Der folgende Text ist einem ‘epochemachenden’ Buch des russischen Historikers Nicolay Starikov entnommen, der im Jahr 2017 der bei deutschen Historikern zu einem TABU zählenden Frage, wie eigentlich ein simpler ehemaliger österreichischer Gefreiter des 1. Weltkriegs eine so große Rolle in Deutschland erringen konnte, nachgegangen und hat dabei die Initialzünder – auch wenn dazu die Beweise von führenden Nazis gezielt dem Feuer übergeben wurden – identifizieren können. Ein Buch zur Widerlegung bisheriger Historiker-Propaganda und deshalb tatsächlich ‘epochemachend’.

Ähnlich wie der Russe Starikov hat auch der Angelsachse Antony C. Sutton sein Leben als Wirtschaftshistoriker damit verbracht, Belege für die Beteiligung der Wallstreet als Wegbereiter für Hitlers Aufstieg beizubringen. Auch bei ihm hat diese mühsame Arbeit Erfolg gehabt. Die Suche nach der ‘historischen Wahrhaftigkeit’ geht also Dank einiger weniger Historiker der Sieger der beiden Weltkriege weiter und könnte dazu beitragen, den Deutschen ein Tatsachen-basiertes Selbstverständnis von ihrer Geschichte der letzten hundert Jahre zu vermitteln und die zurzeit versuchte Wiederholung der «gleichen Imperialmasche auf dem Rücken unter anderem von uns Deutschen im Zusammenhang mit dem Krieg um die Ukraine» – wenn auch recht spät – noch zu verhindern.

Wer gab Hitler das Geld?
„Ganz gleich, ob sie über uns lachen oder uns beleidigen, ob
sie uns als Dümmlinge oder Verbrecher hinstellen, die Hauptsache ist,
dass sie uns wahrnehmen.“
(Adolf Hitler „Mein Kampf“ , geb. 20. 04.1889, † 30.04.1945)
„In Deutschland wird es keine Revolutionen geben, weil alle
Revolutionen in Deutschland streng verboten sind.“
(Britischer Witz)
Am zwölften September 1919 erschien in der Bierstube „Sterneckerbräu“
zur Versammlung einer winzigen Partei der damals noch niemandem bekannte
Frontsoldat a. D., Adolf Hitler. Millionen von Menschen kamen nach dem Ende
des Ersten Weltkrieges gerade wieder zur Besinnung, als die Geschichte der
Menschheit fast unbemerkt schon wieder einen Weg einschlug, der zu noch
schrecklicheren Schlachten, zu noch grausameren Verbrechen, zu den
entsetzlichen Gaskammern und Verbrennungsöfen in Majdanek und Treblinka, zur
Blockade von Leningrad, zu den Schlachten in Stalingrad und am Kursker Bogen
führte.
Das Datum des zaghaft und kläglich ans Licht strebenden Pflänzchens,
welches sich in kurzer Zeit zum gigantischen Baum des deutschen
Nationalsozialismus entwickelte, kann ziemlich genau genannte werden. Am 7.
März 1915 gründete ein gewisser Anton Drexler in München ein Komitee mit dem
schönen Namen „ Freier Arbeiterausschuss für einen guten Frieden“. Während des
Ersten Weltkrieges trafen sich im Rahmen dieses Komitees ca. 40 Schwätzer und
Fantasten in harmlosen Versammlungen, tranken viel Bier und diskutierten über
die Vorzüge eines allgemeinen Friedens. Während eines beliebigen Krieges
existieren nur drei Möglichkeiten den Frieden zu erreichen:
- den Krieg zu verlieren;
- den Krieg zu gewinnen oder
- durch Verhandlungen eine Pattsituation zu erreichen.
Während sich Drexler mit solchen Fragen von Krieg und Frieden
beschäftigte, entwickelten sich die Ereignisse in Deutschland in Richtung der 1.
Variante. Angestiftet durch die von außen hineingetragene Revolutionspropaganda
und durch das russische Beispiel brach das Kaiserreich zusammen und verschwand
spurlos in der Versenkung. Der Frieden kam, nur nicht so, wie ihn sich Drexler und
seine Kumpanen vorgestellt haben. Es kam der Frieden von Versailles! Genau in
diesem Vorort von Paris wurden am 28. Juni 1919 die Bedingungen des
14
Friedensvertrages unterschrieben, die in der Folge zur Geburt des Nationalsozialismus und zu einem neuen Krieg geführt haben. Warum wird der Versailler
Friedensvertrag als Vorbote eines neuen Krieges bezeichnet? Weil es ein
schändlicher Raubfrieden war, der, um wenigstens den Schein zu wahren, in Form
eines internationalen Abkommens unterzeichnet wurde. An seinem Wesen hat sich
durch diesen Staatsakt nichts geändert. Bezeichnend ist, dass nicht nur Lenin und
deutsche Politiker den Friedensvertrag von Versailles aufs schärfste kritisierten,
sondern auch Vertreter der Entente. Allgemein bekannt sind die Aussagen des
Oberbefehlshabers der französischen Armee, Marschall Foch, der wie ein
Wahrsager die künftigen Ereignisse exakt beschrieb: „Es ist kein Frieden, sondern
ein 20-jähriger Waffenstillstand“. Es gab auch andere Aussagen von westlichen
Politikern, die weniger bekannt sind. „Die wirtschaftlichen Vereinbarungen waren
in einem derartigen Grade bösartig und dumm, dass sie den ganzen Vertrag ad
absurdum stellten“. Deutschland wurde gezwungen, unglaubliche Reparationen zu
zahlen [13]. Das sind nicht die Worte von Adolf Hitler, der mit seiner Kritik über
den Vertrag von Versailles seine Karriere machte, sondern die des britischen
Premierministers, Winston Churchill.
Die Deutschen wurden förmlich ausgeplündert. Deutschland verlor ungefähr
73.000 km2 seines Territoriums (ca. 13,5 % seiner Gesamtfläche), auf dem 6,5
Millionen Menschen (ca. 10 % der gesamten Bevölkerung) lebten. Außerdem
verlor das auf diese Art und Weise beschnittene Land seine gesamten
überseeischen Kolonien und musste den Siegermächten alle materiellen und
finanziellen Verluste begleichen, die ihnen im Verlaufe des Militärkonfliktes
entstanden sind. Die Höhe der zu zahlenden Reparationen wurde bei der
Vertragsunterzeichnung nicht, sondern erst später genannt. Die Summe war
astronomisch hoch und wurde mehrmals korrigiert. Interessant ist auch, dass im
Rahmen der abschließend korrigierten Variante die letzte Zahlung der besiegten
Deutschen im Jahre … 1988 erfolgen sollte [14]!
Es war, als ob ein Orkan oder Tornado ein ehemals blühendes Land
verwüstet hat. Zur Zahlung der Reparationen wurde praktisch das gesamte Hab
und Gut konfisziert, dazu gehörten auch 140.000 Milchkühe. Bevor Deutschland
gründlich ausgeraubt wurde, war es natürlich notwendig, jeglichen Widerstand
gegen die Räuber, d.h. gegen die „Sieger“ zu unterbinden. „Deutschland wurde
deshalb entwaffnet. Seine gesamte Artillerie und andere Waffen wurden vernichtet.
Seine Kriegsflotte wurde von den Deutschen selbst in der britischen Bucht Scapa
Flow versenkt, seine riesige Armee wurde aufgelöst. Deutschland wurde
ausdrücklich verboten, Luft- und Seestreitkräfte zu besitzen“ [15].
Die Stärke der deutschen Armee durfte 100.000 Mann nicht überschreiten.
Der Bau von Flugzeugen, Panzern, Seekriegsschiffen, darunter auch von U-Booten
war verboten. Im besiegten Deutschland herrschten Chaos und Anarchie, d.h.
katastrophale Zustände, die durch den wirtschaftlichen Kollaps noch verstärkt
wurden. Angesichts dieser verhängnisvollen Lage entschied Anton Drexler sich in
seinem Komitee mit ernsthafteren Fragen zu befassen und gründete am 5. Januar
1919 die „Deutsche Arbeiterpartei“. Der neue junge Anführer, Adolf Hitler,
15
verdrängt mit seinen hervorragenden rhetorischen Fähigkeiten sehr schnell den
Gründer dieser Partei und wurde zum alleinigen Führer – zum Führer einer neuen
politischen Kraft. Er veränderte nicht nur den Inhalt und das Wesen dieser Partei,
sondern auch ihren Namen. Zur ursprünglichen Bezeichnung fügte er ein Wort
hinzu und die von ihm geführte politische Kraft ging in die Geschichte der
Menschheit als NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) ein.
Der Geschichte dieser nazistischen Partei und ihrem Führer sind wahrlich
Tonnen völlig verschiedener Werke der Literatur gewidmet. In jeder beliebigen
Buchhandlung finden wir immer ein paar Buchumschläge, von denen uns die
verrückten Augen von Adolf Hitler oder die kräftigen Silhouetten seiner SA- und
SS-Männer anschauen. Es scheint, als ob auf alle Fragen die Antworten bereits seit
langem gegeben worden sind. Doch dieser Schein trügt! Mit jedem Buch, das wir
über die Geschichte des 3. Reiches lesen und kritisch überdenken, nehmen die
Unklarheiten in unserem Kopf nur zu. Sogar in den Büchern weltweit anerkannter
Forscher finden wir äußerst widersprüchliche Informationen. Die Angabe der
Mitgliederzahl der NSDAP scheint trivial, d.h. keine offene Frage zu sein. Nichts
scheint einfacher zu sein, als in den Archiven der nazistischen Partei danach zu
suchen. Dort finden wir ohne Zweifel die Antwort auf die Frage, wie sich die
Mitgliedschaft in der Partei in den Jahren entwickelt hat. Die Faschisten liebten es,
über ihre „Jahre des Kampfes“ und über ihre „gefallenen Kameraden“ zu sprechen
und zu schreiben. Deshalb müsste sich die Entwicklung der Mitgliedschaft in
diesen Dokumenten klar widerspiegeln. Weit gefehlt!
„Im November 1923 hatte die Partei 15.000 Mitglieder“[16]. Das ist die
Meinung des Zeitzeugen, Konrad Heiden, dessen Buch im Jahre 1936
veröffentlicht wurde.
Der Brite Ian Kershaw schrieb im Jahre 1990 „Die Anzahl der Mitglieder in
der Partei nahm schnell zu. Ende 1922 waren es 22.000, zum Zeitpunkt des
Putsches etwa 55.000.“ [17]. Wir erinnern uns, dass der misslungene Putsch
Hitlers im November 1923 stattgefunden hat, d.h. der Unterschied in der
Bewertung der Mitgliederzahl hat sich in 55 Jahren fast vervierfacht. Wie ist das
möglich? Wenn sich dieser Zuwachs an Parteigenossen in den Werken der so
genannten Historiker in diesem Tempo fortsetzt, dann werden wir in dreihundert
Jahren erfahren, dass die gesamte Bevölkerung Deutschlands 1923 schon Nazis
waren. Zur Beruhigung unseres Gewissens nehmen wir noch das Buch des dritten
„Sachverständigen“ des faschistischen Deutschlands, Alan Bullock, in die Hand.
Im völligen Widerspruch zu den Aussagen der beiden anderen „Experten“ lesen
wir: „Die Anzahl der Mitglieder in der Zeit vom Juni 1920 bis Anfang des Jahres
1922 wuchs von 1.100 auf 6.000. Anfang 1923 erreichte sie die Zahl 20.000.“ [18].
Haben die Historiker der Nazipartei vielleicht doch ihre Informationen aus
eigenen, völlig voneinander isolierten „Archiven“ geschöpft? Ergeben sich daraus
die erheblichen Differenzen? Nein! Die Archive waren und sind immer die
gleichen, die Historiker studieren alle die gleichen Dokumente. Aber jeder hat
seine eigenen Zahlen. Woher nehmen sie diese? Das ist offensichtlich ein
Geheimnis, das schrecklicher ist, als alle anderen Geheimnisse des faschistischen
16
deutschen Reiches.
Kurz gesagt, je mehr Autoren umso mehr Versionen. Auf Kosten der
Qualität schreibt einer vom anderen ab. Der Leser staunt und der Experte wundert
sich!
Wie können wir die Geschichte des Zweiten Weltkrieges erforschen,
wenn es einerseits notwendig ist, die genaue Anzahl der Kanonen, Panzer und
Soldaten zu bestimmen, aber andererseits sich die Historiker nicht einmal
einig sind, wie viele „Mitglieder“ die NSDAP in den jeweiligen Jahren hatte?
Warum versuchen wir, uns in dieser Frage Klarheit zu verschaffen? Wozu
brauchen wir das? Wir wollen an Hand dieses einfachen Beispiels nur
demonstrieren, dass selbst anerkannte Forscher und Biographen des Führers der
Nazis in Deutschland nicht so richtig wussten, was und worüber sie schreiben.
Denn ohne eine kritische Überprüfung durch den eigenen Verstand, dürfen wir
irgendwelchen unsinnigen Behauptungen, die über den Zweiten Weltkrieg
geschrieben werden, nicht glauben. Nicht weniger Blödsinn wurde und wird auch
über den Großen Vaterländischen Krieg geschrieben. Dieses Buch hat die
Aufgabe, aus der riesigen Menge von Informationen, die Fakten herauszufiltern,
die uns helfen, die Wahrheit über die größte Tragödie Russlands, die am 22. Juni
1941 begann, zu finden.
In der Geschichte gibt es eine Menge Klischees. Diese Klischees sind uns
allen gut bekannt. Wie und wann sie entstanden sind, weiß keiner. Auf die Frage:
„Wer hat Hitler das Geld gegeben?“, bekommen wir in der Regel nur eine
Antwort: die deutschen Industriellen. Nuancen dieses Klischees sind: das
Großkapital, Krupp, deutsche Unternehmen usw. usw. Betrachten wir diese
Frage etwas genauer. Eine sehr verbreitete Meinung des naiven Kleinbürgers ist,
dass jede Partei von ihren Sympathisanten finanziert wird. Die richtige
Formulierung dieser Auffassung muss in Wirklichkeit lauten: Die Parteien werden
grundsätzlich von den Kräften finanziert, die mit ihrer Hilfe bestimmte Ziele
erreichen wollen. Das muss nicht in jedem Falle negativ sein. Z.B. eine Partei, die
in ihrem Programm die nationalen Produzenten unterstützt, kann ohne weiteres von
den eigenen Schuh- und Textilfabrikanten finanziert werden. Falls diese Partei
tatsächlich an die Macht kommt, wird sie im Interesse der örtlichen Unternehmen
die Zölle für die entsprechenden Importwaren erhöhen. Entstehen der eigenen
Bevölkerung dadurch irgendwelche Nachteile? Nein, nur in dem Fall, wenn mit
diesen Zöllen die gesamte ausländische Konkurrenz verdrängt wird. Jede Partei,
die für die Sicherheit ihres Landes eintritt, wird selbstverständlich immer
großzügig von den Rüstungskonzernen unterstützt. Im Falle eines Sieges derartiger Parteien erhalten sie neue Aufträge für die Produktion von Raketen,
Radaranlagen, Panzer und Flugzeugen. Entstehen der eigenen Bevölkerung
dadurch irgendwelche Nachteile? Nein, wenn beachtet wird, dass die
Rüstungsausgaben eine notwendige und vernünftige Grenze nicht überschreiten.
Mit anderen Worten, die finanzielle Unterstützung der politischen Kräfte durch die
Oligarchen war, ist und bleibt auch in Zukunft eine unumstößliche Tatsache. Das
ist keine russische Entdeckung – das geschieht in allen Ländern, in denen die
17
führende Macht durch das Volk gewählt wird. Die Demokratie als höchste Form
der Volksmacht zwingt jeden beliebigen Politiker zu einer traurigen
Schlussfolgerung. Um die Stimmen seiner Wähler zu erhalten, braucht er keine
schönen Losungen, sondern Geld. Nicht für die Bestechung der Wählerschaft,
sondern um ihr effektiv seinen Standpunkt aufs Auge zu drücken. Dies wird nur
durch den massiven Einsatz aller Massenmedien, insbesondere mit Hilfe der
Presse, der Radio- und Fernsehsender erreicht. Dafür sind enorme finanzielle
Mittel notwendig. Die Regel ist einfach: Je größer das Land, je größer die
Wählerschaft, desto mehr Geld wird benötigt.
In Deutschland, nach dem Untergang der Monarchie im Jahre 1918, entstand
ein derartiges demokratisches System. Der Zeitraum von der Niederlage
Deutschlands im Ersten Weltkrieg bis zur Machtergreifung Hitlers wurde in der
Geschichtsschreibung als Weimarer Republik bezeichnet. In dieser Republik galten
selbstverständlich genau die oben beschriebenen Regeln. Jede politische Tätigkeit
erfordert, wie der Kessel einer Lokomotive, viel Kohle. Ohne diesen „Brennstoff“
bewegt sich weder etwas in der Lokomotive noch in der Politik. Der Erfolg und die
Dauer der politischen „Reise“ sind deshalb immer von der Geldbörse abhängig.
Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, nach dieser Abschweifung in die Geschichte,
auf unsere ursprüngliche Frage zurückzukehren.
Woher nahm Adolf Hitler, der 15 Jahre nach dem schicksalhaften
Besuch der Münchener Bierkneipe an die Macht kam, tatsächlich seine
„Kohle“.
Die Antwort auf diese Frage liegt offensichtlich auf der Hand. Genau das
gleich Klischee: Das Geld gaben die Haie des deutschen Kapitalismus. Eine gute
Antwort, bequem für alle! In der sowjetischen Geschichtsschreibung gab es nur
diese Antwort. Dank der Bemühungen von Suworow-Resun gibt es Westen
inzwischen eine zweite Antwort.
Angeblich hat Stalin selbst Hitler als zukünftigen „Eisbrecher der
Revolution“ an die Macht geführt. Folglich erhielten die Faschisten das Geld von
den Kommunisten-Bolschewiken. Die Logik dieser letzten Behauptung ist gleich
Null. Mit der gleichen Logik könnten wir auch behaupten, dass Russland unter der
Führung von Jelzin, in der Zeit, in der es überhaupt kein Geld gab um dieses zu
drucken, den internationalen Terrorismus mit großen Geldbeträgen unterstützt hat.
Die Beschuldigung der Sowjetunion, die Entwicklung des Faschismus unterstützt
zu haben, ist genau so absurd: Als die Faschisten ihre ersten Schritte machten, war
in Russland der Bürgerkrieg noch nicht beendet. Wie und auf welcher finanziellen
Grundlage sollten die Kommunisten die antikommunistischen Bewegungen in
Deutschland unterstützen? Mit dem gleichen „Erfolg“ könnte Lenin auch den
Admiral Koltschak und General Wrangel der zaristischen Armee beglücken.
Warum müssen derartige Dummheiten in die Welt gesetzt werden? Um Russland
zu beschuldigen, alle nur denkbaren Todsünden begangen zu haben. Darüber
hinaus, um jeden Verdacht von den wirklich Schuldigen der Machergreifung von
Hitlers menschenverachtender Partei in Deutschland abzulenken.
Die deutschen Industriellen sind auch dank der verbreiteten Klischees als
18
wichtigste Sponsoren Hitlers in die Geschichte eingegangen. Stellen wir uns die
Frage:
Wozu sollten die deutschen Industriellen den Nationalsozialisten in der
Anfangsphase Geld geben?
Na klar, die Nazis waren wütende Antikommunisten und die Bourgeoisie
kämpfte mit ihrer Finanzierung gegen die Gefahr einer kommunistischen
Revolution. Diese Behauptung ist genauso ein Klischee und Mythos und hat mit
der Realität nichts zu tun. Es ist deshalb nicht zufällig, dass in den Büchern, in
denen solche Argumente genannt werden, die entsprechenden Zahlen und Daten
fehlen. Wir sind nicht faul und werden „ Die Spreu vom Weizen trennen“. Gleich
nach dem Untergang der Monarchie im November 1918 stand Deutschland an der
Schwelle einer sozialistischen Revolution. Eine derartige Revolution hat es in
Deutschland tatsächlich gegeben, und zwar lange bevor der tollwütige Führer auf
die politische Bühne trat. In einer Periode von Chaos und Anarchie, bildeten sich
nach dem Sturz des Kaisers zwei politische Lager: die sozialdemokratische
Regierung und die an einer Revolution interessierten Kommunisten. Dies führte
1919 zu einer Revolution in Berlin, zur Verhaftung und Ermordung von Rosa
Luxemburg und Karl Liebknecht.
Damit war der Kampf jedoch nicht beendet. In der gleichen Zeit erwiesen
sich die Kommunisten in Bremen als besonders flink. Am 10. Januar 1919 wurde
die Bremer Räterepublik ausgerufen. Aus der Stadt Hamburg kam ihnen der Rote
Soldatenbund unter dem Kommando von Ernst Thälmann zu Hilfe. Die
Unterstützung half jedoch nicht, die Armee in Deutschland stand eindeutig auf der
Seite des Staates. Schon am 4. Februar wurde das Rote Bremen von der Division
des Generals Gerstenberg besiegt. Die zeitweilige Räterepublik verschwand so
schnell wie sie gekommen war. Die Kinder in der UdSSR kannten diese Stadt nur
aus dem schönen Märchen der Brüder Grimm aus dem viel schöneren sowjetischen
Trickfilm. Anfang 1919 flammte der Wiederstand in der deutschen Hauptstadt
wieder auf. Der Generalstreik, von den Kommunisten organisiert, entwickelte sich
allmählich zu einem Aufstand gegen die Regierung. Der Aufstand wurde blutig
niedergeschlagen. Allein in Berlin wurden 1.200 Menschen ermordet. Freiwillig
dienende Offiziere und Unteroffiziere, d.h. so genannte Freikorps, haben
gemeinsam mit der Polizei brutal Ordnung geschaffen. Es sind Fälle bekannt, dass
wegen einer einzigen roten Fahne in der Kolonne der streikenden Arbeiter, die
Menschenmenge pausenlos mit schweren Maschinengewehren beschossen wurde.
Wer hat derart entschlossen die Unruhen erstickt? Das war Gustav Noske,
das deutsche Mitglied im Arbeiter- und Soldatenrat während der
Novemberrevolution. Dieser ehrenhafte Sohn des deutschen Volkes ist in die
Geschichte als „Bluthund“ eingegangen. In den entscheidenden Tagen hat Noske
selbst die berühmten Worte ausgesprochen: „… Einer muss den Bluthund machen!
Ich scheue die Verantwortung nicht!“ (Bloodhound – ist eine Hunderasse, die als
Bluthunde bezeichnet werden. Sie sind durch ihren ausgezeichneten Geruchssinn
bekannt. Im Mittelalter sind sie in England für die Verfolgung von Dieben,
Mördern und anderen Verbrechern eingesetzt worden. Bluthunde verfolgen
19
ausgezeichnet die Spuren und haben die Verfolgten stets gefasst. Außerdem fangen
sie angeschossene Tiere bei der Jagd. In Kriegen verfolgten sie die flüchtenden
Soldaten des Feindes).
Im April 1919 kam es zu neuen Unruhen. Am 13. April wurde in München
die Bayrische Räterepublik gegründet. Tatsächlich existierte sie nicht lange, schon
am 5. Mai wurde sie gestürzt. Alles begann nach dem Muster der Machtübernahme
durch die Bolschewiken in Russland. Es wurden ein Zentralrat, der zum
Führungsorgan der Republik wurde und ein Exekutivkomitee unter Leitung der
Kommunisten, dem zunächst auch unabhängige Sozial-demokraten angehörten,
gegründet. Die Taktik der jungen deutschen Räterepublik ist denen bekannt, die die
„Geschichte der KPdSU“ studiert haben: Entwaffnung der Polizei und
Bourgeoisie, Enteignung, Nationalisierung der Banken, Geiselnahme, Kontrolle in
den Unternehmen und sogar eine deutsche Variante des Komitees für den Kampf
gegen die Konterrevolution [19]. Bei den deutschen Freunden gab es jedoch auch
eigene „Erfindungen“: Abschaffung des Geschichtsunterrichtes in den Schulen und
die Herausgabe eigener Banknoten mit der Angabe des Verfallsdatums [20].
Außerdem wurde eine deutsche Rote Armee geschaffen, die in der
Anfangsphase sehr erfolgreich war. Zunächst hat sie die Regierungstruppen
nördlich von München geschlagen und die Städte Karlsfeld und Freising besetzt.
Große Erfolge hatten die deutschen Rotarmisten auch im Kampf um einen
Wohnort, der später eine schreckliche Berühmtheit erlangte. Es handelt sich um
Dachau. Gerade vor diesem Ort wurde die Rote Armee von den herangezogenen
Regierungstruppen zum Stehen gebracht. Dort begann die 60-tausend Mann starke
Armee unter Führung des „Bluthundes“, Gustav Noske, die Gegenoffensive.
Gemeinsam mit der regulären Armee vernichteten die Freikorps die Bayrische
Räterepublik, wobei sie ihre Gegner mit der gleichen Grausamkeit töteten, wie die
Kommunisten. Die Straßenkämpfe in München dauerten 5 Tage. Anschließend
erfolgten zahlreiche Hinrichtungen im Hof des Gefängnisses.
Tatsache ist, dass die bayrische Konterrevolution weit blutiger war,
als die Revolution. Von der Roten Armee wurden 8 Geisel erschossen. Sie
waren Mitglieder der Thule-Gesellschaft (ein politischer Geheimbund, der
im August 1918 in München von dem Aristokraten, Rudolf von Sebottendorf,
gegründet wurde, Anm. d. Übers.). Die „Weißen“ erschossen fast sämtliche
Soldaten eines Sanitätsbataillons, 21 Mitglieder eines katholischen
Gesellenvereins, 12 Arbeiter aus Perlach, 50 freigelassene russische
Kriegsgefangene, die führenden Mitglieder der Bayrischen Räterepublik,
Rudolf Egelhofer, Gustav Landauer und Eugen Leviné u.a. Nach offiziellen
Angaben forderte die Niederschlagung der Räterepublik 625 Todesopfer. An
der „Befreiung“ Münchens nahmen auch die künftigen Nazis, Ernst Röhm
und Rudolf Heß, teil. Hitler, der sich zu dieser Zeit in München befand, hat
am Kampf gegen den Kommunismus aus unerklärlichen Gründen nicht
teilgenommen. In der nationalsozialistischen Geschichtsschreibung wurde
die Frage nach dem Warum tunlichst vermieden.
20
Die rote Revolution in Deutschland wurde niedergeschlagen, aber
irgendwelche Verdienste hatten die Faschisten daran nicht. Das ist verständlich,
weil es zum Zeitpunkt der Niederschlagung noch keine Nationalsozialisten gab.
Außer den 20 bis 30 Schwätzern, die während des Bürgerkrieges in München
genüsslich ihr Bier tranken, gab es praktisch auch keine Partei. Adolf Hitler war
damals ein bescheidener Frontsoldat und kein Politiker.
Haben die Kommunisten weitere Versuche unternommen, die Macht zu
ergreifen? Das haben sie. In allen Fällen wurden derartige Versuche von der
Armee und Polizei, aber nicht von den Sturmabteilungen Hitlers, im Keime
erstickt. Die nächste Welle der Gewalt, die mit dem „Kampf des Proletariats“
verbunden war, überflutete Deutschland im Jahre 1923. Am 23. Oktober kam es
unter der Führung von Ernst Thälmann zum Aufstand in Hamburg. Drei Tage und
drei Nächte führten sie Barrikadenkämpfe in der Stadt und in den Vororten. Auch
an diesen Kämpfen nahmen die Nationalsozialisten nicht teil. Adolf Hitler hatte in
dieser Zeit seine eigenen Sorgen: Die Vorbereitung seines eigenen Umsturzes, des
so genannten „Bierputsches“, stand kurz vor dem Abschluss.
In der Zeit vom 8. bis 9. November 1923 versuchten die Nazis in München
die Macht an sich zu reißen. In der ersten Reihe der Demonstranten, mit Stahlhelm
und mit einer Pistole in der Hand, marschierte Adolf Hitler. Die Polizei eröffnete
das Feuer – durch ein Wunder blieb der Führer am Leben. Der neben Hitler
marschierende Max Erwin von Scheubner-Richter wurde erschossen. Als er
stürzte, riss er Hitler mit sich und verletzte ihn am Schlüsselbein. Hermann Göring
erhielt eine schwere Verwundung in der Leistengegend. Die damit verbundenen
unerträglichen Schmerzen zwingen Göring schmerzstillende Drogen zu nehmen
und machen ihn in seinem ganzen späteren Leben zum rauschgiftsüchtigen
Reichsmarschall. Insgesamt wurden auf dem Münchener Pflaster 14
Nationalsozialisten und 3 Polizisten erschossen. Wie bereits beschrieben, wurden
alle bewaffneten Versuche der Kommunisten, die Macht zu übernehmen, von den
militärischen Kräften der amtierenden Regierung erfolgreich niedergeschlagen. In
diesem Kampf unterstützten die Nationalsozialisten nicht die Regierung, sondern,
im Gegenteil, haben ihr eine ganze Menge zusätzliche Probleme geschaffen. Nur
wenige Wochen nach dem „roten“ Putsch in Hamburg organisierten sie den
„braunen Bierputsch“ in München. Wenn Sie, verehrte Leser, Krupp oder Thyssen
wären, wem würden Sie das Geld geben? Der amtierenden sozialdemokratischen
Macht, die, wenn erforderlich ausgezeichnete „Bluthunde“ bereitstellt, oder
irgendeiner anderen Partei? Wozu Extremisten bezahlen? Wenn ein Haus vom
Ungeziefer befallen ist, braucht man es nicht gleich abzufackeln. Es gibt auch
andere Mittel! Hitler mit seinem Radikalismus repräsentiert geradezu diese absurde
Handlungsweise. Warum sollte die deutsche Industrie den Faschisten Geld geben?
Sie leisteten keine Hilfe im Kampf gegen die rote Gefahr. Umgekehrt, sie
versuchten selbst, die Macht an sich zu reißen. Bei den Kapitalisten jener Zeit
könnte ohne weiteres der Eindruck entstehen, dass „das eine nicht besser ist als das
andere“. Dabei ist nicht entscheidend, dass die Farben der Fahnen von den
Kommunisten und Faschisten gleich und ihre Propagandamethoden sehr ähnlich
21
waren. Entscheidend ist, dass beide zwar antagonistisch, aber auch revolutionäre
Lehren sind!
x „Wir fordern die Abschaffung des arbeits- und mühelosen Einkommens und
die Brechung der Zinsknechtschaft;
x „Wir fordern … die restlose Einziehung aller Kriegsgewinne“;
x „Wir fordern die Verstaatlichung aller (bisher) bereits vergesellschafteten
(Trusts) Betriebe“;
x „Wir fordern die Gewinnbeteiligungen an den Großbetrieben“;
x „Wir fordern die Schaffung eines gesunden Mittelstandes und seiner
Erhaltung, sofortige Kommunalisierung der Groß-Warenhäuser und ihre
Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende…“;
x „Wir fordern eine unseren nationalen Bedürfnissen angepasste Bodenreform,
Schaffung eines Gesetzes zur unentgeltlichen Enteignung von Boden für
gemeinnützige Zwecke. Abschaffung des Bodenzinses und Verhinderung
jeder Bodenspekulation“.
Wenn Sie, verehrte Leser, denken, dies sei ein Ausschnitt aus einer
kommunistischen Broschüre, so irren Sie sich gewaltig. Das sind alles Punkte aus
dem Programm der Nationalsozialisten. Tolle Verteidiger des Kapitals, nicht wahr!
Sie sind sogar bereit, die Besitzer des Bodens entschädigungslos zu enteignen.
Sind das keine Bolschewisten? Würden Sie, an Stelle des Großkapitals, die
Extremisten, die den Kommunisten so erstaunlich ähnlich sind, finanzieren? Oder
wäre es nicht besser, die bestehende Weimarer Republik zu stärken? Deshalb, wäre
es nicht besser, das Geld in die Polizei zu investieren, um ihre Mannschaften zu
stärken oder das Geld in die Armee zu investieren, um ihre Gehälter zu erhöhen.
Wahrscheinlich würden Sie ruhiger leben, wenn die staatlichen Organe und nicht
die „Braunhemden“ Ihre Sicherheit gewährleisten und Ihr Eigentum schützen
würden?
Das bedeutet, wir müssen Gustav Noske, der 1919 den kommunistischen
Aufstand niedergeschlagen hat, zum Helden erklären. Er ist doch ein
Kriegsminister wie aus dem Bilderbuch: mit eiserner Hand, mit einem
unerschütterlichen Willen und der Bereitschaft, jederzeit die Verantwortung zu
übernehmen. Doch was geschieht wirklich: Im Jahre 1920 wird der „Bluthund“ in
den Ruhezustand geschickt und nie wieder in die Politik zurückgerufen. Wozu
brauchten die Deutschen eine noch blutigere Diktatur mit Hitler, wenn Noske im
Vergleich mit diesem Diktator wie ein harmloser Pfadfinder aussieht? Die
Polizisten, die mit wahrhaft deutschem Mut die Thälmann-Kämpfer von den
Barrikaden in Hamburg vertrieben haben, würden wahrscheinlich einen weit
besseren Ersatz für Gustav Noske darstellen. Diese sind doch auch von einer sehr
entschlossenen Person geführt worden.
Warum sollte man ausgerechnet Adolf Hitler das Geld geben? Wird er
irgendwann helfen, die Streikbewegung zu beenden und die Kommunistische
Partei zu zerschlagen? Schafft er das überhaupt? Wer kann das wissen? In den
20iger Jahren war Hitler „weder ein Spatz in der Hand noch eine Taube auf dem
22
Dach“. Er war eher ein kleines Krokodil mit scharfen Zähnchen. Ungeziefer gab es
in Deutschland schon genug. Natürlich kann ein Krokodil dressiert werden,
Ungeziefer zu fressen. Aber das ist eine komplizierte und gefährliche Prozedur: Es
kann passieren, dass nicht nur das Ungeziefer, sondern auch die Bewohner des
Landes gefressen werden. Genau das ist in der Realität auch passiert: Gemeinsam
mit der Kommunistischen Partei verschwanden von der deutschen politischen
Landschaft die Sozialdemokraten, die Unabhängigen Sozialdemokraten und die
Mitglieder der Wirtschaftspartei. Außerdem die Deutsche Zentrumspartei, die
Bayerische Volkspartei, die Deutsche Demokratische Partei, die Deutsche
Volkspartei, die Deutschnationale Volkspartei und auch alle anderen kleinen
Parteien (insgesamt 38 Parteien). Nicht wenige Mitglieder dieser Parteien wurden
von den Nazis zur Umerziehung ins Konzentrationslager geschickt. Brauchen das
die deutschen Industriellen wirklich [21]?
Interessant ist, dass nach den fast zeitgleichen Umsturzversuchen sowohl die
Kommunisten als auch die Faschisten im gegenseitigen Einklang zu richtigen
gesetzestreuen Parteien wurden. Nach seinem kurzen Gefängnisaufenthalt erklärt
Adolf Hitler 1924, dass er ein für alle Mal nur auf dem legalen Weg zur Macht
streben wird. Auf dem im April 1924 stattgefundenen IX. Parteitag der KPD haben
sich die Kommunisten ebenfalls für die Legalität entschieden. Die
Kommunistische Partei wurde zu diesem Zeitpunkt eine Parlamentspartei und
kämpfte im Rahmen von Wahlen um die Macht. Sie verzichtete gänzlich auf die
Vorbereitung von Staatsstreichen. Die Kommunisten beschäftigten sich mit der
Agitation, organisierten Demonstrationen und Meetings, nähten rote Fahnen und
druckten Flugblätter. Sie hatten wie die Nazis sogar ihre eigenen
Sturmabteilungen. Aber sie haben nie wieder irgendwelche Umstürze vorbereitet!
Es gibt kein einziges glaubwürdiges historisches Dokument, das derartige
Aktivitäten beweist. Kein einziges!
Die kommunistische Bedrohung verlor in Deutschland ihre Schärfe. Sogar
auf parlamentarischem Wege konnten die Kommunisten nicht an die Macht
kommen. Ihr bestes Wahlergebnis erzielten die Anhänger des bärtigen Marx am 6.
November 1932 mit 5.980.200 Stimmen, d.h. mit 16,9 % der Wahlberechtigten.
War das gefährlich? Natürlich nicht! Von einer kommunistischen Mehrheit im
Parlament konnte nicht die Rede sein. Wenn dem so ist, dann sollen die roten
Abgeordneten ruhig im Parlament sitzen und für die Rechte der Arbeiter kämpfen.
Wozu sollte man die Nazis fördern, die dann später alle Parteien verbieten und sich
selbst als die besten Verteidiger der Interessen der arbeitenden Menschen in
Deutschland erklären werden?
Besonders erstaunlich ist die Tatsache, dass selbst Adolf Hitler – der größte
Kämpfer gegen den Kommunismus – nicht an eine kommunistische Gefahr in
Deutschland glaubte. „Eine solche Gefahr besteht nicht und hat auch niemals
existiert“ sagte er Hermann Rauschning. „Diesen Umstand habe ich immer
berücksichtigt und ich habe angeordnet, dass die Kommunisten in unsere Partei
ungehindert aufgenommen werden. Die Nationalsozialisten kommen niemals aus
den Reihen der kleinbürgerlichen Sozialdemokraten oder Gewerkschaftlern, aber
23
wunderbar aus den Reihen der Kommunisten“[22].
Tatsächlich, eine große Anzahl ehemaliger Kommunisten ist damals in die
Reihen der NSDAP eingetreten. Sie wurden später in dieser Partei als „Beefsteaks“
bezeichnet: „braun“ von außen und „rot“ von innen. In Deutschland finden schon
keinerlei Aufstände und Umstürze mehr statt – nicht von den Rechten, und was für
uns besonders wichtig ist, auch nicht von den Linken. Die Gefahr einer Vergiftung
bestand nicht, d.h. es wurden auch keine Entgiftungsmittel gebraucht. Es bestanden
gute Voraussetzungen, die Rechtsordnung, Rechtsorgane und ihre Beschützer zu
stärken und alle Extremisten – sowohl rechte als auch linke – schonungslos zu
bestrafen. Aber irgendjemand brauchte unbedingt die Machtübernahme durch
Adolf Hitler. Ganz sicher waren das nicht die deutschen Industriellen.
Bis jetzt haben wir keinen einzigen Grund gefunden, warum die Klasse der
deutschen Großbourgeoisie die Nationalsozialisten finanzieren sollte. Natürlich
gab es einige Vertreter, die ohne Zweifel Hitler Geld gaben. Aber das war eher die
Ausnahme als die Regel. Das waren offensichtlich diejenigen, die das Programm
der NSDAP nicht gelesen haben und bestrebt waren, die erheblichen
sozialistischen Tendenzen in diesem Papier nicht zu bemerken. Aber es geht nicht
nur um das Programm! Erinnern wir uns an den Namen der Hitlerpartei
(Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) und die Frage der Beziehung des
Großkapitals zu ihr entfällt von selbst. Wo haben Sie, verehrte Leser, Magnaten
gesehen, die eine sozialistische Arbeiterpartei finanzieren? Gibt es auf der
politischen Bühne in Deutschland keine respektableren Parteien?
Betrachten wir folgende interessante Frage: Wann gaben die berüchtigten
„deutschen Industriellen“ den Nazis das Geld? Fünfzehn Jahre, d.h. von 1919 bis
1933, dauerte der Aufstieg von Adolf Hitler zur Macht. In der Literatur über den
Weg des Führers der Nazis zu den Gipfeln der politischen Macht ist eine
interessante Gesetzmäßigkeit zu finden: Je näher der Sieg von Adolf Hitler umso
mehr Informationen über Sponsoren werden von den Historikern mitgeteilt. Als
Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde, haben sicher nur Faulpelze keine Gelder
in die Parteikasse der NSDAP eingezahlt. Die Zahl der Sponsoren wurde immer
größer. Der Führer der NSDAP konnte nun auf gleicher Augenhöhe Gespräche mit
allen Magnaten in Deutschland über Unterstützungen führen. Hinter seinem
Rücken standen hunderttausende SA-Männer, viele Mitglieder seiner Partei und
die Sympathie von Millionen seiner Wähler. Von diesem Zeitpunkt an verhandelte
er tatsächlich mit den „deutschen Industriellen“ und bekam von Ihnen die
entsprechenden Mittel. Aus irgendeinem Grund lieben es die Historiker nicht, ein
äußerst wichtiges Detail zu beachten. Fast alle Fakten dieser Unterstützung Hitlers
beziehen sich auf die letzten zwei Jahre vor seiner Machtübernahme. Der bekannte
deutsche Unternehmer, Fritz Thyssen, hat in seinem Buch „Ich zahlte Hitler“
zugegeben, dass der Gesamtbetrag, den die Schwerindustrie Hitler übergab,
insgesamt zwei Millionen Mark betrug [23]. Die Rheinwestfälische Gruppe der
Industriellen hat nach den Worten von Walther Funk auf dem Nürnberger Prozess,
Hitler einen Geldbetrag von mehr als einer Millionen Mark gegeben [24]. Dies
geschah alles in den Jahren von 1931 bis 1932.
24
Die Sieger des Zweiten Weltkrieges haben aus irgendeinem Grund diese
Tatsachen völlig außer Acht gelassen. Keiner der reichen Industriellen wurde für
die Finanzierung der Hitlerpartei, die letztendlich zum Tod von zig Millionen
Menschen beigetragen hat, zur Verantwortung gezogen und vor ein Gericht
gestellt. Im Jahre 1947 wurde z.B. Alfried Krupp von Bohlen und Halbach zu 12
Jahren Haft mit Einbeziehung seines Vermögens verurteilt. Diese Strafe erhielt er
nicht für die Finanzierung der Nazis, sondern dafür, dass in seinen Fabriken völlig
unschuldige Menschen aus Osteuropa als Zwangsarbeiter tätig waren. Der
Industrielle, Emil Kirdorf, aus dem Ruhrgebiet, der schon frühzeitig von den Ideen
Hitlers begeistert war, hat von jeder Tonne der verkauften Kohle 5 Pfennige an die
Parteikasse der NSDAP abgeführt. Diese „Spende“ betrug 6 Millionen Mark/Jahr.
Das war sehr viel Geld! Aber auch dafür wurde er nicht vor ein Gericht gestellt.
Nur wenn die Kohle von den Häftlingen eines Konzentrationslagers abgebaut
wurde und dabei hunderte oder tausende Menschen vor Erschöpfung starben, dann
erhielt der entsprechende „Sponsor“ der Nazis seine Haftstrafe. Keine Häftlinge –
keine Anklageschrift!
Für die Finanzierung von Hitler und seiner Partei wurde niemand angeklagt
und verurteilt. Nicht weil die Industriellen dank ihrer vielen Milliarden gerichtlich
nicht belangt werden konnten, sondern weil die Summe ihrer „Opfergaben“ im
Vergleich mit den Ausgaben der Hitlerpartei lächerlich gering waren. Ihre Hilfe für
die Nazis war wichtig, aber nicht entscheidend. Sogar in den 30iger Jahren, d.h. in
den „goldenen Jahren“ Adolf Hitlers, standen die Ausgaben der Nazis in keinem
Verhältnis zu den Einnahmen! Nach vorsichtigen Schätzungen betrugen die
Ausgaben der NSDAP für Propaganda, für die SA-Männer und für die ständigen
Wahlen 70 bis 90 Millionen Mark im Jahr [25].
Die nachweisbaren Spenden für die NSDAP in Höhe von 3 Millionen Mark,
1 Million Mark und sogar von 6 Millionen Mark aus dem Kohlepfennig sind im
Vergleich mit den Ausgaben nur Kopeken. Selbst wenn wir die Parteibeiträge und
Opfergaben der Deutschen dazu zählen, ergibt sich eine Differenz von 30 bis 40
Millionen Mark, die zwangsläufig aus anderen Quellen gedeckt werden mussten.
Lügen die Industriellen? Spielen sie die Höhe ihres Anteils an der Finanzierung
von Hitler herunter? Nein, sie sagen die reine Wahrheit. Wer gab Hitler die
fehlenden Millionen? Er hat sie doch nicht aus dem Nichts geschaffen!
Eine überzeugende Antwort auf diese Frage hat bisher kein einziger
Forscher gegeben. Genauer gesagt, es wurden nur solche Antworten gegeben, die
die Leser veranlassen, den Historikern künftig keine derartigen unbequemen
Fragen mehr zu stellen. Vielleicht sind auch deshalb in den letzten Tagen des 3.
Reiches ungefähr 90% aller Finanzunterlagen der Nazipartei spurlos
verschwunden. Im Frühjahr 1945 haben die Faschisten hektisch viele
Beweisunterlagen vernichtet. Unberührt blieben die Archive der Gestapo, in die
Hände der Sieger gelangte außerdem der vollständige Schriftverkehr der SS- und
der Parteiführung (z.B. der Briefwechsel zwischen Kaltenbrunner und Bormann).
Diese Dokumente haben entscheidend dazu beigetragen, die höchsten Beamten des - Reiches an den Galgen und hinter Gitter zu bringen. Warum haben sie diese
25
gefährlichen Dokumente nicht rechtzeitig vernichtet? Weil sie in dieser Zeit damit
beschäftigt waren, die Unterlagen der Partei über ihre Finanzen zu vernichten. In
erster Linie wurden diese Unterlagen vernichtet, erst dann wurde der so genannte
„Kleinkram“, d.h. die Befehle über Massenerschießungen und Deportationen,
verbrannt. Lohnte es sich, angesichts des bevorstehenden Untergangs, inmitten der
Ruinen von Berlin und München, Unterlagen über die Finanzquellen Hitlers aus
der Zeit vor seinem Machtantritt zu vernichten? Himmler oder Göring könnte es
doch völlig egal sein, ob die Weltöffentlichkeit etwas über die Hintergründe der
Finanzierung von Hitlers Machtantritt erfährt oder nicht. Ihnen drohte so oder so
mindestens eine langjährige Gefängnisstrafe. Warum in dieser Situation
Archivunterlagen mit Geldüberweisungen verbrennen und nicht mit Befehlen über
Erschießungen und Hinrichtungen? Für Göring und Himmler machte das alles
natürlich keinen Sinn, denn ihre Verbrechen waren wesentlich schwerwiegender.
Aber die kleinen Fische im Naziapparat wollten gern weiter leben. Z.B. der
ständige Schatzmeister der NSDAP, Reichsleiter und Obergruppenführer der SS,
Franz Xaver Schwarz. Er verbrannte eigenhändig alle Finanzunterlagen der Partei
im „Braunen Haus“ in München. Schwarz kannte jedes Detail der Finanzierung
seiner Partei. Wegen seines Geizes beschwerte sich Hitler mehrmals. Er schimpfte
„Für jeden Pfennig muss man ihn anbetteln“, „Mit seinem … sitzt er fest auf den
Geldtruhen“ und „Auf der Straße bekommt man mehr, als bei ihm“. Aber seinen
Schatzmeister Schwarz hat Hitler weder rausgeschmissen noch bestraft, denn so
wie er, sollte jeder Finanzminister sein.
Warum hat Schwarz die Finanzdokumente vernichtet? Viel interessanter ist
die Frage: Warum hat er nicht ohne Ausnahme sämtliche Dokumente vernichtet,
sondern einen Teil davon nicht angerührt? Weil Franz Xaver Schwarz an seinem
Leben hing und dafür etwas tun musste. Er war verpflichtet, alle komprimierenden
Dokumente zu verbrennen und die unverfänglichen an ihrem Platz zu belassen.
Von wem hing das zukünftige Schicksal der Naziführer ab? Von den
deutschen Industriellen Krupp und Borsig! Selbstverständlich nicht! Es hing von
denen ab, die das faschistische Deutschland besiegt haben – von den führenden
Persönlichkeiten der Länder der Antihitlerkoalition. In welche Okkupationszone
strebten mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln und Kräften die Bonzen des
Dritten Reiches? In die anglo-amerikanische Zone. Von den in München
einmarschierenden Verbündeten wurde auch Franz Xaver Schwarz verhaftet, der
vorbeugend in seinem Archiv alles Überflüssige bereits verbrannt hatte. Auf der
Basis der erhalten gebliebenen Unterlagen der NSDAP zogen unsere Historiker die
Schlussfolgerung, dass die deutschen Industriellen Hitler finanziert haben.
Siehe da, hier geschah ein „Verwandlungswunder“: in 10% der verbliebenen
Dokumente ist die Rede von deutschen Sponsoren für die Nazis, was automatisch
bedeutet, das auch in den 90 % der verbrannten Dokumente genau das gleiche
stand! Diese umwerfende Schlussfolgerung ziehen sowohl die westlichen als auch
die sowjetischen Historiker. Für Sie, verehrter Leser, bleibt der Verstoß gegen die
Gesetze der Logik im Verborgenen. Doch warum einen großen Teil der
Dokumente verbrennen und einen kleinen Teil erhalten, wenn auf seiner Grundlage
26
alle Dokumente „wiederhergestellt“ werden können? Der Logik folgend, müssten
sich doch die verbrannten Dokumente radikal von den erhaltenen gebliebenen
unterscheiden! Natürlich müssen die Dokumente vernichtet werden, die kein
einziger Forscher sehen darf. D.h. jene, welche die Regierungen der Siegerländer,
ihre Geheim- und Nachrichtendienste kompromittieren. Erhalten blieben dank
Obergruppenführer Schwarz genau die Dokumente, die belegen, dass Opfergaben
von Krupp, Borsig u.a. erfolgten, d.h. von deutschen Industriellen, von denen der
ehemalige Schatzmeister der NSDAP jetzt nicht mehr abhängig ist. Das weitere
Schicksal von Franz Xaver Schwarz beweist, dass unsere Schlussfolgerungen der
Wahrheit sehr nahe kommen. Nach der Vernichtung der Papiere, welche die Sieger
kompromittieren könnten, erhielt der große NSDAP-Mann und SS-Mann eine
„kindische“ Gefängnisstrafe von 2 Jahren. Schon im Jahre 1947 ist der
Schatzmeister des Führers wieder auf freiem Fuß. Ihm scheint, dass alles wie
vereinbart läuft. Im Gericht macht er die richtigen Aussagen, schweigt, wo er
schweigen muss, erhält ein paar Jahre Gefängnis und ist schnell wieder auf freien
Fuß. Nur eins hat er leider vergessen – nur ein toter Zeuge ist ein guter Zeuge!
Franz Xaver Schwarz, schon 1947 wieder in Freiheit, ist plötzlich im gleichen Jahr
gestorben. Im Gefängnis ist er gesund, in der Freiheit stirbt er.
Die Namen der Personen, die Hitler finanziell unterstützten, sind oft genannt
worden. In der Regel sind das entweder die berühmten „Krupp und Borsig“ oder
irgendwelche Figuren von provinzieller Natur. Als Hitler wegen seines
„Bierputsches“ vor dem Gericht stand, wurde festgestellt, dass seine Partei
finanzielle Unterstützungen vom Direktor des bayerischen Industriellenverbandes,
vom Geheimrat, Hermann Aust, und vom Rechtsberater des Bündnisses, Doktor
Kuhlo, erhalten hatte.
Derartige Namen kann man ohne Ende aufzählen – sie sagen uns gar nichts.
Die Summen dieser Unterstützungen sind derart gering und lächerlich, dass sie auf
keinen Fall Hitler geholfen haben, in Deutschland die Macht zu ergreifen. Warum
lieben es die Historiker, uns verschiedene rührende Geschichten darüber zu
erzählen, wie Bürger und Bürgerinnen den jungen Hitler unterstützt haben? Von
einem Buch zum anderen Buch über Hitler wandert z.B. die Geschichte von der
wichtigen Spende der Ehefrau des Besitzers der bekannten Pianofabrik, Helene
Bechstein. Diese ältere Dame entwickelte zum Waisen Adolf eine wahre
Mutterliebe. Um mit Hitler während seines Aufenthaltes im Gefängnis eine
Rendezvous zu bekommen, gab sie ihn als ihren Adoptivsohn aus. Ebenso
freigebig war Frau von Seidlitz: nach den Worten der Hitler-Biographen übergab
sie ihren gesamten Besitz den Nazis [26]. Will man damit andeuten, der Platz
solcher flinker Damen wäre auf der Bank der Angeklagten des Nürnberger
Prozesses? Sollen bornierte Damen im hohen Balzac-Alter für die zig Millionen
Opfer des Naziregimes die Verantwortung übernehmen? Diejenigen, die uns so
farbenfroh die Vorlieben solcher Großmütter beschreiben, verstehen entweder gar
nichts von der Finanzierung von politischen Parteien oder, im Gegenteil, sie sind
bestens mit dieser Frage vertraut. Allen ist sicher klar, dass mit den Opfergaben
einiger Damen keine Partei und auch keine Sturmabteilungen finanziert werden
27
können. Irgendjemand gab den Nazis das Geld, denn die Sturmabteilungen
entwickelten sich rasant. Jeder Stürmer (SA-Mann) erhielt von der Partei kostenlos
seine Kleidung, feste Schuhe und eine gute Verpflegung. Jeder SA-Mann erhielt in
der Zeit der schrecklichen totalen Arbeitslosigkeit in Deutschland außerdem ein
bescheidenes Gehalt. Diese Maßnahmen und nicht die schönen Reden des Führers,
Adolf Hitler, trugen maßgeblich dazu bei, viele neue Mitglieder für die
faschistische Partei zu werben und zu gewinnen. Zieh das braune Hemd an, dann
haben deine Kinder etwas zu Essen. Die Sturmabteilungen wuchsen und wuchsen,
d.h. die Ausgaben für sie auch. Woher nahm der Führer das Geld? Die
Mitgliedsbeiträge können das auch nicht erklären. Das wäre schon sehr komisch:
Es kommt der zukünftige SA-Mann in die NSDAP und zahlt seinen
Mitgliedsbeitrag. Auf der Grundlage dieses Beitrages wird er eingekleidet, erhält
seine Verpflegung und ein Gehalt?
Die Antwort auf die Frage über die tatsächlichen Geldquellen der
Nationalsozialisten finden wir, so seltsam es klingt, in den gleichen Büchern über
den Führer. „Hitler organisierte auch systematisch die Sammlung von Geld im
Ausland. Einer seiner eifrigsten Eintreiber war ein gewisser Doktor Hanser in der
Schweiz (K. Heiden „Geschichte des Nationalsozialismus“ russ. Ausgabe „Der
Weg der NSDAP“) [27].
Ich gebe zu, als ich auf diesen Satz gestoßen bin, musste ich, um zu
begreifen, dass ich den Inhalt richtig verstanden habe, ihn immer und immer
wieder lesen.
Der angehende Politiker Hitler sucht das Geld im Ausland!
Um uns nicht völlig zu verwirren und unsere Psyche zu schonen, nutzen die
Autoren der Bücher über den Führer unbedingt das kleine Wort „auch“, damit wir,
Gott bewahre, nicht denken, dass ALL IHR GELD die junge und hungrige
nazistische Partei aus dem Ausland erhielt! Außerdem haben sie zur Ablenkung ein
paar nette ältere Damen arischer Herkunft und irgendeinen Industriellen aus
Deutschland auf Lager, die Hitler ein wenig Geld gegeben haben.
Es ist verständlich, dass Bürger irgendeines Landes ihre eigenen Politiker
mit Geldspenden unterstützen wollen. Ihnen gefallen die führende Persönlichkeit,
ihr Programm und vielleicht noch irgendetwas anderes. Letztendlich können
Spenden an politische Parteien nicht verboten werden. Mögen sie spenden! Jedoch
in einem beliebigen unabhängigen Land ist es den Politikern verboten, Spenden
aus dem Ausland anzunehmen. Unter dem Deckmantel derartiger persönlicher und
gutgemeinter Spende verbergen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit Geheimdienste
des Machtkonkurrenten, die auf diesem Wege eine Marionette, d.h. ihren Favoriten
an die Macht bringen wollen. Natürlich zum eigenen Vorteil und Wohle. Aus
diesem Grund wird jeder beliebige Staat, der seine Unabhängigkeit bewahren
möchte, die Bildung verschiedener Geldanlagen und Organisationen, die von
ausländischen „Menschenfreunden“ finanziert werden, sehr aufmerksam
beobachten. Bei uns (in Russland, d. Übers.) werden solche „brüderliche
Gemeinschaften“ als „Nichtstaatliche Organisationen“ (NSO) bezeichnet. Warum
wird diesen NSOs im modernen Russland so viel Aufmerksamkeit geschenkt?
28
Damit die Finanzierung und Steuerung des politischen Kampfes nicht aus dem
Ausland erfolgt!
Der zur Macht strebende Politiker, Adolf Hitler, erinnerte sogar aus größerer Entfernung
nicht an einen großen Führer.
Das ist vernünftig und richtig. Unser Buch beschäftigt sich jedoch nicht mit
den Problemen der jungen russischen Demokratie, sondern mit den Schwierigkeiten eines anderen, wenn auch jungen Staates, der Weimarer Republik. Sogar auf
der Grundlage unbedeutender und lückenhafter Informationen und Nachrichten aus
dieser Zeit ist festzustellen, dass Anfang der 20iger Jahre des 20. Jahrhunderts dort
ein einmaliges Chaos herrschte. Im Unterschied zu der heutigen Macht in der
Russischen Förderration interessierte sich im damaligen Deutschland niemand von
den Machthabern dafür, warum die NSDAP aus dem Ausland finanziert wird. Das
Ergebnis dieser völlig fehlenden Neugierde der Macht ist allgemein bekannt: Im
Jahre 1933 kam Adolf Hitler an die Macht…
Wer aus dem Ausland wollte dem kaum bekannten deutschen Politiker
Geld geben? Die Historiker entwickeln dazu verschiedene Varianten und
Versionen. Wer sie liest kann nur staunen.
„Die Partei, die sich so erfolgreich behauptete, erhielt ihre finanzielle
Unterstützung auch aus tschechoslowakischen, skandinavischen und in erster Linie
aus den schweizerischen Finanzkreisen“[28], schreibt Joachim Fest, der als einer
der besten Biographen des Führers bezeichnet wird.
Wir müssen zugeben, das ist eine ziemlich unerwartete Behauptung. Wo
bleiben die „deutschen Industriellen“? Es zeigt sich, dass ernsthafte Forscher der
Geschichte des Nationalsozialismus, obwohl sie sich nicht einmal besonders
bemühen, die geschichtlichen Klischees ihrer Leser zu zerstören, selbst – im
29
Unterschied zu vielen Lesern – diesen Klischees keinen Glauben schenkt.
Wozu sollten die Tschechen ihr Geld dem angehenden Fanatiker Adolf
Hitler geben? Nichts, außer laute Auftritte in Bierkneipen und Zirkuszelten hatte
der Führer bis zu diesem Zeitpunkt geleistet. Ja, seine Auftritte sind gut, ja, er ist
talentiert, ja, er ist eine Bestie. Aber er ist gegenwärtig nur eine von vielen Figuren
in der regionalen bayerischen politischen Szene! Ja, was ist er! Die
Nationalsozialisten sind vorläufig nur eine winzige politische Gruppierung. Das
schreiben die „großen Kenner“ des Dritten Reiches sogar selbst.
„Bis zum Jahre 1930 waren die Nazis nur eine unbedeutende Partei, die sich
an der Peripherie des politischen Lebens in Deutschland tummelte“ [29].
Welches Interesse hatten die Tschechen an den Nazis? Welchen Grund
haben die Skandinavier, Hitler zu finanzieren? Wozu brauchen die Schweizer die
Nationalsozialisten? In der Regel werden wir auf diese Fragen keine Antworten
von den Historikern erhalten. Es ist schwierig, sich dafür plausible Gründe
auszudenken. In der Regel finden wir solche nichtssagenden Sätze wie: „die
Beweggründe für die Unterstützung der Partei waren so vielfältig wie die Quellen
der Finanzierung“ [30].
Wir brauchen keine Ausreden, sondern Antworten! Natürlich gibt es
Wissenschaftler, die Bücher schreiben, sie in millionenfachen Auflagen verlegen
und verkaufen, gut davon leben, aber die von ihnen untersuchten Probleme und
Fragen nicht verstehen. Ich habe nichts dagegen, wenn Schriftsteller und Forscher
gut leben. Aber ich möchte, dass sie zumindest ihre Leser respektieren!
In den Jahren 1938 bis 1939 wird die Tschechoslowakei von Hitler
zerstückelt und anschließend Stück für Stück annektiert. Für was haben die
geheimnisvollen tschechischen Freunde der NSDAP das Geld gegeben? Waren sie
noch bei Verstand?
Die neutralen „Skandinavier“ haben angeblich auch Adolf Hitler geholfen.
Wer waren diese Skandinavier? Vielleicht waren es die Norweger, deren
Territorium 1940 von den Empfängern ihres Geldes erobert wurde? Oder war es
der norwegische König, der vor langer Weile politisches Roulett spielte, dem
Führer Geld schickte und später auf einem britischen Minenboot aus seinem Land
flüchtete? Sicher gibt es einfachere Möglichkeiten, einen Ausflug auf hoher See zu
organisieren. Vielleicht waren diese „Skandinavier“ auch Dänen, deren Land ohne
jeglichen Widerstand seiner Armee annektiert wurde? Oder die Schweden, die wie
durch ein Wunder bis zum Ende des Krieges neutral blieben?
Wie bereits erwähnt wurde, dienen finanzielle Zuwendungen an politische
Parteien immer einem bestimmten Ziel. Das gilt insbesondere dann, wenn es sich
um die Finanzierung von Politikern durch Bürger fremder Staaten handelt. In
diesem Fall sind die damit verbundenen Zielstellungen besonders schwerwiegend.
Sie sind nicht nur von wirtschaftlicher, sondern vor allem von geopolitischer und
strategischer Natur.
Einen realen Sinn, Hitler und seine Partei zu finanzieren, sehe ich bei
keinem der o.g. „Geldgeber“. Worin besteht das „Geschäft“, worin der Gewinn?
Worin besteht der geopolitische Nutzen? Welchen Nutzen haben die
30
Tschechoslowakei, Norwegen oder die Schweiz von der Wiedergeburt eines
starken deutschen Staates? Überhaupt keinen! Vielleicht sind sie geheime
Anhänger der Nazis? Nein, derartiges ist weder in Dänemark, in der
Tschechoslowakei noch in der Schweiz bekannt geworden. Natürlich, ein paar
hundert Fanatiker, welche die Reihen der SS-Divisionen und später die
Massengräber füllten, gab es. Geldspenden und Kanonenfutter sind jedoch
offensichtlich zwei völlig verschiedene Dinge!
In seinem Buch schreibt Joachim Fest „Im Herbst 1923 ist Hitler nach
Zürich gereist und kehrte von dort, wie man sagte, mit einer Kiste, gefüllt mit
Schweizer Franken und Dollarscheinen, zurück”[31]. D.h., am Vorabend des
Putschversuches in München hat irgendjemand dem künftigen Führer eine solide
Geldsumme bereitgestellt. Uns versuchen bestimmte Wissenschaftler davon zu
überzeugen, dass dies die Schweizer waren!
Zu diesem Sachverhalt ist eine Erklärung notwendig. Im April 1917 ist
Wladimir Iljitsch Lenin von Zürich in der Schweiz über das Deutsche Reich und
Skandinavien nach Petrograd gefahren. Durch Deutschland fuhr er in einem
plombierten Eisenbahnwaggon. Warum schreiben viele Autoren, dass die großen
Finanzmittel, welche die Bolschewiki besaßen, Gelder des deutschen
Generalstabes waren? Was ist das für ein Blödsinn? Lenin lebte doch in der
Schweiz, in der Stadt Zürich, in die nach nur sechs Jahren Adolf Hitler fuhr. Wenn
wir der Logik der Hitler-Biographen folgen, dann gaben die Schweizer Lenin das
Geld! Der Schweizer Geheimdienst ist demnach der Organisator der
Oktoberrevolution in Russland! Niemand ist bisher darauf gekommen. Weil, wie
im Fall mit den Nazis völlig unklar ist, warum die Schweizer Geld für die russische
Revolution oder für deutsche Randgruppen ausgeben. Vielleicht, damit sie mehr
Schokolade im zerstörten Europa verkaufen können? Oder um auf diese Art und
Weise den Verkauf ihrer Uhren zu steigern?
Solang wir die Tschechen und die Schweizer für die Schatzmeister der
Nationalsozialisten halten, werden wir die Geschichte des Aufstieges von Hitler an
die Macht und die Geschichte der Entfesselung des Zweiten Weltkrieges nicht
verstehen. Warum schreiben die Hitler-Biographen einen derartigen Unsinn?
Verstehen sie tatsächlich nicht die Naivität ihrer Behauptungen?
Sie verstehen dies sehr wohl. Deshalb werden wir mit nichtssagenden
Antworten abgespeist. Als gewissenhafte Menschen müssen sie darüber schreiben,
weil es viele Zeugen gibt, die beweisen, dass über die Tschechoslowakei, die
skandinavischen Länder und die Schweiz Finanzen zu Hitler geflossen sind.
Obwohl diese Informationen nur wenige Zeilen einnehmen, sagen sie mehr über
die Hintergründe, den Verlauf und die Folgen des Zweiten Weltkrieges aus, als
ganze Seiten vieler historischer Arbeiten.
Die Finanzierung dunkler Machenschaften und fragwürdiger
Geschichten in der Weltpolitik werden immer über Banken und
Persönlichkeiten neutraler Länder abgewickelt! Kommt die Wahrheit ans Licht,
dann wird alles auf die „Neutralen“ geschoben, keine Supermacht hat damit etwas
zu tun. Deshalb werden von den Historikern nur diese genannt. Die
31
schweizerischen Bankiers haben nur ihre Aufgabe erfüllt. Sie wurden beauftragt –
Hitler das Geld zu übergeben. Und das taten sie auch.
Eine weitere wichtige Frage ist: Warum gaben die „guten“ Neutralen gerade
ihm das Geld? Vielleicht haben sie alle Parteien gesponsert? Nach der Devise:
Egal wie es kommt! Nein nicht alle. Nur die Perspektivreichsten. „Das so genannte
„dunkle Pferdchen“, Kurt Lüdecke, hat in dieser Zeit offensichtlich auch aus
unbekannten ausländischen Quellen erhebliche Geldmittel erhalten. Er finanzierte
damit z.B. eine „private“ Sturmabteilung mit mehr als 50 Kämpfern“ [32].
Wer war Kurt Lüdecke? Ein hochgestellter Nazi? Nein! In den Büchern
können wir über ihn folgende Beschreibung finden: „er gehörte zu den ersten
Anhängern der Bewegung“, „einer der Freund“ und sogar „ein Agent Hitlers“.
Dieser, sich durch nichts besonders auszeichnende „Freund“ schöpfte aus
unbekannten ausländischen Quellen Geld für den jungen aufstrebenden Hitler.
Später finden wir das „dunkle Pferdchen“ als Korrespondenten der Zeitung
„Völkischer Beobachter“ des Zentralorgans der Nationalsozialistischen Deutschen
Arbeiterpartei. Warum ernennt Hitler seinen „Geldbeschaffer“ nicht zum
Gauleiter, nicht zum Gruppenführer der SS und nicht einmal zum Hauptredakteur,
sondern nur zum Korrespondenten? Ein derartiger alter cleverer Freund könnte
dem neuen Reichskanzler, Adolf Hitler, auf einem verantwortungsvollen Posten
sicher sehr nützlich sein. Aber Kurt Lüdecke wird zum Schreiben von Reportagen
abkommandiert.
Doch wir brauchen uns nicht zu wundern, denn die Bezeichnung „dunkles
Pferdchen“ ist nichts anderes als ein Synonym für die Worte „Kundschafter“ oder
„Agent“. Korrespondent einer Zeitung zu sein – das ist eine beliebte Legende für
die verdeckte Tätigkeit eines Geheimdienst-Mitarbeiters. Anhand der Information,
wohin Lüdecke in den 30iger Jahren delegiert wird, können wir ableiten, woher er
seine finanziellen „Inspirationen“ in den Jahren 1920 bis 1922 erhielt. Wohin wird
er geschickt? Nach Bremen, Rostock oder Berlin? Vielleicht sogar nach Moskau,
Prag oder Genf? Nein, Kurt Lüdecke wird in die USA geschickt …
Es gibt eine weitere interessante Variante: Hitler wurde vom
französischen Geheimdienst finanziert [33]!
Mit dieser Logik sind wir schon vertraut. Es gibt Informationen, dass die
Nazis Finanzspritzen aus dem benachbarten Frankreich erhalten haben. Irgendwie
muss man den Lesern erklären, warum die Franzosen das gemacht haben. Deshalb
schreiben die „Wissenschaftler“, dass für die Franzosen die Nazis bayrische
Separatisten sind, die unterstützt werden müssen!
Frankreich war schon immer ein Anhänger einer Politik der Zersplitterung
Deutschlands in viele kleine Länder. Deshalb hat die Idee, den Anhängern einer
Politik der Abspaltung Bayerns von Deutschland Geld zu geben, eine reale
Grundlage. Der einzige Haken: Die Anhänger Hitlers waren keine Separatisten und
für Hitler war Frankreich der Hauptfeind von Deutschland. „Denn über folgendes
muss man sich völlig klar sein: Der Todfeind des deutschen Volkes ist und bleibt
Frankreich. Egal wer in Frankreich regiert oder regieren wird, ob Bourbonen oder
Jakobiner, Napoleoniden oder bürgerliche Demokraten, klerikale Republikaner
32
oder rote Bolschewisten – das Endziel ihrer außenpolitischen Tätigkeit wird immer
die Eroberung des Rheins sein. Damit Frankreich diesen großen Fluss in seinen
Händen behält, wird es immer bestrebt sein, dass Deutschland ein schwacher und
zersplitterter Staat bleibt.“, schrieb Hitler ein wenig später in seinem Buch „Mein
Kampf“. Wird der französische Geheimdienst tatsächlich von solchen
Dummköpfen geführt?
Zum Zeitpunkt der so genannten französischen Zuwendungen gab es Hitlers
Buch noch gar nicht. Vielleicht ist das der Grund für die merkwürdige
„Verwirrung“ der Hitlerforscher? Das Programmwerk des Führers existierte nicht,
aber das Programm der NSDAP gab es. Schon aus reiner Neugier sollten sich die
Franzoden mit ihm vertraut machen, zumindest vor der Bereitstellung finanzieller
Mittel einmal durchblättern. Eine Verwechslung von Separatisten und Nazis wäre
damit völlig ausgeschlossen. Die Franzosen haben offensichtlich das Programm
der NSDAP nicht gelesen. Wahrscheinlich hatten die französischen Geheimdienste
so viel Geld, dass sie sich erst gar nicht der Mühe unterzogen, die Dokumente der
Organisationen zu lesen, an die sie ihre Finanzhilfen austeilten. Haben sie
Finanzmittel verteilt, die zur Unterstützung von extremistischen Organisationen
der deutschen Nachbarn vorgesehen waren?
Warum können wir das lauthals behaupten? Weil jeder, der das Programm
der Hitlerpartei gelesen hat, feststellen wird, dass vom Separatismus in diesem
Dokument überhaupt nicht die Rede ist. Genau wie jeder „Kapitalist“ in diesem
Programm auch keine „kapitalistischen“ Punkte über die „unentgeltliche
Enteignung des Bodens“ und über die „Nationalisierung der Industriebetriebe“
lesen wird. Im Gegenteil, die NSDAP trat in ihrem Programm für die Einheit
Deutschlands auf. Schon der erste Punkt in diesem Programm zerstreut in dieser
Frage jeglichen Zweifel:
„Wir fordern den Zusammenschluss aller Deutschen auf der Grundlage des
Selbstbestimmungsrechtes der Völker in einem großen Deutschland.“ Sogar wenn
der französische Geheimdienst aus Zeitgründen nur den letzten, d.h. den Punkt 25,
gelesen hat, gibt es keinerlei Zweifel an den Plänen der Hitlerpartei. Im Programm
der NSDAP, das am 1. April 1920 beschlossen wurde, lautet der letzte, d.h. der 25.
Punkt:
„Zur Durchführung all dessen fordern wir die Schaffung einer starken
Zentralgewalt des Reiches. Unbedingte Autorität des zentralen politischen
Parlaments auf dem Territorium des Reiches und in allen seinen Organisationen.“
Mit dem gleichen Erfolg können wir General Denikin (Kommandeur der
Weißen Armee während des Bürgerkrieges 1917-1923 – Anm. d. Übers.) mit
seiner Losung für ein „Einheitliches und unteilbares“ Russland oder die Führer des
Volksaufstandes gegen die polnische-litauische Besetzung, Minin und Poscharski,
Anfang des 17. Jahrhunderts (Führer der russischen Volkserhebung gegen die
polnisch-litauische Besetzung während der Wirren Anfang des 17. Jahrhunderts)
als Separatisten bezeichnen. Bedeutet das, dass die Franzosen tatsächlich zu faul
waren, das Programm der Faschisten zu lesen? Oder haben sie es gelesen und
hervorragend verstanden, wem sie das Geld geben? Aber warum sollten die
33
Franzosen einer politischen Bewegung helfen, die fünfzehn Jahren später ihre
Heimat zerschlägt und okkupiert? Es soll auch schon folgendes vorgekommen
sein: Ein gewisser Herr züchtet einen riesigen bösen Hund, der seinen Nachbarn
töten soll. Plötzlich reißt er sich von der Kette und frisst seinen eigenen Herrn.
Das, was in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg geschah, erfordert eine
gesonderte detaillierte Erläuterung. Die Zahlung der ungeheuerlichen Reparationen
führte zu einer unvorstellbaren Inflation, zu einer schrecklichen Arbeitslosigkeit
und insgesamt zu einem katastrophalen Abfall der Lebensqualität. Verhungernde
Kriegsinvaliden waren Anfang der 20iger Jahre des vorigen Jahrhundert eine
bittere Realität in Deutschland. Die Häuser waren nicht beheizt, die Kinder halb
verhungert, eine Welle der Selbstmorde durchlief das Land. Schwache Menschen
sahen ihren Ausweg aus diesem Alptraum nur im Suizid. Ganze Familien sind auf
diese Art und Weise ums Leben gekommen.
Gut gekleidete Menschen (die Kleidung aus den Vorkriegsjahren war noch
nicht verschlissen) wühlten in den Mülltonnen auf der Suche nach Essensresten.
Eine aufblühende Prostitution. Arme, Bettler, demonstrierende Invaliden, die
höhere Renten forderten um sich davon ein Glas Milch zu kaufen.
Den Zeitzeugen der Perestroika und des Untergangs der Sowjetunion sind
diese Bilder gut bekannt. Mit dem einzigen Unterschied, dass im Vergleich mit
den Zuständen in den deutschen Nachkriegsjahren die Zeit der Reformen Gaidars
nahezu paradiesisch waren. Deutschland ist damals wahrlich durch ein Fegefeuer,
durch alle Höllenkreise Dantes gegangen. Die Inflation war unvorstellbar! Im
Herbst 1923 kostete ein Hühnerei so viel, wie ca. 30 Mio. Eier im Jahre 1913 [34]!
Dem jungen amerikanischen Reporter, Ernest Hemingway, erzählte ein deutscher
Kellner die rührende Geschichte, wie er genügend Geld gespart hat, um ein Hotel
zu kaufen. „Aber jetzt kann er sich für dieses Geld nur vier Flaschen Champagner
leisten“ schreibt er. Ernst Hanfstaengl (über den im Folgenden noch die Rede ist),
in seine Heimat zurückgekehrt, kann für seinen kleinen Sohn keine Milch kaufen.
Es gab sie nur auf Lebensmittelkarten. Trotzdem war sie auch damit nicht zu
bekommen. Der einzige Ausweg war, in einem 5-Sterne-Hotel so viel an Kaffee zu
bestellen, dass man aus den beigefügten Sahneportionen die Milchflasche des
Kindes füllen konnte [35].
Denjenigen, die sich genauer informieren wollen, wie die Deutschen nach
dem Krieg gelebt haben, empfehle ich die Romane von Erich Maria Remarque,
insbesondere das Buch „Der schwarze Obelisk“ zu lesen. In diesem Buch ist
hervorragend die Situation beschrieben, wie Mitarbeiter mit dem bis zum Mittag
erhaltenen Lohn schnell in ein Geschäft laufen mussten, weil sich bereits am
Nachmittag die Preise verzehnfachten.
So lebte der einfache Deutsche. Die Nazis hatten anfangs auch finanzielle
Schwierigkeiten. Die ersten Sturmabteilungen konnten im Winter keine
Truppenkontrollen durchführen: Sie hatten keine warmen Schuhe. Aber allmählich
regelte sich die Situation. SA-Führer und Parteifunktionäre erhalten ihr Gehalt in
ausländischer Währung [36]. Das bedeutete Stabilität und Garantie eines guten
Lebens im hyperinflationären Deutschland. Wie auch jede andere Partei sammelten
34
die Nazis Beiträge und Spenden. Die SA-Männer liefen mit Sammeldosen durch
die Straßen der deutschen Städte, für die Auftritte Hitlers, in Zirkuszelten und im
Theater wurden Eintrittskarten verkauft. Bei diesen Einkünften handelte es sich
stets um Gelder in Deutscher Mark, die sich ständig entwerteten. Gutmütige ältere
Damen spendeten auch Gelder in Deutscher Mark. „Keine Partei konnte damals
von den Mitgliedsbeiträgen, die in Reichsmark eingezahlt wurden, existieren“
[37], schreiben über diese Zeit selbst die Historiker. Wer aber Hitler die Dollars
und die Schweizer Franken gab, das haben sie uns bis heute nicht genau erklärt.
Wir können diese Frage auch selbst beantworten. Wenn wir verstehen, welchen
Interessen der Führer und seine Partei entsprachen, dann wissen wir auch, wer das
Geld für ihre Gründung und für ihre Entwicklung gab. Wie sollen wir erkennen,
auf wessen Mühle Adolf Hitler Wasser gießen wollte? Sehr einfach. Im
Unterschied zum französischen Geheimdienst blättern wir in seinem Programm.
Lesen wir das Buch „Mein Kampf“ (Quelle: Auflage 1943, Bd. I und II; in diesem
Buch wird nur die Seite genannt; Anm. d. Übers.) und wir werden alles verstehen.
Das Buch ist sehr vielseitig. In ihm sind persönliche Erinnerungen eines
Frontsoldaten mit antisemitischen Aussagen vermischt. Uns interessieren jedoch in
erster Linie die politischen Ansichten des Autors. Alles, was die Möglichkeit gibt,
sein Programm zu bewerten, zu verstehen und seine künftigen Handlungen
vorauszusehen. Im Unterschied zu uns, wussten die Sponsoren von Hitler noch
nicht, wie und weshalb seine Karriere beendet wird.
Am Anfang des Buches wird eine Analyse der Gründe für die Niederlage
Deutschlands im Ersten Weltkrieg durchgeführt.
„Wenn europäische Bodenpolitik nur zu treiben war gegen Russland mit
England im Bunde, dann war aber umgekehrt Kolonial- und Welthandelspolitik
nur denkbar gegen England mit Russland… Allein man dachte ja auch gar nicht
daran, sich mit Russland gegen England zu verbünden, so wenig wie mit England
gegen Russland, denn in beiden Fällen wäre das Ende ja Krieg gewesen,…“ (Seite
157).
Schon allein aus diesen Aussagen wird die klare und präzise Ausrichtung der
künftigen Politik Hitlers erkennbar. Um irgendetwas irgendjemanden
wegzunehmen, muss man sich mit denjenigen verbünden, dem man nichts
wegnehmen will. Die kaiserliche Diplomatie hat darüber nie nachgedacht und
wurde deshalb in einen Krieg gegen die ganze Welt gezogen.
„Da man aber überhaupt von einer planmäßigen Vorbereitung des Krieges
nichts wissen wollte, verzichtete man auf Grunderwerb in Europa und opferte,
indem man sich statt dessen der Kolonial- und Handelspolitik zuwandte, das sonst
mögliche Bündnis mit England, ohne aber nun logischerweise sich auf Russland
zu stützen, und stolperte endlich, von allen, außer dem habsburgischen Erbübel,
verlassen, in den Weltkrieg hinein.“ (Seite 691).
Wenn wir mit allen gleichzeitig kämpfen, dann ist es ausgeschlossen zu
siegen. Das ist die erste wichtige Schlussfolgerung des Buchautors „Mein
Kampf“. Außerdem analysiert er die „Festigkeit der Reihen“ der Gegner seines
Landes.
35
„Denn darüber muss man sich endlich vollständig klar werden: Der
unerbittliche Todfeind des deutschen Volkes ist und bleibt Frankreich.“ (Seite
733).
Im Gegensatz dazu charakterisiert Hitler den anderen Gegner der Entente –
Großbritannien – in einer ganz anderen Tonart. Er rechtfertigt ihn sogar.
„Gerade um Frankreichs Macht nicht übergroß anwachsen zu lassen, war
eine Beteiligung Englands an seinen Raubgelüsten die einzig mögliche Form des
eigenen Handelns. Tatsächlich hat England sein Kriegsziel nicht erreicht.“ (Seite
695).
Die Söhne des nebligen Albion (antiker Name für England – Anm. d.
Übers.) bemühten sich ständig, die stärkste Macht auf dem Kontinent zu
schwächen. Vor einiger Zeit war dies Deutschland. Nunmehr zerschlagen und
ausgeraubt, stellte es keinerlei Gefahr mehr für die Briten dar. Nach der Meinung
von Hitler kann Großbritannien nur mit Frankreich unzufrieden sein!
„So war die Frucht des Kampfes gegen die Machtentwicklung Deutschlands
politisch die Herbeiführung der französischen Hegemonie auf dem Kontinent.“
(Seite 696).
Die Grundsätze der britischen Politik werden nicht für Jahrzehnte sondern
für Jahrhunderte geschmiedet! Nach der Auffassung Hitlers sollten sie auf keinen
Fall davon Abstand nehmen.
„Englands Wunsch ist und bleibt die Verhütung des übermäßigen
Emporsteigens einer kontinentalen Macht zur weltpolitischen Bedeutung, d.h. also
die Aufrechterhaltung einer bestimmten Ausgeglichenheit der Machtverhältnisse
der europäischen Staaten untereinander; denn dies erscheint als Voraussetzung
einer britischen Welthegemonie.“ (Seite 696).
An dieser Stelle formulierte Hitler eine Schlussfolgerung. Eine der
wichtigsten Schlussfolgerungen in seinem Buch. Schon allein deshalb musste
dieses Buch geschrieben werden:
„Wer von dem obigen Gesichtspunkt aus eine Prüfung der heutigen
Bündnismöglichkeiten für Deutschland vornimmt, muss zu der Überzeugung
gelangen, dass als letzte durchführbare Bindung nur eine Anlehnung an
England übrigbleibt.“ (Seite 697).
Wie heißt es doch so schön: „Aus den Augen, aus dem Sinn!“. Hitler will
die alten Sünden von Großbritannien vergessen. Die Niederlage im Jahre 1918, die
Revolution, die versenkte deutsche Flotte, die Reparationen – dies alles ist er bereit
zu vergessen. Die Briten hätten das alles nicht aus Bosheit getan. Wir können auch
sagen: „It’s nothing personal, it’s only business“.
„Nun wird aber Bündnispolitik nicht getrieben vom Gesichtspunkt
rückblickender Verstimmungen aus, sondern vielmehr befruchtet von der
Erkenntnis zurückblickender Erfahrungen. Die Erfahrung aber sollte uns nun
belehrt haben, dass Bündnisse zur Durchführung negativer Ziele an innerer
Schwäche kranken.“ (Seite 697).
Deshalb müssen wir positiv denken. Wir dürfen die Briten nicht verärgern,
36
aber von ihnen auch keine übertriebene Güte erwarten. Schon gar nicht eine prodeutsche Orientierung. Solche Politiker wird es in Großbritannien niemals geben.
Einband der ersten Auflage vom Buch des Dritten Reiches „Mein Kampf“. Die
grundlegende politische Idee dieses Buches ist, dass Großbritannien der größte und wichtigste
Verbündete Deutschlands ist.
„Es wird jeder Engländer als Staatsmann natürlich erst recht Engländer
sein, jeder Amerikaner Amerikaner, und es wird sich kein Italiener bereitfinden,
eine andere Politik zu machen als eine pro-italienische. Wer also Bündnisse mit
fremden Nationen aufbauen zu können glaubt auf einer pro-deutschen Gesinnung
der dort leitenden Staatsmänner, ist entweder ein Esel oder ein unwahrer Mensch.
Die Voraussetzung zur Aneinanderkettung von Völkerschicksalen liegt niemals in
einer gegenseitigen Hochachtung oder gar Zuneigung begründet, sondern in der
Voraussicht einer Zweckmäßigkeit für beide Kontrahenten. D.h. also: So sehr,
sagen wir, ein englischer Staatsmann immer pro-englische Politik betreiben wird
und niemals pro-deutsche, so sehr können aber ganz bestimmte Interessen dieser
pro-englischen Politik aus den verschiedensten Gründen heraus pro-deutschen
Interessen gleichen.“ (Seite 698).
„England wünscht kein Deutschland als Weltmacht, Frankreich aber keine
Macht, die Deutschland heißt: ein denn doch sehr wesentlicher Unterschied! Heute
aber kämpfen wir nicht für eine Weltmachtstellung, sondern haben zu ringen um
den Bestand unseres Vaterlandes, um die Einheit unserer Nation und um das
tägliche Brot für unsere Kinder. Wenn wir von diesem Gesichtspunkte aus
37
Ausschau halten wollen nach europäischen Bundesgenossen, so bleiben nur zwei
Staaten übrig: England und Italien.“ (Seite 733).
Interessant ist, dass in den Büchern der sowjetischen und westlichen
Historiker sowie von den Politikern die Frage der ungehemmten Liebe Hitlers zu
Großbritannien nicht berührt wird. Die Autoren erwähnen diesen Sachverhalt
entweder gar nicht oder sie beschränken sich nur auf die Zeile: „Die einzig
möglichen Verbündeten Deutschlands sind England und Italien“ [38].
Außerdem lässt sich Hitler darüber aus, dass für Großbritannien und Italien
ein starkes Frankreich auf dem europäischen Kontinent wie ein „Knochen im Hals“
sein muss. Die Logik des Führers ist einfach und durchschaubar. Weil die o.g.
Länder an einem starken Frankreich, welches auch dank fremder Hilfe und der
Schwäche Deutschlands zu einer Führungsmacht wird, nicht interessiert sind,
werden sie zu deutschen Freunden. Vielleicht sogar gegen ihren eigenen Willen.
Der Feind meines Feindes ist mein Freund. Vielleicht nicht mein Freund, aber auf
jeden Fall nicht mein Feind!
„Bei nüchternster und kältester Überlegung sind es heute in erster Linie
diese beiden Staaten England und Italien , deren natürlichste eigene Interessen
den Existenzvoraussetzungen der deutschen Nation wenigstens im
allerwesentlichsten nicht entgegenstehen, ja in einem bestimmten Maße sich mit
ihnen identifizieren.“ (Seite 700)
Im Rahmen dieses Kapitels wird das Wort „England“ so oft wiederholt, dass
dies den Leser nur in Erstaunen versetzen kann. Wieder und wieder beschäftigt
sich Hitler mit dem gleichen Gedanken, betrachtet ihn von verschiedenen Seiten
und wiederholt mehrmals ein und dasselbe.
„Für Deutschland jedoch bedeutet die französische Gefahr die
Verpflichtung, unter Zurückstellung aller Gefühlsmomente, dem die Hand zu
reichen, der, ebenso bedroht wie wir, Frankreichs Herrschgelüste nicht erdulden
und ertragen will.“(Seite 705)
Worüber spricht Hitler? Bietet der Führer dem nebligen Albion seine
Freundschaft an? Zehn Jahren vor seinem Machtantritt? Ja, das sagt und tut er.
Denn geradezu und ohne Umschweife schreibt er:
„In Europa wird es für Deutschland in absehbarer Zukunft nur zwei
Verbündete geben können: England und Italien.“ (auch Seite 705)
Der Schlüssel zum Erfolg für das schwache und zerschlagene Deutschland
ist das Bündnis mit den Siegermächten, weil sie an seiner weiteren Schwächung
nicht interessiert sind! An dieser Stelle habe ich es begriffen. Nicht für die
deutschen Bürger und Hausfrauen, nicht für die Pimpfe und das Jungvolk, nicht für
die wohlgenährten SA-Leute und nicht für die in schwarze Uniformen gekleidete
SS hat Adolf Hitler sein Buch geschrieben. Die Seiten seines Buches „Mein
Kampf“ gaben ihm die hervorragende Möglichkeit sich an den Herrscher der
damaligen Welt – an die Briten – zu wenden, um ihnen mit einfachen und klaren
Worten seine Gedanken und seine Vorschläge zu unterbreiten: In Deutschland
entsteht unter der Führung von Adolf Hitler eine neue starke Bewegung. Seine
volle Kraft hat diese Bewegung noch nicht erreicht, aber sie wächst. Sie braucht
38
und fordert Hilfe von außen. Wie ein Pflänzlein zum Licht, so strebt die
faschistische Partei durch den deutschen politischen Boden nach oben. Für ihren
Wachstum benötigt sie nur zwei Voraussetzungen: Geld und nochmals Geld. Keine
Angst vor den Nazis! Es sind „gute“ Burschen, die keine Gefahr für die Briten
darstellen. Eine starke pro-britische Kraft, die von dem ehrgeizigen deutschen
Politiker, Adolf Hitler, geschaffen und an die Macht geführt wird. Die Briten
können mit ihr ein Bündnis eingehen und sie angemessen unterstützen. Sobald sie
an die Macht gekommen sind, werden sie eine Politik betreiben, die mit den Zielen
der Vereinten Königreiches übereinstimmen. Andere Verbündete braucht Hitler
nicht.
„Wie konnte man jeden einzelnen dieser Punkte (des Versailler Vertrages –
Anm. d. Übers.) dem Gehirn und der Empfindung dieses Volkes so lange
einbrennen, bis endlich in sechzig Millionen Köpfen, bei Männern und Weibern,
die gemeinsam empfundene Scham und der gemeinsame Hass zu jenem einzigen
feurigen Flammenmeer geworden wäre, aus dessen Gluten dann stahlhart ein
Wille emporsteigt und ein Schrei sich herauspresst: … (Seite 715).
Der Versailler Vertrag hat Deutschland direkt an den Rand seines
Untergangs gebracht. Die gewaltigen Reparationen, der Hunger, die Kälte, das
Elend, die Arbeitslosigkeit, die Suizidwelle. Welcher „Aufrufschrei“ sollte nach
der Auffassung des Führers aus der „tiefsten Seele“ des deutschen Volkes
erfolgen? Geben Sie uns etwas zu essen? Heizen Sie unsere Wohnungen? Geben
Sie uns Arbeit? Fordern Sie keine Reparationen? Erklären Sie den Versailler
Vertrag für null und nichtig?
Nein. Hitler schreibt im „Mein Kampf“ etwas anderes. Und zwar deshalb,
weil er dieses Buch für ganz andere Menschen geschrieben hat. Nicht für die
Historiker und Wissenschaftler und nicht für die Erforschung des Naziregimes.
„Wir wollen wieder Waffen!“ (Seite 715) lautet das Satzende seiner Aussage
zum Versailler Vertrag.
Deutschland muss die Siegermächte um Waffen bitten? Um den Krieg gegen
jene zu beginnen, die ihr Vaterland ausgeraubt und zerstört haben? Um die von
seinem Land abgetrennten Territorien und die überseeischen Kolonien wieder zu
erhalten? Wer gibt den Deutschen Waffen für einen Krieg gegen das eigene Land?
Wir brauchen uns nicht aufzuregen. Die Antwort steht bereits im Buch. Sie lautet
klar und deutlich:
„…also Zurückstellung der Interessen der abgetrennten Gebiete gegenüber
dem einzigen Interesse, dem verbliebenen Rest jenes Maß an politischer Macht und
Kraft zu erringen, das die Voraussetzung für eine Korrektur des Willens
feindlicher Sieger ist.“ (Seite 689).
Er wird die abgetrennten Gebiete nicht zurückfordern. Denn das Bündnis mit
Großbritannien ist eine einzige Möglichkeit um Deutschland wieder aufzubauen,
um seine verlorengegangene Größe wieder herzustellen. Dafür muss man irgendein
Opfer bringen! Denn der britische Sieger darf keine Angst haben, Deutschland
wieder aufzurüsten. Deshalb werden die Waffen für ganz andere, gemeinsame
Ziele eingesetzt. Für die Eroberung neuer Gebiete im Interesse beider Völker.
39
„Völkerschicksale werden fest aneinander geschmiedet nur durch die
Aussicht eines gemeinsamen Erfolges im Sinne gemeinsamer Erwerbungen,
Eroberungen, kurz einer beiderseitigen Machterweiterung.“ (Seite 697).
Wo beabsichtigt der Führer die neuen Gebiete zum Ruhme und zur Ehre
Deutschlands und Großbritanniens zu erobern? Darüber spricht er im 14. Kapitel
„Ostorientierung oder Ostpolitik“ seines Buches. Gerade dieses Kapitel wird
besonders gern und oft von den sowjetischen Historikern zitiert. Angesichts des
völligen Abbruchs der Gedanken des vorhergehenden Kapitels geht die ganze
Logik der Überlegungen Hitlers verloren. Ich bitte Sie deshalb, verehrter Leser, um
Ihr Verständnis für die folgenden ausschweifenden Zitate. Diese sind für das
Verständnis der Ursachen und Gründe des Zweiten Weltkrieges von sehr großer
Bedeutung. Viel wichtiger sind die Gedankengänge des zukünftigen Führers und
Kanzlers Deutschlands für die Beantwortung der Frage, was ist am 22. Juni 1941
wirklich geschehen …
Im 14. Kapitel erklärt Hitler, wohin die Faschisten das deutsche Volk
schicken, sobald sie von den Siegern des Ersten Weltkrieges die notwendigen
Waffen erhalten:
„Die Forderung nach Wiederherstellung der Grenzen des Jahres 1914 ist
ein politischer Unsinn von Ausmaßen und Folgen, die ihn als Verbrechen
erscheinen lassen.“ (Seite 736)
Im Ergebnis des Ersten Weltkrieges verlor Deutschland große Teile seines
Territoriums. In diesen abgetrennten Teilen haben sich Frankreich, Polen, die
Tschechoslowakei und Litauen Grund und Boden angeeignet. Die überseeischen
Kolonien haben die Briten übernommen. Die Forderung nach Wiederherstellung
der alten Grenzen würde zwangsläufig zu einem Krieg gegen diese Länder führen.
Polen, die Tschechoslowakei und Litauen sind Länder, die von Großbritannien
kontrolliert werden, Frankreich ist sein Hauptverbündeter. Weil die Briten einen
derartigen Krieg nicht wünschen, werden sie selbstverständlich dafür weder
Waffen noch Geld geben. Hitler fegt alle Zweifel der Briten ein für alle Mal weg.
Wir brauchen kein Elsass, wir brauchen kein Lothringen, der Teufel soll sie holen.
Es gibt viel interessantere Gebiete. Aber wo? Im Osten. Etwas weiter, hinter Polen
und Litauen.
„Damit ziehen wir Nationalsozialisten bewusst einen Strich unter die
außenpolitische Richtung unserer Vorkriegszeit. Wir setzen dort an, wo man vor
sechs Jahrhunderten endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem
Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Land im Osten. Wir
schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen
über zur Bodenpolitik der Zukunft. Wenn wir aber heute in Europa von neuem
Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Rußland und die ihm
untertanen Randstaaten denken“ (Seite 742).
Es ist alles klar gesagt. „Wir schließen mit der Kolonial- und Handelspolitik
der Vorkriegszeit ab“ bedeutet eine Absage des deutschen Staates an seine
Expansionsbestrebungen in China, Afrika und Asien am Anfang des 20.
Jahrhunderts, d.h. in der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg. In diesen Gebieten ist alles
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schon zwischen den Briten, Franzosen und anderen Europäern aufgeteilt. In diesen
Kontinenten gibt es auch Gebiete mit amerikanischen Interessen. In diese Gebiete
würde Hitler sich nicht wagen, er bewegt sich in Richtung Russland. Dort gibt es
genug Land für alle. Nicht nur für die Deutschen, genug auch für die Briten!
Wie ein guter Wahrsager bemüht sich Hitler darum, alle Bedenken
auszuräumen, die beim Lesen seines Buches durch die Herren im britischen
Geheimdienst entstehen könnten.
Ein Bündnis zwischen Deutschland und Russland – das war der schlimmste
Alptraum der Angelsachsen in diesem Jahrhundert. Was tun, wenn sich diese zwei
kontinentalen Mächte anfreunden? Wir (die Briten, Anm. d. Übers.) rüsten Hitler
auf unsere Kosten auf und er beginnt gemeinsam mit Russland (UdSSR) unsere
Weltherrschaft in Frage zu stellen.
Mit einer Leichtigkeit vertreibt der Führer in seinem Buch derartige
irrsinnige Gedanken: „Das derzeitige, seiner germanischen Oberschicht
entkleidete Russland ist, ganz abgesehen von den inneren Absichten seiner neuen
Herren, kein Verbündeter für einen Freiheitskampf der deutschen Nation. Rein
militärisch betrachtet, wären die Verhältnisse im Falle eines Krieges DeutschlandRussland gegen den Westen Europas, wahrscheinlich aber gegen die ganze übrige
Welt, geradezu katastrophal. Der Kampf würde sich nicht auf russischem, sondern
auf deutschem Boden abspielen, ohne dass Deutschland von Russland auch nur die
geringste wirksame Unterstützung erfahren könnte.“ (Seite 748).
Nach solchen beruhigenden und klarstellenden Sätzen wendet sich Adolf
Hitler wieder an seine Leser. Natürlich an seine Leser in London und nicht an seine
Leser in Berlin. Sobald wir begreifen, an wen sich Hitler tatsächlich wendet,
verstehen wir auch den wahren Sinn seiner Worte:
„Sorgt dafür, dass die Stärke unseres Volkes ihre Grundlagen nicht in
Kolonien, sondern im Boden der Heimat in Europa erhält! Haltet das Reich nie für
gesichert, wenn es nicht auf Jahrhunderte hinaus jedem Sprossen unseres Volkes
sein eigenes Stück Grund und Boden zu geben vermag!“ (Seite 754) .
Es scheint, als ob der Führer verständlich und ausführlich erklärt:
x Er ist für ein Bündnis mit Großbritannien;
x Sobald er den „väterlichen Segens“ der Briten und Franzosen für die
Wiederaufrüstung Deutschlands erhält, ist er bereit, die Sowjetunion
zu überfallen und diese nicht nur im Interesse der Deutschen, sondern
auch im Interesse der ganzen „progressiven Menschheit“ zu
zerschlagen;
x Im Prinzip ist er bereit, auf die Rückgabe der von den britischen
Freunden abgetrennten deutschen Gebiete zu verzichten.
Hitler kommt nicht zur Ruhe und kehrt immer wieder auf das BündnisThema mit Großbritannien zurück. Es ist, als ob er irgendjemand zu irgendetwas
überzeugen will.
„Das wichtigste ist zunächst die Tatsache, dass eine Annäherung an
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England und Italien in keiner Weise eine Kriegsgefahr an sich heraufbeschwört.
Die einzige Macht, die für eine Stellungnahme gegen den Bund in Betracht käme,
Frankreich, wäre hierzu nicht in der Lage.“ (Seite 755).
Wozu Frankreich mit Hitler in einen Konflikt bringen? Obwohl er die
Franzosen für die größten Feinde seines Heimatlandes hält, wird er seine
Eroberungen im Raum Smolensk und Charkow und nicht in Marseilles und
Toulons machen.
„Der weitere Erfolg wäre, dass mit einem Schlage Deutschland aus seiner
ungünstigen strategischen Lage befreit würde. Der mächtigste Flankenschutz
einerseits, die volle Sicherung unserer Versorgung mit Lebensmitteln und
Rohstoffen andererseits wäre die segensreiche Wirkung der neuen Staatenordnung
… (Seite 756).
Wie man es auch dreht, aber nach Auffassung von Hitler ist das Bündnis mit
Großbritannien das Mittel zur Lösung aller deutschen Probleme. Ein Lebenselixier
für das sterbende Deutschland!
„Fast noch wichtiger aber würde die Tatsache sein, dass der neue Verband
Staaten umschließt von einer sich in mancher Hinsicht fast ergänzenden
technischen Leistungsfähigkeit. Zum ersten Male bekäme Deutschland Verbündete,
die nicht als Blutegel an unserer eigenen Wirtschaft saugen, sondern sogar zur
reichsten Vervollständigung unserer technischen Rüstung ihren Teil beitragen
könnten und auch würden.“ ( auch Seite 756).
Ist Ihnen, verehrter Leser, nicht klar geworden, woher der Führer die
Technologien, die Waffen und das Geld für die Rüstung erhalten wollte? Mit
wessen Hilfe Hitler den Kampf beginnen wollte? Er schreibt doch darüber ganz
offen! Die letzten Kapitel des Buches „Mein Kampf“ sind nichtendende
Lobeshymnen an die Adresse von Großbritannien. Die Komplimente an
Großbritannien fließen förmlich von einer Seite auf die andere:
Großbritannien ist „Die größte Weltmacht der Erde…“, das Bündnis mit
einem solchen Staat wird „für einen Kampf in Europa andere Voraussetzungen
bieten“ (auch Seite756).
Großbritannien ist unser Ein und Alles. Das ist der Hauptgedanke der zwei
abschließenden Kapitel des Buches „Mein Kampf“. Im Buch gibt es 15 Kapitel,
was bedeutet, dass 1/7 seines literarischen Werkes Hitler ausschließlich dem
Gedanken widmet, wie toll es wäre, Freundschaft mit Großbritannien zu schließen.
Das Wohlwollen, der Herrscher der Welt, d.h. der Angelsachsen, bekommt
man nicht umsonst.
„Sicherlich sind, wie ich schon im vorhergehenden Kapitel betonte, die
Schwierigkeiten groß, die einem solchen Bunde entgegenstehen.“(auch 756),
schreibt der Führer. Außerdem muss er (der Führer, Anm. d. Übers.) noch seinen
Nutzen, seine Loyalität und sein Führungsqualitäten unter Beweis stellen, damit
die Führungskräfte des britischen Geheimdienstes, dem bisher unbekannten
deutschen Politiker vielleicht ein wenig mehr Aufmerksamkeit schenken.
Hitler ist bereit, alle zu tun, damit das Bündnis zwischen Großbritannien und
Deutschland Realität wird.
42
„…dass wir unser eigenes Handeln in kluger Selbstüberwindung demgemäß
bestimmen. Und dies ist eben in dem Augenblick möglich, in welchem man, erfüllt
von der mahnenden Not, statt der außenpolitischen Ziellosigkeit der letzten
Jahrzehnte einen einzigen zielbewussten Weg beschreitet und auf diesem
durchhält.“ ( Seite 757).
Welcher Weg ist das? Welches Ziel verfolgt Hitler? Ich denke, dass jeder,
der dieses Kapitel gelesen hat, diese Frage auch beantworten kann. Die Aufrüstung
und Wiederbewaffnung Deutschlands geschah für den geplanten Überfall auf
Russland, denn der Einmarsch in ihre grenzenlosen Weiten war das große Ziel des
Führers der Nationalsozialisten. Das Fundament, d.h. die wichtigste Voraussetzung
für die Wiederherstellung der deutschen Wirtschaft und der Militärmacht war das
Bündnis mit Großbritannien.
Ohne Zweifel lauteten die Fragen des britischen Geheimdienstes:
Warum sollen wir einen derartigen Patrioten nicht unterstützen? Warum
sollen wir ihm kein Geld geben? Warum sollen wir einem derartigen Freund von
Großbritannien nicht helfen, an die Macht zu gelangen?
Im Anschluss eine Rezension zur englischsprachigen Ausgabe von Felix Jaenicke:
Who Set Hitler Against Stalin by Nikolai Starikov is a controversial work of non-fiction that I read in the context of a discussion with colleagues at work—circumstances under which I would otherwise rarely choose this type of literature voluntarily. Precisely this context, however, led me to read the book with particular attentiveness and a certain critical distance.
The book explicitly does not aim to be a conventional account of World War II. It avoids military details, battle descriptions, and traditional biographies. Instead, Starikov focuses on broader political, economic, and geopolitical conditions that, in his view, made Hitler’s rise to power—and eventually the war between Nazi Germany and the Soviet Union—possible.
What stands out is the distinctly subjective Russian perspective from which the narrative is constructed. The author challenges what he describes as the dominant Western historical narrative, portraying it as selective or incomplete. Adolf Hitler is not primarily demonized on a moral level; rather, he is presented as a political figure whose ascent and decisions were shaped and enabled by external forces and international interests. This framing is intentional and central to the book’s thesis.
Regardless of whether one agrees with the author’s conclusions, the book is less about providing definitive answers and more about questioning established interpretations. It is clearly aimed at readers who are willing to temporarily set aside familiar historical frameworks and engage with an alternative viewpoint.
From an academic standpoint, the book should be read critically. However, as a stimulus for discussion and as an example of how historical events are interpreted differently across cultures and political traditions, it serves a clear purpose. In that sense, it can be a useful contribution to debates about historiography and collective memory—especially in conversational or professional discussion settings.
——————————————————
Who Set Hitler Against Stalin von Nikolai Starikov ist ein kontroverses Sachbuch, das ich im Rahmen einer Diskussion mit Arbeitskollegen gelesen habe – eine Situation, außerhalb der ich eher selten freiwillig zu dieser Art von Literatur greife. Gerade dieser Kontext hat jedoch dazu geführt, dass ich das Buch vergleichsweise aufmerksam und mit einer gewissen Distanz gelesen habe.
Das Werk versteht sich ausdrücklich nicht als klassische Darstellung des Zweiten Weltkriegs. Es geht weder um militärische Details noch um Schlachten, Truppenstärken oder Biografien der zentralen Akteure. Stattdessen verfolgt der Autor einen klaren meta-historischen Ansatz: Er stellt die Frage nach den politischen, wirtschaftlichen und geopolitischen Rahmenbedingungen, die den Aufstieg Hitlers und letztlich den Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion ermöglicht haben sollen.
Auffällig ist dabei die subjektive russische Perspektive, aus der heraus argumentiert wird. Starikov positioniert sich deutlich gegen die gängige westliche Geschichtsschreibung und stellt diese als unvollständig oder bewusst verkürzt dar. Adolf Hitler wird dabei nicht primär moralisch verteufelt, sondern als politisches Werkzeug betrachtet, dessen Aufstieg und Handlungsoptionen erst durch externe Akteure und internationale Interessen ermöglicht worden seien. Diese Herangehensweise ist erklärtes Ziel des Buches und prägt Tonfall und Argumentationsstruktur durchgehend.
Unabhängig davon, ob man den Schlussfolgerungen des Autors folgt oder nicht, ist festzuhalten, dass das Buch weniger Antworten liefern will als vielmehr bestehende Narrative infrage stellt. Es richtet sich klar an Leserinnen und Leser, die bereit sind, etablierte Sichtweisen zumindest temporär auszublenden und sich auf eine alternative Interpretation einzulassen.
Als historische Analyse im akademischen Sinne ist das Buch kritisch zu lesen; als Diskussionsgrundlage und Einblick in eine russisch geprägte Sicht auf die Ereignisse des 20. Jahrhunderts erfüllt es jedoch genau diesen Zweck. Gerade im Rahmen von Gesprächen und Debatten kann es helfen zu verstehen, warum historische Deutungen international so stark divergieren.


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