
Wie Sie als Leser leicht erkennen können hat der bereits seit zwanzig Jahren bestehende Kriegsbeteiligungs-Kurs seit Merkel auch Auswirkungen auf den Aktienkurs von Rheinmetall, einer der am Waffenverkauf meist-verdienenden Konzerne in Deutschland. In den ersten Nachkriegsjahren galt für JEDE deutsche Bundesregierung noch das verfassungsrechtliche WAFFENEXPORT-VERBOT (!) in KRISEN- bzw. KRIEGS-GEBIETE. Bekanntlich hat sich dies seither geändert … und Rüstungskonzerne und deren Aktionäre, kleine wie große, erfreuen sich seither bester Konjunktur & Gewinnen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass in den Köpfen der deutschen Nachkriegsgenerationen die tödliche Erfahrung mit den desaströsen beiden Weltkriegen v e r b l a s s t ist.
Lernen Menschen wirklich nicht aus ihrer Geschichte?
Hier als Ergänzung ein Artikel in Sachen «Aus der Geschichte Lernen – oder auch nicht»:
KOLUMNE
Wir leben jetzt in einem Tolstoi-Roman: Der Krieg kommt im Schlaf
Was bei Tolstoi Literatur war und bei Christopher Clark Analyse, ist heute Gegenwartsbeschreibung. Wer genau hinsieht, erkennt: Die Schlafwandler sind zurück.


Das Gebiet der Europäischen Union taugt aktuell nur für den nächsten Dreißigjährigen Krieg und ist global ansonsten bedeutungslos.
Manche Lehren der Geschichte halten genau eine Generation. Dann sind sie verbraucht, und das Spiel beginnt von vorn. Was der Großvater erlebt hat, hält der Enkel für einen historischen Roman. Schulstoff vergisst man bekanntlich, sobald die Klausur geschrieben ist.
Christopher Clark hat dem 20. Jahrhundert vor gut zehn Jahren ein Buch geschenkt, das diese Lücke schließen sollte. „Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“. Der australische Historiker beschreibt darin minutiös, wie ein Kontinent 1914 in die Urkatastrophe taumelte – nicht aus großem Plan, sondern aus einer Mischung aus gegenseitigem Misstrauen, Fehleinschätzungen, Überheblichkeit, Expansionsplänen und nationalistischen Bestrebungen. Ein Funke genügte.
Als ich das Buch um die Jahreswende 2013 zum ersten Mal las, war ich überzeugt, so etwas könne sich nicht wiederholen. Wir hätten dazugelernt. Zwei Weltkriege wären Lehre genug. Heute weiß ich, dass das ein Irrtum war.
Eine Hydra mit europäischen Hauptstädten
Lesen Sie Clarks Beschreibung der Vorkriegszeit noch einmal – und ersetzen Sie in Gedanken nur die Namen. Misstrauen zwischen Regierungschefs? Vorhanden. Fehleinschätzungen im Wochentakt? Selbstverständlich. Überheblichkeit? Ein Bundeskanzler, der erklärt, man sei „im Krieg mit Putin“, obwohl die Bundeswehr keinen Schuss abgegeben hat. Expansionspläne?
Eine Europäische Union, die sich vom Wirtschafts- in einen Militärverbund umzubauen versucht und Beitrittsperspektiven nicht aus ökonomischer Vernunft, sondern aus geopolitischem Trotz vergibt. Nationalistische Bestrebungen? Sie tarnen sich heute als europäischer Patriotismus, erfüllen aber dieselbe Funktion: Mobilisierung gegen einen Feind, den man dafür braucht.
Wer das deprimierend findet, hat den eigentlichen Befund noch nicht gehört. Das Gebiet der Europäischen Union taugt aktuell nur für den nächsten Dreißigjährigen Krieg und ist global ansonsten bedeutungslos. Eine politische Klasse, die das in zwei Generationen zustande bringt, hat sich Anerkennung redlich verdient – nur nicht die, die sie sich selbst verleiht.
Aber Clark beschreibt nicht nur die Schlafwandler in den Hauptstädten. Er beschreibt auch die Trägheit der Vielen. Das schweigende Mitlaufen der Bürger. Die Bereitschaft, das Trommeln der Mobilmachungspresse für Aufklärung zu halten. Hier liegt der Unterschied zwischen 1914 und 2026. Allerdings nicht zu unseren Gunsten.
Die Werkzeuge, mit denen heute auf Krieg eingestimmt wird, sind ungleich raffinierter als die Springerstiefel-Karikaturen vergangener Jahrzehnte. Die Nato hat dafür sogar einen eigenen Doktrinbegriff geprägt: Cognitive Warfare. Erklärtes Ziel der Allianz, in den einschlägigen Strategiepapieren seit 2020 nachzulesen, ist die Veränderung dessen, „was eine gegnerische Gemeinschaft denkt, liebt oder glaubt“. Ausdrücklich gegenüber Zivilbevölkerungen. Ausdrücklich unterhalb wie oberhalb der Kriegsschwelle.
Das Pikante: Dieselben Methoden, mit denen man sich gegen die Manipulation des Gegners zu schützen vorgibt, werden im Innern angewandt. Dieselben Datenanalyse-Plattformen dienen militärischer Operationsführung und ziviler Polizeiarbeit. Dieselben Beratungsfirmen wechseln zwischen strategischer Kommunikation und Wahlkampfsteuerung. Die Grenze zwischen Abwehr und Anwendung ist nicht technisch, sondern allein deklaratorisch gezogen. Die Exekutive gestaltet auf diese Weise die kognitiven Voraussetzungen jener, die sie eigentlich kontrollieren sollen – Parlamente, Medien, Souverän. Lautlos. Algorithmisch.

Marcel Luthe
ZUR PERSON
Marcel Luthe, Jahrgang 1977, war bis 2021 Abgeordneter in Berlin. 2020 trat er nach Streit um die Corona-Politik aus der FDP aus. Unmittelbar nach den Berliner Wahlen 2021 erklärte Luthe die Anfechtung und deckte zahlreiche Wahlmängel auf, woraufhin das Verfassungsgericht die Wahlen für nichtig erklärte. 2022 gründete er die Good Governance Gewerkschaft (GGG), deren Bundesvorsitzender er ist. Aktuell sind Luthes Anfechtung der Bundestagswahl 2025 und eine Klage gegen das Billionen-Sondervermögen der Bundesregierung beim Bundesverfassungsgericht anhängig.
Die zentrale Lehre aus dem totalitären System des 20. Jahrhunderts, mit dem Opposition und Meinungsfreiheit erstickt wurden, um sodann im „Volksinteresse“ massiv aufzurüsten und den größten Krieg bisher loszutreten, haben die Überlebenden auf dem Verfassungskonvent von Herrenchiemsee 1948 in einen Satz verdichtet: Würde des Menschen, freie Meinungsbildung, Kontrolle der Macht. Drei Säulen.
Wer eine davon einreißt, gefährdet die anderen mit. Das muss das zentrale Dogma jeder Politik sein, der Freiheit nicht nur Tagesgeschäft, sondern Auftrag ist. Tolstoi hat den Epilog zu „Krieg und Frieden“ mit einem Gedanken beschlossen, der in seiner Härte oft überlesen wird: „Im ersten Fall war es notwendig, auf das Bewusstsein einer unrealen Unbeweglichkeit im Raum zu verzichten und eine Bewegung zu erkennen, die wir nicht fühlten; im vorliegenden Fall ist es ebenso notwendig, auf eine Freiheit zu verzichten, die nicht existiert, und eine Abhängigkeit zu erkennen, deren wir uns nicht bewusst sind.“
Genau diese Abhängigkeit ist es, die in der Cognitive-Warfare-Doktrin zur Methode geronnen ist. Wer überzeugt ist, völlig frei zu denken, während er die Schlagworte der Tagesschau nachspricht, ist der ideale Bürger eines Krieges, den niemand offen erklärt.
„Sprechen Sie mir nicht von diesem Österreich“
Auch der erste Satz von „Krieg und Frieden“ trifft die Lage von 2026 mit irritierender Präzision. „Ach, sprechen Sie mir nicht von diesem Österreich!“, lässt Tolstoi seine Hofdame Anna Pawlowna sagen. „Es ist möglich, daß ich nicht alles richtig verstehe, aber nach meiner Ansicht will es nicht den Krieg und hat ihn nie gewollt.“
Nach meiner Überzeugung will keine Nation, die von rationalen, geistig gesunden Menschen geführt wird, den Krieg. Und ausgerechnet jenes Österreich, das Tolstoi als kriegsunwillig zeichnete, hat später die wohl gründlichste Erklärung dafür geliefert, warum das so ist.
Die Österreichische Schule der Nationalökonomie um Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek hat in den Jahrzehnten zwischen den Weltkriegen mit eiserner Logik herausgearbeitet, dass Krieg ökonomisch immer die schlechteste aller Optionen ist. Nicht weil Pazifismus eine schöne Idee wäre. Sondern weil die Rechnung niemals aufgeht.
Nehmen wir die Zahlen. In Kriegsgebieten bricht das Bruttoinlandsprodukt um etwa 30 Prozent ein. Fünf Jahre danach liegt es noch immer weit unter dem Vorkriegstrend. Die Inflation springt um bis zu 15 Prozentpunkte hoch und bleibt jahrelang erhöht. Aber das ist nur die halbe Geschichte. Auch Nachbarn und wirtschaftlich verflochtene Drittstaaten zahlen – über Handelsketten, Energiepreise, gestörte Lieferbeziehungen, Kapitalflucht. Wer mit dem Kriegsschauplatz Handel treibt, leidet mit. Punkt.
Was bedeutet das für Sie? Es bedeutet, dass jede Stunde Krieg, die ein deutscher Politiker durch Waffenlieferungen, Eskalationsrhetorik oder versäumte Verhandlungschancen verlängert, in Ihrer Stromrechnung steht. In Ihrer Miete. In Ihren Lebensmittelpreisen. In der Rente, die später nicht mehr reicht. In Sozialleistungen, die irgendwann gestrichen werden müssen, weil die Mittel anderswo verfeuert wurden. Und es bedeutet, dass Sie in Trauer für Menschen versetzt werden, deren Schicksal niemanden interessiert hätte, wenn man sich nicht entschieden hätte, sie zu Helden eines fremden Krieges zu erklären.
Der amtierende Bundeskanzler brüstet sich, den wirtschaftlichen Niedergang Deutschlands durch Verschleuderung des Vermögens der Deutschen zu beschleunigen und gleichzeitig damit einen sinnlosen Krieg zu verlängern, der weiter Abertausende Menschenleben fordern wird. Was, frage ich, ist eigentlich aus der einst klugen deutschen Diplomatie geworden?
Ein Bündnisfall, der keiner ist
Welcher Kausalzusammenhang verlangt eigentlich, dass sich Deutschland in einen Krieg zwischen zwei fremden Mächten einmischt, zu denen kein Verteidigungsbündnis besteht? Zumal in einer Weise, die nur Deutschland ausbluten lässt, aber niemandem sonst schadet?
Das ist keine rhetorische Frage. Wer „Verteidigung“ sagt und damit eine militärische Einmischung in einen fremden Krieg meint, plant keine Verteidigung. Er plant einen verfassungswidrigen Angriff. Artikel 26 unseres Grundgesetzes ist unmissverständlich: Handlungen, die das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören geeignet sind, sind verfassungswidrig und unter Strafe zu stellen. Vorbereitung eines Angriffskriegs eingeschlossen.
Nebenbei: Die Welt brennt nicht nur in Osteuropa. Sie brennt im Nahen Osten, im Sahel, im Südchinesischen Meer. Eine Welt, in der so viele Funken gleichzeitig glimmen, ist ein Pulverfass. Tanzen sollte man darauf eigentlich nicht. Verhandeln muss man. Mit allen.
Was Sozialdemokraten und Konservative einst wussten
Das ist im Übrigen keine Position, die sich nach links oder rechts einsortieren ließe. Es ist die Position derer, die den Krieg kannten. Hören wir Franz Josef Strauß im November 1958, Bundesverteidigungsminister, CSU.
Auf die Frage, ob mit der Sowjetunion verhandelt werden solle, antwortet er im Bundestag: „Zu der Frage ‚verhandeln oder nicht’ habe ich mich schon geäußert. Selbstverständlich verhandeln! Ich begehe keine Fahnenflucht und brauche auch nachher kein pater peccavi zu sagen, wenn ich ein Wort aufgreife, das aus Ihren Reihen kommt: Lieber zehn Jahre verhandeln, als einen Tag Atomkrieg führen!“
Vier Jahre zuvor, am 18. November 1954, hatte Otto Brenner, Vorsitzender der IG Metall und überzeugter Sozialdemokrat, im Streit um die Wiederbewaffnung Westdeutschlands vor Gewerkschaftern formuliert: „Wir meinen, daß es besser ist, ein Jahr zu verhandeln als auch nur einen Tag Krieg zu führen.“
Strauß und Brenner – ideologisch zwei Welten, im entscheidenden Punkt einig. Beide kannten den Krieg nicht aus Strategiepapieren, sondern aus eigener Anschauung. Wenn es um Krieg ging, wussten sie, dass jede Stunde Verhandeln besser ist als die erste Stunde Bomben.
Die Frauen und Männer, die heute mit dem Säbel rasseln, kennen den Krieg meist nur aus dem Fernseher und mittelmäßig recherchierten Strategiepapieren der Lobbyisten. Das macht diese Kriegstreiber nicht ungefährlicher. Im Gegenteil.
Aber wer nach 1914 und 1939 wieder meint, in Kriegslüsternheit verfallen zu sollen, der gehe zunächst in eine Grundschule. Er erkläre den Viertklässlern und deren Eltern, warum schwachbrüstige Schreibtischtäter sie in einem Krieg verheizen wollen. Wer das nicht kann, hat seine Antwort bekommen. Denn für den Krieg ist nur, wer ihn nie gesehen hat.»
Siehe auch den Artikel «1900-2025 125 Jahre Kriege zulasten der deutschen Steuerzahler – Jubiläumsausgabe» in Catracho global


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