te in einem Bericht vom 24.
Februar 1925: „Mittwoch,
den 13. November, erschien
ein Auto aus Dresden, dem
der damalige Ministerprä
aufgehört mit der Bemerkung, wir sollten ‚den Dreck alleene machen‘.“26 Das vermeintliche Kö nigswort wurde offenkundig schon wenige Tage nach dem Umsturz von führenden Revolutionären, unter ihnen Otto Rühle und Julius Fräßdorf, ver breitet.
Fritz Wecker erklärte den Ausspruch 1928 für au thentisch. Er ließ sich den Vorgang von Otto Rühle wie folgt schildern: „Einige Tage nach dem 9. No vember 1918 hatte der Arbeiter- und Soldatenrat, dessen Vorsitzender ich war und der provisorisch die Regierung in Sachsen führte, eine Zusammen kunft mit dem Kabinett, dem Dr. Heinze, Dr. Koch, Dr. Schröder, General von Wilsdorf und die Sozial demokraten Fräßdorf und Held angehörten. Im Verlaufe der Auseinandersetzungen wurde die Fra ge aufgeworfen, ob die Beamten und Offiziere durch
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den Arbeiter- und Soldatenrat ihres Dienst- und Fahneneides entbunden werden sollten, oder ob es zweckmäßiger sei, dies dem König zu überlassen. Man entschied sich für das letztere. Der bisherige Finanzminister Dr. Schröder erhielt den Auftrag, sich mit Friedrich August sofort telefonisch in Ver
bindung zu setzen. Ich begleitete ihn in ein Neben zimmer des Landtagsgebäudes, wo wir tagten, und gab der Telephonzentrale selbst Anweisung, uns mit Moritzburg zu verbinden. Dr. Schröder führte das Gespräch, ich hörte mit. Friedrich August ant wortete auf die an ihn gerichtete Frage mit rauher Stimme: ‚Na, das genn mer schon machen.‘ Dr. Schröder bedankte sich für den Bescheid und mach te am Telephon eine Verbeugung. Darauf der König: ‚Da habb´ch wohl nu nischt weiter zu sagen?‘ Dr. Schröder: ‚Majestät, alle Befugnisse sind ja mit der
sident Dr. Heinze entstieg und sich zum Vortrag Seiner Majestät meldete. In dieser Stunde unterzeichnete Seine Majestät das wichtigste Do
kument, die Abdankungs urkunde, mit der Minister präsident Dr. Heinze sofort nach Dresden zurückkehr te, nachdem er über das Ver halten des Königs bei diesem Akte erklärt hatte: ‚Seine Majestät haben sich auch bei seiner Abdankung königlich benommen‘.“
26 Chemnitzer Volksstimme vom 10.2.1919, Ausschnitt in Hauptstaatsarchiv Dres den, Bestand 10701 Staats kanzlei, Nr. 84/1, Bl. 1.
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Die Abdankung des letzten sächsischen Königs am 13. November 1918
27 Wecker 1928 (wie Anm. 1), S. 83. Rühle habe, so Wecker, die Aussage ausdrücklich au torisiert.
28 Machtan 2008 (wie Anm. 1), S. 311, vermutet den 12. No vember 1918.
29 Zitiert nach Hans Reimann: Macht Euern Dreck allee ne! Anekdoten von Sachsens letztem König, Berlin 2002, S. 18 f.
30 Fellmann 1992 (wie Anm. 1), S. 183.
31 Ort bei Oels, 1935 umben annt in Reichenfeld, heute Dobroszów Olesnicki.
Schloss Sibyllenort bei Breslau, Luftaufnahme, um 1930
Revolution auf den Arbeiter- und Soldatenrat über gegangen.‘ Worauf August unter rauhem, heiseren Husten erklärte: ‚So, so – na dann macht Euern Dreck alleene!‘“27 Otto Rühle fügte diesem Bericht an: „Ich habe die Episode sofort erzählt, einen Tag später stand sie in den Zeitungen. So, meiner Erin nerung nach, der Sachverhalt, den Dr. Schröder – den ich nie wieder sah oder sprach – bestätigen wird.“ Diese „Erinnerungen“ können so nicht stim men. Friedrich August hatte noch am 12. November eine Aufhebung des Treueides abgelehnt. Die Zu stimmung zu der Entpflichtung gab er am 13. No vember Dr. Heinze, der ihn persönlich in Guteborn aufsuchte. Ein Telefonat mit dem König war nicht erforderlich. Überhaupt ist kein Telefonat Dr. Schröders mit dem Monarchen nachweisbar. Falls Minister Dr. Schröder tatsächlich mit Moritzburg telefonierte, dann war der Gesprächspartner nicht sein König. Denn Friedrich August war nur bis zum Nachmittag des 9. November in Moritzburg geblie ben. Eine Sitzung, wie sie in der Erinnerung be schrieben wird, kann nur nach dem 10. und vor
dem 14. November stattgefunden haben.28 Bedenklich ist, dass die angebliche „Erinnerung“ in den später verfassten Anekdoten weiter verändert und verfälscht wurde. Hans Reimann erklärte die Entstehung des Ausspruchs so: „Es wurden also die Roten vorgelassen. Neun Mann hoch trampelten sie herein. Und verlangten von ihrem König, daß er sowohl die Offiziere als auch die Beamten aus nahmslos und auf der Stelle ihres Eides entbinde. August, nach kurzem Bedenken: ‚Wenns sein muß … warum nich?‘ Der Sprecher der Abordnung be dankt sich für die glatte Erledigung der Sache. Alle neune dienern höflich. August: ‚Dann hab ich nu von jetzt an nischt mehr zu saachn?‘ Der Sprecher eröffnet dem König, sämtliche Befugnisse seien übergegangen auf den Arbeiter- und Soldatenrat. August schneuzt sich. Schneuzt sich ausgiebig. Dann, ungnädig: ‚Na, macht Euern Dreck allee ne!‘“29 Wir wissen es nicht, ob der Ausspruch je mals gefallen ist oder nur eine Erfindung der Revo lutionstage darstellt. Zu konstatieren ist aber, dass er dem König zugeschrieben wurde und die Zeitge
nossen von einer authentischen Aussage ausgin gen. Walter Fellmann kommentierte das so: „Die Sachsen haben dem als etwas derb bekannten Kö nig auch einen derb kommentierten Thronverzicht zugetraut. Wo bliebe die Pointe, wenn er es elegan ter gesagt oder ein anderer ihm die Worte in den Mund gelegt haben sollte?“30
Friedrich August III. in Sibyllenort
Nach dem Thronverzicht, der nur die Person Friedrich Augusts betraf und die Illusion offen hielt, der Kronprinz könne der nächste König werden, schlugen Generaladjutant Tettenborn und Legationsrat Dr. Steinbach ihrem Monarchen vor, Guteborn zu verlassen und nach Sibyllenort zu reisen, wo Friedrich August III. auf preußi schem Boden und damit außerhalb Sachsens über einen Wohnsitz mit Grundbesitz verfügte. Der König stimmte zu. Umso wenig auffällig wie mög lich Sibyllenort bei Breslau zu erreichen, wurde die Reisegruppe auf den König, die Prinzessin Margarete, Dr. Steinbach und den Chauffeur Ce bulla reduziert. Sie legten sich die Legende zu, Prinzessin Margarete sei die schwerkranke Gräfin Gonsdorf, die von ihrem Vater nach Breslau ge bracht werde. Um die Tarnung zu vervollkomm nen, wurde am Auto eine Rotkreuzflagge ange bracht. Am 14. November gegen 12.00 Uhr fuhr das Fahrzeug los. Der Chauffeur hatte die Vorga be, nur Nebenstraßen zu benutzen und die gro ßen Städte, in denen man Revolutionäre vermute te, zu umgehen. Man fuhr über Hoyerswerda, Muskau, Sorau, Sagan, Sprottau, Steinau und Trebnitz nach Sibyllenort, was fast 13 Stunden dauerte. Aufenthalte gab es in Muskau, wo die Straßen durch einen Revolutionsumzug gesperrt waren, und abends in der Oderniederung, weil der Chauffeur in der nächtlichen Dunkelheit die Straßen nicht mehr erkennen konnte und sich verfuhr. Am 15. November 1918, nachts um 00:45 Uhr, traf der König im unbewohnten und kalten Schloss Sibyllenort ein.
Nach nur wenigen Tagen revolutionärer Unord nung nahm der König wieder sein vertrautes Hof leben auf. Einige seiner Getreuen waren nach Si byllenort gekommen, etwa der Hofprediger Franz
Müller, der täglich die Heilige Messe feierte, Schlosshauptmann Wolf von Tümpling (1861– 1938), der Leiter der Vermögensverwaltung des Königs, und der vom König zum „Kabinettschef“ ernannte Generaladjutant Georg Freiherr O’Byrn. Schon am Abend des 16. November nahm der Kö nig wieder seine Gewohnheit auf, nach dem Abendessen in geselliger Runde Skat zu spielen. Am 18. November 1918 brach der Ex-König erst mals nach seiner Abdankung wieder zur Jagd auf, nachdem er fast zwei Wochen auf diese Leiden schaft hatte verzichten müssen. Es ging nach Dob rischau31 zu den dort gelegenen Feldern der Herr schaft Sibyllenort, wo Friedrich August mit zwei Gästen auf Fasanenjagd ging. Er erlegte 48 Fasanen und 20 Hasen.
390Sächsische Heimatblätter · 4 | 2020


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